Äußere Freiheit, die dem Einzelnen gegeben wird, bedarf innerer Freiheit, die er bewirkt und bewahrt. Jede Person ist nicht nur ihre Burg, sondern auch ihr Gefängnis.

Ein freier Mensch ist immer nur so frei, wie ihm sein Menschsein Freiheit ermöglicht.

Der Mensch macht Geschäfte. Oft tauscht er Freiheit gegen Sicherheit. Seine Geschäfte sind nicht immer klug.

Freiheit ist das Vermögen eines Innenraums. Frei zu sein heißt dreierlei:
  1. nach eigenem Urteil handeln zu können.
  2. vor Zugriff von außen beschützt zu sein.
  3. den eigenen Horizont überschreiten zu können.

Wer seine Freiheit nicht nach außen schützt, verliert sie; entweder, weil sie ihm geraubt wird oder, weil er sie selbst abschafft, um Äußerem zu dienen. Wer sich vor dem Leben aber nur durch Abwehr schützt, bleibt in seinem Horizont gefangen.


Der Fortschritt einer Zivilisation macht nur soweit Sinn, wie er die Freiheit der Individuen fördert. Fördert er die Komplexität der Zivilisation oder die Macht der Gruppe auf Kosten der individuellen Freiheit, ist er ein Irrweg.

Wem es gelingt, er selbst zu sein statt über andere zu bestimmen, hat mehr für die Freiheit getan als die meisten Revolutionäre.

Freiheit liegt jenseits von Angst und Begierde. Angst ist Beengung, Begierde Besessenheit.

Das Freie kann bewirken, wozu das Unfreie dienen muss. Über dem Freien gibt es nichts, weil das Freie zu nichts mehr dient. Das Freie fordert keine Unterwerfung. Es ermutigt, wie es selbst zu sein.

Freiheit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Felder der Freiheit
  3. Luxus oder Notwendigkeit
  4. Der Herr und seine Diener
  5. Biografische Entwicklungen
  6. Gefährdungen
  7. Notwendige Maßnahmen

1. Begriffsbestimmung

Frei entspringt der indoeuropäischen Wurzel prāi- = schützen, schonen, gerne haben, lieben. Zur selben Wortfamilie gehören der Friede, der Freund und der Freier.

Die Logik des Zusammenhangs ist offensichtlich. Was man liebt, schützt man vor fremdem Zugriff... und man verschont es vor dem eigenen. Man sorgt dafür, dass es sich frei entfalten kann. Geliebten Menschen gegenüber verhält man sich friedlich. Man behandelt sie als Freunde. Wer auf Freiers Füßen unterwegs ist, bringt der Geliebten Liebe dar. Liebe heißt nicht, andere für sich zu vereinnahmen. Liebe heißt, andere frei zu lassen.

Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit

Der Leitspruch der französischen Revolution (liberté, égalité, fraternité) nennt Freiheit an erster Stelle. Ein guter Griff! Denn alle Belange des Lebens befassen sich mit Gewinn und Erhalt von Freiheit.

Liberté geht auf lateinisch liber = frei, freimütig, ungebunden zurück, dem das griechische eleutheros [ελευθερος] = frei, edel entspricht.

So manchen mag der Klang des griechischen e-leuthe-ros an das deutsche Leute erinnern. Bloßer Zufall? Keineswegs. Sowohl Leute als auch eleutheros gehen auf die indoeuropäische Wurzel leudh = wachsen zurück; von der leuthero = zum Volk gehörig, frei abgeleitet ist.

Thematisch vereint das Sinnfeld des Begriffs liberté mehrere Motive:

Freisetzungen geschäftlicher Art

Abgeleitet von lateinisch liberare = befreien ist das französische Verb livrer = liefern. Über mittelniederländisch lēveren kam das Wort ins Deutsche. Waren auszuliefern heißt, sie freizusetzen. Was zuvor im Handelsspeicher lag, wird in die Freiheit des Marktes entlassen.


Narrenfreiheit

Narrenfreiheit ist vermeintliche Freiheit. Tat­sächlich ist sie Gefangenschaft in einem Unver­stand, der sich auf Kosten anderer oder des eigenen Wohls als vorübergehender Triumph über Begrenzungen hinwegsetzt. Klinisch kommt sie als Manie vor, sozial oder politisch als Tyrannei. Der Narr macht, was seinem Ego einfällt, ohne zu verstehen, dass er gerade dadurch in seinem Ego gefangen ist.

Dass dem Motiv der Freiheit prompt die Idee von Gleichheit und Brüderlichkeit folgt, kann daher kaum verwundern. Die wahre Freiheit des Einzelnen ist immer auch die Freiheit der anderen. Brüderlichkeit heißt gleichen Ranges zu sein. Mit dem, den man frei lässt, kann man sich brüderlich vereinigen.

2. Felder der Freiheit

Zunächst denkt man beim Thema Freiheit an die Freiheit von äußerem Zwang. Das entspricht der menschlichen Entwick­lungsgeschichte. Lange bevor der Mensch sein Inneres entdeckte, war er äußerem Zugriff ausgesetzt und stieß auf soziale Hürden.

Parallel zum wachsenden Bewusstsein persönlicher Individualität erkannte der Mensch im nächsten Schritt, dass er nicht nur Mitglied eines hierarchischen Netzwerks wechselseitiger Kontrolle und Begrenzung war, sondern ein Binnenraum mit komplexer Eigendynamik. Je mehr sein Blick auf die Dynamik dieses Binnenraums fiel, desto deutlicher wurde ihm, dass Freiheit nicht nur im Fehlen äußerer Grenzen bestand, sondern ebenso innerer. Von da ab konnte er das Thema Freiheit bipolar betrachten. Freiheit besteht aus zwei Komponenten. Es gibt...

Freiheiten

biologisch politisch-sozial psychologisch
Die Möglichkeiten der menschlichen Biologie auszuschöpfen Keinen asymme­trischen Gesell­schaftsstrukturen ausgeliefert zu sein Mit sich identisch zu sein statt sich eine Identität zuzuschreiben

Wer mit sich identisch ist, beansprucht keine Macht über andere.

  1. äußere Freiheiten
  2. innere Freiheiten

Der Begriff bipolar ist bewusst gewählt. Er zeigt an, dass beide Pole ineinander übergehen und sich die zwei Formen der Freiheit wechselseitig beeinflussen. Zugriff von außen behindert die Entwicklung innerer Freiheit. Innerlich unfreie Menschen bevorzugen soziale Ordnungen, die äußere Freiheit verweigern. Innerlich unfreie Menschen versuchen die Freiheit anderer einzuschränken.

Betrachtet man die beiden Pole der Freiheit, stellt man fest, dass jeder Pol seinerseits in verschiedene Bereiche unterteilt werden kann. Äußere Freiheiten werden durch biologische, soziale und politische Strukturen vergeben. Der Einzelne kann sie von anderen fordern. Innere Freiheit ist eine eigene Leistung. Innere Freiheit muss vom Individuum selbst bewirkt und bewahrt werden. Ihre Spanne reicht vom ersten Zweifel am eigenen Tun bis zum spirituellen Erwachen.

2.1. Äußere Freiheiten

Bevor der Mensch von seinen Nachbarn geknechtet und von seinen Ängsten beherrscht werden kann, muss er einen Körper haben. Dieser bildet die äußere Hülle seiner persönlichen Identität und ist seinerseits begrenzend. Die äußere Freiheit kann daher in drei Bereiche unterteilt werden:

  1. biologisch-körperlich
  2. sozial
  3. politisch
Leben ist Befreiung aus dem Diktat des Umfelds; und Ver­weis auf eine Freiheit, vor der wir uns fürchten.
2.1.1. Biologische Freiheit

Die Körperlichkeit des Menschen ist sowohl Grundlage seiner Freiheit als auch deren unverrückbarste Begrenzung. Im Vergleich zur unbelebten Materie, die vollständig Naturgesetzen unterworfen ist und aus sich heraus nichts entscheiden kann, kommt jedem Lebewesen ein gewisses Maß an Freiheit zu. Sonst wäre es keins. Was Lebewesen von unbelebter Materie unterscheidet, ist ein Aufeinanderbezogensein gestaltbildender Strukturen, deren Aufeinanderbezogensein einen Innenraum ausformt, der dem Umfeld eine Grenze entgegensetzt. Leben ist die Befreiung dieses Innenraums vom beliebigen Zugriff durch Äußeres; eine Befreiung, ohne die die individuelle Gestalt des Binnenraums keinerlei Bestand hätte.

Aufrechter Gang, entbundene Hände und ein komplexes Gehirn verleihen dem Menschen eine Freiheit, die über die anderer Spezies hinausgeht. Doch Hand aufs Herz: Im Vergleich zur Übermacht der Welt ist die Freiheit, die der Mensch seiner biologischen Struktur verdankt, bescheiden. Außerdem ist sie stets gefährdet, durch Krankheit, Alter und Invalidität weiter eingeengt zu werden.

2.1.2. Soziale Freiheit

Der Mensch ist nicht beiläufig sozial, sondern wesentlich. Ohne komplexe soziale Inter­aktionen gäbe es ihn nicht. Führender Beleg dafür ist die Mutter-Kind-Beziehung. Ohne in das Gefüge einer solchen Beziehung hineingeboren zu werden, ist der Mensch nicht überlebensfähig. Dabei muss der mütterliche Pol nicht die leibliche Mutter sein. Jede Person, die die Mutterrolle übernimmt, ist dazu geeignet.

Zur Sozialisation tragen weitere Familienmitglieder und sämtliche Personen bei, die dem Einzelnen persönlich begegnen. Indem sich das soziale Umfeld als Raum öffnet, der dem Individuum erst die Freiheit gibt, wesentliche Teile seines Wesens zum Ausdruck zu bringen, bildet es zeitgleich ein Gefüge potenzieller Übergriffe und Hürden.

Der Mensch lebt in Gruppen. Gruppen ermöglichen Freiheiten, die man nur gemeinsam ausüben kann. In Gruppen neigen Einzelne aber nicht nur dazu, sich wechselseitig beim Gewinn neuer Freiheiten zu unterstützen. Sie neigen auch dazu, andere zum eigenen Vorteil ihrer Freiheit zu berauben. Umgekehrt setzen sie dem Zugriff anderer Hürden entgegen, um die eigene Freiheit zu bewahren.

Sozial und/oder politisch
Ab einer gewissen Größe gehen soziale und politische Komponenten einer Gemeinschaft ineinander über. Jede Gemeinschaft mindestens zweier Individuen ist sozial. Kommen drei Individuen zusammen, kann aus der primär rein sozialen Gemeinschaft zusätzlich eine politische werden; und zwar dann, wenn sich zwei der Individuen gegen das dritte verbünden. So kann bereits eine Familie als politisches System erscheinen.

Die soziale Ebene einer Gemeinschaft besteht aus eingrenzenden Bündnissen. Eingrenzende Bündnisse können symmetrisch oder asymmetrisch, solidarisch oder missbräuchlich sein.

Es mag sein, dass solidarische Gemeinschaften andere nicht umfassen. Sie werden aber nicht gebildet, um sich zu deren Lasten Vorteile zu verschaffen. Kommt die politische Ebene dazu, ändert sich das. Politische Bündnisse sind Bündnisse in Abgrenzung zu Dritten. Sie sollen deren Zugriff verhindern. Oder sie versuchen ihrerseits, sich auf Kosten Dritter Vorteile zu verschaffen. Zu diesem Zweck umfassen sie nicht nur nicht. Sie schließen aus.

Auf der Ebene rein solidarischer Bündnisse fehlt Rivalität; und damit auch jede Feindschaft, in die Rivalität entgleisen kann. Politische Bündnisse setzen andere voraus, die als Gegner, Feinde oder Beute betrachtet werden.

Innerhalb kleiner Gruppen sind rein solidarische Netzwerke möglich; wenn alle Beteiligten auf Bündnisse zu Lasten Dritter verzichten. Die sozialistische Idee, den solidarischen Charakter einer gesunden Familie auf größere Gemeinschaften, ganze Staaten oder gar die Weltgemeinschaft zu übertragen, mag aus Liebe oder Sehnsucht heraus geboren sein. Sie bleibt aber Utopie, denn sie überschätzt die Bereitschaft des Menschen, großen Gruppen gegenüber solidarisch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Bündnisse zu Lasten Dritter bilden, steigt ab einer bestimmten Gruppengröße so steil an, dass das erhoffte Gewebe solidarischer Zusammengehörigkeit an unzähligen Bruchlinien zerreißt und in eine Struktur übergeht, die nur durch Gewalt aufrechterhalten werden kann. Selbst in den eigenen Reihen ist ein Politbüro nicht in der Lage, das Problem der persönlichen Rivalität zu überwinden.

2.1.3. Politische Freiheit
Je weniger ein Gesellschaftssystem die Freiheit aller Bürger respektiert, desto mehr wird das Verhalten seiner Führer von den Vorgaben biologisch gebahnter Rivalitäten bestimmt.

Bereits Schimpansen und Bonobos handeln politisch. In den Populationen beider Menschen­affen schmieden Individuen Koalitionen, um gemeinsam höhere Ränge zu erkämpfen. Ohne ein Mindestmaß bewusster Vorausplanung politischen Handelns wäre das nur schwer denkbar. Da sich die Affen im Kampf auch an Lianen durch die Reviere hangeln, erscheint der Begriff politische Seilschaften treffend.

Seit Bonzo auf dem Affenfelsen die erste Diktatur ausrief, ist Freiheit zum Politikum geworden. Da der Mensch anders als die Kellerassel soziale Gemeinschaften bildet, steht die Frage, wer wie viel Macht ausübt, im Vordergrund der zivilisatorischen Entwicklung. Mehr noch: Eine Gesellschaftsordnung ist ein Regelwerk, das über Freiheitsentzug und Freiheitsvergabe entscheidet. Alle übrigen Merkmale einer Gesellschaftsordnung sind dem nachgeordnet.

Bei Asselforschern mag sich Widerstand gegen die Behauptung regen, Asseln bildeten keine soziale Gemeinschaft. Sie mögen auf (hypothetische?) Forschungsergebnisse verweisen, die belegen, dass weibliche Asseln bei Vollmond Pheromone aussenden, die den Verstand der Asselmännchen derart verwirren, dass der Duft ihnen ihre Asselfreiheit raubt. Asselfreiheit? Was soll das sein? Auch wenn faulendem Fallobst das Licht der Sonne unangenehm erschiene, so fehlte ihm doch die Freiheit, sich in dunkle Ecken zu verkriechen. Asseln haben diese Freiheit.

Falls die Forschung Recht hat und die Assel durch den Einfluss des Duftstoffs die Freiheit verliert, sich selbstbestimmt in den Tiefen des Komposthaufens zu tummeln, gäbe es auch in der Asselwelt Ansätze wechselseitiger Freiheitsberaubung; und zwar nicht erst dann, wenn ein kräftig gebautes Männchen bei einem duftenden Weibchen eintrifft und dort einen schmächtigen Kollegen verdrängt, sondern bereits bei der Stimulierung seiner libidinösen Begierden durch weibliche Raffinesse.

Dem halten wir Folgendes entgegen: Im Vergleich zu den Möglichkeiten der Primaten, Artgenossen durch soziale Interaktion und politische Bündnisse ihrer Freiheit zu berauben, sind die Möglichkeiten des Asselpaschas gering. Keineswegs kann er Schwächere versklaven oder daran hindern, ihr Glück im Komposthaufen des Nachbargartens zu suchen. Bei Affen und erst recht beim Menschen ist das anders.

Jede Erfindung erfindet ein Stück Macht. Jede Macht gibt oder raubt Freiheit.

Ordnung ist dem lateinischen Verb ordinare = in Reihen zusammenstellen entlehnt. Ordo hieß Reihe, Ordnung, Rang. Das bestimmende Thema sozialer Gemeinschaften ist die Verteilung der Freiheit durch Zuordnung persönlicher Ränge. Freiheit ist die Möglichkeit, Entwicklungen nach eigenem Urteil zu steuern. Selbst wenn damit Nachteile verbunden sein mögen, steuert das Urteil stets einen persönlichen Vorteil an. Politische Macht erscheint dabei als Mittel zum Zweck. Sie hat zweierlei Funktion.

  1. Sie dient der Beschaffung und Verteidigung eigener Freiheit.
  2. Sie dient der Freiheitsberaubung anderer.
Das Ende vom Lied
Die Befreiung der Frau ist nur eine Strophe des Liedes; wenn auch eine wichtige. Das ganze Stück heißt aber anders. Es heißt:

Die Befreiung des Individuums an sich

Solange das Ende des Liedes unerreicht ist, müssen die Sänger ihre Stimme erheben.

Die Geschichte ist ein schwankender Prozess. Trotzdem verläuft sie nicht chaotisch oder im Kreis. Es durchzieht sie ein roter Faden. Der rote Faden, um den es dabei geht, ist die Frage nach der Befreiung des Individuums aus hierarchischen Strukturen.

Der Begriff Faschismus ist beim Verständnis des geschichtlichen Prozesses nützlich. Er geht auf Italienisch fascio bzw. Lateinisch fascis = Rutenbündel zurück. Bei den fasces lictoriae handelte es sich um die Machtsymbole römischer Amtsinhaber. Sie stellten ein Rutenbündel dar, das durch ein Band zusammengehalten wird und aus dem die Klinge einer Axt ragt. Soziologisch gesehen steht jede Rute dabei für ein Individuum, dessen Freiheit durch Bündelung eingeschränkt und dessen Kraft für die Zwecke des Amtsinhabers vereinnahmt wird. Das Bild sagt alles Wesentliche über den Charakter faschistischer Ordnungen aus. Ihr Wesen ist es, Individuen ihrer Freiheit zu berauben, um mithilfe der vereinnahmten Kraft Zwecke zu verfolgen, die nur kollektiv erreicht werden können.

Jede Gruppe, die Mitglieder daran zu hindern versucht, aus der Gruppe auszuscheren, hat eine faschistoide Komponente.

Da die Bündelung von Individuen stets Führer voraussetzt, die das Band um die Ruten schnüren, ist Kollektivität im Gegensatz zu echter Gemeinsamkeit ein Mittel zur Ermächtigung Einzelner. Bei der Gemeinsamkeit stehen Ruten aus freien Stücken zusammen, ohne durch ein Band von außen dazu gezwungen zu sein. Sie bilden ein Bündnis ohne gebündelt zu werden.

2.2. Innere Freiheiten

Freiheit kann von äußeren Faktoren beschränkt oder gefördert werden. Erlebt wird sie innen. Den äußeren Faktoren der Freiheit steht ein Binnenraum gegenüber, der dem Wesen dessen entspricht, dem Freiheit gilt. Dieser Raum kann seinerseits in zwei Bereiche unterteilt werden:

  1. die psychologische Ebene, also das Gefüge aus Sinneswahrnehmungen, Urteilen, Erinnerungen, Plänen und Vorstellungen, das als innerseelischer Prozess erscheint und das neben dem Körper zum relativen Selbst gehört.
  2. das absolute Selbst, also die unveränderliche Instanz, die den innerseelischen Phänomenen Raum gibt.
2.2.1. Psychologische Freiheit

Freiheit ist die Möglichkeit, Entwicklungen nach eigenem Urteil zu steuern. So haben wir es definiert. Diese Freiheit stößt nicht nur auf die Grenzen der menschlichen Biologie und die begrenzende Macht anderer. Sie trifft auch auf psychologisches Unvermögen. Neben der Freiheit, die nach außen zu verteidigen ist, gibt es eine zweite: die Freiheit, die gegen innere Widerstände zu erringen ist.

Während man sich leicht über Begrenzungen der Freiheit von außen ereifert, wird die innere Unfreiheit oft gar nicht erst als solche erkannt. Im Gegenteil: Mit dem, was uns von innen her in Knechtschaft hält, identifizieren wir uns oft. Schlimmer noch: Womit man sich identifiziert, das verteidigt man. Statt das Leid im Gefolge innerer Einschrän­kungen richtig zuzuordnen, schreibt man es im nächsten Schritt äußeren Faktoren zu, die man dann umso heftiger beschuldigt. Ein Teufelskreis entsteht. Der Fingerzeig auf das Äußere lenkt den Blick vom Inneren ab.

Beschneidungen der inneren Freiheit machen sich durch psychiatrische Symptome bemerkbar. Es gibt psychiatrische Symptome im engeren Sinn und solche, die vom Zeitgeist als normal bewertet werden. Beide Gruppen entspringen meist innersee­lischen Konflikten, entweder Konflikten zwischen...

Oder aber psychiatrische Symptome sind Ausdruck körperlicher Einschränkungen (z.B. kognitive Defizite bei der Demenz), Folge von Stoffwechselstörungen (z. B. endogene und organische Psychosen) bzw. Vergiftungen (z.B. Drogenrausch). Dann sind sie als biologisch bedingte Einschränkungen der Freiheit einzustufen.

Psychiatrische Symptome...

im engeren Sinne die als normal erachtet werden
  • Ängste
  • Stimmungsanomalien
  • Zwangserscheinungen
  • Wahn
  • Trugwahrnehmungen
  • kognitive Einschränkungen
  • Essstörungen
  • Süchte
  • ... und andere
  • egozentrischer Realitätsbezug
  • egozentrische soziale Interaktionsformen
  • individuelle Identifikationen
  • kulturelle "Identitäten"

Einigkeit besteht, dass alle psychiatrischen Symptome im engeren Sinne die Freiheit des Kranken beschränken, im Rahmen seiner biologischen Möglichkeiten selbstbestimmte Ziele zu erreichen. Wenig beachtet ist die Tatsache, dass die psychologische Normalität bereits Beschneidung innerer Freiheit ist.

Psychologische Normalität

Das zentrale Phänomen der psychologischen Normalität ist die Identifikation des Subjekts mit objektiven Erscheinungen. Bei der Frage Was bin ich? endet die Selbstbestimmung der normalen Psyche voreilig. Das normale Ich setzt sich mit irgendetwas gleich: mit einem materiellen Objekt, zusammenge­setzten Bildern, äußeren Merkmalen oder kulturellen Vorgaben:

Jede Identifikation schränkt die innere Freiheit des Subjekts ein, indem sie sein Selbstbild in den Horizont jenes Phänomens verkleinert, mit dem es sich gleich­setzt. Jede Identifikation macht aus Subjekten Rollenspieler. Die Identifikation mit der eigenen Person bildet die Grundlage aller weiteren. Sie ist zugleich Ausgangspunkt einer inneren Unfreiheit, die aus dem Versuch entsteht, andere aus egozentrischen Motiven für sich zu vereinnahmen. Ein wichtiger Abwehrmechanismus, der dabei ins Spiel kommt, ist die projektive Identifikation.

Kurzfristig können Identifikationen die Entfaltung des Subjekts fördern. Langfristig wirken sie seiner Entfaltung entgegen. Sie setzen es auf den Rang eines Objekts herab.

2.2.2. Absolutes Selbst

Das absolute Selbst ist ungeformt. Es ist daher nicht nur Freiheit von etwas, sondern Freiheit an sich. Es ist nicht nur Befreites, sondern Befreier. Im Menschen wird das absolute Selbst als Subjekt präsent. Als Subjekt ist es unter die Dinge geworfen (lateinisch: sub-iacere = darunterwerfen). Aus der Erfahrung, unterworfen zu sein, strebt es nach Freiheit. Nur dort verwirklicht es sein wahres Wesen.

Da Leben Grenzsetzung nach außen ist und Grenzsetzung auch die Freiheit dessen einschränkt, der sie setzt, ist nur der Tod im Stande, die letzte Freiheit zu geben. Da das Absolute frei sein muss, um absolut zu sein, steht es über Leben und Tod.

3. Luxus oder Notwendigkeit

Etwas ist notwendig, wenn ohne es eine Not entsteht, die anders nicht abgewendet werden kann.

Ohne dass der Mensch Freiheit gibt und eigene Freiheit wagt, ist er nicht er selbst. Frei kann nur sein, wer frei lässt.

Das wichtigste, was Sie für die Freiheit tun können, ist es nicht, sich aus dem Zugriff anderer zu befreien, sondern andere aus dem Ihren.

Obwohl Freiheit historisch gesehen als Luxus erscheint, der einer privilegierten Minderheit je nach Epoche mehr oder weniger zukam, ist Freiheit tatsächlich mehr. Sie ist Notwendigkeit. Das liegt am Wesen des Menschen an sich.

Rein biologisch betrachtet mag der Mensch als Objekt erscheinen; also als erkennbarer Partikel vor einem Hintergrund. Zugleich und wesentlicher ist er aber jene Instanz, die die Existenz des Partikels erkennt. Eigentlich ist er daher kein Objekt, sondern Subjekt. Mehr als Erkanntes ist er Erkenner. Während Objekten Freiheit fehlt, also die Möglichkeit, aus sich heraus zu bestimmen und sie ihr Wesen daher unfrei erfüllen, ist das Subjekt zur Erfüllung seines Wesens auf Freiheit angewiesen. Mehr noch: Der Kern seines Wesens ist Selbstbe­stimmung. Das heißt dreierlei:

  1. Es bestimmt sein Selbst durch Selbsterkenntnis. Es fragt: Was bin ich?
  2. Es bestimmt über sich selbst, indem es Fremdbestimmtheit überwindet.
  3. Wo es sein wahres Selbst verwirklicht, weist es als Befreier allem Freiheit zu, dem es begegnet. Das Subjekt erfüllt seine Bestimmung, indem es befreit.

Dass der rote Faden, der die Geschichte durchzieht, aus dem Ringen um die Freiheit des Individuums besteht, ist Schicksal der Menschheit. Der Mensch kann nur soweit in sich ruhen, wie er seine Bestimmung zur Freiheit verwirklicht. Er nimmt sein Menschsein nur an, wenn er frei sein will. Wer sich willig beugt, versucht die Gabe des Himmels zu verweigern.

Technologischer Fortschritt
Wissenschaftlicher Fortschritt erweitert stets Freiheit; entweder die Freiheit aller oder die Freiheit Einzelner, über andere zu bestimmen. Daher hat er einen Januskopf. Er kann das Wesen des Subjekts fördern oder ihm missbräuchlich entgegenwirken.

Freiheit, die technologischer Fortschritt bringt, besteht primär in der Überwindung biologischer Grenzen. Medizinischer Fortschritt setzt unmittelbar am Körper an. So hat das Penizillin die freiheitsentziehende Macht des Pesterregers aus der Welt geschafft.

Auch Fortschritt, der sich nicht unmittelbar mit dem Schutz des Körpers vor schäd­licher Einwirkung befasst, stellt technische Hilfsmittel zur Verfügung, die bisherige Unfreiheiten überwinden. Früher hat uns die Freiheit gefehlt, Australiern zeitgleich mitzuteilen, dass in Hückeswagen Aliens landen. Die gewonnene Freiheit dazu könnte sich als nützlich erweisen, falls nur die Bumerangs der Antipoden im Stande sind, die Aliens daran zu hindern, uns als Sklaven nach Melmac zu verschiffen.

4. Der Herr und seine Diener

Der Sinn der Wirklichkeit ist es, frei zu sein.

Was höheren Zielen dient, hat einen Sinn. Indem es sinnvoll ist, steht es zum Höheren in einem Verhältnis, das seine Freiheit einschränkt und es dem Dienst am Höheren unterstellt. Das Höhere ist freier, als das, was ihm dient.

Der Flügel gibt der Biene die Freiheit zum Flug. Der Flug macht die Biene freier als den Flügel, der zum Fliegen dient.

Da Freiheit begrenzender Einbindung entbunden ist, ist sie selbst das Höchste, über dem es nichts mehr geben kann. Alles, was in der Wirklichkeit geschieht, ist daher darauf ausgerichtet, Freiheit zu verwirklichen. Das gilt auch für zwei ihrer wichtigsten Diener: der Macht und der Sicherheit.

Auslieferungen
Oben hieß es: Waren auszuliefern heißt, sie freizusetzen. Tatsächlich gewinnt aber nicht die Ware an Freiheit, indem der Lieferant (etymolo­gisch: der Befreier) sie zum Kunden bringt, sondern der Kunde. Sobald die Ware in seinen Händen ist, kann er über sie verfügen und seine Freiheit durch ihren Gebrauch erweitern.

Liefert sich jemand dem Gutdünken eines anderen aus, läuft seine Freiheit Gefahr, der Willkür dessen zum Opfer zu fallen, in dessen Hände er sich übereignet hat. Sobald man sich anderen überlässt, sollte man sicher sein, dass sie Macht nicht missbrauchen, um Freiheit eigennützig umzuverteilen, sondern um die Freiheit aller zu erhöhen.

Alles, was geschieht, ist auf Freiheit ausgerichtet? Das klingt übertrieben. Ich esse mein Marmeladenbrot doch nicht der Freiheit zuliebe. Aber ja. Äße ich es nicht, verlöre ich bald die Freiheit, an etwas anderes als an meinen Hunger zu denken. Und selbst der Hunger dient keinem anderen Zweck als dem Erhalt jener Freiheit, die ein lebender Körper verleiht. Er signalisiert, dass ohne den Verzehr von Marmeladenbroten nicht nur die Freiheit verlorengeht, Marmelade einzukochen, sondern überhaupt noch irgendeine Menschenfreiheit auszuüben.

Wo es Rangordnungen gibt, können diese durcheinandergeraten. So auch beim Zusammenspiel von Freiheit, Macht und Sicherheit. Beide, Macht und Sicherheit, können sich über das Ziel erheben, dem sie eigentlich zu dienen haben.

5. Biografische Entwicklungen

Dem Menschen kommen Freiheiten auf verschiedenen Ebenen zu; in unterschiedlichen Phasen des Lebens in unterschiedlichem Ausmaß.

Es gibt kein Soll. Es gibt nur Freiheit im Rahmen des Möglichen und Folgen, wenn man sie so oder anders nutzt.

Tatsächlich wurzelt alle Freiheit im absoluten Selbst. Ohne dass das wahre Selbst absolut wäre, wäre alle Freiheit Illusion. Selbstverwirk­lichung ist der besondere Weg, der den Einzelnen so weit befreien kann, dass sein Glück nicht mehr von den Wechselfällen der Außen­welt anhängt, sondern in der Mitte seiner selbst verankert bleibt.

In und/oder von

Neben der oben genannten ist eine weitere Aufteilung des Freiheitsbegriffs in zwei komplementäre Kategorien möglich:

  1. Freiheit in der Welt
  2. Freiheit von der Welt

Freiheit in der Welt beruht im Wesentlichen auf Macht. Wer die Macht hat, auf andere im eigenen Interesse einzuwirken, kann den Horizont dessen ausweiten, was ihm möglich und erlaubt ist.

Führen Sie einen Militärputsch durch. Sobald Sie Diktator geworden sind, steht es Ihnen frei, sämtliche Taten zu begehen, für die Sie Ihre Untertanen ins Gefängnis werfen.

Freiheit von der Welt entspringt der Des-Identifikation vom Ego. Solange man glaubt, tatsächlich jene Person zu sein, deren Namen im Personalausweis steht, ist man dem Schicksal dieser Person ausgeliefert. Auch wenn man keinen Militärputsch ausführt, kann man seine Freiheit im Kampf gegen das Nicht-Ich erweitern: indem man dafür sorgt, dass man dies oder das auch gegen Widerstände machen kann.

Freiheit in der Welt ist stets begrenzt. Auch nach Ihrer Machtergreifung sind Sie in der Welt gefangen und werden von deren Bedingungen bestimmt. Als Diktator sind Sie nicht etwa frei. Vielmehr müssen Sie stets auf der Hut sein, dass niemand Sie stürzt. Sie sind in den Notwendigkeiten des Machterhalts gefangen.

Viele klammern sich an die Welt wie Affenbabys ins Fell ihrer Mutter. Von den Sprüngen der Welt durchs Geäst ihrer Wechselfälle werden sie ständig durchgeschüttelt.

Sind Sie von der Welt frei, ist Ihre Person immer noch Bedingungen ausgesetzt. Da sie Ihre Person aber als einen Teil der Welt betrachten, sich selbst jedoch nicht, haben die Wechselfälle weniger Macht, über Sie zu bestimmen. Je freier man von der Welt sind, desto leichter ist es auch, in ihr frei zu sein.

6. Gefährdungen

Freiheit heißt Schutz und Verschonung. Wesentlich ist der Mensch Subjekt, beiläufig ist er Objekt. Als Objekt ist er in ein Kraftfeld eingewoben, das seine Freiheit beschneidet. Als Subjekt ist er frei, darüber zu bestimmen...

  1. als was er sich betrachtet.
  2. was mit ihm geschieht.

Je freier er ist, desto mehr ist er er selbst. Daher ist er zur Freiheit bestimmt und es gilt, seine bestimmungsgemäße Freiheit vor Einschränkung zu schützen und sie über bisherige Begrenzungen hinweg zu erweitern.

Freiheit droht auf allen Ebenen beschnitten zu werden: auf der körperlichen, der sozialen, der politischen und der psychologischen. Überall dort, wo der Mensch zum Objekt wird oder andere als bloße Objekte betrachtet, verliert er an sich selbst.

  1. Als Körper ist der Mensch Objekt. Durch seine Körperlichkeit ist seine Freiheit grundsätzlich begrenzt. Auf körperlicher Ebene kann sie weiter eingeschränkt, geschützt oder ausgebaut werden.

  2. Auf sozialer Ebene begegnet der Mensch Bezugspersonen. In der Begegnung wird er zu Täter und Opfer von Solidarität oder Missbrauch. Durch soziale Begegnung wird er befreit und zeitgleich begrenzt. Je mehr er andere frei sein lassen kann, desto mehr Freiheit kommt ihm in sozialen Beziehungen zu.
  3. Auf der politischen Ebene ist der Mensch Mitglied einer komplexen Gemeinschaft. Anonyme Kräfte und gesellschaftliche Regeln können seine Freiheit beschränken oder anerkennen.

  4. Auf der psychologischen Ebene kann sich der Mensch zum Objekt herabsetzen oder der Subjekthaftigkeit seiner selbst gewahr sein.
6.1. Krankheit
Warum Schmerz wehtut? Weil er eine Bedrohung körperlicher Freiheit signalisiert.

Die bestimmungsgemäße Freiheit auf biologischer Ebene wird durch die Möglichkeiten eines gesunden Körpers definiert. Der gesunde Mensch kann stehen, liegen, gehen, lieben, arbeiten... und ein paar Sachen mehr. Wozu ihm die Freiheit fehlt? Sich mit den Albatrossen am Magnetfeld entlang auf die Île de la Prise de Possession abzusetzen und dort befreit von der Bevormundung durch andere er selbst zu sein.

Der Krankheitswert jeder Krankheit entspricht ihrer Macht, Freiheit zu beschneiden.

Gesundheit ist ein wichtiges Gut. Während fast jeder kleine Einschränkungen am eigenen Leibe erfährt, sind viele in schwerer Krankheit gefangen. Der freie Zugang aller zur medizinischen Versorgung ist eine Errungenschaft moderner Gesellschaften, die konkret mit dem Bemühen um Freiheit verwoben ist. Jede Gesellschaft, die den Zugang für alle offenhält, hat bereits Großes geleistet.

6.2. Beschränkung durch andere

Die Freiheit des Einzelnen trifft auf soziale und politische Hindernisse. Das muss so sein. Es liegt daran, dass auch jeder Andere wesenhaft Subjekt ist und daher nicht zum verfügbaren Objekt des Einzelnen herabgesetzt werden kann, ohne dass Freiheit verlorengeht. Dass die Freiheit des Einzelnen im Feld der Gemeinschaft auf Grenzen trifft, die seinem Wesen entsprechen, heißt aber nicht, dass jede Begrenzung dort rechtens wäre. Illegitime Grenzen der Freiheit schaden sowohl auf der sozialen Ebene unmittelbarer Beziehungen als auch dann, wenn Individuen durch politische Kräfte unsachgemäß bevormundet werden.

Je unreifer Personen sind, desto mehr Druck üben sie auf andere aus, sich erwar­tungsgemäß zu verhalten.
6.2.1. Unmittelbare Beziehungen

In unmittelbaren Beziehungen treffen Personen in wechselseitigem Geben und Nehmen aufeinander. Das ist die Basis einer gesunden Interaktion. Eine Interaktion ist gesund, wenn der Austausch die Freiheit beider Akteure, ihr Wesen zu entfalten, fördert ohne die Selbstbestimmung des Anderen zu behindern.

Was in der Theorie einfach klingt, bleibt in der Praxis oft unerfüllt. Menschen neigen zu Projektion und Projektiver Identifikation; umso mehr, je psychologisch unreifer sie sind. Das führt dazu, dass sie anderen normative Erwartungen entgegenbringen und sie als Erfüllungsgehilfen des eigenen Wohlbefindens betrachten. Je mehr man andere als Erfüllungsgehilfen sieht, desto mehr glaubt man sich dazu berechtigt, ihre Selbstbe­stimmung zu missachten.

6.2.2. Politische Bevormundung
Der Mensch ist nicht nur zur Freiheit bestimmt, sondern auch zur Überwindung seiner Angst. Dabei ist er noch nicht sehr weit gekommen. Angst war von je her die treibende Kraft, die Menschen dazu brachte, sich politisch zu organisieren. Organisa­tion entstammt dem französischen Verb organiser = anordnen, ein- bzw. ausrichten. Dessen Wurzeln verweisen ihrerseits zum griechischen organon [οργανον] = Werkzeug. Organon ist eine Bildung zu griechisch ergon [εργον] = Dienst, Werk, dem auch das Wort Energie entspringt.

Eine politische Organisation ist ein Werkzeug. Es stellt die Energie zur Verfügung, um Gefahren abzuwehren, vor denen der Mensch Angst hat. Er hat vor allem Angst, was über ihn bestimmen und seine Freiheit beschränken könnte. Dabei geht es um Gefahren, die von außerhalb der politisch organisierten Gruppe drohen, aber auch um wechselseitige Bedrohungen aus den eigenen Reihen.

Bonzo war der erste Politiker und Begründer einer Tradition. Er organisierte die Abwehr der Nachbarhorde und verpflich­tete den Einzelnen zum Dienst an der Gemeinschaft. Während die Organisation zur politischen Gruppe dem Erhalt und der Ausweitung von Freiheiten dient, schränkt der Dienst für die Gruppe Freiheiten ein. Der Staat schützt nicht nur die Freiheit des Einzelnen. Er schränkt sie auch ein; und er läuft stets Gefahr, die Balance zwischen Schutz und Einschränkung zu verlieren. So auch heute. Vier Faktoren sind dabei als mächtige Ursachen erkennbar:

  1. Hierarchie
  2. Optimierung
  3. Streben nach Sicherheit
  4. Vernetzung

Sie verweben sich zu einem Komplex von Tendenzen, der das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen in einer Art bedroht, die bislang noch nicht vorgekommen ist. Vielen ist die Bedrohung nur als unbestimmtes Unbehagen bewusst; oder gar nicht. Viele wollen nicht hinsehen, weil der Eifer für fragwürdigen Fortschritt die Eisberge im Nordatlantik lieber übersieht.

Die repräsentative Demokratie ist Ansatz, nicht Vollendung. Eine komplexe Gesellschaft braucht mehr Mitbestimmung. Wird dies nicht verwirklicht, droht sich die repräsentative Demokratie in eine Dystopie zu verwandeln.
6.2.2.1. Hierarchie

Früher hielt man Standesunterschiede, die zur schamlosen Demütigung Schwächerer führten, für derart gottgegeben, dass die Schamesröte bei den Tätern ausblieb. Seit man die Gottgegeben­heit hierarchischer Ordnungen bezweifeln kann, ohne den Kopf zu riskieren, hat sich der unverblümte Standesdünkel gemeinsam mit den Kellerasseln in den Komposthaufen der Geschichte verkrümelt. Verrottet ist er aber noch lange nicht.

Große Koalition

In einer Frage sind die Parteien erstaunlich einig: Um zu verhindern, dass das Volk unerwünschte Antworten gibt, sollte man es in der Sache gar nicht erst befragen. Herrschaft ist bequemer, wenn die Beherrschten nur Herrscher wählen können, statt über die Dinge zu entscheiden.


Es mag sein, dass es vielen genügt, geführt zu werden. Anderen genügt es nicht. Viel spricht dafür, dass die, denen es nicht genügt, der wachere Teil der Gesellschaft sind. Den Wachen Mitsprache zu verweigern, ist eine Dummheit. Je komplexer eine Gesellschaft wird, desto mehr Wachheit bedarf es, um sie sinnvoll zu steuern.

Ein modernes Glaubensbekenntnis

Wir glauben, dass uns Wchstm von allen Übeln erlösen wird. Wir sind bereit, unser Leben dem Wchstm zu widmen und alles zu tun, was mehr Bruttosozialprodukt auf Erden erzeugt.

Verliefe ein Leben optimal, wäre es keins.

Dafür sorgen auch die Regeln der repräsentativen Demokratie, die die Ebenbürtigkeit aller keineswegs so anerkennt, wie es dem Einzelnen als Subjekt zusteht. Stattdessen macht sie die Mehrheit zu Objekten einer Obrigkeit, die unabwählbar ist. Nur ein paar Handvoll Repräsentanten kann man alle vier Jahre austauschen. Diesen gefällt das Repräsentieren dann derart gut, dass ihnen der Gedanke an wahren Fortschritt nicht in den Sinn kommt. Wäre der Gedan­ke daran auch so kühn, bis in die Köpfe der Repräsen­tanten vorzudringen, wäre er dort so unwillkommen wie ein Bauer aus dem Hunsrück beim Bundespresseball im Hotel Adlon. Also bleibt er besser draußen vor.

So hat die repräsentative Demokratie im Vergleich zu den Übeln der Vergangenheit zwar für einen Qualitätssprung gesorgt, den kein vernünftiger Mensch jemals vermissen will, notwendige Schritte, die darüber hinausgehen, bleiben aber aus. Fast der kompletten Bevölkerung wird die Freiheit vorenthalten, substanziell über die Geschicke der Gemeinschaft mitzubestimmen. Sie können nur bestimmen, wer an ihrer Stelle bestimmt. Das ist Vormund­schaft. Das Mündel darf seinen Vormund wählen. Die Vormund­schaft abwählen darf es nicht.

Überholt
Die Struktur der Menschenwelt wird von Tag zu Tag komplexer. Im Vergleich zu heute ging es in den 70er Jahren dörflich zu. Damals war die Welt so übersichtlich, dass es Politikern recht gut gelang, ein angemessenes Regelwerk zu erstellen, das den Realitäten entsprach.

Solche Verhältnisse sind überholt. Trotzdem klammert sich die repräsentative Demokratie an ihr Alleinbestimmungsrecht. Sie hantiert wie ein Zauberlehrling mit ungezügeltem Regulierungs­eifer in tausend Lebensbereichen herum, von denen sie immer weniger versteht.

Längst ist es überfällig, den Sachverstand unmittelbar Beteiligter einzubinden. Es gilt, mehr Mitbestimmung einzuräumen. Es gilt, die Gesellschaft als Föderation (lateinisch foedus = Bündnis, Vertrag) zu betrachten und nicht als Kommando­struktur. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Im Politbüro meint man, die Mitgliedschaft in der Regierungspartei stelle sicher, dass man besser als der Arbeiter weiß, auf welche Seite im Spind der Blaumann zu hängen hat.

6.2.2.2. Optimierung

Es mag sein, dass das Wort Freiheit auf den Lippen der politisch bestimmenden Kräfte liegt, über ihre Hände bestimmt aber der Hunger; der Hunger nach einem Immermehr, das man mit Händen greifen kann. Daher wurde der alte Gott des Gehorsams nicht durch den der Befreiung ersetzt, sondern durch einen Hybriden namens Wachstum. Der neue Glaube heißt Bruttosozialprodukt.

Freiheit und Wachstum

Oben haben wir gesehen: Die etymologischen Wurzeln der Freiheit reichen auch zum indoeuropäischen leudh = wachsen zurück; jedenfalls was das französische liberté bzw. das englische liberty betrifft. Auch wirtschaftliches Wachstum fördert Freiheit. Es stellt materielle Möglichkeiten zur Verfügung, die Horizonte erweitern. Wie der alte Gott des Gehorsams scheint aber auch der neue Gott des Wachstums keine anderen Götter neben sich zu dulden. Wenn man sich ihm erst einmal verschrieben hat, verdrängt seine Dynamik alles Übrige in der Hintergrund; und aus dem Versprechen der Freiheit wird wachsender Leistungsdruck. Druck ist keine Freiheit. Druck ist ihr Gegenteil.

Um unentwegtes Wachstum zu bewirken, gilt es, Wirtschafts­prozesse zu optimieren. Weil jüngst Optimiertes morgen schon veraltet ist, kann das Optimieren seiner Logik zufolge niemals zu Ende sein. Der Optimierungsprozess schraubt die Messlatte seines Anspruchs ständig höher.

Der Optimierung wirtschaftlicher Effektivität stehen individuelle Eigenarten so störend im Wege wie normabweichende Gurken der optimalen Ausnutzung von Transportkisten im LKW. Also werden störende Eigenarten per Verordnung aus der Welt geschafft. Die Leitlinien ihrer Verordnungen stimmt die Politik mit wirtschaftlichen Kräften ab. Die Demokratie wird peu à peu von den Kapitänen der Wachstumsidee geentert.

Im prozessoptimierten Kontext wird der Ein­zelne zum ausführenden Organ vorgegebener Algorithmen. Mit jeder Vorgabe geht ein Stück Freiheit verloren.
Prozessorientierte Abschaffung der Freiheit
Prozessorientierung ist ein Begriff aus der Wirtschaft. Um mit möglichst wenig Ein­satz möglichst viel zu erreichen, macht es Sinn, den Prozess der Warenproduktion zu analysieren, in Abschnitte zu unterteilen und für jeden Abschnitt die optimalen Arbeitsabläufe festzulegen. Derlei Vorgehen ist in einer freien Wirtschaft unvermeidlich. Wer nicht optimiert, geht unter. In der globalisierten Konkurrenz der Unternehmen wird der Optimierungsdruck verschärft.

Prozessorientierung ist eigentlich Prozessoptimierung. Bereits in der Fabrik ist der Optimierungsansatz des ökonomischen Denkens problematisch. Zweifellos steigert er die Produktivität, er setzt die Mitarbeiter aber einem Anpassungsdruck an normierte Arbeitsabläufe aus, der ihre Individualität zunehmend als Störfaktor betrachtet. Wer sich nicht anpassen kann, wird von der Dynamik ausgeschieden. Wer es kann, hat sich selbst zum Vorteil des Systems zurückzunehmen.

Noch problematischer wird das prozessoptimierende Denken, wenn es das Fabrik­gelände verlässt und die Gesellschaft als Ganzes anpeilt. Genau das ist gegen­wärtig der Fall. Politiker aller maßgeblichen Parteien stehen vorwiegend unter dem Einfluss wirtschaftlicher Notwendigkeiten. Sie orientieren sich an wirtschafts­wissenschaftlichen Ideen. Sie betrachten das Land als einen Wirtschaftsstandort, dessen Effizienz systematisch zu steigern ist. Resultat dieses Denkens ist eine Welle von Vorschriften, mit denen sich der Staat ins Leben aller einmischt, um deren Verhalten entsprechend auszurichten.

Normierung und Aggression

Der Mensch ist Subjekt. Er ist daher nicht als Objekt zu betrachten, ohne dass der Kern sei­nes Wesens übergangen wird. Die Vereinnahmung des Einzelnen durch eine prozessoptimierte Gesell­schaft ruft umso mehr Aggression hervor, je mehr die Vereinnahmung fortschreitet. Die Gefahr ist groß, dass ein System, das Menschen als Module betrachtet, deren Aggression nicht mehr steuern kann. Dass heute sogar Rettungs­sanitäter und Feuerwehrleute angepöbelt werden, hat mit einem Zeitgeist zu tun, der alles regulieren will. Wessen Freiheiten am einen Ende beschnitten werden, der nimmt sich am anderen Ende Freiheiten heraus, die ihn nicht wirklich freier machen, aber andere bedrohen.

Zur globalisierten Wirtschaftsdynamik gehört eine psycholo­gische Verkettung, die sie antreibt. Je mehr sie den Einzelnen zu einem Rädchen in ihrem Getriebe macht, desto mehr strengt der sich an, mehr als nur ein Rädchen zu sein. Je getriebener er wird, desto mehr Mühe gibt er sich, ein Stück von dem Kuchen zu bekommen, den der Zeitgeist als Schlüssel zum Glück verheißt: Erfolg und Konsum. Der Kampf des Einzelnen um den Respekt vor seinem Wert wird zum Treibstoff für einen Fortschritt, der den Wert des Individuums immer schneller übergeht.

Prozessorientierung bei der Erzeugung von Waren hat oft so viele Vorteile, dass die Beschränkung der Individualität in angemessenen Grenzen zu verkraften ist; vor allem, wenn ihre Möglichkeiten jenseits der Arbeitswelt erweitert werden. Wendet man den Ansatz aber auf Felder an, deren Qualität auf individueller Ausgestaltung und Interaktion beruht, beschädigt der Normierungsdruck genau das, was die Qualität des betreffenden Feldes ausmacht. Das trifft auf alle Bereiche zu, wo keine Waren, sondern Individuen im Fokus stehen.

Aus Kindergärtnerinnen, Lehrern, Krankenschwestern, Altenpflegern, Ärztinnen und Psychotherapeuten austauschbare Vollstrecker optimierter Verfahrensweisen zu machen, ist nur in Grenzen möglich, ohne dass die Qualität ihrer Arbeit Schaden nimmt.

6.2.2.3. Streben nach Sicherheit
Expansion öffnet Grenzen. Offene Grenzen verschaffen Freiheit. Offene Grenzen liefern Inneres aber auch Äußerem aus. Eine Grenze, die nach außen offen ist, muss nicht nach innen ebenso offen sein. Sonst winkt nicht nur Freiheit, es droht ihr Verlust. Das gilt für die Ich-Grenze von Individuen ebenso wie für die Außengrenze sozialer Gemeinschaften. Freiheit kann verlorengehen, wenn man anderen keine Grenze setzt.
Ich gehe frei aus mir heraus heißt nicht, jeder dringt, wie er will, in mich ein. Jeder Freie darf jedes Haus verlassen, aber nicht jeder darf jedes Haus bewohnen, wenn ihm danach ist.

Sobald Wachstum als das beglückend Gute festgestellt ist, ist klar, was als Böses zu gelten hat: Grenzen. Grenzen sind die Hürden des Wachstums. Das gilt für Lungentumore ebenso wie für den Warenvertrieb. Grenzen sind aber nicht nur Hürden. Sie bieten auch Schutz; vor allem für Schwächere. Das ist ihre Kernfunktion.

Sobald im Dienste des Wachstums Grenzen fallen, fallen nicht nur Hindernisse weg, sondern auch Schutz. Fehlender Schutz zieht Unsicherheit nach sich. Fehlender Schutz liefert aus. Unsicher­heit ruft nach Vorkehrungen zur Beschaffung neuer Sicherheit. Sicherheit ist der zwiespältige Gegenpol zur Freiheit. Freiheiten, die man auf der einen Seite dem Wachstum verschafft, stehen Freiheiten entgegen, die man opfert, um Sicherheitsprobleme zu lösen, die der Entgrenzung entspringen. Je mehr sich der Staat blinder Globalisierung verschreibt, desto mehr Überwachung wird notwendig, um wachsende Sicherheitsprobleme einzudämmen. Bei jedem Terroranschlag wird Entsetzen kundgetan. Zugleich liefert jeder Anschlag ein neues Argument, ein Stück der alten Freiheit abzuschleifen. Freiheit ist unmodern. Sie stört die Optimierung und untergräbt die Sicherheit. Ein Stück davon müssen wir heute opfern und ein anderes Stück morgen.

Der Prozess der Entrechtung des Individuums schreitet schleichend voran. Schleichend heißt: Es wird immer nur so viel Freiheit auf einmal abgeschafft, dass sich kaum Widerstand regt. Tausend winzige Schritte überwinden eine große Distanz: die Distanz zwischen der Freiheit und einem übermächtigen Staat.

Wird der Vernetzung nicht Ent­netzung entgegengesetzt, wird alles im Netz gefangen sein.
6.2.2.4. Vernetzung
Längst bekannt: Wissen ist Macht.

Von der Digitalisierung geht eine unberech­enbare Gefahr für die Freiheit aus. Trotzdem stürzt sich die Gesellschaft faktisch bedenkenlos in das vermeintlich unvermeid­bare Projekt einer globalen Vernetzung aller Menschen und Dinge. Netzwerke bieten Verbindungen an. Das macht sie verlockend. Verbindungen erfüllen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Wer heute nicht online ist, ist völlig out. Das erklärt, warum es vielen nicht gelingt, sich bei der Preisgabe persön­licher Daten im Internet zurückzuhalten. Anderen wird die Vernetzung unter dem Vorwand wirtschaftlicher Notwendigkeiten aufgezwungen. Je mehr Informationen über den Einzelnen gesammelt werden, desto mehr können sich die, die die Fäden des Netzes in den Händen halten, aus unangreifbarer Anonymität heraus ins Leben anderer einmischen; oft so subtil, dass die Fremdbestimmten nicht einmal merken, dass sie es sind; oder erst dann, wenn es zu spät ist.

6.3. Identifikation und Verblendung

Gute und schlechte Nachrichten

Zuerst die gute Nachricht: Es gibt weder Juden, Chris­ten noch Moslems. Tatsächlich gibt es nur Menschen, deren Wert sich in nichts voneinander unterscheidet... und damit eigentlich keinen Grund, sich nicht zu vertragen.

Und jetzt die schlechte: Vielen ist das Menschsein nicht genug. Sie wollen etwas Besseres als bloße Menschen sein. Daher identifizieren sie sich mit Glaubensbildern, die ihnen genau das versprechen. Weil man andere entwertet, indem man sich für etwas Besseres hält, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass die Menschheit zu Ihren Lebzeiten Frieden schließt.

Am besten, Sie legen einen Garten an und pflanzen eigenes Gemüse. Alles, außer man selbst zu sein, ist eingebildet.


Offenbarungsreligion steht im Widerspruch zur Freiheit. Sie unterstellt das Individuum offenbartem Gesetz und verlangt seinen bloßen Gehorsam. Gehorsam übergeht ein wesentliches Bedürfnis der menschlichen Psyche; das Bedürfnis, über sich selbst zu bestimmen. Wird das Bedürfnis ignoriert, entsteht Aggression, die entweder nach innen oder nach außen gewendet wird. Wird sie nach innen gewendet, führt das zu seelischen Erkrankungen oder zu einer Norma­lität, die hinter seelischer Gesundheit zurückbleibt. Wird sie nach außen gewendet, schürt sie Konflikte, die die Menschheit entzweien. Was sich der Freiheit des Einzelnen widersetzt, gefährdet den Frieden aller.

Den Gefährdungen der Freiheit von außen stehen Gefähr­dungen von innen gegenüber. Derlei Beschränkungen können bewusst erlebt werden; oder sie werden nicht als Beschränkung wahrgenommen.

Bewusst erlebte Einschränkungen der psychologischen Freiheit machen sich als psychiatrische Symptome bemerkbar.

Die meisten Einschränkungen der psychologischen Freiheit basieren auf Identifikationen, die als normal betrachtet und in der Folge nicht mehr hinterfragt werden. So wird aus dem freien Subjekt, das es selbst und nichts als es selbst ist, ein Rollenspieler, der durch die Identifikation mit einer definierten Rolle seine Freiheit selbst beschneidet. Ist die gespielte Rolle glanzvoll, verblendet sie. Trotzdem entwer­tet sie verdeckt. Sie degradiert den Rollenspieler zum Dienstboten eines Glanzes, der stets neu zu polieren ist. Bei anderen Rollen ist die Selbstent­wertung offensichtlich.

Der mächtigste Faktor, der die psychologische Freiheit beschränkt, ist die Gleichsetzung des Ich mit der Person. Sie führt dazu, dass sich das Ich als separaten Agenten des eigenen Vorteils betrachtet und von dort aus versucht, andere für sich zu vereinnahmen. Als separate Person kämpft das Ich zwar um Freiheit, in Unkenntnis seines wahren Wesens schränkt es eigene und fremde Freiheit zugleich jedoch ein.

Normalerweise ist die Bindung des Ich an die Rolle der Person so selbstverständlich, dass nur beharrliches Zweifeln sie zu lösen vermag. Ist sie gelöst, ist das Selbst psychologisch frei. Der Schritt markiert die spirituelle Geburt.

An zweiter Stelle bei der Beschränkung der psychologischen Freiheit steht, je nach Kulturkreis unterschiedlich ausgeprägt, die Identifikation mit kulturellen Traditionen. Es mag sein, dass Traditionen Zugehörigkeitsgefühle fördern, zugleich sind sie oft aber Vektoren grundlegender Denkverbote, die das Individuum in selbstverschuldeter Unmündigkeit halten. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn sie Folge fehlender Entschlossenheit ist, sich des eigenen Verstandes zu bedienen (Immanuel Kant, Berlinische Monatsschrift 1784).

6.4. Libertinage

So mancher deutet die Freiheit, die dem Individuum durch Aufklärung und Demokratie zugefallen ist, als Startschuss zur Libertinage. Für den Libertin ist Freiheit vor allem die Befreiung von allem, was Mühe macht. Dazu gehören Weitblick, Verzicht und Verant­wortung. Dementsprechend frönt der Libertin einem Hedonismus, den er zum Beleg seiner geistigen Überlegenheit verklärt. Er rühmt sich eines Ich bin doch nicht blöd' und glaubt, das Individuum sei dann besonders frei, wenn es für möglichst wenig Einsatz möglichst viel verlangt.

Auch die Libertinage ist eine Gefährdung echter Freiheit, denn Freiheiten, die man sich bloß herausnimmt, weil niemand mehr da ist, der sie beschränken kann, machen das Leben nicht freier, sondern einsam und sinnlos.

Tatsächlich gehört zur Freiheit der Verzicht auf den Anspruch, sie jederzeit auszule­ben. Man ist erst frei, wenn man das Bedürfnis nach Freiheit zurückstellen kann und seine Freiheit dazu nutzt, sich bei Bedarf zu binden. Der Hedonist ist nicht frei. Er ist unfähig, seine Begierden zu steuern.

7. Notwendige Maßnahmen

7.1. Zivilisatorischer Fortschritt
Tatsächlich sind menschliche Gesell­schaften bislang nur teilweise zivilisiert. In der Regel wird ihre Zivilität durch autori­täre Muster eingeschränkt, die entweder kulturellen Traditionen entsprechen oder unmittelbar Erbe unseres animalischen Ursprungs sind.

Zwei wesentliche Komponenten des Fortschritts sind Technologie und soziale Ordnung. Beide befassen sich mit dem Kernthema jedweder Zivilisation: der Befreiung des Indi­viduums aus Unmündigkeit, Ohnmacht und der Unterwerfung unter fremdbestimmende Kräfte.

Zivilisation geht auf lateinisch civis = Bürger, Haus- bzw. Gemeinde­genosse zurück. Im Gegensatz zur militärischen Organisationsform, die das Individuum entrechtet, beruht die zivile auf der Ebenbürtigkeit der Mitglieder innerhalb einer Gemeinschaft. Die Anerkennung der Ebenbürtigkeit geht mit der Freiheit des Einzelnen Hand in Hand.

Zwei Welten

archaisch-autoritär demokratisch-zivilisiert
  • Unwissenheit
  • mythologisch basierte Glaubensformen
  • hierarchische Sozialstruktur
  • Gehorsam

Autoritär strukturierten Kulturen fehlt der Respekt vor dem Individuum. Sie setzen auf einbindende Macht. Demokratische Kulturen respektieren das Individuum. Sie bieten Begegnung an.

Sobald die Freiheit des Individuums, sich mit der physikalischen Wirklichkeit zu befas­sen, nicht beschränkt wird, entwickelt der technologische Fortschritt eine eigenstän­dige Dynamik. Er wird zum Selbstläufer. Grundsätzlich erweitert technologischer Fortschritt Freiräume, die bis dahin durch physikalische und biologische Faktoren beschränkt sind. Das ist sein ursprüngliches Motiv.

Die Demokratie steht vor großen Heraus­forderungen. Ihre Aufgaben werden immer komplexer. Dabei schränkt sie die Freiheit entweder unter dem Druck vermeintlicher Notwendigkeiten ein, oder sie billigt dem Volk nach Schweizer Vorbild mehr Mitspracherecht zu.

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden unsere Arbeitsweise öffnen und... darauf hinwirken, dass... jeder Bürger die Möglichkeit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.

Willy Brand am 28.10.1969

Viele glauben, die Freiheit sei auf Dauer gewonnen. Das macht sie blind für die Gefahr, in der sie immer schweben wird.

Die zweite Komponente der Zivilisation, die Befreiung des Einzelnen aus kollektiver Bevormundung, läuft nicht als Selbstläufer parallel zum technologischen Fortschritt mit. Technologischer Fortschritt allein kann vielmehr in eine Dystopie übergehen, also in eine Gesellschafts­form, die George Orwell exemplarisch beschrieben hat. Zivilisato­rischer Fortschritt als Ganzes muss daher gewagt und beschlossen werden; oder das bislang Erreichte droht mehr als verlorenzugehen.

Die Befreiung des Einzelnen aus kollektiver Bevormundung ist unauf­lösbar mit der individuellen Reifung verwoben, die den Menschen aus psychologisch bedingter Unmündigkeit befreit. Zwischen beiden Komponenten gibt es eine Wechselwirkung:

Auch unter ungünstigen gesellschaft­lichen Bedingungen gibt es viele, die sich aus psychologisch bedingter Unmündigkeit befreien. Ungüns­tige gesellschaftliche Bedingungen sind für die Mehrheit aber ein Hemmschuh. Ursache dafür ist eine Grundregel der Gruppendynamik.

Menschen orientieren sich in großem Umfang an den Wertvor­stellungen des jeweiligen Umfelds. Sie introjizieren Sichtweisen und laufen mit. Wäre es anders, gäbe es weder Mode noch Konfession und Konformität und schon gar keine Diktatoren, denen eine begeisterte Menge zujubelt.

Das führt dazu, dass Gesellschaftsformen, die die Freiheit des Individuums nicht zum Prinzip erklären, die Reifung all jener ausbremsen, die die damit verbundene Abwertung des Individuums als Introjekt verinnerlichen. Die repräsentative Demokratie ist zwar der Forderung nach politischer Freiheit entsprungen, aber auch sie hat die Freiheit des Individuums nicht zum Prinzip erklärt. Sie ordnet den Einzelnen Verbänden unter, die durch ein Gleichgewicht widerstrebender Kräfte den Rückfall in diktatorische Strukturen verhindern. Nur die direkte Demokratie räumt dem Einzelnen jedoch die Freiheit ein, ebenbürtig über gesellschaftliche Fragen mitzubestimmen.

Direkte Demokratie führt daher nicht nur zu vernünftigeren politischen Entscheidungen, sie begünstigt auch die individuelle Reifung der Einzelnen. Beides, reife Individuen und vernünftige Politik sind die Säulen der Freiheit. Je mehr Mittel erfunden werden, von denen jedes einzelne die Freiheit bedrohen kann, desto mehr reife Personen sind nötig, um sie zu schützen.

7.1.1. Medizinischer Fortschritt

Eine Komponente des technologischen Fortschritts ist der medizinische. Zunächst scheint es, als genüge der Hinweis, dass Fortschritte bei der Entwicklung medizinischer Möglichkeiten biologische Gefährdungen der Freiheit bannen und man ihm daher hoffnungsvoll entgegenblicken kann, ohne das Thema in einem übergreifenden Zusammenhang zu sehen. Das ist ein Trugschluss.

Medizinischer Fortschritt stellt die Menschheit vor neue Herausforderungen, die seine eigentlich befreiende Wirkung ins Gegenteil verkehren können. Es gilt, die Freiheit vor den Nebenwirkungen des Fortschritts zu schützen. Zwei von vielen seien genannt...

Die Entscheidungen, die zu treffen sind, haben große Tragweite. Man sollte sie nicht den Führungsetagen einer Gesellschaftsstruktur überlassen, deren Entscheidungen zu einem großen Teil vom Einfluss mächtiger Interessensverbände und dem Ehrgeiz ihrer Minister abhängen. Viele Entscheidungen sind so komplex und bedeutsam, dass eine Demokratie, die sich einseitig auf die Kompetenz konkurrierender Parteien verlässt, nicht die bestmögliche Wahl treffen wird. Der Verstand aller sollte auf Augenhöhe eingebunden werden; erst recht, wenn man die Gefahr im Auge behält, dass die Macht in einem Parteiensystem in die Hand radikaler Kräfte fallen könnte. Medizinischer Fortschritt wirft Fragen auf, deren Beantwortung eines zivilisatorischen Fortschritts bedarf.

7.1.2. Legitimer Freiheitsentzug

Selbstverständlich ist nicht jeder Freiheitsentzug bereits Freiheitsberaubung. Bei unmittelbarer Eigen- oder Fremdgefährdung kann Freiheitsentzug notwendig sein:

Grundregel

Legitim ist ein Freiheitsentzug nur dann, wenn die Einschränkung der Freiheit geringer ist als der Freiheitsgewinn, der durch die Einschränkung erzielt werden kann.

Um zwischen notwendigem Freiheitsentzug und illegitimer Freiheitsberau­bung zu unterscheiden, gilt es abzuwägen, wodurch mehr Freiheit verloren­geht bzw. wodurch mehr Freiheit geschützt werden kann.

Welt ist Wahl. Ich bin es nicht.
7.2. Individuelle Reifung

Die oben beschriebene Gruppendynamik - nämlich die Bereit­schaft, sich fraglos Machtstrukturen unterzuordnen - ist ein Erbe unseres biologischen Ursprungs. Der Mensch stammt von Affen ab. Anpassungsmuster, die für deren Lebensform entwickelt wurden, stecken tief in unseren Genen. Für das Überleben unserer tierischen Vorfahren war die Zugehörigkeit zur Gruppe ausschlaggebend. Erst lange danach kam die soziale Selbstbestimmung und mit ihr die individuelle Freiheit.

Zum archaischen Erbe gehört aber nicht nur die Bereitschaft, sich anderen unterzuordnen. Es gehört auch der Versuch dazu, die Freiheit anderer von der Position aus, die man in der Gruppe inne hat, aus egozentrischen Motiven einzuschränken. Dieser Versuch mag äußere Unfreiheit mindern, die innere vergrößert er umso mehr.

Das Wesen des Kettenglieds ist Bindung. Das Wesen des Individuums ist Freiheit. Wenn das Individuum gegen die Freiheit verstößt, verstößt es gegen sich selbst.

Je unreifer ein Individuum ist, desto mehr versucht es, die Freiheit anderer einzu­schränken.

Der Vorsatz wechselseitiger Freiheits­beraubung ist in der zwischenmensch­lichen Interaktion derart üblich, dass er gar nicht erst als solcher erkannt oder für legitim gehalten wird.

Nichts macht den Menschen unfreier als sein Versuch, andere unfrei zu machen.

Ein großer Teil dessen, was wir Neurose nennen, ist nichts anderes als der Versuch, über andere zu bestimmen.

Übergriffe von außen abzuwehren ist unerlässlich, wenn man seine individuelle Freiheit bewahren will. Freiheit ist jedoch mehr. Freiheit ist der Zustand eines Innenraums. Mehr als durch Übergriffe von außen beruht die Unfreiheit des Innenraums oft auf Tendenzen, die der Freiheit von innen heraus entgegenwirken.

Individuelle Reifung zielt auf die Beseitigung jener Faktoren ab, die genau das tun. Der wichtigste Faktor, den es dabei ins Auge zu fassen gilt, ist das Leitsignal der eigenen Unreife: der Versuch, die Freiheit anderer einzuschränken.

Kommunikationsmuster, deren Ziel es ist, andere ihrer Freiheit zu berauben sind sehr verbreitet. Zwei Varianten können unterschieden werden:

  1. offensive Muster
  2. manipulativ-regressive bzw. verdeckte Muster
7.2.1. Offensive Muster der Freiheitsberaubung

Offensive Muster der Freiheitsberaubung sind unschwer zu erkennen. Sie bemühen sich nicht darum, unerkannt zu bleiben oder sie leugnen jede Schuld. Der klassische Täter benutzt dissoziale Verhaltenmuster. Durch Drohung, Einschüchterung und Erpressung versucht er Bezugspersonen daran zu hindern, in freier Entscheidung über sich zu bestimmen.

Nutzen Sie die Möglichkeiten, die die Welt Ihnen bietet, statt der Welt zu verbieten, so zu sein, wie sie ist.

Zu den offensiven Mustern gehören auch Beleidigungen und Abwertungen aller Art. Auch deren Ziel ist es, das Verhalten anderer zu steuern, indem man deren Mut untergräbt, freie Entscheidungen zu treffen.

Symmetrische Eskalation
Zu einer symmetrischen Eskalation kann es kommen, wenn der eine den Versuch des anderen, seine Freiheit zu beschneiden dadurch abwehrt, dass er seinerseits die Freiheit des anderen beschränkt.
7.2.2. Verdeckte Muster der Freiheitsberaubung

Verdeckte Muster der Freiheitsberaubung sind noch verbreiteter als offensive. Vielfach sind sie so gut getarnt, dass den Tätern kaum je bewusst wird, dass ihre Taten tatsächlich darauf abzielen, die Freiheit anderer einzuschränken; oder es zumindest mit sich bringen. Die Kehrseite selbst völlig defensiv erscheinender Muster besteht aus Manövern, die das Denken, Fühlen und Handeln anderer manipulieren. Jede Manipulation ist der Versuch, die Freiheit eines anderen einzuschränken, ihn also davon abzuhalten, zu tun, was er spontan täte.

Kommunikation und Diskussion
Bei der Kommunikation wird Wissen mitgeteilt. Indem ich einem anderen sage, was er bisher nicht wusste, erweitere ich seine Freiheit; denn: Wissen ist Macht. Wer mehr weiß, kann das Wissen zu seinem Vorteil verwenden. Diskussion ist etwas anderes. Sie ist ein Versuch, über die Sichtweisen des anderen zu bestimmen. Zur Kommunikation gehört es, einem anderen die eigene Meinung darzulegen, damit er sie mit seiner vergleichen kann. Teilt man aber nicht nur seine Meinung mit, sondern bedrängt man den anderen, sie zu übernehmen, versucht man dessen Freiheit einzuschränken. Das kann man so nicht sehen... ist ein Versuch, dem anderen die Freiheit abzusprechen, die Welt aus seiner Perspektive zu betrachten.

Selbst Verhaltensweisen, die den Kontakt mit anderen bewusst vermeiden, können darauf zugeschnitten sein, die Meinungen anderen aus dem Off zu steuern

Der Versuch, Probleme dadurch zu lösen, dass man die Freiheit anderer einschränkt - vor allem die Freiheit, sich abzuwenden - führt zum Verlust eigener Freiheit. Manipu­lation verwendet viel Energie auf die Steuerung anderer; Energie, die dann fehlt um den eigenen Freiraum zu Taten zu nutzen, die die eigene Freiheit erweitern, statt die anderer zu beschränken.

7.2.3. Selbstbeherrschung

Selbstbeherrschung... Das klingt so, als ob man sich dabei Freiheit entzieht; statt sie zu erweitern. Je nachdem, was man mit dem Begriff Selbst bezeichnet, führt Selbst­beherrschung jedoch nicht zu einem Verlust an Freiheit, sondern zu einem Zugewinn.

Er hat die Beherrschung verloren. So sagt man, wenn jemand ausrastet und einen anderen wutentbrannt beleidigt. Gewiss: Man könnte argumentieren, dass sich der Ausgerastete die Freiheit erlaubt, seiner Wut freien Lauf zu lassen. In dem Moment, in dem er der Wut aber die Führung über sein Verhalten überlässt, verzichtet er darauf, über sich selbst zu bestimmen. Der Freiheit, die er sich erlaubt, folgt eine Unfreiheit, die Folge der Erlaubnis ist. Im Interesse der Freiheit kann das nicht sein.

Der Begriff Selbst kann zweierlei bedeuten:

  1. das relative Selbst, also jene Komponenten des Ich, die die spezifische Person ausmachen
  2. das absolute Selbst, also der überpersönliche Pol des Ich

Zu den Komponenten der Person gehören der Leib und die psychischen Inhalte, die im Bewusstsein der Person auftauchen und nur für sie unmittelbar wahrzunehmen sind: Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen, Gefühle, Impulse etc. All diesen Komponenten sind zwei Eigenschaften zuzuordnen:

  1. Sie treten in Erscheinung und sind als Erscheinungen in ihrer Besonderheit erkennbar.
  2. Sie sind unauslösbar mit dem Stück Welt verwoben, an dem sich die Person befindet. Indem sie mit der Welt verwoben sind, sind sie nicht nur Komponenten der Person, sondern zugleich Komponenten der Welt.

Zum absoluten Selbst gehören keine besonderen Eigenschaften, die diese von jener Person unterscheiden. Zum absoluten Selbst gehören zwei grundlegende Vermögen, die allen Personen gemeinsam sind:

  1. das Vermögen, etwas zu erkennen
  2. das Vermögen, über etwas zu bestimmen; also das Potenzial, frei zu sein

Bei der verlorenen Selbstbeherrschung, von der oben die Rede war, gewinnt eine Komponente des relativen Selbst die Oberhand und bestimmt über das Verhalten der Person. Da alle Komponenten der Person zugleich Komponenten der Welt sind, wird die Freiheit des absoluten Selbst ausgesetzt und das absolute Selbst der Welt unterworfen.

Selbstbeherrschung in dem Sinne, dass einzelne Impulse des relativen Selbst daran gehindert werden, die Führung über das Verhalten der Person zu übernehmen, dient daher keiner Beschneidung der Freiheit, sondern ihrer Bewahrung. Der in diesem Sinne selbstbeherrschte Mensch ist freier als der, der sich unter dem Druck momentaner Impulse gehenlässt.

Andersherum betrachtet
Als bisherige Bedeutung des Begriffs Selbstbeherrschung haben wir den Schutz des absoluten Selbst vor dem Zugriff einzelner Impulse des relativen bestimmt. Solche Art Selbstbeherrschung ist ein treuer Diener der Freiheit. Der Mensch wäre aber kein egozentrischer Banause, wenn er Selbstbeherrschung nicht in verkehrter Weise betriebe. Und das tut er.

Statt sich um den Schutz der inneren Freiheit zu kümmern, kümmert sich das Ego hauptsächlich um Macht; entweder offensiv oder verdeckt. Es stimmt zwar, dass die Macht, die es haben will, der Verteidigung äußerer Freiheit dient, sich sich selbst zu unterwerfen, um im Kampf um die äußere Freiheit die Reihen dicht zu halten, ist auf Dauer aber kein gutes Geschäft. Es geht mehr verloren, als gewonnen werden kann.

Sich sich selbst zu unterwerfen... Was heißt das? Selbstbeherrschung, die der Freiheit treu bleibt, schützt das absolute Selbst vor der Machtergreifung einzelner Impulse. Selbstbeherrschung, die sich nicht selbst als Problem erkennt, sondern den Feind immer nur in der Außenwelt verortet, versucht im Gegensatz dazu, die Macht über beide Pole des Selbst zu ergreifen. Statt sich selbst geschehen zu lassen und zu lernen, sich selbst auch als etwas Schwieriges in Liebe anzunehmen, will diese Form der Selbstbeherrschung über alles mutwillig bestimmen.

Ein typisches Signal solcher Art Selbstbeherrschung liegt im Versuch, sich zum Schlafen zu zwingen. Ich muss schlafen. Meist heißt das bloß: Ich will mich für die Erfordernisse des folgenden Tages passend machen, damit ich dort die Oberhand behalte. Ein schweres Geschütz, dass im Kampf um die egozentrische Selbstbeherrschung aus dem Halfter gezogen wird, ist oftmals der Alkohol. Er soll im Auftrag des Machtergreifers einer Zustand erzwingen, der sich aus freien Stücken nicht einstellt. Auch die 10000 unliebsamen Momente, die der Alkohol sonst noch aus dem Leben tilgen soll, werden Opfer des Kampfes um die verkehrte Selbstbeherrschung.

7.2.4. Spiritualität
Vorwärts oder rückwärts
Religion kann in Anlehnung an seine lateinische Bedeutung als Rückbindung aufgefasst werden: nämlich als Wiederanbindung an den Urgrund des Seins. Der religiöse Mensch besinnt sich des Ursprungs, aus dem er stammt. Die beiden religiösen Umgangsarten mit der Freiheit zeigen aber auch, dass im Falle jener Glaubensformen, deren Leitmotiv Gehorsam ist, der Rückbindung ein Rückzug aus der Verantwortung des Menschseins inneliegt. Aus Furcht vor der Freiheit, die ihm als Auftrag übergeben wurde, zieht sich der Gehorsame in das schiere Unterworfensein zurück. Statt zu glauben, dass er Subjekt ist, will er Objekt bleiben. Statt zu glauben, dass Gott ihn zu sich werden lassen will, will er das Wenige bleiben, das er ohne Freiheit wäre: irgendetwas Gutes, das dorthin passt, wo ihm kein Schmerz mehr droht.

Spiritualität ist Streben nach Freiheit. Der spirituelle Mensch versucht, das absolute Selbst aus der Dominanz des relativen zu befreien. Das Motiv der Suche nach spiritueller Befreiung ist das Leid, das der Verstrickung des Ich in die Dynamik der Welt entspringt. Durch die Bindung der Person an die Stelle der Raumzeit, an der sie sich befindet, wird sie unfrei und leidet. Leid ist Unfreiheit.

Der entscheidende Schritt in die Freiheit ist Erkenntnis. Ohne dass das Ich erkennt, dass sein wahres Selbst nicht in der Person liegt, als die es in der Welt erscheint, kann es sich nicht aus der Gefangenschaft lösen. Um zu erkennen, dass die Person nicht dem wahren Selbst entspricht, gilt es, sie zum Objekt der Betrachtung zu machen. Indem sie zum Objekt der Betrachtung wird, löst sich der Betrachter aus der Identifikation mit dem Objekt und erkennt seine Identität mit dem absoluten Selbst.

Der Umgang mit der Freiheit steht am Scheideweg zweier religiöser Konzepte: der Spiritualität und der konfessionellen Religion. Spiritualität geht auf die Freiheit zu. Konfessionelle Religion verweigert und verbietet sie.

Zwei Umgangsarten mit der Freiheit

konfessionelle Religion Spiritualität
Sieht in der Freiheit die Wurzel des Bösen. Betrachtet Freiheit als Bedingung des Guten.
Schreckt vor der Freiheit eigener Wahl zurück. Ermutigt, die Freiheit auszuüben, das Gute aus eigener Kraft zu bestimmen.
Fordert Gehorsam. Fördert Erkenntnis.
Unterwirf dich. Erkenne Dich selbst.

Es stimmt: In der Freiheit liegt die Gefahr, sich ins Böse zu verirren. Der Mensch ist aber zur Freiheit verurteilt, weil sie den Kern seines Wesen ausmacht. Wer die Freiheit dazu nutzt, sie zu verweigern, hat sich bereits verirrt. Es mag sein, dass seine Entscheidung auch Gutes mit sich bringt, das Böse kann er im Irrtum aber niemals vermeiden.

Wo das Gute zur Pflicht wird, wird das Gute schlecht.

Eingangs haben wir den Ursprung des Begriffs frei untersucht. Ein Resultat war der Satz: Liebe heißt, andere frei zu lassen. Gießt man diese Erkenntnis in religiöse Metaphern um, kommt man zu folgendem Schluss: Weil Gott den Menschen liebt, muss er zulassen, dass sich der Mensch ins Böse verirren kann. Nur ein Gott, der freilässt, liebt. Ein Gott, der Gehorsam fordert und ihn durch Strafe erzwingen will, liebt nicht. Ein liebender Gott muss das Böse zulassen, damit das Gute aus freien Stücken zu ihm findet. Freiheit ist nicht Willkür einer Allmacht, sondern ihre Entscheidung, sie selbst zu sein.