Sinn ist Dienst an einem Wert.

Der Sinn des Sinnvollen ist das Zweck­freie. Sinn hebt über Zweckdienlichkeit hinaus. Während die Person Zwecke verfolgt, ist ihr Selbst Sinn.

Wenn ich bin, was ich bin, bin ich von... den egozentrischen Beschränkungen meiner Person... und zu mir selbst befreit. Ich bin der Sinn, nach dem ich suche.

Solange man Ziele hat, erlebt man das Leben als sinnvoll. Krisen entstehen, sobald man nicht mehr an Ziele glauben kann... oder sie erreicht.

Sinn


  1. Begriffsbestimmung
  2. Ausrichtungen
  3. Ziele
    1. 3.1. Persönliche Ziele
    2. 3.2. Überpersönliche Ziele
    3. 3.3. Das transpersonale Ziel
    4. 3.4. Methoden und Erreichbarkeit
      1. 3.4.1. Abgrenzung
      2. 3.4.2. Entgrenzung
  4. Sinnkrisen
    1. 4.1. Sinn und Sucht
    2. 4.2. Sinn, Lust und Sinnlichkeit

1. Begriffsbestimmung

Man spricht sowohl vom Sinn des Lebens als auch von den Sinnen und der Sinnlichkeit. Beide Sinnstränge gehen auf die indogermanische Wurzel sent = gehen, reisen zurück. Jeder Gang überbrückt. Jede Reise führt von hier nach da.

Prozesse

Das Leben ist kein Zustand. Es ist Prozess. Prozess kommt von lateinisch pro-cedere = voranschreiten. Jedem Voranschreiten ist ein Ziel zugeordnet, auf das es sich ausrich­tet. Sonst wäre es ein Umherdümpeln. See­lische Stabilität ist unerreichbar, wenn das Leben nicht auf sinnvolle Ziele ausgerichtet ist. Das Leben kann auf Ziele ausgerichtet sein, die das Ego benennt oder auf solche, die durch das Selbst hindurch auf die Unendlichkeit verweisen.


Hinausweisen oder hinauswollen

Über sich hinausweisen ist etwas anderes als über sich hinauswollen. Während alles, was sein Wesen erfüllt, über sich hinaus­weist, glaubt der, der über sich hinauswill, nicht, dass er sein Wesen bereits erfüllt. Daher gilt: Was nicht über sich hinausweist, dreht sich im Kreise. Wer sein Wesen nicht erfüllt, kann nicht in sich ruhen. Es fällt ihm leicht, irgendwohin zu wollen, aber schwer, da zu sein.

Im Verb sinnen = streben nach, begehren, sich ausrichten auf wird das Bild der ursprünglich körperlichen Bewegung auf seelische Entwicklungen übertragen. Sinn, Sinne und Sinnlichkeit beschäf­tigen sich mit Fortbewegung. Sie richten aus. Sie dienen der Durchquerung der Wirklichkeit. Alles Sinnvolle verweist auf ein Ziel.

2. Ausrichtungen

Sinnesorgane dienten unseren Vorfahren schon vor Jahrmillionen dazu, sich im Geäst der Urwaldriesen auszurichten. Dank Augen, Ohren, Nase und Tastsinn fanden sie den Baum, an dem die besten Früchte reiften. Auch der Geschmackssinn, der zum Verzehr der Früchte reizte, war kein Zweck an sich. Indem er der Erhaltung des Organismus diente, wies er über sich hinaus... und machte damit Sinn.

Sinnlichkeit, die in der erotischen Lust zu gipfeln scheint, geht einen Schritt weiter. Die Lust, die sie vermittelt, dient nicht nur dem Wohl des lustdurchzuckten Körpers. Sie dient der Erhaltung der Art; und weist somit nicht nur über sich selbst, sondern auch über das Individuum, das Lust erlebt, hinaus.

Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens generell beschäftigt sich mit der Ausrichtung von Impulsen. Auch hier ist Sinn etwas Höheres, das dem Leben eine Richtung gibt.

3. Ziele

Ziele verleihen dem Leben Sinn und Stabilität. Es gibt persönliche und überpersönliche Ziele sowie ein transpersonales. Persönliche und überpersönliche Ziele befassen sich direkt oder indirekt mit dem Wohl der Person. Meist sind sie miteinander verzahnt, da die Person sozial eingebunden ist und vom Wohl ihres Umfelds profitiert.

Das vorsätzlich Gute wirkt, indem es handelt, das identisch Gute bereits, in dem es ist.

Transpersonal ist das Ziel, die Identität mit dem Selbst zu verwirklichen. Das Ziel, mit sich selbst identisch zu sein, setzt das Wohl der eigenen Person nicht an oberste Stelle. Das Wohl der Person wird hier weder direkt noch indirekt angestrebt. Es fällt dem, der mit sich identisch ist, beiläufig zu. Zugleich nimmt der, der mit sich identisch ist, den Platz im Umfeld ein, von wo aus er das Umfeld am besten fördert. Wer er selbst ist, wirkt optimal zum Wohl aller anderen; ohne dass das sein ausdrücklicher Vorsatz sein muss.

Persönliche Ziele Überpersönliche Ziele Transpersonales Ziel
  • Den Schulabschluss machen
  • Einen Beruf erlernen
  • Eine Stelle finden
  • Einen Partner finden
  • Eine Familie gründen
  • Karriere machen
  • Die Kinder groß ziehen
  • Ein Auto kaufen
  • Italienisch lernen
  • Urlaub planen
  • Geduldiger werden
  • Ein guter Mensch sein
  • In den Himmel kommen
  • Erfüllung kurzfristiger Wünsche
  • Dafür sorgen, dass es den Kindern besser geht
  • Sich für den Umweltschutz einsetzen
  • Sich für die Demokratie stark machen
  • Den Schwachen helfen
  • Einen Glauben verbreiten
  • Der klassischen Musik mehr Gehör verschaffen
  • Den Bogensport fördern
  • Der sein zu können, der man ist
  • Ich bin, der ich bin.
Ich strebe an, wovon ich unmittelbar profitiere. Ich strebe an, wovon ich mittelbarPersönliche Ziele könnte man auch egozentrisch nennen, überpersönliche altruistisch. Bei genauer Betrachtung befriedigt diese Unterscheidung aber nicht. Indem ich mich für meine Kinder einsetze, für den Umweltschutz oder die Freiheitsrechte aller, setze ich mich für Ziele ein, die auch mir persönlich nützen. Auch mein Engagement für die Schwachen hat egozentrische Züge; weil ich persönlich lieber in einer Welt lebe, in der Schwache nicht missachtet werden und weil es mir gefällt, mich für tugendhaft zu halten. profitiere. Ich bin von der Vorstellung befreit, dass ich profitieren muss.
Umsetzung von Plänen im Laufe der Zeit Was jetzt ist, soll jetzt sein.
Definiertes Haben, Sosein oder Erleben Situative Authentizität
Ich verbessere meine Position im Leben.
Ich werde, was ich sein will.
Ich nehme meine Position im Leben wahr. Ich gebe den Versuch auf, etwas zu sein, was ich nicht bin.

Verzicht

Zufriedenheit durch Verzicht auf Erfüllung momentaner Bedürfnisse ist oft stabiler als jene, die sich aus der Erfüllung eben dieser Bedürfnisse ergibt. Bewusster Verzicht richtet auf etwas aus, was den Horizont vorübergehender Wünsche übersteigt. Sinn liegt einem solchen Verzicht... denn man verzichtet zugunsten dessen, was man als höher erachtet. bereits inne, während er einer Zufriedenheit durch Wunscherfüllung erst zugeordnet werden muss.

Wer im Dienst höherer Werte verzichtet, handelt sinnvoller als der, der nach bloßer Erfüllung persönlicher Bedürfnisse strebt. Das Leben belohnt ihn dafür.

3.1. Persönliche Ziele

Das Erreichen persönlicher Ziele dient unmittelbar dem Wohlbefin­den der eigenen Person. Zufriedenheit, die so entsteht, ist oft nur von kurzer Dauer. Erst wenn das Wohlbefinden der Person höheren Zielen dient, wird es stabil. Persönliches Wohlbefinden muss sinnvoll auf weitergehende Ziele ausgerichtet sein, damit es sich nicht von selbst verliert.

3.2. Überpersönliche Ziele

Als höhere Ziele können überpersönliche Ziele gelten. Das kann das Wohl anderer Personen, das Wohl der Gemeinschaft, abstrakte Ideale, der Fortschritt der Wissenschaft, der Schutz der Natur, politische Veränderungen oder künstlerische Kreativität sein. Am Erreichen überpersönlicher Ziele besteht regelhaft auch ein persönliches Interesse. Überpersönliche und persönliche Ziele liegen in der Zukunft. Als höchstes Ziel gilt vielen die zukünftige Aufnahme der eigenen Person in ein beglückendes Jenseits. Genau betrachtet ist dieses Ziel nicht überpersönlich. Es ist egozentrisch, weil es die Person als vermeintlichen Träger der Identität bestätigt.

3.3. Das transpersonale Ziel
Einklang und Unterwerfung
Im Einklang der Wirklichkeit mit ihren Ausdrucks­formen gibt es keine Unterwerfung. Deshalb beinhaltet das transpersonale Ziel keine Beugung der Person unter etwas, was ihr von außen vorgegeben wäre. Ein Ich, das die Identifikation mit der Person überschritten hat, hat seinen Platz dergestalt gefunden, dass der Ausdruck seiner selbst als Person im Einklang mit der Wirklichkeit geschieht. Die Person ist nicht gebeugt, sondern von der Illusion befreit, etwas anderes sein zu müssen, als das, was sie ist. Die größten Übeltaten begeht die Person unter dem Einfluss dieser Illusion.

Das transpersonale Ziel unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen. Die persönliche und überpersönliche Sinnsetzung geht davon aus, dass innerweltliche Veränderungen zu verwirklichen sind, damit das jeweilige Ziel zukünftig erreicht werden kann. Im Gegensatz dazu liegt der Zielpunkt der Identität mit sich selbst immer im Jetzt.

Persönliche und überpersönliche Sinnsetzungen sind Entwürfe, denen die Wirklichkeit anzupassen ist. Das transpersonale Ziel ist der Einklang mit der Wirklichkeit, die man, von allen Entwürfen befreit, anerkennt. Es heißt transpersonal, weil es die eigene Person samt ihrer Wünsche, Ziele und Meinungen überschreitet. Es ist das religiöse Ziel an sich, weil es das Ich aus der Identifikation mit der Person zur höchsten Ebene der Wirklichkeit zurückführt.

3.4. Methoden und Erreichbarkeit

Die Methoden, mit denen persönliche bzw. überpersönliche Ziele erreicht werden können, unterscheiden sich von jenen, durch die das transpersonale Ziel zu verwirklichen ist.

Zielführende Methoden

(Über)-Persönlich Transpersonal
  • Planung
  • Willensbildung
  • Veränderung
  • Absicht
  • Einflussnahme
  • Disziplin
  • Entscheidung
  • Steuerung
  • Kontrolle

Selbst und Selbstbild

Ich bin dies oder das. Ich bin weder dies noch das.

3.4.1. Abgrenzung

Persönliche und überpersönliche Ziele sind definiertVon lateinisch de ≈ abtrennen und finis = Grenze. Das Definierte ist durch eine Grenze abgetrennt.. Sie zielen darauf ab, so und nicht anders zu sein. Die Wahl der jeweiligen Ziele spiegelt das Selbstbild wider. Definierte Ziele sind entweder als ein Haben, Sein oder Erleben formuliert.

Jedes Haben- oder Erlebenwollen kann als ein konkretes So-sein-wollen beschrieben werden.

Die jeweiligen Seinszustände, die als sinnstiftende Ziele angesteuert werden, liegen bei definierten Zielen im Bild einer konkreten - und damit abgrenzbaren - Person. Definierte Ziele bleiben intrapersonal.

Ich sollte wird zum Ich bin.
3.4.2. Entgrenzung

Das transpersonale Ziel ist kein definiertes So-und-nicht-anders-sein. Es strebt nicht die Verwirklichung eines bestimmten Selbstbildes an, sondern die Freisetzung des Selbst aus der Herrschaft der Bilder. Hier geht es nicht um eine Rolle, die gespielt werden soll, sondern um ein Sein, das zugelassen wird ohne dass es Rollenspiel wäre.

Das Wohlbefinden der eigenen Person ist am besten zu erreichen, wenn man sich nicht mehr darum bemüht, als um das Wohlbefinden aller. Warum ist das so? Weil die Verengung des Interesses auf die Person das Selbst einer Enge unterwirft, in der es leidet. Der Zusammenhang von Egozentrizität und Leid ist unvermeidlich. Meist bleibt er unerkannt.

Die transpersonale Ebene des Seins bedarf der Des-Identifikation von jeglichem Selbstbild. Als transpersonale Wirklichkeit entgrenzt sich das Ich in den Kontext. Es gehört nicht nur zur Wirklichkeit. Es erkennt sich als deren Ausdruck und Träger.

Das transpersonale Ziel kann nicht durch handelnde Einwirkung auf die äußere Wirklichkeit erreicht werden. Es ist nur paradox als Ziel benennbar. Zum Ziel, transpersonal, also unmittelbar aus dem gegebenen Selbst heraus zu existieren, gehört im Grunde das Ziel, ziellos zu sein. Die einzige Methode, dieses Ziel zu erreichen, liegt in praktizierter Selbsterkenntnis, die das Erkannte keiner Absicht unterwirft.

Die Ziellosigkeit der transpersonalen Ebene ist keine Wirkungslosigkeit. Im Gegenteil: Indem das Sein des Selbst vollständig zugelassen wird ohne es in etwas Konkretes zu reduzieren, entfaltet die Wirklichkeit, die durch das Selbst zum Ausdruck kommt, ihre höchste Wirksamkeit.

4. Sinnkrisen

Auslöser von Sinnkrisen
  • Das Berufsziel ist erreicht.
  • Der Partner ist gewonnen.
  • Der Partner ist verloren.
  • Die Kinder sind aus dem Haus.
  • Berentung
  • Arbeitslosigkeit
  • Lottogewinn
  • Das Studium ist gescheitert.
  • Die Familie ist zerbrochen.

Zu SinnkrisenWelchen Sinn macht eigentlich Sinn? Ein denkbarer Sinn wird uns nie endgültig satt machen, weil uns die Logik des Denkens immer wieder an den Startpunkt zurückführt. Der letzte Sinn, den man versteht, kann daher nur Freiheit sein. kann es kommen, wenn ein Ziel erreicht ist, der Glaube daran verloren geht oder seine Unerreichbarkeit erkennbar wird. Sinnkrisen treten auf, wenn nichts mehr ansteht, worum man sich bemühen muss oder wofür sich die Mühe lohnt. Sinnkrise heißt: Die Person sieht keinen Wert mehr, dem ihr Dasein dient.

Ego, Selbst und Sinn

Nur das Ego braucht Sinn. Das Selbst braucht ihn nicht. Das liegt daran, dass Sinn Dienst an einem Wert ist. Sinnvolles mag selbst wertvoll sein, es ist aber auf Höherwertiges ausgerichtet, um überhaupt sinnvollSollte es der Sinn des Kirschbaums sein, den Ärger des Gärtners auf Amseln zu schüren, wäre der Ärger höherwertiger als der Kirschbaum selbst.

Apropos Amseln: Falls auch Sie ein Amselproblem am Kirschbaum haben, setzen Sie rote Pfeilgiftfrösche ins Geäst. Amseln sind nämlich nicht nur gierig, sondern auch blöde. Sie picken nach allem, was rot ist. Die Oberfränkische Versuchsanstalt für Gartenbau hat herausgefunden, dass sechs Giftfrösche genügen, damit nach einem Frühsommertag mehr tote Amseln unter dem Baum liegen als angepickte Früchte. Die Frösche gibt es im örtlichen Amphibienhaus; oder gebraucht bei Ebay. Sollten Sie tierlieb sein, sodass Ihnen die Frösche leidtun, genügt ein handelsübliches Ornithozid auf Zyankalibasis aus dem Baumarkt. Wenn Sie das Mittel breitflächig ausbringen, erwischen Sie auch den Briefträger. Der bringt dann schon mal keine unerfreuliche Post mehr ins Haus! Entsorgen Sie die Kadaver aber nicht auf dem Kompost, sondern als Sondermüll. Wegen des Zyankalis. Sonst ist Ihr Ruf als Ökogärtner futsch.
zu sein.

Das Ego wird seinem Wesen nur gerecht, wenn es Höherwertigem dient. Sinnlosigkeit bereitet ihm Unbehagen. Mehr noch: Kann es dem eigenen Dasein keinen Sinn mehr zuordnen, bekommt es Existenzangst. Ohne Sinn fürchtet das Ego, überflüssigWeil das Ego vom Zwang besessen ist, zu dienen, dient es aus Existenzangst lieber blankem Unsinn, den es zu Sinn erklärt, als dass es gar nicht dient. So kommt es, dass das Ego eher sich selbst dient, einer belanglosen Sache oder einem absurden Mythos, als der Freiheit eine Sekunde ins Auge zu sehen. zu sein.

Über dem absoluten Selbst gibt es keinen Wert, dem es dienen könnte. Es selbst zu sein, ist alles, was es ausmacht. Das absolute Selbst ist daher sinnfrei.... was uns prompt erschreckt. Unser Erschrecken zeigt an, wie sehr wir uns mit unserer Person und damit unserem Ego identifizieren. Verstünden wir es, wir selbst zu sein, sähen wir in Sinnfreiheit Dienstbefreiung und damit den Adel des absoluten Seins. Der Sinn des Bedingten verweist auf das Ziel, von aller Bedingung entbunden zu sein.

Sinnkrisen bedrohen das psychische Gleichgewicht. Sie können zu Depressionen, Ängsten, Zwängen, Sucht, Delinquenz und Selbstmord führen. Vor Sinnkrisen schützt, sich für Werte einzusetzen, die sich nicht auf die eigene Person beschränken. Zu nennen sind das Wohl der Gemeinschaft, der Schutz der Schöpfung oder das spirituelle Interesse, mit sich selbst identisch zu sein. Darüber hinaus binden soziales Engagement und Spiritualität das Ego an die Außen- und die Innenwelt, was sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigt.

Wirtschaftswachstum

Umsatzsteigerung ist keine Lebensqualität. Wer um des Wachstums willen wachsen will, hat den Zweck zum Sinn erklärt.

Sinn ist Schutz und Zwang zugleich. Er schützt davor, verloren zu gehen und zwingt in den Dienst an einem Wert. Wer nicht dienen will, muss auf Schutz verzich­ten; wozu man nur soweit imstande ist, wie man nicht fürchtet, dass man verloren gehen kann.

Frei kann nur sein, wer nicht an den Sinn des eigenen Lebens glaubt. Solange man glaubt, dass das eigene Leben dazu dient, dieses oder jenes Ziel in der Zukunft zu erreichen, ist man den Notwendigkeiten unterworfen, die die vorgestellte Zukunft vorgibt.

Dem Sinnverlust, der zur Sinnkrise führt, kann auf zweierlei Art begegnet werden:

  1. Man kann das Ego festigen, indem man sich neue Ziele setzt. Am besten sind langfristige und solche, die über den persönlichen Horizont hinausreichen.
  2. Man kann das Ego hinter sich lassen und jenseits davon ein Dasein versuchen, das dem Zwang des Sinns in eine Welt des Spiels entronnen ist.

Das Wechselspiel von Sinn und Sucht sowie das Schicksal erotischer Sinnlichkeit sind beispielhafte Felder, auf denen die Bedeutung von Sinn und Sinnverlust erkennbar wird.

4.1. Sinn und Sucht

Am Kreislauf der Sucht wird der Zusammenhang von seelischer Stabilität und sinnvoller Ausrichtung deutlich. Das Problem des Süchtigen liegt darin, dass er sein momentanes Wohlbefinden zum Ziel erklärt. Er setzt Suchtmittel ein, um Stimmungen und Befindlich­keiten zu verbessern. Statt sich im Hier-und-Jetzt wahrzunehmen und so zu belassen, wie er ist, will er sein momentanes Sosein verändern; und sonst nichts. Damit kommt er nicht weit.

Die Substanz führt zwar zu einem angenehmeren Befinden, der Effekt verblasst aber schnell. Nur durch mehr Konsum kann er verlängert werden; und die Verlängerungen werden mit jeder Wiederholung kürzer. Das Problem des Süchtigen ist klar. Er bemüht sich um ein Ziel, das die Wirklichkeit nicht als sinnvoll anerkennt; weil es nicht über sich selbst hinausweist.

Sinnvoll heißt hinausweisend. Was nicht hinausweist, ist sinnlos.

Aus dem gleichen Grund schaffen es viele Süchtige nicht, nach einer Entgiftung abstinent zu bleiben. Solange sie entgiften, haben sie ein Ziel: die Abstinenz. Wenn danach kein weiteres Ziel Stabilität verleiht, kommen sie ins Trudeln; denn wenn auch die Enthaltsamkeit nur dem eigenen Wohlbefinden dient, fehlt der weitere Sinn, der dem Leben Richtung gibt und die Abstinenz damit bewahrt.

Erotische Lust als Ziel an sich ist kaum zu halten. Lust begleitet die Eroberung des Partners. Ist er erobert, verliert die Lust das Ziel, das sie am Leben hält.
4.2. Sinn, Lust und Sinnlichkeit

Sinnvolles, auf Ziele und Werte ausgerichtetes Tun, befriedigt, macht Spaß und dämpft die Sorge, nutzlos zu sein. Die Ausrichtung auf erotische Ziele ist mit Erwartung und Erleben höchster Lust verbunden. Umso mehr enttäuscht es den hoffnungsvollen Minnesänger, wenn er am Ziel seiner Wünsche die Lust auf Dauer nicht halten kann. Das Heer der Liebespaare, die über das Nachlassen ihrer erotischen Lüste klagen, ist groß genug, um die Galaxis zu erobern.

Auch das entspringt den Gesetzmäßigkeiten von Sinn und Sinnverlust. Biologisch betrachtet ist die Vereinigung mit dem Partner das höchste Ziel, das ein Individuum erreichen kann. Dadurch setzt es seine Gene über die Sterblichkeit hinweg ins Leben. Das ist Sinn, der über das Individuum hinausweist. Bei der Ankunft am Ziel erlebt es maximale Lust. Der psychologische Sinn der Werbung um den Partner liegt im Erreichen einer exklusiven Intimität durch die der Einzelne Teil eine höheren Einheit wird.

Lust ist die Lust an der Überwindung der Distanz. Sie will von hier nach da. Ist sie dort, wo sie hinwollte, lässt sie nach.

Je selbstverständlicher die Bindung aber wird, desto geringer ist die Spannung, die die Partner aufeinander ausrichtet. Mit dem Gelöbnis zur Treue und der Ankunft im Alltag hat die Begierde einen großen Teil ihres Sinns erfüllt. Mit der Spannung lässt die Sinnlichkeit der Beziehung nach. Sie kann nur aufrechterhalten werden, wenn sich die Partner ihres Besitzes nicht sicher sind.

Was die Lust am Partner am Leben hält, ist nicht nur seine Attraktivität, sondern auch die Furcht, dass er damit anderen gefallen könnte. Wer seines Partners nicht sicher ist, hat den Impuls, die Eroberung zu festigen.