Die Seele drängt zur Ganzheit, weil sie dem Ganzen entspringt. Heilung ist nur möglich, wenn man Teile einfügt. Alles, was man an sich nicht wahrhaben will, alles was man verdrängt, sucht seinen Weg zurück in die Mitte. Je mehr man etwas zurückweist, desto mehr beherrscht es das Geschehen. Heilen kann nur, was sich selbst bejaht. Das gilt für das Heilwerden ebenso wie für das Heilmachen.

Viele sind psychisch normal, aber seelisch krank. Normal heißt: einer Norm zu entsprechen. Normal heißt nicht gesund. Gesund heißt: die ganze Kraft zum Ausdruck bringen.

Heilende Erkenntnis besteht aus zwei Schritten:
  1. der intellektuellen Einsicht in die Plausibilität einer psychologischen Deutung.
  2. der emotionalen Einsicht, wie tief das intellektuell erkannte Muster über das Verhalten bestimmt.

Heilung


  1. Begriffe
  2. Ebenen der Ganzheit
    1. 2.1. Körperliche Unversehrtheit
    2. 2.2. Personale Ganzheit
    3. 2.3. Psychosoziale Ganzheit
      1. 2.3.1. Verlustängste
        1. 2.3.1.1. Unversehrtheit
        2. 2.3.1.2. Personale Ganzheit
        3. 2.3.1.3. Zugehörigkeit
        4. 2.3.1.4. Selbstbestimmung
        5. 2.3.1.5. Selbstwertgefühl
    4. 2.4. Spirituelle Ganzheit
  3. Heilungen
    1. 3.1. Organische Heilung
    2. 3.2. Personale Heilung
    3. 3.3. Psychosoziale Heilung
    4. 3.4. Spirituelle Heilung
  4. Rückkopplungen
  5. Gesellschaftliche Wirkkräfte

1. Begriffe

Verwandtschaftliche Beziehungen des deutschen Begriffs heil bestehen zu ähnlichen Wörtern in germanischen, keltischen und slawischen Sprachen.

Zur Etymologie des Begriffs Heilung

Sprache Begriff Sinn
Englisch whole ganz, vollständig
hale gesund, rüstig
heal heilen
Althochdeutsch heil gesund, unversehrt
Schwedisch hel ganz
Russisch це́лый
celyj
ganz
Gotisch hails gesund
Walisisch coel günstiges Vorzeichen

Die Tabelle zur Etymologie des Begriffs Heilung vermittelt einen Überblick. Sie verdeutlicht, dass heil Ge­sundheit und Ganzheit bezeichnet. Der Begriff heilig ent­springt derselben Sprachfamilie. Er verweist auf eine Ganzheit, die über allem Aufgeteilten steht. Das Verb heilen kommt in zwei Varian­ten vor: heil werden und heil machen. Die Wunde heilt. Der Arzt heilt. Heilung heißt Ganzwerdung.

Sucht man den Ursprung des Begriffs gesund, stößt man auf die germanische Wurzel sunda- im Sinne von stark, kräftig. Heilung ist Ganzwerdung, der Kraft und Stärke entspringen. Wer gesund ist, kann seine ganze Kraft zum Ausdruck bringen. Seine Kraft nicht zum Ausdruck zu bringen, ist ungesund.

Kraft resultiert aus dem Miteinander unterscheidbarer Teile, die ihren jeweils passenden Platz im Ganzen einnehmen. Folglich ist Heilung ein integrativer Prozess. Dabei wird Fehlendes von Unfer­tigem angenommen.

2. Ebenen der Ganzheit

Das Motiv der Ganzheit kommt in der Psychiatrie auf vier grundsätzlichen Ebenen vor.

Vier Ebenen der Ganzheit

körper­lich Ungestörte Funktion neuro­psycho­logischer Vermögen
personal Das Ich erlebt die Elemente des relativen Selbst als ihm zugehörig.
psycho­sozial Die Person erlebt sich im sozialen Umfeld eingebettet. Sie erlebt sich zugehörig.
spiri­tuell Das Ich erlebt sich als Repräsentant der Wirklichkeit.
  1. körperliche Unversehrtheit
  2. personale Ganzheit
  3. psychosoziale Ganzheit
  4. spirituelle Ganzheit

Diesen vier Ebenen entsprechen vier Möglichkeiten, die Ganzheit zu verfehlen.

2.1. Körperliche Unversehrtheit

Alle mentalen Funktionen bedürfen eines intakten Zentral­nervensystems (ZNS). Das ZNS ist ein modular aufgebau­ter Funktionskomplex, bei dem bestimmte Hirnareale Schlüsselfunktionen für die Ausführung neuropsychologi­scher Leistungen bereitstellen. Sind solche Hirnareale anlagebedingt ungenügend oder werden sie im Verlauf des Lebens geschädigt, können spezifische Funktionen nicht ausgeführt werden oder sie funktionieren nur auf vermindertem Niveau. Daraus ergeben sich neuropsychologische Funktionsstörungen:

Ursachen struktureller Störungen des ZNS

Sind neuropsychologische Funktionen gestört, liegt eine geistige Behinderung, eine Teilleistungsstörung oder ein organisches Psychosyndrom vor.

2.2. Personale Ganzheit

Der umgangssprachlich normale Mensch - also der, der nicht an einer Psychose er­krankt ist - erlebt die Elemente seines relativen Selbst als zusammengehö­riges Ganzes. Er sagt: Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Impulse, meine Erin­nerungen, meine Urteile, meine Sinneswahrnehmungen und mein Körper sind die Elemente meiner Person, die als sie selbst ein Ganzes ist. Dieses Ganze nennt der Normale Ich.

Beim Verlust der personalen Ganzheit geht das Erleben der Ganzheit des Ich verloren. Die Psychiatrie spricht von Ich-Störungen.

Zuordnungen

Unvoll­endete Ebene Funktions­niveau
körper­lich behindert
per­sonal psychotisch
psycho­sozial neurotisch
spiri­tuell normal

Geht die personale Ganzheit verloren, spricht die Psychiatrie von einer Psychose.

Nach schulmedizinischer Interpretation werden Halluzinationen nicht den Ich-Störungen zugeordnet, sondern als eigenständige psychopathologische Kategorie aufgefasst. Da aber davon auszugehen ist, dass Halluzinationen Gedanken und Vorstellungen des Kranken entsprechen, die dieser nicht als ihm selbst zugehörig erlebt, ist zu diskutieren, ob man sie nicht als einen Ausdruck des Verlusts der personalen Ganzheit und damit als eine Variante der Ich-Störung auffassen kann.

2.3. Psychosoziale Ganzheit

Der dritten Ebene der Ganzheit entspricht die Einbettung der Person in den sozialen Kontext. Der Gesunde erlebt den Ereigniszusammenhang des jeweiligen Geschehens und seine persönliche Reaktion darauf als ein psychosoziales Gefüge, mit dem sein inne­res Erleben übereinstimmt. Er hat das Gefühl, dass sein Verhalten der Situation, in der er sich befindet, entspricht. Der Dualismus zwischen Ich und Nicht-Ich ist passend aufeinander eingestimmt. Die psychosozial angemessen eingebettete Person verhält sich so...

Ist die psychosoziale Ganzheit unvollendet, besteht zwischen der kranken Person und dem Umfeld ein Riss. Statt angemessen und emotional stimmig auf das jeweilige Jetzt zu reagieren, erlebt der Kranke Ängste, Impulse, Hemmungen und Stimmungsanomalien, die verhindern, dass sich Psyche und Kontext in eine kongruente psychosoziale Dyna­mik verzahnen. Die zwei Pole des psychosozialen Gefüges sind nur zum Teil in ein Ganzes verlötet.

Isolierte Störungen der psychosozialen Ganzheit können dem Spektrum der neurotischen Erkrankungen zugeordnet werden. Statt spontan mit dem Umfeld umzugehen, ist der neurotisch Kranke überwertig mit der Frage beschäftigt, wie er den Umgang gestalten soll.

2.3.1. Verlustängste

Störungen der psychosozialen Einbettung werden durch Verlustängste verursacht. Fünf Themenfelder sind auszumachen: Verlust der/des...

  1. körperlichen Unversehrtheit
  2. personalen Ganzheit
  3. Zugehörigkeit
  4. Selbstbestimmung
  5. Selbstwertgefühls
2.3.1.1. Unversehrtheit

Nicht nur der manifeste Verlust von Ganzheit macht krank, sondern auch die überwertige Befürchtung, Ganzheit zu verlieren. Das sieht man bei Erkrankungen, die durch Ängste hervorgerufen werden, die um den Verlust der körperlichen Unversehrtheit kreisen.

2.3.1.2. Personale Ganzheit

Der Verlust der personalen Ganzheit kann als drohende Möglichkeit gefürchtet werden. Die Angst, verrückt zu werden, ist mit verschiedenen Krankheitsbildern verschwistert:

2.3.1.3. Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist das primäre psychologische Grundbedürfnis des Menschen. Auch ungeachtet psychologischer Bedürfnisse bietet sie so viele Vorteile, dass kaum jemand gegen soziale Verlustängste vollständig gefeit ist. Das Verhalten vieler wird jedoch so umfassend von entsprechenden Ängsten geprägt, dass ihre psychosoziale Einbettung gerade dadurch gefährdet ist; oder nur Einbettungen möglich sind, deren Qualität die Erfüllung anderer Bedürfnisse verhindert.

2.3.1.4. Selbstbestimmung

Das zweite psychologische Grundbedürfnis ist Selbstbestimmung. Selbstbestimmung ist zweierlei:

  1. der gemeinsame Nenner personaler Ganzheit
  2. Grundvoraussetzung dafür, dass psychosoziale Ganzheit duale Ganzheit ist, die aus zwei Teilen besteht und keine Halbheit, in der eine Hälfte fehlt

Die Angst, Selbstbestimmtheit zu verlieren, kann bei schizoiden Persönlichkeiten dazu führen, dass ihnen psychosoziale Ganzheit als zu riskant erscheint.

2.3.1.5. Selbstwertgefühl
Im Verhältnis zur Bedeutung, die sie tatsächlich haben kann, macht sich die Person vermessen wichtig. Im Verhältnis zur Position, die es wirklich hat, nimmt sie ihr Selbst kaum jemals ernst. Die Person sieht sich als Teil und macht sich groß. Sie übersieht, dass das Selbst zu groß ist, um in einem Teil enthalten zu sein.

Das Selbstwertgefühl ist für das Wohlbefinden von zentraler Bedeutung. Vereinfacht kann man sagen...

Das Selbstwertgefühl ist das Resultat eines Urteils, das mehr oder weniger bewusst vollzogen wird. Je nachdem, welche Güter, Fähigkeiten, Erfolge, Positionen und soziale Ränge das Individuum für unverzichtbar hält, um sich für vollwertig zu halten und je nachdem, wie viel es davon zu haben glaubt, fällt das Urteil positiver oder negativer aus. Das Selbstwertgefühl fließt nahtlos in die Haltung ein, aus der heraus das Individuum dem Umfeld begegnet.

Körperliche Unversehrtheit, personale Ganzheit, Zugehörigkeit und Selbstbestimmung sind die vier Faktoren, denen das Individuum entscheidende Bedeutung bei der Beurteilung seines Selbstwerts zumisst. Entsprechend groß ist die Angst, auf diesen Feldern dem eigenen Maßstab nicht zu genügen.

2.4. Spirituelle Ganzheit

Ist die psychosoziale Ganzheit verwirklicht, erlebt sich der Mensch als normal-gesunde Person. Er deutet sich als separates Ich, das passend in eine Außenwelt verfugt ist, die nicht zum Ich gehört, sondern kategorisch davon zu unterscheiden ist. Das Selbst- und Weltbild des normalen Erlebens ist dualistisch. Für das normale Bewusstsein ist das Feld des Daseinsvollzugs kein Ganzes, das Ausdruck eines Ganzen ist, sondern ein Ganzes, das aus zwei Hälften besteht.

Einem derart gesunden Dasein ist ein latenter Unfrieden beigemengt, der vorübergeh­end durch Erfolg, Erwerb oder bereichernde Erfahrung beigelegt werden kann. Das Bewusst­sein um die Vergänglichkeit der Person und die Erkenntnis, dass selbst der Begeisterung über den größten Gewinn Ernüchterung folgt, verhindern, dass der normale Mensch auf Dauer glücklich in sich ruht.

Der normale Mensch sucht Fehlendes im Außen, der spirituelle entfernt Überflüssiges im Inneren. Der eine addiert. Der andere subtrahiert. Der eine belädt sich. Der andere wird frei.

Stets scheint ihm ein Teil zum Glück zu fehlen. Immer wenn er das schein­bar Fehlende gefunden hat, erweist sich der Fund zuletzt als ungenügend. Was ihm tatsächlich fehlt, ist spirituelle Ganzheit; also die Erfahrung, dass er selbst die Trennlinie zwischen Ich und Welt übersteigt und es ein Trugschluss ist, dass ihm überhaupt ein Teil der Welt zur Ganzheit fehlt. Verkennt die Person ihre spirituelle Ganzheit, ist sie normal. Erlebt sie sie, ist sie im Wortsinn der Heilung vollständig geheilt. Die Erfahrung des ungeteilten Selbst kann nur machen, wer die Illusion des separaten Ich als feststehende Einheit überwindet. Der Fluss fließt. Das Ich ist ein Strudel, der unterwegs entsteht und vergeht. Sich daran festhalten zu wollen, ist ein Griff ins Leere. Leere kann man nicht greifen, sondern nur lassen.

3. Heilungen

Entsprechend den vier Ebenen der Ganzheit sind vier Arten der Heilung zu nennen:

  1. organische Heilung
  2. personale Heilung
  3. psychosoziale Heilung
  4. spirituelle Heilung

Heilungen

Typ Ansatz­punkt Ziel
organisch Hirn­struktur Wieder­herstellung neuro­psycho­logischer Funktionen
personal Hirn­stoff­wechsel Wieder­herstellung eines funktionalen Transmitter­stoff­wechsels
psycho­sozial Ego Stärkung des Egos zur Verbesserung der Handlungs­fähigkeit als Mitspieler im sozialen System
spirituell Selbst Befreiung aus den Grenzen des Egos durch Ablösung von dessen Selbstbild

Warum uns der Mut fehlt, wir selbst zu sein? Weil in uns die Zeit stillsteht, wir aber glauben, in ihrem Verlauf etwas gewinnen oder verlieren zu können.

So unterschiedlich die angesprochenen Instanzen, so unterschiedlich sind die Metho­den, die zur Erlangung der Ganzheit auf den vier Ebenen anzuwenden sind.

Schaden verhindern und durch Üben beheben.
3.1. Organische Heilung

Für viele strukturelle Defizite und Schäden am ZNS sind keine grundsätzlichen Heilungsmöglichkeiten bekannt. Schwerpunkte der therapeuti­schen Bemühungen sind daher...

Das wesentliche Werkzeug zur Heilung organisch bedingter Leistungsstörungen des ZNS sind neuropsychologische Übungsprogramme, die defizitäre Funktionen möglichst bis zur vollen Wiederherstellung ergänzen.

Ich bin Herr von Leib und Sinnen.
3.2. Personale Heilung

Beim derzeitigen Stand der Wissenschaft ist davon auszu­gehen, dass das Erleben der personalen Ganzheit wesentlich von intakten Stoffwech­selprozessen im Zentralnervensystem abhängt. Dafür spricht vieles:

Das wesentliche Werkzeug, das heute zwecks Wiedererlangung der personalen Ganz­heit eingesetzt wird, ist die Psychopharmakologie. Parallel dazu sind psychotherapeutische Hilfen zielführend, die vor allem projektive Abwehrmuster abschwächen.

Zwischen den Feldern

Manifest zerbrochen ist die personale Ganzheit beim psychotisch erkrankten Menschen. Oben wurde aber darauf hingewiesen, dass die Erfahrung der personalen Ganzheit auch bei Menschen geschmälert sein kann, die nicht an einer Psychose erkrankt sind; wenn auch nur unbewusst und unterschwellig: nämlich durch den Gebrauch projektiver Abwehrmanöver, die Eigenschaften oder Funktionen der eigenen Person anderen Personen zuordnen.

Da die personale Ganzheit dabei in der Regel formal erhalten bleibt, ist das wichtigste Mittel zur Behebung solcher Störungen aber keine Medikation, sondern die psychotherapeutische Arbeit an der persönlichen Reifung. Der Zielpunkt einer solchen Arbeit liegt nicht in der personalen, sondern in der psychosozialen Heilung, um die Störungen, die projektive Muster bei der Einbettung verursachen, aufzuheben. Die Festigung der personalen Ganzheit ist hier ein beiläufiger Effekt.

Ich spiele unbefangen meine Rollen.
3.3. Psychosoziale Heilung

Ist die personale Ganzheit intakt, liegt der Schwerpunkt der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen auf der psychosozialen Heilung. Psychosoziale Heilung bedeutet, dass all jene Faktoren beseitigt werden, die einer unbefangenen Ein­bettung des Patienten in den Ereigniskontext des Umfelds im Wege stehen. Die Befang­enheit des neurotischen Menschen wird durch fehlendes Selbstvertrauen und daraus resultierende Verlustängste verursacht. Fehlt das Selbstvertrauen, orientiert sich der Kranke zu wenig an seinem inneren Pro­zess. Er legt stattdessen übermäßig Wert auf Bestätigung von außen und macht sein Selbstwertgefühl von schwankenden Bedingungen abhängig, auf die er keinen oder keinen zuverlässigen Einfluss hat. Das führt zu...

Wer versteht, wozu seine Symptome dienen, kann besser Methoden entwickeln, als krank zu sein.

Als Ursache des fehlenden Selbstvertrauens sind pathogene Kommunikationsmuster, traumatisierende Erfahrungen und realitätsfremde Selbsteinschätzungen auszumachen. Störungen, die auf solche Ursachen zurückzuführen sind, können durch Einsicht und gezielte Verhaltensänderungen aufgehoben werden. Die wesentlichen Werkzeuge zur Wiedererlangung der psychosozialen Ganzheit sind Psycho- und Verhaltenstherapie.

Gesellschaft und Ganzheit

Der Begriff weist darauf hin: Bei der psychosozialen Heilung spielt das soziale Umfeld eine große Rolle. Es gibt Bedingungen vor und setzt heilender Ganz­werdung Grenzen.

Die Zugehörigkeit zum sozialen Umfeld bildet einen der beiden Pfeiler, die das Leben als Ausgestaltung des Psychologischen Grundkonflikts bestimmen. Auß­erdem hängt die Deutung eines Verhaltens als gesund oder krank von den Maßstäben des sozialen und kulturellen Umfelds ab. Beides führt dazu, dass die Zugehörigkeit zum Umfeld oft eine Anpassung des Einzelnen an Erwar­tungen erfordert, die seiner Identität widerspricht. Um Spannungen zu vermin­dern, die daraus entstehen, passt der normale Mensch sein Selbstbild dem tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungsdruck des Umfelds an. Er hält sich für etwas anderes als das, was er ist.

Die Anpassung des Selbstbilds erfolgt durch Verleugnung von Teilaspekten des tatsäch­lichen Selbst. Neben der Verleugnung kommt die übrige Palette der Abwehrmechanismen zum Einsatz. Je mehr Aspekte angepasst werden, desto mehr wird das Selbstbild verfälscht. Es bildet nicht mehr ab, was der Einzelne ist, sondern das, was er entgegen seinem tatsächlichen Wesen sein soll.

Selbstverständlich ist der Einzelne bei der Verfälschung seines Selbstbilds nicht nur Opfer jener Umstände, die ihn von außen bedrängen. Die Verfäl­schung des Selbstbilds ist ebenso Resultat eigener Ansprüche; je nachdem, welche Rollen er im Umfeld für sich einfordert.

Ich bin, der ich bin.
3.4. Spirituelle Heilung
Der Kranke sagt: Das bin ich nicht.
Der Gesunde sagt: Das bin ich auch.
Der Kranke sagt: Das bin ich.
Der Gesunde sagt: Das bin ich nicht.

Spiritualität birgt das Risiko, vor dem Minder­wertigkeits­gefühl in billige Lösungen auszuweichen. Deshalb wird man in der Meditation ständig an sein Unvermögen erinnert, über sich selbst zu bestimmen. Der scheinbar kurze Weg erweist sich als lang. Ich bin keine Person zu denken, ist leicht. Zu dem zu werden, was keine mehr ist, ist schwer.

Ein Zugewinn an Selbsterkenntnis ist nicht nur Addition. Es ist der Verzicht auf Subtraktion. Das normale Bewusstsein wehrt Unliebsames ab, das spirituelle gesteht es sich ein. Ein Eingeständnis ist der Mut, solange in einer Wirklichkeit zu stehen, bis sie sich verändert hat.

Die spirituelle Heilung geht über die psychosoziale hinaus. Obwohl sie ihr teils wider­spricht, umfasst und vertieft sie sie zugleich. Die Übergänge sind fließend.

Bei der psychosozialen Heilung spielen Bewertungen und Urteile eine große Rolle. Im Dienste der psychosozialen Heilung wird das eigene Verhalten und Empfinden mit einem Soll verglichen. Was dem Ziel der Einbettung ins Umfeld entgegensteht, wird durch Abwehrmechanismen aus dem Bewusstsein entfernt. Dadurch werden Qualität und Umfang des Selbstbewusstseins vermindert. Die psychosoziale Heilung legt den Schwerpunkt auf die Einbettung einer als separate Einheit definierten Person in ihr Umfeld. Sie geht nicht über die Polarität Ich/Nicht-Ich hinaus.

Bei der spirituellen Heilung treten Urteile und Wertungen in den Hintergrund. Stattdessen versucht das Individuum, sämtliche Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und sie so sein zu lassen, wie sie sind. Dabei erfüllt die Akzeptanz der sogenannten negativen Gefühle eine Schlüsselfunktion. Unange­nehme Gefühle vermitteln Einsichten in das eigene Wesen, gegen die man sich sträubt. Gerade diese Einsichten sind es jedoch, die man auf dem Weg zur Heilung braucht. Sie sind das Fehlende am Unfertigen. Wer gesund wird, sagt: Das bin ich auch. Er nimmt sich vollständig an.

Während die psychosoziale Heilung jedoch die Identifikation mit den Erscheinungen des relativen Selbst beibehält und sie zur Stärkung eines handlungsmächtigen Egos verwendet, betreibt die spirituelle Heilung eine Des-Identifikation von allem Erkannten. Der spirituell Gesunde sagt: Das bin ich nicht. Gelingt die Des-Identifikation, wird das absolute Selbst, also das Subjekt aus den Begrenzungen freigesetzt, die der Einbindung in die dualistische Interaktion zwischen Person und Welt eingewoben sind.

Die wesentlichen Werkzeuge zur spirituellen Heilung sind absichtslose Achtsamkeit, Me­ditation und die Ablösung des Subjekts von allen selektiven Identifikationen mit Objekten oder objektivierbaren Konstruktionen. Das vorläufige Ich bleibt Objekt, das endgültige ist Subjekt.

4. Rückkopplungen

Zwecks besserer Anschaulichkeit kann die Darstellung von Ganzheit und Heilung auf vier Themenbereiche aufgeteilt werden. Ganzheit heißt aber auch, dass die vier Bereiche nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern ganzheitlich ineinander verzahnt sind. Das wird in der Praxis deutlich.

Eine umfassende Betrachtung des seelisch kranken Menschen wird den Blick bei der Wahl ihrer Ziele und Mittel nicht auf einzelne Ebenen beschränken. Je nach individueller Konstellation, kann Heilung parallel auf allen vier Ebenen angestrebt werden.

5. Gesellschaftliche Wirkkräfte

Eingrenzung und Ausgrenzung sind dialek­tische Kräfte. Wer auf gesell­schaftlicher Ebene den Bogen beim Eingrenzen überspannt, riskiert so viel Bestehendes auszugrenzen, dass Ganzheit nicht erreicht wird, sondern in Zersplitterung verlorengeht.

Breitbandmedizin

Was zur Heilung des Einzelnen unentbehr­lich ist, ist es auch zur Heilung von Gemeinschaften: die Anerkennung der Wahrheit. Wahrheit ist die einzige Basis, auf der sich alle treffen können, weil sie niemandem gehört. Nichts heilt Gemeinschaften mehr, als sich darauf zu einigen, was als wahr überprüfbar ist.

Das Streben nach Ganzheit ist ein grundsätzlicher Impuls. Er wirkt auf personaler, psychosozialer und kultureller Ebene. Er ist Grundprinzip aller Spiritualität.

Das Bedürfnis nach psychosozialer Ganzheit bezieht sich nicht nur auf den Horizont unmittelbarer Bezugspersonen, sondern auch auf den des kulturellen Umfelds. Ganzheit heißt Überwindung von Grenzen. Streben nach Ganzheit heißt auch, von außen Neues aufzunehmen. Von außen Neues in ein kulturelles Umfeld aufzunehmen, kann jedoch in dessen Innerem neue Grenzen setzen. Die Eingrenzung von Neuem kann zur Ausgrenzung von Bisherigem führen.

Kultur ist alles, was Gemeinschaften als Organisationsprinzip hervorbringen um ihre Binnenstruktur zu regeln oder um ihre Vorstellungen von der Wirklichkeit abzubilden. Da Vorstellungen falsch sein können und soziale Strukturen ungerecht, ist keineswegs alles, was als Kultur bezeichnet wird, zu begrüßen. Auch der Zufluss kultureller Formen von außen ist nicht immer bereichernd. Gegebenenfalls gilt: Je mehr die Formen das tiefere Wesen des Menschen missachten, desto problematischer können sie sein. Die unreflektierte Anpassung an gesellschaftliche Normen und das soziale Umfeld, das sie repräsentiert, kann zu einer Entfremdung des Einzelnen von sich selbst führen. Daraus resultiert ein Defizit innerer Ganzheit, das erst durch eine spirituelle Heilung behoben werden kann. Spirituelle Heilung ist ein Projekt, das sich nur eine Minderheit nachhaltig zum Ziel setzen wird.

Integration im Sinne der Ganzwerdung einer gemeinschaftlichen Struktur nur als politische Frage zu betrachten, greift zu kurz. Sie ist vor allem ein psychologisches Problem; und als solches nicht beliebig steuerbar. Das Wohl vieler hängt in großem Umfang von gesellschaft­lichen Bedingungen ab. Dazu gehört, innerhalb der Gesellschaft nicht auf Gruppengren­zen zu stoßen, die die Kompensationsmechanismen des individuellen Zugehörigkeits­empfindens überfordern. Die Aufspaltung der Gesellschaft in ein Patchwork paralleler Untergruppen, führt bei vielen zu einer Störung der psychosozialen Einbet­tung, die ihr Wohlergehen nachhaltig stört und den sozialen Frieden gefährdet.

Andererseits wird die Heilung des Einzelnen erschwert, wenn ihm sein jeweils abweichendes Sosein gesellschaftlich nicht zugestanden wird. Starre Normen aufzustellen, die die Pluralität der Gesellschaft beschränken, um einer gefürchteten Zersplitterung Einhalt zu gebieten, ist der dialektische Gegenpol zur unreflektierten Entgrenzung. Das eine schadet. Das andere auch.