Entgiftung kann gefährlich sein! Entgiften Sie stets in Rücksprache mit Ihrem Arzt.

Es wird behauptet, zur Bewältigung der Sucht komme es nicht auf den Willen an. Das ist falsch. Ohne festen Willen wird man das Ziel kaum erreichen.

Manche Patienten erwarten, von der Suchttherapie geheilt zu werden. Dabei ist der Eigenanteil, der zum Erfolg beizutragen ist, nirgends größer als bei der Überwindung einer Sucht.

Besser kleine Ziele, die man erreichen kann, als große, an denen man ständig scheitert.

Groß ist die Zahl derer, die Erfolg wünschen, die beim Preis aber knausern.

Sucht ist keine Krankheit, die wie eine Grippe überstanden wird und vergessen werden kann. Sie ruft nach lebenslanger Achtsamkeit.

Therapie stoffgebundener Süchte


  1. Phasen der Suchttherapie
  2. Rückfall
  3. Kontrollierter Konsum

1. Phasen der Suchttherapie

Suchttherapie besteht aus fünf Phasen:

  1. Information / Motivation
    Information zeigt Suchtdynamik, Suchtgefahren und Bewältigungsmöglichkeiten auf. Motivation ermutigt, die Hürden zur Abhängigkeitsbewältigung anzugehen.

  2. Entgiftung
    Die Entgiftung beendet die Substanzwirkung auf den Körper. Dadurch findet er in das natürliche Gleichgewicht seiner spontanen Stoffwechselprozesse zurück.

  3. Entwöhnung
    Die Entwöhnung verändert langfristige Verhaltensmuster. Die Gewohnheit, das Bewusstsein durch betäubende oder erregende Substanzen zu verändern, wird durch die Gewohnheit ersetzt, der Wirklichkeit mit klarem Verstand zu begegnen.

  4. Nachsorge
    Die Nachsorge hilft bei der Beibehaltung der gesteckten Ziele.

  5. Selbsthilfe
    Selbsthilfe sichert den Erfolg über die Phase institutioneller Nachsorge hinaus.

Keine der fünf Phasen ist zwingend erforderlich. So mancher Suchtkranke ist gut inform­iert, viele so entschlossen, dass keine Motivation vonnöten ist. Einige schaffen es, ohne Entgiftung den Konsum auf unbedenkliche Maße zu drosseln. Viele bleiben nach dem Entzug auch ohne Entwöhnung und Nachsorge abstinent. Selbsthilfegruppen sind keineswegs für alle attraktiv.

1.1. Information / Motivation

Nehmen Suchtkranke erstmals Kontakt zum Suchthilfesystem auf, fehlen ihnen oft wich­tige Informationen. Drei Themen stehen im Vordergrund:

Information und Motivation gehen ineinander über. Es ist klar: Verdeutlicht man dem Patienten medizinische und soziale Folgeschäden, die ihm bei Fortsetzung des Konsumverhaltens drohen, informiert und motiviert man ihn im gleichen Zuge.
  1. Dynamik von Suchtentwicklungen
  2. Folgekrankheiten
  3. Bewältigungsmöglichkeiten

Sind diese Informationen vermittelt, ist der Grundstein zum Ausstieg aus der Sucht gelegt. Oft sind Patienten jedoch zwiespältig. Oft sind ihrem Vorsatz Zweifel beigemengt...

Dann ist Motivation vonnöten. Es gilt dem Zweifler Mut zu machen und jene Partei in seinem Inneren zu unterstützen, die auf der Seite der Gesundheit steht.

1.2. Entgiftung

Je nach Substanz und Intensität des Konsums sind unterschiedliche Entzugserschei­nungen zu erwarten. Bei manchen Substanzen können die körperlichen Entzugserschei­nungen gefährlich sein... und sogar tödlich enden. Bei anderen sind die körperlichen Entzugserscheinungen schwach. Dann besteht das Problem der Entgiftung darin, den psychischen Symptomen standzuhalten.

Schwerpunkt der Entzugserscheinungen

Substanz körperlich psychisch
Alkohol +++ +++
Tranquilizer + ++
Opiate ++ ++
Kokain
Amphetamine
- +++
Cannabis (+) ++

Die notwendigen medizinischen Maßnahmen und Rahmenbedingun­gen des Entzugs hängen von der Gefährlichkeit möglicher Entzugs­erscheinungen ab. Oft entscheidet sich der Süchtige, auf eigene Faust zu entgiften; oder er hat kein Geld mehr, um sich das Sucht­mittel zu beschaffen; sodass er von den Umständen zwangsent­giftet wird.

Besonders Personen, deren Gesundheitszustand problematisch ist, sollten vor einer Entgiftung ihren Arzt befragen. Bei schwerer Alkoholabhängigkeit und bekannten Entzugskomplikationen ist eine stationäre Entgiftung zu empfehlen.

1.2.1. Alkohol

Die Entgiftung bei Alkoholabhängigkeit erfolgt ambulant oder stationär.

Ambulante Entgiftung

Eine ambulante Entgiftung ist nur Patienten zu empfehlen, die kei­ne weiteren gesundheitlichen Risikofaktoren aufweisen, bei denen keine schwerwiegenden Entzugserscheinungen bekannt sind und deren Entzug durch eine verantwortungsvolle Bezugsperson begleitet wird.

Auch beim ambulanten Entzug wird der Alkohol oft auf einen Schlag abgesetzt. Sinnvoll ist, den Konsum im Vorfeld bereits schrittweise zu reduzieren. Sobald der Alkoholspiegel hinreichend gesunken ist, werden aufkommende Entzugserscheinungen in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt medikamentös behandelt. Treten Kompli­kationen auf, ist die sofortige Einweisung in eine Fachklinik notwendig.

Symptome des Delirs

Sind die Bedingungen für eine ambulante Entgiftung nicht erfüllt, sollte man stationär entgiften. Die stationäre Entgiftung hat den Vorteil, dass beim Auftreten gefährlicher Entzugserscheinungen sofort gehandelt werden kann.

Risikofaktoren, die eine stationäre Entgiftung nahelegen

Zur Behandlung der Entzugserscheinungen steht eine Reihe von Medikamenten zur Ver­fügung: Clomethiazol, Diazepam, Carbamazepin, Tiapridal, Haloperidol. Solche Medika­mente sollten nur nach ärztlicher Verordnung eingenommen werden. Nach Abschluss der Entgiftung beginnt die Entwöhnung.

1.2.2. Tranquilizer / Benzodiazepine

Während ein Alkoholentzug in der Regel nach einer Woche überstanden ist, streckt sich der Entzug von Tranquilizern oft über Wochen oder gar Monate hin. Besonders, wenn hohe Dosen über lange Zeit konsumiert wurden, können bei raschem Entzug gefährliche Symptome auftreten: Krampfanfälle und Entzugspsychosen.

Entzieht man Tranquilizer zu schnell, scheitert man an der Wucht des Entzugs. Entzieht man zu langsam, scheitert man an der Dauer. Auf jeden Fall braucht man Mut und Disziplin.

Ob ambulant oder stationär zu entgiften ist, ent­scheidet der gesundheitliche Gesamtzustand. Da sich manche Entzugserscheinungen (Ängste, Ner­vosität, Anspannung, Schlafstörungen) hin­ziehen, braucht der Patient einen langen Atem. Entgiftet wird durch die schrittweise Reduktion der Dosis. Das Tempo der Reduktion sollte man individuell an die eigenen Möglichkeiten anpassen. Wegen der Dauer der Entzugserscheinungen geht die Entgiftung fließend in die Entwöhnung über.

1.2.3. Opiate
Im Entzug zahlt man die Wärme zurück, die man dem Stoff noch schuldet.

Beim kalten Entzug wird das Opiat schlagartig abgesetzt. Aufkommende Entzugserscheinungen werden allenfalls durch Medikamente abgefedert, die selbst nicht zur Gruppe der Opiate gehören. Zum Einsatz kommen Tranquilizer und dämpfende Antidepressiva (z.B. Doxepin, Amitriptylin). Vorteil des kalten Entzugs ist die relativ kurze Dauer. Sein Nachteil ist die Wucht der Entzugs­erscheinungen; die so manchen Süchtigen dazu antreibt, alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, um an den begehrten Stoff zu kommen.

Beim sogenannten warmen Entzug wird das missbrauchte Opiat (in der Regel Heroin) durch ein synthetisches Opiat ersetzt (in der Regel Methadon), welches in der Folge schrittweise reduziert wird. Vorteil des warmen Entzugs ist die geringere Ausprägung der akuten Symptome. Sein Nachteil ist die lange Dauer... und der zuweilen zähe Verlauf.

1.2.4. Kokain / Amphetamine
Wer sich lange eingebildet hat, stark zu sein, kann das plötzliche Erleben eigener Schwäche nur schwer ertragen.

Kokain und Amphetamine können schlagartig abgesetzt werden. Schwer­wiegende körperliche Entzugserscheinungen sind kaum zu erwarten. Pro­blematisch ist die psychische Komponente. Beim Absetzen der Stimu­lanzien kommt es zu depressiven Verstimmungen mit Störung des Selbst­wertgefühls. So mancher hat sich aus Verzweiflung darüber umgebracht. Medikamentös ist vor allem an Tranquilizer zu denken.

1.2.5. Cannabis

Körperlich gesehen ist der Entzug von Cannabis unproblematisch. Dementsprechend sieht das Gesundheitswesen stationäre Entgiftungen kaum vor. Ob der Süchtige die Ausdauer hat, die psychischen Folgen des Entzugs durchzuhalten, hängt von seiner Motivation ab. Nur wenn ihm die Befreiung von der Droge wichtig ist, wird er sich Stim­mungsschwankungen, Unzufriedenheit und Schlafstörungen stellen. Lang anhaltende Schlafstörungen lösen häufig Rückfälle aus.

1.3. Entwöhnung
Die wirkliche Ernüchterung kommt erst, wenn die Euphorie über die erfolgreiche Entgiftung verfliegt.

Nach der Entgiftung fängt die eigentliche Bewältigung der Sucht erst an. Der Erfolg jeder Therapie besteht in der Verhinderung eines dauerhaften Rückfalls in problematisches Konsumverhalten. Nach der Entgiftung befindet sich der Süchtige in einer psychosozialen Situation, die ihm durch den langen Missbrauch seiner Substanz fremd geworden ist. Er begegnet sich selbst und der Welt mit ungetrübtem Blick. Oft wird ihn das erschrecken. Rückfälle sind häufig. Es gilt, rasch darauf zu reagieren. Die Umstände der Rückfälle können zu einem vertieften Verständnis der individuellen Suchtdynamik hinterfragt werden.

Ist der Süchtige stark rückfallgefährdet, ist an eine stationäre Entwöhnung in einer Fachklinik zu denken. Ein geeignetes Angebot dazu besteht für Abhängige von Alkohol, Tranquilizern und harten Drogen.

Egal ob stationär oder ambulant, jede Entwöhnung besteht aus zwei Teilen:

Sozialtherapie

1.4. Nachsorge

Sind die ersten drei Phasen der Suchtbehandlung überstanden, ist das Kind noch nicht in trockenen Tüchern. Nach der Entlassung aus der Entwöhnungsklinik lauern Belastun­gen und Versuchungen. In der Klinik war der Kranke etlichen Anforderungen des Lebens enthoben. Außerdem gab die Gemeinschaft Geborgenheit und der Gruppendruck des gemeinsamen Ziels nahm so mancher Versuchung den Wind aus den Segeln. Draußen ist vieles anders. Drinnen ist Schutzgebiet, draußen freie Wildbahn.

An dieser Stelle setzt die Nachsorge ein. Meist fußt sie auf der Anbindung an eine Suchtambulanz. Dort werden allfällige Probleme des Alltags besprochen, die eine Rück­fallgefahr mit sich bringen. Oder aber, es wird eine ambulante Psychotherapie ange­schlossen um Persönlichkeitsprobleme anzugehen, die die gleiche Gefahr in sich bergen.

1.5. Selbsthilfe

Während die Nachsorge zumeist zeitlich begrenzt ist, ist Selbsthilfe auf Dauer ausge­legt. Ihre Bedeutung kann kaum überschätzt werden. Selbsthilfegruppen bieten Sucht­kranken Zugehörigkeit und bilden eine Plattform wechselseitigen Beistands.

Viele Menschen tun sich schwer, den Platz in einer Gruppe zu finden, der ihr Gedeihen fördert. Manchmal gilt es, durchzuhalten und um den passenden Platz zu kämpfen. Ein anderes mal ist es besser, die Gruppe zu wechseln; denn: Nicht jede Gruppe bietet für jeden den passenden Platz.

2. Rückfall

Rückfall ist ein Schlüsselbegriff der Suchttherapie. Rückfälle sind eher Regel als Ausnah­me. Sie zählen zu den Angstmotiven des Suchtkranken. Rückfälle sind Scheitern und Chance zugleich.

Sie sind Scheitern, weil das Abstinenzziel für die meisten Suchtkranken am pragma­tischsten ist. Abstinenz ist eine klare Linie. In der Regel ist es leichter, eine klare Linie einzuhalten, als täglich mit sich zu verhandeln, welche Menge Suchtstoff vertretbar ist. Die meisten, die sich aufs Verhandeln einlassen, zieht der Gegner über den Tisch.

Rückfälle sind Chance, weil die Auslöser der Rückfälle wichtige Hinweise darauf geben, welche Erfahrungen der Suchtkranke durch den Konsum zu vermeiden versucht. Typischerweise sind das Erfahrungen, die um folgende Themen kreisen:

Ist das Vermiedene erkannt, kann man sich ihm leichter stellen. Stellt man sich dem bislang Vermiedenen, stellt man fest, dass man ihm durchaus standhalten kann. Daher bietet die Aufarbeitung von Rückfällen Gelegenheit, dem Therapieziel näher zu kommen.

3. Kontrollierter Konsum

Abhängigkeit → Information / Motivation → Entgiftung → Entwöhnung → Nachsorge → dauerhafte Abstinenz: So lautet das Grundmuster einer erfolgreichen Suchttherapie. Das Leben ist aber vielschichtig und jeder Lebenslauf ein besonderer Fall. Deshalb gibt es Varianten. Viele davon enden im Abgrund. Andere führen tatsächlich zu einem kontrollierten Umgang mit Suchtmitteln, der dauerhaft stabil bleiben kann; auch dann, wenn die Kontrolle streckenweise entglitten war.

Der sogenannte kontrollierte Konsum ist das Wunschziel vieler Konsumenten. Doch Hand aufs Herz: Beim Versuch, dieses Ziel zu erreichen, sind vermutlich mehr unter die Räder als in den Sattel gekommen.

Rückkehr zum kontrollierten Konsum

Eher wahrscheinlich Eher unwahrscheinlich
  • Kurzfristiger Kontrollverlust bei stark belastenden biographischen Ereignissen
  • Gefestigte Persönlichkeitsstruktur vor dem Kontrollverlust
  • Gute soziale Einbindung
  • Bereits seit langem süchtiger Konsum
  • Labile Persönlichkeitsstruktur mit Selbstwertzweifeln
  • Prekäres Umfeld
  • Gesundheitliche und soziale Suchtfolgeschäden

Grundprinzip

Klammern Sie sich nicht an die Hoffnung, kontrolliert konsumieren zu können. Gestehen Sie sich Ihr Unvermögen ein, wenn sie mehrfach dabei scheitern.