Viele glauben, nur dann in Ordnung zu sein, wenn sie im Leben diese oder jene Rolle spielen. Sie haben keinen Respekt vor dem, was sie sind, sondern nur vor dem, was sie sein könnten.

Je mehr man sich mit einer Rolle gleichsetzt, desto mehr ordnet man sich der Rolle unter.

Jeden gibt es zweimal: Als den, der er ist und als Rolle, die er spielt. Oft spielt man mehr, was man spielt, als das man ist, was man ist. Man spielt aber besser, wenn man sich nicht als Figur, sondern als Spieler betrachtet.

Man kann Kinder missbrauchen, indem man sich nicht eingesteht, dass sie keine Kinder mehr sind.... indem man erwachsene Kinder also wie Kleinkinder behandelt und sie dadurch in eine Rolle drängt, die ihrem Wesen nicht entspricht.

Psychologische Rollen


  1. Begriffsbestimmung
  2. Authentischer Ausdruck und Rollenspiel
  3. Kategorien
    1. 3.1. Existenzielle Rolle
    2. 3.2. Soziale Rolle
    3. 3.3. Psychologische Rolle
  4. Klassische psychologische Rollen
    1. 4.1. Armes Opfer
    2. 4.2. Liebes Kind
    3. 4.3. Guter Mensch
    4. 4.4. Toller Hecht
    5. 4.5. Schwarzes Schaf
    6. 4.6. Mitläufer
    7. 4.7. Vormund
  5. Klassische Rollenspiele (Kollusionen)
  6. Elternschaft: Vermeidung und Missbrauch
  7. Unterscheidungen
    1. 7.1. Selbst-Sein und Selbst-Verwaltung
    2. 7.2. Spontane Wahl oder festes Muster
  8. Kulturelle Besonderheiten

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Rolle geht sprachgeschichtlich auf das lateinische rotula = Räd­chen zurück. Zunächst wurde aus der Bezeichnung eines runden Gegen­stands ein Fachbegriff der Theatersprache. Die Sätze, die der Schauspieler auf der Bühne zu sagen hatte, und Anweisungen für sein Verhalten, waren in der Frühzeit des Theaters auf Schriftrollen verzeichnet... Der Schauspieler spielte seine Rolle.

Theaterspiel und Kommunikation

Das Theaterspiel ist ein kontrollierterAuch bei der Kontrolle taucht der Begriff Rolle auf. Kontrolle geht auf das französische contre-rôle = Gegenrolle zurück. Wer kontrolliert, spielt eine Rolle, die sich dem Kontrollierten entgegenstellt. Ablauf. Es sieht zwar so aus, als kommunizierten die Spieler miteinander, tatsächlich handelt es sich jedoch um keine Kommunikation im wahren Sinne.

Bei der echten Kommunikation geht der eine Sprecher auf das ein, was der andere sagt. Dadurch entsteht eine dialogische Entwicklung, deren Ausgang offen ist. Im Theater ist das, was der Eine sagt, nur Stichwort für die bereits feststehende Aussage des Anderen. Leider ist es im wahren Leben oft ebenso.

Von dort aus erweiterte sich der Begriff auf existenzielle, psychologische bzw. soziale Rollen, die der Mensch auf der Bühne des Lebens spielt.

2. Authentischer Ausdruck und Rollenspiel

Das Verhalten einer Person ist entweder Ausdruck ihres unverfälschten Seins oder Folge eines Rollenspiels. Während es zu jedem Zeitpunkt nur ein unverfälschtes Sein gibt, sind jederzeit verschiedene Rollenmuster möglich.

In der Regel ist das genannte Entweder-Oder nicht eindeutig. Meist handelt es sich bei einem konkreten Verhalten um eine Mischung aus echtem Ausdruck und aufgesetzter Rolle. Je nach den Erfordernissen der Situation und den Zielen der Person werden zudem unterschiedliche Rollen miteinander kombiniert.

Verhalten ist Ausdruck...

eines Rollenspiels oder authentischen Seins

Jede Rolle ist ein Werkzeug. Hinter jedem Rollenspiel steht eine Absicht. Der Rollenspieler handelt aus einem persönlichen Interesse heraus. Durch sein Rollenspiel beabsichtigt er, den Verlauf von Ereignissen zu steuern und die Struktur zukünftiger Situationen im Voraus zu bestimmen. Das Rollenspiel bezieht sich nie nur auf das Hier-und-Jetzt. Es zielt immer auf ein Dort-und-Dann.

Verhalten als Ausdruck authentischen Seins ist entweder ein Werkzeug oder es ist absichtsfreiIch achte auf das Rauschen der Blätter im Wind.. Ist es absichtsfrei, zielt es nicht über das unmittelbare Hier-und-Jetzt hinaus. Es reagiert spontan auf das Gegebene ohne etwas anzustreben. Ist authentischer Ausdruck ein Werkzeug, hat er wie das Rollenspiel ein Ziel im Auge. Es schaut vom Hier-und-Jetzt aufs Dort-und-Dann.

Der Schwerpunkt des Rollenspiels liegt in der Beeinflussung anderer Personen. Dabei wird direkte Kommunikation durch die Wirkkräfte des Rollenspiels ersetzt. Eine andere Funktion psychologischer Rollen liegt in der Steuerung des Selbstbilds und der Erwartungen, die ich an mich selbst richte.Da ich doch ein Opfer bin, brauche ich mich nicht um die Lösung der Probleme zu kümmern. Dafür sind die Täter zuständig.

Authentisches Verhalten lässt andere Personen unberührtIch grabe den Garten um., es antwortet spontanWenn mein Sohn auf mich zuspringt, fange ich ihn auf, oder ich weise ihn zurück, wenn ich gerade mürrisch bin. auf deren Impulse, oder es versucht, ihr Verhalten direkt zu beeinflussen. Wenn es das Verhalten anderer beeinflussen will, wählt es als vorrangiges Mittel direkte Kommunikation.Was muss ich machen, damit ihr mich zum Essen einladet?

Das Grundprinzip des psychologischen Rollenspiels ist fremdbestimmend und manipulativ.

Das Grundprinzip authentischen Verhaltens ist selbstbestimmt und kommunikativ.


3. Kategorien

Rollenmuster können drei Kategorien zugeordnet werden. Rollen sind...

  1. existenziell
  2. sozial definiert
  3. psychologisch angestrebt
3.1. Existenzielle Rollen

Existenzielle Rollen sind unausweichlich. Sie werden durch das Leben vorgegeben. Daher kann ihre Erfüllung zwar verweigert, die Rollenposition selbst kann aber nicht aufgegeben werden. Zu den existenziellen Rollen gehören die leiblichen Verwandt­schaftsverhältnisse. Man ist Kind, Mutter, Vater, Opa, Enkel, Bruder, Schwester, Neffe, Tante... ohne dass man wählen könnte, wem gegenüber man diese Positionen einnimmt.

3.2. Soziale Rollen

Typische soziale Rollen

Partner, Freund, Busfahrer, Polizist, Verkäuferin, Nachbar, Lehrerin, Schüler, Geliebte, Elektriker, Betriebsratsmitglied, Elternobmann, Gemeindevorsteher, Kindermädchen, Vereinsmitglied, Vorgesetzte, Azubi, Wahlhelfer, Datenschutzbeauftragte, Praktikant...

Soziale Rollen kommen der Person durch biologische Vorgaben, ihre Position im sozialen Umfeld und durch ihre Fähigkeiten spontan zu; oder sie sind Folge zwischenmenschlicher Absprachen. Zu den sozialen Rollen gehören Partnerschaften, Berufsrollen, freundschaft­liche Beziehungen, Nachbarschaften.

Die Grundmuster aller existenziellen Rollen können vollgültig als soziale Rollen ausgeführt werden. Man kann Vater eines nicht-leiblichen Kindes sein. Man kann die Partnerin des Vaters als Mutter und seine Tochter aus erster Ehe als Schwester betrachten. Im Unterschied zum existenziellen Verhältnis kann die Übernahme solcher Rollen frei gewählt oder zurückgewiesen werden.

3.3. Psychologische Rollen

Psychologische Rollen werden bewusst oder unbewusst gespielt um durch ihre jeweils spezifische Wirkung Effekte zu erzielen. Dabei wird nicht offen mitgeteilt, was der Rollenspieler beim Gegenüber bewirken will, sodass dessen bewusste Selbstbe­stimmung, in wie weit er die Erwartungen des Rollenspielers erfüllt, ausgehebelt wird.Es sei denn, das Rollenspiel wird klar durchschaut, sodass man sich seiner manipulativen Kraft entziehen kann.

Ziel psychologischer Rollen sind persönliche Vorteile. Man kann sie drei Themen zuordnen:

Klassische psychologische Rollen

Armes Opfer, unschuldig Verfolgter, verkanntes Genie, liebes Kind, guter Mensch, böser Bube, schwarzes Schaf, toller Hecht, Mitläufer, Partylöwe, Hans Dampf in allen Gassen, Königin Mutter, Frau Wichtig, Prinzessin auf der Erbse, graue Eminenz, Bollwerk der Vernunft, Gralshüter der Moral, verführerisches Weib, Lolita, Kratzbürste, Beauftragter Gottes, Provokateur, Hofnarr, Zentrum des Interesses, Klassenclown, Don Juan, Enfant terrible...

4. Klassische psychologische Rollen

Psychologische Rollen können mit voller Absicht gespielt werden, um andere bewusst zu beeinflussen.

Man ist nur soweit man selbst, wie man dem Ich-bin nichts hinzufügt.
Man ist nur dann mit sich im Reinen, wenn man die Idee, dass es anders hätte kommen sollen, preisgibt.

Werden psychologische Rollen mit vollem Bewusstsein gespielt, um andere Leute auszunutzen, ist das im Grunde Betrug. Der betrügerische Rollenspieler erkennt den Unterschied zwischen seiner wahren Identität und der Rolle, in die er schlüpft.

Meist ist es Rollenspielern aber nicht bewusst, dass sie überhaupt eine Rolle spielen.... und oft besteht auch kein Interesse, das eigene Verhalten als Rollenspiel zu sehen. Vielmehr sind sie mit der Rolle so identifiziert, dass sie das Echte übersehen, das unter der Rolle verborgen liegt. Dann kommt zum Schaden, der durch die Manipulation des Anderen entsteht, ein weiterer hinzu: Der Rollenspieler verliert sein wahres Selbst beim Spielen aus dem Auge.

4.1. Armes Opfer

Eine Rolle, die gerne eingenommen wird, ist die des armen Opfers. Die Opferrolle bietet psychologische Vorteile, die viele Menschen dazu verleiten, ihre Nachteile in Kauf zu nehmen.

Zwei Varianten

Egal ob man leise anklagt oder lautstark fordert, immer besteht die Gefahr, dass man damit das Umfeld verprellt.

Nachteil der Opferrolle ist, dass man tatsächlich Opfer wird. Die Opferrolle führt zu Passivität, da man die Aufgabe, Missstände zu beseitigen, anderen zuschreibt. Wer in der Opferrolle bleibt, unterliegt daher regelhaft mehr Missständen als jemand, der die Verantwortung für das eigene Wohl und Leid übernimmt. So wird der Opferrollenspieler tatsächlich Opfer: Opfer seiner eigenen Fehlhaltung.Aber auch das Opfer anderer Leute Aggression, die auf das ständige Ich-war's-nicht des Opferrollenspielers gereizt reagieren.

4.2. Liebes Kind
Anpassungsprobleme
Das Selbst ist größer, als jede Rolle, in die es schlüpfen könnte. Je mehr man sich mit einer Rolle gleichsetzt, desto mehr wird man versuchen, sich hineinzuquetschen. Der Teil von einem selbst, der nicht zur Rolle passt, bleibt dabei auf der Strecke.

Das liebe Kind ist eine Rolle, die zum Repertoire fast jedes Menschen zählt; denn jeder war einmal ein Kind und fast jedes Kind hat ausprobiert, wie man das Umfeld durch betontes Liebsein steuert. Sobald es aussichtsreich erscheint oder wenn er Konflikte vermeiden will, schlüpft auch der normale Erwachsene von Fall zu Fall in die bewährte Rolle. Dann tut er arglos so, als sei er keine Konkurrenz, als sei er absichtslos, als müsse niemand auf der Welt sich vor ihm fürchten.

Das liebe Kind ist scheinbar ohne Ego. Nie würde es von sich aus nach den Hähnchen­schenkeln greifen. Da es aber lieb ist, appelliert es an Beschützer aller Art, die an seiner Statt für einen vollen Teller sorgen.

Leider ist auf die meisten Beschützer auf Dauer kein Verlass.Entweder weil der Beschützer ein Wolf im Schafspelz ist, der das Schaf nur beschützt, bis er es fressen kann oder weil auch ein wohlmeinender Beschützer die Lust verliert, wenn sich die Hilflosigkeit des lieben Kindes als Lebensstrategie erweist. Dann besteht das Risiko, dass aus dem lieben Kind ein armes Opfer wird.

Neben den Gelegenheitstätern gibt es eine Menge Spezialisten, die sich so mit der Rolle verwechseln, dass sie nach außen hin ständig wie liebe Kinder wirken. Wie sehr sie dabei mit einer bloßen Rolle verhaftet sind, ist ihnen nicht bewusst. Sie halten Anpas­sung und Liebsein für selbstverständlich.

4.3. Guter Mensch

Der gute Mensch ist stets bereit, sich zum Wohle Leidender zu verwenden;Das ist im Grundsatz lobenswert. Da aber nicht jeder Leidende, bloß weil er gerade leidet, ein netter Mensch ist, fördert der gute Mensch durch seine guten Taten gelegentlich das Böse. vor allem, wenn es ihn selbst nicht mehr als ein Bekenntnis zum offensichtlich Guten kostet...und die Übereinkunft zwischen ihm und dem Vorteilsempfänger ein Vertrag zu Lasten Dritter ist.. Der gute Mensch entbindet jeden Leidenden umfassend von der Verantwortung für eigenes Leid und schreibt sie Übeltätern zu, die sich durch Merkmale oder Machen­schaften als AdressatenDie Gesellschaft, das Schul- oder Weltwirtschaftssystem, die Politiker, die Pharmaindustrie, das Großkapital, Kindheitstraumata, falsche Freunde, lieblose Eltern, die Ungerechtigkeit der Welt an sich... aller SchuldWohlgemerkt:
Natürlich geht von den genannten Kräften eine Menge Übles aus. Wer das Gutsein aber als psychologische Rolle spielt, missbraucht die Übeltäter oft als Sündenbock für alles. Auf der Suche nach dem Bündnis mit dem, dem er hilft, besticht der Rollenspieler sein Gegenüber durch dessen Entbindung von aller eigenen Schuld. Der Lohn dafür ist doppelte Dankbarkeit und die Einstufung als.... wirklich guter Mensch.
verwendbar machen.

Dient das Gute eigenem Wohl­gefallen, ist es oft kein Gutes mehr, sondern Maske und Werkzeug.

Vielen, die sich für das Wohl anderer aussprechen, ist das Wohl anderer ziemlich egal. Was für sie zählt, ist vor sich selbst als tugendhaft dazustehen.

Der Vorteil dieser Rolle ist offensichtlich: Als guter Mensch ist man grund­sätzlicher Zweifel an sich selbst enthoben. Man steht stets auf der richtigen SeiteWas immer geschieht, es war zumindest gut gemeint.. Man verhindert, als Egoist verdächtigt oder ausgegrenzt zu werden. Gutmenschentum ist bindungsfördernd. Es befriedigt das Bedürf­nis nach Zugehörigkeit....nicht nur bei dem, der das Gute empfängt, sondern auch bei dem, der es gibt.

Griffige Begriffe

Der Begriff Gutmensch ist umstritten. Die einen üben damit Kritik an einer welt­anschaulichen Position, die sie für bedenklich halten, andere glauben, der Begriff werte das Gute im Menschen ab. Richtig ist, dass Begriffe, die hervorstechende Züge einzelner Menschen benennen, stets reduktionistisch sind. Sie werden dem Wesen des so bezeichneten Menschen niemals gerecht. Das gilt aber nicht nur für den Gutmenschen, sondern ebenso für zahllose andere Begriffe, die die Sprache in ihrem verspielten Reichtum fraglos akzeptiert: Heulsuse, Muttersöhnchen, Pummel­chen, Lesbe, Transe, Tunte, Sexyhexy, Halbstarker, Klugscheißer, Oberlehrer, Prinzipienreiter, Saufnase, Schnorrer, Gammler, Hippie, Bürohengst, Populist, Emanze, Quasselstrippe, Junkie, Kiffer etc.

Auch (halb-)wissenschaftliche Begriffe wie Neurotiker, Borderliner, Narzisst, Hyste­riker, Sozialphobiker, Psychotiker reduzieren die so Bezeichneten auf einen Ausschnitt ihres Wesens.

Die Darstellung von Menschen anhand hervorgehobener Merkmale nennt man Karika­tur.Von italienisch caricare = übertreiben, überzeichnen. Die oben genannten Begriffe sind verbale Karikaturen. Karikatur ist provokant.Von lateinisch provocare = hervorrufen. Genau das soll sie sein. Sie hat die Aufgabe, bestimm­te Merkmale durch Einseitigkeit zu verdeutlichen; und dadurch Reaktionen hervor­zurufen.Bei den Provozierten könnte eine Reflektion über die Widersprüche des eigenen Verhaltens hervorgerufen werden. Wenn Inge erfährt, dass sie als Quasselstrippe bezeichnet wird, könnte das dazu führen, dass sie das Volumen ihrer Sprachproduktion überdenkt. Hört Erwin den Begriff Saufnase, könnte die Provokation, wenn er sie zu seinen Gunsten zu nutzen weiß, ihm und seiner Leber eine Menge Ungemach ersparen. Karikierende Provokationen sind für den Karikierten keineswegs grundsätzlich abwertend oder gar schädlich. Es kommt darauf an, wie er damit umgeht. Durch die Überzeichnung ist Karikatur ungerecht. Sie kann zur Abwertung missbrauchtAbwertende Karikaturen beziehen sich oft auf unveränderliche Merkmale, die als Indizien vermeintlicher Minderwertigkeit überzeichnet werden: zum Beispiel Rassenmerkmale. werden.

Schon immer hat es Bestrebungen gegeben, Karikaturen zu verbieten; vor allem von jenen, die sich davon provoziert fühlten. Soll sich der Streit über gesell­schaftliche Themen das Mittel der Karikatur aber aus der Hand nehmen lassen; noch dazu von jenen, die beim Einsatz ebenso einseitiger Begriffe zur Bezeichnung ihrer Gegner keineswegs zimperlich sind? Was würde Charlie Hebdo dazu sagen?

Wer die Rolle des guten Menschen spielt, lässt es nur selten auf einem Lippenbekenn­tnis beruhen. Je vollständiger er sich mit seiner Rolle gleichsetzt, desto mehr Kraft verwendet er dazu, Bedürftigen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Nicht selten erfolgt die Berufswahl im Sozialbereich... und wirkt dort mit Vernunft und Maß betrieben durchaus segensreich.; oder aber der gute Mensch will politisch durch betontes Gutsein punkten.

Je mehr der gute Mensch seinen altruistischen Eifer aber verklärt, desto leichter wird er selbst zu einem Opfer; und zwar derer, die die passenden Rollen für ihn spielen: vor allem liebe Kinder und arme Opfer, aber auch schwarze Schafe, die der gute Mensch gerne zu armen Opfern erklärt. Dann leidet der gute Mensch an dreierlei: sich selbst, den anderen und einem Helfersyndrom.

Die Tat des selbstlos guten Täters passt zum Täter selbst.
Die Tat des egozentrisch guten Täters passt zu seinem Vorsatz, gut zu sein.
Vom Gutsein und vom Gutsein-wollen

Um Gutes zu tun, braucht man nicht Gutmensch zu sein. Wer mit sich selbst übereinstimmt, tut auch anderen Gutes; aber nicht um jeden Preis, sondern bloß dort, wo das Gute Chancen hat, nachhaltig gut zu tun und nicht Gefahr läuft, sich für Dritte als Übles zu erweisen. Beim "Gutmenschen" ist Gutsein festes Programm. Es dient der Abwehr von Selbstwertzweifeln. Es ist ein narzisstisches Manöver und somit egozentrisch. Ohne sich um die langfristigen Folgen seiner Moral zu kümmern, plädiert der Gutmensch durch Ereignis und Erfahrung unbelehrbar für das vorder­gründig GuteZum Beispiel für eine Willkommenskultur, deren auflaufender Sprengstoff dereinst den sozialen Frieden zu zerstören droht und zukünftige Generationen mit einer schweren Hypothek belastet.. Sein Gutsein wird bedenkenlos.

Können gute Taten schaden? Gewiss: wenn das Gute, das man dem einen tut, zum Schaden eines anderen wird. Das Gewissen ist der Anwalt anderer. Es achtet darauf, dass deren Interessen berücksichtigt werden. Das Gewissen ist aber nur dann vollgültig gewissenhaft, wenn es das gesamte Wissen bei seiner Entscheidung versammelt; und somit die Interessen aller sieht. Wer nichts davon wissen will, dass die guten Taten, die er vollbringt, Dritten alles andere als guttun, hat sein Gewissen im Eifer für das Gute entmündigt.

Während das Gute an sich auf eigenen Beinen steht, ist programmatisch Gutes auf "Böses" angewiesen. Nur wenn es genügend "Böse" gibt, die dem Eifer des pro­grammatisch Guten Grenzen setzen, kann der Gutmensch im Wolkenkuckucksheim bleiben, ohne dass ihn die Wirklichkeit aus seinen IllusionenDer soziale Friede hat in Europa kaum eine Chance falls man ihn nicht vor dem unbegrenzten Zuzug globaler Probleme schützt. Einer selbstverliebten Moral fehlt die Kraft, das Desaster aufzuhalten, wenn ihre Naivität es einmal angerichtet hat. Man braucht nicht zu glauben, dass Europa beliebig Probleme lösen kann, bloß weil es eine Menge guter Menschen birgt. Der Mensch ist nämlich wandelbar und vielen gelingt das Gutsein nur solange die Wurst nicht von ihrem Brot verschwindet. schüttelt.

4.4. Toller Hecht

Der tolle Hecht tut so, als habe er nur Stärken. Stets hat der Anekdoten aus seinem Leben zur Hand, die Mut, Entschlusskraft und Erlebnisfähigkeit beweisen. Oft ist er auch zu riskanten Taten bereit, deren glücklicher Vollzug eine neue Anekdote liefert, oder er spornt sich zu Höchstleistungen an, die zwar an den Akkus zehren, zugleich aber Belege dafür sind, dass er als Hecht im Karpfenteich zu gelten hat.

Es sieht so aus, als sei der tolle Hecht dank seiner Stärke auf nichts und niemanden angewiesen. Die Bewunderung derer, die gerne bewundern, nimmt er scheinbar beiläufig in Kauf. Tatsächlich ist die Bewunderung, die der tolle Hecht im Umfeld bewirkt jedoch ein mächtiges Motiv, das seine Rollenwahl bestimmt.

Die Anerkennung, die dem Bild zukommt, das er sich und anderen zeigt, hält Selbst­wertzweifel, die Furcht vor den anderen, vor dem Leben und vor dem Tod in Schach.

Eine Menge groben Unfugs hätte die Menschheit verhindert, wären ihre Glaubenssätze vom Respekt vor dem Einzelnen geprägt.
4.5. Schwarzes Schaf

So manchem ist es lieber, bestraft, geprügelt oder verachtet, als ganz übersehen zu werden. So jemand übernimmt womöglich die Rolle des schwarzen Schafs.... und die Prügel, die er dafür bezieht, treiben ihn womöglich noch tiefer in Trotz, Zerstörungswut und Rebellion.

Das schwarze Schaf findet stets etwas Neues, was den Zorn des Umfelds erregt. Es räumt nicht auf, macht Sachen kaputt, hinterlässt unerfreuliche Spuren, hält Absprachen nicht ein, verstößt gegen Regeln, Konventionen und Gesetze.

Auch hier ist ein Bedürfnis nach Beachtung am Werk. Wenn man im Guten nicht auffällt, wie man es gerne täte oder wenn man erfahren hat, dass man für Gutes keine Anerkennung bekommt, ist die Rolle des schwarzen Schafs attraktiver als der Gang in die gefürchtete Unauffälligkeit.

4.6. Mitläufer

Was das schwarze Schaf fürchtet - übersehen zu werden - ist dem Mitläufer gerade recht. Er taucht in der Anonymität des jeweils Normalen unter. So findet er Zugehörigkeit und schützt sich vor den Gefahren der Exposition.

Der Mitläufer orientiert sich am Zeitgeist, den Sichtweisen des Umfelds, der jeweiligen Mode und wenn alle Fußball kucken, dann kuckt er eben auch; selbst wenn ihm der Sport nicht wirklich wichtig ist.

Vordergründig sieht es so aus, als verzichte der Mitläufer auf die Beeinflussung des Umfelds. Tatsächlich manipuliert aber auch er durch sein Rollenspiel. Vorbeugend lähmt er jeden Impuls, ihn als unzugehörig einzustufen und ihn folglich aus der schützenden Gemeinschaft zu verstoßen. Lieber als im kalten Wind zu stehen, hüllt er sich in Stallgeruch.

4.7. Vormund

Zur Rolle des Vormunds gehört die Überzeugung, zu wissen, was richtig und falsch ist; und zwar in jeder Lebenslage, in die er selbst oder ein umstehendes Mündel gerät. Die Erwägung, dass zwischen dem, was er für wahr hält und dem, was wahr ist, ein hauchbreit Abstand klaffen könnte, gilt ihm als Spekulation, die nur jemand anstellt, dem es an der Weitsicht eines Vormunds mangelt.

Zum Wesen des Vormunds gehört aber nicht nur der Glaube, dass das eigene Bild von den Dingen nahtlos ihrem tiefsten Wesen entspricht. Es gehört auch der Eifer dazu, aus der vom Himmel verliehenen Gewissheit heraus über das Leben eines jeden zu bestimmen, dessen er habhaft werden kann.

Im Kleinen lenken Vormünder das Leben ihrer Liebsten durch verschiedene Mittel:

Was niemanden ernsthaft verwundert: Ehrgeizige Vormünder treibt es an die Schalt­stellen der Macht. Gelingt Ihnen der Aufstieg in gesellschaftliche Positionen, leiten sie Abteilungen, kommandieren Einsatzgruppen, machen Politik, reagieren in Diskussionen aufs passende Stichwort, um klarzustellen, was jedermann klar sein sollte, sind empört, wenn irgendwer anders denkt, gießen Flutwellen von Verwaltungsvorschriften aus und gründen Sekten, die sich im vermeintlichen Auftrag Gottes gegebenenfalls über ganze Kontinente verbreiten.

Typische psychologische Rollen im Überblick

Rolle Motive Abwehrmechanismen Pathologische Formen
Armes Opfer Anspruch auf Entschädigung, Entlastung von Schuldgefühlen, Abgabe der Verantwortung Autoaggression
Projektive Identifikation
Projektive Des-Identifikation
Verdrängung aggressiver Impulse
Spaltung
Depressive Persönlichkeit
Paranoide Persönlichkeit
Liebes Kind Abgabe der Verantwortung, Vermeidung von Konkurrenz- und Progressionsangst, Schutz Regression
Fixierung
Verdrängung expansiver Impulse
Abhängige Persönlichkeit
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit
Guter Mensch Anerkennung moralischer Überlegenheit, Zugehörigkeit, Bedürfnis geliebt zu werden Altruistische Abtretung
Projektive Des-Identifikation
Depressive Persönlichkeit
Toller Hecht Bestätigung, Entbindung von sozialen Fesseln Verleugnung regressiver Impulse
Idealisierung des eigenen Ego
Abwertung anderer
Narzisstische Persönlichkeit
Schwarzes Schaf Beachtung, Betonung der Unabhängigkeit, Protest gegen Bezugspersonen Verleugnung oknophilerOknophil heißt Bindung suchend. Bedürfnisse
Reaktionsbildung
Verantwortungslosigkeit
Dissoziale Persönlichkeit, Delinquenz, Biographisches Scheitern, verkrachte Existenz
Mitläufer Zugehörigkeit, Konfliktvermeidung Verleugnung autonomer Impulse
Konfluenz
NormopathNormopath ist ein abwertender Begriff für Menschen mit einer überschießenden Anpassungsbereitschaft an soziale Normen. Er gehört nicht zum offiziellen Wortschatz der Psychopathologie. Er weist aber auf den Umstand hin, dass das seelisch Krankhafte nicht zwangsläufig normabweichend ist. Auch dem ganz Normalen haftet Krankhaftes, also Verkrümmtes an.
Vormund Vereinnahmung von Bezugspersonen für eigene Zwecke, Streben nach sozialer Dominanz Verleugnung von Selbstwertzweifeln
Abwertung
Projektive Identifikation
Cholerischer Haustyrann, Führerfigur mit hoher Fremdaggression

5. Klassische Rollenspiele (KollusionenVon lateinisch co = miteinander und ludere = spielen.)

Rolle ist stets ein Verhalten, das sich auf andere ausrichtet. Lauscht man im Wald dem Hämmern des Spechts, spielt man keine Rolle. Man ist, was man ist: ein Lauscher im Wald. Da sich jedes Rollenspiel auf andere bezieht, ist klar, dass es typische Inter­aktionsmuster gibt, die sich aus der wechselseitigen Wahl entsprechender Rollenspieler ergeben. Folgende Tabelle zeigt Paarungen, die sich gehäuft aufeinander einspielen.

Typische Kollusionen

A. Opfer L. Kind G. Mensch T. Hecht Sch. Schaf Mitläufer Vormund
A. Opfer ++ +
L. Kind + ++
G. Mensch ++ +
T. Hecht + ++
Sch. Schaf + ++
Mitläufer ++ ++
Vormund + ++ ++ ++

Typische Beziehungskollusionen entzünden sich an existenziellen Grundthemen des Daseins. Die Psychologie benennt diese Themen mit vier Begriffen:

  1. oral
  2. anal
  3. narzisstisch
  4. phallisch-ödipal

Dem entsprechend kann eine orale, eine anale, eine phallisch-ödipale und eine narzisstische Kollusion unterschieden werden, bei denen jeweils ein progressiver und ein regressiver Partner in Verbindung stehen.

6. Elternschaft: Vermeidung und Missbrauch

Das Wesen der Elternrolle ist Fürsorge. Da das Menschenkind unreif zur Welt kommt, drohen ihm Gefahren, denen es nicht gewachsen ist. Inhalt der Elternrolle ist es, diese Gefahren vorauszusehen und abzuwehren; damit das Kind ein Umfeld findet, in dem es aus seiner persönlichen Dynamik heraus gedeihen kann.

Psychologische Bedürftigkeiten

Typ Grundmuster
oral Ich will gefüttert werden.
anal Ich will machen können.
regressiv Ich will nicht in die Pflicht genommen werden.
narzisstisch Ich will bewundert und bestätigt werden.

Parentifizierung

Eltern weisen Kindern Elternrollen... entweder als emotionale Versorger ihrer selbst oder als Ersatzeltern für jüngere Geschwister. zu.

Fürsorge für andere bedeutet oft Zurückstellung eigener Wünsche. Deshalb ist Eltern­schaft nicht nur Glück und Segen. Sie ist auch Herausforderung, Einschränkung, Zumutung und Strapaze.

Gleichzeitig beinhaltet die Elternrolle soziale und psychologische Vorteile. Sie wertet auf und gibt dem Leben einen klaren Rahmen. Wer Vater oder Mutter ist, hat eine Position. Gegebenenfalls wird er von anderen Pflichten entbunden. Soweit er sich vor Freiheit fürchtet, gibt ihm der Kerker der Pflichterfüllung Geborgenheit.

Das kann zu zwei Problemen führen:

  1. Besteht eine hohe psychologische Bedürftigkeit der Eltern - bewundert, gefüttert oder verwöhnt zu werden -, droht Gefahr, dass Eltern ihre Rolle inhaltlich vermeiden.

    • Wenn sie unglücklich sind, suchen sie sich einen neuen Partner. Sie lassen die Kinder unversorgt zurück, entziehen ihnen ungefragt den anderen Elternteil oder muten ihnen Stiefväter oder -mütter zu.
    • Statt Eltern zu sein und aus der überlegenen Position heraus Pflichten zu erfüllen, sehen sie sich als Freunde ihrer Kinder. Sie überfordern diese durch die Zuweisung einer Rolle als persönliche Vertraute.Sie tun so, als ob es nicht Aufgabe von Eltern wäre, Kindersorgen aus der Welt zu schaffen, sondern umgekehrt. Sie beklagen z.B. die Schlechtigkeit des jeweils anderen Elternteils und heischen nach Bestätigung.

  2. Finden Eltern nicht den Mut, die sozialen und psychologischen Vorteile der Elternrolle aufzugeben, klammern sie sich daran fest.

    • Statt ihren erwachsenen Kindern die Ebenbürtigkeit Erwachsener zuzugestehen, versteifen sie sich auf die Elternrolle. Sie tun so, als ob ihre Kinder nicht eigenständig wären, sondern stets ermahnt, bevormundet, belehrt, versorgt oder behütet werden müssten. Dadurch missbrauchen sie ihre Kinder als Statisten einer biographischen Epoche, die in Wirklichkeit beendet ist.

    • Andere Eltern verlangen von ihren Kindern lebenslangen Ehrensold. Sie bahnen Schuldgefühle, indem sie von ihren entwachsenen Kindern Zuwendung erwarten.

Im ersten Fall ist das Rollenverhältnis unangemessen symmetrisch, im zweiten ist es unangemessen asymmetrisch.

7. Unterscheidungen

Nachdem so viel von Rollen die Rede war, bleibt zu fragen, wie man Rollenspiel von echtem Ausdruck unterscheidet. In der Praxis ist das schwer. Zum einen kann auf einen grundsätzlichen Gegensatz hingewiesen werden: den zwischen Selbst-Sein und Selbst-Verwaltung. Andererseits ist zu bedenken, dass sich die konkrete Handlungs­abfolge eines Rollenspiels nicht von der eines authentischen Handelns unterscheiden muss. Nicht das konkrete Verhalten zeigt Rollenspiel an, sondern das Unvermögen des Rollenspielers aus stereotypen Mustern auszusteigen.

7.1. Selbst-Sein und Selbst-Verwaltung

Es gibt zwei Möglichkeiten:

Oft lebt man das Leben nicht, sondern man plant, steuert und verwaltet es.
Statt man selbst zu sein, spielt man die Rolle eines Ego, das sich selbst bestärkt.
  1. Ich kann zulassen, dass sich mein So-sein unbeschnitten auswirkt.
  2. Ich kann festlegen, wie ich sein soll und mein Verhalten dem Plan gemäß ausrichten.

Echtes So-sein, das sich unbeschnitten zum Ausdruck bringt, entspricht keiner psycho­logischen Rolle. Das absichtliche Anstreben einer ausgewählten Persönlichkeits­gestalt beinhaltet zweierlei Rollen.

  1. Die Rolle, die ich meinem Selbstbild gemäß im Leben spielen will.
  2. Die Rolle, die ich spielen muss, um das besondere SelbstbildDas zu verwirklichende Selbstbild kann auch als Ich-Ideal bezeichnet werden. Abzugrenzen vom Ich-Ideal (Ich glaube, dass ich so und so sein sollte.) ist das angenommene Selbstbild (Ich glaube, dass ich so und so bin.) zu verwirklichen.

Während die Rolle, die man im Leben spielen will, von Person zu Person unterschiedlich ist, kann die Rolle, die man spielen muss, um ein Selbstbild zu verwirklichen, einheitlich benannt werden: Es ist die Rolle eines Verwalters in einem inszenierten Leben, in dem man die Rolle darzustellen versucht, die man glaubt, darstellen zu müssen.

Typische Tätigkeiten des Selbst-Verwalters

Kleinkinder sind regelhaft authentisch. Sie bringen ihr Wesen ohne planende Absicht zum Ausdruck. Sind sie froh, lachen sie. Sind sie traurig, weinen sie. Sind sie wütend, brüllen sie. Sind sie müde, schlafen sie. Zwischen ihnen und der Welt gibt es ein ungestörtes Wechselspiel.

Bei Erwachsenen ist das anders. Der Erwachsene hat eine Idee von dem entworfen, was und wie er sein will.

Um das Ich-Ideal zu verwirklichen, übernimmt der Erwachsene die Rolle des Selbst-VerwaltersMan könnte die Rolle des Selbst-Verwalters auch Karriere-Planer oder Regisseur der eigenen Biographie nennen.. Er identifiziert sich mit seinem Ego und versucht, Kontrolle über sich zu erringen.

Wie bei allen Rollen geht es auch bei der des Selbst-Verwalters um den Erwerb von Vorteilen und die Vermeidung von Nachteilen. Nur die wenigsten Menschen haben den Mut, auf eine umfassende Berechnung eigener Vor- und Nachteile zu verzichten. Der normale Mensch spielt die Rolle des Selbst-Verwalters mit beharr­licher Energie. Bei allem, was er tut, beurteilt und steuert er sein Verhalten gemäß den Vorgaben seines Ich-Ideals.

Problematisch wird die Rolle des Selbst-Verwalters, wenn sie die spontane Lebendigkeit zu sehr beschneidet. Statt das Leben zu leben, wird nur noch eine Absicht vollstreckt. Das führt regelhaft zum Scheitern. Das Erreichen des eigentlichen Ziels, glücklich zu sein, wird durch das strategisch geplante Bemühen, glücklich zu werden, vereitelt. Das Glück liegt darin, nichts zu wollen. Wer es haben will, kann nicht glücklich sein. Glück ist nichts, was man haben kann. Glück ist zu sein, was nichts haben will.

7.2. Spontane Wahl oder festes Muster

Verhält sich eine Person authentisch, kann es sein, dass sich ihr konkretes Verhalten in einer bestimmten Situation gegebenenfalls nicht von dem eines reinen Rollenspielers unterscheidet. Wenn es stimmig erscheint, verhält sich auch der authentische Mensch mal wie ein Mitläufer, mal wie ein Vormund, mal setzt er sich für das Wohl anderer ein und ein weiteres mal genießt er es, im Mittelpunkt zu stehen.

Authentizität

Authentizität geht auf das griechische auth-entes (αυθεντες) = Urheber, Ausführender zurück. Man handelt authentisch, wenn man als Urheber des eigenen Handelns im Handeln sichtbar bleibt.

Beim Rollenspiel tritt der Urheber des Handelns hinter der Rolle zurück. Das Handeln drückt nicht das eigentliche Wesen des Urhebers aus, sondern verdeckt es.

Je mehr ein Kulturkreis das authentische Wesen des Einzelnen einer politisch korrekten Moral unterordnet, desto mehr verschwindet der Einzelne in seinen Rollen.


Wer sich selbst nicht sieht, ist sich selbst nichts wert. Es bleibt ihm nur der Wert von Status und Rolle.

Im Gegensatz zum pathologischen Rollenspieler ist er aber nicht an bestimmte Muster gebunden. Das Muster selbst hat für ihn keine psychologische Bedeutung. Es ist lediglich Werkzeug. Es wird je nach Lage der Dinge und momentaner Befindlichkeit zweckdienlich angewandt. Das führt zu zweierlei:

8. Kulturelle Besonderheiten

Zwischen gespielter Rolle und Authentizität können Welten klaffen. Welche Rolle dem Rollenspiel zukommt und welche Bedeutung dem authentischen Ausdruck des Individuums, hängt zu einem großen Teil von der kulturellen Prägung ab. Kulturkreise, die dem Indivi­duum Bedeutung zugestehen, ermutigen autonomen Selbstaus­druck. Kulturkreise, deren oberstes Ziel in der Anpassung des Einzelnen an gesellschaftliche Normen liegt, fördern Rollenspiele.

Die Anpassung des Einzelnen an vorgegebene Denk- und Verhal­tensmuster ist ein zentrales Anliegen politischer und konfes­sioneller Weltanschauungen. Der nachhaltigste Einfluss geht von politisch-religiösen Glaubenskulten aus. Dabei gilt folgende Regel:

In Europa gab es die Aufklärung. Ihre Nachwirkungen schützen das Individuum vor pseudoreligiöser Willkür und Verfügbarkeit. Hätte die Aufklärung die Macht der biblischen Tradition nicht eingeschränkt, wäre es für den Einzelnen auch heute noch gefährlich, aus verordneten Rollen auszubrechen und er selbst zu sein. Er stünde vor der Herausforderung, Konformität zu heucheln, sich mit der Lehre gleichzusetzen oder sich, gegebenenfalls unter Gefahr für Leib und Leben, ihrer Feindseligkeit zu stellen.

Im Orient hinkt die Aufklärung hinterher. Dort ist die Mehrheit so tief in das Gefüge sozialer Rollenspiele eingewoben, dass für das Individuum an sich so gut wie kein SpielraumSelbstverständlich gilt das ebenso für jene Bereiche des Christen- und des Judentums, die sich mehr als nur verbal zum dogmatischen Kern ihres Glaubens bekennen. bleibt. Im orientalischen Kulturkreis ist der Geist in Dogma und Angst gefangen. Die Mehrheit schützt sich durch ein Mitläufertum, das, wird dessen Tugend bezweifelt, die Bosheit, die es beherrscht, wütend verteidigt.

Raja und Mehmet

Raja ist die Tochter ihres VatersWenn Raja's Vater nach Hause kommt, nimmt er auf dem Diwan Platz. Raja kniet vor ihm nieder, zieht ihm die Schuhe aus und bietet ihm Pantoffel an. Hinter Raja's Vater steht der Schatten einer alten Tradition. Raja's Vater sieht seinen höchsten Wert darin, dem Schatten gegenüber Gefolgsmann zu sein. Das ist die wichtigste Rolle, die er im Leben spielt. Wer kein Gefolgsmann des Schattens ist, ist in seinen Augen nur Schmutz. und die Enkelin ihres Großvaters. Sie ist die Schwester ihrer sämtlichen Brüder, die kleine Schwester ihrer großen Schwestern und die große Schwester ihrer kleinen Schwester. Außerdem ist sie die große Cousine ihrer kleinen Cousinen, die Cousine ihrer Cousins und die Nichte ihrer Onkel.

Mehmet ist Enkel seines Großvaters und Sohn seines Vaters. Er ist der große Bruder seiner kleinen Brüder, der Bruder sämtlicher Schwestern und der kleine Bruder seines großen Bruders. Außerdem ist er der Neffe seiner Onkel und Tanten väterlicherseits und seiner Onkel mütterlicherseits. Er ist der kleine Cousin von vier großen Cousins ersten Grades und zwei großen Cousins zweiten Grades, außerdem der Großcousin der Nichte seines Großvaters väterlicherseits.

Wenn Raja und Mehmet sich fragen, was sie jenseits dieser Rollen sind, finden sie keine Antwort darauf. Fragt man sie, welcher Stimmung sie sind, blicken sie dem Fragenden fragend ins Gesicht. Sich selbst nehmen sie kaum wahr. Manchmal hat man den Eindruck, dass sie nicht wissen, dass es sie jenseits ihrer Rollen tatsächlich gibt.