Religion ist die Hinwendung des Einzelnen zur bestimmenden Macht der Wirklichkeit. Religiös ist die Frage des Individuums nach dem Bezug zwischen sich selbst und dem Sein.

Theologie ist die Wissenschaft von dem, was allem angehört und sich selbst bestimmt.

Nichts wird mitgeteilt. Alles wird gefunden. Alles Mitteilen ist Hinweis darauf, wo man suchen kann.

Wahr ist, was wirklich ist. Gedankliche Bilder sind bloß virtuell.

Was den Schaden Dritter gutheißt, ist niemals Religion. Religion sucht nach Anbindung ans Ganze. Was Teile verwirft, kann das Ganze nicht finden.

Religion ist Des-Identifikation von konkret Erkennbarem. Identifikation ist antireligiös. Religion heißt zu sehen, dass selbst die Person eine Rolle ist, aber keine Identität.

Die Welt ist das Viele. Sie sind das Eine. Beachten Sie das Eine. Dann sind Sie religiös.

Religion


  1. Religiöse Grundmotive
  2. Entbindung und Wiederanbindung
  3. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins
  4. Religion und Politik
  5. Liebe und Religion
  6. Religion und Psychopathologie

1. Religiöse Motive

Es gibt zwei religiöse Grundmotive. Das erste ist egozentrisch. Es dient dem Versuch, das Ego vor Schaden zu schützen; indem es sich mit den Mächten der Wirklichkeit gutstellt. Das zweite ist transzendierend.Von lateinisch trans-scendere = hinüber schreiten. Das egozentrische Bewusstsein verortet das Zentrum des Ich im Ego. Das transzendierende sieht es jenseits der Person. Es dient anderem: Das Selbst aus den Grenzen des Ego freizusetzen.

Das erste Grundmotiv kann seinerseits in zwei Formen unterteilt werden; je nachdem gegen welche Gefahr sich das Ego vorrangig abzusichern versucht. Bei der heidnischen Variante versucht das Ego sich vor den Bedrohungen der Natur zu schützen. Bei der politischen geht es um Bedrohungen vonseiten der sozialen Gemeinschaft. Die heidnische und die politische Variante treten meist als Mischformen auf.

Das zweite Grundmotiv dient nicht dem Schutz des Ego vor äußeren Gefahren. Das zweite Grundmotiv erkennt das Ego selbst als Problem. Das Ich versucht daher, zu sich selbst zu finden, indem es den Horizont des Ego überschreitet. Das zweite Grundmotiv entspricht dem spirituell-mystischen Religionsverständnis.

Mystische Religion führt zur Entdinglichung des Selbst- und des Gottes­bildes. Sie wendet sich weder Stonehenge noch Jerusalem, Rom, Mekka oder Benares zu. Ihr Ziel ist die Bewusstheit des­sen, was das Wesen des Individuums ausmacht.

Mystik betrachtet den Menschen als Subjekt. Für andere Formen der Religion bleibt er Partikel und Objekt. Nur was den Menschen als Subjekt betrachtet, ist religiös im vollgültigen Sinne. Anderes ist bloßer Glaube, der eine Kulturform begründet.

Was man verbieten kann, ist nicht Kern der Religion. Kern der Religion ist der Versuch, die Welt aus den Augen Gottes zu betrachten.

Einteilung religiöser Motive

egozentrisch transzendierend
heidnisch politisch-konfessionell spirituell / mystisch
Schutz des Ego vor den Gefahren der natürlichen Umwelt Schutz des Ego vor der Aggression anderer Befreiung des Selbst aus den Grenzen des Ego
Beschwichtigung der Götter zur Verhinderung von Missernten, Unwettern, Krankheit und Tod Beschwichtigung des Umfelds durch soziale Anpassung
Befriedung sozialer Konflikte durch weltanschauliche Vereinheitlichung
Rückbindung des Ich an das Selbst. Auflösung des egozentrischen Selbstbilds
Opfergaben und Magie Demonstration der Unterwerfungs­bereitschaft
Zustimmung zu vorgegebener Lehrmeinung
Eigenverantwortung
Fehlende Reflektion des Ego Änderung des Ego durch Anpassung an Vorbild Befreiung vom Ego durch Erkenntnis seiner selbst
Ich sollte etwas machen. Ich sollte anders sein. Ich bin, was ich bin.
Opfert etwas von dem, was er hat. Opfert etwas von dem, was er ist. Opfert was er bloß zu sein glaubt.
Den Mächten des Jenseits bin ich eigentlich egal. Gott ist ein Er, der etwas von mir fordert. Das Göttliche ist ein Es, das sich in mir zum Ausdruck bringt.
Gott ist ein Gegenüber. Ich bin sein Objekt. Tatsächlich bin ich Subjekt.
föderal zentralistisch individuell
Laie und Priester/Schamane Schüler und Lehrer
hierarchischDer heidnische Priester bzw. Schamane steht durch okkulte Fähigkeiten über dem Laien. Wenn der Laie krank ist, geht er zum Schamanen, weil der die Götter um Beistand bitten kann. Er geht nicht zum Schamanen, um dessen Fähigkeiten zu erlernen. Der Schamane übt aber keinen Zwang auf den Laien aus. Der Schamane macht ein Angebot. autoritärDer politisch-konfessionelle Priester steht durch vermeintlich göttliche Berufung über dem Laien. Das Verhältnis ist aber nicht nur hierarchisch. Es ist autoritär. Der Priester macht kein Angebot. Er bevormundet, fordert und vereinnahmt. Der Laie hat sich der vorgegebenen Weltanschauung zu unterwerfen. Tut er es nicht, schreitet der Priester im vorgeblichen Auftrag Gottes zur Bestrafung. Es gibt keinen Ansatz, das Gefälle zwischen Priester und Laie auszugleichen. ebenbürtigDer Lehrer hat einen Wissensvorsprung, den der Schüler einholen kann. Was der Schüler beim Lehrer sucht, ist eigene Befähigung. Der Schüler betrachtet den Lehrer als Autorität, bis er gelernt hat, selbst eine zu sein. Ein unüberbrückbares Gefälle im Rang gibt es nicht. Der Lehrer hilft dem Schüler, das Gefälle auszugleichen.

1.1. Zugehörige Begriffe

Eine Betrachtung der Begriffe, die die Grundformen der religiösen Aktivität benennen, fördert Zusammenhänge zutage, die uns erlauben, vorläufige Formen des religiösen Erlebens von vollgültiger Religion abzugrenzen.

1.1.1. Heidnisch
Das heidnische Ego versucht, die Götter durch Geschenke und magischen Zauber auf seine Seite zu ziehen.

Die Sprachgeschichte des Begriffs heidnisch ist komplex. Ein Wurzelstrang lässt sich zum griechischen Wort ethnos (εθνος) = Schar, Haufen, Volk zurückver­folgen, ein anderer scheint sich im germanischen Begriff haiþio = Heide, Brachland, Wildnis zu verankern.

Das durch beide Sprachwurzeln Gemeinte wird durch den lateinischen Begriff für heidnisch = paganus weiter erhellt. Paganus ist von pagus = Dorf, Gegend, Gau, Landstrich abgeleitet.

Alles zusammen beschreibt die Lebensbedingungen jener Menschen, deren religiöse Praxis als heidnisch zu bezeichnen ist. Es sind Menschen, die in kleinen Gruppen leben, in Dörfern oder auf dem freien Land, in einem Umfeld also, in dem der Einzelne den Gefahren der Natur unmittelbar ausgesetzt ist.

Der Heide sieht sich von Hungersnot, Raubtieren, Unwettern, Vulkanen, Sümpfen, Sonnenfinsternissen, dämonischen Lauten aus den Tiefen des Waldes, allgegenwärtiger Verletzungsgefahr, Missgeburt, Krankheit, Steinschlag und Heuschreckenplage bedroht. Er vermutet, dass hinter all dem Geister und Götter stecken. Er glaubt, dass man Zorn und Gunst solcher Götter und Geister beeinflussen sollte, damit es nicht noch schlimmer kommt, als es sowieso schon ist.

Die religiöse Praxis des heidnischen Glaubens besteht aus Opfergaben und Magie. Mit Hilfe der Opfer versucht der Heide, die Götter zu bestechen.Ich gebe Euch jeden dritten Fasan. Dafür gebt ihr mir Jagdglück. Wenn es um Wichtigeres ging als um ein bisschen Jagdglück, opferte der Heide auch Menschen. Mit Hilfe von Zauber­formelnIm Glauben an Zauberspruch und Zauberritual leugnet das Ego seine Ohnmacht. Es wähnt sich im Besitz magischer Kräfte, womit es sich die Angst vor der Übermacht der Welt vom Halse hält. Oder die Zauberformel ist bloßer Betrug. Nicht umsonst kommt das Wort Magier von griechisch magos (μαγος) = Zauberer, Betrüger; wobei allerdings zu bedenken ist, dass der weitere Ursprung des Begriffs ins Altpersische reicht, wo er einen Avestapriester bezeichnete; und die alten Griechen Persern eher Übles zutrauten. glaubt er, die Kräfte des Jenseits zu lenken.

1.1.2. Politisch-konfessionell
Das politisch-religiöse Ego schützt sich vor Gott, König, Nachbarn und Priestern, indem es sich unterwirft.
Oder es glaubt, vom Himmel beauftragt zu sein, sämtliche Rivalen unter seine Herrschaft zu zwingen.

Mit dem Fortschritt der Kultur wuchs die Bevölkerung. Aus Jägern und Sammlern, die auf die Magie ihrer Schamanen vertrauten, wurden Stadt- und Staatsbürger. Parallel dazu wurde der heidnische Glaube zusätzlich politischVon griechisch polites (πολιτης) = Stadtbürger..

Das Zusammenleben in Stadt und Staat hatte den Vorteil, dass man vor den Gefahren der freien NaturInnerhalb der Stadtmauern waren die Raubkatzen ausgerottet. Durch den Betrieb gemeinsamer Bewässerungsanlagen wurde die Versorgung mit Nahrungsmitteln stabilisiert. Der schreckliche Pan ging nachts zwar in den Wäldern um, nicht aber auf der Agora. besser geschützt war; allerdings zu einem hohen Preis: Der soziale AnpassungsdruckWar der Andere in der Steppe noch Bündnispartner gegen Raubkatzen, wurde er mit wachsender Siedlungsdichte mehr und mehr zu einem Rivalen und potenziellen Feind. stieg. Da im komplexen Gefüge des Staatswesens die Gruppenstruktur hierarchischer und Menschen einander zugleich zur Masse wurden, wuchs der Bedarf an Mitteln, komplex strukturierte Massen zu verwalten. Eines davon war die staatlich verordnete Vereinheitlichung von Realitätsdeutung und kulturellem Brauchtum.

Darüber hinaus fürchteten sich die Mächtigen vor dem Aufstand ihrer Untertanen; und noch mehr vor dem Ehrgeiz potenzieller Konkurrenten. Schnell war die Idee geboren, dass Macht kein Resultat von Willkür, Schläue, Zufall und Unrecht war, sondern gott­gewollt; und damit unumstößlich.

Die Mächtigen... oder die, die es werden wollten... propagierten einen verbindlichen GlaubenDie Regel cuius regio, eius religio = Wer herrscht, legt fest, was die Untertanen zu glauben haben, ist die Kernidee jeder politischen Religion. Sie wurde 1555 im Augsburger Religionsfrieden konkret vereinbart., der auf den eigenen AnspruchHinter meiner Macht steht eine moralische Instanz, der auf keinen Fall widersprochen werden darf. zugeschnitten war. Die Untertanen taten gut daran, sich diesem Glauben anzu­schließen,Die Bibel beschreibt das Motiv, sich einer politischen Religion anzuschließen, unverblümt:

Ester 8, 17*:
Viele aus den Heidenvölkern bekannten sich zum Judentum, denn die Furcht vor den Juden hatte sie befallen.

Die Angst vor den anderen ist ein wesentlicher Mechanismus, der politischen Glaubenssystemen Anhänger in die Arme treibt oder sie bei der Stange hält. Es gibt keine politische Religion ohne wechselseitige Überwachung, Gesinnungskontrolle und Sanktionsdrohung.
wollten sie nicht riskieren, als "gottverhasste" FrevlerPsalm 7, 13-14*:
...wenn einer sich nicht bekehrt, spannt er seinen Bogen und zielt mit ihm. Er richtet auf ihn die Todeswaffen...

Psalm 17, 14*:
Dein Schwert möge sie töten...Ohne Lebensdauer sei ihr Anteil am Dasein! Was du [an Plagen] aufbewahrt hast, damit fülle ihren Leib, daß ihre Söhne noch satt werden und den Rest ihren Kindern hinterlassen!

Psalm 101, 8*:
Jeden morgen will ich alle Frevler im Land vernichten...
, Abweichler und Lästerzungen umgebracht zu werden.

Egal aus welcher Perspektive betrachtet, sei es aus der der Mächtigen, sei es aus der der Unterworfenen, das Grundmotiv der politischen Religionsauffassung liegt im Schutz des Ego vor der Aggression seiner Mitmenschen.Die angebliche Aggression des jeweils propagierten Gottes ist stets Drohkulisse derer, die in "seinem Namen" über andere herrschen oder herrschen wollen. Zugleich nutzt sie genau diese Aggression, um sich selbst als Monopolmacht durchzusetzen.

Politischer Glaube ist heidnischer Glaube mit fortentwickelter Opferpraxis + Allein­vertretungs­anspruch.
Kontinuität

Politische Glaubenssysteme blicken voll Verachtung auf das Heidentum. Auch das ist politischer Vorsatz; um konkurrierende Vorgänger aus der Welt zu schaffen. Tatsächlich brachte das politische Element keinen religiösen Fortschritt gegenüber dem heidnischen. Es ging aus ihm hervor. Das Wesen des heidnischen Glaubens ist, dass der Heide mit dem Jenseits Geschäfte macht und es durch Rituale zu seinem Vorteil lenken will. Nichts davon hat der politische Glaube aufgegeben.Für die Gunst seines Gottes ist Abraham bereit, seinen Sohn zu opfern. Das ist ein rein heidnischer Ansatz.Stattdessen hat er den heidnischen Ansatz fortentwickelt.

Das neue am politischen Glauben war seine erweiterte politische Funktion. Durch die Propagierung eines fordernden Gottes, der durch den Mund Berufener Gesellschaften in seinem Sinne vereinheitlicht, wurde die Lenkbarkeit des Einzelnen durch Machthaber von Gottes Gnaden verbessert. Der politische Erfolg vereinheitlichter Kulturen ging mit der Ausbreitung der Glaubenssysteme Hand in Hand. Vereinheitlichte Gesellschaften waren innerlich besser zu befrieden und beim Erobern effektiver.

Alleinvertretungsanspruch und Menschenopfer

Dem Alleinvertretungsanspruch des politischen Glaubens entspringt zwingend Feind­seligkeit: gegen all jene, die sich nicht beugen. Das zufällige Menschenopfer des unpolitischen Heiden... das uns heute noch Moorleichen liefert... wurde vom politisch-konfessionellen Glauben syste­matisiert und auf die Zielgruppe der Andersdenkenden ausgerichtet. Die heiligen Schriften Jahwes und Allahs fordern Menschenblut. Beide Götter wollen, dass Gläubige Ungläubige zu ihren Ehren töten. Bis ins 17. Jahrhundert hinein hat das Christentum auf den Scheiterhaufen der Inquisition Jahwe Menschenopfer dargebracht. Wo der Glaube mächtig ist, wird der Auftrag der Propheten auch heute noch vollstreckt.

1.1.3. Spirituell-mystisch
Das spirituelle Ich erkennt, dass sein Ego nur Teil seiner selbst und sein Selbst Ausdruck des Ganzen ist.

Spirituelle oder mystische Religion ist grundsätzlich anders als die bisher Genann­ten. Nur sie ist reine Religion im ungetrübten Sinn.

Spiritualität ist von lateinisch spiritus = Geist, Seele, Hauch, Atem abgeleitet. Der Begriff weist auf eine formlose Ebene der Wirklichkeit hin, die jenseits konkreter Interessen, Personen, Götterbilder und Rituale liegt.

Mystik entstammt dem griechischen Wort mystos (μυστος) = verschwiegen. Mystos entspringt seinerseits dem Verb myein (μυειν) = sich schließen. Während sich heidnischer Glaube in Zaubersprüchen verlautbar macht und politischer in der Verkündigung angeblich offenbarter Gesetze, erschließt sich die mystische Erfahrung im schweigenden Blick nach innen. Das mystische Ich will weder Gott zum eigenen Vorteil lenken, noch steuert es Vorteile an, indem es andere zu Gleichgesinnten macht.

Das mystische Ich entbindet sich aus der Enge egozentrischer Setzungen in die Ungebundenheit des Geistigen.

Der Belohnungsglaube überträgt kindliche Überlebensstrategien ins Theologische. Damit fixiert er die seelische Entwicklung auf unreife Muster. Psychologisch gesehen ist er als Abwehrmechanismus zu erkennen.
Identität oder Identifikation

Jeder Variante der beiden Religionsauffassungen liegt eine spezifische Ausrichtung des Ich zugrunde:

Während Vorstellungen, mit denen sich das Ich identifizieren könnte, austausch­bar sind,... und ihr Angebot zumeist geographischen und geschichtlichen Wechselfällen unterliegt... gibt es nur eine Identität. Religion als Identifikationsbemühen mit einem Soll ist stets verdeckte Vielgötterei, weil Identifikation bereits den Plural der WahlmöglichkeitenIndem man ein Bild aus vielen auswählt, hat man die abgewählten bereits als wählbar anerkannt. Echter Monotheismus heißt daher: sich für kein Bild zu entscheiden. mitdenkt. Das tut die Suche nach der Identität, also die Suche des Ich nach seinem Selbst, nicht. Nur Mystik ist monotheistisch. Konfession bildet es sich ein.

Jeder Identifikationsglaube ist oberflächlich. Er lenkt den Blick des Ich nach außen, wo ihm das Modell vorgehalten wird, dem es sich anzugleichen hat. Er ist ein So-zu-tun-als-ob. Mystik schaut nach innen. TiefKonfessioneller Glaube wird oft als tief bezeichnet. Das ist er nie. Er ist im schlimmsten und im besten Fall fanatisch. ist ein Glaube immer nur dann, wenn er jedes Soll verwirft und die Identität des Gläubigen mit sich selbst betreibt.

1.1.4. Egozentrisch / transzendierend

Ob man eine heidnisch-politische oder die mystisch-spirituelle Religiosität wählt, hängt davon ab, ob man sich mit einem Selbstbild identifiziert oder zu sich selbst finden will.

Bei der heidnischen und politischen Religiosität identifiziert sich das Ich mit dem Ego. Es geht von der Existenz einer separaten Einzelseele aus, deren transzendentes Schicksal vom Schicksal anderer Einzelseelen abgetrennt betrachtet werden kann. Es glaubt an die Aufteilung des Jenseits in Himmel und Hölle. Es versucht, Lohn zu erreichen und Strafe zu umgehen. Das grundlegende Motiv seines Handelns bleibt in der Folge egozentrisch... selbst dann, wenn es lauter altruistische Taten begeht, um das Eigenwohl durch Selbstverleugnung zu erzwingen.

Der mystisch-spirituell Religiöse geht von der Wesensgleichheit seiner selbst und des Ganzen aus. Er sieht sich nicht als Person, sondern als Ausdruck des Ganzen, das als Ungeteiltes jenseits ist und sich in alle Formen des Diesseits ergießt. Sein Selbstverständnis überschreitet das Bild vom abgetrennten Etwas, das den Himmel dazu bewegen muss, ihm angenehme Ewigkeit zu schenken.

Der mystisch-spirituelle Mensch geht davon aus, dass das jenseitige Wohl durch kein eigennütziges Streben zu verdienen ist, sondern beim Übergang ins Heilige erfahren wird.

Entbindungen

Man kann zweimal entbunden werden:

Die erste Entbindung ist die psychologische Geburt der Person. Die zweite ist die religiöse Geburt des Selbst.

2. Entbindung und Wiederanbindung

Individualität ist die Entbindung des Einzelnen in die Freiheit der bewussten Entscheidung. Die Entbindung liegt in der Macht des Bewusstseins, sich durch Erzeugung gedanklicher Bilder aus der tatsächlich wahrnehmbaren Realität des Hier-und-Jetzt zu lösen. Das entbundene Bewusstsein kann mit Wörtern, Zahlen und Bildern spielen. Es kann die Produkte seiner Phantasie als Simulation verwenden, um den Erfolg zukünftiger Handlungen im voraus abzuschätzen. Dieser Entbindung entspringt der Impuls zur Rückbindung an das, dem das Entbundensein entspringt. Religare ist das lateinische Wort für wiederanbinden, zurückbinden.

Hänsel, Gretel und Theseus

Er ist alt: der Streit um den Ursprung des Begriffs Religion...

Was hat das nun mit Hänsel, Gretel und Theseus zu tun? Ariadne schenkte Theseus einen Faden, damit er entlang des Fadens den Weg zurück aus dem Labyrinth des Minotaurus fand. Als Hänsel auf dem Weg in den Wald Brotkrümel fallen ließ, war seine Idee die gleiche. Als Wegzeichen zum Wesentlichen ist ungeeignet, was hungrigen Vögeln schmeckt. Verlässliche Wegzeichen muss man mit Achtsamkeit wählen.

Dass der Streit um den Ursprung des Begriffs bislang unent­schieden blieb, braucht uns nicht zu verdrießen. Im Gegenteil: Wir machen uns die Unentschiedenheit zu­nutze und sammeln ein, was uns an den drei Ansätzen plausibel erscheint. Dann wird klar: Auch wenn mindestens zwei der Verben sprachgenetisch kaum mit Religion verwandt sind, wachsen alle drei wie eine Patch­workfamilie sinnvoll zusammen.

Die Wiederanbindung an das Wesentliche bedarf achtsamer Samm­lung zielführender Erkenntnis. Nach Wesentlichem zu suchen oder Beliebigem zu folgen, ist eine grundlegende Wahl.

Als Folge der Freiheit, sich Bilder auszudenken, gewinnt das Indivi­duum nicht nur Einfluss auf den Lauf der Dinge. Es läuft auch Gefahr, sich zu verirren.

Vier Bausteine des Selbstbilds

Bei der Gefahr der Verirrung spielt ein besonderes Bild eine ausschlag­gebende Rolle: das Selbstbild. Normalerweise entspricht das Bild, das der Mensch von sich macht, dem eines Ego, das abgetrennt vom Umfeld diesem gegenüberstehtIch bin ich und der Rest der Wirklichkeit ist ein Nicht-Ich. und mit dem Rest der Welt einen Kampf um Sein oder Nicht-Sein zu führen hat. Inhaltlich ist das Selbstbild ein virtuelles Konstrukt aus verschiedenen Elementen.

Da das Ego der Wirklichkeit gegenüber zu stehen meint, fürchtet es den Tod als Gefahr der Vernichtung. In seiner Angst sucht es nach einer Macht, die es aus dieser Gefahr erretten kann.

Bei der heidnisch-politischen Religionsauffassung wendet sich das Ego an trans­zendente Mächte, die es jenseits von sich selbst vermutet. Bei der Suche nach potenziellen Beschützern, an die es sich binden könnte, blickt es nach außen und damit weg von sich selbst. Es glaubt, dass die Beachtung äußerer Götter von diesen belohnt werden wird.

Bei der mystisch-spirituellen Religionsauffassung fragt das Ich, ob das Bild vom abgetrennten Ego tatsächlich zutrifft. Statt zur Linderung der Angst Beschützer zu suchen, versucht es zu erkennen, was sein eigenes Wesen in Wirklichkeit ist.

Mit der Frage nach erkennbarer Wirklichkeit und Wahrheit übernimmt das mystische Ich Verantwortung für die Freiheit, die ihm durch die Entbindung des Ego zufiel. Durch die Rückbindung an überprüfbare Wahrheit mindert es das Risiko, das jede FreiheitDazu gehört auch die Freiheit, mutwillig zu glauben, was durch nichts beweisbar ist. mit sich bringt. Das religiöse Interesse ist eine geistige Disziplin, die individueller Bewusstheit wesenhaft innewohnt.

3. Die Dynamik des religiösen Bewusstseins

Das gesunde Bewusstsein ist nicht ständig religiös. Erkenntnis und Respekt vor dem, was wirklich ist, gelten ihm grundsätzlich aber mehr als die Macht, zum eigenen Vorteil auf die Wirklichkeit einzuwirken.

Das Bewusstsein hat vier Möglichkeiten: Es kann wahrnehmen, denken, urteilen und eingreifen. Der Unterschied zwischen einem profanen und einem religiösen Bewusstsein liegt im Wert, den es den vier Möglichkeiten zumisst.

Das profane Bewusstsein richtet sich einseitig am Vorteil aus, den es der Person durch Denken, Urteilen und Eingreifen zu sichern versucht. Das profane Bewusstsein ist egozentrisch. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist ihm kein Wert an sich. Es nutzt sie, um sich geeignete Informationen zu verschaffen. Da sein Wahrnehmen stets von Absichten geleitet wird, sieht es beim Wahrnehmen von allem ab, was ihm unnütz erscheint. Das profane Bewusstsein nimmt die Wirklichkeit deshalb nur schemenhaft wahr.

Wirklichkeit oder Vorstellung

Der Mensch ist Ausdruck der Wirklichkeit. In ihr ist er verankert. Zugleich macht er sich ein Bild von ihr. Aus Erfahrungen zieht er Schlüsse. Aus den Schlüssen entsteht eine Vorstellung, wie er selbst und die Welt zu betrachten ist.

Da der Mensch persönliche Bedürfnisse zu besorgen hat, ist die Vorstellung, die er sich von den Dingen macht, auf Vor- und Nachteil eingeengt. In der ständigen Frage nach Nutzen und GefahrEin Vorteil mystischer Religiosität ist die Freiheit zu spontanem Handeln, dessen Lebendigkeit nicht durch egozentrische Vorteilsberechnungen ausgebremst wird. Nach Plan, Regel und Gebot zu leben, ist eine Strategie des Ego. für die eigene Person wirkt sich sein Ego aus.

Jede Vorstellung erfasst nur einen Teil der Wirklichkeit. Zudem ist sie subjektiv verzerrt. Daher birgt sie selbst Gefahren. Indem das egozentrische Denken sich den Blick auf die Wirklichkeit durch Vorstellungen versperrt, hindert es sich daran, den Weg zu sich selbst zu erkennen.

Echte Religiosität bedeutet daher immer zweierlei:

  1. Die Bindung an egozentrische Ziele zu lockern... und wenn möglich aufzugeben.
  2. Dogmatische Lehren als störende Bilder und Vorstellungen zu verwerfen.

In Gegensatz dazu bleibt heidnischer und politisch-religiöser Glaube vom Grundmotiv her gesehen profan.

Das religiöse Bewusstsein legt den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung dessen, was wirklich ist. Im Wirklichen sieht es nicht nur den Rohstoff seines Vorteils, sondern den Ausdruck eines absoluten Werts, dem gegenüber es jene Haltung einnimmt, die es für einzig angemessen hält: absichtslose Achtsamkeit.

Alles Wirkliche ist Ausdruck des Absoluten. Nur wer das Wirkliche vom bloß Gedachten unterscheidet, wendet sich dem Absoluten zu.

Sich selbst betrachtet das religiöse Bewusstsein nicht als bloßes Gegenüber einer Wirklichkeit, die es zu nutzen, zu formen und abzuwehren gilt. Es sieht sich als Ausdruck eines Ganzen, in dem alles eine absolute Ordnung hat.

Zur Ordnung des absoluten Ganzen zählt nicht nur die Struktur der Außenwelt, die das Bewusstsein mittelbar, mit Hilfe seiner Sinne, erkennt, sondern auch die verborgene Dynamik seiner Innenwelt, wo es Wirkliches unmittelbar wahrnehmen kann. Dementsprechend legt es Wert darauf, sich selbst zu sehen. Dazu löst es sich aus der Kette der Gedanken und Pläne. Es richtet den Blick auf alles, was es in sich selbst erkennt. Weil jede Absicht die Wahrnehmung trübt, nimmt es das Erkennbare absichtsfrei und ohne Urteil an. Es vertraut darauf, dass Erkenntnis das an ihm bewirkt, was mit dem Absoluten übereinstimmt.

3.1. Transzendenz
Religiosität ist eine Sache der Alten. Der junge Mensch muss erst zur vereinzelten FormZum Das-bin-ich-und-das-bin-ich-nicht, zum Du-bist-Du-aber-ich-bin-ich. werden, bevor er in die Einheit zurückstrebt. Die religiöse Unterweisung von Kindern macht nur Sinn, wenn sie selbst danach fragen.

Religiosität ist ein Bewusstseinsprozess. Sie ist die Anbindung des durch Formgebung Vereinzelten in die Einheit des Formlosen. Echte Transzendenz im Sinne echten Überschreitens geschieht, sobald sich das Selbstbewusstsein vom Ego ins Selbst erweitert.

Transzendenz: Zwei Formen des Überschreitens

Egozentrischer Blick Holozentrischer Blick
Für die heidnische und die politische Religion liegt die Welt des Transzendenten außerhalb des Ich. Das Überschreiten des Diesseits besteht darin, dass das Ego auf der Suche nach seinem Vorteil über die Grenze hinweg ins Jenseits schaut. Das Jenseits der mystischen Erfahrung liegt innerhalb des Ich. Das Überschreiten ist ein Erkenntnisakt, durch den das Selbstbild über die Grenzen der Person hinaus erweitert wird.

Der egozentrisch Gläubige denkt: Wenn ich mein eigentliches Wesen zurückweise und stattdessen eine moralisch-konforme Rolle spiele, werde ich einst aus der diesseitigen Welt zeitlicher Begrenzung in eine jenseitige Welt zeitlicher Unbegrenztheit hinüberschreiten. Dort bekomme ich den Lohn für meine Selbstverleugnung.

Der spirituelle Mensch erkennt: Wenn ich mein eigentliches Wesen annehme, entdecke ich, dass es die Grenze zwischen Dies- und Jenseits von je her überschreitet. Die transzendente Welt liegt nicht in einer Zukunft, in die ich einst vom Diesseits aus hinüberschreite. Sie liegt verwoben ins Diesseits im ewigen Jetzt.

Heidnisch-politische Transzendenz ist Hoffnung, Projekt und Illusion. Jetzt findet sie bloß in der Vorstellung des Gläubigen statt.

Mystische Transzendenz ist Prozess und Wirklichkeit. Der Mystiker überschreitet seine Person in der Gegenwart faktisch.

3.2. Regeln und Gebote
Glaubenskulte sind zu echter DemutEin Bewusstsein ist demütig, wenn es nur das für unverrückbar wahr erklärt, was es als wahr erkennen kann. Sobald es Aussagen für wahr erklärt, die es nicht überprüfen kann, gibt es seine Demut auf. Es setzt sich durch die angemaßte Überlegenheit vorgeblichen Wissens über jene existenzielle Position, die ihm in der absoluten Ordnung zukommt. Dogmenglaube geht nur soweit mit der absoluten Ordnung Hand in Hand, wie sein Hochmut Teil dieser Ordnung ist; die den Versuch, sie umzustoßen zwar erlaubt, sich durch den Versuch aber niemals umstürzen lässt. Dass Glaube weder Berge verrückt noch Maulbeerbüsche ins Meer versetzen kann, ist eine Folge der wirklichen Macht. unfähig. Statt wahr­zunehmen, was er wahrnehmen kann, glaubt der Gläubige an den Wahrheitsgehalt mythischer Bilder, weil er sich davon Vorteile verspricht. Tatsächlich ist jeder dogmatische Glaube eine Missachtung der absoluten Ordnung. Glaube, der sich auf unbeweisbare Lehrsätze versteift, schadet dem Geist. Er macht ihn trunken oder stumpf; oft sogar beides.

Religiosität wird oft als gewissenhaftes Befolgen von Geboten aufgefasst. Das ist sie nicht. Gebote und Regeln sind festgelegt, begrifflich und objektiv. Sie entsprechen einer Vorstellung davon, wie der Mensch zu sein hat, damit er als guter Mensch gelten kann. Gebote können nützlich sein und ihre Befolgung anzuraten, Religiosität richtet den Blick aber nicht auf endliche Bilder, die dem Wirklichen immer nur vorgestellt sind, sondern auf die Wirklichkeit selbst, die nicht als umgrenztes Etwas denkbar ist.

Durch die Verengung des Denkens auf Vor- und Nachteil kann man den tatsächlichen Vorteil nicht finden.

Im Befolgen der Gebote blickt der Einzelne nicht über sein Ego hinaus. Als Sinn der Unterwerfung unter das kollektive Regelwerk benennen Glau­bens­kulte stets die Aussicht auf den Lohn, der angeblich jenem Ego zukommt, das sich unterwirft. Da das Wesen des Ego aber darin besteht, den eigenen Vorteil zu sichern, ist die vermeintliche Unterwerfung unter lohnende Regeln eine neue Strategie, die das egozentrische Treiben unter dem Deckmantel vorgeblicher Demut fortsetzt.

Religiös ist nicht die Verdinglichung der Lebendigkeit, die einer Anpassung an Regeln entspringt. Religiös ist die Beachtung der Wirklichkeit, die sich im subjektiv erlebbaren Hier-und-Jetzt jeweils offenbart.

Wer den Blick auf die Wirklichkeit richtet, wird mit wahr oder unwahr beschäftigt sein. Wer Regeln zur Religion erklärt, kümmert sich um richtig und falsch. Damit bleibt er im Horizont eines persönlichen Strebens nach Vorteilen stecken.

3.3. Rituale

Sowohl zur heidnisch-politischen als auch zur spirituell-mystischen Religionspraxis gehört der Gebrauch von Ritualen. Allerdings haben sie in beiden Welten unterschied­liche Funktion.

Der heidnisch-politisch Gläubige versucht durch das Ritual die Entscheidungen Gottes zu beeinflussen. Er führt RitualeZum Beispiel: fünf Vaterunser beten. aus, um göttlichen Zorn von sich abzuwenden oder um die wohlmeinende Aufmerksamkeit des Himmels auf sich zu ziehen.

Beim Mystiker soll der Gebrauch des RitualsRegelmäßige Zeiten für die Kontemplationsübungen festlegen. etwas an ihm selbst bewirken. Das Ritual dient dem religiösen Prozess des Bewusstseins. Es hat nur Sinn, wenn es dabei Fortschritt bewirkt.

Es gibt keine religiösen Rituale. Es gibt nur Rituale, die religiösen Zwecken dienen können.

Rituale: Zwei Funktionen

Heidnisch-politischer Glaube Spirituelle Praxis
Das Ritual bezweckt eine Beeinflussung Gottes. Das Ritual dient als Werkzeug eigener Erkenntnis.

Das Ritual wird vollzogen.

Das Ritual wird angewandt.

Der gruppenspezifischen Form des Rituals wird größte BedeutungBeten Sie in einer katholischen Kirche gen Mekka: Sie ernten Indignation. Bekreuzigen Sie sich in Medina: Wenn das jemand merkt, bringt man Sie um. zugemessen.

Die Art des Rituals wird frei nach überprüfbarer Wirksamkeit gewählt.

Selbst wenn sich die Rituale unterscheiden, entbehren sie echter Individualität.

Selbst wenn sie sich gleichen, sind sie individuell angepasst.

Wird der spezifischen Form eines Rituals eine religiöse Bedeutung beigemessen, verfehlt es das Heilige. Dem Heiligen kann keine feste Form zugeordnet werden, weil die Zuordnung einer festen Form das Heilige auf die Ebene des Geformten und damit Begrenzten herabsetzt.

Wer konfessionelle Trachten trägt, will in den Augen seiner Nachbarn etwas gelten. Wer etwas gelten will, dem gilt das Wahre wenig.
3.4. Trachten und Symbole

Was für gruppenspezifische Festlegungen auf bestimmte Rituale gilt, gilt ebenso für entsprechende Symbole und Trachten.

Symbole und Trachten, mit denen Gläubige verschiedener Konfessionen auf ihr Verschiedensein verweisen, sind kein Anzeichen dafür, dass das Wesen der Religion tief empfunden würde. Das Heilige als gemeinsamer Benenner aller Formen gibt keiner Form den Vorzug. Jede Form ist Äußerlichkeit, in die sich das Heilige zwar beliebig erstrecken mag, durch die es sich aber niemals repräsentieren lässt. Der wirklich Religiöse macht sich eher unsichtbar, als dass er durch Signale auf sein Inneres zeigt.

3.5. Opfergaben

Die Grundidee des Heiden ist das Geschäftemachen mit dem Jenseits. Der Heide opfert. Das heißt: Er bietet dem Jenseits etwas an, um eine Gegenleistung zu bekommen. Der unpolitische Heide gab dabei etwas von dem, was der hatte: Teile der Ernte, ein Lamm, ein Kind.

Auch der Mystiker opfert: aber weder sich selbst noch einen anderen, der dem Heilsgewinn der Gläubigen angeblich im Wege steht. Der Mystiker betrachtet sich selbst und erkennt, dass seine Person nicht der Repräsentant seines Wesens ist. Weil er das sieht, kann er sich von seinem Ego lösen, ohne ihm etwas anzutun. Er opfert die Illusion, die eigene Person zu sein.

Vom wahren Glauben wird weder etwas heraus­gerissenMatthäus 5, 29:*
Wenn dein rechtes Auge dir zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir;
noch herausgehauen.Lukas 13, 7:*
...schon drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine; hau ihn heraus!
Es wird auch keine Zwietracht geschürtLukas 12, 49-51:*
Feuer auf die Erde zu werfen, bin ich gekommen, und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen! ...Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. Denn von nun an werden fünf in einem Hause entzweit sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei...
und niemand wird nieder­gemacht.Lukas 19, 27:*
"Meine Feinde aber, die nicht haben wollen, daß ich König sei über sie, führt hierher und macht sie nieder vor meinen Augen!"
Alles wird bloß an seinen Platz gerückt.

Der politisch-konfessionelle Glaube hat diese Praxis nahtlos fortgeführt. Im Laufe der Zeit vollzog sich beim Opfergut jedoch ein Wandel, sodass sich die Opferpraxis fortentwickelt hat. Während der frühe Heide von dem opferte, was er besaß, opfert der Konfessionelle zusätzlich vom dem, was ihn selbst ausmacht: sein eigenständiges Urteil, die Freiheit des Denkens, das Vertrauen in den Wert seiner selbst, seine Willensfreiheit oder das Selbstbe­stimmungsrecht über seine Person.

Bei Abraham ging es noch um ein Opfern dessen, was ihm gehörte: sein Kind. Jesus opferte, was er war. Er brachte seine eigene Person als Opfer dar, nachdem er sie in ein Opferlamm verwandelt hatte. Das Beispiel Jesu gilt seit zwei Jahrtausenden als Vorbild für die Gläubigen. Das Vorbild sagt: Opfert euch selbst.

Auch das, was beim Geschäftemachen eingehandelt werden soll, hat sich im Lauf der Zeit verändert. Während der frühe Heide durch sein Opfer einen diesseitigen VorteilSo dienten all die festgesetzten Opfergaben, die das Alte Testament beschreibt, faktisch zwar der Ernährung der Priester....

Ezechiel 44, 30:*
Das Speise-, Sünd- und Schuldopfer sollen sie essen; alles, was in Israel dem Bann verfallen ist, gehöre ihnen! Das Vorzüglichste von allen Erstlingen... und alle Weihegaben jeder Art... sollen den Priestern gehören...

... ihr theologischer Sinn lag jedoch darin, Jahwe dazu zu bewegen, Israel das Land der Kanaaniter auszuliefern.
erwartete, geht es dem politisch-konfessionell Gläubigen seit der Spätantike um einen Platz im Himmelreich.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Jesus opferte seine Person. Der Mystiker opfert die Identifikation mit seiner Person. Ist das nicht dasselbe; bloß dass Jesus radikaler war? Auf den ersten Blick scheint es so. Genau betrachtet gibt es strukturelle Unterschiede.

Der Mystiker hat beim Opfern keine politische Absicht. Zweck seiner Des-Identi­fikation von der Person ist die Freisetzung seines wahren Selbst aus der Gefang­enschaft im Horizont egozentrischer Ziele. Der Mystiker reinigt sich... und ist damit zufrieden, wenn es ihm gelingt. Dann ist er bereit, sein Wissen an jeden zu verteilen, der es haben will.

Jesu Opfer dient nicht der eigenen Reinheit. Die hat er als vorgeblicher Sohn Gottes längst erreicht. Es geht bei seinen Predigten auch nicht darum Markus 4, 11-12:*
...denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, auf daß sie...nicht verstehen...und sich nicht bekehren und nicht Vergebung finden.

Markus 4, 34:*
Ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen (der Volksmasse); waren sie aber unter sich allein, erklärte er seinen Jüngern alles.
, sein Wissen um den Weg in ein Himmelreich der Reinheit an alle zu verteilen.

Jesu Opfergang folgt einem politischen Vorsatz. Seinen Auftrag sieht er nicht darin, das Wahre vom Falschen zu befreien, sondern die Guten von den BösenMatthäus 3,12:*
Die Wurfschaufel hat er in seiner Hand, und säubern wird er seine Tenne; seinen Weizen wird er sammeln in den Speicher, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.

Matthäus 10, 14-15: *
Wenn man...eure Worte nicht anhört, so geht fort von... jener Stadt... Es wird dem Lande Sodoma und Gomorra erträglicher ergehen am Tag des Gerichtes als jener Stadt!
.

Der Mystiker fordert von niemandem, anders zu sein, als er ist. Er fordert von niemandem, sich seiner Ansicht zu beugen. Jesus sieht sich als König der Juden. Er träumt von der Macht, über ein Volk zu herrschen. Der eine betreibt Religion, der andere Politik.

4. Religion und Politik

Absichtslose Achtsamkeit ist die einzige Religion, die es gibt. Religion ist die Rückkehr des Bewusstseins aus der Beliebigkeit des Denkens in die Treue zu dem, was als wirklich wahrgenommen werden kann.

Der religiöse Impuls ist stets gefährdet, von politischen Interessen vereinnahmt zu werden. Das Absolute kann Ziel tatsächlicher Hinwendung sein; oder Vorwand, um nach Macht zu greifen. Beispiele dafür sind politische ReligionenMoses hat die politische Religion keineswegs erfunden. Er hat sie radikalisiert. In Ägypten wurde Ra, in Babylon Marduk, bei den Römern Jupiter, in Griechenland Apollon bei Bedarf ebenso zum Totschlag am politischen Gegner benutzt, wie später Jahwe und Allah., allen voran Judaismus, Christentum und Islam. Sie gehen historisch auf den Pharaonenkult zurück.

Politische Religionen sind religiöse Varianten, die den wesentlichen Sinngehalt vertiefter Religiosität durch politische Überfrachtung verfehlen. Es sind Ideologien, die den religiösen Impuls zum Machterhalt missbrauchen. Sie leiten den Impuls in die Irre, indem sie behaupten, ihre Macht sei vom absolut Wahren als endgültige Ordnung des Diesseits gewollt. Sie preisen sich als monotheistisch, tatsächlich sind sie konfes­sionelle Monopoltheologien.

Selbstverständlich wird im Gewand konfessioneller Bekenntnisse auch echte Reli­gion erlebt; aber nicht weil sie religiöse Impulse fördern, sondern weil ihr Macht­anspruch dem Impuls jahrtausendelang nur eine Möglichkeit ließ: sich mit erlaubten Formeln zu tarnen. Deshalb spricht man von jüdischer, christlicher oder islamischer Mystik. Die Begriffe sind jedoch absurd, so absurd wie herrschaftsfreie Diktatur, weißes Schwarz oder nasses Feuer.

Religion: Ein Name, zwei Welten

Politische Religion Spiritualität / Mystik
Politische Religion befasst sich mit dem Bezug des Einzelnen zu Glaubensbildern und Heilsgemeinschaften. Spiritualität befasst sich mit dem Bezug des Einzelnen zum Absoluten in der Wirklichkeit.

Politische Religion fordert die Anpassung an gruppenspezifische Regeln. Sie behauptet, von Gott zur Vermittlung kollektiver Regeln beauftragt zu sein. Für die Einhaltung der Regeln verspricht sie Lohn.

Der spirituelle Mensch sucht im Hier-und-Jetzt nach dem Verhalten, das aus seiner Perspektive mit dem Ganzen übereinstimmt.

Politische Religion fordert die Herrschaft des GlaubensDer Wahrheitsgehalt eines Glaubensatzes ist nicht bestimmbar. Sonst wäre es kein Glaube, sondern Wissen. Wahre Religion kann kein Glaube sein, weil sie dann ein Glücksspiel wäre. Wer Glück hat, glaubt ans richtige Dogma. Alle anderen werden in der Hölle bestraft. Dogmenglaube ist ethischer Nihilismus.. Befragt nach ihrer Legitimation verweist sie ohne Beleg auf eine angebliche Glaubenspflicht.

Für Spiritualität ist GlaubeGlaube ist nur soweit religiös, wie sein Inhalt erfolgreich auf das verweist, was mystisch ist. Das Faktum des Glaubens selbst hat für sich allein keinerlei religiöse Bedeutung. Sobald sich Glaube zum Wert an sich erklärt, ist er ein Willkürakt des Ego, der aus Angst und Gier vollzogen wird. nur Hilfsmittel; um die Richtung anzudeuten, in der Erkenntnis liegt. Glaube dient, ohne dass er über etwas herrscht.

Religion ist Streben nach Freiheit. Ziel eines jeden religiösen Bemühens ist es, den Menschen aus den Begrenzungen und Bedrückungen des personalen Daseins zu befreien. Nichts was die Freiheit des Strebens nach dieser Freiheit einschränkt, kann daher wahrhaft Religion sein.

Der Versuch, die Religionsfreiheit zu beseitigen ist ein grundlegender Vorsatz aller abrahami­tischen Kulte.Mehr noch: Das erste Gebot aller abrahamitischen Kulte ist die Abschaffung der Religionsfreiheit. Überall dort, wo man sie gewähren ließ, ist ihnen genau das weitgehend gelungen. Weder Judentum, Christentum noch Islam sind in der Lage, Religionsfreiheit glaubhaft zu fordern. Was sie darunter verstehen, ist im besten Fall das eigene Recht, sich gegen die Feindseligkeit anderer zu wehren. Es ist keinesfalls die Bereitschaft, die eigene Feindseligkeit programmatisch auszusetzen.

Religionsfreiheit ist das uneingeschränkte Selbst­bestimmungsrecht des Einzelnen in religiösen Fragen. Das staatliche Zugeständnis von Sonderrechten an ausgewählte Organisationen und Vertreter von Gesinnungsgemeinschaften, die im Schutz dieser Sonderrechte tatsächliche Religionsfreiheit bekämpfen, hebelt diese Freiheit aus. Vor allem Kinder sind der Willkür staatlich lizensierter Dogmen wehrlos ausgesetzt. Im Namen vermeintlicher Religion darf ihnen jeder Unsinn aufgezwungen werden.

Politische Religion ist Konformitätsgelöbnis. Spirituelle Religion ist Suche und Zuwendung zur eigenen Identität.

4.1. Religionsfreiheit

Der Mensch kann eingeschüchtert, verführt und dazu erzogen wer­den, an mythische Bilder zu glauben und den jeweiligen Glaubenslehren gegenüber loyal zu sein. Genau das zu bewir­ken, halten dogmatische Kulte für ihre Mission. Es ist zwar kaum möglich, religiöse Freiheit vollends zu entziehenWeil der Einzelne in seinem Inneren auch dann noch nach Wahrheit suchen kann, wenn er äußerlich Glaube heucheln muss, um sich vor Ausgrenzung zu schützen., die Praxis pädagogischer Indoktrination und wechselseitiger Gesinnungs­kontrolle, die im Einflussbereich konfessioneller Religionen üblich ist, zieht jedoch eine schwere Beschädigung der Religions­freiheit nach sich.

Seit sie in den Einflussbreich der biblischen Lehre geriet, war die Geschichte Europas von Religionskriegen, Pogromen gegen Anders­denkende, religiös motivierter Verfolgung, Vertreibung und Ausgren­zung geprägt. Erst die Aufklärung fand den Mut, sich gegen das biblische Gebot der Bevormundung und Intoleranz zur Wehr zu setzen. Sie war es, die der Idee der Religi­onsfreiheit nach anderthalb Jahr­tausenden zu neuem Leben verhalf. Allerdings ist die Aufklärung bislang nur den halben Weg gegangen. Der institutionellen Religionsfreiheit hat sie zu ihrem Recht verholfen, die individuelle hat sie dabei zurückgestellt.

Politik fragt nicht nach Wahrheit. Sie fragt nach Machbarkeit, Machtgefüge und Vorteil. Für die Politik sind Kultusgemeinschaf­ten Machtfaktoren. Es sind weltanschauliche Institutionen, mit denen man sich verbünden kann. Deshalb besteht Religions­freiheit in den Augen der Politik aus der Befugnis etablierter Glaubensgemeinschaften, in ihrem jeweiligen Machtbereich nach Gutdünken zu verfügen.

Zwei Ebenen der Religionsfreiheit

Institutionelle Freiheit Individuelle Freiheit
Schutz kollektiver Glaubengemein­schaften vor der Unterdrückung durch konkurrierende Gruppen. Schutz des Individuums vor dem Zugriff kollektiver Glaubensgemeinschaften.

Dogmenkult ist Bilderkult. Wahre Religion wendet sich von kollek­tiven Glaubensbildern ab. Als wahr lässt sie nur gelten, was dem Einzelnen als wahr erkennbar ist. Da sich wahre Religion zwischen dem Einzelnen und Gott abspielt, ist wahre Religion keine politische Größe. Sie ist politisch unverwendbar; und stößt bei Machthabern daher auf kaum Interesse.

So kommt es, dass der zentrale Bestandteil religiöser Freiheit, nämlich das umfassende religiöse Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen, bis heute ignoriert wird. Als Kind bleibt der Einzelne genau jenen Kräften ausgeliefert, deren dogmatischer Vorsatz es ist, Religionsfreiheit abzuschaffen. Bevor der Einzelne juristisch gesehen selbst bestimmen darf, ist sein Weltbild so von mythologischen Introjekten...die ihm indoktrinierte Eltern im Auftrag dogmatischer Kulte aufdrängen. durchsetzt, dass religiöse Selbstbestimmung behindert wird.

Da der Dogmenglaube konfessioneller Gemeinschaften logisch auf die Beseitigung der Religionsfreiheit ausgerichtet ist, bedeutet die Gewährung institutioneller Freiheit... zum Beispiel in Pädagogik und Erziehung. für dogmatische Gemeinschaften eine Einschränkung der individuellen. Eine aufgeklärte Politik trägt diesen Titel nur zurecht, wenn sie das faschistoide Element dogma­tischer Kulte missbilligt; statt mit ihm gemeinsam Politik zu machen.

5. Liebe und Religion

Liebe ist ein Thema, mit dem sich viele Religionen beschäftigen. Allerdings hat sie je nach religiösem Grundmotiv einen unterschiedlichen Stellenwert.

Brechung und Rückbindung

Das Prisma bricht weißes Licht in tausend Farben, das Heilige sich selbst in tausend Formen. Wenn Grün versucht, über Rot zu herrschen, findet niemand mehr zum Weiß. Die Erkenntnis des Grünen, dass es rot ist und des Roten, dass es grün ist, verbindet sie zu reinem Licht.

5.1. Liebe und Ganzheit

Liebe ist die Bindungsenergie der Ganzheit. Religion ist Rückbindung, also Aufhebung von Dualismus und Gebrochenheit. Je mehr sich Religion ihrem eigentlichen Wesen - der Rückbindung des Ego ins Ganze - nähert, desto unausweichlicher mündet sie ins Thema Liebe.

Nicht alles, was als Religion bezeichnet wird, ist aber in der Lage, den Fluss zum Ozean zu führen. Die heidnische Freiheit in erotischen Dingen wird ohne tiefere Erkenntnis Lust vermitteln, die sich rasch erschöpft. Den Befehl Liebe deinen Nächsten!, den zu vollstrecken politische Religion verlangt, fassen einige in tatsächlich religiöser Weise auf. Die Mehrzahl schafft es bestenfalls zu einer Maske, hinter der sich Bitterkeit und Eigennutz verbirgt.

Sich selbst und andere zu lieben, kann nur, wer sich selbst und andere mit keiner Forderung bedrängt, weil jedes Du-sollst zurückweist, was wirklich ist. Zurückweisung ist das Gegenteil von Liebe.

5.2. Liebe und Kampfgemeinschaft

Politische Religion predigt Liebe gegenüber den Mitgliedern der eigenen Gruppe und Hass gegenüber denen, die anderswo stehen. Politische Religion definiert sich als Kampfgemeinschaft gegen äußere Feinde, die sie - der Logik des Bekämpfens folgend - verwerflich nennt.

Da der Kampf einer Gruppe gegen Feinde durch innere Zwietracht sein Scheitern riskiert, formuliert jede politische Religion die Pflicht, gruppeninterne Konflikte zu vermeiden. In Unkenntnis ihres wahren Wesens, bezeichnet sie diese Friedenspflicht als Liebe. Tatsächlich steckt in dieser Liebe verborgener HassSprüche 25, 21-22:*:
Wenn Hunger hat dein Feind, dann speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, tränke ihn mit Wasser! Denn Feuerkohlen häufst du auf sein Haupt, und auch der Herr wird es an dir vergelten.

Römer 12, 9-20:*
Die Liebe sei ungeheuchelt...Segnet eure Verfolger..."wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er dürstet, gib ihm zu trinken; denn tust du das, wirst du feurige Kohlen sammeln auf sein Haupt."

Paulus und die jüdische Tradition sind sich einig: Feindesliebe ist eine egozentrische Taktik. Indem man sie praktiziert, bringt man den Feind in die Hölle; und für sich selbst sammelt man Lohn.
.

Gesundheit und Liebespflicht

Solange man sie nicht vom Thron gestoßen hat, sind Ideale Götzenbilder. Wenn man sie hinunterstößt, kommt man ihnen am nächsten.

Den meisten Anhängern des Christentums ist nicht bewusst, dass das ideologische Manifest ihres Glaubens eine Liebe predigt, deren Wesen es nicht begriffen hat.

Der christliche Liebesbefehl missversteht zwar das Wesen der Liebe, seine ständige Wiederholung hat aber auch dazu beigetragen, die Auf­merksamkeit auf die Bedeutung tatsächlicher Liebe auszurichten. Deshalb gab und gibt es eine Menge Christen, deren Bemühen um Liebe, trotz der Irrlehre, die sie hochhalten, authentisch, wertvoll und fruchtbar ist.

Die Gesten der Liebe absichtlich anzuwenden und den Impuls, den man tat­sächlich in sich entdecken könnte, zu verleugnen, birgt das Risiko, seelisch zu erkranken. Viele, die Liebe als Pflicht akzeptieren und opferbereitWer dem Guten aus Gehorsam dient, riskiert dem Dienst auch das zu opfern, was er besser leben ließe. altru­istischen Idealen folgen, leiden unter Ängsten, Depressionen, Zwängen oder einem Verlust unbefangener Lebendigkeit. Wer die Wirklichkeit unter eine Vorstellung beugt, riskiert, dass die Verkrümmung sein Wesen kränkt. Jedes Ideal ist auch ein Weg zum Falschen.

5.3. Liebe und Erkenntnis
Ein Gott, der fordert, ist niemals ein Gott der Liebe. Ein Gott, der fordert, ist ein Gott des Hasses; selbst wenn sein Mund das Wort Liebe formuliert.

Die Fähigkeit, der Wirklichkeit liebend zu begegnen, steht und fällt mit dem Bild, dass ich mir von ihr mache. Deute ich die Wirklichkeit als einen Kampfplatz, auf dem sich angeblich Gutes und Böses bekriegt, werde ich zur Liebe gar nicht fähig sein; egal ob ein Gott sie fordert oder nicht. Das gilt erst recht, wenn ich mich selbst für eine abgetrennte Einheit halte, deren Existenz vom Sieg über ein feindliches Außen abhängt.

Erst wenn ich die Wirklichkeit als Ganzes betrachte, das sich wesensgleich in jeder Form zum Ausdruck bringt, werde ich vom Widerstreit der geformten Gestalten nicht mehr geblendet sein. Liebe ist die Erkenntnis, dass das, was ich scheinbar nicht bin, mir vollständig angehört.

Religion ist...

Ohne Religion ist Normalität erreichbar, nicht aber seelische Gesundheit. Normalität beschreibt das Vermögen, sich normgerecht in die Rollenspiele des jeweiligen Umfelds einzufügen und dessen Wertvorstellungen zu teilen.

Seelische Gesundheit beruht auf...

6. Religion und Psychopathologie

Die Psychiatrie befasst sich mit dem Wohl der Seele, die Religion mit ihrem Heil. Da beider Themen eng ineinander verwoben sind, besteht Interesse, das Zusammenspiel von religiöser Ausrichtung und Psychopathologie zu verstehen. Für beide, für Religion und Psychiatrie,Das Spektrum potenziell schädlicher Wirkungen der Psychiatrie ist breit. Zu nennen sind: Neben- und Wechselwirkungen der Medikamente, einschließlich Verursachung von Abhängigkeits­erkrankungen durch suchterzeugende Pharmaka, psychische Traumatisierungen durch ärztlichen oder institutionellen Machtmissbrauch, Fixierung pathogener Selbstbilder durch unangemessene Behandlungsmaßnahmen, Stigmatisierung durch Fehldiagnosen und defizitlastige Sichtweisen, problematische Effekte von Gegenübertragungsphänomenen usw. gilt gleichermaßen: Sie können für die Psyche nützlich oder schädlich sein.

6.1. Konfessioneller Glaube
6.1.1. Schützende Effekte

Konfessioneller Glaube bietet klare Eckpunkte:

Das sind Strukturen, die Menschen mit brüchigem Selbstwertgefühl, geringem Selbst­bewusstsein und mächtiger Lebensangst einen wertvollen Rahmen bieten, der sie vor manifesten Formen klinischer Psychopathologie beschützen kann.

6.1.2. Pathogene Wirkung

Bei der Beschreibung pathogener Wirkungen konfessioneller Glaubensformen gilt es, drei Varianten gläubigen Ausdrucks zu unterscheiden:

6.1.2.1. Tiefgreifende Identifikation

Unverrückbarer Dogmenglaube ist manifester Wahn. Das Wesen des Wahns besteht darin, ein unbeweisbares Vorstellungsbild für unverrückbar wahr zu halten, ohne zu erkennen, dass eine zweifelsfreie Unverrückbarkeit aus Mangel an Beweisen argumen­tativ nicht haltbar ist. Da Offenbarungskulte genau diesen Wahn zur höchsten Pflicht erklären, können sie bei empfänglichen Personen schwere seelische Erkrankungen verursachen.

Wahndynamik

Jeder Wahnhafte entwickelt eine Wahndynamik. Unter Wahndynamik versteht man den bestimmenden Einfluss eines Wahninhaltes auf das Verhalten.Wer unter Verfolgungswahn leidet, verbarrikadiert sich womöglich in seiner Wohnung. Nicht jede Wahndynamik ist spektakulär, nicht jede bringt überwiegend schädliche Konsequenzen mit sich. So kann ein einfältiger Mensch unverrückbar glauben, dass Gott einst Propheten eingab, Menschen zur Liebe anzuhalten. Folgt er seinem Glauben redlich, kann das für ihn und andere ein Segen sein.

Kein konfessioneller Glaube beschränkt sich aber auf die eben erwähnte Botschaft allein. Vielmehr verbreiten Konfessionen Glaubensinhalte, die mit wechselseitiger Liebe unvereinbar sind. Die Wahndynamik des Einfältigen, der weder Bibel noch Koran tatsächlich liest, mag daher harmlos bleiben. Wer sich aber eingehend mit der Vernunftwidrigkeit, Widersprüchlichkeit und Bosheit der vermeintlich prophetischen Botschaften identifiziert, kann seelische Spannungen entwickeln, die nur durch eine Wahndynamik abzuführen sind, die andere Leute das Leben kostet.

Nicht immer ist die Identifikation mit dogmatischen Vorgaben so tiefgreifend, dass sie bis ins Wahnhafte führt. Oft bleibt sie unvollständig, trotz aller Mühen, sie vollständig zu vollstrecken. Dann führt der Versuch, das Vernunftwidrige für sinnvoll zu erklären, lediglich zu Persönlichkeitsstörungen; die ihrerseits aber weitreichende pathogene Konsequenzen für den Betroffenen und sein Umfeld haben können.

6.1.2.2. Fassadäre Identifikation

Hätte Moses den Israeliten nicht befohlen, bereits Kindern seine Botschaft einzu­schärfen,2 Moses 13, 8 hätte sich sein Glaube niemals ausgebreitet. Ein wesentliches Erfolgsrezept der Offenbarungskulte beruht darauf, Individuen so früh wie möglich die Freiheit zu entziehen, über religiöse Fragen eigenständig zu entscheiden. Das führt dazu, dass das Bekenntnis zu dieser oder jener Religion im Machtbereich abrahamitischer Konfessionen zur standardisierten Fassade wird.

Da die Mehrheit regelhaft nur wenig Interesse an wahrhaft religiösen Fragen hat,... und sich von persönlichen Notwendigkeiten absorbieren lässt... ist die pseudoreligiöse Fassade für sie ein auskömmlicher Kompromiss. Das Menschen- und das Gottesbild, das der Fassade eingewoben ist, ermutigt das Individuum jedoch nicht zum Interesse an sich selbst, sondern bloß zum Rollenspiel. Es fixiert Menschen daher auf die Normalität ihres jeweiligen Kulturkreises.

6.1.2.3. Irrtümliche Identifikation

Auch wenn die Mehrheit kaum religiöses Interesse haben mag, hat es eine große Minderheit durchaus. Viele suchen nach dem Wesentlichen und haben längst erkannt, dass das Wesentliche nicht im Zufälligen und Wechselhaften innerweltlicher Gewinne liegen kann, sondern nur im Wesen ihrer selbst... und in dem, was keinen Wechselfällen unterliegt.

Die Aufdringlichkeit, mit der sich konfessionelle Kulte als einzig legitimen Weg zum Heil anpreisen, verwirrt viele Suchende bei der Wahl des besten Weges zu sich selbst. Aus Irrtum, Gewohnheit, Suggestibilität und der Angst vor Ausgrenzung heraus bezeichnen sie sich als Christen, Juden oder Moslems, obwohl sie inhaltlich keineEs gibt sogar Benediktinermönche, die ständig von "wir Christen" reden, ohne selbst welche zu sein. Sie machen sich nicht klar, dass man nicht zeitgleich Dogmen verwerfen und dem Glauben, der sie verkündet, treu bleiben kann. sind.

Der Konflikt zwischen dem Glauben, dass man dem Glauben treu bleiben sollte und der Erkenntnis, dass es falsch ist, es weiter zu tun, kann zu schwerer Gewissensnot führen. Im guten Falle ist es das Gewissen, das letztendlich siegt.

Wohlgemerkt

Religion ist die Befreiung des Selbst aus den Grenzen des Ego. Desidenti­fikation vom Ego bedeutet nicht dessen Schädigung; und erst recht nicht seine Beseitigung. Sie führt lediglich dazu, dass sich das Ich nicht mehr in den Deutungshorizont des Ego einsperrt.

6.2. Spiritualität

Religion wird durch Spiritualität und Mystik verwirklicht. Ohne Einbezieh­ung religiöser Fragen kann die Psyche zwar lernen, sich normal zu verhal­ten, vollumfänglich gesunden kann das Ich aber nicht.

Dass der Religion eine große Rolle bei der Heilung seelischer Erkrankungen zusteht, heißt nicht, dass sie wahllos als Allheilmittel gelten kann. Neben Heilungschancen sind Risiken zu benennen...

6.2.1. Risiken

Eine erfolgreiche Arbeit an der Desidentifikation vom Ego setzt voraus, dass überhaupt ein stabiles Ego besteht. Für Menschen mit brüchigem Ego kann es daher ratsam sein, sich der Beschäftigung mit mystisch-spiritueller Praxis zu enthalten. Das gilt vor allem für endogen Psychosekranke.

6.2.2. Chancen

Während es für eine Gruppe Kranker riskant sein kann, spirituelle Praktiken anzuwend­en, zum Beispiel Meditation, überwiegen für alle übrigen die Vorteile. Alle neurotischen, also nicht-organischen, Erkrankungen können durch spirituelle Erkenntnis günstig beeinflusst oder gar kausal geheilt werden. Dazu zählen, neurotische Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen ebenso wie Persönlichkeitsstörungen oder Suchterkran­kungen.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.
** Der Koran, (Komet-Verlag, ISBN 3-933366-64-X), Übersetzung von Lazarus Goldschmidt aus dem Jahr 1916.