Erotische Liebe ist der Teil vom Paradies, den der Himmel uns zu sehen erlaubt. Wer in der Begierde dankbar ist, kann ihn erkennen. Sonst bleibt es beim Genuss.

In der Erotik erreicht Begegnung jene Schwelle, über die hinweg sie sich selbst überschreitet. Dabei verweben sich Weltlichkeit und Transzendenz.

Eros kann man nur finden, wenn man sich in ihm verliert.

Nur wenn Eros den Wert des Begehrten jenseits der Begierde erkennt, kann Eros vollwertig als Liebe gelten.

Erotik


  1. Das Kernthema der erotischen Liebe
    1. 1.1. Sexualität
    2. 1.2. Verliebtheit
  2. Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit
    1. 2.1. Regressives Muster
    2. 2.2. Aggressives Muster
  3. Erotik und Religion
    1. 3.1. Historische Lasten

1. Das Kernthema der erotischen Liebe

Religion und ErotikVon griechisch eros [ερως) = sinnliches Liebesverlangen. haben einen gemeinsamen Nenner: Den Wunsch des Individuums, die eigene Begrenztheit zu überschreiten.

Das normale Ich erlebt sich als individuelle Person, die als abgegrenzte Einheit dem Rest der Welt gegenübersteht. Es empfindet einen GrabenEs ist kein Zufall, dass der Graben, den das Ich zwischen sich und dem Nicht-Ich empfindet, sprachgeschichtlich mit dem Grab zu tun hat, in dem der Graben dereinst zugeschüttet wird., der es vom Nicht-Ich trennt. Falls es sich keinen Illusionen hingibt, erkennt es, dass der Horizont dieser Person bescheiden ist. Gemessen an der Unendlichkeit ist deren Dasein ein Wimpernschlag.

Zwei Wege zur Ganzheit

Äußerer Weg Innerer Weg
Erotik Mystik
Ich suche Ergänzung im Anderen. Ich suche Ganzheit in mir.

Erotik ist die Mystik des Ego. In der Erotik begehrt das eine Ego ein anderes. Mystik ist die Erotik des Selbst. In der Mystik begehrt das eine Selbst die Wirklichkeit.

Der Befürchtung Ich bin bloß das und nicht mehr entspringt eine mächtige Sehnsucht nach Ergänzung, die aus allen Winkeln der Seele heraus nach einer Lösung sucht. Zwei Wege kann sie dabei gehen: Den inneren und den äußeren, den der mystischen Religiosität und den der erotischen Liebe.

1.1. Sexualität

Sexualität ist der biologische Vorläufer der erotischen Liebe. Ihre Struktur zeigt schnörkellos, was in der erotischen Liebe zu deren Kernthema wird: Überwindung der Begrenztheit durch Grenzüber­schreitung, Ergänzung und Fusion. Dabei werden gleich zwei Grenzen überschritten: die zwischen zwei Leibern und die, die der leibliche Tod des Individuums dem Leben setzt.

In der Tat ist der Lebenshorizont der biologischen Struktur durch den Tod begrenzt. Niemand ist auf sich allein gestellt in der Lage, diese Grenze zu überwinden. Um die Grenze doch zu überschreiten, sind beide Geschlechter darauf angewiesen, den Gegenpol zu finden, der ihre biologische Halbheit zu einer höheren Gestalt ergänzt. Die Ergänzung führt zur Fusion und die Fusion zur Zeugung eines neuen Lebens, in dem die alten Gene wiederauferstehen.

Überwundene Grenzen

Sexualität... Erotik...
überwindet...
biologische Grenzen. psychologische Grenzen.

Mit der Erotik bekommt der leibliche Trieb zum Gegenpol eine psychologische Entsprechung. Dass die erotische Beziehung zu­gleich eine Möglichkeit bietet...zumindest bei heterosexuellen Paaren..., um Gene zu vererben, ist dabei oft zweitrangig; denn zur Vererbung von Genen genügt der blanke Akt.Tiere, deren seelisches Leben vermutlich facettenarm ist, bündeln ihr sexuelles Interesse auf ein enges Zeitfenster: jenes, das gemessen an der Tragzeit für die Überlebenschancen der Nachkommen günstig liegt. Balz und Brunft dienen offensichtlich der evolutionären Selektion, während das Interesse an Erotik, das beim Menschen aus Balz und Brunft hervorgegangen ist, auch jenseits aller Kinderwünsche mächtig ist.

Das erstrangige Ziel der erotischen Vereinigung mit einem Gegen­über ist nicht die Überwindung biologischer Grenzen, sondern seeli­scher. Wer sich nach Erotik sehnt, wünscht die Begrenzung seiner psychischen Individualität zu überschreiten. Zu zweit sind Dinge erlebbar, die dem Einzelnen verschlossen sind. In der liebenden Vereinigung erlebt das Ego ein Stück Freiheit von sich selbst.

1.2. Verliebtheit

Zur Verliebtheit gehört eine besondere Komplizenschaft: weil das hohe Gut nur genossen werden kann, wenn man es anderen gemeinsam vorenthält. Der Aufhebung der Grenze zwischen den Verliebten entspricht die Errichtung eine gemeinsamen Grenze zur Außenwelt.

Sobald das Ego mit der Pubertät volles Verfügungsrecht über sich verlangt und sich als ein gewolltes Ich stehe der Welt gegenüber begreift, keimt in der Seele eine gegenläufige Bereitschaft auf. Der geschlechtsreife Mensch droht, sich bei der nächsten Gelegenheit zu verlieben; und wenn ihm dazu das GlückJe nach Lage der Dinge ist ein solches Glück sein schieres Gegenteil. fehlt, kreist die Hälfte seines Denkens fortan um die ersehnte Möglichkeit.

Kein Thema beschäftigt die Seele mehr als die Frage, wie sie den Tod durch eine Begegnung mit dem Leben überwinden könnte.

Bei der Verliebtheit geschieht Folgendes: Sobald das von der Begrenztheit beschämte Ego auf Schlüsselreize trifft, deren individuelle Wahl es selbst kaum versteht, verfällt es vom Diktat seiner Sehnsucht geführt in eine quasi wahnhafte Überzeugung. Es denkt: Ich habe ein Gegenüber gefunden, das schicksalhaft auf mich zugeschnitten ist. Wenn ich mich mit diesem Gegenüber verbinde, werde ich Teil einer vollkommenen Einheit sein. Meine Halbheit wird zu einem makellosen Glück ergänzt und da ich und mein geliebtes Gegenüber uns all das geben, was uns bisher fehlt, kann uns der Rest der Wirklichkeit egal sein. Gemeinsam gründen wir das ParadiesDas Wort Paradies geht auf das altiranische pairi-daeza zurück (persisch: pardis [پرديس]. Es bedeutet abgegrenzter, umzäunter Bereich. Gemeint war ein Palastgarten, der durch den Zaun vor schädlichen Einflüssen von außen geschützt war. Das Paradies ist ein Abgegrenztes in dem sich das Eingegrenzte grenzenlos angehört..

Der Baum der Erkenntnis

Wenn aus enttäuschter Verliebtheit Hass entsteht, hat sie kaum Liebe enthalten.

Die paradiesische Verliebtheit beruht auf Sehnsucht, Phantasie, Irrtum, Vorahnung und Unkenntnis. Bekanntlich verliebt man sich besonders leicht, wenn man den Anderen kaum kennt. Je weniger man von dessen eigenen Halbheiten und begrenzten Möglichkeiten zur Ergän­zung weiß, desto leichter glaubt man, dass er keine solchen Grenzen hat, und folglich der Schlüssel zum ersehnten Paradies sein muss. Verliebtheit hält nur so lange an, bis man die tatsächlichen Grenzen des Anderen erkennt. Ist man bereit, die Enttäuschung zu ertragen, kann jenseits der Täuschung wahre Liebe entstehen. Viele flüchten vor der Enttäuschung in Bitterkeit, Vorwurf und Hass. Im Irrglauben, ein Anderer könne ihr das Paradies verschaffen, wendet sich enttäuschte Verliebtheit neuen Zielen zu.

2. Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit

Je besser jemand in sich ruht, desto unbefangener kann er sich dem Lockruf der erotischen Ergänzung überlassen. Im Vertrauen auf ein Ich, das sich auch im Scheitern treu bleibt, genießt er den Blick ins Paradies, solange seine Sehnsucht ihm die Blindheit schenkt, den Rest der Wirklichkeit zu übersehen.

Vielen fehlt ein derart starkes Ich. In der Regel werden zwar auch sie von der erotischen Gelegenheit berauscht,... oft sogar erst recht. sie sind aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich ohne Verirrung auf ein Verlorengehen einzulassen. So vielfältig wie die Varianten unreifer Persönlichkeiten, so vielfältig sind die Störungen des sexuellen Ausdrucks. Zwei Grundmuster sind hervorzuheben. Beide erschweren den Übergang von Verliebt­heit zu Liebe.

Persönlichkeits-Pole und Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit

Regressiv Aggressiv
Abhängig +++ -
Ängstlich-vermeidend +++ -
Depressiv +++ -
Narzisstisch + +++
Zwanghaft ++ ++
Histrionisch +++ +++
Schizoid +++ -
Paranoid - +++
Emotional-instabil +++ +++
Dissozial - +++

Widerspruch und Gemeinsamkeit

Das Kernthema der Erotik ist die Überschreitung des Ego. Wer bei der Begegnung damit beschäftigt ist, sein Ego zu festigen, ist nicht zu seiner Überwin­dung bereit. Das Bedürfnis nach Bestätigung steht der Erotik wie ein Klotz im Weg.

Das trifft auf beide Muster zu. Der regressive Partner sucht eine Festigung des Ego durch die Anerkennung seiner Tugend, der aggressive durch die Bestätigung seiner Macht. Beide wollen vom anderen etwas haben, statt mit ihm mit zu gehen.

Erotische Lust ohne Wertschätzung ist Missbrauch.

2.1. Regressives Muster

Die erotische Beziehung ist eine Zuspitzung der zwischen­menschlichen Beziehung überhaupt. Daher tritt dabei die Angst vor Zurückweisung, Demütigung und Entwertung besonders zu Tage.

Schon bei der nicht-erotischen Alltagsbeziehung fällt es vielen schwer, sich unbefangen einzulassen. Statt sie selbst zu sein und es der Welt zu überlassen, auf dieses So-Sein so zu reagieren, wie es ihr gefällt, spielen sie komplizierte Rollen und passen sich nach Gutdünken den Erwartungen an, die das Umfeld an sie richten könnte.

Es liegt auf der Hand: Die Angst vor Zurückweisung, wenn man sich nicht passend macht, wird im Falle der Erotik - wo so viel auf dem Spiel steht - noch mächtiger als anders­wo. Die Folge davon ist: Der regressive Typ kostet die erotische Liebe nur halbherzig aus, weil er sich stattdessen darum bemüht, gut genug dafür zu sein.

2.2. Aggressives Muster

Die aggressive Variante, die Gefahr tatsächlicher Preisgabe der egozentrischen Enge zu umgehen, beruht auf dem direkten Missbrauch der erotischen Beziehung zum Zweck der Selbstbestätigung. Hier wird Erotik zwar gesucht, aber nicht um darin ihr Kernthema - den Aufbruch des Ich über seine Grenzen hinweg - zu erleben. Im Gegenteil: Die Eigenliebe des aggressiven Partners benutzt die Eroberung des Gegenübers zur Stärkung seines Ego. Dabei kommt es nicht wirklich zur erotischen Liebe, sondern bloß zu sexuellem und narzisstischen Genuss.

Warum gibt es erotische Liebe? Damit man sich einlässt, das Paradies erahnt, erkennt, dass man es auf Erden nicht finden kann und es deshalb im Himmel sucht. Nichts fördert wahre Frömmigkeit mehr als das Gelingen einer erotischen Liebe... und die Weisheit, sich von ihr enttäuschen zu lassen.

Das WeibSo sieht es ein heterosexueller Mann. Die homosexuelle Liebe ist der heterosexuellen aber ebenbürtig. Da Erotik nicht in der Überwindung biologischer, sondern psychologischer Grenzen besteht, deckt die homosexuelle Erotik den gleichen Bereich ab, wie die heterosexuelle. Daher kann es hier auch heißen: Der Andere ist ein Bote des Himmels... ist eine Botin des Himmels, durch die er uns ins Paradies zu locken versucht. Das Weib ist aber nicht die Frau, sondern ein Prinzip, das sich in der Frau verwirklicht oder in ihr begraben liegt. Und wir sind nicht die Männer, sondern Verlorenheit in einer zersplitterten Welt. Dass das Sichtbare Metapher ist, wird meist übersehen.

3. Religion und Erotik

Dem Wunsch des Individuums, sich selbst zu überschreiten, stehen zwei Wege zur Verfügung. Spontan wird es zunächst nach außen blicken und die Erfüllung in der großen Liebe suchen. Da das nur allzu oft an unserer Schwachheit scheitert, wendet sich in jeder menschlichen Kultur ein großer Teil der Sehnsucht an eine ideale Überwelt. Das nennt man Religion. Und selbst wenn die Liebe tatsächlich glückt, weist dieses Glück über sich selbst hinaus.

Erotik und Religion sind eng verschwistert. Echte Religion respektiert die Konkurrenz ihrer kleinen Schwester in Dankbarkeit.

Zwischen Erotik und Religion besteht viel Gemeinsamkeit. Die Verbindung wird am Eifer deutlich, mit dem sich religiöse Kulte mit der erotischen Thematik befassen. Dabei kennen sie ihrerseits zwei Wege.

Die einen fürchten, dass die religiöse Sehnsucht an Schwung verliert, falls man sich nicht in erotischer Askese schult. Aus ihrer Sicht ist Erotik ein Übel, das die Treue zu den Dogmen untergräbt. Solche Kulte verbieten erotische Liebe generell oder zwängen sie in ein moralisches Korsett.

Seltener sind Kulte, die Erotik bejahen. Teils wird sie dort als ernsthafte Praxis der Läuterung gesehen. Da aus Askese mehr Aggression als aus Lust entsteht, haben sich asketische Kulte auf allen Kontinenten Macht verschafft. Erotische sind zuhause geblieben oder wurden von den asketischen niedergemacht.

3.1. Historische Lasten

Störungen des erotischen Ausdrucks sind ein Grundproblem der abendländischen Kultur. Die Schäden, die die jahrtausendelange Beherrschung des Geisteslebens durch die biblische Theologie verursacht hat, sind noch nicht behoben. Die Persönlichkeitsent­wicklung vieler Menschen wird durch gesellschaftliche Strukturen gestört, die durch die biblische Tradition verbogen sind.

Der unbefangene Umgang der Antike mit erotischen Impulsen wurde durch das Christen­tum gewaltsam unterbrochen. Ursache der christlichen Leibfeindlichkeit war Jesu Versuch, durch die Verschärfung judaistischer Moralvorstellungen, Gott zur Partei­nahme auf Seiten der Juden zu bewegen.

Matthäus 5, 28:
Ein jeder, der eine Frau anblickt mit begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen...*

Jahwes Sieg über Astarte... eine kanaanitische Göttin der Fruchtbarkeit. wurde vom Sieg politischer Macht über die Mystik begleitet.

Die Sexualmoral der jüdischen Kultur war mit der Abgrenzung des Judentums gegenüber der nicht-jüdischen Umwelt verwoben. Moses hatte die Israeliten in einen Vernichtungskrieg gegen Kanaan geführt. Da die kanaanitische Kultur erotisch unbefangen war und damit für Hebräer verlockend, legte die mosa­ische Lehre Wert auf moralische Abgrenzung gegenüber der kulturellen Konkur­renz. Die Vermischung mit Völkern, die man zu ermorden plante, war nicht erwünscht.

Wenn man den Zusammenhang zwischen dem israelitischen Völkermord an den Kana­anitern und der Geschichte Europas außer Acht lässt, kann man die weit verbreiteten Störungen der sexuellen Erlebnisfähigkeit nur teilweise verstehen. Eine Diskussion darü­ber wird durch politische Privilegien konfessioneller Organisationen verhindert, denen es bis heute gelingt, sich als Hüter absoluter Werte darzustellen und sich damit konse­quenter Kritik zu entziehen. Die entsprechende Diskussion ist Bestandteil einer einge­henden Religionskritik (siehe www.glaube-und-gesundheit.de).


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.