Als Person braucht der Mensch Grenzen, als Selbst steht er darüber.

Die Welt ist der Widerstand gegen den Wunsch der Person, unbegrenzt zu sein.

In der Treue zu sich selbst kann der Mensch Grenzen überwinden, die er respektiert.

Eine der besten Methoden, unglücklich zu werden, ist der Glaube, dass man mehr braucht, als man hat.

Wer sich mit seinen Ansprüchen verwechselt, wird deren Sklave.

Grenzen


  1. Begriffsbestimmung
  2. Existenzielle Grundlage
  3. Psychologische und soziale Konsequenzen

1. Begriffsbestimmung

Die etymologische Recherche zum Begriff Grenze gibt nicht viel her; umso mehr die Betrachtung der Rolle von Grenzen für Psychologie und Gesellschaft. Immerhin, Zufall oder nicht: Das deutsche Wort Grenze ist slawischen Ursprungs. Es ist dem polnischen granica = Grenze entlehnt. Bis es vom polnischen granica abgelöst wurde, verwendete man im Deutschen das Wort Mark. Mark geht auf das indo­germanische mer[e]ĝ = Rand, Grenze zurück. Ob die Ablösung des ursprünglich benutzten Begriffs durch den slawischen darauf verweist, dass der Grenze nach Osten aus deutscher Sicht mehr Bedeutung zukommt als der nach Westen, ist spekulativ.

Raum und Zeit
Alles, was man sieht, ist Grenze. Alles, was man sieht verdeckt, was hinter der sichtbaren GrenzeDas gilt auch für Objekte, die nicht blickdicht sind, sondern teilweise transparent. Ein gefärbtes Glas verdeckt sämtliche Aspekte der Wirklichkeit, die ihrem Farbton entsprechen. Ab zehn Meter Tiefe ist Rot im Meer nicht mehr wahrnehmbar. liegt. Das gilt im übertragenen Sinn ebenso für andere Modalitäten der Wahrnehmung.
  • Geräusche überdecken die Stille und leisere Töne der gleichen Frequenz.
  • Parfüm lässt unerwünschte Gerüche verschwinden.
  • Chili in den Obstsalat und niemand schmeckt mehr die Birne.
  • Der Tastsinn ertastet Grenzen.

Raum und Zeit verdecken nichts. Sie sind keine Objekte der Wahrnehmung. Auf ihre Existenz wird logisch schlussgefolgert. Unüberprüfbar bleibt, ob die Logik ihrer Existenz Wesensmerkmal dualistischer Bewusstheit ist, oder ob sie unabhängig davon existieren.

2. Existenzielle Grundlage

Grenzen haben für die menschliche Psychologie eine herausragende Bedeutung. Die existenzielle Struktur des Menschen und seine Position in der Wirklichkeit kann als Manifestation eines Wechselspiels von Ein- und Entgrenzung verstanden werden. Als Person braucht der Mensch Grenzen, ihm selbst entsprechen sie nicht.

Diesseits und Jenseits - Selbst und Person
Der Mensch hat zwei Seiten. Die eine begegnet der Welt, die andere steht jenseits davon. Der Welt ver­schrieben ist die Person, aus ihr entrückt das Selbst.

Das Adjektiv entrückt sollte nicht miss­verstanden werden. Entrückt meint nicht, dass sich das Selbst in einem Raum jenseits des Raums befindet. Entrückt verweist auf ein Privileg des Selbst, das der Person als solcher nicht zukommt. Die Person ist dem Einfluss der Objekte, denen sie im Diesseits begegnet, ausgesetzt. Um dem Ausgesetztsein zu begegnen, grenzt die Person sich aktiv ab. Zugleich wird sie durch Objekte passiv begrenzt. Für das Selbst gilt beides nicht. Das Selbst ist kein Objekt, dem andere Objekte schaden könnten. Da es kein Objekt ist, hat es keine Grenze, weder eine die ihm Objekte setzen noch eine derer es selbst bedarf. Das Selbst ist Subjekt, oder dessen Quelle. Es ist Gegenwart, die Objekten Wirklichkeit verleiht. Es ist das Potenzial umfassender Bewusstheit und unbedingter Eingriffs­möglichkeit.

Die Person erlebt sich von der Welt, der sie begegnet, abgegrenzt. Was ihre Sinne als Welt erleben, ist ein Gefüge verschachtelter Grenzen, die im Zeitverlauf entstehen, verschoben oder überschritten werden und vergehen.

Dem Selbst sind endgültige Grenzen der Wirklichkeit wesenfremd. Es befindet sich in keinem Raum, der es umgibt. Raum ist eine Möglichkeit des Selbst, kein Ort, an dem es sich befände. Es selbst kann räumlich sein. Es muss es aber nicht. Es ist den Inhalten des Raums nicht ausgeliefert. Insofern ist es dem Diesseits entrückt. Wenn es als Diesseitiges erscheint, dann als Verwirklichung einer Möglichkeit.

3. Psychologische und soziale Konsequenzen

Als Person durchquert der Mensch eine Welt der Begrenzung, sein Selbst verbleibt in der Unendlichkeit. Daraus ergeben sich Notwendigkeiten, die für sein Wohlbefinden zu erfüllen sind.

  1. Das Individuum muss zwischen sich und der Welt unterscheiden.
  2. Die Person muss lernen, Grenzen hinzunehmen.
  3. Der Einzelne braucht den Mut, sich gegen andere abzugrenzen.
  4. Das Individuum muss dem unbegrenzten Wesen seines absoluten Selbst entsprechen. Dazu muss es zwischen Person und Selbst unterscheiden; und die Person als Illusion begreifen.
3.1. Ich und Nicht-Ich

Solange man nicht an einer akuten Psychose leidet, scheint die Unterscheidung zwi­schen Ich und Nicht-Ich vollzogen. Das trügt. Auf intellektueller Ebene mag es stimmen. Da weiß jeder mit "gesundem" Menschenverstand, dass er er ist, aber nicht der Andere. Betrachtet man das alltägliche Verhalten seiner selbst und anderer, erkennt man, dass die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich als Konzept zwar steht, dass kaum jemand die Trennlinie jedoch unverrückbar einhält. Fast jedes personale Ich versucht, über die Grenze hinweg auf Kosten anderer zu leben und Unerwünschtes aufs Nachbargrundstück zu entsorgen.

Entsprechende Verhaltensmuster ordnet die Psychologie projektiven Abwehrmecha­nismen zu. Zu nennen sind...

Beim Psychosekranken führt die gestörte Abgrenzung zwischen Ich und Nicht-Ich zu Fehldeutungen, die im Verhältnis von Selbst- zu Weltbild unmittelbar zu Tage treten.

Man spricht von Ich-Störungen; also einem Selbsterleben, beim dem die Autorenschaft eigenen Erlebens über die Ich/Nicht-Ich-Grenze hinweg dem absichtlichen Einfluss anderer Personen zugeschrieben wird.

Im Bereich der Normalpsychologie sind die Vorgänge subtil. Dort wird nicht das Gefühl als anderweitig gemacht und im Anschluss implantiert erlebt. Vielmehr schreibt der nor­male Mensch Verantwortung für unliebsame Erlebnisweisen anderen ebenso zu wie die Aufgabe, für sein Wohl zu sorgen. Zumindest tut es das oft.

Je höher die Ansprüche ans Leben, desto eher bleiben sie unerfüllt. Je weniger Ansprüche erfüllt werden, desto eher erlebt man sich vom Leben missachtet. Je missachteter man sich fühlt, desto eher glaubt man, dass die Erfüllung von Ansprüchen Heilmittel ist.
Nicht jeder, der seine Ansprüche nach unten schraubt, ist damit bescheiden. Bewusst gelebte Anspruchslosigkeit kann Ausdruck höchster Begehrlichkeit sein. Ja, kann man denn für Tugend keinen Lohn erwarten?
Weder der Glaube, man solle Ansprüche stellen noch der, man solle es nicht, ist ein gutes Rezept; weil beides Soll und Vorsatz ist, was vor Tatsachen kaum zählt.
3.2. Genügsamkeit

Als Person begegnet man auf Schritt und Tritt Begrenzung.

Aus zweierlei Gründen sind solche Begrenzungen schmerzhaft. Zum einen schmälern sie das persönliche Expansionspotenzial. Sie hemmen die Möglichkeit, sich auszubreiten. Zum anderen ist der Mensch in Begrenzung nicht wirklich zuhause. Sein Wesen ist eigentlich unbegrenzt, sodass er im Grenzland des Daseins Kompromisse machen muss, die die vollständige Erfüllung seines Wesens vereiteln.

Aus der Ahnung heraus, dass Begrenzung nicht das letzte Wort sein kann und aus Angst, als Ego zu kurz zu kommen, setzen viele überwertig auf persönliche Expansion. Sie glauben, mehr sei immer besser. Sie glauben, dass man mitnehmen solle, was man mitnehmen kann. Sie halten aktiven Verzicht für eine Feigheit der Dummen. Doch wehe dem, der seiner Gier keine Grenzen setzt. Wer sich selbst nicht begrenzt, bekommt Grenzen erst recht von außen verpasst.

Gegenüber fremden Erwartungen gilt es sich abzugrenzen. Bei den eigenen lohnt es, sie auf das Wesentliche einzugrenzen.
3.3. Ich und Du
Opfer und Täter
Zunächst sieht es so aus, als seien all jene, die kein Nein über die Lippen bringen, passive Opfer Übergriffiger, die sich nicht begrenzen und ständig etwas von den Opfern fordern. Das ist einseitige Sicht. Sie mag den Opfern zu einem "guten" Gewissen verhelfen, zu mehr aber nicht. Auch das Opfer ist Täter. Auch das Opfer will mehr: Liebe, Zuwendung, Wertschätzung; kurzum: die Bestätigung unbedingter Zugehörigkeit. Und da es sich mit dem, was es hat, nicht begnügt, hält es die Grenzen offen. Es könnte ja ein Quäntchen Zuwendung kommen, dessen Import an einer Grenze auf keinen Fall aufgehalten werden soll.
Viele Grenzen werden offen gehalten. Scheinbar den anderen zuliebe. Tatsächlich, weil man auf der Jagd nach Lob für die eigene Tugend uner­sättlich ist.

Ein Schwerpunkt des Daseins ist Gemeinschaftlichkeit. Das meiste, was den Einzelnen umtreibt, hat mit anderen zu tun. Ein Hauptanliegen ist Beziehungsgestaltung.

Dabei steht der Einzelne nicht nur vor der Frage, ob er fremde Grenzen einhält, er sich der oben genannten Abwehr­mechanismen also enthält. Vielmehr ist jeder ständig Ziel­scheibe fremder Erwartungen und Ausgangspunkt eigener. Beiden Erwartungen gegenüber muss man Position beziehen; oder man wird zu ihrem Spielball.

Einnahmequellen
Der sicherste Verbündete des Psychotherapeuten im Kampf um seinen Wohlstand ist die fehlende Bereitschaft der Patienten, sich gegenüber den Erwartungen anderer abzugrenzen. Das führt regelhaft zu Kummer und Leid; und die Patienten zum Therapeuten.

Ursache der Störung ist ein ungestilltes Zugehörigkeits­bedürfnis. Wer Erwartungen anderer niemals Widerstand entgegensetzt, wähnt sich derart auf deren Sympathien angewiesen, dass er sich bei der Bestechung seines Gegenübers verausgabt. Pathologische Folgen sind:

3.4. Selbstbestimmung
Einwegspiegel
Einwegspiegel sind besondere Grenzen. Sie trennen zwei Räume. Auf der einen Seite sieht der Betrachter sein Spiegelbild. Von der anderen sieht er den, der sein Spiegelbild im Spiegel sieht. Wenn die Person, die sich im Spiegel sieht, nicht ahnt, dass sie nicht das Bild, sondern der Betrachter jenseits des Spiegels ist, verkennt sie das Wesen ihrer selbst.

Fremdbestimmung ist Begrenzung durch andere. Das ist ein soziales Phänomen. Als Gegenpol dazu ist Selbstbestimmung zu betreiben. Selbstbestimmung im sozialen Kontext heißt: Ich tue, was ich selbst für richtig halte; auch dann, wenn andere anderer Meinung sind. Wer solcherart Selbstbestim­mung unterlässt, kann nicht mit sich im Reinen sein, noch wird er eine Position erklimmen, von wo aus der Blick auf die Gemeinschaft Freude macht.

Darüber hinaus hat Selbstbestimmung eine höhere Dimension. Sie ist das zentrale Thema des individuellen Umgangs mit sich selbst. Um psychisch gesund zu sein, muss sich der Einzelne fragen, was oder wer er tatsächlich ist. Solange er glaubt, nur Person zu sein, wird er sich selbst verfehlen. Erst wenn er zwischen seiner Person und seinem absoluten Selbst unterscheidet, also die Person als eine Erscheinung seiner selbst erkennt, kann er tatsächlich selbst­bestimmt sein. Bis dahin wird er glauben, die spontane Reaktion seiner Person auf die Ereignisse der Welt sei er selbst.