Alles, was es gibt, ist das Eine, in dem Leben und Tod dasselbe ist.

Egal, wie ich mich bemühe, mich mir anzu­eignen, zuletzt gehöre ich der einen Wirklichkeit.

Man dient den Zwecken des Einen. Wenn man es will, dient man mit Freude, will man es nicht, dient man mit Schmerz.

Zum Jenseits hin sind Dinge göttlich. Im Diesseits sind sie Sache und Person.

Im Diesseits sind Dinge getrennt, damit das Jenseits Gegensätze in Erfahrung bringt.

Das Diesseits muss sein, weil das Jenseits sein kann.
Jenseits

  1. Wortverwandtschaften
  2. Religiöse Vorstellungen
  3. Diesseits und jenseits des Ego

1. Wortverwandtschaften

Jenseits und Diesseits sind zwei Seiten der Wirklichkeit. So stellen wir es uns zumindest vor. Jener weist auf Entferntes hin, dieser auf das, was in der Nähe liegt. Um nicht dem Irrtum zu verfallen, der Abstand zwischen beiden Seiten sei topographischDie gängige Jenseitsvorstellung trennt Jenseits und Diesseits topographisch voneinander. Sie geht davon aus, dass die drei räumlichen Dimensionen des Diesseits nicht dem Jenseits angehören; und sich das Jenseits irgendwoanders befindet. Diese Vorstellung ist eine Illusion, die durch die egozentrische Arbeitsweise des normalen Bewusstseins aufrechterhalten wird. Tatsächlich sind Diesseits und Jenseits zwei Seiten des Jenseits, die im Jenseits eine Seite sind. Das Jenseits ist der Mathematik nicht unterworfen. Es erfindet sie. Dass sich eins und zwei voneinander unterscheiden ist nur diesseits Gesetz. Jenseits ist es Möglichkeit., nützt es, sich die Sinnverwandtschaft des Wortes Jenseits klar zu machen.

Jener geht auf den indogermanischen Stamm eno- zurück. Eno- wiederum steht etymologisch mit oinos = eins (lat: unus) in Verbindung. Zur Eins gehört das Verb einen.

Dieser Zusammenhang ermutigt uns, das Jenseits nicht bloß als eine Parallelwelt zum Diesseits zu denkenDas Wesen des Jenseits kann weder durch Glaubensformeln noch durch Denkakte erfasst werden. Das Denken bedient sich definierter (von lateinisch finis = Grenze), also abgegrenzter Begriffe. Da das Jenseits jeder Begrenzung entbunden ist, ist es begrifflich unerreichbar. Was für Denkakte gilt, gilt auch für Glaubensformeln. Glaubensformeln sind dogmatisierte Vorstellungsbilder. Den, der sie für wahr erklärt, führen sie in die Irre., die die Struktur des Diesseits in verbesserter Fassung wiederholt, sondern als Grundprinzip, das die Vielfalt des Diesseits zu einer Einheit verbindet.

Diesseits begegnet sich alles. Jenseits ist alles das Eine.

2. Religiöse Vorstellungen

Ist ein religiöser Glaube ohne Jenseitsvorstellung denkbar? Falls ja, hat sich die Menschheit kaum um diese Möglichkeit gekümmert. Die drei abrahamitischen Kulte (Judaismus, Christentum, Islam) gehen ebenso von einem Jenseits aus, wie die ostasiatischen Glaubenssysteme (Buddhismus, Hinduismus), die antiken Vielgötterkulte und die animistischen Vorstellungen der Naturvölker.

Ego und Partei

Das Ego ist die Partei der Person im sozialen Gefüge. Es vertritt ihre Interessen und wacht darüber, dass sie nicht vom Eigennutz anderer Personen übervorteilt wird. Sobald ein Ego dem anderen predigt, die Wachen abzurufen, wird das Ego, an das die Predigt ergeht, gestärkt.

Abgesehen vom Nirwana des Buddhismus und dem Brahman des Vedanta hat das Jenseits der etablierten Religionen viel Ähnlichkeit mit dem Diesseits. Es wird von unterschiedlichen Individuen bevölkert (Gott oder Göttern, Engeln, dem Teufel, Geistern, Dämonen und den Seelen der Ahnen); und es wird topographisch vom Diesseits unterschieden.

Entsprechend der Vorstellung, dass das Jenseits eine strukturierte Parallelwelt ist, in der sich individuelle Wesen begegnen, bleibt der Heilsgedanke der abrahamitischen Religionen egozentrisch. Durch Loyalität zur richtigen Glaubenspartei, Gehorsam, Rituale und die Befolgung einer vorgegebenen Moral verdient sich der Einzelne sein zukünftiges Glück. Dem Egoismus dieser Vorstellung wird in einem zweiten Schritt begegnet; durch die Predigt altruistischer Tugend.

Die Vorstellung abgetrennter Individualseelen, von denen jede für ihr persönliches Heil verantwortlich ist, enthält einen Widerspruch, der psychologische und soziale Verwerfungen nach sich zieht. Zum einen appelliert die Predigt an den Eigennutz des abgetrennten Ego, zum anderen fordert sie von ihm, uneigennützig zu sein.

Nah und fern

Die Sprache des Diesseits ist eine Sprache der Unterscheidung. Sie betrachtet die Welt aus der Perspektive des Ego. Da das Ego als Partei Grenzen bewacht, liegt ihm das Abgegrenzte näher. Es zeigt darauf und sagt: Dies.

Das Vereinte liegt vom Ego aus betrachtet weiter weg. Das Ego nennt es: Jenes.

Erst wenn das Ich sich nicht mehr für sein Ego hält, erkennt es, dass ihm das Jenseits näher als das Diesseits ist. Diese Erkenntnis ist ein Baustein echter Religion.

Das angestrebte Ziel, das Ego im Dienst einer höheren Harmonie zu überwinden, ist mystisch gesehen plausibel. Predigt man das gleiche Ziel im Kontext hierarchisch organisierter Kulte, erreicht man meist das Gegenteil. Sobald ein Ego vom anderen verlangt, sich aufzugeben, gibt es zwei Möglichkeiten:

3. Diesseits und Jenseits des Ego

Der Mensch steht als Körper im Diesseits. Dessen Struktur besteht aus den Unterschieden, die sich darin begegnen. Die Elemente des Diesseits unterscheiden sich durch die Grenzen ihrer Gestalt, die Qualität ihrer Substanz und ihre Positionen im Raum. Analog zur scheinbar abgelösten Körperlichkeit macht sich der Mensch ein Bild von seiner seelischen Dimension. So wie der Körper scheinbar vom Umfeld abgetrennt ist, denkt er sich seinen seelischen Pol als umschriebenes Etwas.

Das Jenseits ist das Selbst des Diesseits.

Was aber, wenn die Grenzen, die er dabei sieht, keine Grenzen in Wirklichkeit sind, sondern bloß die Grenzen seiner Wahrnehmung? Dann kann er das Jenseits als den Aspekt der Wirklichkeit verstehen, der die Wirklichkeit in ein ungebrochenes Ganzes eint. Seine Seele ginge dann nicht mehr als Etwas in das Jenseits ein. Sie wäre das Jenseits selbst, als das sie zeitlos, formlos und ohne Gegensätze ewig ist.