Leben ist Pilgerfahrt. Alles ist unterwegs ins heilige Geheimnis.

Religion ist die Suche des Wahren in jeder Form.

Das Absolute offenbart sich im Wirklichen. Es wird wahrgenommen, nicht ausgedacht.

Viele glauben, sie reden über Gott, wenn sie entsprechende Begriffe verwenden. Da nichts über Gott sein kann, erst Recht keine Rede, tun sie es tatsächlich nicht. So wie die Ehe bereits Vertrag ist, ist der Begriff Gott bereits Gottesbild. Deshalb redet Theologie immer nur über Gottesbilder. Nur wer weiß, dass der Gott, von dem er redet, nicht Gott ist, sondern ein Bild, geht beim Einsatz des Begriffs nicht in die Irre.

Das Heilige durchdringt jeden Teil seiner selbst, sodass kein Teil ihm näher kommt als ein anderer.

Die Verwechslung von Gott und Gottesbild ist ein mächtiger Käfig des Geistes

Gottesbilder


  1. Begriffe
    1. 1.1. Theologie
    2. 1.2. Gott oder das Göttliche
    3. 1.3. Das Heilige
    4. 1.4. Das Absolute
    5. 1.5. Der Himmel
  2. Psychologische Grundlagen
    1. 2.1. Selbstbild, Weltbild, Gottesbild
    2. 2.2. Zugehörigkeit und Selbstbestimmung
    3. 2.3. Angst
  3. Unterschiede

1. Begriffe

Begriffe zur Benennung abstrakter Aspekte der Wirklichkeit sind unzuläng­lich. Während das Wort Tasse - für jeden, der schon einmal daraus getrunken hat - verständlich mitteilt, was der Sprecher damit meint, sind Begriffe wie Liebe, Sinn, Seele oder Gerechtigkeit verschwommen. Man kann darunter sehr Unterschiedliches verstehen.

Noch schwieriger ist es, eine passende Benennung dessen zu finden, was die Ebene des Wahrnehmbaren grundsätzlich übersteigt. Dazu gehört, was das Kernthema des religiösen Interesses bestimmt: also das, was jenseitsUrsprünglich benannte der Begriff Metaphysik nur eine Reihenfolge in Aristoteles' Schriften. Im Inhaltsverzeichnis der Erstausgabe waren metaphysische Themen der Beschreibung der physikalischen Welt nachgeordnet. Die Metaphysik kam meta ta physika (μετα τα φυσικα), also hinter der Physik. Längst ist der Begriff auf die kosmische Topographie übertragen. Was liegt hinter dem, was sinnlich erkennbar ist? der physikalisch und psycho­logisch beschreibbaren Realität liegt.

Um dem Problem um ein Bruchteil abzuhelfen, mag es daher dienlich sein, sich ein paar einschlägige Begriffe anzusehen.

1.1. Theologie

Theologie, der Begriff zur Bezeichnung der Wissenschaft vom Göttlichen, ist ein Lehnwort. Er geht auf das griechische theologia (Θεολογια) zurück und heißt übersetzt Götterlehre. Der Begriff Logos (λογος) = die Lehre, die Kunde wurzelt seinerseits im Verb legein (λεγειν) = reden. Theologie ist ein Reden über das Göttliche.

Gibt es eine katholische Theologie?

Die Geologie befasst sich wissenschaftlich mit der physikalischen Struktur der Erde. Die Etymologie befasst sich mit der Herkunft der Wörter und die Archäologie mit alten Kulturen.

Gibt es eine christliche Geologie, eine jüdische Etymologie und eine islamische Archäologie? Das gibt es nicht. Wissenschaft ist nur solange Wissenschaft, wie sie sich vorurteilsfrei Wissen beschafft. Das gilt auch für Geisteswissen­schaften.

Theologie befasst sich mit dem Wesen des Göttlichen. Ihre Aussagen haben nur dann wissenschaftlichen Wert, wenn sie nicht im Vorhinein sagt: Was für wahr zu halten ist, wird nicht erkannt, sondern festgelegt.

Deshalb gibt es weder eine christliche, noch eine jüdische und auch keine isla­mische Theologie. Was man so bezeichnet, ist selektive Mythenpflege.

Die Pflege selektiver Mythen dient weder Wissen noch Wahrheit. Im Gegen­teil: Psychologisch gesehen ist sie Abwehr unerwünschter Einsicht,Jemand, dessen Selbstwertgefühl auf die Illusion zurückgreift, Mitglied einer auserwählten Gruppe zu sein, mag sich in Ermangelung unbedingter Selbstachtung so sehr vor besserer Einsicht fürchten, dass er sie zeitlebens verleugnet und sich die Verleugnung obendrein als besondere Tugend anrechnet, die Zweifel am Wert seines Tuns umso mehr als überflüssig erscheinen lässt. Es mag sein, dass ein vermeintlich Auserwählter den Mut hat, seinen Illusionen entgegen jeder Missgunst seines Umfelds treu zu bleiben, den Mut, er selbst und nur er selbst zu sein, hat er damit nicht. politisch festigt sie Macht, indem sie Gläubige bei der Ausschau nach echter Wahrheit verwirrt. Theologisch betrachtet ist Mythenpflege daher antireligiös.


1.2. Gott oder das Göttliche

Der zentrale Begriff des Abendlands zur Benennung des TranszendentenVon lateinisch transcendere = überschreiten. ist Gott. Die abrahamitischen Kulte und ihre antiken Vorgänger haben unter Gott eine Gottesperson verstanden, die der Menschenwelt gegenüber ein EigeninteresseGott fordert dieses oder jenes Opfer.
Gott hat den oder den beauftragt, seinen Willen zu verkünden.
Gott will, dass der und der regiert.
Gott verbietet, dies oder jenes zu essen.
Gott verlangt, dass man ihn und nur ihn anbetet.
Gott besteht darauf, dass man diese oder jene Rituale ausführt.
Gott fordert, dass man ihn so oder so benennt und nicht anders.
verfolgt.

Die Beschreibung des Absoluten als Gottesperson, die einem Teilbereich der Wirklichkeit gegenübersteht und von diesem etwas fordert, benennt jedoch keine absolute Ebene, sondern eine relativeZwischen dem Göttlichen und seinen Geschöpfen gibt es keinen Übergang, sondern eine Grenze. Gott steht über diese Grenze hinweg mit dem, was ihn begrenzt, in einer wechselseitigen Beziehung.. Daher ist das Konzept einer Gottesperson zur Beschreibung der höchsten Ebene der Wirklichkeit ungeeignet. Es geht an dem vorbei, was absolut sein kann...und hat, weil es bei einer fundamentalen Frage des Denkens in die Irre führt, Millionen Menschen Tod und Elend eingebracht..

Das Göttliche ist umfassende Zugehörigkeit und vollständige Selbstbestimmung in einem.

Besser als von Gott ist die Rede vom Göttlichen. Das Göttliche öffnet den Blick. Der Begriff spricht von der Essenz des Diesseits; nicht von seinem Gegenüber. Er stellt die Idee zurück, dass es sich beim Absoluten um einen Jemand handelt, der von den Taten anderer abhängt...weil er Wert auf deren Gehorsam legt, sodass seine Stimmungen und Entscheidungen vom Verhalten Unterwürfiger, Strauchelnder, Unbotmäßiger, Widerständiger und Hinfälliger bestimmt wird.. Er weist stattdessen auf etwas hin, dessen nähere Unbestimmbarkeit respektvollDie Respektlosigkeit des biblischen Kulturkreises vor dem Göttlichen wird bei Ezechiel offensichtlich. Als Joshua den hebräischen Stämmen nach der Eroberung Kanaans Beute zuteilt, heißt es:

Ezechiel 44, 28-30:*
Einen Erbbesitz dürfen sie (die Leviten) nicht haben, denn ihr Erbbesitz bin ich (Gott). Auch sollt ihr ihnen kein Eigentum zuteilen in Israel, denn ihr Eigentum bin ich...
anerkannt wird und das für niemandes Zwecke zu vereinnahmen ist.

Verwobenheit

Elemente der Wirklichkeit sind profan, soweit sie in die Besorgung profaner Belange eingebunden sind. Sie sind zugleich Ausdruck des Heiligen, weil jedes Element der Wirk­lichkeit vom Heiligen eingefasst wird. Heilig und profan sind keine getrennten Welten. Es sind unterschiedliche Betrachtungs­ebenenProfanität ist keine Eigenschaft des Betrachteten, sondern ein Modus der Betrachtungsweise. derselben Wirklichkeit. Während die Profanität eines Elementes vorübergeht, nämlich dann, wenn es aus der profanen Geschäftigkeit entlassen wird, ist seine Zugehörigkeit zum Heiligen zeitlos.

1.3. Das Heilige

Der Idee des Göttlichen ist die Vorstellung des Heiligen zugeordnet. Auch der Begriff heilig scheint ein geringeres Risiko als Gott zu enthalten, sich bei der Verwendung der Begriffe zu vergreifen. Das Heilige fasst das Absolute als Ganzheit auf, ohne ihm vorrangig Eigenschaften zuzuordnen, die der personalen Existenzform des Menschen nachgezeichnet sind. Es wird als Wirklichkeitsbereich empfunden, dem ein höherer Wahrheits- und Wertgehalt als dem Profanen Profan setzt sich aus zwei lateinischen Wörtern zusammen: pro und fanaticus. Fanaticus spricht von vollständiger Begeisterung und Ergriffenheit durch das Göttliche. Das Profane ist daher der Bereich der Wirklichkeit, der vor (=pro) dieser Ergriffenheit liegt; ihn also nicht erreicht. zukommt. Das Profane ist dabei das, womit der Mensch bei der Besorgung persönlicher Belange beschäftigt ist.

Propheten und ihre Schriften mögen Ausdruck des Heiligen sein. Aber nicht mehr als Wasser und Sand. Hätten sie vor dem Heiligen Respekt, wüssten sie das.

Während im Feld des Profanen ein teils widersprüchliches Neben- und Gegeneinander unverbundener Teile vorzuherrschen scheint, was seine Insassen in Angst und Schrecken versetzt, wird das Heilige nicht nur als Bereich höheren Wertes und höherer Wirklichkeit gedacht, sondern als widerspruchsfreies Aufeinanderbezogensein sämtlicher Elemente.

Die Idee des sinnvoll Aufeinanderbezogenseins gipfelt in der Vorstellung des einen transpersonalenDas Person-sein übersteigend... Gottes, der alle Elemente der Wirklichkeit in eine unverlierbare Zusammengehörigkeit vereint.

Heilige Schriften?Die Geschichte belegt es wie die Gegenwart: Gläubige Leser sogenannt heiliger Schriften laufen Gefahr, sich im vermeintlichen Auftrag des Gelesenen wechselseitig umzubringen. Protestanten und Katholiken taten es, Sunniten und Schiiten tun es weiterhin. Auch bei den weniger aggressiven vermittelt die Lektüre kein einheitliches Verständnis, wie ein gottgefälliges Leben zu gestalten ist. Gesetzt Bibel und Koran offenbaren göttlichen Willen, dann ist die Zwietracht durch zwei mögliche Umstände zu erklären: Entweder Gott war nicht in der Lage, sich verständlich auszudrücken, oder er unterließ es absichtlich. Wer trotzdem glaubt, die Texte seien offenbart und nicht vom Menschenhirn erdacht, offenbart damit eine merkwürdige Einschätzung des Himmels. Er hält ihn entweder für geistesschwach oder für irreführend. Aber warum glaubt er dann?
Heilige Väter?
Heiliges Land?

Wer Gegenständliches oder Begriffliches heiligspricht, schätzt das Heilige gering.

Heiliger Stuhl?Wie unerschrocken Offenbarungsglaube das Heilige herabsetzt, zeigt der Begriff des Heiligen Stuhls. Wenn ein Priester dem Sitzmöbel, auf das er seinen Hintern drückt, dieselbe Eigenschaft zuschreibt, wie dem Gott, zu dem er betet, muss ein merkwürdiges Konzept des Heiligen am Werke sein. Falls ein läuterndes Erschrecken vor der verräterischen Tat noch kommen sollte, könnte ein Ach du heiliger Bimbam das Erschrecken des Stuhlbesitzers stilkonform zum Ausdruck bringen.

Das Heilige ist nicht das, was nicht angetastet werden sollte. Es ist das, was nicht angetastet werden kann.

Etymologisch geht heilig auf heil zurück. Heil im profanen Sinn ist ein unver­sehrt Vollständiges, das seine Teile zur GanzheitEine Hummel ist ganz, wenn alle notwendigen Organe vorhanden und so aufeinander abgestimmt sind, dass ein heiles Hummelsein verwirklicht ist. seiner selbst verbindet.

Das Heilige im theologischen Sinn ist dementsprechend jenes Vollständige, das den Inhalt jedweder Dimension in eine Unversehrtheit zusammenfasst, dem kein Teil als unein­gebundenes Etwas widerspricht, ohne dass der Widerspruch Ausdruck des Ganzen bleibt.

Das Heilige am Heiligen liegt in seiner Macht, alle - für einen parteiischen Betrachter scheinbaren - Widersprüche der Wirklichkeit so aufeinander zu beziehen, dass kein Teil als wertlos verloren geht oder abgespalten bleibt.

1.4. Das Absolute

Absolut kommt von lateinisch ab-solvere, also loslösen, ablösen. Das Losgelöste steht begrifflich im Gegensatz zum Relativen. Relativ geht auf lateinisch relativus zurück, das seinerseits relatus, also dem Partizip Perfekt des Verbs referre = zurücktragen, vortragen, berichten entspringt. Das Relative ist das Sich-beziehende. Sein Bezogensein liegt darin, dass es sein Aussehen dem Absoluten vorträgt. Im Relativen sieht das Absolute, was es als wahr bestimmt hat. Das Relative berichtet dem Absoluten vom Resultat seiner Bestimmung.

Die Abgelöstheit des Absoluten ist keine Verbindungslosigkeit. Abgelöst ist das Absolute insofern, dass es nicht durch Relatives, also Bedingtes, fremdbestimmt wird. Das Absolute ist reine Selbstbestimmtheit, die allem Seienden erkennend gegenwärtig ist. Selbstbestimmtheit, die im Relativen auftaucht, ist stets wesensgleich mit dem Absoluten selbst.

1.5. Der Himmel

Ein bildhafter Begriff zu Bezeichnung des Göttlichen ist der Himmel. Der Himmel hat den Vorteil, nicht genau bestimmt zu sein. Er vermeidet die voreilige Festlegung auf konkrete Eigenschaften. Das einzige, was der Begriff in sich bereits anerkennt, ist der Umstand, dass man erst etwas von ihm sieht, wenn man den Blick von den Details der irdischen Belange löst. Zudem geht man davon aus, dass der Himmel etwas zu bestimmen hat und es daher klug ist, ihn nicht zu übersehen.

Prinzip oder Pantheon

Sobald der Mensch eingehender über das Jenseits nachdachte als bis dahin seine heidnischen Vorfahren, stieß er auf eine wesentliche Frage: Ist das Jenseits Vielfalt oder Einheit? Wird das Absolute durch ein Prinzip bestimmt oder ist es eine Gesellschaft unterscheidbarer Kräfte, die wechselseitig miteinander in Verbindung stehen? Von da ab wurde zwischen Mono- und Polytheismus unterschieden.

Während das polytheistische Bild eine Dynamik konkurrierender Kräfte...die man je nach Anliegen und persönlicher Neigung um Hilfe bitten kann. vermutet, geht das monotheistische Konzept davon aus, dass alles auf ein absolut Wahres bezogen ist. Es begreift den Kosmos als verbundene Einheit...in der es nichts gibt, was nicht der Einheit angehört., in der sämtliche Teile sinnvoll... weil die Zugehörigkeit zur heiligen Einheit nicht unsinnig sein kann. miteinander in Beziehung... weil mindestens sein jeweiliges Bezogensein zur Einheit jeden Teil mit jedem anderen verbindet. stehen. Gott wird dabei als hervorbringendes, handelndes, wissendes und bejahendes Prinzip Prinzip geht auf die lateinischen Begriffe principium und princeps im Sinne von erstrangig, fürstlich, grundlegend zurück. begriffen, dessen Existenz die Einbeziehung aller Teile garantiert und das jedem Teil im Ganzen einen eindeutigen Platz zuordnet.

Da MonotheismusGemeint ist damit echter, also mystischer Monotheismus, nicht dogmatisch-konfessioneller. Konfessioneller "Monotheismus" spricht zwar von einem Gott, meint dabei aber kein einigendes, sondern ein entzweiendes Prinzip. Konfessionellen "Monotheismus" nennt man besser Monopoltheologie. alle Teile sinnvoll auf ein absolut Wahres bezogen sieht, misst er jedem einen Wert bei, dessen Verneinung dem absolut Wahren widerspricht.

2. Psychologische Grundlagen

Es gibt mehrere Glaubensbekenntnisse, die ohne Beweis behaupten, mit unwidersprech­barer Gewiss­heit als einzig wahre Form der Gottgefälligkeit vom Himmel selbst gestiftet zu sein. Die Tatsache, dass es mehrere sind, die einander seit Menschengedenken bekämpfen ohne dass der Himmel je ein Zeichen sandte, um den Irrtum der Irrenden aufzuklären, ist ein Indiz dafür, dass man in religiösen Dingen niemanden ernst nehmen kann, der ernsthaft behauptet, er wisse, welches der wetteifernden Bekenntnisse das richtige ist.

Jedes Gottesbild ist eine Vermutung. Es wird von den Absichten dessen bestimmt, der es begründet. Sein Wert liegt in dem, was es bewirkt. Ein Glaube, aus dem heraus ein Einziger erschlagen wurde, hat sich bereits entwertet.

Wer sich dazu entscheidet, den Glauben an den göttlichen Auftrag der Propheten hinter sich zu lassen, stößt bei der Frage nach der Struktur der Gottesbilder auf die Psyche derer, die ein solches Bild entwerfen.

2.1. Selbstbild, Weltbild, Gottesbild

Die wesentliche Weiche bei der Wahl des Gottesbildes wird durch das Selbstbild gestellt. Das Wesen dessen, wofür sich der Gläubige hält, bestimmt das Bild, das er sich vom Göttlichen macht.

Monismus
Dualismus

Dabei sind zwei Pole festzustellen. Man kann sich mit dem Selbst identifizieren oder mit der Person, als die man anderen auf der Bühne des Daseins begegnet. Der erste Ansatz ist monistisch, der zweite dualistisch. Das Ego, das sich ausschließlich als Person betrachtet, sieht sich als geschlossene Einheit, die der übrigen Wirklichkeit in einem Kampf ums Dasein gegenübertritt.

Tatsächlich gibt es kein persönliches Ich, das abgetrennt von dem, dem es begegnet, existiert.Dann müsste es nämlich außerhalb der Wirklichkeit existenzfähig sein und erst in einem zweiten Schritt aus der Unwirklichkeit in die Wirklichkeit treten, um dieser dann dort zu begegnen. Tatsächlich kann das persönliche Ich nur unauflösbar in die Wirklichkeit verwoben sein. Das Selbst jedes Ich ist Ausdruck der Wirklichkeit und die Wirklichkeit Bedingung, ohne die kein Ich in Erscheinung treten kann.

Pole der Identifikation

Selbst Person / Ego
Ich bin das, was ich jenseits aller Rollen und Vorstellungen meiner selbst tatsächlich bin. Ich bin die Person, als die ich mich selbst begreife und als die ich anderen gegenübertrete.
Ich bin mir unbegreiflich. Ich weiß nicht, was ich bin. Ich weiß, wer ich bin.
Ich gehe in der Wirklichkeit auf und aus ihr hervor. Ich und die Welt sind zwei Kategorien. Ich stehe der Welt gegenüber.

Ob man sich als Selbst auffasst oder als Person, entscheidet maßgeblich über das Welt- und das Gottesbild. Der Polarität der Identifikations­möglichkeit entspricht die Polarität entsprechender Vorstellungen von Gott und dem, was man als angemessene Religiosität betrachtet.

Polare Gottesbilder

Monistisch Dualistisch
Die Wirklichkeit ist Ausdruck des Göttlichen. Die Wirklichkeit ist das Werk Gottes. Er hat sie jenseits von sich selbst ins Nichts gestellt.
In sich selbst geht der Mensch ins Göttliche über. Wer sich treu ist, ist Gott treu. Der Mensch erhält Weisungen vom entrückten Gott. Da der Mensch nur Machwerk ist, findet er Wert und Wirklichkeit nur wenn er sich von sich lossagt. Wer Gott treu sein will, muss sich selbst verleugnen.

Die Polarität des Selbstbildes und der entsprechenden Welt- und Gottesbilder bestimmt die Grundmuster der Reaktion des Menschen auf die Wirklichkeit.

Leitlinien

Mystisch Konfessionell
Erkenne Dich selbst. Mach' dir die Erde untertan.
Bekenne Dich zu dem, was Du in Dir findest. Bekenne Dich als Anhänger der Übermacht. Werde Rekrut in der siegreichen Armee.

Monotheismus ist nicht der Glaube an eine parteiische, also entzweiende Gottesperson. Es ist der Einklang des Ich mit dem, was ihm zugrunde liegt.

2.2. Zugehörigkeit und Selbstbestimmung

Zugehörigkeit und Selbstbestimmung sind Motive, die die Menschenwelt in Atem halten. Ihr Widerstreit durchdringt jede soziale Interaktion. Bei allem, was man gemeinsam mit anderen tut, stellen sich zwei Fragen.

Die gleichen Fragen tauchen mit Wucht bei der religiösen Entscheidung auf.

Die konfessionelle Religionsauffassung geht davon aus, dass Zugehörigkeit erst durch ein Bekenntnis erworben werden kann. Dazu muss sich der Gläubige einer Macht ausliefern, die über ihn bestimmt.Johannes 15, 2:*
...mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, nimmt er weg...
Eine Lösung des Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-Konflikts ist in der konfessionellen Religion nicht möglich. Der Mensch muss in ihr zerrissen sein.

Die mystische Religionsauffassung geht davon aus, dass die Zugehörigkeit aller zum Ganzen von je her unverbrüchlich ist. Das schiere Sein ist bereits der Bund mit Gott. Da Zugehörigkeit nicht verloren gehen kann, ist der Mensch frei, sich selbst zu bestimmen. Eine Lösung des Zugehörigkeits-Selbstbestimmungs-Konflikts ist in der mystischen Religion möglich. In ihr kann der Mensch in der Wirklichkeit geeinigt sein.

2.3. Angst

Ohne Angst gäbe es vermutlich keine Religion. Religion entspringt der Sehnsucht nach einer Welt, in der es keine Angst mehr gibt.

Die Hoffnung wendet sich im dualistischen Weltbild an eine Gottesperson, die Schutz gewährt. Dazu muss sich der verängstigte Insasse des Diesseits gottgefällig verhalten; und was Gott gefällt, teilen ihm andere Insassen mit. Ob das verordnete Verhalten tat­sächlich gottgefällig ist, spielt dabei keine Rolle. Wer glaubt, dass er das Erforderliche tut, wird dadurch entängstigt. Auch das dualistische Gottesbild kann Ängste binden und erfüllt - in Grenzen - seinen Zweck.

Die Grundangst des Menschen, die der Illusion entspringt, als Ego vom Rest der Wirk­lichkeit getrennt zu sein, ist durch ein dualistisches Gottesbild aber nicht zu beheben. Zum Wesen des entrückten Gottes gehört nicht nur die Macht, zu schützen. Er könnte sich dem Gläubigen auch verweigern; und die Drohung, dass er genau das tun wird, wenn das Individuum sich ungenügend verleugnet, ruft die eben noch verscheuchte Angst erneut herbei.

Dualistische Gottesbilder binden nicht nur Angst. Sie schüren sie im gleichen Zuge. Ihre Kulte überleben, weil ihre Wirkung widersprüchlich ist.

3. Unterschiede

Konfessionelle Glaubensbekenntnisse sind von ihrem Selbstverständnis her mono­theistisch. Im Unterschied zum echten Monotheismus gehen sie aber davon aus, dass die Welt gespalten ist. Am Grundprinzip des echten Monotheismus gehen sie damit vorbei.

Monotheismus und seine Trugbilder

Monotheismus Dualistische "Monotheismen"
Betrachtet die Verbundenheit mit der Wirklichkeit als unauflösbar. Verbundenheit entsteht durch das Für-wahr-erklären eines vorgegebenen Vorstellungsbilds.
Verbundenheit ist als Geschenk vergeben. Das Sein selbst ist bereits Verbundenheit mit dem, was Sein an sich begründet. Verbundenheit wird durch Gehorsam verdient. Sie wird als Denkakt vollzogen und muss durch Glaubensrituale bekräftigt werden.
Echter Monotheismus nimmt Wahres als Wahres wahr. Pseudomonotheismen urteilen über gut und böse.
Glaubt, dass sich alles Sein in einem jenseitigen Prinzip vereint. Glauben, dass sich alle Macht in einer jenseitigen Person zentriert.

Im echten Monotheismus ist die Eins das Wesen der Wirklichkeit. Dass man dem entrückten Gott im dualistischen "Monotheismus" die Zahl Eins zuordnet, ist ein intel­lektuelles Hilfsmittel. Es ist das Echo eines Machtanspruchs, der beim Untertan-machen keine Vielfalt dulden will, die ihn beschränken könnte. Im dualistischen "Mono­theismus" benennt die Eins nicht den Charakter des Heiligen, sondern den monopolisierter Macht. Im echten Monotheismus liegt die Eins im Wesen Gottes. Im seinem Trugbild ist die Eins bloß seine Zahl.

Der dualistische "Monotheismus" der konfessionellen Religionsauffassung ist ein Pseudo-Monotheismus. In ihm steht das Wirkliche nicht in heiliger Einheit zusammen. Es zerfällt in heilig und profan. Pseudomonotheismen erklären verbal, dass Macht sich im Jenseits in eine Person zentriert. Sie leugnen dabei, dass das Wesen des Einsseins grenzenlos ist.

Ihrem gespaltenen Bild entsprechend sehen sich die Anführer konfessioneller Kulte von ihrem Gott beauftragt, den als missraten beurteilten Teil der Schöpfung aus der Welt zu schaffen. Dafür erwarten sie himmelhohen Lohn.

Es gibt eine Religion und tausend Sekten. Die eine Religion kennt weder Führer noch Propheten.

Was konfessionelle Bekenntnisse für monotheistisch halten, ist tatsächlich als monopol­theologisch zu bezeichnen. Monopoltheologen Monopol geht auf das griechische monopolion (μονοπωλιων) = alleiniges Handelsrecht zurück. Monopoltheologe ist, wer seiner konfessionellen Partei das alleinige Recht zuspricht, religiöse Angelegenheiten sachgerecht zu betreiben. definieren die eigene Partei als gut, alle anderen gelten als böse. Monopoltheologie dient der Konkurrenz um irdische und transzendente Güter. Ihr Fundament sind prophetische Personen und Lehrsätze, durch die sie diktatorische Macht für sich verlangen. Als EndlösungMaleachi 3, 19-21:*
"...der Tag kommt brennend wie ein Ofen; da werden alle Übermütigen und Frevler zu Stoppeln. Und der kommende Tag wird sie verbrennen", spricht der Herr der Heerscharen, "daß ihnen weder Wurzel noch Zweig verbleibt... Die Frevler werdet ihr niedertreten; ja, sie werden zu Asche unter den Sohlen eurer Füße an jenem Tage, den ich herbeiführe"...
propagieren sie apokalyptischen Völkermord. Dabei wird der entwertete Teil der Schöpfung zu Gunsten der eigenen Partei gemeinsam mit Gott oder einem messianischen Vollstrecker vernichtet.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.
** Der Koran, (Komet-Verlag, ISBN 3-933366-64-X), Übersetzung von Lazarus Goldschmidt aus dem Jahr 1916.