Nicht Wer ist schuld, sondern Was ist schuld.

Jede Schuld ist beglichen, wenn man vollständig in der Wirklichkeit lebt.

Alles was ist, ist in Ordnung. Es ist in der Ordnung dessen, was ist. Zur Ordnung dessen, was ist, gehört, dass man das, was ist, nicht immer akzeptieren kann. Dann ist der Versuch in Ordnung, es zu verändern.

Es ist leicht, mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen, wenn man selbst kaum Gelegenheit hatte, schuldig zu werden. Trifft man Schuldige, lohnt die Frage, ob die eigene Unschuld nicht Zufall ist.

Schuld


  1. Begriffsbestimmung
    1. 1.1. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
    2. 1.2. Das Leben an sich und die anderen
  2. Schuld und psychologischer Grundkonflikt
    1. 2.1. Schuld oder Angst
  3. Schuldgefühl und Krankheit
      1. 3.1. Begleichung
      2. 3.2. Verwechslung
      3. 3.3. Verdrängung
      4. 3.4. Zuschreibung
  4. Politische Dimensionen
    1. 4.1. Schuld und biblisches Weltbild
    2. 4.2. Ein deutsches Thema
  5. Existenzielle Grundschuld
    1. 5.1. Schuldfreiheit

1. Begriffsbestimmung

Die Begriffe Schuld und Verantwortung befassen sich mit Störungen der Gerechtigkeit. Schuld ist unerfüllte Verantwortung. Wer seiner Verantwortung nicht nachkommt, macht sich schuldig. Das Wort Schuld kommt von sollen. Der Schuldige soll eine Pflicht erfüllen, damit die Gerechtigkeit wiederhergestellt wird.

Im Begriff Verantwortung findet man die Vorsilbe ver- und das Verb antworten. Die Vorsilbe weist auf eine Veränderung hin.

1.1. Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Die Wahl zwischen den Begriffen hat Folgen. Während die Frage nach Verantwortung nach demjenigen sucht, der die Antwort auf ein Problem zu geben hat, fragt Schuld im moralischen Sinn nach dem, der zu bestrafen ist.

Die Zuweisung der Verantwortung ist konstruktiv. Sie sieht ein Problem, das gelöst werden soll. Sie wertet auf, da sie dem Verantwortlichen mit der Pflicht die Fähigkeit zuschreibt, Gutes zu tun. Wer aber Gutes tun kann, ist wertvoll. Verantwortliche haben einen Rang.

Die Zuweisung von Schuld ist destruktiv. Dem Schuldigen wird kein Wert zugeschrie­ben. Er wird ihm aberkannt. Beim Blick auf den Schuldigen denkt man nicht an das Gute, das er geben kann, sondern an den Schaden, den man ihm zur Strafe seines Unwerts zufügt. Schuldige werden herabgestuft.


Bei Störungen der Gerechtigkeit
fragt man nach...
Schuld oder Verantwortung
Schuld spricht davon, dass die Störung bereits eingetroffen ist und der Schaden des Opfers nicht mehr gut gemacht werden kann. Verantwortung geht davon aus, dass der Schaden erst droht oder noch zu beheben ist.
Spricht man von Schuld, will man die Waage ausjustieren, indem man dem Täter durch Strafe etwas nimmt. Spricht man von Verantwortung, will man die Waage ausjustieren, indem der Täter dem Opfer etwas gibt.
Der Täter soll leiden. Das Leid des Opfers soll behoben werden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch ist die Grenze zwischen den Begriffen durch­lässig. So sagt man nach einem Verkehrsunfall: Ich war schuld. Dabei denkt man kaum an Strafe, sondern daran, dass man für die Wiedergutmachung des Schadens verantwortlich ist.

Wird man bei Gericht allerdings schuldig gesprochen, wird ein Strafmaß festgelegt. Dabei geht es nicht um die Regulierung eines verursachten Schadens, sondern um die verhaltenssteuernde Verursachung eines neuen. Die Verhaltenssteuerung bezieht sich dabei auf den Täter selbst, aber auch auf andere, die von der gleichen Tat abzuschrecken sind.

1.2. Das Leben an sich und die anderen

Man kann vom Leben zur Verantwortung gezogen werden oder von der Gemeinschaft. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Kategorien.

Der Wirklichkeit entkommt man nicht

Die Wirklichkeit zieht jeden für das zur Verantwortung, was er entscheidet. Sie mutet ihm die Konsequenzen zu, die seinen Taten folgen. Den Konsequenzen, die das Leben bestimmt, kann niemand entkommen.

Hier und dort kann man sich dazu entscheiden, die Übernahme der Verantwortung zu verweigern. Dann hat man die Verantwortung für die Verweigerung zu tragen.

Gerechtigkeit

Über Gerechtigkeit wird viel gestritten; obwohl sie jeder gutheißt. Das liegt daran, dass der Begriff Gerechtigkeit ein Behälter ist, den jeder nach Gutdünken füllen kann. Da der Mensch meist unter der Herrschaft seines Ego steht, befüllt er den Behälter mit dem, wovon er sich Nutzen verspricht. Das gilt auch dann, wenn der Nutzen bloß aus einem gutem Gewissen besteht.

Aus dem gleichen Grund hat man den Eindruck, dass die Verantwortung, die das Leben erzwingt, nicht als vollgültig gerecht bewertet werden kann. So viele Mörder, Betrüger und Schinder entkommen dem Zugriff des individuellen Gerechtigkeitssinns; was man nur akzeptieren kann, wenn man Macht und Gerechtigkeit gleichsetzt oder an einen jenseitigen Ausgleich glaubt.

Um über die Gerechtigkeit des Lebens gerecht zu urteilen, müsste man die Wirklichkeit ohne eigenes Streben nach persönlichem Vor- und Nachteil erken­nen. Solange man das nicht kann, bleibt unentschieden, ob es Gerechtigkeit als Faktum oder bloß als menschliche Hoffnung und Anspruch gibt.

2. Schuld und psychologischer Grundkonflikt

Schuldgefühle zeigen einen Verstoß gegen die Zugehörigkeit an. Zugehörigkeit ist kein bloßes Dabeisein. Es ist ein Geben und Nehmen. Sobald wir anderen schuldig bleiben, was ihnen zusteht, spüren wir die Gefahr, unseren Platz in der Gemeinschaft zu verlieren. Schuldige werden aus der Gemeinschaft verstoßen, indem man sie umbringt, verjagt, ignoriert oder einsperrt. Das Schuldgefühl ist eine Form der Angst. Es macht uns auf eine Gefahr aufmerksam. Es ist ein Regulativ unserer persönlichen Entwicklung.

2.1. Schuld oder Angst

Die Regeln, die eine Gemeinschaft festlegt, definieren eine soziale Schuld. Soziale Schuld hängt von Zeitgeist und Kulturkreis ab. Ob eine Person beim Verstoß gegen soziale Regeln Schuld oder Angst empfindet, wird vom Grad ihrer Identifikation mit den Regeln der Gemeinschaft bestimmt; ... und vom Nachdruck, mit der die Gemeinschaft die Einhaltung ihrer Regeln fordert.

Hat eine Person die Regeln verinnerlicht, wird sie beim Verstoß Schuld empfinden. Hat sie die Regeln nicht verinnerlicht, hat sie Angst vor Bestrafung, wenn sie nicht sicher ist, ob sie den Verstoß geheim halten kann.

Schuld und Schuldgefühl

Schuld ist eine objektive Größe. Sie liegt jen­seits der Person in der Wirklichkeit. Wie groß sie tatsächlich ist, kann vom Individuum nur subjektiv gedeutet werden. Ihr Ausmaß wird nur durch Taten beeinflusst.

Schuldgefühle spiegeln die subjektive Ein­schätzung der Person bezüglich ihres Seins und Sollens wieder. Sie werden unmittelbar wahrgenommen. Ihr Ausmaß wird durch Taten und Sichtweisen bestimmt.

Existenzielle Schuld ist eine Frage des Gewissens. Das Gewissen ist eine Versammlung des Wissens. Es prüft, ob eine Tat mit dem Wesen des Täters in Übereinstimmung steht. Das Wesen des Täters wird wesentlich von dem mitbestimmt, was er zum Zeitpunkt der Gewissensprüfung weiß oder zu wissen glaubt.

3. Schuldgefühl und Krankheit

Schuldgefühle sind nicht immer nützlich. Oft wird man in ihrer Gegenwart krank. Drei Gründe sind dafür zu nennen:

  1. Man will die Schuld nicht begleichen.
  2. Schuld wird mit Angst vor Selbständigkeit verwechselt.
  3. Schuldgefühle werden verdrängt.
  4. Schuld wird anderen zugeschrieben.
3.1. Begleichung

Schuld ist ein Verstoß gegen die Zugehörigkeit. Bei leichter oder mäßiger Schuld geht es meist um soziale Zugehörigkeit. Wir schulden anderen Personen, was diesen zusteht. Um die Zugehörigkeit zu sichern, reicht es, die Schuld aus dem zu begleichen, was wir haben. Bei sozialer Schuld wird unsere Person als solche nicht infrage gestellt. Sträubt man sich aber, soziale Schuld zu begleichen, kann das zu chronischen Spannungen führen.

Schwere Schuld besteht, sobald wir anderen einen Schaden zugefügt haben, der nicht mehr gutzumachen ist. Hier geht es um existenzielle Zugehörigkeit. Es geht nicht nur um unseren Platz in der Gruppe. Es geht um den Platz in der Schöpfung.

Leichte Schuld kann aus dem beglichen werden, was man hat, schwere Schuld nur aus dem, was man ist.

Während man sich bei der sozialen Schuld nicht grundsätzlich hinterfragen muss, bedarf exis­tenzielle Schuld einer Neubestimmung des Ego. Eine existenzielle Schuld, die nicht beglichen werden könnte, gibt es nicht. Die schwerste Schuld ist jedoch nur zu begleichen, wenn man die Bindung ans Ego aufgibt. Wer bei schwerster Schuld das Ego nicht aufgibt, wird durch das Schuldgefühl nicht geläutert, sondern krank.

3.2. Verwechslung

Krankhafte Schuldgefühle entstehen auch, wenn man Angst vor Selbständigkeit mit Schuld verwechselt. Wer sich vor den Folgen eigenständiger Entscheidungen fürchtet, neigt dazu, jeden Impuls zur Vertretung seiner Interessen schuldhaft zu erleben. Da Schuldgefühle den Anspruch auf Selbstbestimmung schwächen, schützen sie den ängstlichen Menschen vor der eigenen Courage. Die Betonung der Zugehörigkeit durch den missbräuchlichen Gebrauch von Schuldgefühlen kann zu chronischen Depressionen führen.

3.3. Verdrängung

Schuldgefühle sind unangenehm. Schuld wird als Gefahr erlebt. Man geht davon aus, dass das Risiko, Schaden zu nehmen, durch Schuld gesteigert wird. Da man dazu neigt, Schuld und Schuldgefühl gleichzusetzen, neigt man auch dazu, Schuldgefühle zu verdrängen. Man meint, dass man mit dem Schuldgefühl auch die Schuld beseitigen kann. Tatsächlich geht das nicht.

Der Zusammenhang zwischen Schuld und Schuldgefühl ist locker. Die Stärke des Schuldgefühls sagt nur wenig über das objektive Ausmaß einer Schuld. Das objektive Ausmaß einer Schuld ist letztlich unbekannt.

Woran misst man Schuld?

Die Verdrängung von Schuldgefühlen ist eine häufige Ursache seelischer Störungen. Vieles spricht dafür, Schuldgefühle bewusst zu durchleben:

  1. Schuld wird durch die Verdrängung des Gefühls sowieso nicht beseitigt.

  2. Zwischen der Wucht des Gefühls und tatsächlicher Schuld besteht keine objektive Verbindung.

  3. Die Verdrängung des Schuldgefühls kostet Energie, die womöglich nicht mehr zur Verfügung steht, tatsächliche Schuld zu vermeiden.

  4. Schuldgefühle sind Ausdruck der Person, die sie empfindet. Schuldgefühle ungehindert zuzulassen, hat eine reinigende Wirkung. Gefühle ohne Auswahl zu durchleben, ist eine Bejahung des eigenen Selbst. Wer sich bejaht, vermeidet die Schuld, sich zu verleugnen und vermindert die Gefahr, andere zu verneinen.

  5. Durchlebte Schuldgefühle steigern das Bewusstsein für die Gefahr, sich zu verschulden. So verbessert sich die Chance, dass man das, was man selbst für schuldhaft hält, in Zukunft vermeidet.
3.4. Zuschreibung

Die Verdrängung von Schuldgefühlen ist oft von Projektion begleitet; und diese ihrerseits von Spaltung. Wer die Übernahme eigener Verantwortung umgeht, neigt dazu, sie anderen zuzuschreiben. Sobald er gut und böse in zwei getrennte Kategorien gespalten hat, kann er das Böse nahtlos projizieren. Glaubt man daran, der Andere sei zunächst am Zuge, ein Soll zu erfüllen, fühlt man sich von Erfüllungsdruck und Zweifeln am Eigenwert befreit. Mit mir ist alles klar. Beim anderen stimmt was nicht.

Einerseits erleichtert die Zuschreibung, andererseits lähmt sie die Initiative dessen, der sich ihrer bedient. Dem kurzfristigen Vorteil der Schuldzuweisung stehen langfristig Nachteile gegenüber. Durch die Passivität, die sie fördert, gerät man ins Hintertreffen. Fühlt man sich im Hintertreffen, neigt man dazu, Schuldige dafür zu suchen. Ein Teufelskreis entsteht. Wer dabei unbelehrbar ist, zeigt ein Leben lang vorwurfsvoll nach irgendwo und versäumt, sein Glück aus eigener Kraft zu suchen. Typischerweise machen das Menschen mit paranoider Persönlichkeitskomponente.

Schuldzuweisung kann auch narzisstische Motive haben. Zeige ich auf die Schuld ande­rer und damit auf deren Makel, steige ich in der Wertschätzung meiner selbst. Der andere hat Dreck am Stecken. Ich selbst bin so tapfer, darauf hinzuweisen und verbes­sere die Welt.

4. Politische Dimensionen

Schuldgefühle führen dazu, dass der, der sie empfindet, bereit ist, die Ansprüche dessen zu erfüllen, dem gegenüber er sie empfindet. Darüber hinaus dämpfen sie expansive und egozentrische Impulse generell und räumen so das Feld für den, der sich unschuldig fühlt. Wer sich schuldig fühlt...

Schuldgefühle sind daher nicht nur innerseelische Wirkkräfte. Es sind auch soziale und politische Werkzeuge. Auf der Ebene unmittelbarer Beziehungen werden Schuldgefühle geschürt, um beim Ringen um Dominanz und der Einforderung von Loyalität die Oberhand zu behalten.

Während wir diese drei Sätze gelesen haben, wurden sie weltweit tausendfach ausge­sprochen. Wir können davon ausgehen, dass bei einem großen Teil davon die Ebenbürtigkeit des Beschuldigten missachtet und sein Selbstbestimmungsrecht negiert wurde; und dass der Vorwurf nicht Gerechtigkeit im Auge hatte, sondern bloß den Vorteil dessen, der ihn erhob.

Was im Mikrokosmos persönlicher Beziehungen zum Einsatz kommt, folgt auf politischer Ebene dem gleichen Mechanismus. Seit der Urmensch erkannte, dass man das Verhalten anderer nicht nur durch Gewalt bestimmen kann, sondern auch indem man die Vorstellungen beeinflusst, die sie über geschuldetes Verhalten haben, hat sich die Macht zum Hüter der Moral ernannt und die Moral prompt so verkündet, dass es ihrem Machterhalt entgegenkommt. Resultat sind kollektive Weltanschauungen, die als Introjekte ordnungspolitisch wirksam sind, die das Wohlbefinden des Einzelnen aber oft durch die Induktion von Schuldangst dämpfen.

Beispielhaft sind Tabus zu nennen, die bei Naturvölkern Individuen davon abschrecken, ihrem Tatendrang freien Lauf zu lassen und so die Stammesordnung zu gefährden. Beispielhaft sind aber auch politisch induzierte Denkmuster größeren Stils, die ihren eigenen Bestand erfolgreich sichern, indem sie jeden Zweifel an ihrer Lehre bereits als schwere Schuld beschreiben. Perfektioniert wurde das Werkzeug der Schuldangst durch die Offenbarungskulte, deren Beispiel und Wirkung bis in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus erkennbar sind.

4.1. Schuld und biblisches Weltbild

Im europäischen Kulturkreis wurde der Umgang mit Schuld vom mosaischen Weltbild geprägt. Der bloßen Zugehörigkeit zum auserwählten Volk, also einer sozialen Zugehö­rigkeit, wurde von der jüdischen Theologie aus politischen Gründen existenzielle Bedeutung zugeschrieben. Jede Kritik an der verordneten Lehre wurde durch Androhung einer vorgeblich gottgewollten Vernichtung aller Zweifler eingeschüchtert.

Wohlgemerkt
Auch andere Theologien haben mangelnde Konformität als schuldhaft verfolgt, aber nie so programmatisch wie die abrahamitischen. Die Gleichsetzung von sozialer Schuld und existenziellem Unwert sowie die Formulierung eines geschlossenen Denksystems, das die Gleichsetzung als unverrückbar festlegt, ist ein Werk der Bibel. Beides kam im Koran zu neuer Blüte. Jeder, der sich einem solchen Kult verschreibt, stimmt der Entwertung von Menschen zu. Das ist tragisch; denn die Mehrheit derer, die zustimmen, sucht eigentlich den rechten Weg. Es ist ein Jammer, dass sich so viel Sehnsucht im moralischen Wirrwarr selbsternannter Propheten verfängt. Denn welche Moral als die eines kranken Geistes spräche von einem liebenden Gott, der Menschen auf ewig quält, weil sie Propheten nicht glaubten?

Offenbarung 19, 3:*
Und abermals riefen sie: "Alleluja"! Ihr Rauch steigt auf in alle Ewigkeit.

1 Samuel 15, 23:*
...Eigensinn ist Sünde wie schuldbarer Götzendienst...

Psalm 101, 8:*
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...

Psalm 139, 22:*
Mit äußerstem Haß hasse ich sie.

Schuld und Entwertung
Das mosaische Gottesbild ist von Abwertung, Idealisierung und Projektion geprägt. Die Schuld an der eigenen Aggression verleugnet es, indem es alles Böse Andersdenkenden und konkurrie­renden Gruppen zuschreibt. Um die Zuschreibung zu erleichtern, entwertet es Gruppenfremde zu gottverhassten Frevlern, die man im göttlichen Auftrag zu bekämpfen hat. Wir mussten sie umbringen, weil sie so schlecht waren und Gott es befahl. Da die Entwertung anderer der eigenen Ausbreitung dient, schreibt der Glaube Schuld und Verdammnis überragende Bedeutung zu. Das Vorteilsdenken der eigenen Gruppe idealisiert er zum Gottesdienst.

Das Christentum hat die jüdische Theologie übernommen. Es hat Europa mit deren Fehl­deutung sozialer als existenzielle Schuld überschwemmt. Das hat zu gesellschaftlichen Verhältnissen geführt, aus denen heraus verbogene Menschen Taten begingen, die nach mensch­lichem Ermessen zutiefst schuldhaft sind. Die ideologischen Grundlinien des Dritten Reichs finden ihre Entsprechung im alttestamentarischen Denken.

4.2. Ein deutsches Thema

In Deutschland ist Schuld ein besonderes Thema. Ursache ist das Dritte Reich und die Spaltung seines Selbstbilds, die Deutschland im Zuge der Aufarbeitung seiner Verbrechen betreibt. Die ständige Mahnung, sich für die Gräueltaten der Vorväter verantwortlich zu fühlen, trifft das Selbstwertgefühl vieler, denen keine Schuld daran anzulasten ist. Aus politischen Gründen wird eine kategorisch polarisierende Bewertung der Geschichte aufrechterhalten, die sowohl deren nationale Komplexität als auch ihre internationale Verzahnung ignoriert. Resultat ist ein geistiges Klima, das Deutschen eine historisch herausragende Erbschuld zuordnet, die immer wieder neu einzugestehen, aber niemals aus der Welt zu schaffen ist.

Die Spaltung von gut und böse sowie die Projek­tion des eigenen Bösen auf Gegner und Fremde waren wesentliche psychodynamische Weichen­stellungen des Dritten Reichs. Die spaltende Betrach­tung des Dritten Reichs bleibt ebenfalls hinter der Komplexität der Wirklichkeit zurück. Die Chance zu lernen, wird zum Teil vertan.

Mögliches Ende der Spaltung

Anerkannt werden könnte zweierlei:

  1. Das Dritte Reich ist als boshaft zu bezeichnen. Es hat weit mehr Unrecht in die Welt gebracht, als es jemals aus ihr hätte beseitigen können.
  2. Obwohl es zu blanker Bosheit entartet ist, ist es aber auch aus erlittenem Unrecht entstanden.

Nur wenn es das Unrecht, das eine Wurzel der Entgleisung war, nicht aus den Augen verliert, kann Deutschland zu seiner Geschichte stehen.

Richtig ist, dass Deutsche im Dritten Reich Verbrechen begingen, die das bis dahin bekannte europäische Maß an Menschenverach­tung übertrafen. Falsch ist, dass die deutschen Verbrechen als etwas qualitativ völlig Neues aus dem Hintergrund einer Geschichte hervorbrachen, die Ähnliches noch nie gesehen hatte und in Unschuld davon überrascht wurde.

Beim Aufbau ihrer Imperien hatten europäische Staaten von je her andere Völker überfallen, versklavt und sich ihrer Länder bemäch­tigt. Mord, Folter und Rassismus waren dabei gang und gäbe. Solange der vorwiegend Nicht-Europäer traf, galt er Europäern aber als lässliche Sünde. Der spanische, französische und englische Imperialismus entfaltete sich auf dem Gebiet weitgehend wehrloser Völker in Übersee. Er hatte mit vergleichsweise geringer Gewaltanwendung Erfolg. Hitlers wahnwitziger Versuch, Deutschland auf europäischem Boden imperiale Größe zu verschaffen, griff mehrere Großmächte gleichzeitig an. Er entfesselte daher in kurzer Zeit ein erheblich größeres Ausmaß an Gewalt.

Richtig ist auch, dass Deutschland die Hauptschuld dafür anzulasten ist, dass es zur Entstehung des Dritten Reiches kam. Falsch ist aber, dass es die Schuld alleine trägt. Ohne Kausalfaktoren, die aus dem gesamteuropäischen Machtgefüge heraus gewaltsam in die Weimarer Republik hineingewirkt hätten, hätte es kein Drittes Reich gegeben. Das Dritte Reich ist daher kein ausschließlich deutsch zu verantwortendes Desaster, sondern eine Entgleisung der europäischen Kultur als Ganzes. Das gilt erst recht im Hinblick auf Europas biblisch geprägte Tradition, die sämtliche Gräueltaten, die auch das Dritte Reich beging, als potenziell gottgewollte Gerechtigkeit einstuft.

1 Samuel 15, 1-3:*
Samuel sprach zu Saul: "Mich hat der Herr gesandt... Gehe nun hin und schlage Amalek, vollstrecke an allem... den Bann und verschone nichts; töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge...

Zwischen der biblischen Auffassung von Gerechtigkeit und dem Holocaust besteht ein kausaler Zusammenhang, der Opfer und Täter über die Spaltung von gut und böse hinaus in eine gemeinsame Tragödie verstrickt hat. (siehe dazu Cham)

Deutschlands Bereitschaft, die Rolle des Alleinschuldigen für Krieg und Barbarei zu über­nehmen, beruht auf einem europäischen Geschäft. Für ein umfassendes Geständnis, das auch die Mitschuld seiner Ankläger umfasst, bekam es mildernde Umstände. So wie Europa als Ganzes zwischen gut und böse spaltet, so darf auch Deutschland spalten. Das gute Deutschland darf sich als Teil eines guten Europas betrachten, solange es die gemeinsame Schuld des Abendlands auf einem abgespaltenen Teil des deutschen Selbstbilds deponiert. Das Muster ist bekannt. Auch es stammt aus der Bibel: Gut ist der, der eigentlich schuldlos ist und doch die Sünden aller auf sich nimmt.

5. Existenzielle Grundschuld

Einerseits ist der Einzelne das, was er in Wirklichkeit ist. Andererseits spielt fast jeder Rollen, durch die er sich bemüht, als etwas zu erscheinen, was er hinter der Maske des Spiels nicht wirklich ist. Darauf fußt eine existenzielle Grundschuld.

Der Einzelne entsteht aus der Wirklichkeit. Sie macht ihn zu dem, was er ist. Als das, was er ist, hat die Wirklichkeit den Einzelnen in sich eingefügt. Zu dem, was der Einzelne wirklich ist, gehört seine Freiheit, so zu tun, als sei er etwas anderes. Im egozentrischen Rollenspiel wird diese Freiheit ausgeübt.

Der Freiheit, von sich abzuweichen, entspricht zugleich die Freiheit, genau das nicht zu tun. Nur wer sich dazu entscheidet, nicht von dem abzuweichen, was er wirklich ist, kann im existenziellen Sinne schuldfrei sein.

5.1. Schuldfreiheit
Wer sich annimmt, wie er ist, ohne sich zweckgerichtet zu verformen, nimmt auch andere an, so wie sie sind. Er wird sie weder abwerten noch ihnen absichtlich schaden. Es kann dabei sein, dass jemand durch die Begegnung mit dem, der ist, was er ist, etwas erleidet. Die Schuld an diesem Leid liegt dann jedoch bei dem, der leidet. Er schuldet der Wirklichkeit, sich und den anderen so sein zu lassen, wie sie in Wirklichkeit sind.

Sein zu wollen, was man nicht wirklich ist, wird durch Motive bewirkt. Durch ein eigen­mächtig festgelegtes Sosein will man etwas erreichen: Vorteile oder die Verhütung von Nachteilen. Jedes absichtlich zielgerichtete Festlegen eines persönlichen Soseins droht die existenzielle Grundschuld zu erhöhen. Die meisten Absichten sind dabei nicht bewusst. Erst durch Selbsterforschung kann man viele Motive, unter deren Einfluss man handelt, erkennen. Das gilt vor allem für solche, die zu psychologischen Rollen geronnen sind, die eine verdeckte Manipulation des Umfelds bewirken.

Daraus folgt:

Wer so ist, wie er ist, ohne damit etwas zu bezwecken, ist schuldfrei. Man glaube nicht, dass das einfach wäre. Zu sein, was man ist, heißt keineswegs bloß die Person zu sein, deren Rolle man im Leben spielt. Es heißt, man selbst zu sein... und das Selbst ist stets größer, als jede Rolle, die man spielen könnte. Tatsächlich ist man nur dann man selbst, wenn man sich nicht mehr mit seiner Person verwechselt. Das zu erreichen kann schwerer sein, als zugleich Chinesisch, Klavier und Klarinette zu erlernen. Schuldfrei kann nur werden, wer Schuld anerkennt, ohne davon etwas zu erhoffen. Wer kann das schon?


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.