Das Nirvana ist ein zentrales Konzept der buddhistischen Ontologie. Ontologie ist die Wissenschaft vom Wesen der Wirklichkeit; abgeleitet von altgriechisch on (ον) = seiend.
Das Nirvana zu erreichen, gilt als endgültiges Heilsziel aller buddhistischen Bemühungen um ein Ende des Leidens. Der Begriff spricht vom Erlöschen (Sanskrit: निर्वाणम् nirvanam = erlöschen). Er beschreibt einen Zustand, in dem die Ursachen des Leidens erloschen sind. Als Ursache des Leidens betrachtet der Buddhismus das Begehren. Indem der Mensch das Flüchtige begehrt, aus dem die Welt besteht, verstrickt er sich in immer neue Schwierigkeiten. Unter diesen Schwierigkeiten leidet er. Unterlässt er den Versuch, sich Flüchtiges anzueignen, es festzuhalten oder abzuwehren, befreit er seinen Wesenskern zu dem, was er ist: glückseliges Gewahrsein der Wirklichkeit aus entrückter Distanz.
In der Nomenklatur der Philosophie des Vedanta wird die Qualität des Nirvana als Satchitananda (Sanskrit: सच्चिदानन्द) bezeichnet; zusammengesetzt aus...
Als wesentliche Methode der Befreiung empfehlen Buddhismus und Vedanta die Meditation. Die Grundform der Meditation ist achtsames Sitzen in Stille. Dabei wird auf alle Aktivitäten verzichtet, die auf die Beeinflussung der Außenwelt abzielen. Stattdessen wird die Achtsamkeit nach innen gerichtet, um dort die Mechanismen zu erkennen, durch die man sich in das Netzwerk aus Leid und Begehren verstrickt.
Meditation funktioniert wie ein Vergrößerungsglas. Wer es verwendet, erkennt grundlegende Prozesse, die er im Alltags leicht übersieht. Meditation hebt die Vereinnahmung durch Äußeres auf, die den Menschen, der nur das Äußere sieht, gefangen hält. Die Vereinnahmung durch Äußeres nennt der Buddhismus Verblendung.
Verblendung (Sanskrit: अविद्या avidyā = Unwissenheit) ist die grundlegende Ursache der Leidens. Verblendung heißt, nicht zu wissen, was man in Wirklichkeit ist. Verblendung heißt, sich über sein Wesen zu irren.
Das Nirvana kein topographischer Ort. Es ist ein Bewusstseinszustand, der von Verblendung, Angst und Gier bereinigt ist. Zur Befreiung aus der Verblendung führt die Erkenntnis der drei Wesensmerkmale des Daseins. Es gilt, die Erkenntnis so zu verinnerlichen, dass sie den Umgang mit dem Leben bestimmt. Die drei Merkmale sind:
Alles Konkrete ist flüchtig und austauschbar.
Leben heißt leiden.
Ein separates Selbst, das der Person und nur ihr zugeordnet ist, gibt es nicht.
Um den Weg ins Nirvana zu beschreiben, macht es Sinn, das Wesen jener Instanz zu verstehen, die den Weg in die Freiheit sowohl verhindert, als auch gehen kann: das Ich.
Was der Buddhismus als Nirvana bezeichnet, ist ein befreites Bewusstsein. Das Bewusstsein befreit sich, indem es seine Fesseln erkennt und sich durch die Einsicht in deren Wirkweise ihrem Zugriff entzieht. Die Untersuchung des Ichs zeigt, woraus die Fesseln bestehen. Sie bestehen aus drei Programmen, die das Verhalten einer jeden Person im Alltag automatisch steuern. Automatisch heißt: Sie steuern auch dann, wenn man sich ihrer Funktion nicht bewusst ist. Der erste Schritt auf dem Weg zum befreiten Bewusstsein besteht daraus, sich die Ursachen der Unfreiheit bewusst zu machen.
Die Programme sind angeboren. Sie dienen dem Schutz des Lebens. Sie sind so tief damit verbunden, dass sie unverzichtbar sind.
Wie Dienstprogramme eines Computers starten die Schutzprogramme des Lebens mit der Zeugung. Zumindest im Hintergrund laufen sie rund um die Uhr. Auch im Tiefschlaf eignet sich der Organismus Sauerstoff an, bewahrt sein physiologisches Gleichgewicht und schützt sich unbewusst gegen Kälte. Bei verdächtigen Geräuschen wacht er auf, um sich abzusichern.
In jedem Organismus, der eine Überlebenschance hat, sind die Programme in variabler Stärke angelegt. Über die angeborene Variabilität hinaus, wird die Programmaktivität durch Erfahrungen moduliert, die der Einzelne im Leben macht. Manche Erfahrungen schwächen die Impulse ab. Andere steigern sie. All das geschieht kaum je bewusst.
Bis vor kurzem hatte es die Evolution nur mit den Exemplaren unzähliger Spezies zu tun, die außerstande waren, das Leid des Daseins mit jener Intensität zu erleben, zu der der Mensch durch die bewusste Reflexion seines persönlichen Schicksals imstande ist. Die Exemplare pflanzlicher und tierischer Spezies sind Sklaven der Evolution, die sie willkürlich benutzt und verbraucht, um Baupläne auszuprobieren. Die Evolution steuert ihre Sklaven mithilfe der Programme; ohne Rücksicht, wie es dem einzelnen Exemplar dabei ergeht.
Der Mensch wird von den gleichen Programmen gesteuert. Er wird von Programmen gesteuert, die so simpel sind, dass sie selbst Maulwürfen, Motten und Mäusen genügen. Er wird von Programmen gesteuert, die blind nach etwas greifen, das er sich einverleiben kann, damit er mehr Gewicht bekommt. Im Gegensatz zur Motte ist sich der Mensch jedoch seiner individuellen Existenz bewusst. Er ist Person. Die Aktivität der Programme wird bei ihm in ein egozentrisches Projekt eingespeist, das über die Intelligenz verfügt, den Zugriff der Programme auf ein Spektrum von Bezügen zu erweitern, von deren Vielschichtigkeit die Motte nicht einmal träumen kann.
Während der Geist des Menschen versucht, sich in den Himmel zu heben, zwingt ihn die Macht blinder Programme dazu, sich an Erde zu mästen. Obwohl er sich erheben will und nach Erhabenheit sehnt, beugt ihn der Zwang in den Horizont seines Egos. Um das zu beenden, gilt es, aus Blindheit und Verblendung aufzuwachen. Buddha heißt der Erwachte. Buddhismus ist der Weg des Erwachens. Buddhisten sind Leute, die aus dem Joch blinder Begierden erwachen wollen.
Der Weg in die Freiheit ist das Ende der Knechtschaft. Knechtschaft heißt, von Kräften bestimmt zu werden, über die man nicht bestimmen kann, weil man sie nicht erkennt. Das normale Bewusstsein steht unter der Herrschaft blinder Begierden, das erwachte hat die Blindheit der Begierden erkannt.
Die Methode ist problematisch. Meist bewirkt sie das Gegenteil von dem, was sie bewirken soll. Statt das Ego zu zähmen, stärkt sie es. Die Ursache ist klar: Der Vorsatz, sich durch Selbsterniedrigung ans Glück zu putschen, ist seinerseits ein egozentrischer Plan, bei dem der Aneignungsimpuls bis zum Anschlag aktiviert wird. Wie soll das gehen? Rücksichtslos ein Glück zu begehren, das nur erlebt, wer nichts begehrt?
Weise Menschen scheuen Extreme. Sie gehen den Mittelweg. Zu Recht! Der Himmel hat dem Menschen das Ego nicht eingepflanzt, damit der es in seiner Gier wieder ausreißt. Der Himmel hat dem Menschen neben dem Ego aber die Möglichkeit gegeben, durch Einsicht in dessen begrenztes Potenzial über es hinauszugehen.
Auf dem Weg ins Nirvana gilt es keineswegs, das Ego auszumerzen. Es gilt, ihm geduldig aufzuzeigen, dass es Besseres gibt, als immer nur flüchtige Teile der Welt zu erwerben. Wenn das Ego sieht, dass es besser ist, im Zentrum seiner selbst zu sein, als bei dem, was vergeht, hört es auf, zu begehren, was es zum Glück nicht braucht. Das Glück ist nichts, was der Person gehören könnte. Sie erlebt es, sobald sie versteht, was es verhindert.
Nachdem uns klar geworden ist, wodurch die Verstrickung in Verblendung, Gier und Angst verursacht wird, gilt es, die Fesseln zu lösen. Die rein intellektuelle Erkenntnis der psychodynamischen Zusammenhänge reicht dazu nicht aus. Man muss sich mehr Mühe geben. Viel mehr! Im Grunde ist die Lösung aber nicht schwer.
Üben Sie, die Komponenten, aus denen sie bestehen, den jeweiligen Grundprogrammen zuzuordnen.
Legen Sie den Schwerpunkt zunächst auf die Analyse der jeweiligen Erfahrung. Um etwas sinnvoll zu verändern, muss man es zuerst verstehen. Es macht wenig Sinn, einen Weg einzuschlagen, wenn man den Falschen nicht erkennt.
Machen Sie dadurch neue Erfahrungen, die Ihr bisheriges Bild von sich selbst und der Wirklichkeit verändern.
Eine Möglichkeit, um die Übermacht der Impulse zu verhindern, ist es, der Vergänglichkeit so lange ins Auge zu schauen, bis sie ihre Schrecken verliert. Passiert das, lässt die Aktivität der Schutzprogramme nach, weil die Angst vor der Vergänglichkeit ihre Triebfeder ist. Eine andere Möglichkeit beruht darauf, das Spiel der Impulse so gut zu verstehen, dass nicht sie das Leben kontrollieren, sondern man selbst die Impulse.
Der nächste Schritt könnte eine grundsätzliche Veränderung des Selbstbilds sein, die Sie, statt der Welt, in den Mittelpunkt Ihres Lebens rückt. Wenn Sie der Mittelpunkt Ihres Lebens sind, und nicht die Welt, nach der Sie greifen könnten, sind Sie an der Schwelle zum Nirvana angekommen. Planen Sie für den Weg dorthin lange Zeiträume ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie zu den wenigen gehören, bei denen es schnell geht, ist gering. Ob an der Schwelle zum Nirvana der letzte Schritt geschieht, müssen Sie dem Schicksal überlassen. Es liegt nicht in Ihrer Hand. Die Wahrscheinlichkeit, dass es geschieht, steigt mit jedem Schritt, den Sie in die richtige Richtung tun.
Viele Wege führen nach Rom. Viele andere führen zum Nirvana. Der aufgezeigte Weg ist einfach und gut planbar. Im Grundsatz kann ihn jeder gehen. Wie alle Wege, die in die Freiheit führen, verlangt aber auch er Beharrlichkeit. Ab und zu eine Erfahrung zuzuordnen, reicht nicht aus, um sich in einem überschaubaren Zeitraum so viel Klarheit über die Funktionsweise des Egos zu verschaffen, dass man über die Schwelle der Person hinweg zu sich selber findet. Trotzdem zählt jeder Schritt. Jeder Schritt wird durch ein Stück Freiheit belohnt, selbst wenn das endgültige Ziel in weiter Ferne bleibt.
Ein Sprung oder viele Schritte
Der Weg in die Freiheit wurde schon oft beschrieben. Manche berichten von einem Sprung, der alles entscheidet, andere von einer Taktik der kleinen Schritte. Es gibt keinen Grund, am Wahrheitsgehalt beider Varianten zu zweifeln.
Beim Sprung handelt es sich um einen plötzlichen Wechsel der Perspektive. Wie bei der Betrachtung einer Kippfigur, wird mit einem Mal ein Aspekt der Wirklichkeit erkannt, der bislang im Bild verborgen lag: die Einheit aller Teile im Ganzen.
In einer Kippfigur erst einen Hasen und dann eine Ente zu sehen, ist in einer Minute erledigt. Die Wirklichkeit ist aber komplexer als eine einfache Kippfigur. Um die Einheit im Vielen zu sehen und aus der Illusion befreit zu werden, nur einer der vielen Teile zu sein, bedarf es einer inneren Bereitschaft. Diese Bereitschaft kann in der Regel nur durch viele Schritte gebahnt werden.
Darüber hinaus ist der Wunsch, sich etwas anzueignen, schier unausrottbar. Er kann zwar verleugnet und geknebelt, aber nicht besiegt, sondern nur erfüllt werden. Endgültig erfüllt werden kann er nur durch das, was der Vergänglichkeit nicht unterliegt. Wodurch auch sonst?
Je nachdem, wovon man sich das Heil verspricht, wechseln im Laufe der biographischen Entwicklung die Objekte, nach denen man greift. Der diesseitsgläubige Mensch erhofft sich das Glück von Reichtum und materiellen Objekten, deren Besitz er für erstrebenswert hält. Hat er das Glück, seinen Irrtum zu durchschauen, macht sich sein Aneignungsimpuls über subtilere Güter her: Er wünscht, bestätigt, geliebt und anerkannt zu werden. Sein Denken kreist nicht mehr um das nächstbessere Produkt der Elektronikindustrie, sondern um die Frage, wie er andere dazu bringen kann, ihn wertzuschätzen.
Wer genügend Anerkennung geerntet hat oder wem sie nicht so wichtig erscheint, begehrt im nächsten Schritt Wissen über allerlei: z.B. die Fähigkeit, Japanisch zu sprechen, die Vermutung von Eremenko zu beweisen oder die Gnossienne No.1 von Satie auf dem Piano zu spielen; obwohl er die Anerkennung, die er für derlei Künste einstreichen kann, auch nicht verschmäht.
Bloß, weil man sich selbst von der Einbuchung solcher Leistungen auf dem persönlichen Konto kein dauerhaftes Glück mehr verspricht, hat man den Aneignungsimpuls nicht zufrieden gestellt. Er verengt den Blick auch weiterhin auf den winzigen Horizont im Universum, den man für sich selber hält: die Person, die glaubt, ihr eigenes Ich zu sein.
Indem die mentale Aktivität des Egos als Ausdruck objektivierbarer Grundprogramme identifiziert wird, wird die ursprüngliche Identifikation des Selbst mit dem Ego aufgehoben. Das Selbst erkennt, dass es nicht im Ich enthalten ist (Anatta), sondern das Ich im Selbst. Das Ich wird als vorübergehendes Bemühen erkannt, sich selbst zu erhalten.
Wenn der endlose Hunger des Ichs einen Punkt erreicht, wo nur noch der Griff nach transzendenten Gütern Sättigung verspricht, mag der Aneignungsimpuls auf der Zielgeraden sein. Solange die Identifikation des Selbst mit dem Ich noch besteht, wird das Nirvana jedoch als das höchste Gut verkannt, das man sich aneignen könnte. Der Aneignungsimpuls kommt erst zum Erliegen, wenn sich das Ich das Nirvana nicht mehr aneignen will, sondern es zulässt, darin aufzugehen.