Jeder ist sein Lohn und seine Strafe: Lohn, wenn er lassen kann, Strafe, wenn er zwingen muss.

Man ist nicht kriegerisch, wenn man zu den Waffen greift. Man ist kriegerisch, wenn man unter­werfen will. Greift man zu den Waffen, um Unterwerfung zu verhindern, ist man friedlich. Frieden ist die Freiheit dessen, was ist.

Frieden besteht nur soweit man andere sich selbst überlässt.

Jeder kann zum Frieden beitragen: indem er sich mit dem zufrieden gibt, was ist, oder bewirkt, was ihn zufrieden macht.

Zufriedenheit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Störfaktoren
    1. 2.1. Das Leben an sich
    2. 2.2. Die anderen
    3. 2.3. Man selbst
      1. 2.3.1. Rolle und Selbstbild
      2. 2.3.2. Unzufriedene Normalität
        1. 2.3.2.1. Ontologische Ursache
        2. 2.3.2.2. Pathologische Folgen
  3. Kleine und große Heilungen
    1. 3.1. Praktische Schritte
    2. 3.2. Der endgültige Schritt

1. Begriffsbestimmung

Frieden ist eine Abwandlung des Begriffs frei. Frei geht auf die indoger­manische Wurzel prai- = schützen, schonen, lieben zurück. Die Logik liegt auf der Hand: Was man liebt, schützt und schont man. Man unterwirft es keinem Zwang. Man lässt es frei. Indem man es dem eigenen Sosein überlässt, ohne es für eigene Zwecke zu vereinnahmen, begegnet man ihm friedlich.Deshalb ist jede Gesellschaftsordnung, deren vermeintlicher Frieden auf Zwang beruht, tatsächlich kalter Bürgerkrieg.

Die Endsilbe -heit entspricht dem gemeingermanischenAls gemeingermanisch bezeichnet man die hypothetische Ursprache der germanischen Völker, die in Ermangelung historischer Belege nur durch philologische Rückschlüsse rekonstruiert werden kann. Hauptwort Heit = Stand, Wesen, Art, Beschaffenheit. Zufriedenheit meint daher einen umfas­senden Zustand. Im Zustand der Zufriedenheit lässt man nicht nur einzelne Elemente so sein, wie sie sind, sondern die Gesamtheit der Zustände an sich. Der wirklich Zufriedene geht davon aus, dass die Wirklichkeit über seinem Urteil steht.

2. Störfaktoren

So wünschenswert Zufriedenheit, so häufig ist ihr Gegenteil. Die Grundlagen der Unzu­friedenheit können vier Kategorien zugeordnet werden.

Chronische Unzufriedenheit ist Ausdruck und Nährboden psychiatrischer Erkrankungen. Ihre Ursachen zu verstehen, ist ein Schritt zur Besserung.
Chronische Unzufriedenheit ist aber auch völlig normal. Ohne das zu verstehen, kann man kaum jemals gesund werden.
  1. Biologisch
    Das Faktum der Leiblichkeit sorgt dafür, dass Befindlichkeiten flüchtig sind und dass sie, sofern man nichts dagegen tut, aus dem Gleichgewicht geraten.
  2. Sozial
    Der friedlichste Mensch kann kaum in Frieden leben, wenn der Nachbar es nicht will.
  3. Psychologisch
    Die individuelle Struktur der eigenen Person beinhaltet meist eine Menge Motive, keinen Frieden zu geben. Ansprüche stehen der Zufriedenheit im Weg.
  4. Ontologisch
    Die Tatsache, sich überhaupt als Person zu betrachten, legt den Grundstein zu einer unterschwelligen Unzufriedenheit, die bei tausend Anlässen über die Schwelle springt.

Der Ursprung der Unzufriedenheit ist in jedem Fall eine Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Je mehr man glaubt, es sei unannehmbar, Ansprüche, Erwartungen und Bedürfnisse unerfüllt zu sehen, desto eher wendet man unfriedliche Mittel an, um den empfundenen MißstandDas Wort Mißstand mit drei s zu schreiben, führt zu einem ästhetischen Mißstand. Da ästhetische Mißstände Unzufriedenheit schüren, entscheidet sich der Autor dazu, sich den Ansprüchen der Orthographie zu entziehen. zu beseitigen.

Zufrieden mit dem Leben an sich kann man nur soweit sein, wie man seinen Frieden damit macht, dass man auf Dauer kaum je zufrieden sein kann.
2.1. Das Leben an sich

Zufriedenheit heißt, sich selbst und die Dinge zu belassen. Doch selten bleiben die Dinge so, dass man sie dauer­haft belassen möchte; zumindest solange man nicht gelassen zuschaut, wie man verhungert. Das Leben findet in Körpern statt. Da Körper fließende ProzesseMan könnte sie auch Zustands-Verlaufs-Einheiten bzw. dynamische Gleichgewichte nennen. sind, die der gesamten Dynamik des Kosmos unterliegen, neigt ihr momentanes Gleichgewicht stets dazu, verloren zu gehen.

Die Natur hat es daher so eingerichtet, dass der Genuss zufriedenen Lassenkönnens oft nur eine flüchtige Belohnung für vollbrachte Mühe ist. Das Leben schickt seine Insassen auch dann in den Kampf, wenn sie selbst nicht kämpfen wollen und auch kein Nachbar da ist, der sie zum Kämpfen provoziert.

2.2. Die anderen

Eigentlich gehören die anderen bereits zum Leben an sich. Darüber hinaus können sie jedoch eine besondere Plage sein. Nichts stört den Frieden von Menschheit und Seele mehr als die Ansprüche, die wir wechselseitig gegeneinander erheben. Da es uns schwerfällt, uns selbst zu genügen, erwarten wir etwas von anderen... und beginnen damit, sie für unsere Zwecke einzuspannen. Genau dasselbe tun sie gern mit uns. Das führt zu zweierlei:

  1. Je mehr man von anderen erwartet, desto mehr versucht man, über sie zu bestimmen.
  2. Je weniger man die Erwartungen anderer unerfüllt lassen kann, desto weniger kann man sich selbst belassen, wie man ist. Man ist gezwungen, sich für andere krummzulegen.

Wer von anderen viel erwartet, kann nur schwer mit ihnen zufrieden sein. Wer jede Erwartung der anderen erfüllt, wird unzufrieden mit sich selbst.

Den Ansprüchen anderer ist man umso mehr ausgesetzt, je mehr eigene Ansprüche man gegen sie erhebt. Ich will doch nur, dass der andere mich in Frieden lässt, kann schon ein Anspruch sein, der Zufriedenheit vereitelt.
2.3. Man selbst

Die dritte Quelle der Unzufriedenheit - immerhin die, auf die man den größten Einfluss hat,... aber auch die, die am schwersten zu überwinden ist... - ist die Person, als die man sich selbst definiert. Während man vor der Ansprüchlichkeit anderer fliehen kann, oder sich gegen sie verwahrt, kann man die eigene Ansprüchlichkeit läutern. Oft kommt es aber anderes: Statt sie zu läutern, hält man sie für einen Bestandteil des Selbstwertgefühls; und verteidigt sie in der Folge regelrecht.

Auf dem Weg zum Glück stört ein Selbstbild erheblich. Am besten hat man keins.
2.3.1. Rolle und Selbstbild

Nur wenige sind mit der Rolle zufrieden, die ihnen ohne Zutun im Leben zufällt. Gemein­schaft gibt nicht nur Geborgenheit. Sie ist auch Gerangel um Platz und Position.

Das Umfeld konfrontiert uns mit Erwartungen.

Ein schmerzhafter Kreislauf

Je weniger ich den Wert dessen beachte, was ich bin, desto mehr fülle ich mein Ich-Ideal mit Tugenden, die ich verwirklichen sollte. Je weniger ich sie verwirklichen kann, desto wertloser erscheint das Bestehende. Schon bildet sich ein Kreislauf aus Anspruch, Appell und Versagen.

Die Erwartungen des Umfelds werden von kulturellen Traditionen sowie den persönlichen Ängsten, Wünschen, Begierden und Meinungen der unmittelbaren Bezugspersonen bestimmt. Meist geht vom Umfeld die Botschaft aus, dass es mit uns nur dann einverstanden ist, wenn wir uns anpassen. Je nach Tempera­ment verinnerlichen wir den Unfrieden, den das Umfeld stiftet.

Die zweite Quelle der Unzufriedenheit ist das, was wir selbst von uns erwarten. Wir möchten nicht irgendwer sein. Wir möchten diese oder jene Person sein, die unverwechselbar und erfolgreich ist. Wir bemühen uns, zu sein, was das Umfeld durch Zuwendung belohnt.

Aus dem, was andere von uns erwarten und dem, was wir gerne wären, schaffen wir ein Ziel-, Wunsch- und Soll-Bild unserer selbst. Die Psychologie bezeichnet dieses Bild als Ich-Ideal. Ist das Bild in unseren Köpfen, bemühen wir uns, ihm zu entsprechen. Je nachdem, wie groß der Unterschied zwischen tatsächlichem Selbst und Idealbild ist und je unmöglicher die Verwirklichung desselben, brechen Unzufriedenheiten auf.

Zufriedenheit kehrt ein, wenn ich mich, entgegen den Ansprüchen des Bildes, so annehme, wie ich tatsächlich bin.

Teilungen
Der Begriff Individualität geht auf lateinisch dividere = teilen zurück. Im egozentrischen Erlebnismodus glauben wird, Individualität - also Ungeteiltheit - sei erfüllt, wenn unsere Person in sich selbst nicht aufgespalten ist. Wie selbstverständlich nehmen wir zugleich die Vorstellung hin, dass der inneren UngeteiltheitIch bin nicht zwei, sondern nur einer. nach außen hin eine Abgeteiltheit vom Umfeld gegenübersteht. Das ist eine kognitive Täuschung. Tatsächlich ist Individualität nur in vollständiger Ungeteiltheit erfüllt; wenn das Abgeteiltsein als nachgeordneter Aspekt einer umfassenden Ungeteiltheit der Wirklichkeit erkannt wird.
2.3.2. Unzufriedene Normalität

Unzufriedenheit ist normaler als ihrer Gegenteil. Mehr noch: Der menschlichen Existenz ist eine chronische Unzufrieden­heit eingewoben, die stets bereit ist, aus einem Zustand unterschwelliger Präsenz akut zu werden. Diese normale bzw. physiologischePhysiologisch heißt hier: Sie ist Bestandteil der normalen psychischen Steuerungsdynamik. Unzufriedenheit, lässt sich nur durch erhebliche Entwicklungsschritte spürbar mindern.

2.3.2.1. Ontologische Ursache

Die Ursache der physiologische Unzufriedenheit liegt in der Struktur des Individuums. Das Individuum erlebt sich normalerweise als egozentrische Person. Das heißt: Es erlebt sich als separater Partikel, der einer übermächtigen Welt gegenübersteht und dessen Untergang bestenfalls heraus­gezögert, aber nicht aufgehalten werden kann.

Die Gewissheit des persönlichen Todes wird aus dem Alltagsbewusstsein zwar regelhaft ausgeblendet, das verdrängte Wissen verliert dadurch aber keineswegs an Macht. Im Gegenteil: Als meist unbewusster Aspekt des Selbstbilds wirkt es in fast alle Vollzüge hinein. Da niemand mit einer Wirklichkeitsdynamik im Frieden sein kann, die seine Vernichtung betreibt, liegt dem egozentrischen Selbstbild unumstößlich Existenzangst inne, die durch immer neue Eingriffe in den Lauf der Dinge in Schach zu halten ist; ohne dass sie dadurch je beseitigt werden kann.

2.3.2.2. Pathologische Folgen

Da die drohende Vernichtung der persönlichen Existenz eine totale Verminderung des Bestehenden ist, kann die normale Psyche kaum je zufrieden ruhen. Sie neigt dazu, alles und jedes, was sie hat oder ist, für zu wenig zu halten und es zur Abwehr der totalen Verminderung vermehren zu wollen. Mit keinem Bestand ihres Daseins ist sie daher lange zufrieden. Unterschwellig liegt stets ein Gefühl chronischer Unzu­friedenheit bereit, das es durch Einverleibung zusätzlicher Weltanteile zu dämpfen gilt.

Erscheinungsbilder der unzufriedenen Normalität

Die physiologische Unzufriedenheit, die dem normalen Selbstbild strukturell inneliegt, wird meist nicht als normal erkannt und hingenommen. Vielmehr wird sie als Störung der Normalität gedeutet; und der Unzufriedene sinnt auf allerlei Mittel, um ihr abzuhelfen. Die meisten davon sind schädlich.

Krieg, Frieden und Zufriedenheit

Es gibt innere und äußere Kriege. Oft gehen sie ineinander über. Da man mit dem Leben nur im Frieden sein kann, wenn man weder von Vernichtung be­droht wird noch danach trachtet, ist Unfrieden ein Störfaktor der Zufrieden­heit.

Äußere Kriege

Äußere Kriege, bei denen Völker übereinander herfallen, bleiben uns derzeit erspart. In solchen Kriegen wird der Schaden des anderen aktiv herbei­geführt. Im Krieg können Gegner kaum je zufrieden in sich ruhen, weil sowohl der Vorsatz zu schaden als auch die Bedrohung damit unvereinbar sind. Nur wenn sich Gegner darauf beschränken, dem Anderen nur soweit zu schaden, wie es für die Verteidigung notwendig ist, ist Zufriedenheit im Krieg denkbar. Meist wird die Wertschätzung des Gegners durch Hass verhindert.

Auch das, was wir als Frieden bezeichnen, ist von vollgültigem Frieden weit entfernt. Zwar wird hier der Schaden des Anderen seltener als beim offiziellen Waffengang aktiv herbeigeführt, wir sind aber oft so von der Idee des Gewinns besessen, dass wir, im Eifer für den eigenen Vorteil, den Schaden anderer übersehen. Die Betonung von Rang und Position macht unsere Lebensart zu einem Wettkampf. Auf den Straßen sehen wir unglückliche Gesichter.

Innere Kriege

Dem Krieg nach außen entspricht ein Krieg nach innen. Wer sich im Kampf mit dem Umfeld erlebt, versucht ein Selbstbild zu verwirklichen, das für Sieg geeignet ist. Er entwickelt Eigenschaften, die fürs Kämpfen taugen. Solche, die er als Quelle der Schwäche fürchtet, merzt er in sich aus. Resultat ist ein innerseelischer Konflikt, bei dem ein Teil des Ich versucht, den anderen aus der Welt zu schaffen. Solange gekämpft wird, ist Zufriedenheit unmöglich.

3. Kleine und große Heilungen

Oben heißt es: Chronische Unzufriedenheit ist ein Nährboden psychischer Krankheit. Zugleich heißt es: Chronische Unzufriedenheit ist völlig normal. Was paradox erscheint, ist folgerichtig.

Die Bereitschaft, mit Bestehendem unzufrieden zu sein, ist so tief im Selbstverständnis des Menschen verwurzelt, dass es im normalen Realitätsdeutungs­modus in der Regel nur vorübergehend gelingen kann, das aufkeimende Unkraut niederzuhalten....indem man irgendeinen Erfolg erringt.... Obwohl es eigentlich eine Aufgabe für Sisyphos ist, fällt sie uns allen zu. Nur wem es gelingt, die grundlegende Unzufriedenheit der eigenen Person unangetastet zu lassen, wird von der Pflicht befreit, das widerspenstige Gestein bergauf zu schieben.

Kriegerische Mittel
Zufriedenheit entspringt der Bereitschaft, mit den Dingen Frieden zu schließen. Sie entsteht, wenn man auf kriegerische Mittel verzichtet.

Kriegerisch ist alles, was unterwerfen will. Kriegerisch ist jedes Verhalten, das entweder den eigenen oder den Wert anderer missachtet. Dazu zählt rücksichtsloser Egoismus ebenso wie Unterwürfigkeit, weil Unterwürfigkeit gegen das eigene Sosein Zwang ausübt; und letztlich dazu dient, über den zu bestimmen,Ihn zum Beispiel davon abzuhalten, unfreundlich zu sein. dem man sich unterwirft.

Weise hinzunehmen, dass der hintergründige Hunger des ego­zentrischen Daseins niemals zu stillen ist, erlaubt jedoch durchaus, bei stillbaren Bedürfnissen nach ihrer Erfüllung zu trachten. Dabei kommt es vor allem auf die Mittel an. Krie­gerische Mittel erzeugen Widerstand. Widerstand erschwert die Erfüllung von Bedürfnissen. Friedliche Mittel erzeugen Beistand. Der Beistand des Um­felds erleichtert es, auf Kampf zu verzichten.

3.1. Praktische Schritte

Im Leben reicht es nicht, dass man sich mit dem, was einmal ist, immer nur zufrieden gibt. Das Leben sorgt dafür, dass man stets Neues erledigen muss. Hält man nicht mit dem Lauf der Dinge Schritt, staut sich Unerledigtes auf, dessen wachsende Menge entmutigt.

Hier sind zwei Ursachen der Unzufriedenheit am Werk.

  1. Die Welt erwartet, das man etwas für sie machen sollte.
  2. Der eigene Anspruch fordert, dass man Dinge im Griff behält.
Erledigen Sie täglich einen Teil von dem, was keinen Spaß macht.

Nur wenn man sich in beiden Strömungen über Wasser hält, kann man manifeste Unzufrieden­heit im Zaume halten. Nicht immer sind Kraft und Antrieb so lebendig, dass man das Unerledigte mit einem Rutsch in die Vergangenheit befördert. Große Projekte sind nur zu bewältigen, wenn man sie in Happen unterteilt.

Gerät man beim Erledigen ins Hintertreffen, entwickeln sich aus wachsender Unzu­friedenheit chronisch depressive Verstimmungen. Unerledigtes drückt nieder. Weil man niedergedrückt ist, fehlt der Mut, das Unerledigte anzugehen. Ein Mittel, das in solchen Fällen hilft, heißt: Teile und herrsche!Die Herrschaft über Dinge kann vollständig sein, die über andere ist im Dienste der Zufriedenheit auf das notwendige Minimum zu beschränken. Noch viel besser ist es, überhaupt nicht über andere zu herrschen, sondern sich selbst freizusetzen.

Teilen und herrschen am Beispiel typischer Quellen der Unzufriedenheit

Problem Maßnahme und Wirkung
Sie müssten für die Prüfung lernen. Der Stoff ödet Sie an. Lernen Sie täglich eine halbe Stunde....oder so lange, wie es für den Erfolg notwendig erscheint. Hören Sie auf, wenn der festgelegte Zeitraum vorüber ist. Wenn klar ist, dass nach einer halben Stunde Schluss ist, kann man sich besser aufraffen.
Die Wohnung ist chaotisch. Abfall türmt sich in den Ecken. Werfen Sie täglich etwas weg. Machen Sie es wie mit dem Lernen. Räumen Sie immer nur einen überschaubaren Teil vom Ganzen auf. Ein Regal, eine Schublade, eine Ecke...
Zehn Briefe sind ungeöffnet. Sie haben Angst vor dem, was in den Briefen steht. Öffnen Sie täglich bloß einen. Mit der Zeit schmilzt der Haufen dahin.
Sie schieben die Steuererklärung vor sich her. Teilen Sie das Projekt in Portionen.

Zum teilen und beherrschen dessen, was unzufrieden macht, gehören grundsätzliche Haltungen, die man im Leben ausbauen kann:

3.2. Der endgültige Schritt
Schenken Sie unterschwelliger Unzufriedenheit wohlmeinende Aufmerksamkeit. Solange Sie sich selbst als Person betrachten, sind Sie außer­stande, umfassend zufrieden zu sein. Respek­tieren Sie das. Unzufriedenheit muss nicht grundsätzlich beseitigt werden. Meint man das, entwickelt man den Zwang, sich selbst zu mästen; oder man kämpft gegen Windmühlen an.

Eine endgültige Lösung des Problems der Unzufriedenheit bleibt uns normalen Leuten vorenthalten. Sie gehört ins Reich der Spiritualität. Nur durch die Preisgabe der besonderen Bindung an die eigene Person kann man sich derer Bereitschaft entwinden, ihren Untergang zu fürchten und sich zur Abwehr der Furcht betäubende Mittel einzuverleiben.

Je mehr man sein Identitätsgefühl im Selbst verankert, desto mehr ahnt man, wie sehr man erleichtert wäre, könnte man den letzten Schritt endgültig tun. Statt den einen Schritt aber zu tun, glaubt man, dass man dies oder das, jenseits von sich, noch erreichen sollte, um zufrieden zu sein. Dabei ist dauerhafte Zufriedenheit erst möglich, wenn man versteht, dass sie nicht nur von dem abhängt, was man gewinnt, sondern erst recht von dem, was man entdeckt.