Der Umgang mit Erfahrungen ist die zentrale Weichenstellung zwischen Glück und pathologischem Leid. Wer Erfahrungen annimmt, erwirbt einen Schatz. Wer sie verwirft, führt einen Kampf.

Leben ist Erfahrung von Wirklichkeit. Wer lebt, tauscht Zeit gegen Erfahrung. Der Unterschied zwischen uns und der Amöbe ist die Erfahrung, die unsere Vorfahren seit der Amöbe machten.

Das Ergebnis der Erfahrungen, die man macht, ist Erfahrung, die man hat. Der Nutzen der Erfahrung, die man hat, ist zu wissen, wie man fruchtbare Erfahrungen machen kann.

Das Leben verzeiht uns die Vorliebe für das Angenehme; wenn wir bereit sind, Unangenehmes, das sich nicht vermeiden lässt, uneingeschränkt zu erfahren.

Leben ist Erfahrung, die man machen kann; oder die man von sich weist. Weist man Erfahrung von sich, erfährt man die Folgen, die das nach sich zieht.

Erfahrung


  1. Begriffsbestimmung
    1. 1.1. Tätigkeit
    2. 1.2. Produkt
  2. Erfahrungszyklus
  3. Umgang mit Erfahrungen
    1. 3.1. Zulassen
    2. 3.2. Steuern
      1. 3.2.1. Vermeiden / umgehen
      2. 3.2.2. Entkräften / abbrechen
      3. 3.2.3. Aufsuchen
    3. 3.3. Stile des Erlebens
  4. Störungen des Erfahrungszyklus
    1. 4.1. Grundlagen
      1. 4.1.1. Ontologische Wurzel
      2. 4.1.2. Anthropologische Wurzel
    1. 4.2. Pathologische Muster
      1. 4.2.1. Vermeidungsstrategien
      2. 4.2.2. Erfahrungsabbruch
      3. 4.2.3. Entkräftungsstrategien

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Erfahrung setzt sich aus zwei Teilen zusammen:

  1. der Vorsilbe er, einer Abwandlung von ur = heraus, hervor
  2. dem Verb fahren, das seinerseits auf die indogermanische Wurzel per = hinüberführen, übersetzen, durchqueren zurückgeht.

Analog zum Gebäude, das durch Baumaßnahmen hervorgebracht wird, weist auch das er- in Erfahrung darauf hin, dass etwas entsteht; jedoch nicht indem man baut, sondern indem man fährt, also ein Feld durchquert. Beim Feld, dessen Durchquerung Erfahrung hervorbringt, handelt es sich um die Wirklichkeit, die jeder Erfahrende zeit seines Lebens erfährt.

Experimente

Verwandt mit Erfahrung scheint Gefahr zu sein. Auch Gefahr geht auf die indogermanische Wurzel per- zurück. Im Begriff Gefahr hat sich jedoch ein Bedeutungszweig entwickelt, der den Sinn des Fahrens abweichend betont.

Zu diesem Seitenzweig gehören Begriffe wie Experiment und Pirat.Die Berufswahl des Piraten ist in der Tat ein höheres Wagnis als die des Malers und Lackierers. Griechisch peira (πειρα) heißt Wagnis, Versuch. Lateinisch heißt Gefahr periculum. Dazu gehört experiri. Das lateinische experiri hat zum englischen experience = Erfahrung geführt. Wörtlich übersetzt heißt Experiment Aus-der-Gefahr-heraus.

Jede Erfahrung ist ein Risiko. Wer erfährt, begibt sich in Gefahr. Er riskiert, dass die Erfahrung weh tut... und dass das Erfahrene sein Bild der Welt verändert; und zwar so, wie er es gar nicht möchte.

1.1. Tätigkeit

Im Satz Ich erfahre etwas, ist erfahren als Verb gebraucht; so wie backen und drücken in den Sätzen Ich backe Kuchen oder Ich drücke den Schalter. Wie Kuchenbacken und Schalterdrücken ist Erfahrungsammeln eine Tätigkeit. Dass Kuchen­backen zwar eine Erfahrung ist, aber kein Schalterdrücken, und Schalterdrücken ebenfalls eine Erfahrung aber kein Kuchenbacken, zeigt an, dass sich die Tätigkeit des Erfahrens grundsätzlich von allen anderen unterscheidet: Sie ist deren Essenz und gemeinsamer Nenner. Egal, was man tut, man macht dabei Erfahrung.

Erfahrung machen, heißt von der Erfahrung gemacht zu werden. Wer etwas mit sich machen lässt, vertraut sich an.

Bei beiden Tätigkeitsangaben steht der aktiv-bewirkende Pol des Tuns soweit im Vordergrund, dass der passiv-empfangende, der jede Tätigkeit begleitet, meist über­sehenÄhnlich ist es, wenn es heißt:
Ich lasse den Wagen an.
Ich schieße den Pfeil ab.
Ich stelle den Wecker.
wird. Kaum je wird uns beim Kuchenbacken gewahr, dass nicht nur wir etwas aus Zucker, Eiern und Mehl machen, sondern dass das Kuchenbacken etwas mit uns selber macht. Es reichert uns mit Erfahrung an.

Zwei Ebenen des Erfahrens

In Erfahrung bringen Eine Erfahrung machen
Im Internet habe ich in Erfahrung gebracht, wie man DoboschtorteJozsef Dobos, einer der großen Wohltäter der Menschheitsgeschichte, hat etwas gewagt: eine neue Cremetorte zu kreieren. Dabei kam ihm seine Erfahrung als Konditor zugute. In seiner Heimat wird Dobos' Ruhm noch leuchten, wenn der Rest Europas seine Traditionen längst vergessen hat. backt. Der glückliche Ausgang des Doboschtortenbackens hat mich ermutigt, weitere Rezepte zu probieren und die Puszta zu bereisen.
Erwerb von Information Durchleben von Transformation
Veränderung einer Informationsmenge Umformung des Trägers der Informationsmenge

Grundrechenart

Kognitives Erfahren + emotionales Durchleben = existenzielle Transformation

Je nachdem, wie tief Erfahrung reicht, führt sie entweder zu einem Wissen von etwas oderDas Entweder-oder ist hier nur Hilfsmittel um auf den Unterschied hinzuweisen. Tatsächlich ist Information immer auch Transformation. Nicht umsonst heißt Information Einformung. Transformation wird aber nur vollendet, wenn man Information umfassend erfährt; wenn sie also nicht nur kognitiv, sondern auch emotional zugelassen wird. auch zu einem Andersein.

1.2. Produkt

Es reichert uns mit Erfahrung an: Hier ist Erfahrung kein Prozess mehr, der Bewirken und Beeinflusstwerden zu einem Wechselspiel verwebt. Hier ist Erfahrung als Resultat des Erfahrens ein Produkt, das sich läuternd in uns anhäuft.

Läuternd heißt dabei: Erfahrung wird nicht nur angesammelt, wie Milch im Melkeimer. Erfahrung setzt Wandlungsprozesse in Gang, sodass sich der Melkeimer, in dem sie sich sammelt, verändert. Erfahrung ist ein umfassend existenzieller Prozess, der das Wesen der Lebendigkeit ausmacht. Wer etwas erfahren hat, ist ein anderer geworden.

2. Erfahrungszyklus

Erfahrungen bestehen aus ineinander verschachtelten Komponenten. In der Regel beginnen sie mit äußeren Ereignissen.Es kann sich auch um ein inneres Ereignis handeln: zum Beispiel um einen Traum. Das Individuum gerät in eine Situation, auf die es reagiert.

Die Reaktion auf das äußere EreignisDas Wort Ereignis entstand durch Vokalverschiebung aus dem älteren Eräugnis. Ereignisse sind Abläufe von denen man Kenntnis nimmt. Das Auge im Eräugnis steht dabei stellvertretend für alle Wahrnehmungskanäle. ist die zweite Komponente der Erfahrung. Sie besteht ihrerseits aus vier Teilen:

Grundregel

Ein Erfahrungszyklus ist abgeschlossen, wenn die emotionale Komponente vollständig auf das Individuum einwirken konnte.

  1. einer kognitiven Einschätzung der Lage, die zu einer Entscheidung führt,(1) Um Chipse zu kriegen, lohnt sich ein riskanter Einsatz.
    (2) Bevor ich Kopf und Kragen riskiere, begnüge ich mich mit den restlichen Erdnüssen.
  2. einer Handlung, die die Situation im eigenen Interesse zu steuern versucht,(1) Jens setzt zu einem Überholmanöver an, das seinen Blutdruck auf 180 treibt.
    (2) Jens nimmt den Fuß vom Gas.
  3. begleitenden kognitiven Beurteilungen des Ereignisses,(1) So ein Penner! Wo hat der denn seinen Führerschein gemacht?
    (2) Man sollte sich Wegschnecken zum Vorbild nehmen. Dann hat man weniger Stress.
  4. und einem emotionalen Erleben, das entweder in Handlungsimpulse übergeht oder Bewusstseinsprozesse anstößt, die das Individuum verändern.(1) Erst kocht in Jens der Ärger hoch. Dann kriegt er Angst vor dem, was er riskiert. Schließlich schämt er sich, dass er für eine Tüte Chipse sein Leben aufs Spiel gesetzt hat.
    (2) Jens wird seine Ungeduld bewusst. Als er sein Getriebensein erkennt, lässt die Spannung in ihm nach.

Für die seelische Gesundheit ist der Umgang mit der emotionalen Komponente ausschlaggebend. Gefühle können angenommen und bewusst durchlebt werden. Oder sie werden abgewehrt; um sie aus dem Bewusstsein zu verdrängen und ihre Wirkung abzuschwächen.

Viele wehren sich gegen das, was sie eigentlich sind. Sie geben sich sich selbst nicht hin, sondern klammern sich an ihre Bilder.

3. Umgang mit Erfahrungen

Wer lebt, macht Erfahrungen. Das ist unvermeidlich; weil Leben Erfahrungen machen heißt. Erfahrungen können unterschiedlich erlebt werden: als angenehm oder als unangenehm. Angenehme Erfahrungen sind angenehm, weil man sie gerne annimmt. Unangenehme heißen unangenehm, weil man sie lieber nicht annehmen würde. Dass vom Nehmen die Rede ist, zeigt an, dass die Begriffe angenehm und unangenehm keine objektiven Eigenschaften benennen, die allein dem erfahrbaren Ereignis anhaften. Sie weisen vielmehr auf die Haltung dessen hin, der die Erfahrung macht.

Ungeachtet dessen, wie man eine Erfahrung empfindet, kann man unterschiedlich darauf reagieren.

Entwicklungen
So hat es das Leben eingerichtet: Wenn man jung ist, neigt man dazu, Erfahrungen sorglos einzugehen.
  • Man hat noch wenig Erfahrung, aus der heraus man Vorsicht üben könnte.

  • Man hat Beschützer, die Schlimmeres verhindern: Eltern, unverbrauchte Kraftreserven, das Jugendstrafrecht, organismische RegenerationskräfteJe älter man wird, desto länger tut es weh, wenn man sich den Fuß verstaucht., jugendlichen Liebreiz, der den einen oder anderen Geschädigten milde stimmt.

Fast immer würde es aber übel enden, setzte man Erfahrung nicht in wachsende Voraussicht um. So kommt es, dass Ältere dazu neigen, Erfahrungen zu steuern.

3.1. Zulassen

Beim Zulassen von Erfahrungen greift man wenig in den Gang der Dinge ein. Man...

Erfahrungen so zuzulassen, wie sie kommen, ist vorurteilsfrei. Statt von vornherein festzulegen, auf welche Erfahrungen man sich einlässt und auf welche nicht, lernt man das Leben von allen Seiten kennen.

Der Vorteil des Zulassens ist Erkenntnisgewinn und Trans­formation. Das Individuum reift mit den Erfahrungen, die es macht.Seit Frank in Utrecht studiert, hat er sich sprunghaft entwickelt.

3.2. Steuern

Erfahrungen bewirken zweierlei:

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Erfahrungsprozesse zu steuern. Man kann...

Machtkämpfe
Jede Erfahrung wirkt. Nicht jeder vertraut aber darauf, dass Erfahrungen zu seinen Gunsten wirken. Wer nicht darauf vertraut, dass er aus jeder Erfahrung, die er macht, Nutzen ziehen kann, fängt an, mit Erfahrungen um die Macht zu kämpfen. Er überlässt sich nicht mehr. Statt dessen versucht er, Erfahrungen zu steuern. Oft übertreibt er dabei. Statt Erfahrungen zu sammeln, wehrt er sie ab... und steht dann mit leeren Händen da.
Manche Erfahrung sieht aus, als sei sie nur Mist. Mist ist jedoch ein guter Dünger. Man muss ihn an die richtige Stelle schütten. Dort tut er manchmal Wunder.Beim Kiffen hat Claudia Erfahrungen gemacht, die noch unangenehmer als Karies waren. Jetzt lässt sie die Finger davon und betreibt Meditation. Wenn es so weitergeht, wird sie noch richtig vernünftig.
3.2.1. Vermeiden / umgehen

Kaum jemand macht das nicht: Erfahrungen, die unangenehm werden könnten, von vornherein zu vermeiden.

Die gezielte Vermeidung unangenehmer Erfahrungen macht Sinn; wenn sie gezielt erfolgt und man nicht querbeet alles vermeidet, was unangenehm sein könnte. Wenn sich das Unangenehme bloß schlecht anfühlt, ist es halb so schlimm. Wenn es etwas Wertvolles beschädigt, ist es bedenklich.

3.2.2. Entkräften / abbrechen

Das Leben ist zu komplex, als dass man von vornherein alle unangenehmen Erfahrungen vermeiden könnte. Wahrschein­lich wäre das auch nicht sinnvoll; denn unangenehme Erfahrungen stoßen seelische Prozesse an, die sich im nachhinein als heilsam erweisen. Das können sie aber nur, wenn der Zyklus des Erfahrens nicht entkräftet oder unterbrochen wird.

Irrige Gleichsetzung
Ich habe schlechte Erfahrungen gemacht: Das hört man oft. Analog wird von negativen Erfahrungen gesprochen. Die Begriffswahl schlecht bzw. negativVon lateinisch negare = verneinen, bestreiten, ablehnen. zeigt an, dass der Sprecher Erfahrungen bewertet; statt sie zu erleben. Besser als von guten bzw. schlechten Erfahrungen zu sprechen, ist es, sie als angenehm bzw. unangenehm zu bezeichnen. Unangenehme Erlebnisse können tatsächlich wahrgenommen werden. Ob eine Erfahrung aber gutTobias hat von Fliegenpilzen Bauchweh bekommen. Seitdem ist er beim Sammeln vorsichtig. Die Erfahrung mit den Fliegenpilzen hat ihn wenig später davon abgehalten, auch den hübschen Satansröhrling zu probieren. War die Erfahrung mit den Fliegenpilzen nun gut oder schlecht? oder schlecht ist, ist nichts als ein Vorurteil, das den Vorgang des Erfahrungmachens stört.

Heike durchlebt den Zyklus der Erfahrung. Sandra bricht ihn ab. Dabei gilt: Konnte eine unangenehme Erfahrung nicht vermieden werden, ist es besser, man erlebt ihr emotionales Echo bis zu seinem Ende, als dass man das Echo, weil es wehtut, unterdrückt.

3.2.3. Aufsuchen

Erfahrungen können aufgesucht werden. In der Regel wird es sich um solche handeln, die man als angenehm empfindet.

Man kann gezielt unangenehme Erfahrungen aufsuchen, um ihre Transformationskraft zu nutzen.

Und zum dritten: Man kann gezielt Erfahrungen aufsuchen, um die Wirkung anderer Erfahrungen aufzuheben.

3.3. Stile des Erlebens

Den beschriebenen Grundarten des Umgangs mit Erfahrung sind zwei Stile zuzuordnen. Der eine legt den Schwerpunkt auf die Wirkung, die in der Außenwelt zu erzielen ist, der andere auf Erkenntnis und Betrachtung des seelischen Innenraums.

Stile des Erlebens

Wirkung Betrachtung
Bewerten, beurteilen, planen, zurückweisen, fordern, kontrollieren, überwachen Wahrnehmen, zulassen, erfahren, erkunden
Es wird mir umso besser gehen, je mehr ich die Welt an meine Vorstellungen anpasse. Je mehr ich von den Strukturen der Wirklichkeit weiß, desto weniger werde ich mich daran stoßen.
Die anderen sollen so sein, wie ich es für richtig halte. Wenn ich erkenne, wie es mir mit den anderen ergeht, kann ich Beziehungen so gestalten, dass sie mir entsprechen.

Man kann sich am gewünschten Effekt orientieren oder an der Treue zu sich selbst. Orientiert man sich am Effekt, kann es sein, dass man sich übersieht. Bleibt man sich treu, sind die Effekte langfristig gut. Nachhaltigen Erfolg hat nur, was seinem Wesen entspricht.

Wer den Schwerpunkt auf Wirkung legt, muss wachsam sein; um zu verhindern, dass die Welt sich seinem Einfluss entzieht. Wer den Schwerpunkt auf Erfahrung legt, kann achtsam sein; weil Erfahrung umso fruchtbarer wird, je gründlicher man sie durchlebt.

4. Störungen des Erfahrungszyklus

Es gibt zweierlei Leid: existenzielles und neurotisches. Existenzielles Leid ist notwendig, neurotisches selbst­verursacht. Notwendiges Leid wendet größere Not ab. Es ist unverzichtbar, um Prozesse zum Guten zu wenden. Selbst­verursachtes Leid ist eigentlich überflüssig. Es entsteht, weil man das notwendige nicht annehmen will.

Der Kernmechanismus, der bei der Entstehung neurotischen Leids zum Zuge kommt, liegt in der Vermeidung oder willkürlichen Unterbrechung von Erfahrungszyklen.

4.1. Grundlagen

Die Ursachen der menschlichen Neigung, Erfahrungszyklen zu vermeiden oder abzubrechen, liegen in den Grundbedingungen des Daseins. Sie lassen sich zwei Ebenen zuordnen:

  1. der ontologischenVon griechisch on (ον) = seiend. Ontologie ist die Lehre von der Struktur des Seins an sich. Ebene
  2. der anthropologischenVon griechisch anthropos (ανθρωπος) = Mensch. Anthropologie ist die Lehre von den Lebensumständen der Spezies Mensch. Ebene
Was mein Selbstbild in Frage stellt, ist schädlich. So spricht die physiologische Grundparanoia der egozentrischen Realitätsdeutung.
4.1.1. Ontologische Wurzel

Der Mensch weiß um seine persönliche Existenz. Sobald er sich gewahr wird, dass es ihn als unterscheidbares Individuum gibt, macht er sich ein Bild von dem, was dieses Individuum ausmacht. Er entwirft ein Selbstbild... mit dem er sich spontan gleichsetzt. Er sagt: Das bin ich. Ich bin so und so... und nicht anders. Ich habe eine ganz bestimmte Identität. An der will ich festhalten. Ich werde abwehren, was sie gefährden könnte. Das Hauptkriterium der ontologischen Wurzel ist die dualistische Grundstruktur des Diesseits.

Erfahrungen können angenehm oder unangenehm sein. Sie sind angenehm, wenn sie das Selbstbild bestätigen. Sie sind unangenehm, wenn sie es in Frage stellen. Da Infragestellungen des Selbstbilds verunsichern,... und man lieber Sicherheit hätte... neigt man dazu, unangenehme Erfahrungen zu vermeiden.

4.1.2. Anthropologische Wurzel

Als Exemplar einer biologischen Spezies war der Mensch stets einer Umwelt ausgesetzt, die unzählige Gefahren barg. Unangenehme Erfahrungen zu vermeiden, ist daher nicht nur ein psychologisches Risiko, das den Erfahrungshorizont schmälert. Es ist auch eine überlebensnotwendige Strategie, die es überhaupt erst ermöglicht, dass man psychologische Risiken eingehen kann.

Der Preis den das Leben vom Menschen für das Gute fordert, ist es, all das anzunehmen, was er tatsächlich in sich findet; auch und erst recht, wenn es ihm nicht gefällt.
4.2. Pathologische Muster

Dass die Vermeidung unangenehmer Erfahrungen biologisch gesehen Sinn machen kann, heißt nicht, dass es immer so wäre; vor allem nicht für die seelische Entwicklung. Im Gegenteil: Ohne unangenehme Erfahrungen wäre eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung nicht möglich. Der Mensch entwickelt sein volles Potenzial, wenn er unterwegs dorthin das Unausweichliche erleidet.

Nein, wir sind von Natur aus keine Helden. Wir sind Geschäftsleute und zwar nicht immer die mit voller Kaufmannsehre. Deshalb wollen wir das Gute vom Leben, ohne ihm den Preis zu zahlen, den es dafür haben will. So kommt es, dass der Mensch ein Meister der Vermeidung ist, aber weit davon entfernt, ohne Wenn und Aber zu sich selbst zu stehen. Erlebnisweisen, die nicht zu seinem Selbstbild passen, weist er, wenn es geht, zurück. Den Hebel der Vermeidung setzt er an verschiedenen Punkten an.

Unterbrochene Updates

Glauben Sie, es ist eine gute Idee, die Installation von Updates zu unterbrechen, weil man keine Geduld hat, den Download abzuwarten?

Was für den Computer Updates, sind Erfahrungen für die Psyche. Wie beim Computer kommt es auch für eine erfolgreiche Aktualisierung der Psyche darauf an, dass man das Update ganz herunterlädt; und nicht nur einen Teil davon, weil einem der Rest missfällt. Erst wenn Erfahrungen vollständig angenommen werden - und dazu gehört es, ihre emotionale Qualität uneingeschränkt zu durchleben - sind sie in der Lage, die Funktionalität der Psyche auf den neuesten Stand zu bringen.

4.2.1. Vermeidungsstrategien

Varianten

Nicht hinter jedem Vermeidungsverhalten steht Angst. So mancher vermeidet alles, was ihm irgendwie unangenehm ist. Eine griffige Bezeichnung dafür ist das egozentrisch-vermeidende Muster vom Tamas-Typ.

Ein Musterbeispiel dessen, der unliebsame Erfahrungen von vornherein vermeidet, ist die ängstlich-vermeidende Persönlichkeit.

Wiebke..

Damit verwandt ist das Muster der abhängigen Persönlichkeit: Sie überlässt Initiative und Führung stets den anderen. So umgeht sie die Erfahrung, für Entscheidungen, die man im nachhinein bereut, verantwortlich zu sein. Typische Abwehrmechanismen vermeidender und abhängiger Persönlichkeiten sind Fixierung und Regression.

Obwohl es Erfahrungen gibt, die man kaum verkraften kann, könnte sich jede in einen Schatz verwandeln.
4.2.2. Erfahrungsabbruch

So mancher lässt sich auf Erfahrungen zwar ein, aber nur solange Aussicht besteht, dass sie durchgehend erfreulich bleiben. Tauchen Misslichkeiten auf, stellt er fest, dass die äußeren Bedingungen nicht stimmen. Dann bricht er die Ereigniskette als Ganzes ab.

Zwiespältige Erfahrungen vorzeitig abzubrechen, ist ein Muster, das gehäuft bei ADHS oder emotional-instabilen Persönlichkeiten vorkommt.

4.2.3. Entkräftungsstrategien

Als dritte Variante sind die Entkräftungsstrategien zu nennen. Dabei wird die äußere Ereigniskette der Erfahrung zwar durchlebt, die Wirkung ihrer emotionalen Komponente auf den Erfahrenden aber ganz oder teilweise abgewehrt. Zu diesem Zweck steht eine Palette von Abwehrmechanismen zur Verfügung, die je nach individueller Ausgangslage einzeln oder kombiniert zur Anwendung kommen.


Erfahrung und entkräftende Abwehr
Abwehrmechanismus Beispiel Abgewehrte Erfahrung
Abwertung Wäre Nadine keine eingebildete Tussi, hätte sie meine Ein­ladung angenommen. Sich entwertet zu fühlen
Affektisolierung Dass Nadine mich nicht mag, berührt mich überhaupt nicht. Enttäuschung
Altruistische Abtretung Wichtig ist einzig, dass es dir gut geht. Wie gerne man selbst etwas hätte
Dramatisierung Ich war auf der geil­sten Party aller Zeiten. Wie uninteressant man sich vorkommt
Projektion Die Ungläubigen werden vom Bösen beherrscht. Die eigene Bosheit
Rationalisierung Meine Traurigkeit kommt von der Transmitterstörung. Dass Traurigkeit zu mir selbst gehört
Reaktionsbildung Da ich mich über Nadines Zurückweisung ärgere, bin ich besonders nett zu ihr. Zu erleben, wie mich jemand aus der Fassung bringt
Rechtfertigung Ich habe das nur getan, weil ich dachte, du freust dich darüber. Wie es sich anfühlt, wegen dem, was man tat, in der Kritik zu stehen
Spaltung Erst dachte ich, Nadine sei ein Engel. Jetzt weiß ich, dass sie eine Schlampe ist. Die Widersprüchlichkeit des eigenen Erlebens
Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere
Ungeschehenmachen Wenn ich etwas Böses gedacht habe, bete ich drei Rosenkränze. Angst vor Strafe
Verdrängung
Verleugnung
Ich bin Nadine wirklich nicht böse. Wegen einer Zurück­weisung gekränkt zu sein

Während die Manipulation spontaner Erfahrungszyklen bei der Vermeidungsstrategie und beim Abbruch von Erfahrungsketten offensichtlich ist, sind Entkräftungsstrategien oft gut in übliche Verhaltensmuster eingebaut, sodass man sie nicht als Ausweich­manöver erkennt. Akzentuierte Persönlichkeiten wenden bestimmte Abwehrmecha­nismen bevorzugt an. Dadurch ergeben sich Besonderheiten bei ihrem Umgang mit Erfahrungen.

Persönlichkeitsvariante und Umgang mit Erfahrungen

Variante Besonderheit
Paranoide Persönlichkeit Vertraut sich nicht an. Vermeidet Erfahrung der Zugehörigkeit.
Schizoide Persönlichkeit Vermeidet Erfahrung des Fremdbestimmt­seins und des Unvermögens, mit anderen zu konkurrieren.
Dissoziale Persönlichkeit Sieht nur in solchen Erfahrungen einen Wert, die ihr greifbare Vorteile bringen. Vermeidet Erfahrung von Abhängigkeit und Gemeinsamkeit.
Emotional-instabile Persönlichkeit Bricht Erfahrungen ab, wenn sie zwiespältig werden.
Histrionische Persönlichkeit Bevorzugt Spektakuläres. Kann mit Stille nichts anfangen.
Zwanghafte Persönlichkeit Versucht Ablauf jeder Erfahrung zu kontrollieren.
Ängstlich-vermeidende Persönlichkeit Vermeidet riskante Erfahrungen.
Abhängige Persönlichkeit Vermeidet Risiko der Verantwortung.
Narzisstische Persönlichkeit Bevorzugt Erfahrungen, die ihren Wert und ihre Überlegenheit bestätigen.
Dysthymie / Depressive Persönlichkeit Nimmt unangenehme Erfahrungen geduldig in Kauf.
Passiv-aggressive Persönlichkeit Vermeidet offene Konflikte.
Multiple Persönlichkeit Ordnet unterschiedliche Erfahrungen verschiedenen Identitäten zu.
Schizotype Persönlichkeit Gleicht die Deutung von Erfahrungen nicht mit dem Umfeld ab.