Man muss von niemandem verstan­den werden, außer von sich selbst.

Ob man sich allein einsam fühlt, hängt davon ab, ob man sich selbst genügt oder ob man glaubt, dass man von anderen ergänzt werden muss.

Nur wer den eigenen Wert erkennt, genügt sich selbst. Nur wer sich selbst genügt, lässt den anderen sein, wie er ist. Nur wer den anderen sein lässt, wie er ist, kann frei zwischen Begegnung und Rückzug wechseln.

Niemand verantwortet jemandes Einsamkeit.

Einsamkeit / Alleinsein


  1. Begriffsbestimmung
  2. Einsamkeit
  3. Alleinsein
  4. Vermeidungen
  5. Begegnung

Von außen betrachtet sind Einsamkeit und Alleinsein kaum voneinander zu unterscheiden. Tatsächlich sind es aber unterschiedliche Erlebnisweisen. Der Unterschied liegt in der Ausrichtung des Bewusstseins und den emotionalen Folgen, die der Unterschied nach sich zieht.

1. Begriffsbestimmung

Die Untersuchung des Begriffs allein fördert wichtige Einsichten zutage. Allein ist eine Bildung aus all und ein. All gehört im Sinne von ausgewachsen zur Wortgruppe um alt, die ihrerseits auf den indogermanischen Ursprung al- = wachsen zurückgeht. Allein sein zu können, entspricht einem Zustand der Reife. Wer allein sein kann, ist jenem Zustand entwachsen, in dem er noch keine autonome Einheit war: dem Zustand der Kindlichkeit.

Auch im Begriff einsam finden wir das Zahlwort eins. Was ihm aber fehlt, ist das all; und somit der Hinweis, dass die betreffende Einheit durch Wachstumsprozesse autonom geworden ist. Einsamkeit entspricht einem Zustand, der die eigene Einheit nicht umfasst, sondern der einen bloß von den anderen trennt.

2. Einsamkeit

Wenn Sie einsam sind, dann...

  • richten Sie den Blick auf das Hier-und-Jetzt.
  • erforschen Sie, was in Ihnen selbst geschieht.
  • nutzen Sie die Zeit, sich zu entdecken.
  • erkennen Sie alles und...
  • bewerten Sie nichts.

Objektkonstanz

Als Objektkonstanz bezeichnet die Psychologie die Fähigkeit des Kindes, die körperliche Abwesenheit der Mutter hinzunehmen, weil es ihre emotionale Gegenwart in seinem Bewusstsein aufrechterhalten kann.

Die Fähigkeit zur Objektkonstanz ist eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Autonomie. Volle Autonomie geht darüber hinaus. Sie erkennt das schützende Gute im eigenen Selbst.


Der Einsame richtet sein Bewusstsein auf abwesende Personen, deren Zuwendung er vermisst. Da er sich nur wertvoll fühlt, wenn sein Wert von anderen bestätigt wird, erlebt er sich, allein gelassen, wertlos und verloren. Da er diese Gefühle nicht wahrhaben will, setzt er alles daran, sie aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Dazu schaut er von sich weg und versteift seinen Blick erst recht in die unbestimmte Ferne, wohin die Personen, deren Bestätigung er zu brauchen glaubt, verschwunden sind. Im Schatten seiner Achtsamkeit fürchtet er sich selbst als Vakuum. Die Gegenwart wird als bedrückende Leere empfunden. Einsamkeit wird vor allem von Menschen erlebt, die abhängige Verhaltensmuster praktizieren. Denkbar ist aber auch, dass paranoide Beziehungsideen Abwehrphantasien gegen Einsamkeits­gefühle sind.

3. Alleinsein

Wer allein mit sich ist, ohne sich einsam zu fühlen, glaubt im Gegensatz dazu nicht, dass nur die Liebe anderer ihm Wert verleiht. Daher begreift er das Alleinsein als Gelegenheit, sich ungestört mit der eigenen Aufmerksamkeit zu versorgen. Sein Blick bleibt in der Nähe, wo er die Gegenwart als Fülle erlebt. Wer sich seiner selbst bewusst ist, kann den Wert des Alleinseins schätzen.

Erfahrungsfelder

Einsamkeit Alleinsein
Blickt nach außen. Blickt nach innen und außen.
Übersieht sich. Erkennt sich.
Denkt ans Dort-und-Dann. Bleibt im Hier-und-Jetzt.
Hegt Ansprüche und Erwartungen. Pflegt Selbstgenügsamkeit.
Bedürftig nach Zugehörigkeit. Strebt nach Selbständigkeit.
Anpassungsbereit Selbstbestimmt
Vereinnahmend Respektierend
Verdrängt "schlechte" Gefühle. Durchlebt Gefühle, wie sie kommen.
Deutet Unerfülltsein von Bedürfnissen als Mangel der Einheit. Deutet Unerfülltsein von Bedürfnissen als Teil der Einheit.


Kindliches Erfahrungsfeld Entwachsenes Erfahrungsfeld

4. Vermeidungen

Bei der Wahl zwischen Begegnung und Rückzug können verschiedene Motive bedeutsam sein.

Selbstbewusst ist, wer sich dessen bewusst ist, was ihn selbst ausmacht. Manches, was mich ausmacht, entdecke ich beim Alleinsein, anderes nur, indem ich anderen begegne.

Ohne die anderen kann ich mich nicht finden. Ohne sie zu verlassen, verliere ich mich.

5. Begegnung

Begegnung ist mehr als Gemeinsamkeit. Man kann zehn Jahre gemeinsam zur Arbeit gehen, ohne sich je zu begegnen. Man kann Kinder betreuen, ohne für sie jemals als individuelles Gegenüber erreichbar zu sein.

Konfluenz

Konfluent (= zusammenfließend) nennt man eine Kontaktaufnahme, die Gemeinschaft durch Übernahme gruppenspezifischerIndem man ihr ohne Bestimmung des eigenen Standpunkts immer Recht gibt, kann man auch mit einer einzelnen Person konfluieren. Regeln betreibt. Dabei entsteht kaum echter Kontakt. Konfluenz beruht auf dem Versuch, Einsamkeit zu vermeiden.

Wirklich zu einer Gemeinschaft gehört nur, wer es bei Bedarf riskiert, in der Gemeinschaft allein zu stehen;... falls die Gemeinschaft tatsächlich Interesse an der Individualität jener Person hat, die zu ihr stößt.

Gemeinschaften, die individuelle Sichtweisen missbilligen, fördern Vereinzelung unter dem Deckmantel scheinbarer Verbundenheit.

Angebote zur Konfluenz gibt es zuhauf. Alle Gemeinschaften, die sich um eine unverrückbare Lehre scharen, bieten scheinbare Gemeinsam­keit im Tausch gegen Zustimmung. Echte Gemeinschaft entsteht nicht durch bloße Vereinbarung einheitlicher Verhaltensmuster. Sie bedarf der Begegnung autonomer Personen.

Ein großer Teil dessen, was Gemeinschaften ausmacht, schöpft das Potenzial nicht aus. Häufig entbehrt Gemeinschaft echter Begegnung. Oft ist sie nur Rollenspiel, Gewohnheit, Stützkorsett bei fehlender Eigenständigkeit oder das Resultat vermiedener Abgrenzung gegenüber bloßem Gruppendruck. Obwohl fast jeder einem Netzwerk von Beziehungen angehört, ist Einsamkeit daher weit verbreitet.

Der sicherste Weg, chronischer Einsamkeit zu entkommen, liegt in der kreativen Nutzung des Alleinseins. Von dort aus ist es leichter, echte Gemeinsamkeit zu finden.