Sich über andere zu stellen, heißt nicht bei sich zu sein. Nicht bei sich zu sein, heißt unter sich zu stehen.

Das Diesseits ist Unterscheidung zwischen rein und unrein. Jenseits ist die Ankunft des Reinen am Ziel.

Subjektivität ist Wo, Wann und Dass der Wirklichkeit.

Wer stirbt, erkennt, dass er schon immer war und vergisst, dass er je gewesen ist.

Die Seinsart des Subjekts ist unterwerf­ungsfrei. Weder unterwirft sie, noch ist sie unterworfen. Sie ist die höchste Seinsart, weil es in ihrer Gegenwart kein Unter gibt.

Das Subjekt löst jede Struktur auf, in die es sich erstreckt. Form ist endlich, weil sie das Unbegrenzte nicht halten kann.

Das absolute Subjekt tritt als Wirklichkeit von Strukturen in Erscheinung, durch die es sich Ausdruck verschafft. Dabei bleibt jede Struktur aber Erscheinung, hinter der das absolut Wirkliche verborgen bleibt.

Person ist Weltzugewandtheit des Subjekts

Das Subjekt / Subjektivität


  1. Begriffe
    1. 1.1. Erkennendes und Erkanntes
    2. 1.2. Grundlegendes und Unterworfenes
  2. Mechanismus oder Souverän
  3. Theoretische Ausflüge
    1. 3.1. Psychiatrische Denkmodelle
      1. 3.1.1. Biologischer Ansatz
      2. 3.1.2. Psychologischer Ansatz
      3. 3.1.3. Ganzheitlicher Ansatz
    2. 3.2. Subjektivität
      1. 3.2.1. Materielle Objekte
      2. 3.2.2. Virtuelle Objekte
      3. 3.2.3. Zwitter
    3. 3.3. Das Subjekt und die Begriffe
    4. 3.4. Grenzen und Ausdruck
    5. 3.5. Sein und Existenz
  4. Praktische Konsequenzen
    1. 4.1. Psychiatrie
    2. 4.2. Religion

1. Begriffe

Der Begriff Subjekt geht auf zwei lateinische Wörter zurück: sub = unter und iacere = werfen. Es wurde vom lateinischen subjectum ins Deutsche übernommen. Unter dem subjectum verstand der Römer den Sachverhalt, der einer Aussage zugrunde liegt.

Man könnte nun meinen, dass die Präposition sub = unter darauf hinweist, dass das Subjekt unterworfen wäre. Das ist falsch. Tatsächlich liegt es zugrunde. Nicht das Subjekt ist der Aussage unterworfen, sondern die Aussage dem Sachverhalt, der ihm zugrunde liegt.

War das lateinische subjectum zunächst ein rein sprachwissenschaft­licher Begriff, wurde seine Bedeutung von der Erkenntnistheorie entscheidend präzisiert.

Im Satz Das Haus steht da ist das Haus der Sachverhalt, über den eine Aussage gemacht wird. Der Satz unterstellt, dass das Haus etwas tut: nämlich zu stehen. Das Haus gilt im Satz als Subjekt, dem eine Handlung zugeschrieben wird. Es ist jedoch klar, dass das Haus nicht handelt. Sein Stehen ist keine Tätigkeit.

Ausgehend von dieser Erkenntnis wurde die Bedeutung des Begriffs Subjekt neu definiert.Das gilt nicht für die Sprachwissenschaft. Dort ist weiterhin all das das Subjekt, was durch die Frage Wer oder was (tut etwas)? ermittelt werden kann. Ein echtes Subjekt ist das, was wahrhaft tätig sein kann. Ein Subjekt kann stehen, gehen, essen, erkennen, glauben, meinen.

1.1. Erkennendes und Erkanntes

Die Erkenntnistheorie hätte nur wenig erkannt, wüsste sie nicht, dass das Erkennen eine besondere Tätigkeit des Subjekts ist. Das Subjekt ist das Erkennende. Objekte sind von ihm erkannte Aspekte der Wirklichkeit. Die Fähigkeit, etwas zu erkennen, ist für das Subjekt grundlegend. Im Begriff Objekt wird das Verb iacere mit dem Präfix ob- = gegenüber, entgegen verbunden. Ein Objekt ist, was dem erkennenden Subjekt entgegengeworfen ist und damit vor ihm zu stehen kommt.

1.2. Grundlegendes und Unterworfenes

Die Sprache hat das Verb subicere bzw. subiacere = unterwerfen zum Stammvater des Subjekts gewählt. Oben haben wir gesehen, dass das Subjekt aber nicht eigentlich unterworfen ist. Hat sich die Sprache also geirrt? Ist sie bei der Wahl des Begriffs unklar gewesen? Nein, das war sie nicht. Vielmehr hat sie Erkenntnisse gebahnt, die das Wesen des Subjekts verständlicher machen. Dazu sind zwei weitere Begriffe einzuführen:

  1. das absolute Selbst
  2. das relative Selbst

Fragt ein Erkennender Wer ist das Subjekt? erkennt er prompt, dass er selbst es ist. Das Subjekt ist das Selbst. Schaut der Erkennende tiefer in sein Wesen hinein, erkennt er dort zwei Felder, die sich voneinander unterscheiden.

  1. Das eine Feld umfasst erkennbare Inhalte: Gefühle, Gedanken, Impulse...
  2. Das andere bleibt selbst unerkannt... und ist gerade dadurch das eigentliche, also das absolute Selbst, das als tatsächlich Erkennendes die Inhalte des ersten Feldes erkennt.

Den beiden Feldern des Selbst können nun die ursprünglichen Bedeutungen des lateinischen sub-iacere zugeordnet werden.

  1. Das absolute Selbst ist grundlegend.
  2. Das relative Selbst ist unterworfen.

Da das relative Selbst erkennbar ist, hat es Objektcharakter. Es nimmt als Objekt am Spiel aller übrigen Objekte teil und ist deren Wirkkräften somit unterworfen. Das wahre Subjekt ist jedoch das absolute Selbst. Ihm kommt es zu, nicht unterworfen, sondern grundlegend zu sein.

2. Mechanismus oder Souverän

Vielleicht ist die Subjektivität des Einzelnen nur Eigenschaft seiner materiellen Struktur. Vielleicht ist das Bewusstsein nur Funktion einer komplizierten Sache, die sich die Interessen ihrer abgegrenzten Existenz symbolisch in ein Ich verdichtet, dem nichts Eigenständiges entspricht. Dann ist Subjektivität ein Trugschluss, hinter dem sich ein Mechanismus verbirgt, der bloß noch nicht verstanden ist. Sollte sich Subjektivität als Mechanismus erweisen, wird wirklich und unwirklich nicht mehr zu unterscheiden sein.

Vermutlich ist es anders. Vermutlich kommt Subjektivität echte Wirk­lichkeit... vielleicht die einzige, die es überhaupt gibt. zu. Ist es so, kann es sie nur einmal geben; denn gäbe es sie mehrfach, wären die "Subjektivitäten" für einander Objekt. Gibt es Subjektivität, ist sie folglich unteilbar und unabgrenzbar. Sie ist die tragende Matrix von Wert, Wahrheit und Sinn. Wenn sie zum Wesen des Menschen gehört, muss, was subjektiv an ihm ist, wesensgleich mit allem sein, dem ebenfalls Subjektivität zukommt. Subjektivität beginnt weder mit der Geburt, noch endet sie mit dem Tod. Sie begegnet im Gegenüber immer auch sich selbst. Echte Religion schützt Subjektivität bedingungslos.

Das Ungeteilte
Individualität heißt Ungeteiltheit. Individuen sind Ungeteilte. Im Alltag glauben wir, die Ungeteiltheit des Individuums beruhe auf dem unauflöslichen Zusammenhang von Körper und Psyche; und auf dem aller psychischen Inhalte, die unabtrennbar zur der Person gehören, die sie wahrnimmt. Die Alltagsdeutung der Individualität glaubt zugleich, dass zwischen dem als unaufteilbar gedeuteten persönlichen Ich und dem Nicht-Ich, dem es als Außenwelt begegnet, eine Grenze besteht, die das Ich vom Nicht-Ich abteilt. Das ist vorläufige Individualität. Endgültige Individualität ist nur verstanden, wenn sich das Ich nicht nur als Individuum in der Wirklichkeit sieht, sondern auch als das Individuum Wirklichkeit.

3. Theoretische Ausflüge

Ordnungen
Das Subjekt steht überDie Aussage, das Subjekt stehe über den Objekten, ist eine sprachliche Paradoxie. Sie mag aus der Perspektive von Objekten gelten, die sich abgespalten sehen. Das Subjekt selbst geht über den Gegensatz von über und unter hinaus. Es steht somit über dem Gegensatz, nicht über den Objekten. Über dem Objekt zu stehen, ist keine Eigenschaft des Subjekts, sondern eine Möglichkeit, die ihm offensteht. Selbst wenn es sie wählt, ist das Objekt aber nichts Abgespaltenes unter ihm, sondern Ausdruck seiner Wahl. den Objekten, weil es im Gegensatz zu diesen keine Eigenschaften hat, die es zu diesem oder jenem Sosein verurteilen. Das Objekt kann zwar verändert werden, es kann sein Sosein aber nicht selbst bestimmen. Wird es verändert, wird es nahtlos in ein verändertes Sosein gefesselt. Das Freie steht über dem Gebundenen.

Psychische Störungen betreffen immer das Subjekt. Erst das gibt ihnen Bedeutung. Es ist das Subjekt, das handelt, erlebt und leidet. Das Verständnis der Subjektivität ist daher letzter Zielpunkt jeder heilenden Erkenntnis. Da Subjektivität begrifflich nicht abschließend definiert werden kann, beleuchtet jede Theorie immer nur Aspekte... und jede Beschreibung mündet vor Erreichen des Ziels in sprachliche Paradoxien.

Vorgaben

  1. Die WeltDer Begriff Welt setzt sich aus zwei Teilen zusammen: We- und -lt. Der erste entstammt dem germanischen Begriff Wer = Mann, Mensch. Der zweite geht auf das lateinische alere = nähren, großziehen zurück. Eigentlich bedeutet Welt Menschen-Ernährerin bzw. Menschenmutter. Welt ist der Raum der Wirklichkeit, in dem sich Menschsein entwickelt. setzt sich nicht aus Teilen zusammen. Sie fällt in Aspekte auseinander. Die Wirklichkeit ist kein Zusammentreffen eigenständiger Elemente. Sie ist eine Einheit, deren Wesen sich in einem vernetzten Gefüge von Feldern Ausdruck verschafft.

  2. Subjektivität ist der Kern unseres Wesens. Sie ist es, was unser Menschsein bestimmt. Als Individuen identifizieren wir uns mit unterschiedlichen Formen. Wir versuchen, objektiv etwas zu sein. Da Formen jedoch die Unendlichkeit in uns verfehlen, leiden wir an der Gleichsetzung mit dem jeweiligen Etwas. Die Verwechslung unseres subjektiven Wesens mit einem objektiven Etwas spaltet unser Weltbild in ein radikales Gut-oder-schlecht. Wer glaubt, dies oder das zu sein, hat sich verkannt. Wer glaubt, etwas Bestimmtes zu sein und nicht das Bestimmende, geht in die Irre.

Wenn Begriffe wie Welt, Mensch und WirklichkeitWirklichkeit wird hier als das umfassende Ganze aller Sachen und wirkenden Kräfte verstanden. Sie umfasst somit die Welt, die Realität sowie die seelische Dimension, in der sich das bewusste Erleben des Einzelnen abspielt. Die Wirklichkeit beinhaltet jedoch mehr als das. Während Welt, Realität und das psychische Erleben aus unterscheidbaren Phänomenen besteht, ist Wirklichkeit zugleich das Prinzip, dem alles Bewirkte entspringt. in einem Atemzug genannt und mit psychiatrischen Symptomen in Verbindung gebracht werden, ist klar, dass es um eine ganzheitliche Betrachtung geht. Das individuelle Erleben wird nicht als bloß inner-psychisches oder psycho-soziales Phänomen betrachtet, sondern als Teilaspekt einer zusammenhängenden Wirklichkeit.

3.1. Psychiatrische Denkmodelle

In der Psychiatrie sind drei Denkansätze zu unterscheiden:

  1. der biologische
  2. der psychologische
  3. der ganzheitliche
3.1.1. Biologischer Ansatz

Die biologische Psychiatrie betrachtet seelische Phänomene als Ausdruck körperlicher Bedingungen. Sie geht von einem naturwissenschaftlichen Weltbild aus. Sie sieht die Grundlage aller Wirklichkeit in ihrer materiellen Komponente: der physikalischen Realität.Von lateinisch res = Sache, Ding. Die Realität ist jener Teil der Wirklichkeit, der sich durch die Existenz von Sachen und Dingen, also stofflicher Phänomene, ausdrückt. Psyche ist in den Augen der biologischen Psychiatrie eine Eigenschaft komplexer materieller Strukturen und somit ebenso physikalisch.Von griechisch phyein (φυειν) = hervorbringen, entstehen. Die physikalische Welt ist die entstandene Realität, die als Natur erkennbar ist. Sie umfasst materielle Objekte und deren Eigenschaften. Begriffe wie hervorbringen und entstehen denken einen unentstandenen Bereich der Wirklichkeit mit, aus dem heraus die Realität entsteht.

Die biologische Psychiatrie definiert eine gesunde Norm seelischer Erfahrung. Sie geht davon aus, dass dieser Norm eine ordnungsgemäße Struktur des Gehirns sowie ein ordnungsgemäßes Funktionieren von Stoffwechselprozessen zugrunde liegt. Symptome sind für sie Folge gestörter Strukturen und Abläufe im Gehirn. Dementsprechend sucht sie nach Heilmitteln, die auf materielle Strukturen einwirken. Der Schwerpunkt ihrer Forschung richtet sich auf die Entwicklung pharmakologisch wirksamer Substanzen, die in den Stoffwechsel zwischen den Hirnzellen eingreifen. Dabei hofft die biologische Psychiatrie die physikalischen Grundlagen der Hirnfunktion eines Tages so umfassend zu verstehen, dass sie Substanzen zur Heilung aller seelischen Leiden entwickeln kann.

3.1.2. Psychologischer Ansatz

Der psychologische Ansatz erkennt die Bedeutung körperlicher Faktoren an. Im Gegensatz zur biologischen Psychiatrie glaubt er aber nicht, dass man das gesamte seelische Erleben auf körperliche Prozesse zurückführen kann. Die Psychologie ordnet der Psyche eine eigenständige Bedeutung zu. Sie glaubt, dass seelische Phänomene nicht nur Ausdruck physikalischer und biochemischer Ereignisse sind. Sie betont, dass der Psyche eine eigene Gesetzmäßigkeit inneliegt, deren Störung zu Symptomen führt; und die ihrerseits auf die materielle Struktur einwirken kann. Die Psychologie erweitert den naturwissenschaftlichen Ansatz um eine geistes­wissenschaftliche Dimension. Sie geht davon aus, dass ein großer Teil des seelischen Leids dieser Dimension entspringt.

Beiden Denkmodellen ist gemeinsam, dass sie das IndividuumVon lateinisch dividere = teilen. Der Begriff Individuum beschreibt den Einzelnen als das Unteilbare. als abgegrenztes Etwas betrachten, dessen Eigenständigkeit allein auf seiner Abgrenzung beruht. Die biologische Psychiatrie sieht es als materiellen Organismus, dessen psychischer Oberton den Bestand der materiellen Struktur betreibt. Die Psychologie beschreibt es als psychosomatische Einheit.Eine bekannte Ausnahme ist die analytische Schule nach C.G. Jung. Jung schreibt Teile des Unbewussten einem kollektiven Feld zu, in dem archetypische Muster liegen, die allen Menschen gemeinsam sind. Mit seiner Lehre von der Synchronizität inner- und außerseelischer Ereignisse weicht Jung weit von der dualistischen Sichtweise ab. Für beide steht das Individuum der Welt als umgrenztes Etwas gegenüber; so wie ein Objekt dem anderen.

Beide Theorien bezweifeln keineswegs, dass die Einheit Mensch als offenes System mit der Welt im Austausch steht. Die Welt wirkt auf den Menschen ein. Der Mensch beeinflusst das Material der Welt zu seinem Vorteil. Beide Theorien sind jedoch dualistisch. Sie unterscheiden grundsätzlich zwischen innen und außen, zwischen Ich und Nicht-Ich. Das Ich begegnet der Welt als dem, was es selbst nicht ist. Es ist eine Person unter vielen, einer von vielen Spielern auf dem Feld. Das Ich existiert in der Welt als selbständiger Partikel, der sein Schicksal gegen die Welt zu bestimmen hat.

3.1.3. Ganzheitlicher Ansatz

Der ganzheitliche Ansatz geht über die dualistische Sichtweise hinaus. Er glaubt, dass seelisches Leid am besten zu lindern ist, wenn man das Ich und die Welt als ineinander verschmolzenen Ausdruck einer umfassenden Wirklichkeit betrachtet, deren Elemente sinnvoll aufeinander bezogen sind.

3.2. Subjektivität
Möglichkeiten des Subjekts sind Erkenntnis und Eingriff. Es hat keine objektiven Eigenschaften. Nicht: Ich bin faul. Sondern: Ich entscheide, nicht zu handeln.

Das Wesen der Subjektivität ist schwer zu verstehen. Zunächst gilt: Das Subjekt erkennt Objekte. Das Subjekt ist das Erkennende. Die Objekte sind das Erkannte. Objekt ist, was erkannt werden kann. Wäre das Subjekt erkennbar, wäre es kein Subjekt mehr, sondern ebenfalls Objekt. Will man verstehen, was Subjektivität ist, muss man daher den Umweg über die Objekte machen. Erst wenn man ausschließt, was Subjektivität nicht sein kann, nähert man sich dem, was sie sein könnte.

3.2.1. Materielle Objekte

Es gibt verschiedene Objekte. MaterielleVon lateinisch mater = Mutter. Damit war ursprünglich der Teil des Baums gemeint, der die übrigen Teile hervorbringt. So gedacht ist Materie das, was das Geistige hervorbringt. Der Begriff spiegelt den naturwissenschaftlichen Ansatz des Denkens wider. Objekte bestehen aus einer begrenzten Menge an Substanz.Von lateinisch substare = darunterstehen. Ist das Subjekt die Substanz der Wirklichkeit? Sie haben ein Innen und ein Außen. Ihre Position ist durch Koordi­naten in der Raumzeit festgelegt. Durch die Substanzen, aus denen sie bestehen, und durch deren Menge, kommen ihnen weitere Eigenschaften zu, die sie über die geome­trische Form hinaus bestimmen. Physikalische Eigenschaften, raumzeitliche Position und geometrische Form bilden zusammen eine Gestalt. Diese Gestalt ist zu jedem Zeitpunkt so wie sie ist, und nicht anders. Materielle Objekte stehen in der Raumzeit miteinander in Beziehung. Sie begegnen sich über ihre jeweiligen Grenzen hinweg. Der Zeitpunkt, zu dem sie sich begegnen, heißt Gegenwart.

Unterschiede im Überblick

Objekte Subjekt
Differenz
Unterscheidbarkeit
KohärenzLiebe ist Ausdruck der Kohärenz des Subjekts.
Verbundenheit
LokalisierbarMaterielle Objekte sind räumlich und zeitlich lokalisierbar, virtuelle bloß zeitlich. Nicht lokalisierbar
Sinnlich oder mental erkennbar Potenziell erfahrbar... wenn es sich seiner Identifikation mit Objektivem entledigt.

3.2.2. Virtuelle Objekte

Virtuelle Objekte sind Zwitter. Sie haben weder eine geome­trische Form noch bestehen sie aus materieller Substanz. Ihre Position ist zwar zeitlich festgelegt, nicht aber im physi­kalischen Raum. Zu den virtuellen Objekten zählen Gefühle und Gedanken. Obwohl virtuelle Objekte weder materielle Substanz noch eine geometrische Form haben, sind sie objektiv. Die wesentliche Eigenschaft des Objektiven ist ihnen zu eigen: Sie sind erkennbar, geformt und begrenzt.

Über das Verhalten stehen Gefühle mit der Umwelt in Bezieh­ung. Sie haben spezifische Wirkungen, die sich voneinander unterscheiden. Im Bewusst­sein begegnen Gefühle dem, was sie selbst nicht sind: Gedanken, geistigen Bildern, erinnerten Szenen.

Auch Gedanken, geistige Bilder und Erinnerungen können als virtuelle Objekte aufge­fasst werden. Wie jedes echte Objekt sind sie erkennbar. Darüber hinaus sind sie unterscheidbar und definiert.Der Begriff enthält das lateinische finis = Grenze. De-finiert heißt somit abgegrenzt. Der Gedanke Ich esse ein Brot unterscheidet sich vom Gedanken E = mc². Er schließt diesen nicht ein. Die Vorstellung einer Sommerwiese ist erkennbar anders als die Erinnerung an Prügel in der Schule.

Zwischen materiellen und virtuellen Objekten gibt es Unterschiede. Materielle Objekte sind grundsätzlich für alle erkennbar, virtuelle Objekte nicht. Virtuelle Objekte sind nur dem zugänglich, in dessen Bewusstseinsfeld sie auftauchen. Sie sind somit auch subjektiv. Ihre Subjektivität besteht jedoch nicht darin, dass sie weniger existent als materielle Objekte wären; also "bloß" subjektiv. Sie besteht vielmehr darin, dass sie für andere nicht unmittelbar erkennbar sind.

Eigenschaft oder Vermögen
Eigenschaften kommen nur Objekten zu. Sie legen ihr So-und-nicht-anders-sein fest. Das Subjekt ist reines Vermögen. Es ist kein Sosein, sondern ein So-oder-so-sein-können. Vom Vermögen des Subjekts erkennen wir drei Aspekte: Die Voraussetzung zur Wahl eines Bewirkens ist Entscheidung. Die Voraussetzung zu einer Entscheidung ist Erkenntnis.
3.2.3. Zwitter
Als Objekt ist der Mensch ein Stück der Welt. Ist er Subjekt, ist die Welt ein Stück von ihm.

Nicht nur die virtuellen Objekte sind offensichtlich Zwitter. Der Mensch selbst ist ein Zwitter. Es kommt ihm Subjektivität und Objekthaftigkeit zu. Er ist Objekt, weil etwas von ihm erkannt werden kann. Seine Subjektivität liegt darin, dass er etwas erkennt. Die Subjektivität des Menschen geht über die der virtuellen Objekte hinaus. Während virtuelle Objekte für das Individuum erkennbar sind, bleibt sein subjektiver Pol auch ihm selbst verborgen.

Meist betrachtet man sich als einen Gegenstand, dem vergleichbare Eigenschaften zukommen. Als ein solches Personen-Objekt vergleicht man sich mit der Vorgabe, wie man sein sollteDem Ich-Ideal und mit dem, wie andere sind.

Die Sprache weist uns auf den Schaden hin, der durch derlei Vergleiche entsteht. Im Vergleich finden wir den gleichen Wortstamm wieder, der auch zum Wort Leiche führt: das germanische lika = Körper.

Nur wenn man sich nicht mehr als Objekt betrachtet, sondern als reines Subjekt, das weder durch Ort, Zeit noch Eigen­schaft zu beschreiben ist, lassen wir alles lebendig, was lebt.

Im üblichen Sprachgebrauch stellen wir das Objekt dem Subjekt gegen­über. Das ist problematisch. Das Wort Subjekt ist eine Personifizierung der Subjektivität. Es verführt dazu, uns den erkennenden Pol der Wirklichkeit als Person vorzustellen und damit als abgegrenzte Einheit, die ähnlich konstruierten Einheiten begegnet. Da es aber keine zwei Subjektivitäten nebeneinander geben kann, müssen wir uns beim Gebrauch des Wortes Subjekt grundlegender Dinge bewusst sein:

3.3. Das Subjekt und die Begriffe

Kaum haben wir ein paar Gedanken über das Wesen des Subjekts formuliert, schon sind sie Zielscheiben des Zweifels. Da heißt es einerseits, Subjektivität sei form- und gren­zenlos. Wie will man dann aber ausschließen, was sie nicht sein kann? Jeder Aus­schluss ist doch eine Grenze!

Da heißt es außerdem: ...wenn man ausschließt, was Subjektivität nicht sein kann, nähert man sich dem, was sie sein könnte. Ist es nicht absurd,Absurd setzt sich aus lateinisch absonus = misstönend und surdus= taub, nicht verstehend zusammen. Eine absurde Aussage empfinden wir als misstönend, da sie nicht mit der Logik übereinstimmt, die unser Weltbild strukturiert. Wir verstehen sie nicht, entweder, weil wir dafür taub sind oder weil es nichts zu verstehen gibt. das Grenzenlose als einen Rest zu definieren?

Das Problem, das in diesen Widersprüchen auftaucht, weist auf das besondere Wesen des Subjektiven hin. Nicht nur dann, wenn Begriffe und Formulierungen plausibel erscheinen, können wir etwas von seinem Wesen verstehen. Auch im Widerspruch gegen die Logik der Sprache taucht es auf. Die Unbegrenztheit des Subjektiven entzieht sich dem Versuch, sie mit Begriffen zu umgreifen. Man kann sie nicht durch Formulierungen, also Formbildungen, eingrenzen. Immerhin: Die Widersprüche, zu denen sie unser Denken verurteilt, sind ein Indiz dafür, dass wir beim Kampf um das rechte Verständnis der Subjektivität die richtige Burg umzingelt haben. Nur ein Gegner, der uns wirklich überlegen ist, kann unseren Verstand derart foppen.

Sobald wir uns mit dem Wesen der Subjektivität befassen, haben wir mit unserer Sprache ein Problem. Das hängt mit dem Platz zusammen, der uns in der Wirklichkeit zukommt. Wir betrachten die Welt nicht aus ihrem Zentrum heraus. Wir betrachten sie von irgendwoher. Da die Welt von dort aus rätselhaft erscheint, hat sich der Geist darauf spezialisiert, passende Teile zu sortieren. Der Geist in der Zerstreuung sucht die Einheit aus der er stammt. Der Verstand des Zerstreuten hat eine Vorliebe für das, was zusammenpasst. Er bevorzugt Integration, Harmonie und Logik. Vor Asymmetrie und Absurdität schreckt er zurück. Die Wirklichkeit ist aber nicht nur ein Zusammen­passen. Sie drückt sich auch in dem aus, was auseinander fällt.

Ein Blick auf das, womit unser Geist jenseits dieser Alltagslogik umgeht, gewährt uns der Traum. Im Traum ist der Verstand vom Korsett der Sinne und deren oberflächlicher Betrachtung befreit. Im Traum nähern wir uns der Subjektivität, zu deren Zentrum hin das Vorurteil der Logik schwächer wird. Im absoluten Subjekt fehlt das Gefälle, das alles Wasser zum Ozean fließen lässt. Aus seiner Sicht stehen Integration, Harmonie und Logik gleichberechtigt neben Zerfall, Asymmetrie und Absurdität. Das absolute Subjekt selbst ist eine Harmonie, die die Widersprüche der dualistischen Realität in sich vereint. Es sollte uns daher klar sein, dass die benutzten Begriffe in Richtung einer Wirklichkeit weisen, die die Begriffe umfasst; und nicht umgekehrt.

3.4. Grenzen und Ausdruck

Wir haben gesehen, dass es nur ein Subjekt geben kann. Gäbe es mehrere, wären es Objekte. Wenn das Subjekt aber kein Objekt ist, kann es nicht nur außerhalb der Objekte sein. Es stieße dann an deren Grenze. Also erstreckt sich das Subjekt in die Objekte hinein, ohne vom Objekt selbst begrenzt zu sein.

Zur Gestalt des Objekts gehört nicht nur seine Erkennbarkeit, sondern ebenso Form, Position und Begrenzung. Objekte können ineinander liegen, so wie verschieden große Puppen einer russischen Babuschka. Die einzelnen Puppen unterscheiden sich durch ihre Größe. Objekte unterscheiden sich überhaupt. Es kann zwar sein, dass sich zwei Objekte überlappen, sodass das eine Teil des anderen ist, zwei Objekte, die in allen Qualitäten gleich sind, sind in Wirklichkeit jedoch nur eins.

Das Subjekt erstreckt sich in die Objekte hinein. Das ist nicht so zu verstehen wie bei den russischen Puppen. Das Subjekt wohnt nicht im Objekt und verlässt es bei Gelegenheit. Das Objekt ist vielmehr Ausdruck einer Subjektivität, die solange als sein eigentliches Wesen in ihm enthalten ist, bis das Objekt zerfällt. Vor der Existenz des Objekts, während seiner Existenz und danach ist das Subjekt, das sich als Objekt Ausdruck verschafft, vollständig. Die Begrenztheit des Objekts ist keine Begrenzung des Subjekts. Sie gehört zu den Möglichkeiten seines Ausdrucks. Jenseits des Subjekts gibt es keine Objekte.

Das Subjekt manifestiert sich als Objekt. Wäre es nicht in der Lage, sich als begrenz­tes Objekt Ausdruck zu verschaffen, wäre es kein Subjekt. In jedem Objekt verwirk­licht es eine seiner Möglichkeiten. Indem es Formen zusammenbringt, ermöglicht es Formen einander zu begegnen. Durch die Begegnung der Formen entstehen komplexe Gestalten, die aus mehreren Objekten und deren Beziehungen zueinander bestehen. Auch diese Gestalten sind Objekte.

Der gemeinsame Inhalt aller Formen bleibt formlos. Abgesehen vom Subjekt ist alles leer. Objekte haben kein eigenes Wesen, das analog zu ihrer manifesten Form von ei­ner Außenwelt abgegrenzt wäre. Das Wesen jeder Form ist das Potenzial des Subjekts.

Eigentlich ist das Subjekt nicht formlos. Durch der Vielfalt der Objekte, in die es sich erstreckt, drückt es ja gerade seine Formen aus. Formlos heißt also nicht stets ungeformt. Formlos heißt auf keine Form beschränkt.

3.5. Sein und Existenz

Oben haben wir zwei psychiatrische Sichtweisen beschrieben. Beide Sichtweisen sind dualistisch. Sie betrachten Ich und Nicht-Ich als grundsätzlich getrennte Kategorien, die einander als objektive Realitäten gegenüberstehen. Dualismus heißt hier: Aufspal­tung der Wirklichkeit in zwei getrennte Bereiche. Die Untersuchung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt hat ergeben, dass diese Sichtweise die Wirklichkeit nur zum Teil beschreibt.

Leere ist Reichtum an Platz oder Mangel an Inhalt; je nachdem, wie man sie deutet. Wer Möglichkeiten wünscht, wird Platz begrüßen. Wer Sicherheiten will, wird den Inhalt vermissen, an den er sich klammern kann.

Reine Subjektivität ist unbegrenzt. Reine Subjektivität reicht notwendiger­weise in die Objekte hinein. Sie drückt Möglichkeiten durch Objektivierung aus. Eine solche Welt ist nicht nur aufgespalten. Ihre Aufspaltung wird durch einen tieferen Zusammenhang bewirkt. Eine solche Welt ist nicht nur dualistisch, sie ist im Dualismus kohärent. Das erkennbare Objekt steht dem erkennenden Subjekt nicht als fremde Kategorie gegenüber.

Obwohl das Objekt außer dem Subjekt keinen weiteren Inhalt hat, gibt es zwischen beiden Unterschiede. Das Objekt existiert als Ausdruck des Subjekts. Das Objekt hat kein eigenes Sein. Sein Sein liegt im Subjekt. Die Existenz des Objekts ist an Raum und Zeit gebunden, weil beide die Bedingungen seiner Begrenztheit sind. Das Sein des Objekts liegt aber jenseits davon.

Um das zu verstehen gilt es, Sein und ExistenzDer Begriff Existenz entstammt der lateinischen Wurzel ex-sistere = heraustreten, zum Vorschein kommen. zu unterscheiden. Die Existenz des Menschen oder einer Sache ist ein Sonderfall des Seins. Existenz manifestiert sich durch jenen Vorgang, durch den das Sein als Form in ein Feld hinaustritt, in dem es dann als seiendes Etwas existent wird. Die Realität des seienden Etwas liegt in der Begegnung mit anderen Dingen. Erst indem das Sein sich zu Formen reduziert, bringt es Formen zur Begegnung. Indem es Subjektivität durch Formen zu Perspektiven verengt, schafft es Erkenntnismöglichkeiten, die erst durch Verengung entstehen. Das Resultat sind relative Subjekte. Während der objektivierte Pol des relativen Subjekts bloß in der Raumzeit existiert, umfasst der subjektive Pol sowohl die raumzeitliche Existenz als auch das ungeformte Möglichsein.

4. Praktische Konsequenzen

Die Analyse hat gezeigt, dass der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt weitreich­ender ist als man es beim üblichen Gebrauch der Begriffe bedenkt. Weder kann das Subjekt als ich-bewusstes Objekt begriffen werden noch kann es überhaupt mehrere Subjekte geben. Das hat praktische Konsequenzen; sowohl für die therapeutische Arbeit mit psychisch Kranken als auch für die Religiosität.

4.1. Psychiatrie

Der psychologische und erst recht der biologische Ansatz der Psychiatrie betrachtet den Menschen als Objekt. Beide unterscheiden zwischen einer Vorgabe...wie der Mensch sein sollte. und krank­haften Normabweichungen. Ihr Ziel ist es, den Kranken einer als gesund geltenden Norm anzupassen.

Der ganzheitliche Ansatz betrachtet den Menschen als Subjekt. Auch er definiert zwar eine Vorgabe, die als gesund... nämlich man selbst zu sein. gilt, die Vorgabe ist jedoch von anderer Qualität als die der anderen Ansätze. Die Vorgabe der ganzheitlichen Betrachtung beruht nicht auf einer vergleichbaren Norm, sondern auf der Einzigartigkeit des Subjektiven an sich. Deshalb versucht sie nicht anzupassen, sondern gemeinsam mit dem Patienten zu verstehen, dass dessen Einzigartigkeit Sinn macht.

4.2. Religion

Erst durch sein Interesse an Religion hält der Einzelne Ausschau nach der existenziellen Verantwortung für sich selbst. Religiöse Fragen sind daher weder aus einer umfassen­den Betrachtung des (kranken) Menschen noch aus der menschlichen Kultur wegzu­denken. Mehr noch: Religion ist der Kern jeder Kultur.

Trifft es zu, dass es nur ein Subjekt gibt, kann allerdings keiner Religion vertraut wer­den, die die dualistische Spaltung zwischen Gott und Welt nicht hinter sich lässt. Das gilt besonders für konfessionelle Glaubenskulte, die Religiosität als Gehorsams­verhältnis zwischen einer entrückten Gottesperson und ihr unterworfener "Subjekte" beschreiben. Solche Kulte sind religiöse Verirrung. Sie setzen das Wesen Gottes auf das eines mächtigen Objektes herab; denn wenn Gott etwas vom Menschen Getrenntes wäre, wäre er für den Menschen Objekt der Betrachtung.