Eine Beziehung ist missbräuchlich, wenn einer den anderen ohne dessen Zustimmung zum reinen Objekt seiner Bedürfnisse macht.

Missbrauchsformen gemäß ICD-10

ICD-10 Form
T74.0 Vernachlässigung
T74.1 körperlicher Missbrauch
Misshandlung
T74.2 sexueller Missbrauch
T74.3 psychischer Missbrauch
T74.4 sonstige Formen des Missbrauchs durch Personen

Missbrauch


  1. Formen der Begegnung
  2. Formen der Missbrauchsbeziehung
  3. Folgeschäden
  4. Bewältigung von Missbrauchserfahrungen
  5. Selbstmissbrauch

1. Formen der Begegnung

Je nachdem, als was man den jeweils Anderen betrachtet, können menschliche Begegnungen drei Grundmustern zugeordnet werden:

  1. existenziell
  2. funktionell
  3. missbräuchlich

In der Realität sind die drei Muster oft gemischt.

Nur wer bereit ist, sich und den Anderen immer wieder neu zu erkennen, schöpft das Potenzial einer Beziehung aus.
1.1. Existenzielles Muster

Im existenzielle Beziehungsmuster sieht man den Anderen als ebenbürtiges Subjekt, dem keine feste Funktion oder Erwartung zugeordnet ist. Die InteraktionBertram sitzt im Zug. Unterwegs steigt eine Unbekannte zu. Das Gespräch entwickelt sich ohne dass beide füreinander vorherbestimmte Rollen spielen. Jeder reagiert auf das, was vom Anderen tatsächlich erkennbar wird. Da sie sich sympathisch sind, tauschen sie Telefonnummern aus. entwickelt sich im Zuge wechselseitiger Beachtung dessen, was vom Anderen tatsächlich erkannt werden kann.

Hätten wir nicht die Möglichkeit, die Mehrzahl unserer Beziehungen nach funktionellem Muster zu gestalten, würde uns der Alltag überfordern.
1.2. Funktionelles Muster

Beim funktionellen Beziehungsmuster betrachtet man den Anderen als definiertes Objekt, dem man bereits vor der aktuellen Begegnung eine FunktionAls Ina und Bertram Telefonnummern tauschen, kommt der Schaffner herein. Bertram beachtet ihn kaum und hält ihm sein Ticket entgegen. Für ihn ist der Schaffner Objekt und bloße Funktion. zugeordnet hat. Die Interaktion hängt nicht oder nur nachrangig von dem ab, was vom Anderen tatsächlich erkannt werden kann. Man achtet kaum darauf. Stattdessen verläuft die Begegnung nach einem Muster, das einseitig die Befriedigung jenes Bedürfnisses betreibt, das den spezifischen Objekt­charakterFür Bertram ist der Schaffner bloß Schaffner. Er nimmt von ihm nicht viel mehr wahr, als die Mütze, die zu seiner Unifom passt. Für den Schaffner ist Bertram nur Fahrgast. Mehr als die Fahrkarte will er von ihm nicht sehen. bestimmt, den man dem jeweils Anderen zuordnet.

Missbräuchliche Komponenten kommen in sehr vielen Beziehungen vor ohne dass es berechtigt erscheint, sie als Missbrauchsbeziehungen einzustufen. Erst wenn die Entwertung des einen zum Vorteil des anderen einseitig im Vordergrund steht, ist die Bezeichnung sinnvoll. Es nützt aber allemal, auch in scheinbar normalen Beziehungen auf missbräuchliche Elemente zu achten.
1.3. Missbrauchsbeziehung

Bei der Missbrauchsbeziehung wird das Selbstbestimmungsrecht des Anderen ignoriert, um die Befriedigung eigener Bedürfnisse zu erzwingen. Der Missbrauchte wird nicht als ein im Grundsatz ebenbürtiges Subjekt betrachtet, sondern als reines Objekt, dessen Anspruch, über die eigene Rolle in der Interaktion zu entscheiden, übergangen wird.

Das Selbstbestimmungsrecht des Missbrauchten kann übergangen werden...

Dabei wird der Schaden, der dem Missbrauchten zugefügt wird...

Stufengrade der Schädlichkeit

Missbrauch ist umso schädlicher...

In der Missbrauchsbeziehung nutzt der Missbraucher in der Regel soziale oder psychologische Abhängigkeiten des Missbrauchten aus.

Formen der Begegnung

existenziell funktionell missbräuchlich
Von Subjekt zu Subjekt Von Objekt zu Objekt Von Subjekt zu Objekt
Wechselseitige Beachtung der Selbstbestimmung Rollenspiel im wechselseitigen Einverständnis Einseitige Rollenzuordnung ohne reflektiertes Einverständnis
Auslagerung von Routinefunktionen in funktionelle Rollenspiele Bereitschaft bei Bedarf ins existenzielle Muster zu wechseln Einseitiges Festhalten an fester Rollenverteilung

1.4. Reale Beziehungen

Im Beziehungsalltag sind Mischungen der genannten Muster häufig.

2. Formen der Missbrauchsbeziehung

Missbrauchsbeziehungen sind weit verbreitet. Missbräuchliche Elemente in normalen Beziehungen sind es noch mehr. Sie kommen in vielen Lebensbereichen vor. Im Brennpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit steht zurecht der sexuelle Missbrauch; vor allem der von Kindern. Komplexe psychologische und soziale Begleitumstände führen dazu, dass sexueller Missbrauch häufig schwere seelische Beeinträchtigungen nach sich zieht.

Da auch andere Erscheinungsformen missbräuchlicher Muster Beeinträchtigungen der seelischen Gesundheit verursachen - vor allem, wenn sie unerkannt und damit unverstanden sind - macht es jedoch Sinn, den Missbrauchsbegriff zu erweitern. Es gibt...

2.1. Sexueller Missbrauch

Missbräuchlich wird eine sexuelle Beziehung, wenn sie der Befriedigung sexueller Bedürfnisse des einen dient, ohne dass der Andere ebenfalls sexuelle Bedürfnisse befriedigen kann oder will. Der Missbraucher entwertet das Opfer zum Objekt seiner Begierde, obwohl das Opfer sich zur Wehr zu setzen versucht oder obwohl das Opfer sich in Unkenntnis dessen, was überhaupt passiert, nicht zur Wehr setzen kann.

Sexueller Missbrauch wird meist unter Ausnutzung von Machtgefällen, Abhängigkeits­verhältnissen oder einem Erfahrungsvorsprung vollzogen. Oft trifft er daher Kinder und Jugendliche. Vorpubertäre Kinder sind exemplarische Opfer des sexuellen Missbrauchs, weil eine eigene sexuelle Bereitschaft bei ihnen noch gar nicht entwickelt ist. Von daher ist jedes sexuelle Ansinnen Erwachsener Kindern gegenüber missbräuchlich.

Zwangsehe

Auch die Zwangsehe kann dem Spektrum sexueller Missbrauchstaten zugeordnet werden. Die erzwungene Bereitstellung des weiblichen Körpers zur Inbesitznahme durch einen abgelehnten Ehemann kann bei betroffenen Frauen ähnliche Folgen haben, wie ein Missbrauch unter anderen Umständen.

An der existenziellen Demütigung, die der Enteignung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts durch entsprechende Bräuche entspringt, ändert auch die soziale Akzeptanz der missbräuchlichen Verehelichung durch den gleichen Kulturkreis nichts, da die soziale Ebene der existenziellen nachgeordnet ist.

Wahrscheinlich ist ein sexueller Miss­brauch, der öffentlich vom kulturellen Umfeld arrangiert und befürwortet wird, ein größeres Risiko für das Selbstwert­gefühl als eine einmalige Vergewalti­gung, da das Opfer einem Gruppendruck ausgesetzt ist, der seine untergeordnete Rolle zementiert und gegen den es seine verlorene Ehre kaum zurückerobern kann. Als psychologische Abwehr wird nicht selten eine Identifikation mit dem Aggressor zur Anwendung kommen.

Je jünger das Opfer, desto weniger kann es sich zur Wehr setzen; entweder weil es nicht versteht, worum es geht oder weil das Gefälle des Abhängigkeitsverhältnisses zum Täter so steil ist, dass eine effektive Abwehr nicht riskiert werden kann.

2.1.1. Besonderheiten des sexuellen Missbrauchs

Unter den Missbrauchsformen spielt der sexuelle Missbrauch eine herausragende Rolle. Die Verletzung des sexuellen Selbst­bestimmungsrechts hat besondere Tragweite. Sie trifft das Individuum an einer Stelle, die noch mehr als andere mit seinem Selbstwertgefühl verbunden ist.

Einschränkungen des Selbstbestimmungsrechts bedeuten immer eine Gefährdung der Ehre. Wem aber sogar das Recht geraubt wird, über seine Intimorgane zu verfügen, bedarf erheblicher Ich-Stärke, um sein Selbstwertgefühl vor nachhaltigem Schaden zu schützen. Viele Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer bringen eine solche Ich-Stärke nicht von vornherein mit.

Dazu kommt, dass der Täter beim sexuellen Missbrauch die Tat selbst in hohem Maße genießt. Schließlich ist der Genuss der Tat ein wesentliches Motiv, sie auszuführen. Dass der Täter aber denselben Vorgang genießt, den das Opfer erleidet, erschwert es dem Opfer zusätzlich, die erlittene Demütigung seelisch zu verarbeiten.

StufengradeDas Schema kann nur als andeutungsweise realitätsgerecht gelten. Tatsächlich ist die individuelle Spannbreite möglicher Erlebnisweisen sehr hoch. verletzter Selbstbestimmungsrechte

Verletzbares Recht Bedeutung und Traumatisierungsgefahr
Selbstbestimmung persönlicher Entscheidungen +
Leibliche Bewegungsfreiheit ++
Körperliche Unversehrtheit +++(+)
Sexuelle Selbstbestimmung ++++

2.2. Körperlicher Missbrauch / Misshandlung

Außer bei sadomasochistischen Rollenspielen werden körperliche Misshandlungen kaum je in beidseitigem Einverständnis vollzogen. In der Regel ist der Misshandelte daher Missbrauchsopfer. Die Bedürfnisse, die der Täter durch die Misshandlung befriedigt, können unterschiedlicher Art sein:

Die Behauptung, körperliche Züchtigung habe Kindern noch nie geschadet, verkennt grob fahrlässig das Schadenspotenzial körperlicher Gewalt. Je mehr Gewalt Kinder erfahren, desto größer ist die Gefahr von Störungen der Persönlichkeitsentwicklung.

2.3. Psychischer Missbrauch

Sexueller und körperlicher Missbrauch gehen fast immer mit psychischem Missbrauch einher. Unter psychischem Missbrauch ist eine Vereinnahmung zu verstehen, die unter Ausnutzung eines Machtgefälles zum eigenen psychologischen Vorteil über andere bestimmt; und deren psychologischen Nachteil in Kauf nimmt. Dabei stehen narzisstische Bedürfnisse so oft im Vordergrund, dass narzisstischer Missbrauch als besondere Form eigens benannt werden kann.

2.3.1. Narzisstischer Missbrauch

Beim narzisstischen Missbrauch wird der Andere funktionalisiert, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Narzisstischer Missbrauch ist oft in menschliche Beziehungen eingewoben. Nicht immer ist er auf Anhieb erkennbar. Zuweilen sieht es so aus, als sei der Missbraucher in besonderer Weise um das Wohl des Missbrauchten besorgt.

Mobbing

Mobbing kann verschiedene Funktionen haben.

Ungeachtet dessen stellt die gezielte Entwertung anderer aber auch eine Form narzisstischen Missbrauchs da.

Eine besonders schädliche Form narzisstischen Missbrauchs liegt in der gewalttätigen Erziehung. Gewaltbereit sind Eltern meist, wenn sie eine ausdrückliche Unterordnung der Kinder unter die elterliche Herrschaft verlangen. Hintergrund der gewalttätigen Erziehung sind narzisstische Defizite auf Seiten der Eltern, die ihre Selbstwertzweifel durch Machtansprüche dämpfen.

2.3.2. Pädagogischer Missbrauch

Eine Kategorie namens pädagogischer Missbrauch zu definieren, wird kaum konsens­fähig sein. Tief ist der Glaube im gesunden Menschenverstand verankert, Aufgabe von Eltern sei die Erziehung von Kindern und, benimmt sich jemand ungebührlich, sei das einer defizitären Erziehung anzulasten.

Zu allem Überfluss scheint der Begriff redliche Erzieher zu verumglimpfen, die in jahrzehntelanger Mühsal darum ringen, widerständigen Zöglingen Kulturtechniken zu vermitteln, die ihnen später nützlich sind. Deshalb sei betont: Pädagogik ist nicht grundsätzlich Sünde.

Das natürliche Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern und der Erfahrungsvorsprung der Erzieher birgt jedoch die Gefahr, dass die pädagogische Kommunikation als Einbahnstraße zum Export von Anweisungen, Ermahnungen, Beeinflussungen und Bevormundungen angesehen wird. Wo das geschieht, verstößt es gegen den Grundsatz der existenziellen Ebenbürtigkeit und ein solcher Verstoß ist dann doch als missbräuchlich anzusehen.

Wer dagegen einen Blick dafür entwickelt, dass nicht nur das Kind etwas von ihm, sondern auch er etwas vom Kind lernen kann, ist vor altkluger Besserwisserei des Älteren gegenüber dem Jüngeren gefeit. Bedenken Sie: Wer erstmals von den Bäumen stieg, war nicht nur unser Vorfahr. Er war auch der Nachfahr unserer Vorfahren. Er brach mit dem, was die Älteren für selbstverständlich hielten.

2.4. PseudoreligiöserSinnvollerweise bezeichnet man die Missbrauchs­praktiken dogmatischer Glaubenskulte Kindern gegenüber als pseudo-religiös. Weder das Einschärfen vorgefasster Sichtweisen noch die Beschneidung oder sonstige Rituale, denen man Kinder ohne deren Zustimmung unterzieht, haben religiösen Wert. Es sind Gehorsamsakte jener, deren Weltbild von den Sichtweisen ihrer Glaubensgemeinschaft ausgerichtet wird. Missbrauch

Pseudoreligiöser Missbrauch gehört zu den zentralen PflichtenDer Aufklärung ist es zu verdanken, dass der pseudoreligiöse Missbrauch im christlichen Kulturkreis an Bedeutung verloren hat. Innerhalb von Sekten und fundamentalistischen Gemeinschaften werden Kinder aber weiterhin unter Anwendung massiver Drohmittel dogmenkonform erzogen. Gleiches gilt für jüdisch-orthodoxe Kreise und weite Teile der islamischen Welt. politisch-religiöser Bekenntnisse. Da das Grundprogramm dogmatischer Glaubensformen darin besteht, umfassende Macht zu beanspruchen, betonen sie stets, dass es zur Glaubenspflicht eines jeden Anhängers gehört, seinen Kindern die eigenen Leitsätze bereits ab einem Alter aufzudrängen, in dem eine reflektierte Gegenwehr unmöglich ist.

Das religiöse Selbstbestimmungsrecht wird von dogmatischen Kulten systematisch ignoriert. Stattdessen weisen sie dem Kind die Rolle eines willkürlich formbaren Objektes zu, das den Ansprüchen des Glaubens anzupassen ist. Pseudoreligiöser Missbrauch kann zu schweren psychischen Erkrankungen führen; besonders bei sensiblen Menschen, denen ein spirituelles Interesse von der seelischen Anlage her nahe liegt.

Missbrauchskulturen

Im Machtbereich dogmatischer Glaubenskulte endet pseudoreligiöser Missbrauch nicht mit der Kindheit. Ganze Volksgemeinschaften sind von der Idee besessen, das eigene Seelenheil hänge davon ab, dass man sein familiäres (...und sein weiteres) Umfeld dazu nötigt, den Lehren des gleichen Propheten zu folgen. Die Mehrzahl der Mitglieder solcher Gemeinschaften sind durch pseudoreligiösen Missbrauch in der aktiven und/oder der passiven Rolle solange seelisch krank, bis sie sich der vermeintlichen Pflicht zur wechsel­seitigen Gesinnungskontrolle entziehen.

2.5. Kommerzielle Ausbeutung

Kommerzielle Ausbeutung nutzt Bedürftigkeiten und Machtverhältnisse aus, um materielle Vorteile aus Rollenzuweisungen zu erzielen, denen sich der Ausgenutzte nur zu einem hohen Preis entziehen kann. Auch bei der kommerziellen Ausbeutung entsteht eine Missbrauchsbeziehung, die den Missbrauchten zum Objekt fremder Interessen herabsetzt.

2.6. Politischer Missbrauch

Politische Macht ist in Gesellschaften asymmetrisch verteilt. Das führt zu Gemenge­lagen verschiedener Missbrauchsmuster, bestehend aus:

Je größer das politische Machtgefälle, desto größer ist das Missbrauchspotenzial. In Diktaturen ist der flächendeckende Missbrauch der Beherrschten durch die Machthaber offensichtlich.

Aber auch die repräsentative Demokratie ist in hohem Maße asymmetrisch. Um ihre reib­ungslose Funktion sicherzustellen, schränkt sie persönliche Entscheidungs­befugnisse durch immer neue Bevormundungen ein. Nur durch direkte Mitbestimmungsrechte kann die Gefahr des politischen MissbrauchsFür den, der mit der repräsentativen Demokratie einverstanden ist, bedeutet deren Rollenzuweisung kein Missbrauchsmuster. Für den, dem das Regiertwerden durch eine Repräsentanz aber gegen seinen Willen aufgezwungen wird, ist es anders. auf ihr unvermeidliches Minimum reduziert werden.

Tatmotive des Missbrauchs

Form Motiv
Sexuell Lustgewinn, Dominanzerleben, Abwehr von Selbstwertzweifeln
Misshandlung Sicherung dominanter Rollenpositionen, sexuell-sadistisches Erleben, Abfuhr aggressiver Spannung
Narzisstisch Abwehr von Selbstwertzweifeln
Pseudoreligiös Abwehr religiöser und sozialer Strafängste, Zugehörigkeitsritual und Gehorsamsbeweis gegenüber weltanschaulicher Gemeinschaft
Kommerzielle Ausbeutung Materieller Vorteil, Abwehr von Selbstwertzweifeln
Politisch Sicherung umfassender gesellschaftlicher Privilegien

3. Folgeschäden

Rang

Menschen leben in Gemeinschaften. Ihre Beziehungen sind von Rangordnungen durchsetzt. Dabei sind zwei Ebenen benennbar: die existenzielle und die soziale.

Der gemeinsame Nenner missbräuchlicher Muster liegt in einer Beziehungsasymmetrie, die durch körperliche, psychologische oder strukturelle Gewalt aufrechterhalten wird. Dabei wird das Recht der missbrauchten Person, ihre Rolle innerhalb der Beziehung selbst zu bestimmen, nicht anerkannt. Der Missbraucher wird so zu einem Subjekt, das nicht nur sich selbst bestimmt, sondern auch den Anderen, dem folglich die untergeordnete Rolle eines Objektes zugeordnet wird.

Wert und Recht

Wert ist bedingtBedingter Wert ist eigentlich kein echter Wert, sondern nur ein Preis. oder unbedingt. Seelisch gesund kann nur sein, wer von einem unbedingten Wert seiner selbst ausgeht.

BedingterWie es das Wort be-dingt es bereits ausdrückt. Wert kommt Objekten zu. Der Wert des Glases offenbart sich beim Trinken. Bedingter Wert kommt auch den Aspekten des Menschen zu, denen Objektcharakter zuzuweisen ist. Dazu gehören soziale Rollen und Funktionen, die man in Beziehungen wechselseitig füreinander erfüllt.

Unbedingter Wert kommt dem subjektiven Pol des Menschen zu; dem nämlich, der nicht als abgrenzbare Struktur aufgefasst werden kann.

Das Recht, im sozialen Gefüge trotz unterschiedlicher sozialer Ränge ebenbürtig aufzutreten, entspringt dem unbedingten Wert, der seinerseits im subjektiven Pol verankert ist.

Die Herabstufung des eigentlich selbstbestimmten Subjekts zu einem fremdbestimmten und damit untergeordneten Objekt stellt das Selbstwertgefühl des Missbrauchten in Frage. Es entsteht die Gefahr, dass sich der Missbrauchte mit dem untergeordneten sozialen Rang identifiziert, der ihm innerhalb der Missbrauchsbeziehung zukommt. In der Folge wird er an seinem Recht zweifeln, als ebenbürtiges Subjekt anderen Subjekten gegenüber gleichberechtigt aufzutreten.

4. Bewältigung von Missbrauchserfahrungen

Traumatisierende Missbrauchserfahrung

Eine Missbrauchserfahrung ist traumatisierend, wenn sie zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Erlebnisfähigkeit führt, die ohne gezielte Bewältigungsstrategie nicht überwunden werden kann.

Leichte Missbrauchserfahrungen sind allgegenwärtig. Das liegt daran, dass der Mensch meist aus einer egozentrischen Perspektive heraus handelt. Aus dieser Perspektive betrachtet er andere zunächst als Objekte, die er nach ihrer Nützlichkeit zur Befriedigung seiner Bedürfnisse beurteilt. Darin liegt der Keim missbräuchlicher Begegnungen bereits verborgen. Wohl jeder hat schon am eigenen Leibe erlebt, wie es sich anfühlt, von einem anderen benutzt worden zu sein. Im Regelfall werden solche Erfahrungen ohne therapeutische Hilfe bewältigt; oder sie werden einfach weggesteckt.

Schwere Missbrauchserfahrungen sind häufig. Sie betreffen zum Glück aber nicht jeden. Für die Betroffenen können sie jedoch schlimme Folgen haben. Bei traumatischen Missbrauchserfahrungen sind therapeutische Hilfen notwendig.

Zu den traumatisierenden Missbrauchserfahrungen zählt vor allem der sexuelle Missbrauch von Kindern; erst recht, wenn er gewaltsam erzwungen wird oder wenn sich der Täter des Kindes bereits in einem Alter bemächtigt, in dem es außerstande ist, den Vorgang zumindest intellektuell einzuordnen.

Im therapeutischen Alltag steht die Bewältigung des sexuellen Missbrauchs im Vordergrund. Die Folgen anderer Missbrauchs­erfahrungen können ebenfalls therapeutische Themen sein.

Dauerhaft traumatisierend können aber auch andere Missbrauchsformen sein.

4.1. Therapeutische Grundregeln

Die Aufarbeitung von Missbrauchserfahrungen fußt auf drei Grundsätzen:

4.1.1. Erkennen

Viele Missbrauchsopfer leiden unter komplexen seelischen Erkrankungen, deren Zusammenhang mit Missbrauchserlebnissen nicht erkannt wird. Um brüchige Beziehungen zu Bezugspersonen zu schützen, werden missbräuchliche Muster verdrängt oder verharmlost. Der Zugang zu den verdrängten Gefühlen, die den aktuellen seelischen Problemen zugrunde liegen, öffnet sich erst, wenn man als Missbrauch erkennt, was Missbrauch war oder ist.

4.1.2. Benennen

Missbrauch ist peinlich. Meist wird er verleugnet oder totgeschwiegen. Gerade bei der Bewältigung von Missbrauchserlebnissen ist es wichtig, das Schweigen zu brechen. Erst wenn man frei über das Erlebte reden kann, lässt man es wirklich hinter sich.

4.1.3. Durchleben

Missbrauch findet vor allem in der Kindheit statt. Oft zeigt er seine schädlichen Folgen erst, wenn er bereits vorüber ist. Die Folgen des Missbrauchs entstehen, weil es dem Kind bei schwerem Missbrauch nicht möglich ist, das traumatisierende Erlebnis emotional zu durchleben. Der seelische Verarbeitungsprozess wird abgebrochen, bevor er zu einer angemessenen Haltung gegenüber dem Missbrauchserlebnis führen kann. Der zentrale Ansatz zur Bewältigung liegt daher darin, den Gefühlen, mit denen man auf das Erlebnis reagiert, solange im Bewusstsein Platz zu schaffen, bis sie von allein vergehen.

Neurotische Psychopathologie kann als Missbrauch des Selbst durch das Ego verstanden werden.

5. Selbstmissbrauch

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Missbrauch ausschließlich als zerstörerische Form der zwischenmenschlichen Beziehung aufgefasst. Dabei wird übersehen, dass Missbrauch auch ein Ausdruck des krankhaften Selbstbezugs ist.

Eine Beziehung ist missbräuchlich, wenn einer den anderen ohne dessen Zustimmung zum reinen Objekt seiner Bedürfnisse macht.

So kann man die missbräuchliche Beziehung definieren. Missbrauch findet aber auch als individualpsychologische Dynamik statt. Man wird nicht nur missbraucht. Man missbraucht sich selbst. Dabei handelt es sich regelhaft um eine Missbrauchsaktivität des Ego gegenüber dem Selbst.

Selbstmissbrauch betreibt, wer sich in selbstschädigender Form zum Objekt seiner innerweltlichen Ziele oder seines Ehrgeizes macht und dabei seine tatsächlichen Bedürfnisse beharrlich übergeht.

Der missbräuchliche Selbstbezug ist Grundelement eines Großteils der psychiatrischen Erkrankungen. Umgekehrt gilt: Wer sich selbst nicht missbraucht, sondern sein jeweiliges Sosein sieht und beachtet, ist gegen die meisten psychiatrischen Leiden gewappnet.