Selbst wenn vom Unbedingten etwas sichtbar wird, liegt es weiterhin im Dunkeln. Wenn das Unbedingte ein einziges Prinzip ist, sieht man es entweder ganz oder gar nicht. Bevor man es ganz sieht, bleibt jedes Sichtbarsein Ahnung.

Niemand hat je über Gott gesprochen. Das ist unmöglich. Über etwas sprechen kann man nur, wenn man durch Erkenntnis geistig über dem steht, über das man spricht. Wenn also gesprochen wird, dann nur über Vorstellungen und Begriffe, die man sich vom Göttlichen macht.


Alle Aussagen über das Heilige können nur Vermutungen sein, weil jede Vermutung nur ein Teil des Heiligen ist.

Man braucht das Bedingte nicht zu verachten. Es genügt, es realistisch einzuschätzen. Realistisch heißt auch als bloßes Ding.

Bindung an Bedingtes gibt vorläufige Sicherheit; solange bis das Bedingte auseinanderbricht. Nichts Bedingtes ist für sich selbst ein fester Boden.

Das Unbedingte


  1. Begriffsbestimmung
    1. 1.1. Un-
    2. 1.2. Be-
    3. 1.3. Ding
  2. Merkmale
  3. Kategorien
  4. Ausrichtung

Im europäischen Sprachgebrauch bezeich­net sich Religion als achtsame Rückbindung, die sich bewusst für das Wes­entliche entscheidet. So lassen sich zumindest die verschiedenen sprach­geschichtlichen Deutungen des Begriffs zusammenfassen.

Religion befasst sich mit etwas. Das Etwas, mit dem sie sich befasst, sind Erkenntnisse, Mittel und Wege, die dazu geeignet sind, sich auf das Wesentliche auszurichten. Das Wort etwas erscheint aber ungeeignet, um auch als FürwortLateinisch: pro-nomen = Begriff, der anstelle des Namens steht. dessen zu dienen, was im religiösen Sinn als das Wesentliche gedacht werden kann; denn ein Etwas ist Teil einer größeren Menge... und wer wollte das Ziel religiöser Ausrichtung auf so ein Etwas herabsetzen?

Da unklar ist, ob das Göttliche überhaupt einen Namen hat, der mehr ist als Erfindung der Sprecher, sind im Grundsatz alle Bezeichnungen des Gött­lichen Fürwörter. Eine Reihe solcher Fürwörter wurden andernorts bereits erwähnt, wobei jedes davon Aspekte benennt, die auf das Göttliche zutreffen könnten. Ein weiterer Begriff - unbedingt - ist Thema dieser Seite.

1. Begriffsbestimmung

Dem Unbedingten ist weder Ding noch Bedingung zugeordnet, ohne die es nicht auskäme, durch die es bestimmt wird, durch die es begrenzt wäre oder von der es abhinge. Im Gegensatz dazu wird Bedingtes erst durch jene Bedingungen zur Existenz gebracht, die es bedingen. Das mögen Substanzen sein oder Dynamiken, die als physikalische, psychologische oder geistige Kräfte wirksam werden. Die Ursache des Bedingten liegt in den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit das Bedingte in Erscheinung tritt.

1.1. Un-
Die Sichtbarkeit des Unbedingten kann durch Bedingtes nicht bewirkt, entschieden oder gar erzwungen werden.

Un- verkündet die Verneinung eines Sachverhalts. Das hat bei der Bestimmung des Unbedingten Bedeutung. Der Verstand nähert sich dem Unbedingten nicht im Zugriff. Er sagt nicht: Das Unbedingte ist dies oder das, was mit meinen Begriffen zu begreifen wäre. Der Verstand benennt das Unbedingte nicht. Er entnennt es. Er sagt: Es ist weder dies noch das. Er beseitigt Hindernisse, die den Blick verstellen, ohne Gewähr, dass sein Blick jenseits eines Hindernisses bis zum Unbedingten reicht.

1.2. Be-

Be- benennt als Vorsilbe ein Tätigkeit: Etwas mit etwas auszustatten.

Das Unbedingte - so meint es das Wort - ist durch nichts Dingliches ausgestattet.

1.3. Ding

Der Begriff Ding wird heute sinngleich mit den Begriffen Gegenstand oder Sache verwendet. Bis ins Mittelalter hinein bezeichnete er eine Gerichtsversammlung.Vergleiche dazu dänisch Folketing = Volksversammlung, die Bezeichnung des dänischen Parlaments. Im Verb dingfest machen kommt die alte Bedeutung zur Geltung. Ist der Übeltäter dingfest gemacht, wird er festgehalten, um vor Gericht Rede und Antwort zu stehen.

Der tiefere Ursprung des Begriffs liegt wahrscheinlich in der indogermanischen Wurzel ten- = dehnen, ziehen, spannen. Zum Prozess werden die Mitglieder der Gerichtsver­sammlung zusammengezogen. Der Ruf zur Versammlung umspannt all jene, aus denen sich die Versammlung zusammensetzt.

Dieser Sinnzusammenhang macht eine wesentliche Eigenschaft des Dinglichen deutlich. Dingliches ist zusammengesetzt. Dingliches ist Konkretes,Von lateinisch: con-crescere = zusammenwachsen. das aus Teilen besteht, die sich zur jeweils spezifischen Qualität des Dings vereinen. Da Konkretes zusammen­gesetzt ist, hängt sein Bestand von Bedingungen ab:

  1. Dass die Komponenten, aus denen es besteht, vorgegeben sind.
  2. Dass die Verbindung der Komponenten nicht auseinanderbricht.
Das Weltliche
Die Welt ist ein Netzwerk von MilliardenObwohl es das Wort im Duden nicht gibt, sind es in Wirklichkeit Quinthexiden. ineinander verschachtelter Bedingungen, das in ständiger Bewegung ist. Solange die Bedingungen erfüllt sind, die eine bestimmte Erscheinung, ein Ding, einen Sachverhalt ins Dasein rufen, ist die bestreffende Erscheinung existent.

Konkrete Sachverhalte setzen die Existenz von mindestens zwei Komponenten voraus, die ihren Bestand bedingen. In der Regel sind es nicht zwei, sondern Tausende.Damit Sie als die konkrete Person, als die Sie in der Wirklichkeit erscheinen, jetzt den Inhalt dieses Popup-Fensters lesen, mussten seit dem Urknall unfassbar viele Bedingungen erfüllt werden. Kein Bedingungsgefüge, das Dingliches zusammensetzt, bleibt auf Dauer stabil. Das führt dazu, dass Dingliches, sobald es entstanden ist, seinem Untergang entgegengeht.

Achtung des Bedingten

Es gibt kaum eine Religion, die die Bindung an Beding­tes nicht als Hindernis der Religiosität beschreibt. Viele Konfessionen haben daraus die Behauptung abgeleitet, der wahrhaft Gläubige habe das Bedingte zu verachten.Selbst der Buddhismus, eine der religiösesten aller großen Glaubenslehren, geht zuweilen solche Wege; wenn er Novizen dazu anhält, sich meditativ "klarzumachen", dass Haare, Zähne, Haut und Fingernägel hässlich sind. Wir können sicher sein, dass die angebliche Hässlichkeit der genannten Elemente einem planenden Urteil, aber keiner objektiv wahrnehmbaren Tatsache entspricht. Der Novize soll tendenziös urteilen, um die gefürchtete Attraktion des Bewusstseins durch Frauenkörper zu bannen, die die Evolution mit den vermeintlich verachtenswerten Attributen ausgestattet hat. Die Verachtung des Bedingten ist dabei als Hilfsmittel zu erkennen, um die Vereinnahmung des Gläubigen durch Bedingtes zu verhindern. VerachtungVerachtung ist eine Kehrseite des Begehrens. Verachtung fördert das Anhaften am Dinglichen ebenso wie der Versuch, sich seiner zu bemächtigen. ist jedoch ein Hilfsmittel mit unerwünschten Nebenwirkungen. Verachtung hat paradoxe Effekte.

2. Merkmale

Stellt man über das Unbedingte Vermutungen an, steht man vor der Frage, welche Merkmale oder Qualitäten man ihm zuordnen könnte....

Eine Eigenschaft ist ein feststehendes oder berechenbar wiederkehrendes Merkmal.
2.1. Eigenschaften

Hat das Unbedingte feste Eigenschaften? Vermut­lich nicht; denn feste Eigenschaften sind das, was etwas Konkretes spezifisch charakterisiert. Das Unbedingte kann aber nicht konkret sein, weil es dann die Bedingung erfüllen müsste, sich aus diesem und jenem zusammen­zusetzen.

Um das Wesen der Eigenschaft besser zu verstehen, lohnt es, die Bestandteile des Begriffs zu betrachten.

Statische Eigenschaften, deren Besitz man ist

  • Augenfarbe
  • Körpergröße
  • Chromosomales Geschlecht
  • ...alles genetisch Festgelegte.

Eigenschaften, deren Herrschaft man abschütteln kann

  • Verhaltensmuster
  • Charakterzüge
  • Weltbilder

Dynamische Eigenschaften, über die man verfügen kann

  • Fähigkeiten

Fügen wir beide Bestandteile zusammen, ergibt sich der Sinn des Wortes Eigenschaft: Eine Eigenschaft richtet ein Besitzverhältnis ein. Bleibt zu fragen, wer dabei wen besitzt: der Eigenschaftsträger die Eigenschaft oder die Eigenschaft ihren Träger?

Besitzverhältnisse können aus der aktiven oder passiven Perspektive heraus betrachtet werden. Reine Objekte sind kaum je Besitzer ihrer Eigenschaften. Sie werden durch Eigenschaften unentrinnbar festgelegt.

Individuen werden ebenfalls durch Eigenschaften festgelegt.Insofern sie Personen sind und damit Objektcharakter haben... Sie können Eigenschaften jedoch auch aktiv für sich nutzen und gezielt neue entwickeln, über die sie dann verfügen.

Den Farben ihrer Augen ist Bärbel ebenso ausgeliefert wie ihrem chromo­somalen Geschlecht. Den Konsequenzen, die ihre Augenfarbe haben, ist sie passiv ausgesetzt. Von dieser Eigenschaft wird sie in Besitz genommen.Julian ist ein Dummkopf sondergleichen. Aus Gründen, die er selbst nicht versteht, hat er sich in den Kopf gesetzt, seine Traumfrau habe braune Augen. Als Bärbel ihm tief in die seinen schaut, nützt ihr ganzer Liebreiz nichts. Für blau ist Julian farbenblind. Bärbels Schicksal wird von ihrer Augenfarbe in die Hand genommen. Von der Eigenschaft blaue Augen ist sie in Besitz genommen. Sie kann nicht darüber verfügen.

Etwas anders sieht es bei den Sprachen aus. Auch Muttersprache und angelerntes Italienisch kann man als Eigenschaften Bärbels definieren.Sie hat die Eigenschaft, sich mittels beider kundzutun. Es sind aber Eigenschaften besonderer Art, nämlich solche, die zugleich Fähigkeiten bzw. Vermögen sind.

Bei der Fähigkeit ist das Besitzverhältnis nicht in vollem Umfang asymmetrisch. Sobald Bärbel Aschaffenburgisch spricht, wird sie von dieser Eigenschaft zwar ebenfalls besessen,Wenn Jean-Marcel, der charmante Austauschfranzose aus Angoulème, zwar passabel Hochdeutsch spricht, Aschaffenburgisch in seinen Ohren jedoch unverstehbar klingt, sitzt Bärbels Hoffnung auf die große Liebe diesmal im Gefängnis ihres Heimatdialekts. aber immerhin: Sie muss es ja nicht tun. Sie kann Besitzen und Besessen­sein ein Stück weit modulieren.

Was passiert nun, wenn Bärbel eine neue Eigenschaft erwirbt: Italienisch sprechen zu können? Sie kommt in den Besitz von Möglichkeiten, die ihr In-Besitz-genommen-sein durch die Eigenschaft Aschaffenburger Dialekt zu sprechen mindern.Nachdem Jean-Marcel mit Hannelore aus Hannover angebändelt hat, war Bärbels Kummer zunächst unermesslich; bis Luigi auftauchte, ein Mädchenschwarm aus Sesto San Giovanni di Lombardia....

Was ihr Italienisch betrifft, ist das Besitzverhältnis aktiv und passiv zugleich. Bärbel kann über ihre Sprachkenntnisse verfügen. Zugleich liefert die Fähigkeit sie aber auch an die KonsequenzenFalls es sich herausstellt, dass Bärbels Luigi derselbe ist, der als Kopf des Sesto-Syndikats Limousinen unbescholtener Bürger Waldaschaffs über Bari nach Beirut verschifft und Bärbel ihm ein falsches Alibi verschaffte, dann möchte ich nicht ihr Vater sein. Hätte Bärbel bloß kein Italienisch gelernt! Dann wäre sie auf Luigis Ciao bella, amore mio, ah, che occhi azzurri magnifici gar nicht erst hereingefallen. des neuen Merkmals aus.

2.2. Fähigkeiten

Fähigkeiten können als Eigenschaften angesehen werden: Der Mensch hat die Eigenschaft, aufrecht zu gehen. Zugleich ist er dazu fähig. Fähigkeiten sind Eigenschaften besonderer Art, weil sie durch ihren Träger dynamisch einsetzbar sind.

Während eine statische Eigenschaft mit ihrer Konsequenz unauflösbar verkoppelt ist und ihren Träger damit einseitig in Besitz nimmt, sind dynamische Eigenschaften so zu modulieren, dass der Träger über ihre Wirkung mitbestimmt. Trotzdem leben wir als Personen dergestalt, dass auch dynamische Eigenschaften, sobald sie angewendet werden, neue Bedingungen schaffen, denen wir in der Zukunft unterworfen sind. Das liegt daran, dass allem, was wir als Personen tun, nur eine perspektivisch verzerrte Kenntnis der Wirklichkeit zugrundeliegt.

Besitzverhältnisse im Überblick

Eigenschaften treten in zwei Varianten auf...

Statische Eigenschaft Fähigkeit
Der Träger ist in Besitz genommen. + +
Der Träger kann verfügen. - +

3. Kategorien

Die Wirklichkeit lässt sich in drei Kategorien aufteilen:

  1. Vollständig Bedingtes
  2. Teilweise Bedingtes
  3. Das Unbedingte
3.1. Unbelebte Gegenstände

Man sagt zwar: Die Kugel hat drei Eigenschaften. Sie ist rund, besteht aus Eisen und hat einen Radius von zehn Zentimetern. Man kann jedoch kaum sagen, dass die Kugel im Besitz irgendwelcher Eigenschaften wäre. Vielmehr ist es umgekehrt. Durch statische Eigenschaften wird sie vollständig bedingt. Also besitzt sie nichts, sondern wird durch ihr Sosein besessen. Ihr Besitzer ist das, was das Naturgesetz bestimmt.

3.2. Personen
Bedingte Reflexe
Selbstbestimmung heißt nicht, reflexartig beliebigen Impulsen zu folgen. Selbstbestimmung heißt, sich selbst zu verstehen und aus dem Verstandenen heraus reflektiert zu handeln. Beim bedingten Reflex führen Bedingungen dazu, dass Reiz-Reaktions-Muster automatisch vonstatten gehen. Zu diesen Mustern zählen die Beding­ungen des Menschseins an sich sowie selektive Erfahrungen, die persönliche Ziele, Vorlieben und Abneigungen begründen. Viele dieser Erfahrungen führen zu unbewussten Vorurteilen, wie auf spezifische Reize stereotyp zu antworten ist.

Soweit Personen mit statischen Eigenschaften behaftet sind, werden auch sie einseitig bedingt. Da Personen aber auch über dynamische Eigenschaften verfügen, haben sie über ihr Schicksal Mitbestimmungsrecht. Sobald eine Person eine Fähigkeit ausübt, wird ihre Zukunft durch deren Qualität jedoch erneut bedingt. Die Ursache dafür liegt im Umstand, dass der Einsatz von Fähigkeiten meist durch bedingte Reflexe gesteuert wird. Dadurch wird die dynamische Fähigkeit quasi zu einer statischen Eigenschaft. Die Person folgt festgelegten Verhaltensmustern. Sie hat einen bestimm­ten Charakter, der sie neuer Fremdbestimmung unter­wirft.

Religiöse Impulse

Weil der Mensch ein Zwitter ist, der sich aus der Seinsart des vollständig Bedingten teilweise gelöst hat, sucht er nach dem Unbedingten, um in diesem völlig frei zu sein. Dem Unbedingten gegenüber will er nicht bloß in der Rolle des Bedingten bleiben, also in der eines vom Unbedingten willkürlich geschaffenen Objekts. Er will sich im Unbedingten selbst erkennen.

Politisch-konfessioneller Glaube will den Menschen als bedingt erhalten. Weil die Politik der Mächtigen Untertanen braucht, redet sie dem Menschen ein, dass er auf Gottes Geheiß bedingt, also fremdbestimmt,1 Moses 3, 22:*
Dann sprach er:" Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden, da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baum des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe."

Der vollständigste Ausdruck des Bedingtseins ist das Sterbenmüssen.
sein soll. Deshalb ist Gehorsam sein oberstes Gebot. Tatsächlich liegt Gottesfurcht in Selbstbestim­mung. Gehorsam fürchtet sich vor anderen. Gottesfurcht fürchtet, falschFalsch ist, wer so tut, als ob er anders wäre, als er ist. Falschsein heißt also Unselbst-sein. zu sein. Sie fürchtet, das Selbst zu beugen. Gehorsam ist eine Sünde des Geistes. Er ist Verrat an dessen Natur.

3.3. Das Unbedingte
Funktionen
Männlichkeit hat eine Funktion: Weiblichem in einer spezifischen Form zu begegnen und sich dadurch geschlechtlich fortzupflanzen. Schreibt man dem Unbedingten die Eigenschaft männlich zu, unterstellt man ihm zugleich, Funktion zu sein. Eine Funktion ist jedoch stets einem Zweck untergeordnet.Die Funktion einer Tastatur ist es, Buchstaben einzugeben. Ihre Struktur wird durch ihre Funktion bedingt. Hätte das Unbedingte Funk­tionen, wären ihm Zwecke übergeordnet, die sein Sosein bedingen. Das kann nicht sein.

Geschlecht, Entwertung, Dualismus
Männlichkeit ist der Gegenpol des Weiblichen. Behauptet man Männlichkeit als Eigenschaft des Unbedingten, bleibt als Merkmalsträger des Weiblichen Bedingtes übrig. Dualistische Religionen neigen dazu, ihre Götterbilder mit Geschlechtsmerkmalen auszustatten. Im patriarchalischen Horizont abrahamitischer Kulte führt das zur Abwertung des Weiblichen. Götterbilder, die geschlechtlich sind, führen zu Spaltung, Entwertung und Asymmetrie.

Stellt man über das Unbedingte Vermutungen an, steht man auch vor der Frage eines geeigneten Artikels. Sollte man Das Unbedingte sagen? Oder ist das Unbedingte ein Der oder eine Die? Es fällt nicht schwer, sich für das DasDer Artikel überhaupt zeigt an, dass es sich beim Unbedingten um ein umfassend Ganzes handelt. Spräche man nur von Unbedingtem und ließe den Artikel weg, entstünde der Eindruck, dass es Unbedingtes mehrfach geben könnte. Wäre es so, würde das eine Unbedingte jedoch das andere mitbedingen. Wirklich unbedingt wäre dann keines mehr. zu entscheiden.

Würde man dem Unbedingten ein Geschlecht zuordnen, das mehr auf es zuträfe als sein Gegenpol, schriebe man ihm eine statische Eigenschaft zu. Wenn man das bisher Gesagte berücksichtigt, wird man das nicht tun.

Da das Unbedingte durch keine Bedingungen eingeschränkt wird, hat es zwar keine festen Eigenschaften, ist aber zu Umfassendem fähig. Es ist in der Lage, Bedingtes vollständig zu verstehen und in die Abläufe bedingter Ereignisfolgen steuernd einzugreifen. Das Unbedingte kann sehen und frei entscheiden, was es tut.

Im Gegensatz zu einer menschlichen Person kann das Unbedingte Fähigkeiten so zur Anwendung bringen, dass es von den Folgen der Anwendung nicht seinerseits bedingt wird. Das Unbedingte kann sehen und tun, ohne dass es durch das, was es sieht oder tut, verändert wird.

4. Ausrichtung

Religion befasst sich mit Techniken der Annäherung ans Unbedingte. Dabei kann mit Annäherung nicht gemeint sein, dass man den topografischen Abstand verringert. Annäh­erung kann zweierlei sein:

  1. Sich AnsprüchenTatsächlichen, vermeintlichen oder behaupteten... des Unbedingten zu unterwerfen, um sich als Bedingtes unter seinen Schutz zu stellen
  2. Das eigene Wesen dem des Unbedingten anzugleichen

Die erste Variante ist der Vorsatz der konfessionellen Religion. Unterwirft man sich dem Unbedingten, findet eine Annäherung aber nur in begrenztem Maße statt. In einem System aus Unterwerfungsanspruch und Unterwerfungstat bleibt notwendigerweise der Abstand bestehen, der beide Pole trennt. Niemand, der sich zu unterwerfen versucht, ist Gott tatsächlich nah.

Die zweite Variante ist der Vorsatz der mystischen Religion. Die Mystik versucht, das Unbedingte als eigentliches Selbst des teilweise Bedingten zu sehen. Dabei helfen drei Methoden.

  1. Meditation
  2. Religiöses Opfern
  3. Ethisches Verhalten
Ich werde nicht. Es wird sich bewusst, dass es ich ist.
4.1. Meditation

Meditation ist vor allem Selbsterkenntnis. Wer meditiert, versucht die Muster seiner seelischen Prozesse aus einem Abstand zu verstehen, der unbedingte Erkenntnis möglich macht. Unbedingt kann Erkenntnis sein, wenn ihr Horizont nicht von Absichten eingeschränkt wird, die durch das persönliche Vorteilsstreben bedingt sind.

Das soziale Rollenspiel, das unseren Alltag oft vollständig beherrscht, fußt auf einem bedingten Repertoire weitgehend unerkannter Reaktionsmuster. Wir nehmen Konstel­lationen wahr und reagieren darauf. Das momentan Wahrgenommene bestimmt im Verein mit unbewussten Zielen fast vollständig, was wir dabei tun.Eigentlich wünscht Bärbel, gesehen zu werden und bejaht zu sein. Da sie kaum nach innen schaut, ist ihr weder ihr Motiv bewusst noch ist sie in der Lage, sich durch Selbstbeachtung selber zu bejahen. Als Luigi Italienerklänge von sich gibt, wird das, was Bärbel in der Folge tut, fast unausweichlich durch innere und äußere Bedingungen bestimmt. Statt ins Licht fliegt die Motte ins Feuer; weil sie nicht dorthin schaut, wo sie erkennt, dass sie ein taumelnder Schmetterling ist.

Erkenntnis hat ihr Ziel erreicht, wenn man durch das, was man erkannt hat, nicht mehr bedingt wird.

Viele greifen nur nach Kleinem. Sie interessieren sich für das Wohlbefinden ihrer Person, aber nicht für sich selbst. So wird auf Dauer auch das Wohl der Person verfehlt. Hielten sie statt nach Bedingungen für bedingtes Glück nach unbedingtem Ausschau, käme das Wohlergehen des Bedingten beiläufig zustande.

Um solche Muster zu umgehen, übt der Meditierende, wahrzunehmen ohne zeit­gleich auf das Wahrgenommene zu reagieren. So wird er in die Lage versetzt, seine persön­lichen Muster als bedingte Objekte zu erkennen und sich durch Erkenntnis dem Bedingtsein zu entziehen. Entzieht er sich dem Bedingtsein durch persönliche Muster, gleicht er sich dem Wesen des Unbedingten an.

4.2. Religiöses Opfern

Das Grundprinzip des religiösen Opfern besteht in der Lockerung der Bindung an Bedingtes. Wer wahrhaft religiös opfert, opfert nicht, um dadurch schlechte Beding­ungen gegen bessere einzutauschen. Er opfert Bindung an Bedingtes, weil er sich im Unbedingten sucht.

4.3. Ethik

Ethisch handelt, wer in Übereinstimmung mit sich selbst handelt. Im üblichen Rollenspiel des egozentrischen Lebens richtet man Taten an persönlichen Vor- und Nachteilen aus. Dadurch wird das Handeln an ein Fenster bestimmter und damit bestimmender Bedingungen gebunden, in dem es gefangen liegt.

Wer davon ausgeht, dass sich sein Wesenskern als unbedingt erweisen wird, kann sich dazu entscheiden, nicht das zu tun, worin er von Bedingungen diktiert seinen persön­lichen Vorteil sieht, sondern das, was er aus freier Kenntnis der Dinge für richtig hält.