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Jeder akut suizidale Patient sollte sich in stationäre Behandlung begeben.

Depression ist ein sprachloser Widerstand gegen falsche Ziele.

Depressivität ist nicht nur Krankheit. Sie ist auch Endstrecke einer Überlebensstrategie: Selbstbestimmung aufzugeben um Zugehörigkeit zu sichern.

Depression


  1. Begriffe
  2. Symptome und Einteilungen
    1. 2.1. Winterdepression / saisonale Depression
  3. Ursachen
  4. Innerseelische Prozesse
    1. 4.1. Zugehörigkeit und Selbstbestimmung
    2. 4.2. Rollenspiele
      1. 4.2.1. Der untere Weg
      2. 4.2.2. Der narzisstische Zusammenbruch
    3. 4.3. Denkmuster
    4. 4.4. Psychodynamik der Winterdepression
    5. 4.5. Identität und Identifikation
  5. Lösungsstrategien
    1. 5.1. Psychotherapie
    2. 5.2. Medikamentöse Behandlung
    3. 5.3. Selbsthilfe

1. Begriffe

Früher teilte man DepressionenVon französisch dépression = Senkung. Der Begriff deprimiert geht auf lateinisch deprimere = niederdrücken zurück. in endogene, exogene, organische, reaktive und neurotische Formen ein.

Synthym

Als synthymVon griechisch syn [συν] = mit und thymos [θυμος] = Stimmung, Lebenskraft. bezeichnet man Symptome, deren begrifflicher Inhalt zur Stimmung passt: düstere Wahnideen oder ent­sprechende Halluzinationen. Synthymer Wahn kommt eher bei Depressionen vor. Synthym heißt: mit der Stimmung bzw. stimmungskongruent.

Parathymer Wahn ist eher Symptom einer Schizophrenie. Der Patient ist heiter oder läppisch und sagt: Morgen werde ich sterben. Parathym heißt: neben der Stimmung bzw. stimmungsinkongruent.

All diese Begriffe sind nicht aus der Welt. Da man im konkreten Fall aber darüber streiten kann, welche Faktoren ausschlaggebend sind, unterteilt man Depressionen heute eher nach Verlauf, Erschein­ungsbild und Schweregrad. Annahmen über die Auslöser stellt man zurück. Nur wenn die Zusammenhänge deutlich sind, spricht man mit der Diagnose eine Vermutung über die Ursache aus. So wird die reaktive Depression oft als Anpassungsstörung mit depressiver Symp­tomatik bezeichnet.

2. Symptome und Einteilungen

Depressivität umfasst ein breites Spektrum von Erlebnisweisen. Ohne klare Grenze reicht es von schwer depressiv mit wahnhaft verzerr­tem Selbstempfinden bis hin zu dauernd unzufrieden. Was als depres­siv empfunden wird, unterscheidet sich von Person zu Person; ebenso wann, worauf und wie jemand depressiv reagiert. Denn das Bild einer Depression wird nicht nur durch das Kernsymptom bestimmt, sondern auch durch die Art, wie das Individuum mit dem Kernsymptom umgeht.

Das Kernsymptom der Depression ist das...

Ist das Potenzial niedergedrückt, entspricht das einer klassischen Depression. Ist es er­schöpft, handelt es sich um ein Burn-out-Syndrom, das auch als Erschöpfungsdepres­sion bezeichnet werden kann.

Zu den häufigsten Begleitsymptomen...auch Sekundärsymptome genannt... der Depression zählen:

Bei schweren Depressionen kann es zusätzlich zu folgenden Symptomen kommen:

Keines der genannten Sekundärsymptome ist jedoch so unentbehrlich, als dass es bei einer Depression nicht fehlen dürfte. So schlafen manche Depressive bestens, die meis­ten denken zum Glück nicht an Selbstmord und etliche sind nicht einmal bedrückter Stimmung. Stattdessen fühlen sie sich von immer neuen körperlichen Symptomen beeinträchtigt und haben so eine Erklärung dafür, warum sie dem Leben nicht tatkräftig gegenüberstehen.

Die larvierte Depression

Die somatisierte bzw. larvierte Depression kann diagnostisch kaum von einer somatoformen Störung unterschieden werden.

Der Begriff larviert geht auf das lateinische Wort larvatus = versteckt, verkappt zurück. Unter einer larvierten Depression versteht man ein Krankheitsbild, das eigentlich den Depressionen zuzuordnen ist, bei dem aber die depressiven Hauptsymptome entweder gar nicht auftreten oder hinter körperlichen Beschwerden zurücktreten.

Die larvierte Depression wird auch als somatisierteVon griechisch soma [σωμα] = Leib. Somatisiert heißt: Die Depressivität drückt sich durch leibnahe Symptome aus. Depression bezeichnet. Oft sucht der Patient verschiedene Ärzte auf, die zunächst symptomatisch behan­deln... ohne die Symptome dadurch zu beseitigen. Erst ein Antidepressivum oder eine Psychotherapie schaffen Linderung.

Die Internationale Klassifikation der Krankheiten teilt Depressionen in vier Schwere­grade ein:

Schweregrade der Depression gemäß ICD-10

Ausprägung ICD Kennzeichen
Leichte Episode F32.0 Zwei bis drei der oben genannten Symptome. Der Patient kann seine Alltagsaktivitäten noch aufrechterhalten.
Mittelgradige Episode F32.1 Mindestens vier Symptome. Der Patient hat große Mühe, seine Aktivitäten aufrecht zu erhalten.
Schwere Episode ohne psychotische Symptome F32.2 Mehr als vier Symptome. Der Vollzug der Aktivitäten ist schwer beeinträchtigt.
Schwere Episode mit psychotischen Symptomen F32.3 Zusätzlich Halluzinationen und Wahnideen. Der sinnvolle Vollzug der Aktivitäten ist meist unmöglich.

Treten Depressionen wiederholt auf, gilt die gleiche Einteilung unter der Bezeichnung Rezidivierende Depressionen (F33.0 bis F33.3).

Darüber hinaus beschreibt die ICD-10 zwei weitere Zustandsbilder des depressiven Formenkreises: als Anhaltende affektive Störungen.

In der Praxis sind anhaltende affektive Störungen sowie leichte bipolare Störungen bzw. leichte rezidivierende Depressionen oft nur unscharf voneinander zu unterscheiden.

Anhaltende affektive Störungen gemäß ICD-10

Name ICD Kennzeichen
Zyklothymie
Zykloide bzw. zyklothyme Persönlichkeit
F34.0 Es bestehen meist über Jahre hinweg Stimmungsschwankungen mit Depressionen und Phasen leicht gehobener Stimmungslage (Hypomanien), ohne dass die Kriterien einer Bipolaren Störung erfüllt wären.
Dysthymie
Depressive Neurose
Neurotische Depression
F34.1 Chronisch anhaltende depressive Verstimmung mit ständig unterschiedlicher Ausprägungstiefe, ohne dass man von rezidivierenden Depressionen sprechen könnte.

2.1. Winterdepression / saisonale Depression

Viele kennen das: Wenn es draußen kalt und dunkel wird, reicht ein Blick aus dem Fenster, um die Stimmung zu dämpfen. Eigentlich ist diese Dämpfung bereits ein Stückchen Depression. Ein Bedrücktsein, das vom Novemberwetter ausgeht, ist für viele spürbar, für die meisten aber zu verkraften. Bei anderen ist das Ausmaß derart ausgeprägt, dass man von einer saisonalen Depression spricht. In der ICD-10 wird sie als andere rezidivierende affektive Störung (F38.11) kodiert.

Eigentlich ist Depression ebenso wenig eine Krankheit wie Fieber. Wie Fieber ist sie ein Symptom, das durch verschiedene Ursachen hervorgerufen werden kann.

3. Ursachen

Die Depression ist keine Krankheit mit einer Ursache. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen:

Unerwünschte Nebenwirkungen

Viele Medikamente können depressive Verstimmungen verursachen:

Viele Ursachen der Depression ähneln den Ursachen seelischer Erkrankungen über­haupt. Spezifisch sind je nach Art der Erkrankung die innerseelischen Prozesse.

Obwohl die Einteilung der Depressionen in endogene und neurotische Formen aus der Mode gekommen ist, macht eine Gegenüberstellung viele Phänomene des depressiven Erfahrungsfeldes deutlich. Vergleicht man Depressivität mit unmelodischer Musik, erkennt man, dass sie durch zwei Faktoren verursacht werden kann.

  1. einer Verstimmtheit des Instruments
  2. einer Unstimmigkeit des Spiels

Variationen der Unstimmigkeit

Instrument Spieltechnik Resultat
Gitarre verstimmt stimmig endogene oder organische Depression
nicht stimmig endo-reaktive Depression, Überlagerung endogener, organischer und neurotischer Faktoren, schwere Ausprägung durch additive Effekte
Gitarre nicht verstimmt stimmig gesund
nicht stimmig reaktive bzw. neurotische Depression

Ist die Gitarre verstimmt, hat selbst der beste Musiker Probleme, gut zu spielen. Ihm würde womöglich ein Antidepressivum helfen, das Umstimmigkeiten im Stoffwechsel beseitigt; oder andere medizinische Maßnahmen, die organische Ursachen beheben. Spielt der Spieler lausig, bringt er selbst auf der bestgestimmten Gitarre nur Unmelodisches zustande. Ihm hilft kein Antidepressivum, sondern eine bessere Abstimmung seiner Sicht- und Verhaltensweisen mit der Wirklichkeit.

Da auch eine optimal abgestimmte Gitarre ungeschickten Spielern nicht zu erfolg­reichem Spiel verhilft, wird es vermutlich niemals ein Antidepressivum geben, das alle Depressionen verlässlich beseitigt.

4. Innerseelische Prozesse

Depressionen können durch Stoffwechselstörungen verursacht werden; oder durch Gifte und Medikamente. Dann spielt die Betrachtung inner­seelischer Abläufe eine zweitrangige Rolle.

Die Mehrzahl der Depressionen wird aber überwiegend durch individuelle Verhaltensweisen und Deutungsmuster bestimmt. Dabei kommt dem Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-Konflikt große Bedeutung zu. Ebenso wichtig für das Verständnis der Depressivität ist die Betrachtung des Wechselspiels zwischen Selbstwahrnehmung und psychologischer Rolle. Als fundamentale Weichenstellung ist die Identifikation mit der Person erkennbar.

4.1. Zugehörigkeit und Selbstbestimmung

Bei der Angst gerät das Bedürfnis nach Autonomie mit dem nach Zugehörigkeit aneinander. Bei der Depression wird der Impuls zur Autonomie dagegen abgeschaltet. Resultat ist das Kernsymptome der Depression: das Gefühl, dem Alltag ohnmächtig und ohne Lebenskraft gegenüber zu stehen. Dementsprechend hat der Depressive keinen Antrieb. Alles erscheint ihm wie ein Berg, selbst Belangloses kann er nicht mehr entscheiden. Er empfindet Schwermut und Trauer, als habe er mit dem Impuls zur Selbständigkeit das Leben selbst verloren; was in gewissem Maße durchaus stimmt, denn der Impuls zur Autonomie gegenüber dem Umfeld ist der ursprüngliche Impuls des Lebens.

Schmerz und Depression

Zwischen Schmerz und Depression bestehen enge Beziehungen. Zum einen führt chronischer Schmerz oft zur Depression. Das gilt sowohl für Schmerzen organischen Ursprungs als auch für solche im Rahmen eines somatoformen Schmerzsyndroms. Hier ist die Depression Folgeerscheinung des Schmerzes.

Zum anderen gehen viele Depressionen mit einer gesteigerten Empfindlichkeit für Schmerzerleb­nisse einher. Daher werden sie von Rücken-, Kopf-, Glieder-, Unterleibs- oder Magenschmerzen begleitet. Manchmal drückt sich die Depression ausschließlich als Schmerz aus. Hier ist der Schmerz Folgeerscheinung der Depression.

Beide Arten sind durch die Reihenfolge, in der die Symptome auftreten, zu unterscheiden.

Anlass, den Impuls zur Autonomie abzuschalten, sind meist chronische Beziehungsstörungen. Der Depressive wagt es nicht, autonome Bedürfnisse gegenüber Bezugspersonen zu vertreten. Zu sehr fürchtet er, sich durch selbständige Entscheidungen die Sympathien anderer zu verscherzen. Um die Angst vor Rivalität und dem Verlust der Geborgenheit zu bannen, blendet er das gefürchtete Bedürfnis nach Selbst­bestimmung aus.

Statt der Angst jedoch entronnen zu sein, holt sie ihn wieder ein. Mit dem Impuls zur Selbstbestimmung hat der Kranke die Gefahr, anderen zu widersprechen, zwar gebannt, durch den Verzicht auf eigenständige Handlungsmacht kann er nun aber selbst banale Anforderungen des Alltags nicht mehr erfüllen. Das erzeugt Schuld- und Schamgefühle und eine ängstliche Getriebenheit, die ihm jede Ruhe raubt; weil der Kranke nun erst recht den Verlust seiner Zugehörigkeit befürchten muss. Denn da er nicht mehr in der Lage ist, die Erwartungen des Umfelds zu erfüllen, droht ihn der Missmut anderer erst recht zu treffen. Duckt sich der Kranke noch mehr und macht er sich vor dem Leben noch kleiner, schließt sich der Teufels­kreis... und treibt ihn womöglich bis in den Wahn...

4.2. Rollenspiele

Die menschliche Existenz findet auf zwei Ebenen statt.

  1. Als soziales Rollenspiel
  2. Als unverfälschtes Ich-selber-sein
Nur wer sich selbst wahrnimmt, kann selbstbewusst sein.

Beide Ebenen sind eng mit den Themen Selbstbestimmung und Zugehörigkeit verwoben. Ob man depressiv wird oder nicht, hängt in großem Maße davon ab, ob man sich selbst wahrnimmt, oder ob man sich selbst durch ein überwertiges Rollenspiel aus den Augen verliert.

Rollenspiele sind sehr variabel. Trotzdem kann man zwei typische Muster beschreiben, die gehäuft depressive Erkrankungen nach sich ziehen:

  1. Der untere Weg
  2. Das gestrauchelte Größenselbst oder der narzisstische Zusammenbruch
Wendung der Aggression

Der Depressive wendet seine Aggression nicht nach außen; um dort Gewünschtes zu ergreifen oder Schädliches zurückzuweisen. Er wendet seine Aggression gegen das eigene Selbst; um Impulse zu entkräften, vor denen er sich fürchtet. Die nach innen gerichtete Aggression drückt eigene Impulse nieder. Daher das Wort Depression.

4.2.1. Der untere Weg

Der Mensch fürchtet sich davor, auf sich selbst gestellt zu sein. Bei vielen ist die Angst davor so groß, dass ihnen die Bestätigung durch andere und deren Sympathie über alles geht. Solche Menschen kümmern sich kaum um das, was sie tatsächlich sind und wollen. Stattdessen übergehen sie sich blind und halten nach jedem Hinweis Ausschau, wie sie sich verhalten sollten, damit ihr Verhalten immer passend ist. Sie machen ständig Kompromisse. Sie geben immer nach. Sie schlucken jeden Ärger. Wenn überhaupt ballen sie die Faust nur in der Tasche.

Wenn der Drang zur Selbstbestimmung auf Dauer am Ausdruck gehindert wird, staut sich ungelebte Aggression, die von dem, der den unteren Weg geht, gegen sich selbst gewendet wird. Das ängstliche Ego sagt voller Wut zum Selbst, das es selbst sein will: Du bist daran schuld, wenn die Welt sich gegen uns wendet. Geh weg, ich will dich nicht. Wenn das Selbst den Versuch zur Selbstbehauptung schließlich aufgibt, verfällt das Ego aus der beflissenen Bereitschaft, sich selbstverleugnend anzupassen, in eine manifeste Depression.

Auch hinter dem Größenselbst des Narzissten steckt der Wunsch nach Zugehörigkeit. Er glaubt, sich auf Zugehörigkeit nur einlassen zu können, wenn er seine Selbstbestimmung durch Überlegenheit absichert. Geht seine Überlegenheit verloren, zieht er sich wie ein verwundeter Platzhirsch aus der Gemeinschaft zurück.
4.2.2. Der narzisstische Zusammenbruch

Nicht jeder, den die Depression am Kragen packt, ging vorher den unteren Weg. So mancher tat das Gegenteil. Statt sich wertschätzend wahrzunehmen, wie er tatsächlich ist, verliebt sich der Überflieger in ein sogenanntes GrößenselbstSo hat es die Psychoanalyse genannt. Tatsächlich ist das Größenselbst aber kein Selbst, sondern bloß ein Bild davon. Das wirkliche Selbst ist weder groß noch klein. Es ist einfach nur es selbst.. Dabei handelt es sich um ein prachtvoll ausgeschmücktes Selbstbild, das er beharrlich mit dem wahren Selbst ver­wechselt.

Solange es dem Narzissten gelingt, auf der Bühne des Lebens die Rolle zu spielen, die seinem Selbstbild nahe kommt, ist er guter Dinge. Meistens gehören zum glänzenden Selbstbild Symbole sozialen Erfolgs. Der Überflieger ist tüchtig. Im Beruf ist er ehrgeizig. Er arbeitet hart, steckt sich hohe Ziele. Er hat eine schicke Freundin, fährt das passende Auto, macht tolle Urlaube, kleidet sich gut und fühlt sich um seinen Rang beneidet.

Wenn das Leben bloß nicht so einfallsreich wäre... Und wenn das Streben nach äußerem Erfolg nicht so viel Kraft kosten würde... Das Leben ist aber einfallsreich. Und Leistungsdruck zehrt aus. Daher stürzt fast jeder Erfolgsverwöhnte irgendwann einmal ab. Der Chef hat einen neuen Kronprinzen. Die Partnerin geht fremd. Die Bank verweigert Kredite. Das Auto muss verkauft werden. Die Zuversicht stürzt in einen Abgrund, der dem gestrauchelten Sieger als blankes Nichts erscheint; weil er sich nie mit der Frage beschäftigt hat, was die Leere in seiner eigenen Tiefe enthält.

4.3. Denkmuster

Bei Depressionen sind typische Verzerrungen des Denkens erkennbar. Affekt und Denken des Depressiven verbinden sich zu einem Wahrnehmungs- und Deutungs­muster, bei dem sich der schwermütige Affekt und pessimistische Denkinhalte wech­selseitig aufschaukeln. Dabei spielt selektive Wahrnehmung eine Rolle, aber auch die Neigung, Wahrgenommenes durch voreilige Schlussfol­gerungen nachteilig zu interpre­tieren. Derartige geistige Filter färben selbst die Wahl erinnerter Inhalte ein.

Die Winterdepression ist nicht die einzige Form einer saisonal rezidivierenden affek­tiven Störung. Man könnte das auch eine jahreszeitlich wiederkehrende Störung der Gefühlslage nennen. Wenn Sie auch seltener ist: Es gibt auch eine Frühjahrsdepression.

Das Frühjahr fordert zu Tatendrang und Lebenslust heraus. Überall turteln verliebte Pärchen und alle Welt ist scheinbar auf dem Weg ins Glück. Der Frühjahrsdepressive hat aber wenig Selbstvertrauen. Es fühlt sich dazu aufgefordert, an etwas teilzuhaben, das er nicht erreichen kann. Der Vergleich mit dem Glück der anderen legt seine Selbstwertzweifel bloß und drückt ihn nieder.
4.4. Psychodynamik der Winterdepression

Man kann sich mit der biologischen Hypothese zur Entstehung der Winterdepression begnügen. Sie besagt, dass es durch den Lichtmangel der Wintermonate zu einer vermehrten Melatonin­synthese kommt, was mit einer Absenkung des Serotoninspiegels einhergehe. Folge sei eine Störung der Signalübertragung zwischen den Hirnzellen, was seinerseits zur Depression führt. Es kann sein, dass diese These stimmt.

Da der Mensch aber nicht nur biochemisch und physikalisch mit dem Umfeld verwoben ist, sondern auch psychosozial, kann eine andere Betrachtungsebene erwogen werden. Sie hat mit dem unteren Weg zu tun, den viele gehen, um ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu sichern. Man kann nämlich fragen:

Obwohl die Macht des Winters über unser Leben heute geringer ist, steckt uns das Erbe von 500000 Jahren Steinzeit in den Genen.

Zur Lage des Steinzeitmenschen bei Schneefall

Das Leben unserer Vorfahren hing noch mehr als das unsere vom Wetter ab. Der Zusammenhalt der Gruppe war im Winter noch wichtiger als im Sommer. Weder für den Einzelnen noch für die Gruppe als Ganzes konnte es sinnvoll sein, KonflikteBei unserem Verwandten im Wald, dem Hirschen, ist es nicht anders. Auch bei ihm hat die Weisheit der Natur eine biophysikalische Kopplung eingerichtet, die dafür sorgt, dass die Konfliktbereitschaft der Hirsche im Winter zum Erliegen kommt. Die Brunft findet im Altweibersommer statt, aber nicht nach Allerheiligen. auszutragen, wenn die frostkalte Hand des Todes von draußen in die Höhle griff.

Die Absenkung des Serotoninspiegels durch Dunkelheit bot einen Selektions­vorteil. Sie führte dazu, dass es leichter fiel, sich der Gruppe und ihrem Führer zu beugen. Die Gefahr, wegen mangelnder Anpassungsbereitschaft aus der Höhle verstoßen zu werden, nahm ab.

Neben dem psychosozialen Effekt - der Dämpfung zwischenmenschlicher Konflikte - hat der depressive Antriebsmangel im Winter weitere Vorteile. Wenn draußen nicht viel mehr zu tun ist, als sich die Zehen blau zu frieren oder auf Nimmerwiedersehen in Gletscherspalten zu verschwinden, fällt es ohne Antrieb leichter, in der sicheren Höhle zu bleiben. Und man spart bei karger Kost knappe Energie.

4.5. Identität und Identifikation

Um Depressivität grundsätzlicher zu verstehen und die Gefahr, dass sie auftritt, weit­gehend zu bannen, lohnt ein Blick zur Grundfrage der menschlichen Existenz. Sie lautet: Wer oder was bin ich?

Im normalen Funktionsmodus des Alltagsbewusstseins glauben wir, diese Frage sei ebenso leicht wie eindeutig zu beantworten. Wir sagen: Ich bin der eine besondere Körper und die eine besondere Person, die im Gewand dieses Körpers mit anderen Personen in Verbindung tritt. Wir iden­tifizieren uns mit dem Leib und dem relativen Selbst, das wir als Insassen des Leibes vermuten.

Zum derart entstandenen Selbstbild gehört die Hypothese, dass zwischen dem Selbst und der Welt eine kategorische Lücke klafft; sodass Zugehörigkeit nicht unverlierbar gegeben ist, sondern erworben und durch Zugeständnis gesichert werden muss. Da die Grundlage der Depressivität auf der Furcht beruht, Zugehörigkeit zu verlieren oder auf dem Glauben, dass sie bereits verloren ist, ist eine psychogenEine endogen, toxisch oder organisch verursachte Depression würde jenseits der Identifikation mit der Person anders erlebt und gedeutet werden als diesseits. verursachte Depression ohne die Hypothese vom separaten Ego in fremder Welt nicht möglich.

Tatsächlich hat die Person aber keine separate Identität, sondern ist Ausdruck des­selben Selbst, das das Selbst einer jeden Erscheinung ist. Sobald der Mensch erkennt, dass dem so ist, kann er einen grundsätzlichen Verlust an Zugehörigkeit nicht mehr fürchten.

5. Lösungsstrategien

Je nach Ausprägung einer Depression, Persönlichkeit des Patienten, dessen Alter und den Bedingungen des Umfelds, in dem er lebt, kommen unterschiedliche Maßnahmen in Frage. Man kann sie als passive oder aktive Ansätze klassifizieren.

Bei schweren Depressionen ist eine stationäre Behandlung notwendig, bei akuter Selbstmordgefährdung ist sie sogar unumgänglich. Da ein schwer depressiver Patient nicht in der Lage ist, sein Verhalten zielorientiert zu überdenken, kann er aus eigener Kraft zunächst kaum etwas zu seiner Gesundung beitragen. Hier ist eine Behandlung mit Antidepressiva erste Wahl. Erst später ist auch an Psychotherapie zu denken.

Bei mittelgradigen Depressionen hat man von Anfang an die Wahl. Je nachdem, welche Hilfe der Patient erwartet, kann man sich zwischen beiden Möglichkeiten entscheiden. Oder man kombiniert sie.

Bei leichten Depressionen wird man mit dem Einsatz von Medikamenten zögerlich sein. Gerade hier liegt der Einsatz aktiver Maßnahmen am nächsten.

Hürden

Viele Umstände erschweren die Heilung von Depressionen. Man kann sie in drei Gruppen einteilen:

Störfaktoren auf dem Weg zur Gesundheit
Biographisch Sozial Biologisch
Kindheitstraumata Familiäre Konflikte
Beziehungskonflikte
Nachbarschaftskonflikte
Zusätzliche körperliche Krankheiten
Probleme in der Schulzeit Schlechtes Arbeitsklima
Berufliche Überforderung
Unverträglichkeit von Antidepressiva
Niedriger Bildungsstand Niedriger sozialer Status
Arbeitslosigkeit
Genetische Besonderheiten
Frühes Auftreten seelischer Probleme Entwurzelung
Migrationshintergrund
Organisch bedingte kognitive Einschränkungen
Suchtentwicklung Fehlende soziale Bindungen SchichtwechselSchichtwechsel kann auch als sozialer Störfaktor eingruppiert werden. Da seine eigentlich problematische Wirkung aber durch die Störung biologischer Rhythmen verursacht wird, wird er hier als biologischer Störfaktor genannt.
Frühe Verlusterlebnisse Weltanschauliche Starre des kulturellen Umfelds

Neben den oben genannten Hürden können auch physikalische Störfaktoren (z.B. Verkehrslärm, ständiger Aufenthalt in lichtarmer Umgebung) eine große Rolle spielen.

5.1. Psychotherapie

Verhaltenstherapeutische oder Tiefenpsychologische Therapie sind bei Depressionen gleichermaßen geeignet.

Verhaltenstherapie

Wie kann ich effektiv handeln? Wie erreiche ich, was ich will?

Bei der Verhaltenstherapie entwerfen Therapeut und Patient gemeinsam einen Plan, wie die Anforderungen des Alltags zu bewältigen sind. Herausgefordert durch die Erwartungen des Therapeuten und ermutigt durch dessen Zuspruch, macht sich der Patient daran, den Plan zu erfüllen. Mit zunehmendem Erfolg schwächen sich seine Gefühle der Schuld und des Ungenügens ab. Der Mut zur autonomen Selbstbestimmung springt wieder an.

Tiefenpsychologie

Was läuft in meinem Inneren ab? Was will ich eigentlich?

Bei der Tiefenpsychologischen Therapie führt der Therapeut den Patienten durch Fragen, Deutungen und Hinweise zu einem verbesserten Einblick in die Psychodynamik des Problems. Der Patient erkennt, dass er kein Opfer rätselhafter Mächte ist, die ihn wahllos ins Elend pressen, sondern dass seine Probleme Folgen bestimmter Ängste und Vermeidungsstrategien sind, über die er vielmehr selbst bestimmen kann, als er bisher dachte. Daher fasst er neuen Mut, sich den Widrigkeiten des Daseins mit ganzer Kraft zu stellen.

Depression und Vitamin D

StudienZ.B.: Kjægaard et al.: Effect of Vitamin D supplement on depression scores, British Journal of Psychiatry. belegen, dass der Vitamin-D-Spiegel im Serum depressiv Erkrankter erniedrigt ist. Die Hoffnung, Depressionen durch Vitamin-D-Gabe zu heilen, hat sich nicht erfüllt. Vermutlich ist Vitamin-D-Mangel keine Ursache der Depression, sondern deren Folge: durch verminderte Aktivitäten im Freien wegen sozialem Rückzug und Antriebsstörung.

5.2. Medikamentöse Behandlung

Bei der Pharmakotherapie der Depression kommen zu allererst Antidepres­siva zum Einsatz. Kommt es bei einer schweren Depression zusätzlich zu psychotischen Symptomen - einem Verschuldungswahn, einem Verarm­ungswahn oder auch zu Stimmenhören - ist der Einsatz von Neuroleptika sinnvoll. Symptomatisch können bei starker Unruhe, Ängsten oder ausgeprägten Schlafstörungen Tranquilizer oder Schlafmittel verordnet werden. Bei wiederkehrenden Depressionen und solchen, die sich mit Manien abwechseln, sind Stimmungsstabilisatoren erforderlich.

5.3. Selbsthilfe

Ist eine Depression nicht so ausgeprägt, als dass sie den Patienten lähmt, kann er selbst einiges dazu beitragen, depressive Symptome zu beiseitigen und neuen vorzubeugen.

Da Depressionen meist das Resultat chronischen Fehlverhaltens sind, lohnt es sich für jeden, der depressive Verhaltensmuster praktiziert, seine Muster zu überdenken. Falls der Test bei Ihnen deutlich positive Werte zeigt, könnten die Anregungen des Testergebnisses nützlich sein.