Als Zwangssymptome werden Gedanken, Bilder und Impulse bezeichnet, die sich aufdrängen obwohl man sie für unsinnig hält. Bei dieser Sichtweise wird nur wenig beachtet, dass es der Kranke ist, der zu Zwangsmaßnahmen greift.

Wer kontrolliert, ist nicht zwangskrank. Am Zwang erkrankt, wer die Kontrolle über sein Kontroll­verhalten verliert.

Das Werkzeug des Zwangs ist der Wille. Zwangskranke sind meist willensstark. Sie erleben Ohnmacht oft nur gegen­über dem Symptom, das angeblich nicht zu ihnen passt.
Das Gefühl der Ohnmacht anzunehmen, im Eingeständnis, dass Ohnmacht zum eigenen Wesen gehört, ist der Schlüssel zur Tür des Zwingers.

Zwangsstörungen


  1. Begriffsbestimmung
  2. Typische Zwangsstörungen
  3. Persönlichkeitsmerkmale und Zwangssymptome
  4. Innerseelische Prozesse
  5. Therapie

1. Begriffsbestimmung

Das eigentliche Wesen des Zwangs kommt im Verb zwängen zum Ausdruck. Zwängen heißt zusammendrücken, einengen. Verwandt mit zwängen ist zwingen. Was zu etwas gezwungen wird, wird in eine Form gepresst, in die es ohne Zwang nicht passen würde.

2. Typische Zwangsstörungen

Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) unterteilt Zwangsstörungen in sieben Kategorien. Die fünf wichtigsten sind:

Zwangsstörungen gemäß ICD-10-Klassifikation der WHO

Name ICD
Zwangsstörung (Zwangsneurose, Anankastische Neurose) F42.-
Vorwiegend Zwangsgedanken oder Grübelzwang F42.0
Vorwiegend Zwangshandlungen und Zwangsrituale F42.1
Zwangshandlungen und -gedanken gemischt F42.2
Zwanghafte [anankastische] Persönlichkeit F60.5

2.1. Grübelzwang

Grübelzwänge sind fast jedem bekannt. Es sind die lästigen Geister, die uns ins Bett verfolgenSo schnell biegt man in die falsche Richtung ab. Tatsächlich verfolgen uns die Gedanken nicht. Vielmehr hören wir nicht auf, uns mit ihren Inhalten zu befassen. Wenn man sich als Opfer der Gedanken beschreibt und nicht als Täter des Grübelns, kommt man der Lösung des Problems nicht näher. und uns dort drangsalieren wie sirrende Moskitos. Grübelzwänge treten auf, wenn wir auf Hindernisse stoßen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen, wenn in wichtigen Beziehungen etwas schief liegt oder wenn wir die Dinge nicht so hinnehmen, wie sie sind; aber keine Lösung wissen. Dann wird alles noch einmal - und noch einmal - im Geiste durchgekaut, obwohl man lieber seine Ruhe hätte.

Sammeln dient der Sicherheit des Sammlers. Übertreibt er es, wird er zum Diener gesammelter Sachen.

Zwangskranke beunruhigt, dass alle Formen im Fluss sind. Selbst Gebirge fließen durch die Wirklichkeit. Das Einzige,Ein achtsamer Leser könnte fragen, ob der Satz grammatikalisch korrekt ist. Ist es stimmig, vom Einzigen zu sprechen und dann zwei Begriffe aufzuzählen, die das Einzige bezeichnen: Jetzt und Beobachter? Es ist stimmig, wenn man die Präsenz des Beobachters als wesensgleich mit dem Präsens des Zeitpunkts auffasst. was nicht fließt, ist das Jetzt, an dem das Gebirge vorbeikommt und der Beobachter, der das Gebirge fließen sieht.

Henne und Ei

Nicht immer ist klar, ob das Grübeln depressiv macht oder ob die Depression zum Grübeln führt.


Vorsorgekosten

In jeder Sicherheitsstrategie liegt die Gefahr der Verschwendung; wenn sie Risiken abdeckt, die nie eintreffen.


Grübelzwänge treten häufig bei Depressionen auf. Der Kranke wälzt das Für und Wider gefürchteter EntscheidungenGerade zwanghafte Persönlichkeiten tun sich mit Entscheidungen schwer. Sie wollen sicherstellen, dass ihre Entscheidung garantiert die richtige ist, also erkennbar nur die besten Früchte trägt. Oft kann man die Folgen anstehender Entscheidungen jedoch nicht vollständig absehen. Also überdenkt der Zwangskranke alles noch einmal, um das Unvorhersehbare doch vorherzusehen. im Kopf umher. In der Phantasie diskutiert er endlos mit Leuten, deren Verhalten er nicht akzeptieren will. Wieder und wieder kehrt er gedanklich zu Ereignissen zurück, von denen er meint, dass sie nie hätten geschehen dürfen. Oder er malt sich in tausend Varianten Unglücke aus, die in der Zukunft auf ihn lauern. Das Wieder und Wieder des gedanklichen Kreisens ist ein Wider gegen die Wirklichkeit.

2.2. Zwangsgedanken

Klassische Zwangsgedanken sind wiederkehrende Bewusstseinsinhalte, oft verwoben mit bildhaften oder akustischen Vorstellungen, die sich um peinliche und sozial unangemessene Impulse drehen; oder um solche, die der Betroffene bei sich nicht wahrhaben will, weil sie nicht in sein Selbstbild passen. Dazu gehören vor allem sexuelle und aggressive Impulse; oder die Vorstellung, dass man sich unterwerfen könnte.

Es kann sich aber auch um den Impuls handeln, alles durchzuzählen, bestimmte Gedanken wie Zaubersprüche aufzusagen oder um die Melodien eines Ohrwurmes, den man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

2.3. Zwangshandlungen

Zwangshandlungen befassen sich mit Sicherheit, Sauberkeit und Ordnung. Typisch ist, dass der Kranke nicht nur einmal überprüft, was er sicherstellen will, sondern mehrfach. Im schlimmsten Fall kann er sich von dem, was er überprüft, kaum noch lösen. Gequält pendelt er zwischen Kontrolle und neuer Ungewissheit hin und her.

2.4. Zwangsrituale

Auch Zwangsrituale dienen der Sicherheit. Dabei absolviert der Kranke bestimmte Handlungsabläufe, weil er ohne absolviertes Ritual Angst hat, es könnte etwas Schlimmes passieren. Rational zweifeln die Kranken meist selbst daran, dass das Ritual gegen die vermeintliche Gefahr wirksam ist. Unterlassen sie es jedoch, werden sie prompt von neuer Angst bedrängt.

2.5. Gemischte Zwangsstörungen

Gemischte Zwangsstörungen sind häufig. Die Idee, dass die Tür womöglich nicht fest verschlossen ist, geht fließend in die nächste Kontrolle über. Gemischte Zwangsstörungen werden auch als Zwangsneurosen bezeichnet.

Ordnung und Zugehörigkeit

Im Einsatz des zwanghaften Menschen für Ordnung und Sauberkeit scheint sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit durch. Unordnung durchbricht die Komposition der Harmonie. Sie erinnert daran, dass man nicht dazu gehören könnte.


Verkannte Komplexität

Im Eifer, sich vor jeder Gefahr abzu­sichern, wünscht sich der Zwangskranke klare Strukturen. Die vernetzte Dynamik der Wirklichkeit verkürzt er auf eine einfache Formel:

  • Aus einem Ereignis, das sich kurzfristig als ungünstig erweist, kann auch langfristig nichts Gutes entstehen.

Dieser Irrtum im Weltbild des Kranken führt dazu, dass er die Zügel nicht locker lassen kann.

3. Persönlichkeitsmerkmale und Zwangssymptome

Die therapeutische Erfahrung zeigt, dass Zwangssymptome oft mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind. Die sogenannte zwanghafte Persönlichkeit zeichnet sich durch betonte Ordnungsliebe und Gewissenhaftigkeit aus. Wegen ihrer großen Vorsicht kann sie sich nur schwer entscheiden. Im Kontakt wirkt sie emotional unbeweglich, halsstarrig und wenig kompromissbereit. Zu ihren Erlebnisweisen zählen Denkmuster, die sich wie isolierte Zwangshandlungen um Sicherheitsbedürfnisse drehen:

4. Innerseelische Prozesse

Zwangssymptome lassen sich als Kompromisslösungen des Psychologischen Grundkonflikts verstehen. Während bei Depression und Angst das Interesse an der Zugehörigkeit überwiegt, ist es beim Zwang anders. Hier steht der Impuls zur Selbstbestimmung im Vordergrund; ohne dass er sich endgültig durchsetzen kann. Zwangssymptome sollen verhindern, dass man durch Einmischung von außen oder gefürchtete Impulse von innen beherrscht und damit Gefahren ausgeliefert wird.

Zwangsverhalten führt oft in einen Teufelskreis. Eigentlich versucht der Zwangskranke über sich selbst zu bestimmen. Mit jeder neuen Kontrolle spricht er der vorherigen jedoch die Wirksamkeit ab. So verneint er die Effektivität eigenen Handels und damit die eigene Autonomie. Darauf reagiert er mit verstärkten Kontrollen.

Der Gesunde sagt: Schau an, ich bin anders, als ich dachte.

Der Kranke meint, er müsse sich in die Form zwingen, die er für richtig hält.

Schließlich verselbständigt sich das Zwangsritual, sodass der Kranke die Kontrolle über sein Kontrollverhalten verliert. Dann wird er vom eigenen Zwang mehr beherrscht, als er je von äußeren Faktoren oder gefürchteten Gefühlen beherrscht worden wäre.

Identifikation mit dem Ego

Zwangsgedanken entstehen durch die starre Identifikation mit dem Selbstbild und dem Kampf gegen alles, was dem Bild widerspricht. Im Selbstbild beschreibt die Person wie sie sein sollte.

Wer sich mit seinem Ego verwechselt, also dem Anwalt seiner Person, wird jede Abweichung von dem, was er für richtig hält, als Gefahr betrachten. Je gefährlicher das Ego etwas für den Bestand seines Selbstbilds eingeschätzt, desto heftiger wird die Abweichung bekämpft.


Kampf um die Kontrolle über das Denkorgan

Der Mensch hat verschiedene Organe: Leber, Nieren, Milz, Lunge, Herz, Speicheldrüsen... und das Gehirn. Jedem Organ kommt im Organismus eine Aufgabe zu, die ihm die Natur in 13 Milliarden Jahren harter Arbeit zugewiesen hat.

Um dem Gehirn für seine Simulationstätigkeit möglichst viele Optionen zu öffnen, hat der Himmel ihm die Freiheit des Denkens verliehen. Im Rahmen der Freiheit durchdenkt das Hirn probeweise auch Möglichkeiten, die entweder abwegigWenn Rita mich nicht erhört, muss ich meine Stelle aufgeben und auswandern. sind, ihrer Zeit vorausJeder Prophetenglaube ist Gotteslästerung., riskantWenn ich der Lockenmolle an die Brüste fasse, kriege ich eine gelangt. oder einfach nur absurdWenn ich auf dem Bürgersteig mit der Ferse nicht immer die Ritzen treffe, geht die Welt unter..

Das Zwangsgeschehen fängt nicht damit an, dass unpassende Gedanken herandrängen. Es beginnt, wenn das Ego die Freiheit des Denkens einengen will und es sich dazu mit dem Hirn in einen Machtkampf verwickelt.

Dabei ist es ein Vorteil des Denkens, dass man in der gedanklichen Simulation gefahrlos Verläufe durchspielen kann, die man hinterher verwirft. Der zwanghafte Mensch weist seinen Vorstellungen aber so große Bedeutung zu, dass er bereits die Simulation für gefährlich hält.

Besser als das Denken ständig zu steuern, ist es, ihm Beachtung zu entziehen.


Wenn Sie von Zwangssymptomen geplagt werden, dann richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Gefühl, das unterhalb von Tun und Denken verborgen liegt. Nehmen Sie es an, ohne es zu bekämpfen.

Nicht jeder Gedanke, den das Gehirn ins Bewusstsein hievt, ist dem Ego recht. Das liegt daran, dass sich das Ego sowohl mit dem Selbstbild als auch mit der Gedankenwelt identifiziert.Vom Ich denke, also bin ich, ist es nur ein Katzensprung bis zum Ich bin, was ich denke. Wenn das Ego es nicht hinnehmen will, dass das Gehirn seine Freiheit wahrnimmt und auch Vorstellungen entwirft, die dem Selbstbild widersprechen, fängt es an, diese Vorstellungen zu bekämpfenDas Ego des Zwangskranken benimmt sich wie ein verängstigter Diktator, der die Pressefreiheit einschränkt. Es will verhindern, dass ihm das Gehirn gefürchtete Möglichkeiten und unangenehme Wahrheiten vor Augen führt..

4.1. Vom Festhalten und Loslassen

Zum Themenkreis der Zwanghaftigkeit gehört die Neigung, alles festzuhalten. Das betrifft gedankliche Inhalte und Entscheidungs­prozesse ebenso wie Geld oder Gegenstände des täglichen Gebrauchs.

4.2. Dienst an der Form

Der zwanghafte Impuls befasst sich mit Formen. Sie müssen so und so sein und auf keinen Fall anders. Die Ursache des Eifers, bestimmte Formen zu erzwingen, ist die einseitige Identifikation des Zwanghaften mit der eigenen Person. Der Zwanghafte blickt in sein Ego und zur Form, die es haben sollte. Er blickt nicht zu sich selbst, sondern zur Rolle, die er im Leben spielt.

Anankasmus

Die zwanghafte Persönlichkeit wird auch anankastisch genannt. Der Begriff geht auf griechisch ananke bzw. anagke (αναγκη) = Zwang zurück. Ananke wiederum scheint ein Lehnwort aus semitisch chanak = Joch zu sein.

Die anankastische Persönlichkeit unterliegt dem Joch, das Joch jeder Fremdbestimmung zu brechen.

Wenn sie sagt: Es ist, wie es ist und es kommt, wie es kommt, macht sie sich auf den Weg in die Freiheit.

Das Selbst ist formlos. Das weckt beim Zwanghaften AngstUnd nicht nur bei ihm.... Er glaubt: Was keine Form hat, ist unberechenbar, ist ohne Struktur, die sich gegen Fremdbestimmung sträubt, gibt keine Sicherheit, ist allem wehrlos ausgeliefert. Und wehrlos ausgeliefert möchte der Zwanghafte auf keinen Fall sein.

Also macht er sich daran, seine Form so gründlich festzulegen, wie ein Burgherr, der mit aller Macht auf seine Selbstbestimmung pocht. Beim unermüdlichen Bau der bestmöglichen Burg wird der Herr zum Diener des eigenen FreiheitsdrangsAuf den ersten Blick sieht es so aus, als stünden Sicherheit und Freiheit grundsätzlich im Konflikt. Tatsächlich sind sie zwiespältig ineinander verzahnt; Sicherheit ist Freiheit von Fremdbestimmung. Freiheit ermöglicht es, Gefahren erfolgreich zu begegnen. Unfreiheit gibt Sicherheit und macht das Leben zeitgleich riskant..

5. Behandlung

Bei der Behandlung von Zwangsstörungen kommen sowohl Medikamente als auch psychotherapeutische Methoden zum Einsatz. Schwere Zwangsstörungen sind ausgesprochen quälend, sodass wegen des hohen Leidensdrucks an eine Kombination beider Ansätze gedacht werden kann.

5.1. Pharmakotherapie

Empfehlungsstufen

A = erste Wahl
B = zweite Wahl

Medikamentös werden in der Regel Antidepressiva eingesetzt. Oft sind hohe Dosen notwendig. Da sich die Wirkung der Medikamente meist erst verzögert einstellt (nach vielen Wochen), ist gerade bei Zwangsstörungen darauf zu achten, dass man den Behandlungsversuch nicht zu früh abbricht.

S3-Leitlinien

Pharmakotherapie der Zwangsstörungen (Quelle)

Substanz Dosis (mg) Empfehlung Bemerkung
SSRI
Citalopram 20-40 A Vorsicht bei QTc-Verlängerung
Halbe Maximaldosis bei älteren Patienten
Escitalopram 10-20 A
Fluoxetin 20-60 A Sehr lange Halbwertzeit
Fluvoxamin 50-300 A
Paroxetin 20-50 A
Sertralin 50-150 A
SSNRI
Venlafaxin 75-225 B
TZA
Clomipramin 75-250 B Hohe Toxizität bei Überdosierung

Als Medikamente der dritten Wahl kommen in besonderen Fällen auch andere Psychopharmaka in Betracht: Neuroleptika (bei Psychosekranken und beim Versagen anderer therapeutischer Mittel) oder Benzodiazepine bei akuter Selbstmordgefahr. Die Zwangssymptomatik selbst wird durch Medikamente der dritten Wahl kaum je beeinflusst. Sie können jedoch Begleitsymptome der Zwangsstörung mildern.

Versuchen Sie nicht, die Wirklichkeit zu beherrschen. Dann werden Sie auch nicht von Ihrem Versuch, sie zu beherrschen, beherrscht.
5.2. Psychotherapeutische Behandlung

Zur Psychotherapie der Zwangsstörungen stehen verschiedene Methoden zur Verfügung. Bei isolierten Zwangshandlungen liegt ein verhaltens­therapeutischer Ansatz nahe. Dabei wird das ineffektive Zwangsverhalten gezielt umtrainiert.

Je komplexer die Zwangsstörung ist, desto wichtiger wird die kognitive, tiefen­psychologische Komponente des therapeutischen Vorgehens. Das gilt besonders für Patienten mit zwanghaften oder depressiven Persönlichkeitsmerkmalen.

Zwangssymptome dienen der Verdrängung gefürchteter Gefühle. Dazu zählen Angst, Lust und sexuelle Begierden ebenso wie Wut und Ohnmacht. Wenn das Verhaltenstraining allein nicht reicht, um die Symptomatik aufzulösen, gilt es, die verdrängten Gefühle aufzudecken, die hinter dem Zwang und der Angst, die beim Unterlassen der Zwangssymptomatik aufkommt, verborgen sind. Akzeptiert der Kranke die WahrheitDass zum Beispiel Wut oder Hass, Ohnmacht, Wollust oder Impulse zu verpönter Normabweichung zu seinem Wesen gehören..., die er durch Zwang aus der Welt schaffen will, werden die Symptome überflüssig.