Jedes Sein enthält Leid, weil jedes Sein ein Begrenztsein ist, das Wesen des Seins aber im unbegrenzten Seinkönnen liegt.

In jeder Existenz liegt Trauer, da jede Existenz ein Gefangensein in ihren eigenen Grenzen ist.

In der Trauer berührt das Ego die Wirklichkeit. Es kann wach werden oder in Bilder fliehen.

Ohne Trauer gibt es keinen Frieden; weder in der Welt, noch mit dem Leben, noch mit sich selbst.

Trauer


  1. Begriffsbestimmung
  2. Funktion der Trauer
  3. Einordnung und Verlauf
  4. Abwehrstrategien

1. Begriffsbestimmung

Trauer ist mit dem gotischen Verb driusan = fallen und dem altenglischen Verb drusian = sinken, kraftlos werden verwandt. Der Begriff leitet sich vermutlich von den typischen Gebärden und Haltungen eines Trauernden ab. Der Trauernde lässt den Kopf sinken, schlägt die Augen nieder und fällt vor der Übermacht des Schicksals kapitulierend zu Boden.

Vieles spricht dafür, dass die Begriffe triefen, Träne, Tropfen und Traufe nicht nur thematisch mit der Trauer verwandt sind, sondern auch sprachgeschichtlich in der indogermanischen Wurzel drakru einen gemein­samen Vorfahren mit ihr haben. In der Fallbewegung der Träne, die sich der Schwerkraft überlässt und im Boden versickert, spiegelt sich das seelische Phänomen der Trauer wider.

Trauer und Trauma
Ob die Begriffe Trauer und Trauma sprachge­schichtlich so eng miteinander verwandt sind, wie der Stabreim ihres Gleichklangs es zu unterstellen scheint, könnte zum Thema der Diplomarbeit eines begeisterten Etymologen werden. Ungeachtet dessen haben Trauer und Trauma viel miteinander zu tun. Trauer ist eine seelische Reaktion auf traumatisierende Verluste. Traumatherapie ist daher stets auch Trauertherapie.

2. Funktion der Trauer

Wir setzen der Wirklichkeit Ansprüche, Erwartungen und Hoffnungen entgegen. Wir bemühen uns, die Dinge so zu beeinflussen, dass unsere Erwartungen in Erfüllung gehen. Wir glauben, dass etwas uns gehört. Da unser Verstand aber ebenso begrenzt ist wie unser Einfluss auf den Lauf der Dinge, werden unsere Hoffnungen oft enttäuscht.

Im Kampf ums Dasein ist es durchaus sinnvoll, dass man sich auf einmal gefasste Positionen versteift und zuweilen das, was man besitzt, um keinen Preis wieder hergeben will. Eigensinn und Willensstärke führen oft zum Erfolg. Das Ego sagt: Ich will! ... und überwindet, gerade wegen seines blinden Wollens, so manches Hindernis.

Da unser Verstand aber begrenzt ist, entsprechen die Positionen, auf die wir uns versteifen, nur selten der Weisheit letztem Spruch. Wenn der Fluss des Lebens weiterfließt, muss deshalb der Turm, den unser Eigensinn errichtet hat, in den Fluten untergehen.

Hiobsbotschaften
Die biblische Geschichte um Hiob, dem es gelang, ungeachtet aller Verluste, am Vertrauen in das Gute festzuhalten, gibt ein Beispiel für die heil­same Wirkung tapfer durchlebter Trauer. Trauer kann umso eher durchlebt werden, je mehr man das wahrhaft Gute nicht im Vorübergehenden sieht, das einem vom Leben gegeben und wieder genommen werden kann, sondern im Unverlier­baren, mit dem man sich verbunden fühlt und dem man die Treue hält. In der dualistischen Metapher der Bibel ist das Unverlierbare als entrückter Gott beschrieben. Im monistischen Bild mystischer Religion gilt als das entrückt Unverlierbare nicht ein wesenhaft Anderer, sondern das wesengleich Eigene jenseits aller Identifikationen.

Beim Fall kleiner Türme zucken wir getrost mit den Schultern. Beim Fall der großen trifft uns Trauer. In der Trauer lässt das Ego die Waffen sinken. Es akzeptiert, dass die Wirklichkeit anders entschieden hat, als es selbst es für richtig hielt. In der tiefsten Trauer gibt es sich eine Zeit lang auf. Dadurch erfährt sein Selbstbild eine Korrektur. Die Tränen waschen den Blick auf die Tatsachen frei. Das Ego sagt: So sei es. Verweigert das Ego Trauer, bleibt es nach einem Verlust in der Wut darüber gefangen, dass es von der Welt über­wältigt wird. Es verweigert sich dem Leben und verschanzt sich stattdessen in Bitterkeit.

Trauerarbeit

Der Kern der Trauerarbeit besteht in einer Korrektur des Selbstbilds. Vor dem Verlust ist das Selbstbild eng mit dem verwoben, was verloren geht.

Je mehr mein Selbstwertgefühl von der Rolle abhängt, die mir durch eine wichtige Beziehung zukommt, desto mehr werde ich durch den Verlust erschüttert. Wenn die Liebe der schönen Hannah oder das Geld, das ich besaß, alles war, was mir etwas bedeutet hat, kann Trauerarbeit sehr mühsam sein.

Wird Trauer bis zu ihrem Ende durchlitten, entsteht ein neues Selbstbild. Dabei wird das Selbstwertgefühl tiefer im tatsächlichen Selbstsein verankert. Es kommt zu einer Phase posttraumatischen Wachstums.

3. Einordnung und Verlauf

Typische Phasen

nicht wahr haben wollen
Verleugnung

emotionales Chaos

loslassen

Akzeptanz

Bei der Trauer handelt es sich um eine seelische Belastungsreaktion. Die Internationale Klassifikation der Krankheiten hat sich entschieden, sie den Anpassungsstörungen (ICD-10: F43.2) zuzuordnen. Obwohl Trauer keine Krankheit ist, ist es berechtigt, sie als Anpassungsstörung zu bezeichnen; denn in der Tat: Solange die Trauerreaktion abläuft, ist die Anpassung zwischen Individuum und äußerer Wirklichkeit gestört. Wenn Trauer mit den Notwendigkeiten gesunder seelischer Verarbeitungsprozesse übereinstimmt, bezieht sich der Begriff Störung jedoch nicht auf das Verhältnis zwischen dem Individuum und sich selbst.

Der Verlauf von Trauerreaktionen auf schwere Verluste ist in hohem Grade uneinheitlich.

4. Abwehrstrategien

Trauer gehört zu den Gefühlen, die man lieber gar nicht hätte. Sie ist unangenehm, weil sie uns an unsere Hinfälligkeit erinnert. Lieber wären wir ständig froh. Lieber könnten wir glauben, das Leben sei eine Quelle unerschöpflicher Triumphe für Siegernaturen; wie wir welche sind. Trauer dagegen signalisiert einen Verlust; und sie zu durchleben ist harte Arbeit, bei der das Ego der Wirklichkeit ins Auge schaut. Deshalb neigen wir dazu, der Trauer aus dem Weg zu gehen. Wir überspielen sie, wir verleugnen sie, wir stürzen uns in Aktivitäten oder wir erklären sie zu einem krankhaften Störfall, den man besten durch Chemikalieneinsatz beendet.

4.1. Pathologisierung

Eine moderne Strategie, sich der Trauerarbeit zu entziehen, besteht darin, Trauer als Krankheit zu bezeichnen. Heute neigt man dazu, die schmerzhafte Seite des Daseins als pathologisch abzutun. Wir bilden uns ein, dass seelische Gesundheit und dauerhaftes Glück das Gleiche sind. Wo man früher traurig, niedergeschlagen, schwermütig oder unglücklich war, ist man heute depressiv.

Dieses Pathologisieren der Trauer ist eine Spielart der Rationalisierung. Wird Trauer durch einen Verlust herbeigeführt, dessen Bedeutung leicht einzusehen ist - zum Beispiel einen Todesfall - ist die Gefahr einer Pathologisierung zunächst gering.

Trauer wird aber nicht nur durch wuchtige Verlusterlebnisse ausgelöst. Sie kann sich auch langsam entwickeln; etwa wenn sich eine verborgene Hoffnung im Laufe der Zeit als irrig erweist. In einem solchen Fall befällt die Schwermut ihr Opfer schleichend oder sie bricht sich plötzlich die Bahn sobald ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt.

Trauer und Depression
Es liegt an der Vielfalt des Lebens, dass die Unterscheidung zwischen Trauer und Depression oft schwerfällt. Wird Trauer verweigert, indem man sich nach einem Verlust in Aktivitäten stürzt oder die Bedeutung des Verlusts verleugnet, kann die aufgeschobene Trauer zu einer Depression führen. Auch hier sind die Übergänge fließend.

Pauschal kann man sagen:

  • Bei der Trauer ist der Sinnzusammenhang zwischen Gefühl und Erlebnis bewusst.
  • Bei der Depression wird der Sinnzusammen­hang nicht erkannt; oder es besteht keiner (zum Beispiel bei organisch begründeten Depressionen).Wobei auch diese Aussage fragwürdig ist, denn die Einschränkungen, die eine organische Erkrankung verursacht, können auf psychischer Ebene durchaus als Verluste betrauert werden.

Sonderurlaub
Ohne dass dort näher darauf eingegangen würde, fallen Regelungen zum Sonderurlaub bei Todesfällen unter §616 BGB. Bleibt der Arbeitnehmer nach dem Tod seines Kindes eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit vom Arbeitsplatz fern, geht sein Anspruch auf Vergütung dadurch nicht verlustig. Nennt der Arbeitsvertrag keine abweichenden Regelungen, stehen Eltern zwei Tage Sonderurlaub zu: einer am Todestag des Kindes, der andere für die Beerdigung.
Urlaub geht auf erlauben zurück. Bereits mittel­hochdeutsch benannte urloup die Erlaubnis, sich aus einem Dienstverhältnis zu entfernen.

Oft erkennt der Schwermütige den Grund seiner Trauer dann nicht. So ein winziger Tropfen kann doch nicht Ursache für so viel Schwermut sein!

Haben sich Gründe zur Trauer aufsummiert, ohne die Deiche zu durchbrechen, kann ein Quäntchen mehr Anlass zum Umschwung sein. In solchen Fällen wird schnell von einer unerklärlichen Depression gesprochen.

4.2. Verleugnung

Wie geht's? Millionenfach wird diese Frage jeden Tag gestellt. Gut! So heißt die Antwort ebenfalls millionenfach. Oft mag sie stimmen. Oft stimmt sie nicht. Wie schon gesagt: Trauer signalisiert Verlust. Verlust kommt von verlieren. Und wer steht gerne als Verlierer da? Was liegt also näher, als Traurigkeit vor anderen zu verleugnen.

Das Problem ist nur: Wer Traurigkeit beharrlich vor den Augen anderer versteckt, verliert sie leicht selbst aus dem Blick. Dann schlummert sie als Gewicht in der Tiefe... und wird nicht bis zu ihrer Auflösung erlebt.

4.3. Hyperaktivität

Zu den Abwehrstrategien gegen Trauer zählt auch Hyper­aktivität. Gewiss: Es gehört zur Gesundung, das Gelähmtsein nach einem schweren Verlust durch Zielsetzung und Tatendrang zu überwinden. Im Einzelfall ist aber zu fragen, wie viel Zusammenbruch durchlebt werden muss, bis der Neubeginn keine Flucht mehr ist.

Lange genug zu trauern fällt heutzutage schwer, weil der Zeitgeist der Wachstumsgesellschaft Trauer als unproduktiv ansieht und ihr daher kaum Spielraum zugesteht. Hat man einen Angehörigen verloren, und will man nach der Beerdi­gung nicht gleich weitermachen, wie bisher, bleibt nur der Gang zu einem Arzt, der die Trauer zur Krankheit erklärt und einen gelben Schein ausstellt; es sei denn der Todesfall findet statt, solange man noch tariflichen UrlaubsanspruchSollte man in der Verwandtschaft sensiblere Naturen haben, empfiehlt es sich daher, Todesfälle eher auf das Frühjahr zu verlegen oder die Verwandtschaft dazu anzuhalten, den Jahresurlaub niemals vor dem 29. Dezember aufzubrauchen. hat. Das, was der Zeitgeist als Sonderurlaub für schwerste Verluste einplant, geht an psychologischen Notwendigkeiten vorbei.

4.4. Trauer als Abwehr gegen Lebensangst

Im Umgang mit Trauer wird nicht nur der Fehler gemacht, sie zu verdrängen. Trauer wird auch missbraucht, um sich vor Ängsten zu schützen. Wer die Gefahren des Lebens mehr fürchtet als eine unterschwellige Traurigkeit, kann sich mit Hilfe schwach dosierter Trauer jene Angst vom Halse halten, die bei einer mutigen Vertretung eigener Interessen zu durchleben wäre.

Solche Phänomene kann man bei Menschen mit depressiven oder ängstlich-vermeidenden Verhaltensmustern erkennen. Die ständige Traurigkeit, die einem Lebensstil folgt, der im Leben niemals richtig zugreift, legt genau jene expansiven Impulse lahm, die zum Zugriff drängen. Hier düngen sich Trauer und Angst gegenseitig das Feld.