HeilenDas gilt fürs Heilwerden ebenso wie fürs Heilmachen. kann nur, was sich selbst bejaht.

Die Seele hat einen Drang zur Ganzheit; weil sie dem Ganzen entspringt. Heilung ist nur möglich, wenn man Teile einfügt. Alles, was man an sich nicht wahrhaben will, alles was man verdrängt, sucht seinen Weg zurück in die Mitte. Je mehr man etwas zurückweist, desto mehr beherrscht es das Geschehen.


Zur Etymologie des Begriffs Heilung

Sprache Begriff Sinn
Englisch whole ganz, vollständig
hale gesund, rüstig
heal heilen
Althochdeutsch heil gesund, unversehrt
Schwedisch hel ganz
Russisch celyj ganz
Gotisch hails gesund
Walisisch coel günstiges Vorzeichen


Viele sind psychisch normal,Normal heißt einer Norm entsprechend, normal heißt nicht gesund. aber seelisch krank.

Heilung


  1. Begriffe
  2. Ebenen der Ganzheit
    1. 2.1. Körperliche Unversehrtheit
    2. 2.2. Personale Ganzheit
    3. 2.3. Psychosoziale Ganzheit
      1. 2.3.1. Verlustängste
        1. 2.3.1.1. Unversehrtheit
        2. 2.3.1.2. Personale Ganzheit
        3. 2.3.1.3. Zugehörigkeit
        4. 2.3.1.4. Selbstbestimmung
    4. 2.4. Spirituelle Ganzheit
  3. Heilungen
    1. 3.1. Organische Heilung
    2. 3.2. Personale Heilung
    3. 3.3. Psychosoziale Heilung
    4. 3.4. Spirituelle Heilung
  4. Rückkopplungen
  5. Gesellschaftliche Wirkkräfte

1. Begriffe

Verwandtschaftliche Beziehungen des deutschen Begriffs heil bestehen zu ähnlichen Wörtern in germanischen, keltischen und slawischen Sprachen. Die Tabelle zur Etymologie des Begriffs Heilung vermittelt einen Überblick. Sie verdeutlicht, dass heil Ge­sundheit und Ganzheit bezeichnet. Der Begriff heilig ent­springt derselben Sprachfamilie. Er verweist auf eine Ganzheit, die über allem Aufgeteilten steht. Das Verb heilen kommt in zwei Varian­ten vor: heil werden und heil machen. Heilung heißt Ganzwer­dung.

Sucht man den Ursprung des Begriffs gesund, stößt man auf die germanische Wurzel sunda- im Sinne von stark, kräftig. Heilung ist Ganzwerdung, der Kraft und Stärke entspringen.

Kraft resultiert aus dem Miteinander unterscheidbarer Teile, die ihren jeweils passenden Platz im Ganzen einnehmen. Folglich ist Heilung ein integrativer Prozess. Dabei wird Fehlendes von Unfer­tigem angenommen.

2. Ebenen der Ganzheit

Das Motiv der Ganzheit kommt in der Psychiatrie auf vier grundsätzlichen Ebenen vor.

Vier Ebenen der Ganzheit

körperlich Ungestörte Funktion neuropsychologischer Vermögen
personal Das Ich erlebt die Elemente des relativen Selbst als ihm zugehörig.
psychosozial Die Person erlebt sich im sozialen Umfeld eingebettet.
spirituell Das Ich erlebt sich als Repräsentant der Wirklichkeit.
  1. körperliche Unversehrtheit
  2. personale Ganzheit
  3. psychosoziale Ganzheit
  4. spirituelle Ganzheit

Diesen vier Ebenen entsprechen vier Varianten des Verfeh­lens von Ganzheit.

2.1. Körperliche Unversehrtheit

Alle mentalen Funktionen bedürfen eines intakten Zentral­nervensystems (ZNS). Das ZNS ist ein modular aufgebau­ter Funktionskomplex, bei dem bestimmte Hirnareale Schlüsselfunktionen für die Ausführung neuropsychologi­scher Leistungen bereitstellen. Sind solche Hirnareale anlagebedingt ungenügend oder werden sie im Verlauf des Lebens geschädigt, können spezifische Funktionen nicht ausgeführt werden oder sie funktionieren nur auf vermindertem Niveau. Daraus ergeben sich neuropsychologische Funktionsstörungen:

Ursachen struktureller Störungen des ZNS

Sind neuropsychologische Funktionen gestört, liegt eine geistige Behinderung oder eine Teilleistungsstörung vor.

2.2. Personale Ganzheit

Der umgangssprachlich normale Mensch - also der, der nicht an einer Psychose er­krankt ist - erlebt die Elemente seines relativen Selbst als zusammengehö­riges Ganzes. Er sagt: Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Impulse, meine Erin­nerung, meine Urteile, meine Sinneswahrnehmungen und mein Körper sind die Elemente meiner Person, die als sie selbst ein Ganzes ist. Dieses Ganze nennt der Normale Ich.

Beim Verlust der personalen Ganzheit geht das Erleben der Ganzheit des Ich verloren. Die Psychiatrie spricht von Ich-Störungen.... wobei nach schulmedizinischer Interpretation Halluzinationen wohlgemerkt nicht den Ich-Störungen zugeordnet, sondern als eigenständige psychopathologische Kategorie aufgefasst werden. Da aber davon auszugehen ist, dass Halluzinationen Gedanken und Vorstellungen des Kranken entsprechen, die dieser nicht als ihm selbst zugehörig erlebt, ist zu diskutieren, ob man sie nicht als einen Ausdruck des Verlusts der personalen Ganzheit und damit als eine Variante der Ich-Störung auffassen kann.

Zuordnungen

Unvollendete Ebene Funktionsniveau
körperlich behindert
personal psychotisch
psychosozial neurotisch
spirituell normal

Geht die personale Ganzheit verloren, spricht die Psychiatrie von einer Psychose.

2.3. Psychosoziale Ganzheit

Der dritten Ebene der Ganzheit entspricht die Einbettung der Person in den sozialen Kontext. Der Gesunde erlebt den Ereigniszusammenhang des jeweiligen Geschehens und seine persönliche Reaktion darauf als ein psychosoziales Gefüge, mit dem sein inne­res Erleben übereinstimmt. Er hat das Gefühl, dass sein Verhalten der Situation, in der er sich befindet, entspricht. Der Dualismus zwischen Ich und Nicht-Ich ist passend aufeinander eingestimmt.

Ist die psychosoziale Ganzheit unvollendet, besteht zwischen der kranken Person und dem Umfeld ein Riss. Statt angemessen und emotional stimmig auf das jewei­lig Jetzt zu reagieren, erlebt der Kranke Ängste, Impulse, Hemmungen und Stimmungsanomalien, die verhindern, dass sich Psyche und Kontext in eine kongruente psychosoziale Dyna­mik verzahnen. Die zwei Pole des psychosozialen Gefüges sind nur zum Teil in ein Ganzes verlötet.

Isolierte Störungen der psychosozialen Ganzheit können dem Spektrum der neuro­tischen Erkrankungen zugeordnet werden.

2.3.1. Verlustängste

Störungen der psychosozialen Einbettung werden durch Verlustängste verursacht. Vier Themenfelder sind auszumachen: Verlust der...

  1. körperlichen Unversehrtheit
  2. personalen Ganzheit
  3. Zugehörigkeit
  4. Selbstbestimmung
2.3.1.1. Unversehrtheit

Nicht nur der manifeste Verlust von Ganzheit macht krank, sondern auch die überwertige Befürchtung, Ganzheit zu verlieren. Das sieht man an Erkrankungen, die auf Ängsten gründen, die um den Verlust körperlicher Unversehrtheit kreisen.

2.3.1.2. Personale Ganzheit

Der Verlust der personalen Ganzheit kann als drohende Möglichkeit gefürchtet werden. Die Angst, verrückt zu werden, ist mit verschiedenen Krankheitsbildern verschwistert:

2.3.1.3. Zugehörigkeit

Zugehörigkeit ist das primäre psychologische Grundbedürfnis des Menschen. Auch ungeachtet psychologischer Bedürfnisse bietet sie so viele Vorteile, dass kaum jemand gegen soziale Verlustängste vollständig gefeit ist. Das Verhalten vieler wird jedoch so umfassend von entsprechenden Ängsten geprägt, dass ihre psychosoziale Einbettung gerade dadurch gefährdet ist.

2.3.1.4. Selbstbestimmung

Das zweite psychologische Grundbedürfnis ist Selbstbestimmung. Sie ist zweierlei:

  1. der gemeinsame Nenner personaler Ganzheit
  2. Grundvoraussetzung dafür, dass psychosoziale Ganzheit duale Ganzheit ist, die aus zwei Teilen besteht und keine Halbheit, in der eine Hälfte fehlt

Die Angst, Selbstbestimmtheit zu verlieren, kann bei schizoiden Persönlichkeiten dazu führen, dass ihnen psychosoziale Ganzheit als zu riskant erscheint.

2.4. Spirituelle Ganzheit

Ist die psychosoziale Ganzheit verwirklicht, erlebt sich der Mensch als normal-gesunde Person. Er deutet sich als separates Ich, das passend in eine Außenwelt verfugt ist, die nicht zum Ich gehört, sondern kategorisch davon zu unterscheiden ist. Das Selbst- und Weltbild des normalen Erlebens ist dualistisch. Für das normale Bewusstsein ist das Feld des Daseinsvollzugs kein Ganzes, das Ausdruck eines Ganzen ist, sondern ein Ganzes, das aus zwei Hälften besteht.

Einem derart gesunden Dasein ist ein latenter Unfrieden beigemengt, der vorübergeh­end durch Erfolg, Erwerb oder bereichernde Erfahrung beigelegt werden kann. Das Bewusst­sein um die Vergänglichkeit der Person und die Erkenntnis, dass selbst der Begeisterung über den größten Gewinn Ernüchterung folgt, verhindern, dass der normale Mensch auf Dauer glücklich in sich ruht.

Stets scheint ihm ein Teil zum Glück zu fehlen. Immer wenn er das scheinbar Fehlende gefunden hat, erweist sich der Fund zuletzt als ungenügend. Was ihm tatsächlich fehlt, ist spirituelle Ganzheit; also die Erfahrung, dass sein Ich die Trennlinie zwischen Person und Welt übersteigt und es ein Trugschluss ist, dass ihm überhaupt ein Teil der Welt zur Ganzheit fehlt.

Verkennt die Person ihre spirituelle Ganzheit, ist sie normal.

3. Heilungen

Entsprechend der vier Ebenen der Ganzheit sind vier Arten der Heilung zu nennen:

  1. organische Heilung
  2. personale Heilung
  3. psychosoziale Heilung
  4. spirituelle Heilung

Heilungen

Typ Instanz Ziel
organisch Hirnstruktur Wiederherstellung neuropsychologischer Funktionen
personal Hirnstoffwechsel Wiederherstellung eines funktionalen Transmitterstoffwechsels
psychosozial Ego Stärkung des Ego zur Verbesserung der Handlungsfähigkeit als Mitspieler im sozialen System
spirituell Selbst Befreiung aus den Grenzen des Ego durch Ablösung von dessen Selbstbild

Warum uns der Mut fehlt, wir selbst zu sein? Weil in uns die Zeit stillsteht, wir aber glauben, im Lauf der Zeit etwas zu gewinnen.

So unterschiedlich die angesprochenen Instanzen, so unterschiedlich sind die Metho­den, die zur Erlangung der Ganzheit auf den drei Ebenen anzuwenden sind.

Schaden verhindern und durch Üben beheben.
3.1. Organische Heilung

Für viele strukturelle Defizite und Schäden am ZNS sind keine grundsätzlichen Heilungsmöglichkeiten bekannt. Schwerpunkte der therapeuti­schen Bemühungen sind daher...

Das wesentliche Werkzeug zur Heilung organisch bedingter Leistungsstörungen des ZNS sind neuropsychologische Übungsprogramme, die defizitäre Funktionen möglichst bis zur vollen Wiederherstellung ergänzen.

Ich bin Herr von Leib und Sinnen.
3.2. Personale Heilung

Beim derzeitigen Stand der Wissenschaft ist davon auszu­gehen, dass das Erleben der personalen Ganzheit wesentlich von intakten Stoffwech­selprozessen im Zentralnervensystem abhängt. Dafür spricht vieles:

Das wesentliche Werkzeug, das heute zwecks Wiedererlangung der personalen Ganz­heit eingesetzt wird, ist die Psychopharmakologie.

Ich spiele unbefangen meine Rollen.
3.3. Psychosoziale Heilung

Ist die personale Ganzheit intakt, wird bei der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eine psychosoziale Heilung angestrebt. Psychosoziale Heilung bedeutet, dass all jene Faktoren beseitigt werden, die einer unbefangenen Ein­bettung des Patienten in den Ereigniskontext des Umfelds im Wege stehen. Die Befang­enheit des neurotischen Menschen wird durch fehlendes Selbstvertrauen und daraus resultierende Verlustängste verursacht. Fehlt das Selbstvertrauen, orientiert sich der Kranke zu wenig an seinem inneren Pro­zess. Er legt stattdessen übermäßig Wert auf Bestätigung von außen. Das führt zu...

Als Ursache des fehlenden Selbstvertrauens sind pathogene Kommunikationsmuster, traumatisierende Erfahrungen und realitätsfremde Selbsteinschätzungen auszumachen. Störungen, die auf solche Ursachen zurückzuführen sind, können durch Reflektion und gezielte Verhaltensänderungen aufgehoben werden. Die wesentlichen Werkzeuge zur Wiedererlangung der psychosozialen Ganzheit sind Psycho- und Verhaltenstherapie.

Gesellschaft und Ganzheit

Der Begriff weist darauf hin: Bei der psychosozialen Heilung spielt das soziale Umfeld eine große Rolle. Es gibt Bedingungen vor und setzt heilender Ganz­werdung Grenzen.

Die Zugehörigkeit zum sozialen Umfeld bildet einen der beiden Pfeiler, die das Leben als Ausgestaltung des Psychologischen Grundkonflikts bestimmen. Auß­erdem hängt die Deutung eines Verhaltens als gesund oder krank von den Maßstäben des sozialen und kulturellen Umfelds ab. Beides führt dazu, dass die Zugehörigkeit zum Umfeld oft eine Anpassung des Einzelnen an Erwar­tungen erfordert, die seiner Identität widerspricht. Um Spannungen zu vermin­dern, die daraus entstehen, passt der normale Mensch sein Selbstbild dem tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungsdruck des Umfelds an.

Die Anpassung des Selbstbilds erfolgt durch Verleugnung von Teilaspekten des tatsäch­lichen Selbst. Neben der Verleugnung kommt die übrige Palette der Abwehrmechanismen zum Einsatz. Je mehr Aspekte angepasst werden, desto mehr wird das Selbstbild verfälscht. Es bildet nicht mehr ab, was der Einzelne ist, sondern das, was er entgegen seinem tatsächlichen Wesen sein soll.

Selbstverständlich ist der Einzelne bei der Verfälschung seines Selbstbilds nicht nur Opfer jener Umstände, die ihn von außen bedrängen. Die Verfäl­schung des Selbstbilds ist ebenso Resultat eigener Ansprüche; je nachdem, welche Rollen er im Umfeld für sich einfordert.

Die überwertige Anpassung an gesellschaftliche Normen und das soziale Umfeld führt zu einer Entfremdung des Einzelnen von sich selbst. Daraus resultiert ein Defizit innerer Ganzheit, das erst durch eine spirituelle Heilung behoben wird.

Ich bin, der ich bin.
3.4. Spirituelle Heilung

Die spirituelle Heilung geht über die psychosoziale hinaus. Obwohl sie ihr teils wider­spricht, umfasst und vertieft sie sie zugleich. Bei der psychosozialen Heilung spielen Bewertungen und Urteile eine große Rolle. Im Dienste der psychosozialen Heilung wird das eigene Verhalten und Empfinden mit einem Soll verglichen. Was nicht passt, wird durch Abwehrmechanismen aus dem Bewusstsein entfernt. Dadurch werden Qualität und Umfang des Selbstbewusstseins vermindert. Die psychosoziale Heilung legt den Schwerpunkt auf die Einbettung einer als separate Einheit definierten Person in ihr Umfeld. Sie geht nicht über die Polarität Ich/Nicht-Ich hinaus.

Der Kranke sagt: Das bin ich nicht.
Der Gesunde sagt: Das bin ich auch.

Bei der spirituellen Heilung treten Urteile und Wertungen völlig in den Hintergrund. Stattdessen versucht der Patient, sämtliche Aspekte seiner selbst wahrzunehmen und zu lassen, wie sie sind. Dabei erfüllt die Akzep­tanz der sogenannten negativen Gefühle eine Schlüsselfunktion. Unange­nehme Gefühle vermitteln Einsichten in das eigene Wesen, gegen die man sich sträubt. Gerade diese Einsichten sind es jedoch, die man auf dem Weg zur Heilung braucht. Sie sind das Fehlende am Unfertigen.

Während die psychosoziale Heilung die Identifikation mit den Erscheinungen des rela­tiven Selbst beibehält und sie zur Stärkung eines handlungsmächtigen Ego verwendet, betreibt die spirituelle Heilung eine Des-Identifikation von allem Erkannten. Gelingt sie, wird das absolute Selbst, also das Subjekt aus den Begrenzungen freigesetzt, die der Einbindung in die dualistische Interaktion zwischen Person und Welt eingewoben sind.

Die wesentlichen Werkzeuge zur spirituellen Heilung sind absichtslose Achtsamkeit, Me­ditation und Ablösung des Subjekts von allen selektiven Identifikationen mit Objekten.

4. Rückkopplungen

Zwecks besserer Anschaulichkeit kann die Darstellung von Ganzheit und Heilung auf vier Themenbereiche aufgeteilt werden. Ganzheit heißt aber auch, dass die vier Bereiche nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern ganzheitlich ineinander verzahnt sind. Das wird in der Praxis deutlich.

Eine umfassende Betrachtung des seelisch kranken Menschen wird den Blick bei der Wahl ihrer Ziele und Mittel nicht auf einzelne Ebenen beschränken.

Eingrenzung und Ausgrenzung sind dialek­tische Kräfte. Wer auf gesell­schaftlicher Ebene den Bogen beim Eingrenzen überspannt, riskiert so viel Bestehendes auszugrenzen, dass Ganzheit nicht erreicht wird, sondern in Zersplitterung verloren geht.

5. Gesellschaftliche Wirkkräfte

Das Streben nach Ganzheit ist ein grundsätzlicher Impuls. Er wirkt auf personaler, psychosozialer und kultureller Ebene. Er ist Grundprinzip aller Spiritualität.

Das Bedürfnis nach psychosozialer Ganzheit bezieht sich nicht nur auf den Horizont unmittelbarer Bezugspersonen, sondern auch auf den des kulturellen Umfelds. Ganzheit heißt Überwindung von Grenzen. Streben nach Ganzheit heißt auch, von außen Neues aufzunehmen. Von außen Neues in ein kulturelles Umfeld aufzunehmen, schafft jedoch neue Grenzen in dessen Innerem. Die Eingrenzung von Neuem führt so zur Ausgrenzung von Bisherigem.

Integration... im Sinne der Ganzwerdung einer gemeinschaft­lichen Struktur... nur als politische Frage zu betrachten, greift zu kurz. Sie ist vor allem ein psychologisches Problem.... und als solches nicht beliebig steuerbar. Das Wohl vieler hängt in großem Umfang von gesellschaft­lichen Bedingungen ab. Dazu gehört, innerhalb der Gesellschaft nicht auf Gruppengren­zen zu stoßen, die die Kompensationsmechanismen des individuellen Zugehörigkeits­empfindens überfordern. Die Aufspaltung der Gesellschaft in ein Patchwork paralleler kultureller Untergruppen, führt bei vielen zu einer Störung der psychosozialen Einbet­tung, die ihr Wohlergehen nachhaltig stört und den sozialen Frieden gefährdet.