Erkennen Sie Ihr Ego. Verdrängen Sie es nicht.

Wer Wollen und Sollen über das Sein setzt, wird neurotisch.

Der Unglückliche glaubt, er sollte glücklich sein. Dem Glücklichen sind Glück und Unglück gleichgültig.

Jedes seelische Trauma besteht aus zwei Teilen: dem äußeren Ereignis und der innerseelischen Reaktion. Das Ereignis mag schädlich sein und seine Wiederholung zu vermeiden, die Reaktion ist ein Teil der Psyche. Wer sie annimmt, wird durch Ereignis und Reaktion bereichert.

Neurose


  1. Neurose und Psychose
  2. Neurose und Persönlichkeitsstörung
  3. Wie Neurosen entstehen
  4. Trauma und Missstand
  5. Wie man Neurosen heilt und verhütet

1. Neurose und Psychose

Alle seelischen Störungen lassen sich zunächst zwei Mechanismen zuordnen, durch die sie im Organismus entstehen.

  1. Psychosen sind Folge organischer Veränderungen und materieller Einflüsse.

  2. Neurosen sind Folge persönlicher Reaktionsweisen auf die innere und äußere Realität.

Polare Gegensätze

Psychose Neurose
Die Ursache der psychischen Symptome liegt jenseits der Psyche. Die Symptome entstehen von innen aus der psychischen Dynamik heraus.
Die Symptome sind nur mittelbar zu beeinflussen; zum Beispiel durch Substanzen, die in den Stoffwechsel eingreifen. Die Symptome sind unmittelbar und mittelbar zu beeinflussen; mittelbar durch Substanzen, unmittelbar durch seelische Aktivität, also durch Erkenntnis, Wahrnehmung, Deutung und Willensakte.
Kann durch Substanzen verursacht werden. Wird auch absichtlich herbeigeführt, um die Symptome von Neurosen auszugleichen; zum Beispiel durch den Einsatz von Substanzen, die das Bewusstsein verändern. Kann zum Substanzmissbrauch führen, im Sinne einer krankhaften Lösungsstrategie.

Der neurotische und der psychotische Mechanismus der Krankheitsentstehung kann als polarer Gegensatz dargestellt werden. Der Mensch ist jedoch eine psychosomatische Einheit. Im konkreten Fall kommt es oft zu einer Vermischung beider Elemente. Die polare Klarheit geht verloren.

Subjektive Diagnostik

Die Körpermedizin hat messbare Fakten vor sich. Sie misst Laborwerte, Blutdruck, Fieber und Herzfrequenz. Beim Röntgen sieht man Knochenbrüche und Tumore. Mit dem Stethoskop hört man verdächtige Geräusche.

Die Psychiatrie hat es schwerer. Nichts von dem, was sie zu heilen versucht, ist durch objektive Mittel messbar. Auch Psychotests sind Ausdruck subjektiver Denkmodelle. Deshalb sind diagnostische Kategorien nur unscharf abzugrenzen. Niemand kann verbindlich entscheiden, was als normal, neurotisch, psychotisch oder persönlichkeitsgestört aufzufassen ist.

1.2. Psychogene Psychosen

Nicht alles, was wie eine organisch, endogenEndogen heißt von innen heraus. Gemeint ist dabei nicht aus der Persönlichkeitsdynamik heraus, sondern aus der stofflichen Grundlage heraus. Der Begriff bezeichnet die vermutliche Ursache endogener Psychosen sowie endogener Depressionen und Manien. Als deren Ursache nimmt man Stoffwechselstörungen an. oder stofflich verursachte Störung aussieht, ist eine Psychose im eben definierten Sinne. Psychotische Symptome, zum Beispiel Wahn, können auch durch seelische Aktivität verursacht werden. Man spricht von einer psychogenen PsychoseMan könnte das Phänomen auch als "neurotische Psychose" bezeichnen. Der Begriff ist jedoch nicht eingebürgert..

Ob seelische Aktivität zu einer Neurose oder zum Bild einer Psychose führt, hängt von der Wahl der Abwehrmechanismen ab. Allen Abwehrmechanismen gemeinsam ist ihr Versuch, die Wirklichkeit anders zu deuten, als sie ist.

Art der Abwehr und ihre Folgen

Der Widerstand gegen die Akzeptanz der Wirklichkeit ist entweder...
neurotisch oder psychotisch
Die Wirklichkeit wird grundsätzlich anerkannt. Die Wirklichkeit wird verworfen.
Die Wahrnehmung der Wirklichkeit wird durch Abwehrmechanismen verzerrt. Die Wirklichkeit wird durch ein Wahnbild ersetzt.

Als Beispiele psychogener Psychosen können paranoide Entwicklungen bei Schwerhörigen oder bei sozialer Isolation sowie die Folie à deuxFranzösisch: Verrücktheit zu zweit. genannt werden.

2. Neurose und Persönlichkeitsstörung

Die Unterscheidung zwischen Neurose und Persönlichkeitsstörung ist theoretisch klar. In der Praxis ist sie oft willkürlich.

Tatsächlich gehen beide Kategorien fließend ineinander über. Persönlichkeitsstörungen werden regelhaft durch chronisch kränkende Erlebnisse hervorgerufen, die nicht angemessen verarbeitet werden. Da die Kränkungen meist in der frühen Kindheit beginnen, ist eine Abgrenzung gegenüber angeborenen Charaktereigenschaften schwierig. Zudem entscheiden angeborene Charaktereigenschaften ihrerseits darüber mit, ob der Betroffene auf Kränkungen angemessen reagiert.

3. Wie Neurosen entstehen

Neurosen entstehen durch die Eigenaktivität der Psyche. Das gilt ebenso für den Teil einer Persönlichkeitsstörung, der keiner angeborenen Charakterneigung entspricht. Um den Grundmechanismus der Patho­genese Pathogenese = Krankheitsentstehung zu verstehen, gilt es, Struktur und Psychodynamik des bewussten Individuums zu betrachten. Zur Struktur gehört der Unterschied zwischen Selbst und Selbstbild. Zur Psychodynamik gehört die Reaktion auf unangenehme Erlebnisse.

3.1. Selbst und Selbstbild

Das bewusste Individuum existiert als faktische Realität. In Wirklichkeit ist es zu jedem Zeitpunkt so, wie es zu diesem Zeitpunkt eben ist. Innerhalb der Wirklichkeit vollzieht es einen Wandlungsprozess. Manches wandelt sich dabei. Anderes bleibt, wie es ist.

Ich-Ideal
Als Ich-Ideal bezeichnet man das Bild des Ich, das man als Soll annimmt. Ich sollte so und so sein. Der normale Mensch geht davon aus, dass er dem Bild zum Teil entspricht. Den anderen Teil nimmt er entweder als fehlend hin, oder er versucht, sich dem Bild anzupassen.

Zum Bewusstsein gehört aber auch, dass sich das Individuum ein Bild von sich macht. Dieses Bild setzt sich aus drei Komponenten zusammen:

  1. Dem, was man vom eigenen Wesen tatsächlich erkennt.
  2. Dem, was man sich einbildet zu sein, weil man es gerne wäre.
  3. Dem, was man anstrebt zu sein, weil man es als Soll betrachtet.

Wie neurotisch ein Mensch ist, hängt von der Ausrichtung seiner seelischen Haltungen, seinen Identifikationen und seinem Urteil über sich selbst ab.

Unterschiede

Gesund Neurotisch
Der Gesunde schaut auf sich selbst. Er versucht zu erkennen, wie er tatsächlich ist. Er neigt dazu, das Erkannte zu akzeptieren. Widersprüche nimmt er als kreative Spannung an. Er vertraut darauf, dass sich Erfolg im Leben einstellt, wenn er sich selbst treu bleibt. Der neurotische Mensch schaut auf den Erfolg. Er fragt nicht, wie er wirklich ist, sondern wie er sein sollte, damit er vom Leben bestätigt wird. Widersprüche deutet er als Schwäche und Missstand. Passt das, was er von sich selbst erkennt, nicht zu seinem Plan, bekämpft er es.
Der Gesunde identifiziert sich mit sich selbst. Der Kranke identifiziert sich mit seinem Selbstbild. Sein Ziel ist nicht die Bejahung seiner selbst, sondern die Verwirklichung seines Ich-Ideals.
Ich bin, wie ich bin. Ich will werden, wie ich sein sollte.
Was ich tatsächlich bin, bejahe ich. Was ich tatsächlich bin, lehne ich ab, wenn es nicht meiner Vorstellung entspricht.

3.2. Kränkung, Erleben und Widerstand

Durch den Lauf der Dinge wird jedes Selbstbild infrage gestellt. Wenn etwas erkennbar wird, was man bisher anders sah, steht man vor der Wahl:

Eine Erkenntnis zu akzeptieren, heißt mehr, als dass man sie abnickt. Wirklich akzeptiert wird eine Wahrheit nur, wenn man die Gefühle, die sie auslöst, bis zum Ende erlebt. Wenn man den Kelch nicht austrinkt, bleibt der Bodensatz zurück. Oft enthält er den eigentlichen Nährstoff.

Bei der Entscheidung, ob man eine Erkenntnis akzeptiert oder nicht, spielt die Qualität der Gefühle, die durch die Erkenntnis ausgelöst wird, eine wesentliche Rolle. Angenehme Gefühle sind leicht zu akzeptieren, unangenehme nicht. Je nachdem, mit welchem Gefühl man auf eine Erkenntnis reagiert, begrüßt man sie oder empfindet sie als Bedrohung, die abzuwehren ist.

Die Entscheidung, die man an dieser Stelle trifft, ist die Entscheidung über gesund oder krank. Weicht man dem Erlebnis unangenehmer Gefühle aus, indem man sich diverser Abwehrmechanismen bedient, um das Unerwünschte aus dem Bewusstsein zu vertreiben, entsteht ein chronischer Konflikt zwischen Selbstbild und Wirklichkeit; und damit zwischen Selbstbild und Selbst, denn das Selbst ist Ausdruck der Wirklichkeit.

Gefühle sind mehr als die Farben der Lebendigkeit. Sie liefern Erkenntnisse, ohne die unser Selbstbild steckenbleibt.
3.2.1. Gefühl und Erkenntnis

Das Gefühl, das durch eine Erkenntnis ausgelöst wird, ist nicht nur eine Reaktion, die man annimmt oder bekämpft. Das Gefühl beinhaltet seinerseits Erkenntnisse. Oft sind es solche, die schmerzlich sind.

Schmerzhafte Erkenntnisse betreffen nicht nur Vorstellungen über unsere soziale Position, sondern auch über die Struktur unserer selbst. Fehlt uns der Mut, der Struktur ins Auge zu sehen, beginnt ein innerer Kampf gegen die Verwirklichung des wahren Selbst. In der Konsequenz vertieft das unsere Selbstwertzweifel.

3.2.2. Ereignis und Reaktion

Um die Gefahr zu mindern, Teile unserer selbst abzulehnen, gilt es, zwischen Ereignis und Reaktion zu unterscheiden. Unterscheiden wir nicht, vermengen wir zwei Kategorien; und schütten das Kind mit dem Bade aus.

Integration
oder
projektive Identifikation?

Der Verursacher eines Gefühls ist nicht das Ereignis oder der, von dem es angestoßen wird. Der Verursacher ist die eigene Neigung, so zu reagieren. Wer seine Reaktion dem Ereignis zuordnet, lehnt nicht nur Verantwortung für sich ab. Er festigt ein Selbstbild, in dem er intime Teile seiner selbst unter der Herrschaft anderer sieht. Wird das sein Selbst­bewusstsein stärken?

Oft fassen wir das Ereignis und unsere Reaktion darauf als Einheit auf. Wir betrachten Gefühle als Begleiterscheinungen der Ereignisse. Fühlt sich das Ganze unangenehm an, versuchen wir nicht nur eine Wiederholung des Ereignisses zu verhindern, sondern wir weisen auch unsere schmerzlichen Gefühle als etwas vermeintlich Schädliches zurück. Wir verdrängen, verleugnen oder rationalisieren sie. Wer aber Teile seiner selbst zurückweist, weil sie weh tun, bekämpft die eigene Integrität.

Grundirrtum

Der Grundirrtum der Neurose liegt darin, dass der Einzelne seiner Person mehr Bedeutung zumisst, als ihr in Wirklichkeit zukommt.

Davon auszugehen, dass der eigenen Person kaum Bedeutung zukommt, ist ein Impfstoff gegen die meisten psychischen Erkrankungen.

Ihre Person hat kaum Bedeutung. Bedeu­tung haben nur Sie selbst. Unterscheiden Sie zwischen sich und Ihrer Person. Sie selbst sind das, was Sie sind. Ihre Person ist das, als was Sie erscheinen.

Evolution und Individuation

Dass sich der Einzelne instinktiv große Bedeu­tung beimisst, ist ein nützliches Werkzeug der Evolution. Wie sonst fände er den Eifer, verbissen für seinen Vorteil zu streiten. Was für die Phyloge­nese der Spezies notwendig ist, führt individualpsychologisch oft auf ein Minenfeld unrealistischer Sichtweisen.

Größenwahn und Größenirrtum

Die realitätsfremde Einschätzung der eigenen Bedeutung betrifft nicht nur das neurotische Selbstbild. Beim psychotischen Selbstbild wird sie erst recht virulent. Ein Kernsymptom der Psychose ist das Beziehungserleben. Der Kranke bezieht alles auf sich; als stünde er im Mittelpunkt der Welt, als habe er eine solche Bedeutung, dass sich alles und jeder mit ihm befasst. Was bei der Neurose Irrtum bleibt, wird bei der Psychose zum Wahn. Bei der Neurose zieht das Trugbild leise an den Strip­pen, bei der Psychose drängt es lautstark in den Vordergrund.
3.2.3. Verzerrte Wahrnehmung

Die normale Realitätsdeutung sieht die Person als Partikel in einem Feld. Während vom Feld nur ein Bruchteil zu erkennen ist, stehen der Person ihre eigenen Belange unübersehbar vor Augen. In der Folge neigt sie dazu, ihre Bedeutung zu überschätzen.

Sieben Milliarden Menschen bevölkern derzeit die Erde. Eine unvorstellbare Zahl! Legt man sie der Berechnung zugrunde, kommt einer einzelnen Person eine Bedeutung von 1/7000000000 = 0,00000000142Das entspricht: 1,42 × 10-10. Diese Zahl beschreibt die soziale Bedeutung. zu. Eine der vielen Personen hat ausgerechnet, dass bislang einhundert Milliarden Menschen lebten. Also Pi mal Daumen noch zwei Nullen mehr für jeden Einzelnen.Was seine historische Bedeutung angeht... Eine Berechnung der kosmischen Bedeutung des Einzelnen wollen wir uns aus Rücksicht auf die beschränkten Möglichkeiten des Taschenrechners ersparen. Man sieht also: Die Bedeutung des Einzelnen tendiert in (der) Wirklichkeit gegen Null; selbst wenn wir unseren humanoiden Rassendünkel pflegen und andere Geschöpfe bei der Zumessung ausklammern.

Den meisten neurotischen Phänomenen wäre die Grundlage entzogen, schriebe der Einzelne seiner Person nur so viel Bedeutung zu, wie ihr tatsächlich zukommt.

Auch bei anderen neurotischen Störungen schimmert die grundlegende Überschätzung der eigenen Bedeutung durch die vordergründigen Erscheinungen hindurch.

Es gehört zur Funktionsweise des Ego, die Bedeutung der Person zu überschätzen. Es gehört zur Reifung der Person, diesen Irrtum zu durchschauen.

Der beschriebene Zusammenhang zwischen Überschätzung der eigenen Bedeutung und seelischem Leid beschäftigt auch die spirituelle Tradition. Dort wird versucht, sich aus der AnhaftungSo lautet die Sprachwahl des Buddhismus... ans Ego zu lösen. Das Ego, aus dessen Zugriff sich der spirituelle Mensch zu befreien versucht, ist keine eigenständige Instanz. Das Ego ist begrifflicher Repräsentant eines Selbstbilds, das das Ich mit der Person gleichsetzt und deren Belangen eine alles überragende Bedeutung zuspricht.... sodass die Person es partout nicht unterlassen kann, darüber nachzudenken.

4. Trauma und Missstand

Neurotische Entwicklungen können durch einzelne Ereignisse angestoßen werden. Solche Ereignisse nennt man traumatisch, also verletzend. Ist das Trauma groß, löst es eine posttraumatische Belastungsstörung aus. Eine posttraumatische Belastungs­störung ist eine Sonderform der neurotischen Entwicklung.

Als Erwachsener ist man Missständen ausgesetzt. Als Kind ist man Ihnen ausgeliefert.

Häufiger werden Neurosen aber nicht durch wuchtige Einzelereignisse ausgelöst, sondern durch dauerhafte psychosoziale Missstände, denen wir besonders in der Kindheit ausgeliefert sind.

Traumatisierend sind Missstände vor allem dann, wenn sie den Eigenwert des Individuums leugnen. Dazu gehören vielfältige Umstände:

4.1. Identifikation und Reaktionsbildung

Zwei Mechanismen spielen bei der Entstehung posttraumatischer Störungen eine große Rolle: Identifikation und Reaktionsbildung.

In der Praxis verzahnen sich beide Mechanismen. Dadurch entstehen individuell sehr unterschiedliche Muster.

5. Wie man Neurosen heilt und verhütet

Sobald man den Mechanismus versteht, der die neurotische Entwicklung auslöst, ergibt sich die Methode zur Heilung und Verhütung von selbst.

Neurotische Psychopathologie ist der Versuch, etwas anderes zu sein, als das, was man ist.