Wenn es Leid erzeugt, verfehlt das Bewusstsein das eigene Wesen.

Wenn es Leid aus dem Wege geht, drückt es sich vor sich selbst.

Wenn es Leid erlebt, erkundet es die Tiefe.

Wenn es Leid behebt, stimmt es mit sich überein.


Glück liegt auch in der Gewissheit, dass man am Leid wachsen wird.

Viele betrachten Leid als bloßen Störfaktor der Lebendigkeit. Dabei ist es eine Chance, um lebendiger zu werden.

Durch den Versuch, Leid kopflos aus der Welt zu schaffen, hat der Mensch viel Leid in die Welt gebracht.

Alles Leid ist in die Zeit geworfen, weil es im Jenseits keine Hölle gibt.

Leid

  1. Begriffsbestimmung
  2. Funktion
    1. 2.1. Vermeidbarkeit
    2. 2.2. Verdächtigungen
  3. Ursachen
    1. 3.1. Körperlichkeit
    2. 3.2. Psychologischer Grundkonflikt
    3. 3.3. Selbstwertzweifel
      1. 3.3.1. Prägungen
      2. 3.3.2. Ich-Bezogenheit
  4. Stellungnahmen

1. Begriffsbestimmung

Das Wasser großer Ströme stammt aus verschiedenen Quellen. So ist es auch beim Leid. Kaum einer zweifelt daran, dass Leid und leiden sprachgeschichtlich miteinander verwandt sind. Sie sind es nicht. Vom Sinn her gehören sie trotzdem zusammen; und sind zurecht in ein Vorstellungsbild vereint.

Das Hauptwort Leid zur Bezeichnung einer widerwärtigenWiderwärtig ist eine Gegenwart, bei der zwischen den einander gegenwärtigen Objekten eine abstoßende Kraft besteht. Erlebnisqualität entstammt der germanischen Wurzel laiþa = widerwärtig, unangenehm.

Das Verb leiden im Sinne von dulden, ertragen, Unglück empfinden, entspringt der indogermanischen Wurzel leit[h]- = gehen, fahren, reisen. LeidenZum Beispiel:
Das Frauenleiden
Das Leiden am eigenen Widerspruch.
ist die substantivierte Form. Das heutige Sprachgefühl verknüpft es nahtlos mit dem Leid.

Der Sinnzusammenhang zwischen dem Widrigen einerseits und dem Fahren und Reisen andererseits ist offensichtlich. Es gibt kaum eine längere Reise ohne Widrigkeiten. Das gilt erst recht für die Reise durch die Wirklichkeit. Niemand, der am LebenLeben heißt leiden, lehrt der Buddhismus. teilnimmt, kann leidvollen Erfahrungen entgehen.

Leid verengt das Bewusstsein. Die Verengung reizt es, sich zu erweitern.

2. Funktion

Leid erfüllt wichtige Funktionen. Es stößt geistige Entwicklungen an und löst komplexe Handlungen aus. Man leidet, wenn die Realität nicht mit Wünschen und Bedürfnissen übereinstimmt. Dann setzt man sich in Bewegung. Leid ist ein mächtiger Antrieb zur Veränderung.

Manche werden niemals gar, weil sie ständig aus der Pfanne springen. Andere verharren, bis sie totgebraten sind. Wohl denen, die den Mittelweg erkennen.

Jede geistige Entwicklung besteht im Erwerb von Erkenntnissen, durch deren Einsatz man Leid beseitigen sowie Glück und Zufriedenheit erreichen kann.

Zum Wesen des Bewusstseins gehört, Missstände als Leid zu erleben und sie durch Anwendung erworbenen Wissens zu überwinden. Daher ist Wissenserwerb von zentraler Bedeutung. Dem dient Erfahrung. Erfahrungen sind Experimente mit der Realität. Erfahrungen können erfreulich oder leidvoll sein. Die wichtigsten Erfahrungen werden oft durch Leid bezahlt.

Leid und Glück

Alles Sein ist ein Hinausragen in das, was seinem Sosein auch widerspricht. Je größer der Widerspruch wird, desto größer ist das Leid.

Wenn sich der Widerspruch in Zuspruch verwandelt, entstehen Freude oder Lust. Wenn selbst der Widerspruch noch als Form des Zuspruchs erkannt wird, entsteht Glück.

2.1. Vermeidbarkeit
Leid ist nicht nur Krankheit. Es ist auch Heilmittel.

Es gibt zweierlei Leid:

  1. ... notwendiges, das dem Leben dient und nicht zu vermeiden ist
  2. ... vermeidbares, das man durch eigene Irrtümer erzeugt

Zu den häufigsten Irrtümern, die neues Leid mit sich bringen, gehört der Glaube, Leid sei eigentlich überflüssig und das Leben umso besser, je weniger Leid darin vorkommt. So mancher glaubt, Leid sei ein bloßer Störfaktor, den es möglichst rasch - und egal wie - aus dem Leben zu entfernen gilt.

Schicksal und Reaktion

Das Hindernis, das wir als Quelle des Leidens erleben, mag jenseits von uns liegen. Dann trifft es uns von außen. Das Erlebnis des Leidens ist aber Teil unserer selbst. Es ist unsere Reaktion auf das, was wir als schädlich erachten. Wenn wir Leid als bloßen Schaden deuten, der eigentlich nicht zu uns gehört, übersehen wir uns selbst.

Wie jedes Erlebnis, hat auch Leid seinen eigenen Wert. Wenn man Leid verwertet, statt es zu verwerfen, verwandelt es sich in Wissen und Kraft.

Das führt zu einer voreiligen Vermeidungshaltung. Statt Leid im Vertrauen darauf zu erleben, dass es zwar schmerzhaft aber ebenso heilsam ist, versucht man es auch dann noch zu vermeiden, wenn es unvermeidlich ist. So flieht man vor einem wesentlichen Teil der Existenz... der einem umso hartnäckiger nachsetzt, je mehr man vor ihm flüchten will.

2.2. Verdächtigungen

Zusätzliches Leid entspringt der Neigung, Schuldige für das eigene Leid zu suchen. Die Vorstellung, dass Leid zwangsläufig Schuld zugrunde liegen muss, macht für den Sinn des Leidens blind. Tatsächlich ist unvermeidliches Leid, das jedem Leben inneliegt, kein Unheil, für das jemand haftbar gemacht werden muss. Es ist Bestandteil des Lebens selbst. Es ist ein Faktor, der stärkt und zur Verantwortung ruft.

Ohne ein Ich, das einem Nicht-Ich gegenüberstünde, gäbe es keinen Ort, an dem Ereignisse als Widrigkeit gedeutet und als Leid erlitten werden könnten.

3. Ursachen

Die Grundlage allen Leids liegt in der individuellen Existenz. Jede Person begegnet einer Wirklichkeit, deren Dynamik ihren Bestand infrage stellt. Alle Formen des Leids sind mit den grundsätzlichen Gefährdungen des persönlichen Daseins verknüpft.

Es gibt körperliches und psychisches Leid. Wegen der psychosomatischen Verbindung beider Ebenen beeinflussen und durchdringen sich beide Pole wechselseitig.

3.1. Körperlichkeit

Körpernahe Angstäquivalente

Angst kann als seelisches Leid wahrgenommen werden. Oder sie bringt sich auf körperlicher Ebene zum Ausdruck. Zum Beispiel als:

Das persönliche Leben ist unauflösbar mit dem Körper verbunden. Funktionsstörungen des Körpers erlebt man unmittelbar bedrohlich. Man leidet unter Schmerz, Übelkeit, Schüttelfrost oder Schwindel.

Körperliches Leid kann massive Auswirkungen auf das seelische Befinden haben. Schon mittelgradige Zahnschmerzen oder ein verdorbener Magen reichen aus, um die Freude an allem zu verderben, woran man sich freuen könnte. Heftige körperliche Symptome drängen alles andere in den Hintergrund.

Chronischer Schmerz organischer Ursache kann zu dauerhaften Persönlichkeitsveränderungen führen. Andererseits können sich seelische Konflikte als körpernahe Symptome bemerkbar machen.


Wer Leid braucht, um es anderen vorzuwerfen, kann es nicht aufgeben. So mancher verwandelt sein Leben in einen schmerzhaften Vorwurf gegen andere oder die ganze Welt.

3.2. Psychologischer Grundkonflikt

Der Mensch hat zwei grundsätzliche psychologische Bedürfnisse: Er will dazugehören. Und er will über sich selbst bestimmen. Beiden Bedürfnissen gerecht zu werden, ist oft schwer. Je nachdem, welches Bedürfnis zugunsten des anderen gerade unerfüllt bleibt, entsteht ein jeweils spezifischer LeidensdruckUmso mehr, je starrer das Missverhältnis ist..

Auch körperliches Leid kann dem Thema des psychologischen Grundkonflikts zugeordnet werden. Die Bedrohung der körperlichen Funktionsfähigkeit droht, sowohl Zugehörigkeit als auch Selbstbestimmung zu untergraben.

3.3. Selbstwertzweifel

Ein großer Teil des seelischen Leids beruht auf Selbstwertzweifeln. Ein Minderwertig­keitsgefühl kann das gesamte Erleben beeinträchtigen. Es gehört zum Spektrum der Schamgefühle. Grundlage des Minderwertigkeitsgefühls ist ein narzisstisches Defizit. Darunter versteht man einen Mangel an Selbstbejahung.

Oft ist der Zweifel am eigenen Wert nicht bewusst. Oft drückt er sich nur durch die unreflektierte Bereitschaft aus, im sozialen Rollenspiel Positionen einzunehmen, in denen es viel zu leiden und wenig zu genießen gibt.

Ich kann mich selbst nicht leiden
Das sagt so mancher über den Bezug zu sich selbst. Der Satz verrät zugleich, was den Selbstwertzweifel aufrechterhält:

Dem kann abgeholfen werden. Aber der Weg kann steinig sein. Um ein stabiles Selbstwertgefühl zu begründen, das nicht mit äußeren Umständen steht und fällt, gilt es, unangenehme Gefühle und Erfahrungen unerschrocken als wertvolle Elemente des eigenen Wesens anzunehmen. Wer sich dergestalt selbst erlebt und erlitten hat, kann sich fortan selbst gut leiden.

Selbstwertzweifel haben verschiedene Ursachen:

Ursachen des Selbstwertzweifels

Die soziale Ursache Die existenzielle Ursache
liegt im gesellschaft­lichen Umfeld, das den Einzelnen bereitwillig missachtet. liegt in der grundsätzlichen Egozentrik des normalen Selbstbilds.
3.3.1. Prägungen

Die Grundsteine des Selbstbildes werden in der Kindheit gelegt. Bekommt das Kind vom Umfeld abwertende Botschaften, wird es sie in der Regel in sein Selbstbild übernehmen. Ungünstige Prägungen können überwunden werden, wenn man den Zusammenhang zwischen der früheren Prägung und der jetzigen Bereitschaft erkennt, seinerseits Elemente des eigenen Wesens zurückzuweisen.

3.3.2. Ich-Bezogenheit

Das normale Selbstbild des Menschen ist egozentrisch. Da der Horizont des Ego eng umschrieben ist, lebt der egozentrische Mensch in steter Gefahr, von Selbstwert­zweifeln bedrängt, beeinflusst oder beherrscht zu werden. All die Manöver, die er zur Abwehr der leidvollen Zweifel zur Anwendung bringt, bleiben Notbehelf, bis er sein Selbstbild über das Ego hinaus erweitert hat.

4. Stellungnahmen

Das Leben hat nicht vorgesehen, dass der Mensch nicht leidet. Wer sich zu viel dagegen wehrt, bekommt noch mehr davon verpasst.

Auch wenn man alles richtigWas immer das auch sein mag... macht, entgeht man nicht jedem Leid. Leid ist nicht nur FolgeMan kann auch von Strafe sprechen, wenn man die Strafen der Wirklichkeit von jenen der menschlichen Justiz unterscheidet. Der Strafimpuls der Justiz handelt aus dem Kontext sozialer Rivalität heraus. Zu diesem Zweck grenzt sie aus. Die Wirklichkeit steht in keinem Rivalitätsverhältnis zu dem, den sie straft. Der Bestrafte ist vollgültig Teil der strafenden Instanz. Die Strafen der Wirklichkeit grenzen daher nicht aus. Sie rufen zurück. unangemessenen Handelns. Es ist auch Anreiz, das Beste daraus zu machen.


Leid ist zu verdrängen, solange man sich ihm nicht stellen kann.

Leid ist zu betäuben, wenn aus dem Erleben des Leides weder Weisheit noch Wissen zu erwerben ist.

Leid ist zu bestehen, wenn man daran wachsen kann.

...begegnete ihm je eine Verdrießlichkeit, so würde sie doch gleich wiedergutgemacht. So heißt es im Märchen vom Hans im Glück.

Hans war mit einem Batzen Gold nach Hause unterwegs. Als ihm das Gold zu schwer wurde, tauschte er es gegen ein Pferd. Als das Pferd ihn abwarf, tauschte er es gegen eine Kuh. Als die Kuh nicht gleich Milch gab, tauschte er sie gegen ein Schwein. Als das Schwein ihm hätte Ärger machen können, tauschte er es gegen eine Gans. Zum Schluss hatte Hans nichts mehr.

Wie man Leid begegnet, ob man es bloß beseitigen will oder ob man etwas daraus zu lernen versucht, bestimmt, ob man mit Gold nach Hause kommt oder mit leeren Händen.

  1. Es gibt Mittel, Leid aus dem Bewusstsein zu entfernen, ohne dass man dabei etwas lernt.

    • Wer Angst beseitigt, indem er alles umgeht, was Angst erzeugt, vermeidet Erfahrungen, an denen er wachsen könnte. Das festigt seine Ohnmacht und führt zu neuem Leid.
  2. Es gibt Mittel, die darüber hinaus zusätzlich schaden.

    • Alkohol und Drogen betäuben Trauer, Angst und Schmerz. Ihr Einsatz verhindert, dass man lernt, Leid aus eigener Kraft zu bewältigen. Außerdem richten sie körperliche Schäden an, unter denen man zusätzlich zu leiden hat.
  3. Es gibt Leid, dessen Ausmaß die Fähigkeit lähmt, sich aktiv damit auseinanderzusetzen.

    • Die Bereitschaft, Leid als Herausforderung anzunehmen, setzt die Erwartung voraus, dass man etwas zu seiner Bewältigung beitragen kann. Ab welchem Ausmaß der Glaube an die eigene Handlungsmöglichkeit erlischt, ist von Person zu Person verschieden.
  4. Man kann Leid, das man nicht beheben kann, als Teil des Lebens anerkennen, bis man darüber hinausgewachsen ist.