Die Welt als Ganzes kann nur gut sein, weil nur das Gute zueinander passt.

Da das Vollständige seine Entstehung umfasst, gehört zum Endgültigen eine werdende Wirklichkeit, deren Anfang und Ende zeitlos ist.

Da das Werden des Wirklichen des Wechsels von passen und brechen bedarf, gehört zum Werden das Böse, das sich ins Heilige fügen wird.

Da das Gute im Heiligen zusammen­kommt und das Heilige endgültig ist, hat das Gute Bestand, während Böses und Schlechtes vorübergeht.



Die problematischen Folgen des erkennenden Ich werden nur über­wunden, indem sich das Ich vollständig erkennt und sich als Folge der Kenntnis den Platz zuweist, der ihm zusteht.

Wozu gibt es schlechtes? Damit man sich für das Gute entscheiden kann.

Gut und böse


  1. Herkunft der Begriffe
  2. Das Gute und das Ungute
    1. 2.1. Das Böse
    2. 2.2. Das Schlechte
  3. Das Verhältnis von gut und böse zueinander
  4. Zur Rolle des Bösen
  5. Passgenauigkeiten
  6. Religiöse Lehren
    1. 6.1. Egozentrik
    2. 6.2. Das abrahamitische Erbe
    3. 6.3. Rein oder unrein

Die Gegensatzpaare gut und böse bzw. gut und schlecht spielen bei der psychosozialen und religiösen Ausrichtung eine große Rolle. Die Untersuch­ung der Begriffe erhellt Zusammenhänge. Zugleich fördert sie Erkennt­nisse über die Struktur der Wirklichkeit zutage.

1. Herkunft der Begriffe

2. Das Gute und das Ungute

Gut zu sein bedeutet...
  • so zu sein, dass die Auswirkung des eigenen Soseins dem Ganzen dient.
  • den Vorteil anderer als eigenen Vorteil zu sehen, solange deren Vorteil mit dem des Ganzen in Einklang steht.
  • dem Vorteil anderer nur zu widersprechen, wenn deren Vorteil zum Nachteil des Ganzen führt.

Obwohl gut, böse und schlecht sprachlich weit entfernten Wurzeln entstammen, stehen sie bei der Bewertung psycho­sozialer und religiöser Bezüge in enger Beziehung. Dabei sind zwei Ebenen zu betrachten:

  1. Was gut, böse und schlecht tatsächlich bedeuten
  2. Was als gut, böse oder schlecht beurteilt wird

Während das tatsächlich Gute das ist, was sich in ein über­geordnetes Ganzes fügt und durch sein Gutsein dem Ganzen dient, ist das Ungute logischerweise das, was den Aufbau des Ganzen behindert. Gut ist relativWas ist gut? heißt immer: Was ist gut wozu?. Es bezieht sich auf die Notwendigkeiten jenes Ganzen, von dessen Standpunkt her es als gut beurteilt wird.

Abhängigkeiten

Unterscheidungen, die theoretisch leicht zu treffen sind, machen in der Praxis Probleme. Das hat Ursachen:

Das Wesen des Unguten wird durch zwei Aspekte bestimmt, die in den Ausdrücken böse und schlecht erkennbar sind.

Da das Ganze das Böse umfassen muss, das Böse aber nicht von Dauer sein kann, muss das Ganze den Zeitfluss enthalten, in der das Böse entsteht und vergeht.
2.1. Das Böse

Bösesein heißt: aufgebläht sein. Böse zu sein bedeutet...

Dabei kann das Böse in zwei Ausprägungen vorkommen:

Da sich ein Eigeninteresse nur dann mehr Raum anmaßen kann, als ihm zukommt, wenn es Maße kennt, setzt das Böse eine Instanz voraus, die zumessen kann. Das Böse kann daher nur Element eines Bewusstseins sein, das den Unterschied zwischen Ich und Du ebenso erkennt wie den Wert des übergeordneten Ganzen, das aus beiden besteht.Reißt ein Kind einer Fliege zum Spaß die Beine aus, glauben wir nicht, dass es böse ist. Wir halten es für unwissend. Wir gehen davon aus, dass es das Lebendige an sich nicht als Teil einer übergeordneten Sphäre des Lebens erkennt, dem die Fliege ebenso wie es selbst als dazu passend angehört. Tut ein Erwachsener das gleiche, deuten wir das als Bosheit. Außerhalb einer derartigen Bewusstheit kommt es nicht vorZum Glück gibt es heute kaum noch jemanden, der einen Wolf für böse hält, weil er Rehe reißt. Im Kontext der Natur ist der Wolf nur gut; ebenso wie das Reh. Beide passen in ein zusammenhängendes Ganzes. Der Wolf ist ein Beschützer des Waldes vor dem Verbiss durch die Rehe. Er schützt also deren Lebensraum..

Authentizität

Gut sein zu wollen kann Ausdruck des Bösen sein, wenn es dem eigenen Vorteil dient und sich nur zum Schein ins Ganze fügt. Nur ein Sosein, das keiner Absicht unterliegt, kann vollgültig gut sein. Was sich verstellt, nimmt den Schaden des Ganzen fährlässig in Kauf, weil es eine Stelle in Anspruch nimmt, die es nicht ausfüllen kann.


Das Individuum wird aus der "Schlechtig­keit" der Welt heraus geboren. Ohne die Widrigkeit der Welt bliebe es als Embryo in einem Mutterschoß.


Der Einzelne kann nur auf die Widrigkeit der Welt verzichten, wenn seine Individualität verwirklicht ist.


Wechselwirkungen

Das Böse wird besonders böse, wenn das Gute sich besonders gut gefällt.


Nirgendwo kann sich Eitelkeit besser verstecken als hinter dem Gutsein.

2.2. Das Schlechte

Das Schlechte ist ein Werkzeug des Bösen. Das Schlechte glättet seine Kanten und schleicht sich einWohlgemerkt: Es gibt einen Unterschied zwischen anschleichen und einschleichen. Die Schlange schleicht sich an. Das ist Ausdruck ihres Wesens. Sie schleicht sich nicht ein, weil ihr Anschleichen nicht ihr wahres Wesen ummäntelt. Daher ist das Anschleichen der Schlange weder böse noch schlecht. Das Sich-einschleichen des Schlechten ist ein geplanter Akt, bei dem sich das Schlechte mit Berechnung unkenntlich macht. Das Sich-einschleichen kann nur als ein derart bewusster Akt schlecht oder böse sein.. Schlecht zu sein bedeutet...,

Auch das Schlechte setzt Bewusstheit voraus. Im Gegensatz zum bloß Bösen, das den anmaßenden Charakter seiner Aufblähung nicht verbirgt, gehört zum Schlechten Berechnung. Das Böse ist erkennbar rücksichtslos, das Schlechte tut so, als sei es das nicht. Das Böse bricht durch die Tür und raubt. Das Schlechte legt Gift aus.

Weil zum Schlechten die Täuschung des Gegenübers gehört, weiß das Schlechte grundsätzlich von seiner Schlechtigkeit; und kann dieses Wissen erst in einem zweiten Schritt übergehen.Zum Beispiel durch rationalisierende Fehlurteile, die sein Schlechtsein scheinbar rechtfertigen.

3. Das Verhältnis von gut und böse zueinander

Gruppendynamik

Der Mensch lebt in Gemeinschaften. Die Zugehörigkeit zur jeweiligen Gruppe setzt meist eine Anpassung an deren Regeln voraus. Anpassung heißt: Der Einzelne hat in den Augen seiner Gruppe gut zu sein. Innerhalb der Gruppe sollte er auf Bosheit verzichten; also darauf, sich zum Schaden der Gemeinschaft breit zu machen. Durch den Beitritt zu einer Gruppe, die Gutsein fordert, ist das Potenzial des Bösen aber nicht aus der Welt. In der Regel wird der Anspruch, sich aufzublähen, an die Gruppe abgetreten. Das führt dazu, dass Gruppen, die internes Zueinanderpassen als überwertige Regel vertreten, nach außen hin expansiv-verdrängend sind. Das Böse, das sich im Inneren auf keinen Fall zeigen darf, rechtfertigt nach außen hin jedes Mittel.

Dass sich das Böse im Inneren auf keinen Fall zeigen darf, heißt nicht, dass es nicht auch dort seine Wirkung hat. Die Wirkung zeigt sich als besonderer Anpassungsdruck, den die Gruppe auf den Einzelnen ausübt. In der Gruppe der ausdrücklich Guten gibt es ein kollektiv Böses, das den Einzelnen zum Vorteil der Gruppe bedrängt.

4. Zur Rolle des Bösen

Das Heilige kommt ohne Rebellion gegen fragloses Gutsein nicht aus.

Gehorsam kann das Böse nicht bezwingen, weil Gehorsam ein Werkzeug des Bösen ist.

Nur ein Eigensinn, der keiner Einschränkung unterworfen ist, kann tatsächliches Gutsein verkörpern.

Aufgabe des Bösen ist es, Bindungen zu lösen, in denen das Gute fraglos unterworfen ist, weil zum Heiligen ein Gutes gehört, das als Gutes vom Heiligen nicht zum Gutsein gezwungen wird, sondern in freier Entscheidung das Gutsein wählt.

Das Heilige kann nicht nur aus Gutem bestehen, das nur gut ist, weil es dem Befehl des Heiligen, gut zu sein, gehorcht. Ein Gutes, dessen Gutsein bloß dem Befehl dazu folgt, ist ein Schlechtes, das sein Sosein zum eigenen Vorteil wählt.

Damit Freiheit zum Wesen des Ganzen gehört, muss das Böse ein Gutes bestimmen, das zum Gutsein nicht mehr verpflichtet ist. Ein solches Gutes ist eines, das böse sein kann, das weder zum Gutsein verführt, noch erpresst oder bestochen wird. Es ist ein Gutes, das weder durch Äußeres noch eigenes Gutsein als Gutes festliegt. Das endgültige Gutsein besteht in keinem bestimmten Sosein, sondern im So-oder-anders-sein-können der ursprünglichen Leere.

5. Passgenauigkeiten

Die Frage, wann der Mensch in den Augen seiner selbst und anderer als gut gilt, spielt eine große Rolle. Um Antworten zu finden, macht es Sinn, sich das grundsätzliche Wesen des Gutseins erneut vor Augen zu führen. Gut zu sein heißt, zu etwas zu passen.

Bei der Bewertung des Gutseins zählt in sozialen Gemeinschaften letztendlich, was der Einzelne tut. Gefragt wird: Passt sein Verhalten? Wird aber gefragt, ob ein Verhalten passt, ergibt sich die nächste Frage zwingend: Wozu soll es passen? Darauf kann es zwei grundsätzliche Antworten geben.

Zwei Arten des Gutseins

Existenziell Sozial
Ich passe zu mir selbst. Ich passe zu den anderen.

Das existenzielle Gutsein kann seinerseits in zwei Aspekte unterteilt werden:

  1. Das Verhalten passt zum individuellen Wesen dessen, der es ausführt. Dann ist der Handelnde authentisch. Dieses Gutsein beruht auf der Passgenauigkeit zwischen persönlichem Verhalten und reflektierter Überzeugung. In diesem Sinne ein guter Mensch zu sein, kann zu individuell unterschiedlichen Sicht- und Verhaltensweisen führen.

  2. Das Verhalten passt zu einer Übereinkunft, die von den dominanten Kräften der Bezugsgruppe als Leitschnur moralischen Verhaltens angesehen wird. Dieses Gutsein beruht auf der Passgenauigkeit zwischen persönlichem und sozial erwünschtem Verhalten. Ein derart definiertes Gutsein führt zu einer Vereinheitlichung von Sicht- und Verhaltensweisen.

Ob die Treue zu sich selbst oder die Anpassung an soziale Normen bei der Bewertung des Gutseins überwiegt, ist kaum verbindlich zu entscheiden.

Vergleiche

Was ist ein gutes Krokodil? Etwa eins, das dem Fleischverzehr abschwört und stattdessen Gnus aus den Fluten des Mara rettet? Was ist ein guter Hirsch? Etwa einer, der bei der Brunft aus Mitleid schwächere Brüder zum Zuge kommen lässt? So ein Verhalten widerspräche dem Wesen von Hirsch und Krokodil. Es wäre erstaunlich, aber nicht wirklich gut; zumindest nicht für ihre Art.

Auch das Verhalten des Menschen kann nur gut sein, wenn es zu seinem Wesen passt. Worin liegt aber die charakteristische Wesensart des Menschen? Doch darin, dass der Einzelne beim Menschen kein Exemplar, sondern IndividuumIm Gegensatz zum Exemplar, das nichts davon weiß, dass es exemplarisch ist, ist sich das Individuum seiner Individualität bewusst. Exemplar geht auf lateinisch ex-imere = herausnehmen zurück. Ein Exemplar ist ein beispielhaftes Muster, das aus einer Menge gleichartiger Dinge herausgegriffen ist. Das Individuum verweist wesenhaft auf die Einzigartigkeit des Selbst, das Exemplar ist nur Beispiel eines Musters, das das tut. Das Individuelle ist Gott, dem Symbol der ungeteilten Einzigartigkeit, daher näher, als das Kollektive. Es ist daher nicht so, dass Gott nur dort ist, wo zwei in seinem Namen zusammen sind. Er ist auch dort, wo einer zu sich selbst steht. ist. Deshalb kann der Mensch nur gut sein, wenn er die Passgenauigkeit zwischen Verhalten und persönlicher Überzeugung über die zwischen persönlichem und sozial erwünsch­tem Verhalten stellt. Der Mensch dient seiner Art, wenn er das Individuum gegen die Übermacht des Kollektiven schützt.

6. Religiöse Lehren

Nirgendwo sonst wird zwischen gut und böse so kategorisch unterschieden wie im Reich der Religion. Das ist logisch. Wenn es um die endgültige Zugehörigkeit zum Heiligen geht, steht die Frage, was in den Augen des Heiligen als gut gelten kann, unverrückbar im Raum.

Egoismus kann die Enge, an der er leidet, im Guten überwinden, indem er über sich hinausgeht. Er neigt aber dazu, sich gegen Enge zu wehren, indem er sich aufbläht.

Das Ego ist nichts, was als Einheit existiert. Es ist die Neigung des Ich, sich mit naheliegenden Objekten zu identifizieren. Sobald das Ich meint Dieser Körper bin ich, ist das Ego entstanden. Da es sich aus Gründen der Sicherheit zu erweitern versucht, meint es als nächstes: Das ist meine Kaffeetasse.
6.1. Egozentrik

Die einseitige Einschätzung egoistischer Motive als böse ist ein tief ver­wurzelter Brauch des Abendlands. Obwohl das Ego oft Böses tut, ist die Gleichsetzung nicht angebracht.

Der qualitative Unterschied zwischen egoistisch und nicht-egoistisch ist primär keiner von gut und böse, sondern einer von eng und weit. Der egoistische Mensch hat einen engen Horizont: den seiner Person.

Dass der abendländische Glaube egoistische Motive systematisch als böse verurteilt, ist auch Ergebnis seines politischen Ansatzes.... der seinerseits böse ist, insofern er einen asymmetrischen Vorteil einer Gruppe auf Kosten anderer fordert. Moses' Glaube diente einer Politik, deren Anspruch den Einzelnen, also den Mandanten des Ego, vollständig der Gruppe, also dem politischen Vorsatz unterstellt. Daher galt der Einzelne als böse, sobald sich sein Bemühen aufs eigene Wohl, statt auf das der totalitären Gruppe bezog.

Tatsächlich böse ist das Ego nicht an sich, bloß weil es für das Wohl der Person sorgt, sondern erst, wenn es sich aufbläht, es der Person also über deren Bedeutung hinaus Vorteile verschafft; was es allerdings gerne tut.

Bleibt das Ego aber defensiv, schützt es die Person also gegen die Anmaßung der anderen, ist es ein wahrer Segen.

6.2. Das abrahamitische Erbe
Gäbe es Gotteshäuser, in denen man nicht Lehrsätze predigt, sondern Erkenntnis fördert, fände der Geist eine Heimat.

Wenn das Böse den Platz einnimmt, der ihm zukommt, ist es gut. Wenn das Gute sich mehr anmaßt, als ihm zusteht, wird es böse.

Das Gute kann das Böse nicht wirklich beseitigen, weil das, was beseitigt, selbst etwas Böses ist. Gutes kann Gutes beschützen, weil das Böse im Guten das Gute verteidigen kann.

Religion ist Wiederanbindung. Der Weg reiner Wiederanbindung heißt: Ich erkenne mich selbst. Ein Glaube, der dem etwas hinzufügt, ist unrein.

Mit dem Mythos von Baum der Erkenntnis spricht die Bibel einen grund­sätzlichen Zusammenhang an: den zwischen dem Bösen und der Bewusst­heit des Ich. Richtig ist: Nur was sich erkennt, kann böse sein.

Falsch ist jedoch, das Problem durch Rückschritt zu lösen. Das Böse wird nicht überwunden, indem das Ich die gefährliche Gabe zur eigen­ständigen Erkenntnis durch die Unterwerfung unter etwas nicht Erkennbares, also etwas bloß Geglaubtes, zurückweist.

Die Zurückweisung der problematischen Fähigkeit hebt ihre Gefährlichkeit nicht auf. Im Gegenteil:

Die Gefährlichkeit des Potenzials zum Bösen wird nicht überwunden, indem man das Böse verteufelt und es von sich weist. Sie wird überwunden, indem das Ich die Erkenntnis seiner selbst vorantreibt und in der Folge versteht, von welchem Platz aus das Böse dem Ganzen im Guten dient.

Bindungen

ReligionGemäß der etymologischen Auslegung Lactantius' abgeleitet von lateinisch re-ligare = zurückbinden, wiedereinbinden. kann als Rückbindung oder als Wiederanbindung verstanden werden. Indem das Ich seiner selbst bewusst wurde, hat es die fraglose Bindung ins Ganze auf­gelöst. Religion ist der Impuls, Bindung wiederherzustellen. Sie kann sich rückwärts oder vorwärts wenden.

Spaltende Religion bindet zurück, indem sie die gewonnene Freiheit verweigert. Sie versucht, die gefürchtete Freiheit... die auch eine Freiheit zum Bösen ist. durch Gehorsam und Unterwerfung auszutilgen.

Integrative Religion schreitet voran. Sie stellt Bindung wieder her, indem sie Frei­heit als Wesen des Ganzen entdeckt und die Freisetzung des Ich in eine Ordnung führt, die es nach der Befragung tatsächlich bejaht. Spaltender Glaube5 Moses 17, 5*:
...dann führe diesen Mann oder diese Frau, die solchen Frevel getan, zu deinen Toren und lasse sie zu Tode steinigen!...Die Zeugen sollen zuerst ihre Hand gegen ihn erheben, um ihn zu töten, danach aber das ganze Volk. SO SOLLST DU DAS BÖSE AUS DEINER MITTE AUSTILGEN!

Exemplarisches Beispiel eines spaltenden Glaubens ist die jüdische Lehre. Beim Versuch, das Böse auszutilgen, das sie selbst als böse bestimmt, greift sie zu Mitteln, die Ausdruck des Bösen sind.
versucht, das Böse zu beseitigen.Ein weiteres Beispiel eines spaltenden Glaubens ist die Lehre Zarathustras. Ihr gemäß ist die Weltgeschichte Ausdruck des Kampfes zwischen dem guten Geist Ahura Mazda (persisch: اهورا مزدا = weiser Herr) und dem bösen Ahriman (اهريمن). Da das Wesen des Guten in der Bindung liegt, droht jedoch das, was sich die Abspaltung des Bösen zum obersten Ziel setzt, selbst Ausdruck des Bösen zu sein. Wer das Böse nicht an sich bindet, sondern von sich abzuspalten versucht, entbindet das Böse aus der Führung des Guten. Heilender Glaube versucht, es zu verstehen. Mehr noch: Heilender Glaube versucht, sich aus dem Bösen herauszuverstehen; sich also durch ein Verständnis des Bösen vom Bösen zu lösen.

6.3. Rein oder unrein

Religiöse Lehren befassen sich mit dem Platz des Einzelnen im Ganzen. Dabei geht es um die Zugehörigkeit des Selbstbestimmten. Bei der Bestimmung der Zugehörigkeit des Selbstbestimmten spielt der Gegensatz von gut und böse, also von passend und unpassend eine große Rolle.

Selbstbestimmtes kommt nie ans Ziel, wenn es den Weg dorthin nicht selbst bestimmt.

Merkmal unreiner Lehren ist, dass sie Ungläubige vom Heil ausschließen.

Religion ist kein Ich glaube dies oder das. Sie ist ein Ich erkenne dass und was ich bin. Die reine Lehre geht darüber nicht hinaus.

Was die Übernahme trennender Vorstellungsbilder zur Religion erklärt, ist ein Verstoß gegen das Religiöse an sich.

Der Gegensatz von gut und böse kann verstanden oder moralisch definiert werden. Das Verstehen des Gegensatzes befasst sich mit der Erkenntnis dessen, was wahr ist. Die Benennung einer Moral entwirft Vorstellungsbilder. Moral sagt, was sein soll.

Während es nur eine wahre Wirklichkeit geben kann, gibt es viele Vorstel­lungsbilder, die vorgeben, was wirklich sein sollte. Vorstellungsbilder beruh­en auf Meinungen und Sichtweisen Einzelner. Sie unter­scheiden sich vonein­ander.

Religion betreibt Bindung ans Ganze.Deshalb kann auch nur ein Glaube, der keinen anderen Glauben beseitigen will, ein tatsächlich religiöser Glaube sein. Alles andere ist Aberglaube, also ein von wahren Glauben abgefallener Irrweg. Für wahre Religion ist die Bewahrung des Ganzen von höchster Bedeutung. Da sie die Anbindung freigesetzter Teile ans Ganze versucht, ist wahrer Religion Ausgrenzung wesensfremd. Jede Form von Ausgrenzung wirkt wahrer Religion zuwider.

Es gibt verschiedene religiöse Lehren. Nur eine kann zutreffen. Die zutref­fende Lehre hat zwei Bedingungen zu erfüllen:

  1. Sie muss jenseits von Bildern das Wirkliche finden, da das Ganze nur wirklich sein kann.

  2. Sie darf keinen Teil ausschließen, weil sie sonst dem Ganzen widerspricht.

Um Selbstbestimmtes ans Ganze zu binden, muss eine religiöse Lehre genau das fördern, was es dem Teil ermöglicht, den Weg zum Ganzen selbst zu bestimmen. Das ist Selbsterkenntnis. Nur was sich selbst erkennt, kann erkennen, welchen Weg es zum Ganzen gehen kann.

Die reine religiöse Lehre muss ihren Glauben so formulieren, dass seine Aussagen niemanden vom Ganzen ausschließen. Daher muss sie das als eigentlich religiösen Akt bestätigen, was das Menschsein bereits vor Übernahme trennender Vorstellungsbilder ausmacht: den Akt des Erkennens, dass und was er ist. Jede Lehre, die darüber hinausgeht, ist unrein.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.