Die Welt ist widrig, weil es ohne Widrigkeit kein Leben gäbe. Leben ist die Über­windung von Begrenzung und Widrigkeit; und das Fest am Ziel.

Mut findet zwischen Macht und Ohnmacht statt. Wer viel Macht hat, braucht ihn nicht. Wer keine hat, ist tollkühn.

Ohne Geschöpfe wüsste der Himmel nicht, was Mut ist.

Harmonie ist Übereinstimmung von Innen und Außen. Duckt man sich vor anderen, gerät man in Konflikt mit sich selbst. Ignoriert man sie, verstrickt man sich in endlose Kämpfe. Nirgendwo wird mehr Mut verschwendet als in einem sinnlosen Krieg.

Wenn man nicht weiß, was man tun soll, kann man tun, wozu man mehr Mut braucht.

Der Mutige stellt sich dem Unangenehmen, wenn er damit eine Not abwenden kann.

Mutiger wird man, indem man Mut praktiziert, nicht indem man darauf wartet, dass man mehr davon bekommt.

Mut


  1. Begriffsbestimmung
  2. Leben: Zugehörigkeit und Selbstbestimmung
  3. Grundlagen des Mutes
    1. 3.1. Wille
    2. 3.2. Wahl
    3. 3.3. Wissen
  4. Was Mut untergäbt
    1. 4.1. Biografische Prägung
    2. 4.2. Soziale Strukturen
    3. 4.3. Psychologische Fehler
  5. Wege zum Mut
    1. 5.1. Handeln
    2. 5.2. Erleben
    3. 5.3. Verstehen

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Mut geht auf die indogermanische Wurzel mo- = etwas anstreben, heftig wollen, erregt sein zurück. Wer etwas will, braucht den Mut, sich dafür einzusetzen. Dabei muss er etwas riskieren: Blessuren, Rückschläge, Verluste oder Scheitern. Erregung ist bereitgestellte Energie. Sie entspricht dem Widerstand, den es zu überwinden gilt und der Angst vor einer Niederlage.

Mut ist nicht dasselbe wie Angstfreiheit. Mut ist die Bereitschaft, im Bewusstsein der Angst zu tun, was man für richtig hält. Der Mutige geht bewusst Risiken ein. Er akzeptiert Angst als Begleiter seines Tuns. Wer keine Angst hat, weil er bei dem, was er tut, kein Risiko sieht, kann spannungsfrei tun, was er will. Dazu braucht er keinen Mut.

2. Leben: Zugehörigkeit und Selbstbestimmung

Lebende Organismen versuchen, sich aus den Begrenzungen des Umfelds zu lösen. Was lebt, versucht von etwas frei zu sein. Jedem Leben liegt der Impuls zur Selbstbestimmung bei. Die Freiheit zu echter Selbstbestimmung kann nur durch Überwindung von Widerständen erworben werden; innerer und äußerer. Eine Selbstbestimmung, die sich nicht gegen Widerstände durchgesetzt hat, gibt es nicht.

Das Leben belohnt Mut mehr als Fügsamkeit, denn es ist Mut, wodurch es sich fortentwickelt. Unterordnung entspricht nicht dem Wesen des Lebens. Je nach Lage der Dinge kann sie ein Kompromiss sein, um einen wesentlichen Schaden abzuwenden, der ohne Fügsamkeit nicht zu vermeiden wäre. Je bewusster sie dabei als taktisches Mittel angewendet wird, desto weniger schadet sie dem Leben. Oder Unterordnung ist eine Preisgabe von Lebendigkeit; wenn der Mutlose Freiheit auf Dauer gegen Sicherheit tauscht, weil er das Angstgefühl grundsätzlich aus seinem Leben verbannen will.

Ordnungsmuster

Unterordnung Etwas über sich dulden
Einordnung Etwas neben sich anerkennen

Leben hat das Ziel, nichts über sich zu dulden. Dazu muss es bereit sein, anzuerkennen.

Während sich der Selbstbehauptungswille der Neandertaler nebenbei mit Bären und Mammuts maß, leben wir überwie­gend in einer Welt zwischenmenschlicher Gefahren. Eine der wichtigsten Gefahren, die bei uns durch Mut zu meistern ist, ist die Gefahr, es sich mit anderen zu verderben. Das Risiko, das wir beim Ringen um Selbstbestimmung eingehen, ist meist ein Verlust an Zugehörigkeit.

Oft steht man im Leben vor der Wahl: Entscheidet man sich für die Harmonie mit anderen oder dafür, den eigenen Weg zu gehen.

3. Grundlagen des Mutes

mutige Tat

Wille

Wahl

Wissen

Die Grundlagen des Mutes können näher bestimmt werden. Drei Begriffe tauchen dabei auf:

3.1. Wille

Wir haben gesehen: Mut entspringt der Wurzel mo-. Diese beschreibt ihn als heftiges Wollen. Heftig geht auf mittelhochdeutsch heftec = beharrlich, beständig zurück. Eigentlich ist der Ausdruck heftiges Wollen ein PleonasmusDer Begriff geht auf griechisch pleonasmos [πλεονασμοσ] = Überfluss zurück. Pleonasmen werden auch Tautologien genannt (griechisch: to auto [το αυτο] = dasselbe und logos [λογος] = Rede, Sprechen). Pleonasmen kombinieren Begriffe, deren Verbindung keinen Informationsgewinn vermittelt, z.B.: weißer Schimmel, nasses Wasser, runde Kugel, heiße Glut, gefräßige Nacktschnecke, glitschiger Schleim. Auch eine pleonastische Tautologie wäre ein Pleonasmus., denn Wille bringt Heftigkeit mit sich. Sonst ist er keiner. Sonst bleibt er Wunsch.

Übermut

Mutige Taten verbessern das Selbstwertgefühl. Ein verbessertes Selbstwertgefühl kann trunken machen; vor allem wenn bislang ein narzisstisches Defizit vorlag und der mutige Täter meint, die Verminderung des Defizits dank der ersten Tat sei Anlass, durch weitere aus dem Wellental auf den Gipfel zu steigen.Torwald hat die Schneekoppe bezwungen. Jetzt knöpft er sich den Eiger vor. Dann droht Übermut. Trunkenheit endet in Ernüchterung. Das Tal kann danach noch tiefer sein.


Mutwille

Mut ist ein Beweis des Selbstbestimmungswillens. Wer ein überwertiges Bedürfnis hat, den Beweis zu erbringen, dass er über sich selbst verfügt, läuft Gefahr, sich für Dinge zu entscheiden, deren Wahl der Vernunft zuwiderläuft; gerade weil eine Wahl wider die Vernunft Gelegenheit bietet, den Willen zur Selbstbestimmung an Widrigkeiten zu erproben.Greta hat in Torwalds Gegenwart mit Hannes geflirtet. Als Torwald sich beklagt, tut sie es erst recht. Nicht alle Paare bleiben lange zusammen. Wenn Torwald tatsächlich den Eiger bezwingt, trifft er droben womöglich auf Heidi. Boh! Ist die süß! Wenn nicht, muss Greta bittere Tränen weinen, wenn sein Sarg ins Grab herabgelassen wird. Vielleicht ging Torwald die Nordwand nicht aus Übermut an; sondern weil er den Nebenbuhler durch Heldentaten ausstechen wollte... oder weil er das Ende der Liebe vor Augen den Tod herausgefordert hat. Mut kann zerstören, wenn er zum Selbstzweck wird.

Im Gegensatz zum Wunsch zeichnet sich Wille durch Beharren und Beständigkeit aus. Wer etwas will, beharrt auf seinem Ziel. Er hält stand. Er lässt sich durch Widrigkeiten nicht entmutigen. Daher sind Wille und Mut Geschwister im Geiste. Ein willenloser Mut wäre ein ähnliches Unding wie ein feiger Wille.

3.2. Wahl

Wollen entspringt der indogermanischen Wurzel uel, die auch dem Verb wählen zugrunde liegt. Das ist logisch. Man kann nichts wollen, wenn man nicht wählt, was es ist. Ein Wille verwirklicht eine getroffene Wahl. Der Mutige steht zu seiner Entscheidung.

3.3. Wissen

Um wählen zu können, muss man wissen, aus welchen Möglichkeiten gewählt werden kann. Zu einer Wahl gehört aber mehr als die Kenntnis der Möglichkeiten. Eine echte Wahl sucht nach einer Übereinstimmung; der zwischen dem, der wählt und seiner Wahl. Echte Wahl will das Richtige. Sonst wäre sie ein Würfelspiel.

Natürlich kann der Mutige auch im Dienste solcher Ziele Widrigkeiten standhalten, die er im Grunde nicht bejaht.

Es ist zu fragen, ob zur Kehrseite eines solchen Mutes nicht sein Gegenteil gehört: es nämlich nicht zu wagen, für das einzustehen, was man wirklich will; oder überhaupt herauszufinden, was das wäre. Ein solcher Mut ist verschwendet. Da echtem Mut ein echtes Wollen zugrunde liegt, muss Mut wissen, was er wirklich will. Dazu bedarf es eines Selbstbewusstseins, das es dem Wählenden ermöglicht, seine Motive zu verstehen. Mut ohne ein Wissen um die eigenen Motive geht leicht in die Irre.

4. Was Mut untergräbt

Abgesehen davon, dass der Mensch vom Angsthasen abstammt, gibt es drei weitere Faktoren, die seinen Mut untergraben. Für zwei kann er nichts. Den dritten schafft er selbst:

Fahnenflucht
Der Mut hat mich verlassen.Ausgerechnet als es gefährlich wurde, hat der Mut sich aus dem Staub gemacht. So ein Feigling! So erklärt sich mancher, wie es dazu kam, dass er vor Erreichen eines Zieles aufgab. Wer aber behauptet, ausgerechnet der Mut sei daran schuld, dass er zu feige war, macht sich etwas vor. Nicht der Mut verlässt den Zauderer, sondern der Zauderer will den Mut nicht haben. Er fürchtet, dass der ihn in Schwierigkeiten bringt. Wenn Sie das nächste Mal zaudern, stehen Sie für Ihr Zaudern ohne wenn und aber ein. Sich die eigene Zögerlichkeit einzugestehen, erfordert bereits Mut; für den das Leben Sie belohnen wird.
  1. biographische Prägungen
  2. soziale Strukturen
  3. psychologische Fehler
4.1. Biographische Prägung

Der wichtigste biographische Faktor, der zu Mutlosigkeit führt, ist ein liebloses Elternhaus. Früher wurden Kinder oft durch Herrschaftsansprüche gewalttätiger Eltern eingeschüchtert, die ihrerseits nach oben buckelten. Heute spielt das Desinteresse von Eltern, denen Elternschaft zu mühsam ist, eine große Rolle.

Durch Lieblosigkeit, Gewalt oder Desinteresse wird die Angst des Kindes vor dem Leben geschürt. Es lebt in einem Spannungszustand, der zu einer gesteigerten Sehnsucht nach entspannter Geborgenheit führt. Da Mut in der Bereitschaft liegt, Spannung auszuhalten, kann er sich gegen das Harmoniebedürfnis nicht mehr durchsetzen. Resultat sind Persönlichkeitsstörungen mit ängstlich-vermeidender, abhängiger und depressiver Symptomatik; oder solche vom Borderline-Typ.

Je größer der Bruder, der an jeder Ecke steht, desto mehr Mut braucht man, die Ecke im eigenen Tempo zu passieren.
4.2. Soziale Strukturen

Das bewährteste Mittel politischer Macht ist die Einschüchterung des Individuums. Weltanschau­ungen, die das Individuum niederhalten, hatten in sämtlichen Epochen der Geschichte Konjunktur. In Europa scheint vorerst das Schlimmste überstanden. Vorerst! Tatsächlich wurde die Freiheit des Einzelnen seit den 70-ziger Jahren bereits eingeschränkt. Und es geht weiter bergab.

Hießen die Täter früher Kaiser, Kirche oder Diktatur, geht heute ein Zeitgeist um, der den Einzelnen für ein Wachstum vereinnahmt, dessen Notwendigkeiten ihm als vermeintliche Beschützer über den Kopf wachsen. Überwachte Reglementierung kriecht bis ins kleinste Detail. Der Tag könnte kommen, an dem der Einzelne derart in ein technologisiertes Systems verbacken ist, dass der Mut, sich eigenständig zu bewegen, so tollkühn sein wird, wie Galileis Mut im Mittelalter. 1984 lässt grüßen.

4.3. Psychologische Fehler
Das sicherste Mittel, den Mut zu verlieren, ist es Angst zu vermeiden. Das beste Mittel, Angst zu verlieren, ist es mutig zu sein.

Angst ist ein unangenehmes Gefühl. Was liegt also näher, als es nicht anzunehmen? Verschiedene Möglichkeiten stehen dazu zur Verfügung:

Durch alle drei Varianten der Angstvermeidung verpassen wir die Chance, das unangenehme Gefühl so kennenzulernen, dass uns wenigstens die Angst vor der Angst erspart bleibt.

Angst ist Teil jeder Person. Mut ist Handlungsbereitschaft im Bewusstsein der Angst. Wenn wir sie nicht kennen, weil wir sie verdrängen, vermeiden oder verleugnen, fehlt uns das Selbstbewusstsein, aus dem heraus wir mutig sein könnten. Ohne bewusst durchlebte Angst gibt es keinen Mut.

5. Wege zum Mut

Es gibt drei Wege, mutiger zu werden: handeln, erleben und verstehen. Niemand wird daran gehindert, alle drei zu gehen.

Oft macht es keinen Sinn, darauf zu warten, bis man keine Angst mehr hat.
Angst ist der Rat, sich zurückzuziehen. Man muss ihm nicht folgen.
5.1. Handeln

Beim direkten Weg setzt man Trotz ein. Man tut das Notwendige, weil man das Notwendige für wichtiger hält, als sich um Angst zu kümmern. Oder man tut das Spannende, weil man es einfach erleben will. Dabei spürt man zwar die Angst, man ignoriert aber kurzerhand ihren Rat und tut, was man will. Führt das Handeln zum Erfolg, ohne ernsthafte Nachteile nach sich zu ziehen, verschwindet die Angst von selbst.

Angst wird mächtig, wenn man vor ihr flieht. Sie schrumpft, wenn man auf sie zugeht.
Angst zu begegnen heißt nicht, sie niederzumachen. Angst zu begegnen heißt, ihrer Gegenwart standzu­halten.
5.2. Erleben

Ist die Angst zu groß, um sich zum Handeln durchzuringen, macht es Sinn, sich dem Gefühl der Angst als innerseelischer Erfahrungsmöglichkeit zu stellen. Man macht sich daran, Angst als einen Teil seiner selbst zu akzeptieren. Dazu gilt es, sie als reines Phänomen zu fühlen. Man erkennt, dass das Gefühl an sich nicht schädlich ist; was die Hürde vor angstbesetzten Taten senkt.

5.3. Verstehen

Zu erkennen, dass Angst nur eine Gefühlsqualität ist, die nicht mehr Schaden verursacht, als ihrem Träger eine missliche Zeit zu bescheren, fördert bereits den Mut, ihr auch in höheren Dosen zu begegnen. Den Vorgang unterstützt das Verständnis biographischer Ursachen und Zusammenhänge. Man untersucht, wie mangelnder Mut mit Erfahrungen zusammenhängt und mit Weltbildern, die auf solchen Erfahrungen aufbauen.

Methoden der Ermutigung im Überblick

Prinzip Maßnahme Wirkung
Handeln Ich schenke der Angst wenig Beachtung und tue das Geplante. Indem ich erkenne, dass es sich lohnt, Angst nicht allzu ernst zu nehmen, wächst der Mut, es auch beim nächsten Mal zu tun.
Fühlen Sobald Angst aufkommt, konzentriere ich mich auf das reine Gefühl. Ich beobachte tatenlos, wie es kommt und geht. Wenn ich mich der Angst zuwende, stelle ich fest, dass sie von alleine geht. Wenn ich mich nicht gegen die Erfahrung sträube, wird sie durchlebt, ohne zu schaden. Wenn ich den Kelch austrinke, ist er hinterher leer. Sobald ich Angst als einen Teil meiner selbst begreife, kann die Kraft, die in ihr gebunden ist, auf mich übergehen. Indem ich Angst nicht mehr als eine Wirkung äußerer Mächte deute, wächst die Bereitschaft, mich zu stellen.
Verstehen Ich untersuche den Ursprung der Angst. Ich mache mir klar, dass nicht das Gefürchtete Angst macht, sondern dass ich mit Angst reagiere. Ich versuche zu verstehen, warum ich das tue. Indem ich die Angst als Resultat meines Werdegangs erkenne, binde ich sie in einen sinnvollen Zusammenhang ein. Sobald ich die Motive verstehe, die meine Angstreaktion begründen, wächst mir Mut zu, über alte Grenzen hinauszugehen.

Wer sich selbst verstanden hat, steht an einer Stelle, von wo aus er Dinge sehen kann, ohne dass sie ihn berühren.