Freiheit ist die Freiheit des Einzelnen. Der Einzelne ist er selbst.

Ein freier Mensch ist immer nur so frei, wie ihm sein Menschsein Freiheit ermöglicht.

Der Mensch macht gerne Geschäfte. Einen Teil seiner Freiheit tauscht er gegen Sicherheit ein. Oft übertreibt er dabei.

Freiheit ist Zustand eines Innenraums. Frei zu sein heißt, vor Zugriff von außen beschützt zu sein. Wer seine Freiheit nicht vor Äußerem schützt, verliert sie. Entweder weil das Äußere sie ihm raubt oder weil er sie selbst abschafft, um Äußerem zu dienen.

Der Fortschritt einer Zivilisation macht nur soweit Sinn, wie er das Gedeihen der Individuen fördert. Fördert er die Komplexität der Zivilisation auf Kosten der individuellen Freiheit, ist er ein Irrweg.

Wem es gelingt, er selbst zu sein, hat mehr für die Freiheit getan als die meisten Revolutionäre.

Wahre Freiheit liegt jenseits von Angst und Begierde.

Das Freie kann bewirken, wozu das Unfreie dienen muss. Über dem Freien gibt es nichts, weil das Freie zu nichts mehr dient.

Freiheit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Felder und Ebenen
  3. Luxus oder Notwendigkeit
  4. Der Herr und seine Diener
  5. Biografische Entwicklungen
  6. Gefährdungen
  7. Notwendige Maßnahmen

1. Begriffsbestimmung

Frei entspringt der indogermanischen Wurzel prāi- = schützen, schonen, lieben. Zur selben Wortfamilie gehören der Friede und der Freund.

Die Logik des Zusammenhangs ist offensichtlich. Was man liebt, schützt man vor fremdem Zugriff... und man verschont es vor dem eigenen. Man sorgt dafür, dass es sich frei entfalten kann. Geliebten Menschen gegenüber verhält man sich friedlich. Man behandelt sie als Freunde.

Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit

Der Leitspruch der französischen Revolution (liberté, égalité, fraternité) nennt Freiheit an erster Stelle. Ein guter Griff! Denn alle Belange des Lebens befassen sich mit Gewinn und Erhalt von Freiheit.

Liberté geht auf lateinisch liber = frei, freimütig, ungebunden zurück, dem das griechische eleutheros [ελευθερος] = frei, edel entspricht.

So manchen mag der Klang des griechischen e-leuthe-ros an das deutsche Leute erinnern. Bloßer Zufall? Keineswegs. Sowohl Leute als auch eleutheros gehen auf die indogermanische Wurzel leudh = wachsen zurück von der leuthero = zum Volk gehörig, frei abgeleitet ist.

Thematisch vereint das Sinnfeld des Begriffs liberté mehrere Motive:

Freisetzungen geschäftlicher Art

Abgeleitet von lateinisch liberare = befreien ist das französische Verb livrer = liefern. Über mittelniederländisch lēveren kam das Wort ins Deutsche. Waren auszuliefern heißt, sie freizusetzen. Was zuvor im Handelsspeicher lag, wird in die Freiheit des Marktes entlassen.


Narrenfreiheit

Narrenfreiheit ist vermeintliche Freiheit. Tatsächlich ist sie das Gefangensein in einem Unverstand, der sich auf Kosten anderer oder des eigenen Wohls als vorübergehender Triumph über Begrenzungen austobt. Klinisch kommt sie als Manie vor, sozial oder politisch als Tyrannei.

Dass dem Motiv der Freiheit prompt die Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit folgt, kann daher kaum verwundern. Die wahre Freiheit des Einzelnen ist immer auch die Freiheit der anderen.

2. Felder und Ebenen

Zunächst denkt man beim Thema Freiheit an die Freiheit von äußerem Zwang. Das entspricht der menschlichen Entwick­lungsgeschichte. Lange bevor der Mensch sein Inneres entdeckte, war er äußerem Zugriff ausgesetzt und stieß auf soziale Hürden.

Parallel zur wachsenden Bewusstheit persönlicher Individualität erkannte der Mensch im nächsten Schritt, dass er nicht nur Mitglied eines hierarchischen Netzwerks wechselseitiger Kontrolle und Begrenzung war, sondern ein Binnenraum mit komplexer Eigendynamik. Je mehr sein Blick auf die Dynamik dieses Binnenraums fiel, desto deutlicher wurde ihm, dass Freiheit nicht nur im Fehlen äußerer Grenzen bestand, sondern ebenso innerer. Von da ab konnte er das Thema Freiheit bipolar betrachten. Die Grundlagen der Freiheit erstrecken sich über zwei Felder:

Drei Freiheiten

biologisch politisch-sozial psychologisch
Die Möglichkeiten der menschlichen Biologie auszuschöpfen Keinen asymme­trischen Gesell­schaftsstrukturen ausgeliefert zu sein Mit sich identisch zu sein statt sich eine Identität zuzuschreiben
  1. äußeres Feld
  2. inneres Feld

Der Begriff bipolar ist bewusst gewählt. Er zeigt an, dass beide Pole ineinander übergehen und sich die Felder wechselseitig beeinflussen. Zugriff von außen behindert die Entwicklung innerer Freiheit. Innerlich unfreie Menschen bevorzugen politische oder soziale Ordnungen, die äußere Freiheit beschränken.

Bei der Untersuchung der Freiheit sind aber nicht nur zwei Felder zu betrachten, sondern insgesamt fünf Ebenen...

2.1. Äußeres Feld

Bevor der Mensch von seinen Nachbarn geknechtet und von seinen Ängsten beherrscht werden kann, muss er einen Körper haben. Dieser bildet die äußere Hülle seiner persönlichen Identität und ist seinerseits begrenzend. Die äußere Freiheit kann daher in drei Bereiche unterteilt werden:

  1. biologisch-körperlich
  2. sozial
  3. politisch
Leben ist Befreiung aus dem Diktat eines Umfelds; und Verweis auf eine Freiheit, die wir fürchten.
2.1.1. Biologische Ebene

Die Körperlichkeit des Menschen ist sowohl Grundlage seiner Freiheit als auch deren unverrückbarste Begrenzung. Im Vergleich zur unbelebten Materie, die vollständig Naturgesetzen unterworfen ist und aus sich heraus nichts entscheiden kann, kommt jedem Lebewesen ein gewisses Maß Freiheit zu. Sonst wäre es keins. Was Lebewesen von unbelebter Materie unterscheidet, ist ein Aufeinanderbezogensein gestaltbildender Strukturen, deren Aufeinanderbezogensein einen Innenraum ausformt, der dem Umfeld eine Grenze entgegensetzt. Leben ist die Befreiung dieses Innenraums vom beliebigen Zugriff durch Äußeres; eine Befreiung, ohne die die individuelle Gestalt des Binnenraums keinerlei Bestand hätte.

Aufrechter Gang, entbundene Hände und ein komplexes Gehirn verleihen dem Menschen eine Freiheit, die über die anderer Spezies hinausgeht. Doch Hand aufs Herz: Im Vergleich zur Übermacht des Äußeren ist die Freiheit, die der Mensch seiner biologischen Struktur verdankt, bescheiden. Außerdem ist sie stets gefährdet, durch Krankheit, Alter und Invalidität weiter eingeengt zu werden.

2.1.2. Soziale Ebene

Der Mensch ist nicht beiläufig sozial, sondern wesentlich. Ohne komplexe soziale Interaktionen gäbe es ihn nicht. Führender Beleg dafür ist die Mutter-Kind-Beziehung. Ohne in das Gefüge einer solchen Beziehung hineingeboren zu werden, ist der Mensch nicht überlebensfähig. Dabei muss der mütterliche Pol nicht die leibliche Mutter sein. Jedwede Person, die die Mutterrolle übernimmt, ist dazu geeignet.

Zur Sozialisation tragen weitere Familienmitglieder und sämtliche Personen bei, die dem Einzelnen persönlich begegnen. Indem sich das soziale Umfeld als Raum öffnet, der dem Individuum erst die Freiheit bietet, wesentliche Teile seines Wesens zum Ausdruck zu bringen, bildet es zeitgleich ein Gefüge potenzieller Übergriffe und Hürden.

Einzelne neigen dazu, andere zum eigenen Vorteil ihrer Freiheit zu berauben. Umgekehrt setzen sie dem Zugriff anderer Hürden entgegen, um die eigene Freiheit zu bewahren.

sozial und/oder politisch
Ab einer gewissen Größe gehen soziale und politische Komponenten einer Gemeinschaft ineinander über. Jede Gemeinschaft mindestens zweier Individuen ist sozial. Kommen drei Individuen zusammen, kann aus der primär rein sozialen Gemeinschaft zusätzlich eine politische werden; und zwar dann, wenn sich zwei der Individuen gegen das dritte verbünden. So kann bereits eine Familie als politisches System erscheinen.

Die soziale Ebene einer Gemeinschaft besteht aus eingrenzenden Bündnissen. Eingrenzende Bündnisse können symmetrisch oder asymmetrisch, solidarisch oder missbräuchlich sein.

Es mag sein, dass solidarische Gemeinschaften andere nicht umfassen. Sie werden aber nicht gebildet, um sich zu deren Lasten Vorteile zu verschaffen. Kommt die politische Ebene dazu, ändert sich das. Politische Bündnisse sind Bündnisse in Abgrenzung zu Dritten. Sie sollen deren Zugriff verhindern. Oder sie versuchen ihrerseits, sich auf Kosten Dritter Vorteile zu verschaffen. Zu diesem Zweck umfassen sie nicht nur nicht, sondern schließen aus.

Auf der Ebene rein solidarischer Bündnisse fehlt Rivalität; und damit auch jede Feindschaft, in die Rivalität entgleisen kann. Politische Bündnisse setzen andere voraus, die als Gegner, Feinde oder Beute fungieren.

Innerhalb kleiner Gruppen sind rein solidarische Netzwerke möglich; wenn alle Beteiligten auf Bündnisse zu Lasten Dritter verzichten. Die sozialistische Idee, den solidarischen Charakter einer gesunden Familie auf größere Gemeinschaften, ganze Staaten oder gar die Weltgemeinschaft zu übertragen, ist aus Liebe geboren. Sie bleibt auf unabsehbare Zeit aber Utopie; denn sie überschätzt die Harmonisier­barkeit menschlicher Gruppen. Die Wahrscheinlichkeit der Bildung von Bündnissen zu Lasten Dritter steigt ab einer bestimmten Gruppengröße so steil an, dass das erhoffte Gewebe reiner Zusammengehörigkeit an unzähligen Bruchlinien zerreist.

2.1.3. Politische Ebene
Je weniger ein Gesellschaftssystem die Freiheit aller Bürger respektiert, desto mehr ähnelt das Verhalten seiner Führer dem dominanter Affen.

Bereits Schimpansen und Bonobos handeln politisch. In den Populationen beider Menschen­affen schmieden Individuen Koalitionen, um gemeinsam höhere Ränge zu erkämpfen. Ohne ein Mindestmaß bewusster Vorausplanung politischen Handelns wäre das nur schwer denkbar. Da sich die Affen im Kampf auch an Lianen durch die Reviere hangeln, erscheint der Begriff politischer Seilschaften treffend.

Seit Bonzo auf dem Affenfelsen die erste Diktatur ausrief, ist Freiheit zum Politikum geworden. Da der Mensch anders als die Kellerassel soziale Gemeinschaften bildet, steht die Frage, wer wie viel Macht ausübt, im Vordergrund der zivilisatorischen Entwicklung. Mehr noch: Eine Gesellschaftsordnung ist ein Regelwerk, das über Freiheitsentzug und Freiheitsvergabe entscheidet. Alle übrigen Merkmale einer Gesellschaftsordnung sind dem nachgeordnet.

Bei Asselforschern mag sich Widerstand gegen die Behauptung regen, Asseln bildeten keine soziale Gemeinschaft. Sie mögen auf (hypothetische?) Forschungsergebnisse verweisen, die belegen, dass weibliche Asseln bei Vollmond Pheromone aussenden, die den Verstand der Asselmännchen derart verwirren, dass der Duft ihnen ihre Asselfreiheit raubt. Asselfreiheit? Was soll das sein? Auch wenn faulendem Fallobst das Licht der Sonne unangenehm erschiene, so fehlte ihm doch die Freiheit, sich in dunkle Ecken zu verkriechen. Asseln haben diese Freiheit.

Falls die Forschung Recht hat und die Assel durch den Einfluss des Duftstoffs die Freiheit verliert, sich selbstbestimmt in den Tiefen des Komposthaufens zu tummeln, gäbe es auch in der Asselwelt Ansätze wechselseitiger Freiheitsberaubung; und zwar nicht erst dann, wenn ein kräftig gebautes Männchen bei einem duftenden Weibchen eintrifft und dort einen schmächtigen Kollegen verdrängt, sondern bereits bei der Stimulierung seiner libidinösen Begierden durch weibliche Raffinesse.

Dem halten wir Folgendes entgegen: Im Vergleich zu den Möglichkeiten des Primaten, Artgenossen durch soziale Interaktion ihrer Freiheit zu berauben, sind die Möglichkeiten des Asselpaschas gering. Keineswegs kann er Schwächere versklaven oder daran hindern, ihr Glück im Komposthaufen des Nachbargartens zu suchen. Leibeigenen Nacktprimaten oder den Insassen sozialistischer Paradiese wird diese Freiheit vorenthalten.


Jede Erfindung erfindet ein Stück Macht. Jede Macht gibt oder raubt Freiheit.

Ordnung ist dem lateinischen Verb ordinare = in Reihen zusammenstellen entlehnt. Ordo hieß Reihe, Ordnung, Rang. Das bestimmende Thema sozialer Gemeinschaften ist die Verteilung der Freiheit durch Zuordnung von Rang. Freiheit ist die Möglichkeit, Entwicklungen nach eigenem Gutdünken zu steuern. Selbst wenn damit Nachteile verbunden sein mögen, steuert das Gutdünken stets einen persönlichen Vorteil an. Politische Macht erscheint dabei als Mittel zum Zweck. Sie hat zweierlei Funktion.

  1. Sie dient der Beschaffung und Verteidigung eigener Freiheit.
  2. Sie dient der Freiheitsberaubung anderer.
Das Ende vom Lied
Die Befreiung der Frau ist nur eine Strophe des Liedes; wenn auch eine wichtige. Das ganze Stück heißt aber anders. Es heißt:

Die Befreiung des Individuums an sich

Solange das Ende des Liedes unerreicht ist, müssen die Sänger ihre Stimme erheben.

Die Geschichte ist ein schwankender Prozess. Trotzdem verläuft sie nicht chaotisch oder im Kreise. Es durchzieht sie ein roter Faden. Der rote Faden, um den es dabei geht, ist die Frage nach der Befreiung des Individuums aus hierarchischen und kollektiven Strukturen.

Der Begriff Faschismus ist beim Verständnis des geschichtlichen Prozesses nützlich. Er geht auf italienisch fascio bzw. lateinisch fascis = Rutenbündel zurück. Bei den fasces lictoriae handelte es sich um die Machtsymbole römischer Amtsinhaber. Sie stellten ein Rutenbündel dar, das durch ein Band zusammengehalten wird und aus dem die Klinge einer Axt ragt. Soziologisch gesehen steht jede Rute dabei für ein Individuum, dessen Freiheit durch Bündelung eingeschränkt und dessen Kraft für die Zwecke des Amtsinhabers vereinnahmt wird. Das Bild sagt alles Wesentliche über den Charakter faschistoider Ordnungen aus. Ihr Wesen ist es, Individuen ihrer Freiheit zu berauben, um mithilfe der vereinnahmten Kraft Zwecke zu verfolgen, die nur kollektiv erreicht werden können.

Da die Bündelung von Individuen stets Führer voraussetzt, die das Band um die Ruten schnüren, ist Kollektivität im Gegensatz zu echter Gemeinsamkeit ein Mittel zur Ermächtigung Einzelner. Bei der Gemeinsamkeit stehen Ruten aus freien Stücken zusammen, ohne durch ein Band von außen dazu gezwungen zu sein. Sie bilden ein Bündnis ohne gebündelt zu werden.

2.2. Inneres Feld

Freiheit kann von äußeren Faktoren beschränkt oder gefördert werden. Erlebt wird sie innen. Dem Außenfeld der Freiheit steht ein Binnenraum gegenüber, der dem Wesen dessen entspricht, dem Freiheit gilt. Dieser Raum kann seinerseits in zwei Bereiche unterteilt werden:

  1. Die psychologische Ebene, also der Raum, in dem innerseelische Phänomene erscheinen
  2. Das absolute Selbst, also die Instanz, die dem wahren Ich entspricht
2.2.1. Psychologische Ebene

Freiheit ist die Möglichkeit, Entwicklungen nach eigenem Gutdünken zu steuern. So haben wir es definiert. Diese Freiheit stößt nicht nur auf die Grenzen der menschlichen Biologie und die begrenzende Macht anderer. Sie trifft auch auf psychologisches Unvermögen. Neben der äußeren Freiheit gibt es eine innere; oder eben nicht.

Beschneidungen der inneren Freiheit machen sich durch psychiatrische Symptome bemerkbar. Es gibt psychiatrische Symptome im engeren Sinn und solche, die vom Zeitgeist als normal bewertet werden. Beide Gruppen entspringen meist innerseelischen Konflikten, entweder Konflikten zwischen...

Oder aber psychiatrische Symptome sind Ausdruck körperlicher Einschränkungen (z.B. kognitive Defizite bei der Demenz), Folge von Stoffwechselstörungen (z. B. endogene und organische Psychosen) bzw. Vergiftungen (z.B. Drogenrausch). Dann sind sie als biologisch bedingte Einschränkungen der Freiheit einzustufen.

Psychiatrische Symptome...

im engeren Sinne die als normal erachtet werden
  • Ängste
  • Stimmungsanomalien
  • Zwangserscheinungen
  • Wahn
  • kognitive Einschränkungen
  • Essstörungen
  • individuelle Identifikationen
  • kulturelle "Identitäten"

Einigkeit besteht, dass alle psychiatrischen Symptome im engeren Sinne die Freiheit des Kranken beschränken, im Rahmen seiner biologischen Möglichkeiten selbstbestimmte Ziele zu erreichen. Wenig beachtet ist die Tatsache, dass die psychologische Normalität bereits Beschneidung innerer Freiheit ist.

Psychologische Normalität

Das zentrale Phänomen der psychologischen Normalität ist die Identifikation des Subjekts mit objektiven Erscheinungen. Bei der Frage Was bin ich? endet die Selbstbestimmung der normalen Psyche voreilig. Das normale Ich setzt sich mit irgendetwas gleich; entweder mit selbstgewählten Bildern, äußeren Merkmalen oder kulturellen Vorgaben:

Jede Identifikation schränkt die innere Freiheit des Subjekts ein, indem sie sein Selbstbild in den Horizont jenes Phänomens verkleinert, mit dem es sich gleichsetzt. Jede Identifikation macht aus Subjekten Rollenspieler. Kurzfristig können Identifikation die Entfaltung des Subjekts fördern. Langfristig wirken sie seiner Entfaltung entgegen; und setzen es herab.

2.2.2. Absolutes Selbst

Das absolute Selbst ist nicht nur Freiheit von etwas, sondern Freiheit an sich. Es ist daher nicht nur Befreites, sondern Befreier.

3. Luxus oder Notwendigkeit

Etwas ist notwendig, wenn ohne es eine Not entsteht, die anders nicht abgewendet werden kann.

Ohne dass der Mensch Freiheit gibt und eigene Freiheit wagt, ist er nicht er selbst. Frei kann nur sein, wer frei lässt.

Obwohl Freiheit historisch gesehen als Luxus erscheint, der einer privilegierten Minderheit je nach Epoche mehr oder weniger zukam, ist Freiheit tatsächlich mehr. Sie ist Notwendigkeit. Das liegt am Wesen des Menschen an sich.

Rein biologisch betrachtet mag der Mensch als Objekt erscheinen; also als erkennbarer Partikel vor einem Hintergrund. Zugleich und wesentlicher ist er aber jene Instanz, die das Vorliegen von Partikeln erkennt. Eigentlich ist er daher kein Objekt, sondern Subjekt. Mehr als Erkanntes ist er Erkenner. Während Objekten Freiheit fehlt, also die Möglichkeit, aus sich heraus zu bestimmen, und sie ihr Wesen daher als unfrei erfüllen, ist das Subjekt zur Erfüllung seines Wesens auf Freiheit angewiesen. Mehr noch: Der Kern seines Wesens ist Selbstbestimmung. Das heißt dreierlei:

  1. Es bestimmt sein Selbst durch Selbsterkenntnis. Es fragt: Was bin ich?
  2. Es bestimmt über sich selbst, indem es Fremdbestimmtheit überwindet.
  3. Es weist dem Freiheit zu, dem es begegnet.

Dass der rote Faden, der die Geschichte durchzieht, aus dem Ringen um die Freiheit des Individuums besteht, ist Schicksal der Menschheit. Der Mensch kann nur soweit in sich ruhen, wie er seine Bestimmung zur Freiheit verwirklicht. Er nimmt sein Menschsein nur an, wenn er frei sein will. Wer sich willig beugt, versucht die Gabe des Himmels zu verweigern; was ihm wohlgemerkt freigestellt ist.

Technologischer Fortschritt
Wissenschaftlicher Fortschritt erweitert stets Freiheit; entweder die Freiheit aller oder die Freiheit Einzelner, über andere zu bestimmen. Daher hat er einen Januskopf. Er kann das Wesen des Subjekts fördern oder ihm missbräuchlich entgegenwirken.

Freiheit, die technologischer Fortschritt bringt, besteht primär in der Überwindung biologischer Grenzen. Medizinischer Fortschritt setzt unmittelbar am Körper an. So hat das Penizillin die freiheitsentziehende Macht des Pesterregers aus der Welt geschafft.

Fortschritt, der sich nicht unmittelbar mit dem Schutz des Körpers vor schädlicher Einwirkung befasst, stellt technische Prothesen zur Verfügung, die bisherige Unfreiheiten überwinden. Früher hat uns die Freiheit gefehlt, Australiern zeitgleich mitzuteilen, dass in Hückeswagen Aliens landen. Die gewonnene Freiheit dazu könnte sich als nützlich erweisen, falls nur die Bumerangs der Antipoden im Stande sind, die Aliens daran zu hindern, uns als Sklaven nach Melmac zu verschiffen.

4. Der Herr und seine Diener

Der Sinn der Wirklichkeit ist es, frei zu sein.

Was höheren Zielen dient, hat einen Sinn. Indem es sinnvoll ist, steht es zum Höheren in einem Verhältnis, das seine Freiheit einschränkt und es dem Dienst am Höheren unterstellt. Das Höhere ist freier, als das, was ihm dient.

Da Freiheit begrenzender Einbindung entbunden ist, ist sie selbst das Höchste, über dem es nichts mehr geben kann. Alles, was in der Wirklichkeit geschieht, ist daher darauf ausgerichtet, Freiheit zu verwirklichen. Das gilt auch für zwei ihrer wichtigsten Diener: der Macht und der Sicherheit.

Auslieferungen
Oben hieß es: Waren auszuliefern heißt, sie freizusetzen. Tatsächlich gewinnt aber nicht die Ware an Freiheit, indem der Lieferant (etymolo­gisch: der Befreier) sie zum Kunden bringt, sondern der Kunde. Sobald die Ware in seinen Händen ist, kann er frei über sie verfügen.

Liefert sich jemand dem Gutdünken eines anderen aus, läuft seine Freiheit Gefahr, der Willkür dessen zum Opfer zu fallen, in dessen Hände er sich übereignet hat. Sobald man sich anderen überlässt, sollte man sicher sein, dass sie Macht nicht missbrauchen, um Freiheit eigennützig umzuverteilen, sondern um die Freiheit aller zu erhöhen.

Alles, was geschieht, ist auf Freiheit ausgerichtet? Das klingt übertrieben. Ich esse mein Marmeladenbrot doch nicht der Freiheit zuliebe. Aber ja. Äße ich es nicht, verlöre ich bald die Freiheit, an etwas anderes als an meinen Hunger zu denken. Und selbst Hunger dient keinem anderen Zweck als dem Erhalt von Freiheit. Er signalisiert, dass ohne den Verzehr von Marmeladenbroten nicht nur die Freiheit verloren geht, Marmelade einzukochen, sondern überhaupt noch irgendeine Menschenfreiheit auszuüben. Bei uns gibt es heute übrigens Apfelkuchen! Aber das nur nebenbei.

Wo es Rangordnungen gibt, können diese durcheinander geraten. So auch beim Zusammenspiel von Freiheit, Macht und Sicherheit. Beide, Macht und Sicherheit, können sich über das Ziel erheben, dem sie eigentlich dienlich sind.

5. Biografische Entwicklungen

Dem Menschen kommen Freiheiten aus allen fünf Ebenen zu; zu unterschiedlichen Phasen des Lebens aber in unterschiedlichem Ausmaß.

6. Gefährdungen

Freiheit heißt Schutz und Verschonung. Wesentlich ist der Mensch Subjekt, beiläufig ist er Objekt. Als Objekt ist er in ein Kraftfeld eingewoben, das seine Freiheit beschneidet. Als Subjekt ist er frei, darüber zu bestimmen...

  1. als was er sich betrachtet.
  2. was mit ihm geschieht.

Je freier er ist, desto mehr ist er er selbst. Daher ist er zur Freiheit bestimmt und es gilt, seine bestimmungsgemäße Freiheit vor Einschränkung zu schützen und sie über bisherige Begrenzungen hinweg auszubauen.

Freiheit droht auf allen Ebenen beschnitten zu werden: auf der körperlichen, der sozialen, der politischen und der psychologischen. Überall dort, wo der Mensch zum Objekt wird oder andere als bloße Objekte betrachtet, verliert er an sich selbst.

  1. Als Körper ist der Mensch Objekt. Durch seine Körperlichkeit ist seine Freiheit grundsätzlich begrenzt. Auf körperlicher Ebene kann sie weiter eingeschränkt, geschützt oder ausgebaut werden.

  2. Auf sozialer Ebene begegnet der Mensch Bezugspersonen. In der Begegnung wird er zu Täter und Opfer von Solidarität oder Missbrauch. Durch soziale Begegnung wird er befreit und zeitgleich begrenzt.
  3. Auf der politischen Ebene ist der Mensch Mitglied einer komplexen Gemeinschaft. Anonyme Kräfte und gesellschaftliche Regeln können seine Freiheit beschränken oder anerkennen.

  4. Auf der psychologischen Ebene kann der Mensch sich zum Objekt herabsetzen oder der Subjekthaftigkeit seiner selbst gewahr sein.
6.1. Krankheit
Warum Schmerz wehtut? Weil er eine Bedrohung körperlicher Freiheit signalisiert.

Die bestimmungsgemäße Freiheit auf biologischer Ebene wird durch die Möglichkeiten eines gesunden Körpers definiert. Der gesunde Mensch kann stehen, liegen, gehen, lieben, arbeiten... und ein paar Sachen nebenher. Wozu ihm die Freiheit fehlt? Sich mit Albatrossen am Magnetfeld entlang auf die Île de la Prise de Possession abzusetzen und dort befreit von der Bevormundung durch andere er selbst zu sein.

Der Krankheitswert jeder Krankheit entspricht ihrer Macht, Freiheit zu beschneiden.

Gesundheit ist ein wichtiges Gut. Während fast jeder kleine Einschränkungen am eigenen Leibe erfährt, sind viele in schwerer Krankheit gefangen. Der freie Zugang aller zur medizinischen Versorgung ist eine Errungenschaft moderner Gesellschaften, die konkret mit dem Bemühen um Freiheit verwoben ist. Jede Gesellschaft, die den Zugang offenhält, hat bereits Großes geleistet.

6.2. Beschränkung durch andere

Die Freiheit des Einzelnen trifft auf soziale und politische Hindernisse. Das muss so sein. Es liegt daran, dass auch jeder Andere wesenhaft Subjekt ist und daher nicht zum verfügbaren Objekt des Einzelnen herabgesetzt werden kann, ohne dass Freiheit verlorengeht. Dass die Freiheit des Einzelnen im Feld der Gemeinschaft auf Grenzen trifft, die seinem eigenen Wesen entsprechen, heißt aber nicht, dass jede Begrenzung dort rechtens wäre. Illegitime Grenzen der Freiheit schaden sowohl auf der sozialen Ebene unmittelbarer Beziehungen als auch dann, wenn Individuen durch politische Kräfte unsachgemäß bevormundet werden.

Je unreifer Personen sind, desto mehr Druck üben sie auf andere aus, sich erwar­tungsgemäß zu verhalten.
6.2.1. Unmittelbare Beziehungen

In unmittelbaren Beziehungen treffen Personen in wechselseitigem Geben und Nehmen aufeinander. Das ist die Basis einer gesunden Interaktion. Eine Interaktion ist gesund, wenn der Austausch die Freiheit beider Akteure fördert, ihr Wesen zu entfalten, ohne die Selbstbestimmung des Anderen zu behindern.

Was in der Theorie einfach klingt, bleibt in der Praxis oft unerfüllt. Menschen neigen zu Projektion und Projektiver Identifikation; umso mehr, je psychologisch unfreier sie sind. Das führt dazu, dass sie anderen normative Erwartungen entgegenbringen und sie als Erfüllungsgehilfen des eigenen Wohlbefindens betrachten, deren Selbstbestimmung daher zu missachten ist.

6.2.2. Politische Bevormundung
Der Mensch ist nicht nur zur Freiheit bestimmt, sondern auch zur Überwindung seiner Angst. Dabei ist er noch nicht sehr weit gekommen. Angst war von je her die treibende Kraft, die Menschen dazu brachte, sich politisch zu organisieren. Organisa­tion entstammt dem französischen Verb organiser = anordnen, ein- bzw. ausrichten. Dessen Wurzeln verweisen ihrerseits zum griechischen organon [οργανον] = Werkzeug. Organon ist eine Bildung zu griechisch ergon [εργον] = Dienst, Werk, dem auch das Wort Energie entspringt.

Eine politische Organisation ist ein Werkzeug. Es stellt die Energie zur Verfügung, um Gefahren abzuwehren, vor denen der Mensch Angst hat. Er hat vor allem Angst, was über ihn bestimmen und seine Freiheit beschränken könnte. Dabei geht es um Gefahren, die von außerhalb der politisch organisierten Gruppe drohen, aber auch um wechselseitige Bedrohungen aus den eigenen Reihen.

Bonzo war der erste Politiker und Begründer einer Tradition. Er organisierte die Abwehr der Nachbarhorde und verpflich­tete den Einzelnen zum Dienst an der Gemeinschaft. Während die Organisation zur politischen Gruppe dem Erhalt und der Ausweitung von Freiheiten dient, schränkt der Dienst für die Gruppe Freiheiten ein. Der Staat schützt nicht nur die Freiheit des Einzelnen. Er schränkt sie auch ein; und er läuft stets Gefahr, die Balance zwischen Schutz und Einschränkung zu verlieren. So auch heute. Vier Faktoren sind dabei als mächtige Ursachen erkennbar:

  1. Hierarchie
  2. Optimierung
  3. Sicherheit
  4. Vernetzung

Sie verweben sich zu einem Komplex von Tendenzen, der das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen in einer Art bedroht, die bislang noch nicht vorgekommen ist. Vielen ist die Bedrohung nur als unbestimmtes Unbehagen bewusst; oder gar nicht. Viele wollen nicht hinsehen, weil der Eifer für den Fortschritt Eisberge im Nordatlantik lieber übersieht.

Die repräsentative Demokratie ist Ansatz, nicht Vollendung. Eine komplexe Gesellschaft braucht mehr Mitbestimmung.
6.2.2.1. Hierarchie

Früher hielt man Standesunterschiede, die zur schamlosen Demütigung Schwächerer führten, für derart gottgegeben, dass bei den Tätern die Schamesröte ausblieb. Seit man die Gottgegebenheit hierarchischer Ordnungen bezweifeln kann, ohne den Kopf zu riskieren, hat sich der unverblümte Standesdünkel gemeinsam mit den Kellerasseln in den Komposthaufen verkrümelt. Verrottet ist er aber noch lange nicht.

Große Koalition

In einer Frage herrscht bei Parteien von rechts bis links Einigkeit: Um zu verhindern, dass das Volk unerwünschte Antworten gibt, sollte man es in der Sache gar nicht erst befragen. Herrschaft ist bequemer, wenn man die Beherrschten entmündigt hat.


Es mag sein, dass es vielen genügt, geführt zu werden. Anderen genügt es nicht. Viel spricht dafür, dass die, denen es nicht genügt, der wachere Teil der Gesellschaft sind. Den Wachen Mitsprache zu verweigern, ist eine Dummheit, denn je komplexer eine Gesellschaft wird, desto mehr Wachheit bedarf es, um sie sinnvoll zu steuern.

Ein modernes Glaubensbekenntnis

Wir glauben, dass uns Wachstum von allen Übeln erlösen wird. Wir sind bereit, unser Leben dem Wachstum zu widmen und alles zu tun, was Bruttosozialprodukt auf Erden erzeugt.

Verliefe ein Leben optimal, wäre es keins.

Dafür sorgen auch die Regeln der repräsentativen Demokratie, die die Ebenbürtigkeit aller keineswegs so anerkennt, wie es dem Einzelnen als Subjekt zusteht. Stattdessen macht sie die Mehrheit zu Objekten einer etablierten Obrigkeit, die unabwählbar ist. Nur zwei oder drei handvoll Repräsentanten kann man alle vier Jahre austauschen. Diesen gefällt das Repräsentieren dann derart gut, dass ihnen der Gedanke an Fortschritt nicht in den Sinn kommt. Wäre der Gedanke so kühn, in die Köpfe der Repräsentanten vorzudringen, wäre er dort auch so unwillkommen, wie ein Bauer beim Bundespresseball im Hotel Adlon. Also bleibt er besser draußen vor.

So hat die repräsentative Demokratie im Vergleich zu den Übeln der Vergangenheit zwar für einen Qualitätssprung gesorgt, notwendige Schritte, die darüber hinausgehen, bleiben aber aus. Fast der kompletten Bevölkerung wird die Freiheit, substanziell mitzubestimmen, verweigert. Sie können nur bestimmen, wer an ihrer Stelle bestimmt. Das ist Vormundschaft. Das Mündel darf seinen Vormund wählen, die Vormundschaft abwählen darf es nicht.

Überholt
Die Struktur der Menschenwelt wird von Tag zu Tag komplexer. Im Vergleich zu heute ging es in den 70-ziger Jahren dörflich zu. Damals war die Welt so übersichtlich, dass es Politikern recht gut gelang, ein angemessenes Regelwerk zu erstellen, das den Realitäten entsprach.

Solche Verhältnisse sind überholt. Trotzdem klammert sich die repräsentative Demokratie an ihr Alleinbestimmungsrecht. Sie hantiert wie ein Zauberlehrling mit ungezügeltem Regulierungs­eifer in tausend Lebensbereichen herum, von denen sie immer weniger versteht.

Längst ist es überfällig, den Sachverstand unmittelbar Beteiligter einzubinden. Es gilt, mehr Mitbestimmung einzuräumen. Es gilt, die Gesellschaft als Föderation (lateinisch foedus = Bündnis, Vertrag) zu betrachten und nicht als Kommando­struktur. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Im Politbüro meint man, die Mitgliedschaft in der Regierungspartei stelle sicher, dass man besser als der Arbeiter weiß, auf welche Seite im Spind der Blaumann zu hängen hat.

6.2.2.2. Optimierung

Es mag sein, dass das Wort Freiheit auf den Lippen der politisch bestimmenden Kräfte liegt, über ihre Hände bestimmt aber der Hunger; der Hunger nach einem Immermehr, das man mit Händen greifen kann. Daher wurde der alte Gott des Gehorsams nicht durch den der Befreiung ersetzt, sondern durch einen Hybriden namens Wachstum. Der neue Glaube heißt Bruttosozialprodukt.

Freiheit und Wachstum

Oben haben wir gesehen: Die etymologischen Wurzeln der Freiheit reichen auch zum indogermanischen leudh = wachsen zurück; jedenfalls was das französische liberté bzw. das englische liberty betrifft. Auch wirtschaftliches Wachstum kann Freiheit fördern. Es stellt materielle Möglichkeiten zur Verfügung, die Horizonte erweitern. Wie der alte Gott des Gehorsams scheint aber auch der neue Gott des Wachstums keine anderen Götter neben sich zu dulden. Wenn man sich ihm erst einmal verschrieben hat, verdrängt seine Dynamik alles übrige in der Hintergrund; und aus dem Versprechen der Freiheit wird ein Joch des Leistungsdrucks.

Um unentwegtes Wachstum zu bewirken, gilt es, Wirtschafts­prozesse zu optimieren. Weil jüngst Optimiertes morgen schon veraltet ist, kann das Optimieren seiner Logik zufolge niemals zu Ende sein, sodass der Optimierungsprozess die Messlatte seines Anspruchs ständig höher schraubt.

Der Optimierung wirtschaftlicher Effektivität stehen individuelle Eigenarten so störend im Wege wie normabweichende Gurken der optimalen Ausnutzung von Transportkisten im LKW. Also werden störende Eigenarten per Verordnung aus der Welt geschafft. Die Leitlinien ihrer Verordnungen stimmt die Politik mit wirtschaftlichen Kräften ab, die global operieren. Was sich als Demokratie versteht, wird von den Kapitänen der Wachstumswirtschaft vereinnahmt.

6.2.2.3. Sicherheit
Expansion öffnet Grenzen. Offene Grenzen verschaffen Freiheit. Offene Grenzen liefern Inneres aber auch Äußerem aus. Eine Grenze, die nach außen offen ist, muss nicht nach innen ebenso offen sein. Sonst winkt nicht nur Freiheit, es droht ihr Verlust. Das gilt für die Ichgrenze von Individuen ebenso wie für die Außengrenze sozialer Gemeinschaften.
Eigene Freiheit kann verlorengehen, wenn man anderen keine Grenze setzt. Ich gehe frei aus mir heraus heißt nicht, jeder dringt, wie er will, in mich ein. Jeder Freie darf jedes Haus verlassen, aber nicht jeder darf jedes Haus betreten, wenn ihm danach ist.

Sobald Wachstum als das beglückend Gute festgestellt ist, ist klar, was als Böses zu gelten hat: Grenzen. Grenzen sind die Hürden des Wachstums. Das gilt für Lungentumore ebenso wie für den Warenvertrieb multinationaler Konzerne. Grenzen sind aber nicht nur Hürden. Sie bieten auch Schutz; vor allem für Schwächere. Das ist ihre Kernfunktion.

Sobald im Dienste des Wachstums Grenzen fallen, fällt nicht nur Hindernis, sondern auch Schutz weg. Fehlender Schutz zieht Unsicherheit nach sich. Fehlender Schutz liefert aus. Unsicher­heit ruft nach Vorkehrungen zur Beschaffung neuer Sicherheit. Sicherheit ist der zwiespältige Gegenpol zur Freiheit. Freiheiten, die man auf der einen Seite dem Wachstum verschafft, stehen Freiheiten entgegen, die man opfert, um Sicherheitsprobleme zu lösen, die der Entgrenzung entspringen. Je mehr sich der Staat blinder Globalisierung verschreibt, desto mehr Überwachung erscheint notwendig, um wachsende Sicherheitsprobleme einzudämmen. Bei jedem Terroranschlag wird über regierungstreue Medien pflichtgemäß Entsetzen kundgetan. Zugleich liefert jeder Anschlag ein neues Argument, ein Stück der alten Freiheit abzuschleifen. Freiheit ist unmodern. Sie stört die Optimierung und untergräbt die Sicherheit. Ein Stück davon müssen wir heute opfern und ein anderes Stück morgen.

Der Prozess der Entrechtung des Individuums schreitet schleichend voran. Schleichend heißt: Es wird immer nur so viel Freiheit auf einmal abgeschafft, dass sich kaum Widerstand regt. Tausend winzige Schritte überwinden eine große Distanz: die Distanz zwischen bürgerlicher Freiheit und einem übermächtigen Staat.

Wird der Vernetzung nicht Entnetzung entgegengesetzt, wird alles im Netz gefangen sein.
6.2.2.4. Vernetzung

Vernetzung ist ein Aspekt der Entgrenzung. Die Fäden eines Netzes üben über weite Entfernungen Wirkungen aus. Sie binden ein und tragen Informationen zu. Das Zugehörigkeits­bedürfnis wird durch Vernetzung erfüllt, die Möglichkeiten, über sich selbst zu bestimmen, werden gegebenenfalls einschränkt. Nur wer die Fäden des Netzwerks in Händen hält, ist eindeutig im Vorteil. Er ist der, der alle anderen an die Leine nimmt. Vernetzung stärkt, aber sie stärkt auch das, was Freiheit beschränkt.

Gute und schlechte Nachrichten

Zuerst die gute Nachricht:
Es gibt weder Juden, Christen noch Moslems. Tatsächlich gibt es nur Menschen... und damit eigentlich keinen Grund, sich nicht zu vertragen.

Und jetzt die schlechte:
Vielen ist das Menschsein nicht genug. Sie wollen etwas Besseres als bloße Menschen sein. Daher identifizieren sie sich mit Glaubensbildern, die ihnen genau das versprechen. Weil man andere entwertet, indem man sich für etwas Besseres hält, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Menschheit zu Ihren Lebzeiten zu Verstand und Frieden findet.

Am besten, Sie legen einen Garten an und pflanzen eigenes Gemüse. Alles, außer man selbst zu sein, ist eingebildet.


Was ist ein Unterschied zwischen einem Mann, der sich einbildet, zu einem auserwählten Volk zu gehören und einem zweiten, der sich für Napoleon hält? Der zweite wird belächelt. Der erste wird respektiert, weil andere seinen Glauben teilen. Dogmatischer Glaube ist die wechselseitige Ermunterung zu einem gemeinsamen Wahn. Während der vermeintliche Napoleon seiner Vorstellung tatsächlich glaubt, gibt die Mehrheit der angeblich Auserwählten ihren Glauben bloß vor. Sie meinen, es sei eine größere Tugend zu dienen als aufrecht zu stehen.
6.3. Identifikation und Verblendung

Den Gefährdungen der Freiheit von außen - dazu zählen aus der Perspektive des Ich auch körperliche Erkran­kungen - stehen Gefährdungen von innen gegenüber. Derlei Beschränkungen können bewusst erlebt werden; oder sie werden nicht als Beschränkung wahrgenommen.

Bewusst erlebte Einschränkungen der psychologischen Freiheit machen sich als psychiatrische Symptome bemerkbar.

Die meisten Einschränkungen der psychologischen Freiheit basieren auf Identifikationen, die als normal betrachtet und in der Folge nicht mehr hinterfragt werden. So wird aus dem freien Subjekt, das es selbst und nichts als es selbst ist, ein Rollenspieler, der durch die Identifikation mit einer definierten Rolle seine Freiheit selbst beschneidet. Ist die gespielte Rolle glanzvoll, verblendet sie. Trotzdem entwertet sie verdeckt. Sie degradiert den Rollenspieler zum Dienstboten eines Glanzes, der stets neu zu polieren ist. Bei anderen Rollen ist die Selbstent­wertung offensichtlich.

Der mächtigste Faktor, der die psychologische Freiheit beschränkt, ist die Gleichsetzung des Ich mit der Person. Normalerweise ist die Bindung des Ich an die Rolle der Person so selbstverständlich, dass nur beharrliches Zweifeln sie lösen kann. Ist sie gelöst, ist das Selbst psychologisch befreit.

An zweiter Stelle bei der Beschränkung der psychologischen Freiheit steht - je nach Kulturkreis unterschiedlich ausgeprägt - die Identifikation mit kulturellen Traditionen. Es mag sein, dass Traditionen Zugehörigkeitsgefühle fördern, zugleich sind sie oft Vektoren grundlegender Denkverbote.

7. Notwendige Maßnahmen

7.1. Medizinischer Fortschritt

Zunächst scheint es, als genüge der Hinweis, dass Fortschritte bei der Entwicklung medizinischer Möglichkeiten biologische Gefährdungen der Freiheit bannen und man dem Fortschritt daher hoffnungsvoll entgegenblicken kann, ohne das Thema in einem übergreifenden Zusammenhang zu sehen. Das ist ein Trugschluss.

Medizinischer Fortschritt zieht vielmehr Folgen nach sich, die zu gesellschaftlichen Herausforderungen führen, die für die Menschheit neu sind. Zwei von vielen seien genannt...

Die Entscheidungen, die zu treffen sind, haben große Tragweite. Kann man sie den Führungsetagen einer so rudimentären Demokratie wie der repräsentativen überlassen? Deren Entscheidungen hängen von Lobbyisten und den Karriereplanungen ihrer Funktionäre ab. Wollen wir uns darauf verlassen? Die Entscheidungen der Zukunft sind so komplex und bedeutsam, dass die repräsentative Demokratie damit überfordert ist. Der Verstand aller muss auf Augenhöhe eingebunden werden.

7.2. Zivilisatorischer Fortschritt

Zwei wesentliche Komponenten des zivilisatorischen Fortschritts sind Technologie und soziale Ordnung. Beide befassen sich mit dem Kernthema jedweder Zivilisation: der Befreiung des Individuums aus Unmündigkeit, Ohnmacht und der Unterwerfung unter fremdbestimmende Kräfte.

Zwei Welten

Barbarei Zivilität
  • Unwissenheit
  • mythologisch basierte Glaubensformen
  • Ausgeliefertsein an physikalische Außenwelt
  • hierarchische Sozialstruktur
  • Befehl
  • Bildung
  • eigenständiges Weltbild, individuelle Spiritualität
  • Entbindung aus biologischem Diktat
  • soziale Ebenbürtigkeit
  • Kommunikation

Barbarei hat keinen Respekt vor dem Individuum. Sie setzt auf einbindende Macht. Zivilität respektiert das Individuum. Sie bietet Begegnung an.

Sobald die Freiheit des Individuums, sich mit der physikalischen Wirklichkeit zu befassen, nicht durch Glaubensdiktate beschränkt wird, entwickelt der technologische Fortschritt eine eigenständige Dynamik. Er wird zum Selbstläufer. Grundsätzlich erweitert technologischer Fortschritt Freiräume, die ohne ihn durch physikalische und biologische Faktoren beschränkt sind.

Die repräsentative Demokratie ist den Aufgaben der Zukunft nicht gewachsen. Sie schränkt Freiheit entweder ein - unter dem Vorwand, sie zu verteidigen - oder sie übergibt die Macht nach Schweizer Vorbild tatsächlich dem Volk.

Die zweite Komponente der Zivilisation, die Befreiung des Einzelnen aus kollektiver Bevormundung, läuft nicht als Selbstläufer parallel zum technologischen Fortschritt mit. Technologischer Fortschritt allein kann vielmehr in eine Dystopie übergehen, also in eine Gesellschafts­form, die George Orwell exemplarisch beschrieben hat. Zivilisatorischer Fortschritt als Ganzes muss daher gewagt und beschlossen werden; oder das bislang Erreichte droht mehr als verlorenzugehen.

Welt ist Wahl. Ich bin es nicht.
7.3. Individuelle Reifung

Die individuelle Reifung, die den Menschen aus psychologisch bedingter Unmündigkeit befreit, ist vorrangig eine individuelle Aufgabe. Auch unter ungünstigen gesellschaft­lichen Bedingungen gibt es viele, die diese Aufgabe meistern. Ungünstige Bedingungen sind für die Mehrheit aber ein Hemmschuh. Ursache dafür ist das Grundgesetz der Gruppendynamik.

Das führt dazu, dass Gesellschaftsformen, die die Freiheit des Individuums nicht handelnd zum Prinzip erklären, die Reifung all jener ausbremsen, die die damit verbundene Abwertung des Individuums als Introjekt verinnerlichen.

Direkte Demokratie führt daher nicht nur zu vernünftigeren politischen Entscheidungen, sie begünstigt auch die individuelle Reifung der Einzelnen. Beides, reife Individuen und vernünftige Politik sind die Säulen der Freiheit. Je mehr Mittel erfunden werden, von denen jedes einzelne die Freiheit bedrohen kann, desto mehr reife Personen sind nötig, um sie zu schützen.