Vieles wird nur gemeint, weil man sonst nicht weiß, wer man sein könnte.

Grundregeln

  • Je weniger man von sich erkennt, desto mehr sucht man Halt an dem, was man meint.
  • Je fester man sich an seine Meinungen bindet, desto weniger respektiert man andere.
  • Je weniger man andere Sichtweisen respektiert, desto eher verstrickt man sich in Konflikte.

Meinen fängt an, wo wissen aufhört.

Meinung


  1. Begriffe
  2. Psychologische Funktion
  3. Wissen, Wünschen, Wähnen und Meinen
  4. Diskussion und psychologischer Grundkonflikt
  5. Ökonomie der Kräfte

1. Begriffe

Das Verb meinen hat im Stammbaum der indogermanischen Sprachen zwei Ahnen: mian und meniti. Mian hieß altirisch der Wunsch, das Verlangen. Meniti war das altslawische Wort für wähnen. Offensichtlich hat das Meinen mehr mit wünschen und wähnen als mit wissen zu tun.

2. Psychologische Funktion

Meinungen haben wichtige Funktionen. Sie dienen sowohl der Orientierung im physikalischen und sozialen Umfeld als auch der Bestimmung der eigenen Identität. Während man seine körperliche Identität im Spiegel erkennt, bleibt die seelische der sinnlichen Wahrnehmung verborgen. Daraus resultiert für die Person das Problem, ihre seelische Identität durch geistige Akte zu bestimmen. Dazu stehen zwei Mittel zu Verfügung:

Bestandteile der seelischen Identität

Das Selbst Das Ego
Existenzielle Identität Soziale Identität
Was macht mich aus? Woraus besteht die innere Wirklichkeit, die mein Wesen bestimmt? Wer bin ich im Kontext der Gemeinschaft? Was ist mein Rang und meine Rolle? Wo gehöre ich hin?

  1. Wahrnehmungsakte

    Was nehme ich als wirklich wahr?

    Wahrnehmbar sind die Elemente des relativen Selbst: Gefühle, Wissen, Erinnerungen, Impulse, Bestrebungen, Motive, Urteile und Gedanken. Wahrnehmbar ist die innere Dynamik der eigenen Person.

  2. Urteilsakte

    Wovon behaupte ich, dass es als wahr zu gelten hat?

    Urteile sind als innerseelische Ereignisse wahrnehmbar. Zugleich sind sie das Werkzeug, das aus Gewusstem und ergänzenden Vermutungen Meinungen bildet, die davon ausgehen, dass man komplexe Sachverhalte richtig erkennt. Solche Meinungen dienen sowohl als Schnittmuster für zukünftige Entscheidungen, als auch als Eckpfeiler der persönlichen Identität im sozialen Umfeld.

Verhaltenssteuerung und Identitätsfindung durch Meinungen

3. Wissen, Wünschen, Wähnen und Meinen

Viele Meinungen befassen sich mit sozialen und politischen Fragen. Sie machen Aussagen darüber, welches Verhältnis zwischen Personen als richtig zu bezeichnen ist. Solche Meinungen beanspruchen das Recht, darüber zu entscheiden, wer wem wie viel schuldet.

Meinungen und Masken

Indem man etwas meint, drückt man Wünsche aus. Hinter Wünschen steckt das Interesse am eigenen Vorteil. Wird das Eigeninteresse durch eine entsprechende Meinung maskiert, exponiert man sich beim Eintreten für den eigenen Vorteil weniger. Man fordert ja nichts. Man meint ja nur. Wer seine Interessen aber nur verdeckt vertritt, hat damit meist wenig Erfolg; es sei denn hinter der Maske des arglosen Meinens ist er intrigant.

Als Meinungsträger geht man davon aus, dass man selbst, im Gegensatz zu anderen, am besten weiß, wie Dinge laufen sollten. Die Meinung, dass die eigene Meinung allgemeingültig ist, liegt dem Meinen tendenziell bereits inne. Dass das so ist, liegt am Wünschen und Wähnen, das jedem Meinen zugrunde liegt.

Während sich das Wissen mit dem Wenigen begnügt, das man wissen kann, befassen sich Meinungen mit komplexen Strukturen. Was man als Meinungsvertreter nicht wissen kann, vermutet man zu dem Wenigen, was man weiß, dazu. Dadurch ist jedes Meinen ein Wähnen. Sobald man das Gewusste vom bloß Aufgefüllten nicht mehr unterscheidet, bekommt die Meinung wahnhafte Züge. In der Realität ist das die Regel; was oft nicht auffällt, weil man genügend Gleichgesinnte findet, deren Zustimmung den wahnhaften Zug des Meinens ummäntelt.

Das Auffüllen des Gewussten durch Elemente, die man bloß vermutet, erfolgt nicht zufällig. Es wird von Wünschen gesteuert. Man hält durch die eigene Meinung meist das für richtig, was man als wünschenswert erachtet. Was man als wünschenswert erachtet, ist das, wovon man sich Vorteile verspricht.

Eine Meinung, die das scheinbar widerlegt

Kann man sich wünschen, dass die Welt schlecht ist? Natürlich kann man das! Denn wenn die Welt schlecht ist, braucht man keine Verantwortung zu übernehmen. Man hat eine Erklärung dafür, warum man scheitert oder unzufrieden ist.

3.1. Von der Meinungsbildung zur Tatsachenverleugnung

Meinungen können entweder selbst entwickelt werden oder man übernimmt sie fertig aus dem Umfeld. Entwickelt man Meinungen selbst, folgt das einer logischen Sequenz in drei Schritten. Die ersten beiden Schritte sind unproblematisch:

  1. Man nimmt Tatsachen zur Kenntnis.
  2. Man bildet aufgrund dieser Tatsachenkenntnis übergreifende Urteile über die Struktur der Wirklichkeit.

Bleibt man nach einer ersten Urteilsbildung offen für neue Tatsachen, entwickeln sich Meinungen dynamisch weiter. Es liegt aber im Wesen von Meinungen... oder besser gesagt im Wesen des Menschen, der Meinungen zu psychologischen oder politischen Zwecken benutzt... sich abzusichern. Das führt zu einem dritten Schritt:

  1. Tatsachen, die einmal gebildete Meinungen hinterfragen könnten, werden ignoriert.

Von da ab wird das Denken postfaktisch, also tatsachenverleugnend. Postfaktisches Denken und Argumentieren beruht auf fixierten Meinungen, die nicht mehr zum Zweck einer gemeinsamen Wahrheitsfindung vorgetragen werden, sondern zum Zweck egozentrischer Vorteilsnahme. Bei der Diskussion politischer und gesellschaftlicher Themen ist postfaktisches Argumentieren weit verbreitet; vor allem in den Lagern derer, die sich parteipolitisch festgelegt haben. Bei Fragen konfessioneller Religion ist es oberstes Prinzip.

3.2. Übergänge

Zwischen dem normalpsychologischen Vorgang des Meinens und psychiatrisch relevantem Wahn gibt es Zusammenhänge; ebenso zwischen postfaktischem Meinen, Wahn und dogmatischen Glaubenslehren. Obwohl eindeutige Unterschiede theoretisch zu benennen sind...

... sind in der Praxis fließende Übergänge festzustellen. Bloßes Meinen kann unter dem Einfluss psychologischer Abwehrmechanismen in manifesten Wahn übergehen. Glaube und Wahn können zur Idee eines vermeintlich göttlichen Auftrags verschmelzen.

Tatsachenverleugnende Denkweisen

Meinung Wahn Glaube
Verleugnung optional
selektiv ignorierend
zwingend zwingend
dogmatisch
Funktion im Grundkonflikt Selbstbestimmung oder Zugehörigkeit Selbstbestimmung Zugehörigkeit
Inhalt individuell oder kollektiv individuell kollektiv

4. Diskussion und psychologischer Grundkonflikt

Der Wert einer Meinungsäußerung liegt nicht darin, zu sagen, wie es ist, sondern zum Nachdenken darüber anzuregen, wie es sein könnte.

Meinungsträger gehen in Diskussionen aufeinander los. Es fällt ihnen schwer, dem Anderen eine abweichende Meinung zu lassen. Es interessiert sie nicht, wie der Andere die Dinge sieht, sondern nur, wie man ihn zur eigenen Sichtweise bekehren kann.

Das hat mit den Interessen zu tun, die hinter Meinungen stehen und mit Spannungen, die dem psychologischen Grundkonflikt entspringen.

Wer seine Interessen durch die Verbreitung von Meinungen vertritt, fühlt sich von abweichenden Meinungen bedroht. Theoretisch hat er damit recht. Oft macht er aus Mücken aber Elefanten.

Eine tiefere Ebene des Meinungsstreits hängt mit dem psychologischen Grundkonflikt zusammen. Wenn jemand etwas anderes meint als ich, ist er mir, zumindest darin, nicht mehr zugehörig. Das aktiviert eine uralte Angst aus der Savanne: alleine dazustehen. Um die schützende Gemeinsamkeit wiederherzustellen, gibt es zwei Wege:

Meinungsstreit und Bedürfnisse

Entscheidung Bedürfnis
Zugehörigkeit Selbstbestimmung
Ich teile die Meinung des Anderen. erfüllt nicht erfüllt
Ich überzeuge ihn. erfüllt erfüllt

Zum Grundkonflikt gehört aber nicht nur das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, sondern auch das nach Selbstbestimmung. Deshalb ist klar: Nur wenn ich den Anderen überzeuge, kann ich beide Bedürfnisse erfüllen.

Identifikation mit dem Aggressor

Eine pathogene Variante zur Befriedigung beider Grundbedürfnisse bildet die Identifikation mit dem Aggressor. Persönlichkeiten mit abhängiger Grundstruktur neigen dazu, die Sichtweisen ihrer mächtigen Beschützer als die eigenen anzusehen. So bleiben sie in der Zugehörigkeit geschützt und glauben zugleich, selbstbestimmt zu sein. Als psychiatrisches Syndrom ist hier die sogenannte Folie à deux (ICD-10 F24: Induzierte wahnhafte Störung) zu nennen, also die Übernahme wahnhafter Vorstellung durch regressive Partner in Beziehungen. In der Politik verschafft dieser Abwehrmechanismus Diktatoren die Hälfte ihrer jubelnden Anhängerschaft.

5. Ökonomie der Kräfte

Was sollen die Nachbarn...

... von uns denken? An diese Frage ihrer Eltern erinnern sich Millionen. Das zeigt, wie weit der Glaube verbreitet ist, zum Glück gehöre es vor allen Dingen, im Meinungsbild anderer gut dazustehen. Obwohl es gewiss wünschenswert ist, dass andere Gutes von uns meinen, verhindert die Meinung, es sei unerlässlich, dass sie es tatsächlich tun. Denn wer meint etwas wirklich Gutes von jemandem, dem das Rückgrat fehlt, sich ohne die Zustimmung anderer treu zu sein?


Die Zahl der Wahrheiten

Zeitgenossen, die das Recht auf eine eigene Meinung behalten und es zugleich gönnerhaft an andere vergeben wollen, meinen oft, es gebe nicht nur eine, sondern viele Wahrhei­ten, sodass jeder seine eigene haben könne. Wäre es so, gäbe es zwischen Meinung und Wahrheit keinen Unterschied. Tatsächlich ist Wahrheit das, wovon es keine Varianten gibt. Der Glaube, jeder könne eine eigene Wahrheit haben, ist Zeichen hedonistischerVon griechisch hedone [ηδονη] = Freude, Vergnügen, Genuss. Hedonismus ist eine philosophische Sichtweise, die den Sinn des Lebens im Streben nach sinnlichem und geistigem Genuss und der Vermeidung des Unangenehmen zu erkennen glaubt. Zum Sinn des Lebens kann es jedoch gehören, dass man dem einzig Wahren auch dann die Treue hält, wenn es keinen Spaß macht. Dekadenz. Er führt dazu, dass man das Echte dem Leichten preisgibt.

Vielen fällt es schwer, abweichende Meinungen gelassen hinzunehmen. Instinktiv fürchten sie sich vor einer Vielfalt der Sichtweisen.

Je weniger man abweichende Meinungen hinnimmt, desto mehr verstrickt man sich in Streit. Im Streit versucht man Zugehörigkeit zu sichern: Hätte man den Anderen überzeugt, wäre man ja wieder einig. Das Resultat des Streits ist aber oft das Gegenteil. Im Eifer der DiskussionDer Begriff Diskussion entspringt dem lateinischen Verb discutere = zerschlagen. zerschlägt man das Porzellan, das beim gemein­samen Mahl Speisen tragen könnte. Zu allem Überfluss kosten Diskussionen Kraft.

Deshalb ist es sinnvoll, die Fähigkeit zu steigern, abweichende Meinungen stehen zu lassen.

Was können Sie dafür tun?