Wer glaubt, ohne zu wissen, dass er vermutet, geht schnell in die Irre. Falscher Glaube fordert blindes Vertrauen, wahrer vertraut darauf, dass der Zweifel ihn führt. Lüge verlangt, vom Zweifel entbunden zu sein. Selbstbetrug tut so, als ob er es wäre.

Wer sucht, darf nicht blind glauben. Wer blind glaubt, sieht nur, was er vermutet.

Im Einzelnen kommt das Eine zum Ausdruck. Was das Recht des Einzelnen einschränkt, sich eigen­ständig zum Einen zu wenden, stellt sich gegen das Eine.

Vor dem Einen ist das Einzelne unbedeutend. Da das Eine aber in jedem ist, tut der Einzelne gut daran, jeden so zu achten, wie es der Gegenwart des Einen zukommt.

Was Menschen voneinander trennt, sind niemals die Gene. Mal ist es der Glaube, dass Gene sie trennen, mal ist es der Glaube, dass der Glaube sie trennt. Glaube, der Gläubige von Ungläubigen trennt, spaltet Gesellschaften in verfeindete Lager. Wahrer Glaube glaubt, was alle Gläubigen ohne Zwang verbindet: dass der Wirklichkeit das Heilige zugrundeliegt. Glaube, der dem etwas hinzufügt, ist Irrtum. Er spaltet die Einheit des Glaubens in Besonderheiten auf; und sondert sich dadurch vom Wahren ab.

Glaube


  1. Begriffsbestimmung
  2. Von der Vermutung zur Behauptung
    1. 2.1. Ein Sündenfall
    2. 2.2. Dienst oder Herrschaft
  3. Glaube und Bekenntnis
  4. Glaube und Erkenntnis
  5. Dogmatischer Glaube und seelische Gesundheit
    1. 5.1. Wahn
      1. 5.1.1. Ich-Grenzenstörung
      2. 5.1.2. Spaltung und Projektion
    2. 5.2. Depression
    3. 5.3. Zwang
    4. 5.4. Persönlichkeitsstörung
      1. 5.4.1. Sadomasochistische Grundthematik
      2. 5.4.2. Objektivierung des Subjekts
    5. 5.5. Positive Wirkungen

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Glaube geht auf germanisch ga-laubjan = für lieb halten, gutheißen zurück. Derselben sprachlichen Wurzel entspringt das Verb glauben im Sinne von für wahr halten, vermuten.

Eine weitere Bedeutungsfacette des Glaubens ist das Vertrauen. Ich glaube Dir heißt Ich vertraue Dir. Das ist folgerichtig: Man vertraut auf das, was man für wahr hält. Wer jemandem glaubt, vertraut darauf, dass er die Wahrheit sagt.

Schon in der vorchristlichen Zeit wurden beide Motive auf das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen angewandt. In der christlichen verschmolzen sie zu einer Einheit.

  1. Die Hinwendung zur Gottheit ging von der Vermutung aus, dass über (oder unter) der sinnlich erfahrbaren Realität eine höhere (oder tiefere) Ebene liegt, die Sinn, Wert und Schicksal der Menschenwelt mitbestimmt. Der Gläubige hielt die Existenz dieser Ebene für wahr, obwohl sie sich der Beweisbarkeit entzieht.

  2. Die Hinwendung zur Gottheit war von der Zustimmung zu deren Wirken und Position getragen. Der Gläubige hieß die Macht Gottes gut. Der guten Macht vertraute er sich an. Er wandte sich dem Göttlichen in der Erwartung zu, von dort Schutz, Beistand und Liebe zu erfahren.

2. Von der Vermutung zur Behauptung

Wo Wissen endet, kann man Vermutungen anstellen. So ergänzt man ein lückenhaftes Bild der Wirklichkeit. Vorläufig!

Ich glaube, das gestreifte Hemd hängt auf der Leine.

Etwas zu glauben zeigt die Richtung an, in der Erkenntnis zu finden ist. Ein Gang in die Waschküche schafft Klarheit. Wenn man Wissen und Vermutung auseinanderhält, ist Glaube auch ein nützliches Werkzeug religiöser Erkenntnis; aber nur ein Werkzeug, nicht deren Vormund.

Demut heißt, nichts zur Gewissheit zu erklären, was man nicht selbst erkennt.

Zu bezeugen, dass dieser oder jener Prophet ein Gesandter Gottes ist, obwohl man bei seiner Ernennung nicht zugegen war, heißt ein falsches Zeugnis abzulegen.

Etwas zu glauben, weil es absurd istCredo quia absurdum est = Ich glaube, weil es absurd ist. Dabei handelt es sich um ein geflügeltes Wort, das vermutlich im 17. Jahrhundert entstand. Es geht möglicherweise auf Tertullians Certum est, quia impossibile = Es ist sicher, weil es unmöglich ist zurück. Es dient den Vertretern der christlichen Dogmatik zur Leugnung von Erkenntnissen, die ihre Macht gefährden., ist ein Aufstand gegen das Göttliche. Es setzt das Ich und seinen Eigensinn über jene Wirklichkeit, die sich tatsächlich offenbart.

Religiöse Dogmen gehen mutwillig am Heiligen vorbei, indem sie dessen Unbestimmbarkeit durch benennbare Formen ersetzen. Jedes Bestehen auf begrifflich Erfassbarem ist ein Aberglaube, der vom wahren Glauben abgefallen ist.

Da sich wahrer Glaube auf wahre Religion bezieht und wahre Religion nach Ganzheit sucht, formuliert wahrer Glaube keine Behauptung, die einen innerweltlichen oder eschatologischen Aus­schluss Andersdenkender benennt. Die Eschatologie stellt Vermutungen über das endgültige Schicksal des Menschen im Kosmos an; zum Beispiel: ob er im Himmel oder in der Hölle endet.

Falschen Glauben erkennt man daran, dass er Ungläubigen mit Strafe droht. Hölle, Vernichtung oder Strafgedanke sind wahrem Glauben wesensfremd.

Der sprachgeschichtliche Ursprung des Begriffs weist darauf hin, dass man beim Glauben von Wünschen geleitet wird. Lückenhafte Weltbilder ergänzt man nicht unabhängig von persönlichen Motiven. Man füllt sie so auf, dass ein Bild entsteht, das einem gut gefiele. Man wäre erfreut, wenn das Hemd tatsächlich auf der Leine hängt.

Was man will oder nicht, was man gutheißt oder ablehnt, hängt von Ängsten und Sehnsüchten ab. Eine Person glaubt nie ohne Absicht. Ihr Glaube ist an der Erwartung persönlicher Vor- und Nachteile ausgerichtet. Selbst wenn sie glaubt, dass alles verloren ist, dient dieser Glaube als Erklärung für das eigene Erleben. Er bietet einen Halt in der Schreckenswelt des Ungewissen.

2.1. Ein Sündenfall

Beim Übergang von der heidnischen zur politischen Religion beging der Glaube seinen Sündenfall. Er verleugnete die Tatsache, dass er Vermutung und keine Gewissheit ist.

Der Abfall des Geistes aus der Glaubensdemut in den Hochmut war ein Werk des Ego. Das Ego machte aus der Vermutung, die sich von unten nach oben wandte, also vom Menschen zu Gott, ein Dogma, das von oben herab Macht für sich in Anspruch nahm. Auf der Suche nach seinem Vorteil macht es seinen Glaubensinhalt verbindlich. Das politisch religiöse Ego verlangt, dass jeder genau das gutheißt, was es für sich selbst für gut hält. In der politischen Religion hat sich das Eigeninteresse des Ego zu Gott erklärt.

Gewissensentscheid

Das Gewissen ist die höchste Instanz des Geistes. Im Wort Gewissen trifft man auf die Silbe Ge-. Ge- zeigt eine Versammlung an. Das Gewissen ist eine Versammlung des Wissens. Die Versammlung des Wissens entscheidet, sobald alles Wissen aufzu­bieten ist, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Für eine gewissenhafte Entscheidung ist das Wissen über den Unterschied von wissen und glauben beizuziehen.

Die Sprache verweist darauf, dass wissen über glauben steht. Das zeigt die Wortwahl Gewissen. Ein Geglauben als höchste Instanz kennt die Sprache nicht. Dogmenglaube leugnet das; weil er das Gewissen untergraben will. Einen Glaubens­inhalt entgegen dem Wissen, dass Glaube Vermu­tung ist, für sicher zu halten, widerspricht dem Gewissen. Dogma­tischer Glaube fördert die Bereitschaft, gewissenlos zu handeln.


Ein Glaube, der vorgibt, dass bloßer Glaube bereits Tugend ist, ist pervertierte Moral. Er ist das Abbild der Eitelkeit seiner Begründer.

2.2. Dienst oder Herrschaft

Zwischen wahrem und dogmatischem Glauben gibt es große Unterschiede. Wahrer Glaube respektiert das Wesen des Glaubens. Er geht nicht über das hinaus, was ihm möglich ist. Er beschränkt seine Vermutungen auf das, was der Suche nach Erkenntnis dient. Wahrer Glaube erklärt nichts zur Gewissheit, was für das religiöse Anliegen überflüssig ist und damit das Risiko des Irrtums erhöht, ohne dass das erhöhte Risiko die Hinweisfähigkeit des Glaubensinhalts verbessert.

Jeder dogmatische Glaube ist eine rechen­schaftslose Willkür­entscheidung. Er ist stets falscher Glaube, weil die Gewissheits­behauptung des Dogmas gegen das Wesen des Glaubens verstößt.

Wahr kann nur ein Glaube sein, der sich nicht zur Wahrheit erklärt. Wahrer Glaube bleibt Glaube in Demut. Er gesteht sich seine Hinfälligkeit vor dem Göttlichen ein, statt im Hinfallen Demut zu heucheln. Glaube, der sich zur Wahrheit erklärt, kniet vor sich selbst und verleugnet im Kniefall das Höchste.

Wahrer und falscher Glaube

Wahrer Glaube... Dogmatischer Glaube...
deutet an. malt aus, legt fest.
deutet den Menschen als Subjekt göttlichen Ausdrucks. erklärt den Menschen zum Objekt göttlicher Willkür.
sucht religiöse Erkenntnis, aber beansprucht keine Herrschaft über sie. beansprucht Herrschaft für sich selbst.
ist bereit, Erkenntnis Platz zu machen. Respektiert Wahrheit. Will durch Wissen ersetzt werden. fordert, dass sich Erkenntnis seiner Vorgabe fügt. Legt fest, was als wahr zu gelten hat. Setzt sich gegen Wissen zur Wehr.
verweist von dem, was man weiß, auf das, was man nicht wissen kann. ersetzt, was man nicht wissen kann, durch das, was man angeblich weiß.
fasst sich als vorübergehend auf. Formuliert sich um, wenn es ihm neue Erkenntnisse nahe legen. beschreibt sich als Endpunkt und Selbstzweck.
verurteilt niemanden, der ihn nicht bestätigen will oder kann. verurteilt jeden, der ihm nicht folgt.
ermuntert den Einzelnen beharrlich zu zweifeln. hält Zweifel an seinem Wahrheits­gehalt für so verwerflich, dass er Zweiflern jeden Wert abspricht.
interessiert sich dafür, wie andere die Dinge sehen. Versucht zu lernen. predigt Gewalt gegen Anders­denkende. Versucht zu belehren.
schließt nur ein. schließt ein und aus.
scheut vor der Definition fester Formen zurück. legt spezifische Rituale, Trachten und Gebetsformeln fest.
wählt aus allen Quellen, was ihm nützlich erscheint. verknüpft seine Identität mit besonderen Personen und Mythen.

Wahrer Glaube meidet das Konkrete, weil er nach dem Unbedingten sucht.

Der Gott, dessen Aus­druck Sie sind, steht über dem Gott, an den Sie glauben.
Zweifel

Man kann daran zweifeln, dass Gott existiert...

Der Begriff Existenz wird hier nur als Hilfsmittel gebraucht. Tatsächlich geht das Sein des Göttlichen über die Existenz hinaus. Es existiert durch Existierendes, endet aber nicht an dessen Grenze. Existierendes ist Ausdruck, Mittel und Erscheinungs­form des Göttlichen. Es ist weder dessen Definition noch sein Horizont.

Ist der Zweifel berechtigt, macht er jedoch nur Sinn, wenn er dazu dient, sich aus geistiger Eigendynamik heraus Endgültigem zuzuwenden. Sinn wird hier von Zweck unterschieden. Zweck ist der kleine Bruder des Sinns. Zweck zielt auf ein vorüber­gehendes Ergebnis ab. So ist es zweckdienlich, Geschirr zu spülen. Der Zweifel an Gott kann zweckdienlich sein, um die Aufmerksamkeit auf Vorläufiges zu richten.

Sinn fragt als großer Bruder nicht nach dem Vorübergehenden. Sinnvoll ist, was Endgültigem dient. Wenn es keinen Gott gibt, hat nichts einen Sinn. Also auch nicht der Zweifel. Nur wenn Gott existiert, kann der Zweifel an seiner Existenz sinnvoll sein. Der Zweifel an Gottes Existenz macht nur Sinn, wenn er sich irrt.

Gottes Existenz nicht zu bezweifeln, macht ebenfalls Sinn. Nicht daran zu zweifeln, dass die Wirklichkeit sinnvoll ist, schützt vor Entscheidungen, die das Ganze missachten. Auch ohne Gewissheit davon auszugehen, dass die Wahl des Handelns über den Tod hinaus Sinn macht, ist Glaube, der sich nicht verirrt hat.

3. Glaube und Bekenntnis

Wie leicht wäre es...

die Menschheit ohne Gewalt vom christlichen Glauben zu überzeugen, gäbe es einen Missio­nar, der selbst ein Senfkorn Glauben hätte.

Matthäus 17, 20:*
Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Geh von da weg dorthin!, und er wird weggehen, und nichts wird euch unmöglich sein.

Markus 16, 17:*
Als Zeichen aber werden denen, die glauben, diese zur Seite sein: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, mit neuen Zungen reden... und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nichts schaden.

An die Bibel kann nur glauben, wer nicht zur Kenntnis nimmt, was sie verkündet.

Was aber, wenn Sie willens sind, an den lila Haarwuchs zu glauben? Glauben Sie es dann? Glauben Sie, weil Sie zu glauben entschlossen sind? Nein, Sie glauben es immer noch nicht.

Man kann feststellen, was man glaubt. Entscheiden, was man glaubt, kann man aber nicht. Was man glaubt, ergibt sich spontan aus dem, was man für realistisch hält. Und das, was man für realistisch hält, hängt davon ab, was man weiß und was man sowieso schon glaubt.

Da man nicht entschei­den kann, was man glaubt, ist bloßer Glaube moralisch bedeutungslos.

Obwohl man sich inhaltlich nicht zum Glauben entscheiden kann, ist das Bekenntnis zu einem vorge­gebenen Glaubensatz gemäß mono­poltheologischerMonopoltheologien sind Glaubensbekenntnisse, die ihren Vertretern das alleinige Recht zusprechen, zwischen Mensch und Gott zu vermitteln. Lehren der ent­scheidende Schritt zwischen Lohn und Strafe. Gewiss: Je weniger man weiß, desto eher kann man glauben. Wer aber zu viel weiß, kann nur noch so tun, als ob. Jedes Glaubensollen hält den Menschen dumm oder macht ihn falsch.

Geistiges Durcheinander

Der Begriff Teufel geht auf das griechische dia-ballein (δια-βαλλειν) = durch­einander-werfen zurück. Teuflisch im theologischen Sinne ist eine Kraft, die jene Ordnung durcheinanderbringt, die vom Heiligen ausgerichtet ist. Da sich religiöser Glaube auf die absolute Ordnung bezieht und wahrer Glaube Vermutung und nicht Gewissheit bedeutet, verstößt jeder, der einem Glauben zustimmt, der sich für endgültig hält, gegen die Ordnung der höchsten Wirklichkeit. Glaube, der seine Inhalte zur Gewissheit erklärt, ist Ausdruck jenes Durcheinanders, das sich gegen die Ordnung wendet.

Im Gegensatz zum falschen Glauben spielt das Bekenntnis beim wahren Glauben keine Rolle. Wahrer Glaube zielt auf religiöse Erkenntnis ab. Die Beitrittserklärung zu einer weltanschaulichen Gruppe führt aber zu keiner Erkenntnis. Sie hat für wahren Glauben keine Bedeutung.

4. Glaube und Erkenntnis

Diskussionen zwischen Menschen, die nach Erkenntnis suchen und jenen, die an Lehr­sätze glauben, sind unfruchtbar. Zum Wesen des vorsätzlichen Glaubens an Lehrsätze gehört die Weigerung, Argumente gelten zu lassen, die seine Bilder infrage stellen. Dogmatischer Glaube ist blinder Geist. Sein Ziel ist nicht, im gemeinsamen Ringen um Wahrheit Wahrheit zu erkennen. Sein Ziel ist, Blindheit zu verbreiten um einer Macht zu dienen.

Erkenntnisphobie

Zum Konzept abrahamitischer Kulte gehört der Mythos vom Sündenfall. Als Ursünde des Menschen wird sein Interesse an den Früchten der Erkenntnis betrachtet. Die Logik des Mythos ist klar. Es soll nicht erkannt, sondern geglaubt werden. Als Folge der Identifikation mit den Lehren abrahamitischer Kulte entsteht eine psychogene geistige Behinderung bezüglich theologischer Themen. Erkenntnisse, die dem Glaubensbild widersprechen, unter­liegen der Zensur einer Erkenntnisphobie.


Das Wesen des Geistes liegt im Befragen der Wirklichkeit. Wer statt zu fragen zustimmt, hat sich vom Geistigen abgewandt.

Eine Überzeugung ist wahnhaft, wenn sie in den Augen des Überzeugten als unkorrigierbar gilt. Wahn heißt: Irrtum ausgeschlossen.

Der Verstand hat zwei Möglichkeiten, um sich in der Wirklichkeit zu orientieren: Die eine heißt glauben, die andere heißt wissen. Weltbilder setzen sich aus Gewusstem und Geglaubtem zusammen. Gewusstes und Geglaubtes ergänzen sich wechselseitig. Wissen, also etwas erkannt zu haben, und glauben sind aber verschiedene Kategorien.

Der Zeuge wird vor Gericht gefragt: Haben Sie den Sachverhalt gesehen oder glauben Sie bloß, dass er so vonstatten ging?

Glaube ist ein Fürwahrhalten von Vorstellungsbildern. Offenbarungs­glaube glaubt an die Unverrückbarkeit vermeintlich offenbarter Glaubenssätze. Er ist ein unbedingtes Beibehaltenwollen solcher Bilder. Deshalb setzt Offenbarungsglaube auf Zensur. Er beseitigt, was nicht in sein Bild passt. Wie radikal die Weigerung des Glaubens ist, Unerwünschtes zur Kenntnis zu nehmen, verdeutlicht die Bergpredigt.

Matthäus 5, 29:*
Wenn dein rechtes Auge dir zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir...

Jesus hat mit diesem Auge nicht das Sehorgan in Gesicht gemeint. Er meinte die Fähigkeit, etwas zu sehen, was dem Geglaubten widerspricht oder die Blindheit des Glaubens gefährdet. In der Hoffnung auf himmlischen Lohn predigt das gläubige Ego Hass gegen das Vermögen eigenständiger Erkenntnis. Der Mensch soll nicht sehen und sich am Erkannten ausrichten. Er soll Vorgegebenes glauben und Predigern folgen.

Erkennen ist Zurkenntnisnahme der Wirklichkeit. Wer Erkenntnis sucht, versucht Wirkliches zu sehen. Echtes Sehen verwirft bloße Bilder. Wer sehen will, hält im Gegensatz zum Bildergläubigen Ausschau nach dem, was nicht ins Bild passt. Nur so kann das Bild aufgelöst werden. Und nur wenn man Bilder auflöst, kann man Wahrheit erkennen. Sonst bleibt der Blick von Vorstellungen verstellt.

Bei der spirituellen Suche sucht man nach Endgültigem. Endgültiges wird nicht erkannt, indem man Konkretes dazu erklärt. Es wird erkannt, indem man ihm Platz macht. Platz machen heißt: Das Wahrnehmungsfeld nicht mit dem zu füllen, was bloß vorübergeht. Nur wer Endgültiges erkennen will, statt daran zu glauben, anerkennt seine Endgültigkeit.

5. Dogmatischer Glaube und seelische Gesundheit

Die Übernahme dogmatischer Glaubensinhalte ins eigene Weltbild hat für die seelische Gesundheit breit gefächerte, teils dramatische Folgen. Zu nennen sind Wahn, Depressionen, Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen.

Dabei hat die wahnhafte Störung oft gefährliche Auswirkungen. Wahnhaft von den Dogmen ihrer Kulte überzeugte Anhänger sind nicht selten zu wahllosen Mordtaten bereit. Sie vollstrecken Aufrufe zu Mord und Totschlag, die in Bibel und Koran nachzulesen sind.

5.1. Wahn

Psychisch gesund ist, wer sich so verhält, dass es dem entspricht, was er als wahr erkennt. Wer psychisch gesund sein will, muss von dem ausgehen, was er als wahr erkennen kann. Und er muss sich dementsprechend verhalten.

Konfessionelle Kulte fordern, sich gemäß Lehrsätzen zu verhalten, die grundsätzlich nicht als wahr erkennbar sind. Den Glauben an Unüberprüfbares erklären sie zum Kern der Religion.

Beispiele:

Es stimmt: Diese Lehrsätze könnten wahr sein. Ihr Wahrheitsgehalt ist aber nicht überprüfbar. Wer sich so verhält, als sei der Wahrheitsgehalt solcher Lehrsätze festgestellt, ist psychisch krank.

Die Grundlage politischer Religionen, also solcher, die den bekennenden Beitritt zu einer weltanschaulichen Gruppe als religiöse Praxis deuten, ist eine Krankheit des Geistes: Unüberprüfbares für überprüft zu erklären und Zustimmung zu fordern. Konfessionelle Kulte kennen weder den Wert des Menschen noch den der Wahrheit. Wert ist ihnen weder Mensch noch Wahrheit, sondern deren Unterwerfung unter vermeintlich göttliche Gewalt.

Die Mehrzahl derer, die sich als Christ, Jude oder Moslem bezeich­nen, ist nur deshalb nicht wahnhaft, weil sie das jeweilige Credo nicht wirklich glauben. Sie glauben, dass sie glauben sollten. Sie glauben, dass sie glau­ben. Oder sie glauben, dass es ratsam ist, so zu tun, als ob sie glauben. Tatsächlich glauben sie aber nicht.


Politischer Glaube schürt die Angst der Menschen voreinander. Jeder Offenbarungs­glaube ist politisch. Jeder politische Glaube ist gewalttätig, weil er mit der Wahrheit bricht.

Da Geist aber nicht Unterwerfung, sondern Entbindung bedeutet, wird man umso kränker, je mehr man die Glaubenssätze einer politischen Religion bestätigt. Die vollständige Identifikation mit solchen Lehrsätzen entspricht einer wahnhaften Störung.

Folie à deux - Folie en groupe

Die Psychiatrie kennt das Phänomen der sogenannten Folie à deux (französisch: Verrücktheit zu zweit). Dabei entwickelt der dominante Partner innerhalb einer asymmetrischen Beziehung eine Psychose mit wahnhafter Realitätsdeutung. Unter dem suggestiven Druck des dominanten Parts, der unnachgiebig die Bestätigung seines Wahns einfordert, beginnt auch der regressive Partner, die Wirklichkeit wahnhaft auszudeuten. Man spricht von einem induzierten, also einem von außen eingeflößten, Wahn.

Der eingeflößte Wahn des regressiven Partners bleibt oberflächlich. Fällt der Druck von außen weg, findet er zur Realität zurück; oder er schließt sich dem Wahnbild eines neuen dominanten Partners an.

Der Ausbreitung von politischen Offenbarungskulten liegt der gleiche Mechanismus zugrunde. Unter dem Druck dominanter Glaubensführer, deren Weltbild wahnhaft verzerrt ist, übernehmen ganze Gruppen wahnhafte Denkinhalte. Eine Folie en groupe entsteht (französisch: Verrücktheit in der Gruppe).

Auch bei der Folie en groupe bleibt der induzierte Wahn der regressiven Mehrheit oberflächlich, sodass nur eine abgeschwächte Wahndynamik entsteht; oder bloße Heuchelei. Da wahnhafte Religiosität gegen Zweifler unbarmherzig vorgeht, ist die Zustimmung vieler Gruppenmitglieder zum Glaubensinhalt nur ein Lippenbekenntnis, das zum Selbstschutz abgeleistet wird.

Ester 8,17:*
Viele aus den Heidenvölkern bekannten sich zum Judentum, denn die Furcht vor den Juden hatte sie befallen.

Da wahnhaft religiöse Gruppen das politische Denken ganzer Kontinente mitbe­stimmen, ist die Welt auch heute noch weit davon entfernt, die Folie en groupe als Krankheitsbild anzuerkennen.

5.1.1. Ich-Grenzen-Störung

Dogmatischer Glaube setzt Gläubige Zumutungen aus. Er fordert, entgegen dem Wesen des Verstandes zu urteilen. Im Dienste des Dogmenglaubens soll der Verstand kraftvoll urteilen ohne seine Urteilskraft aber tatsächlich anzuwenden. Kraft wird vom Dogmen­glauben daher durch Gewalt ersetzt. Die Missachtung des Verstandes wird zeitgleich zur Tugend erklärt.

1 Korinther 1, 21-23:*
Denn da die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Heilsbotschaft die zu retten, die glauben... die Hellenen suchen Weisheit; wir aber verkünden einen gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit.

Die Missachtung des Verstandes führt zu seelischen Verwerfungen, die den Gebrauch von psychosenahen Abwehrmechanismen fördern (z.B. Spaltung, Projektion, projektive Identifikation). In der Folge werden Störungen der Ich-Grenze vertieft; also der Fähigkeit, Ereignisse angemessen Ich oder Nicht-Ich zuzuordnen.

Wer sich über die Verletzung religiöser Gefühle beklagt, zeigt an, dass er zu glauben glaubt, statt es tatsächlich zu tun. Wer glaubt, dass ihm sein Glaube einst ewiges Glück einbringt, ist außerstande, einem Kritiker böse zu sein; egal wie geschmacklos der seine Kritik auch formulieren mag. Die Wut schäumt auf, weil die Kritik den Gläubigen verunsichert. Sie verunsichert ihn, weil sein Glaube oberflächlich ist.

Als Beispiel kann die Redensart von den verletzten religiösen Gefühlen gelten. Auf Kritik an ihren Glaubenssätzen und Propheten reagieren Dogmengläubige oft mit dem Vorwurf, man verletze ihre religiösen Gefühle. Das ist sowohl eine beschönigende Metapher als auch Beispiel einer Ich-Grenzen-Störung.

Beschönigend an der Redensart ist, dass nicht der Hass benannt wird, sondern dass sich der Hasserfüllte als Verteidiger höchster Werte darstellt, dem keine Verantwortung für die Folgen seines Hasses zufällt. Die Redensart ist Metapher, weil der Begriff verletzt Zustände biologischer Strukturen beschreibt. Seine metaphorische Anwendung auf Gefühle, also seelische Reaktionen, ist verfehlt. Gefühle werden nicht verletzt, sodass nach dem "verletzenden" Ereignis ein defektes Gefühl vorläge. Gefühle wandeln sich oder sie schlagen ins Gegenteil um.

Die eigentliche Ursache des aggressiven Impulses, den der Dogmengläubige gegen Kritiker aufbietet, liegt nicht im Kritiker, sondern im Dogmengläubigen selbst. Sie ist Folge seines verleugneten Zweifels am Sinn der Unterwerfung unter den Lehrsatz des Propheten. Der Dogmengläubige betreibt projektive Identifikation, indem er dem Anderen das Leid zur Last legt, das er sich selbst antut. Der Andere wird zum Schuldigen für das erklärt, was der Gläubige dem eigenen Verstand schuldig bleibt.

Redlich wäre der Dogmengläubige, wenn er von der Wut spräche, mit der er auf Zweifel an der Richtigkeit seiner Glaubenssätze reagiert. Dann würde er die Ursache der Wut seinem Unvermögen zuordnen, im Glauben zu ruhen, selbst wenn sein Glaube von anderen bezweifelt wird.

5.1.2. Spaltung und Projektion

Spaltung und Projektion sind Abwehrmechanismen, die sowohl Grundlage des Wahns als auch Grundlage dualistischer Gottesbilder sind. Dualistische Religionsauffassungen ordnen das Göttliche und das Menschliche definitiv getrennten Kategorien zu, die auch im Jenseits aufrechterhalten werden.

Durch diese Spaltung entwerten sie das menschliche Individuum. Um das Gefühl des Unwerts abzuwehren, projiziert der Gläubige in der Folge den ihm vom Glauben unter­stellten Unwert im Sinne eines pathologischen Heilungsversuchs auf Andersdenkende, die er dann als vermeintliche Träger des Merkmals unwert bekämpft.

Allerdings führt die Projektion des gefühlten Selbstwertmangels nicht zur Lösung. Im Untergrund bleibt das Defizit bestehen und es bedarf oft weiterer Abwehrmaßnahmen, um das lästige Gefühl in Schach zu halten. Viele, die sich im Gebetshaus fromm der Allmacht beugen, frönen alltags einem irdischen Gewinnstreben, bei dem das Heilige vergessen wirkt. Ein Motiv des ungezügelten Habenwollens ist der benannte Selbst­wertzweifel, der durch Erwerb und Rang über das Maß hinaus zu dämpfen ist, das die Verachtung Andersdenkender bewirkt.

5.2. Depression
Jede Vorgabe verbindlicher Regeln ist in der religiösen Praxis ein Versuch, die Freiheit des Göttlichen einzuschränken. Wer der Versuchung nicht widersteht, wird von ihr niedergedrückt.

Der Glaube, dass ein einmal gefälltes Urteil über das erhaben ist, was nachträglich erkannt werden kann, ist Symptom einer geistigen Krankheit.

Dogmatische Kulte geben Regeln vor, deren zwanghafte Einhaltung als unverzichtbar ausgewiesen wird. Die menschliche Seele ist jedoch Ausdruck einer Subjektivität, deren Unbestimmbarkeit nahtlos in die Leere des Heiligen übergeht.

Aus Angst heraus sind viele bereit, sich Regeln untertan zu machen; teils weil sie selbst glauben, dass ausgerechnet das Höchste Unterwürfigkeit belohnt, teils weil sie von den Predigten ihrer Priester und den Drohgebärden ihrer Glaubensbrüder eingeschüchtert sind. Der halbe Orient ist schwermütig, weil dort ein Klima der Angst die wechselseitige Unterdrückung des Geistes bewacht.

Die Bereitschaft ängstlicher Menschen, sich den Regeln und Absichten ihrer jeweiligen Bekenntnisgemeinschaft unterzuordnen, führt gehäuft zu Depressionen, weil dadurch die spontane Lebendigkeit ihrer Subjektivität eingeschränkt wird.

Unterwürfigkeit

Nur eine Macht, die so klein ist, dass sie gestürzt werden kann, kann ein Interesse an Untertanen haben. Der höchste Geist, der unstürzbar in und über allem steht, würde sich mit einem solchen Anspruch selbst beschämen. Das Gebot der Unterwerfung ist nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs. Es entspringt dem Machtanspruch selbsternannter Propheten, die sehr wohl wissen, dass nur Unterworfene die Anmaßung hinnehmen, mit der sie Meinungen für göttlich halten.

5.3. Zwang

Christentum und Islam setzen das Ego erheblichen Widersprüchen aus:

  1. Sie appellieren an seinen Eigennutz:
    Tue dies oder das! Dann wirst du maßlos erhöht.
  2. Sie fordern seine Unterwerfung:
    Wenn du nicht tust, was von dir gefordert wird, wird das Gute dich endlos foltern. Nenne den, der dich mit Folter bedroht, barmherzig. Wenn du ihn lobpreist, wird er dir die Folterung ersparen.

Die Betonung des Ego bei gleichzeitigem Hinweis auf seine Rang- und Bedeutungs­losigkeit steigert dessen Vernichtungsangst. In der Folge versucht es, alles richtig zu machen. Es wird von der Angst geplagt, selbst kleine Fehltritte, Unachtsamkeiten und Irrtümer drohten katastrophale Folgen nach sich zu ziehen. Die Folge davon kann eine moralische Starre sein, die in Perfektionismus und Zwangsstörung übergeht. Die verschachtelte Vielzahl komplexer Regeln des orthodoxen Judentums - insgesamt sind es 613 - kann Zwangs­störungen in spezifischer Weise Pfeifer, Samuel: Zwang und Zweifel
ISBN: 978-3-905709-26-1
ausgestalten.

Ödipuskomplex
Es ist kein Zufall, dass Freud den Ödipuskonflikt als angeblich zentrales Thema der Entwicklungspsycho­logie des Kindes beschrieb. Die Theorie geht davon aus, dass Söhne ihre Mütter begehren und in der Folge Mordphantasien gegenüber ihren Vätern haben. Richtig ist, dass in der jüdischen Tradition, in der Freud aufwuchs, Väter bestimmende Macht über ihre Söhne ausüben. Sie haben den Auftrag, Söhne linientreu entlang der ideologischen Vorgabe auszurichten.

2 Moses 13, 8:*
Du sollst es [das Gesetz] deinem Sohne einschärfen...

Zweifellos gab der weltanschaulich verbriefte Machtanspruch des Väterlichen nicht selten guten Grund, Väter bewusst oder unbewusst zu hassen. Ob das angebliche Begehren der Mutter tatsächlich sexuell gemeint ist, bleibt dahin gestellt. Möglicherweise liegt im Blick zur Mutter nur der Versuch, vor der Übergriffigkeit des Vaters oder der väterlichen Religion in einen schützenden Hafen zu flüchten.

Der Hass, den abrahamitische Kulte im unbewussten Abgrund kindlicher Seelen schüren, kann im zweiten Schritt zu Schuldgefühlen führen, die sich zum Zwangsgedanken verdichten, am Unglück oder dem Tod des Vaters schuld zu sein.

5.4. Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen im Gefolge dogmatischer Religiosität entstehen je nach Charakter und begleitenden Umständen in unterschiedlichem Gepräge. Eine wichtige psychodynamische Gemeinsamkeit dieser Persönlichkeitsstörungen liegt in der sadomasochistischen Grundthematik religiös-dogmatischer Weltanschauungen. Damit verwoben sind narzisstische Defizite, die die Muster quasi aller neurotischen Störungen mehr oder weniger einfärben. Die grundlegende Ursache narzisstischer Defizite, die durch Offenbarungskulte entstehen, liegt in der Objektivierung des Subjekts.

5.4.1. Sadomasochistische Grundthematik

Das bekannteste Beispiel der sadomasochistischen Beziehungsasymmetrie wird im Rahmen der sexuellen Vereinigung ausgelebt. Dort handelt es sich um ein zwischen­menschliches Arrangement, das zu einer beidseitigen Entängstigung führt, die es den Partnern ermöglicht, Lust mit vermindertem Angst- und Schulddruck zu erleben.

Jenseits unmittelbar sexueller Begierden taucht das gleiche Muster an weiteren Stellen auf.

  1. Im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen mit ausgeprägt asymmetrischer Rollenverteilung.

  2. Als theologisches Beziehungsmodell zwischen allmächtigem Gott und missratenem Geschöpf.
Zugehörigkeitsbedürfnis
Das Spiel mit dem Zugehörigkeitsbedürfnis ist ein entscheidender Faktor, der die Ausbreitung totalitärer Glaubensbilder begünstigt. Dieses Spiel beherrschen abrahamitische Kulte meisterlich. Indem sie für verweigerten Beitritt die entsetz­lichste Strafe androhen, die überhaupt denkbar ist, nämlich ewige Qual in der Hölle, und für Zustimmung gigantischen Lohn in einem Himmel­reich, schüren sie die Angst vor der Unzugehörig­keit und bieten sich selbst als einzig sicheren Hafen an. Das ist eine psychologische Falle, die seit Moses immer wieder zuschnappt.

Auch bei der theologischen Variante, bei der ein eifersüch­tiger Gott angeblich die totale Unterwerfung des auserwähl­ten Volkes oder sämtlicher Individuen fordert, geht es um die Abwehr von Angst. Indem der Unterworfene das Potenzial, eigenständig zu entscheiden preisgibt...

1 Samuel 15, 23:*
Eigensinn ist Sünde wie schuldbarer Götzendienst...

... setzt er sich zum Objekt einer fremden Entscheidungs­macht herab. Er gibt alle Verantwortung für seine Taten ab und befreit sich damit von der Angst, dass das Leben ihn je, für das, was er selbst entschieden hätte, zur Verantwortung zieht. Zugleich wird sein Zugehörigkeitsbedürfnis radikal erfüllt; indem er gehorsam jener Macht angehört, die ihn fortan bestimmen wird.

Johannes 15, 2:*
...mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg...

Im wahren Glauben gilt der Gläubige nicht als willenloses Objekt, das für das Bedürfnis seines Besitzers zurechtgeschnitten wird. Wahrer Glaube erkennt den Menschen als Subjekt, das auf der Suche nach seinem Wesen auf alles verzichtet, was nicht zu ihm gehört. Um herauzufinden, was das ist, vertraut das Subjekt auf seinen eigenen Sinn; mit dem es mal in die Irre geht sowie aus Fehlern lernt und mal ins Schwarze trifft.

In der Illusion, dass sein Kreuzestod der Wunscherfüllung eines himmlischen Vaters diente, hat Jesu Glaube an die Gottgefälligkeit der masochistischen Unterwerfung ihren Höhepunkt erreicht. Vermutlich hat er seinen Irrtum im letzten Moment erkannt:

Matthäus 27, 46 und Markus 15, 34:*
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

5.4.2. Objektivierung des Subjekts

Jeder, der sich als Prophet ausgibt, stellt sich über andere. Sein Vorsatz ist es, ande­ren Regeln vorzuschreiben, die auszuführen sind. Führt ein Individuum Regeln aber nur aus, statt sie zu entwickeln und zu überprüfen, wird es zum Objekt einer Instanz, die über es bestimmt. Dieser Reduktion des Subjekts entspricht ein grundsätzlicher Entzug an Selbstwert. Das Defizit, das so entsteht, trübt sein Selbstbild ein wie Tinte Wasser. Wer noch niemals klares Wasser erlebt hat, weiß nicht, was das ist. Für ihn ist die Trübung normal. Tatsächlich ist sie falsch.

5.5. Positive Wirkungen
Der Glaube an Gott ist keine Tugend, sondern Möglichkeit. Wer glauben kann, hat nichts verdient. Er wurde beschenkt. Wer seinen Glauben zur Tugend erklärt, hat Gott bereits vom Thron gestürzt und gegen Eitelkeit getauscht.

Dogmatischer Glaube taucht nicht in die Tiefe des Geistes. Für den, der sich mit Oberflächen begnügt, kann er Hafen sein. Schädlich ist nicht, dass er den Gehorsamen eine Zuflucht bietet. Schaden entsteht, weil er Tiefgang vereitelt.

Dogmatischer Glaube ist ein Risikofaktor für die seelische Gesundheit. Er kann aber auch nützlich sein. Personen, deren Selbstvertrauen nur schwach entwickelt ist, fühlen sich von der Komplexität der Wirklichkeit überfordert; und nicht nur die. Das kann zu Ängsten oder anderen seelischen Störungen führen.

Dogmatische Lehren geben vor, umfassende und endgültige Erklärungen für die Bedrängnisse des Lebens zu haben. Gleichzeitig liefern sie einfache Regeln, deren Befolgung angeblich vollständiges Heil garantiert.

Sich einer dogmatischen Lehre anzuschließen, kann für abhängige, selbstunsichere und ängstlich-vermeidende Persönlichkeiten ein Hafen sein. Das Angebot, gehorsam durchs Leben geführt zu werden, wie es das Bild von Schaf und Hirte verheißt, befreit sie von Ängsten und Schuldgefühlen. Es vermittelt ein Zugehörigkeitsgefühl, ohne das das Leben auf hoher See erschreckender wäre als jede Bevor­mundung durch die Hafenpolizei.

Abhängige, selbstunsichere und ängstlich-vermeidende Persönlichkeiten haben wenig Selbstwertgefühl. Da es keinen dogmatischen Glauben gibt, der seinen Anhängern nicht versichert, durch den bloßen Glauben an das Dogma bereits über den Ungläubigen zu stehen, kompensiert er zugleich das narzisstische Defizit prothetisch. Auch das ist für viele ein Gewinn, für den sie bereit sind, einen paradoxen Preis zu zahlen: Um sich dergestalt zu erhöhen, unterwerfen sie sich.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.