Liebe ist Zuwendung, die den Wert des Geliebten ungeachtet eigener Interessen anerkennt und dessen Wohl bedingungslos fördert.

Wer liebt, liebt nicht nur den oder die, sondern auch jene und Jenen, der in allem enthalten ist und alles umfasst.

Die meisten Dummheiten werden auf der Jagd nach Liebe be­gangen.

Wer das wenige respektiert, das er ist, braucht keine Liebe mehr.

Liebe ist Anerkennung der Wirklich­keit. Ideale führen zu Angst, Neid, Gier oder Hass. Nicht das Ideal der Liebe zählt, sondern das, was tatsächlich von ihr gegeben ist.

Liebe ist oft Maske. Man erkennt es, sobald der vermeintlich Liebende über den Geliebten bestimmen will.

So manches, was für eine große Liebe gehalten wird, ist tatsächlich ein schwaches Selbstwertgefühl.

Liebe


  1. Begriffsbestimmung
    1. 1.1. Agape
    2. 1.2. Eros
  2. Liebe im Spannungsfeld dramatischer Pole
    1. 2.1. Verliebtheit
    2. 2.2. Parteilichkeit
    3. 2.3. Bedürftigkeit
    4. 2.4. Vereinnahmung
    5. 2.5. Bedingungen
  3. Geschenke
  4. Gefühle, Ego, Ziel und Absicht
  5. Liebeskummer

1. Begriffsbestimmung

Liebe geht auf die indogermanische Wurzel leubh- = lieb, gern habenGern geht auf die indogermanischer Wurzel gher- = sich an etwas erfreuen, nach etwas verlangen zurück. Es ist mit Gier sprach- und sinnverwandt., begehren zurück. Sinnfacetten des Themas werden im russischen ljubimei (любимыи) = lieb, freundlich, im lateinischen libere = belieben, gefällig sein, erlaubt sein, frei stehen und im Fachausdruck Libido = Begierde deutlich.

Ein erster Blick auf den sprachgeschichtlichen Zusammenhang zeigt, dass die Liebe in einem Spannungsfeld steht. Die Pole des Spannungsfeldes reichen vom gefällig sein, erlauben und freistellen bis zum begehren. Es reicht von der Agape bis zum Eros.

Dabei ist Agape das, was Liebe stets ausmacht, während im Eros immer nur so viel Liebe enthalten ist, wie er sich nicht im bloßen Begehren erschöpft, sondern den eigentlichen Wert des Begehrten jenseits des eigenen Wollens erkennt.

1.1. Agape

Der Begriff Agape ist vom griechischen Verb agapan (αγαπαν) = sich zufrieden geben, jemanden mit Achtung behandeln, bevorzugen abgeleitet. Agape beschreibt Liebe als achtsame Wertschätzung des Geliebten. Wer liebt, gibt sich zufrieden. Er begehrt nichts für sich. Er bevorzugt das Wohl des Anderen anstelle des eigenen.

Liebe oder Missbrauch
Erotische Begierde läuft stets Gefahr, keine Liebe, sondern Missbrauch zu sein. Sie ist Missbrauch, wenn sie Liebe nur vortäuscht um Lust zu erlangen. Nur wenn im erotischen Akt die Lust an der eigenen Ergänzung vor dem Wohl des Anderen zurücktritt und die eigene Begierde die Begierde des Anderen als gleichrangig erkennt, sind Lust und Liebe tatsächlich vereinbar.
1.2. Eros

Eros ist der Eigenname eines griechischen Gottes. Die etymo­logische Recherche seines Sinngehalts endet blind. Im allge­meinen Sprachgebrauch unterscheidet sich die Qualität der erotischen Liebe grundsätzlich von jener, die das Verb agapan benennt. Erotische Liebe ist gerade nicht mit sich selbst zufrieden. Sie begehrt etwas. Ob sie das Objekt der Begierde als eigenständigen Wert erkennt, ist ungewiss. Und ob das Bevorzugen einer bestimmten Person tatsächlich dieser Person den Vorzug gibt oder doch nur der eigenen Lust, ist von Fall zu Fall zu prüfen.

2. Liebe im Spannungsfeld dramatischer Pole

Agape und Eros beschreiben zwei Pole des Liebens, die sich zugleich ergänzen oder ausschließen können.

Agape
Ich befreie den Anderen von meinem Anspruch.

Eros
Ich beanspruche den Anderen für mich.

In Liebe kann Eros Agape nur ergänzen, wenn Agape Eros bereits zur Liebe ergänzt hat. Erotische Begierde schließt Liebe mit ein, wenn sie letztlich nicht den Anderen haben, sondern sich mit ihm in etwas Höherem verlieren will. Sonst bleibt sie ein Akt der Selbsterhöhung, die den Anderen haben will, damit der Besitz des Anderen das Gewicht des Begehrenden erhöht.

Spielarten des Begehrens

Eros mit Agape vereinbar Eros und Agape im Widerspruch
Ich begehre den Anderen in seinem So-sein. Ich begehre vom Anderen ein bestimmtes So-und-nicht-anders-sein.
Im Begehren des Anderen lasse ich ihn frei. Mein Begehren legt den Anderen für mich fest.

Begierde kann Ausdruck wahrer Liebe sein, wenn sie das tatsächliche So-sein des Anderen begehrt, ohne ein bestimmtes So-sein von ihm zu fordern.

2.1. Verliebtheit
Zwei Formen der Blindheit
  1. Von der Welt sehen, was man von ihr haben will.
  2. Das Bild sehen, dass man von sich selber hat.

Das Spannungsfeld zwischen Agape und Eros, zwischen Begehren und Freilassen wird auch in der Polarität von Liebe und Verliebtheit erkennbar.

Wer liebt, bejaht oder fördert den Anderen, ohne den eigenen Vorteil über den des Anderen zu stellen. Das Motiv aller Liebe ist ergänzende Wertschätzung. Der Liebende hat den Wert des Anderen erkannt. Aus der Erkenntnis des Wertes entsteht der Impuls, dem Anderen GutesGut entstammt der indogermanischen Wurzel ghedh = zusammenfügen, zupassen. Das Gute ist relativ. Gut ist immer das, was zum Wesen jener Sache passt, aus deren Sicht es als gut beurteilt wird. Deshalb ist zwar jeder für das "Gute", oft besteht aber keine Einigkeit darüber, was als gut aufzufassen ist. Letztlich bezeichnet jeder das als gut, von dem er glaubt, dass es ihm nützt. zu tun. Jemandem in Liebe Gutes zu tun heißt, das Wohl des Anderen durch sich selbst zu ergänzen.

Da man nur wertschätzen kann, was man kennt, wächst Liebe mit Erkenntnis. Verliebt sein kann auch ein Blinder. Ein Blinder tritt den, den er vermeintlich liebt, aber oft mit Füßen. Wer tatsächlich liebt, tut es nicht.

Oft wird Liebe mit der Sehnsucht nach Liebe verwechselt; besonders beim Verliebtsein. Auch der Verliebte wertschätzt den Anderen; in der Regel jedoch nur in Bezug zu sich selbst. Der Verliebte sehnt sich danach, seinerseits geliebt und wertgeschätzt zu werden. Er begeistert sich für den Anderen, weil der Andere die Erfüllung seiner Wünsche verheißt. Er hat den Wert des Anderen noch nicht erkannt, sondern schreibt ihm jenen Wert zu, den er für sich selbst sucht. Der Verliebte lebt in der Vorstellung des gefundenen Glücks. Er glaubt, dass der Andere genau seinen Vorstellungen entspricht.

Während Liebe nie enttäuscht werden kann, weil sie sich keine Zukunft vorstellt, sondern Gegenwart erkennt, schlägt enttäuschte Verliebtheit schnell ins Gegenteil um. Es sei denn, der Verliebte lernt, zwischen Vorstellung und WirklichkeitDer Verliebte stellt sich allerlei vor. Aber nur wenn er der Wirklichkeit gegenüber der Vorstellung den Vorzug gibt, wird aus dem Wunsch nach Liebe ein Liebevollsein. zu unter­scheiden. Wenn er die Gegenwart des Geliebten erkennt, statt sich von ihm die Zukunft zu erhoffen, wird er die Ent-täuschung bloßer Vorstellungen verkraften.

2.2. Parteilichkeit

Normale Liebe ist parteiisch. Man liebt den und den... oder einige Personen aus dem persönlichen Umfeld., aber keineswegs jeden. Auch das ist ein Echo des Spannungsfelds, in dem die Liebe steht.

Parteilichkeit hat mit dem Selbstbild zu tun, das der Mensch normalerweise auf sich anwendet. Normal ist: Man sieht sich als eine Person, die auf der Bühne des Lebens mit anderen Personen im Wettbewerb um Vorteile steht. Und man glaubt, dass man mit dieser Person identisch ist.

Die Parteilichkeit der normalen Liebe ist Ausdruck dieser Begrenzung. Da die Person für sich Partei ergreift, sieht sie im geliebten Gegenüber eine besondere Person, mit der sie in einem Bündnis steht, das als erweiterte Partei vom Umfeld abgegrenzt bleibt. Sie ist bereit, diesem besonderen Menschen etwas besonderes zu geben, in der Erwartung, von ihm ebenfalls als etwas Besonderes angesehen zu sein.

Liebe und Parteilichkeit

Parteiische Liebe beruht auf der bevorzugten Bejahung und Förderung der Interessen einer bestimmten Person. Unparteiische Liebe beruht auf der Anerkennung der Anderen als das eigene Selbst.
Parteiische Liebe ist an bestimmte Personen gebunden, die dem Liebenden persönlich nahe stehen. Unparteiische Liebe wird zur Grundlage jeder Beziehung.
Parteiische Liebe ist von den Erwartungen des Liebenden durchsetzt. Unparteiische Liebe ist reines Gewahrsein eines Wertes im Jetzt. Sie erwartet nichts.

Unparteiisch kann Liebe nur sein, wenn sich der Liebende nicht mehr mit der Person gleichsetzt, deren Rolle er spielt, sondern sich im Subjekt erkennt, das das Selbst eines jeden Objektes ist.

2.3. Bedürftigkeit
Lieben kann, wer sich verzeiht, dass er sich mehr Liebe nicht verschaffen konnte.

Man kann den Empfang von Liebe zu seinem Recht erklären. Klug ist das nicht.

Liebe bejaht, was bereits ist. Sie fordert keine Verbesserung. Was Verbesserung fordert, ist Eigen­nutz.

Viele Menschen glauben, dass sie Liebe brauchen. Irrtum! Nur Kinder brauchen Liebe. ErwachseneErwachsen wird hier nicht im Sinne von volljährig verstanden; sondern im Sinne von ausgereift. Erwachsen im psychologischen Sinne ist ein Volljähriger, der die Wachstumsschritte vollzogen hat, die seinem Alter entsprechen. Viele juristisch Erwachsene sind es emotional gesehen nicht. Sie glauben daran, wie Kinder liebender Zuwendung zu bedürfen; und bedürfen in Wahrheit vielmehr des Mutes, eigene Interessen unabhängig von der Zustimmung anderer zu vertreten. brauchen sie nicht. Kinder, für deren Wohl sich niemand einsetzt, sterben. Sie sind tatsächlich auf Zuwendung angewiesen. Geliebt zu werden ist für sie notwendig.

Erwachsene können ihre Bedürfnisse selbständig besorgen. Im Gegensatz zu Kindern sind sie auf liebende Zuwendung nicht angewiesen. Geliebt zu werden ist für sie keine Notwendigkeit, sondern ein glücklicher Genuss.

Bekommen Kinder zu wenig Liebe, halten sie Ausschau danach, wie man sich Liebe verdientDas ungeliebte Kind, das sich zeitlebens darum bemüht, liebenswürdig zu sein, ist die Regel. Besonders bei schwerer Vernachlässigung oder massiven Entwertungen gehen manche Kinder einen anderen Weg: Sie versuchen nicht liebenswürdig zu sein, sondern benehmen sich dissozial. Indem sie ihrerseits andere entwerten, bewirken sie, dass man ihnen zwar keine Liebe entgegenbringt, sie aber immerhin als Zielscheiben reaktiver Wut beachtet.. Das führt zu einer Fehlhaltung. Statt eigene Bedürfnisse unmit­telbar zu vertreten, wird Kraft auf Erwerb und Erhalt von Zuneigung verwandt. So kommt ein Teufelskreis in Gang. Je mehr Kraft man für den Erwerb von Liebe verbraucht, desto weniger bleibt für die Erfüllung eigener Bedürfnisse übrig. Je bedürftiger man wird, desto mehr glaubt man, Menschen zu brau­chen, die sich um die Bedürfnisse Bedürftiger kümmern.

Selbstversorgung oder Bedürftigkeit

Statt nach Liebe zu suchen, sorgen Sie für sich selbst. Gehen Sie davon aus, dass Sie wertvoll sind und daher befugt, eigene Bedürfnisse unbefangen zu vertreten. Verhalten Sie sich dem entsprechend. Tun Sie das, was Ihnen nützt. Sobald Sie Ihre Bedürfnisse selbst erfüllen, brauchen Sie keine Liebe mehr. Stattdessen gehen Sie vom Haben-wollen zum Geben-können über. Sie werden froh sein, Abnehmer für Ihre Liebe zu finden.

2.4. Vereinnahmung
Ein großer Teil dessen, was als Liebe gilt, ist Bedürftigkeit oder Begehren. Da Begierde Erfolg haben kann, wenn sie sich als Tugend ausgibt, nennt sie sich selbst am liebsten Liebe. Maskierte Bedürftig­keit wirft vor und greift zu. Sie ist gekränkt oder empört, wenn ihre "Liebe" nicht erwidert wird.

Bedarf ein Liebender seinerseits liebender Zuwendung, um mit sich im Reinen zu sein, läuft er stets Gefahr, die geliebte Person für sich zu vereinnahmen. Es liegt auf der Hand: Was mir wert ist, will ich an mich binden. Will ich eine geliebte Person an mich binden, verliere ich deren Wohl schnell zugunsten des eigenen Wohls aus dem Blick.

Vereinnahmung droht umso mehr, je mehr sich der Liebende mit seiner Person identifiziert und je weniger er die tieferen Schichten seiner selbst erkennt. So manch "Liebender" gesteht sich den Eigennutz seiner "Liebe" so wenig ein, dass er mit bestem Gewissen zum Stalking übergeht. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das, was dem zugrunde liegt, tatsächlich als Liebe aufzufassen ist.

2.5. Bedingungen
Die Spuren der Liebe müssen von egozentrischen Interessen nicht vollständig verschüttet sein. Je mehr Bedingungen der eine aber stellt, desto weiter ist er von dem entfernt, was Liebe eigentlich ist.

Reine Liebe bejaht bedingungslos. Eine derart radikale Definition des Begriffs läuft Gefahr, abzuwerten, was Bedingungen enthält. Man hüte sich davor! Denn tut man es, riskiert man, einer Idealisierung der Liebe aufzusitzen.

Liebe ist kein Alles-oder-nichts. Liebe kann auch in Maßen vorhanden sein; und zwar in jenen Beziehungen, die zwar Bedingungen enthalten, bei denen echte Wertschätzung aber trotzdem gegeben ist. Beispiel einer derart bedingten Beziehung kann eine FreundschaftFür einen Freund wird man manches Opfer bringen, aber kein so großes, wie für den, den man liebt. Tut man es doch, ist aus Freundschaft Liebe geworden. sein; oder sogar die Arbeitsbeziehung zwischen TherapeutZu den Bedingungen des Therapeuten gehört in der Regel Bezahlung. Jenseits davon kann er aber wirklich am Wohl des Patienten interessiert sein; oder eben nicht. und Patient.Die wertschätzende Zuwendung des Therapeuten kann einen Patienten, der im Leben wenig Liebe erfahren hat, dazu ermutigen, sich sich selbst bejahend zuzuwenden... und in Folge die Schrecken der Vergangenheit zu überwinden.

Durch Bedingungen eingeschränkte Formen des Grundmusters der Liebe spielen im Leben eine kaum zu unterschätzende Rolle.

Bedingt und unbedingt

Bedingte Liebe beruht auf der Identifikation des Ich mit einer erkennbaren Struk­tur. Sie betreibt Bevorzugung und Wahl. Sie wählt, was ihr zur eigenen Ergänzung gut zu sein dünkt.

Unbedingte Liebe entsteht aus der Identitätsgewissheit des Subjekts mit sich selbst. Identitätsgewiss mit sich selbst ist das Subjekt, wenn es abschließend erkennt, dass es in jedem Objekt zwar zum Ausdruck kommt, in keinem jedoch enthalten ist; also auch nicht in der eigenen Person. Unbedingte Liebe will nichts von dem, was sie liebt. Sie bevorzugt nichts, sondern liebt, was ihr zufällt.

3. Geschenke

Wer aufhört, sich ums Geliebtsein zu kümmern, stellt fest, dass er mehr Liebe bekommt als zuvor. Das ist kein Zufall. Es liegt am Wesen der Liebe selbst.

Absehen und Hinsehen

Erkenntnis und Hinsehen sind eins. Wer in der Liebe Absichten verfolgt, sieht aber nicht hin, sondern ab. Er sieht von all dem ab, was seiner Absicht im Wege steht.

Sobald man die Absicht verfolgt, geliebt zu werden, wird die eigene Fähigkeit, zu lieben, vermindert. Das steigert nicht die Chance, dass man seinerseits geliebt wird.


Gelingt es nicht, den Anderen ohne Absicht zu sehen, wie er ist, ist es besser, die eigene Absicht zu sehen, als vorschnell zu sagen: Ich liebe Dich.


Liebe ist kein Gefühl, das mit Gefühlen überhaupt vergleichbar wäre. Während Gefühle als persönliche Emotionen an- und abschwellen, entzieht sich Liebe der egozentrischen Manipulierbarkeit. Sie ist keine Emotion, die als Werkzeug der Psyche brauchbar ist. Liebe ist das Grundprinzip der Wirklichkeit. Sie entspricht dem Wesen der Wirklichkeit, die alle Teile bejaht in ihrer Einheit belässt. Sie ist das bestimmende Verhältnis der Dinge zueinander. In der Regel bleibt Liebe unbewusst und leuchtet nur an Stellen durch, an denen das Ego sich nicht vor ihr fürchtet.


Es wird gesagt, Liebe und Hass lägen nah beieinander. Das ist falsch. Es hat noch niemals eine Liebe gegeben, die in Hass umgeschlagen ist. Was in Hass umschlägt, ist enttäuschtes Geliebt-werden-wollen.

Daher gilt: Wenn Sie keine Liebe fordern, steigt die Chance, dass das Schicksal sie an Sie verschenkt.

4. Gefühle, Ego, Ziel und Absicht

Das Ego bringt Gefühle hervor: Eifersucht, Wut, Neid, Scham, Trauer. Das Ego bewirkt Gefühle, indem es Dinge aus seiner spezifischen Perspektive heraus betrachtet. Zweck der Gefühle ist es, sich selbst und die Wirklichkeit im eigenen Interesse zu steuern. Vorteile sollen erreicht, Nachteile vermieden werden.

Solche Gefühle sind nicht nur Erlebnisse, die uns ohne unser Zutun überfallen. Es sind Werkzeuge des Ego, durch deren Schubkraft es sich Vorteile zu sichern versucht.

Mit der Liebe ist es etwas anderes. LiebeDas Liebe deinen Nächsten als Anweisung zu einem vorsätzlichen Tun versteht das Wesen der Liebe nicht. Besser hieße es: Erkenne, was erkennbar ist. Das Richtige erwächst nicht aus einem Vorsatz, dessen Ausführung Lohn verspricht. Es erwächst aus der Erkenntnis dessen, was wahr ist. An der Wahrheit vorbei, hat noch niemand geliebt. dient nicht der Sicherung persönlicher Vor­teile. Deshalb kann kein Ego echte Liebe erzeugen. Was der Mensch absichtlich als "Liebe" erzeugt, ist im besten Falle ein solidarisches Miteinander. Das ist wertvoll. Ein solidarisches Miteinander, das als Ziel formuliert und angestrebt wird, bleibt aber im Eigennutz seiner Erzeuger gefangen. Wenn an ihren Nutzen nicht mehr geglaubt wird, bricht die Solidarität auseinander.

Wahre Liebe wird nicht erzeugt. Sie wird mit Wahrheit entdeckt und kann nach der Entdeckung nicht verloren gehen.

Bei der romantischen Liebe investiert das Ich seine Sehnsucht nach dem Paradies in eine andere Person. Zieht sich der Andere plötzlich zurück, kann das den Sehnsüchtigen in eine Verzweiflung stürzen, als habe ihn der Himmel zur Nichtigkeit verdammt.

Die Sehnsucht nach Ergänzung kann sich in romantische Verliebtheit ergießen. Dann droht ihr die Enttäuschung. Oder sie geht auf ihrer Suche über jede Person hinaus, über die eigene ebenso wie über die des Anderen. Dann stehen die Chancen besser, sich selbst zu achten und den Anderen so zu lieben, wie er wirklich ist.

5. Liebeskummer

Liebeskummer... Das hört sich harmlos an. Und doch haben sich Unzählige deshalb umgebracht. Das zeigt die Wucht der Kräfte, die bei romantischer Liebe im Spiel sind.

Was Liebeskummer gefährlich macht, ist der Glaube an das Paradies, bezieh­ungsweise daran, dass man es durch den Verlust der geliebten Person für immer verliert. Grundlage des Glaubens an das Paradies ist die Sehnsucht nach Ergänzung und heilender Einswerdung, die den Menschen umtreibt, seit er sich als separate Existenz, und damit als Halbheit begreift, die der anonymen Übermacht eines Nicht-Ich gegenübersteht.

Der Begriff Kummer geht auf das mittelhochdeutsche Wort kumber = Schutt, Müll, Mühsal, Not, Gram zurück, das seinerseits dem gallo-latei-nischen comboros = Zusammengetragenes entstammt. Liebeskum­mer... das sind die Trümmer einer zusammengebrochenen Illusion: jener, dass die Halbheit eines Teils durch die Halbheit eines anderen zur endgültigen Ganzheit finden kann.

Nicht nur der ursprüngliche Sinn des Kummers trägt die Idee des Zusammen­tragens in sich. Auch die Geburt ist ein Zusammentragen. Vermutlich geht sowohl das boros = tragen im gallo-lateinischen comboros als auch das beran = tragen, das als Vorfahre des deutschen Wortes Geburt auszumachen ist, auf das indogermanische bher[ə] = tragen zurück.

Das erlaubt uns, grundsätzliche Zusammenhänge besser zu verstehen. Liebeskummer zu durchleben, heißt die Trümmer dessen wegzuschaffen, was bis dahin als Illusion zusammengetragen wurde; damit der Platz frei wird, an dem etwas Neues geboren werden kann. Nicht umsonst erlebt man das Ende eines Liebeskummers als Wiedergeburt.

Was man bei Liebeskummer machen kann und besser unterlässt