Das Wesen des Glaubens liegt darin, dass man nicht wissen kann, ob der geglaubte Inhalt wahr ist oder nicht. Glauben über Wissen zu stellen, ist eine Sünde wider den Geist. Außerhalb der Gotteshäuser ist solcherart Sünde allgegenwärtig. Innerhalb ist sie Prinzip.

Wer den Einzelnen nicht respektiert, respektiert auch den Einen nicht.

Sünde ist Verstoß gegen das Vorrecht der Subjektivität. Sie ist der Verzicht auf die eigene Wahl des eigenen Wegs.

In Sünde lebt, wer sich zum Objekt erklärt oder sich Objekten unterwirft.

Jede Sünde erschwert den Weg, jeder Weg endet jedoch am selben Ziel.

Sünde


  1. Begriffsbestimmung
  2. Sünde gemäß biblischer Auffassung
  3. Struktur der Wirklichkeit
  4. Mystischer Sündenbegriff

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Sünde ist germanischen Ursprungs. Das belegen die entsprech­enden Ausdrücke im Niederländischen (zonde), Schwedischen (synd) und Englischen (sin). Weitere sprachgeschichtliche Hintergründe sind unklar.

Der deutsche Begriff wurde vom frühen Christentum geprägt. Er bezeich­net einen Verstoß gegen fundamentale Regeln der göttlichen Ordnung und dient der Übersetzung entsprechender Begriffe der hebräischen (chat'ah [חטּאת]) bzw. griechischen Bibel (hamartia [αμαρτια]).

1.1. Schuld und Sünde

Die Definition des Begriffs Sünde bedeutet zugleich eine Unterscheidung von Sünde und Schuld. Der Unterschied liegt im Gewicht der Regel, gegen die verstoßen wird.

Schuld

Du solltest nicht.

Sünde

Du darfst auf keinen Fall.

Die Unterscheidung zwischen Sünde und Schuld verweist auf das Ausmaß der Folgen, die ein entsprechender Regelverstoß nach sich zieht. Sündhaftes Handeln hat nach­haltige Folgen, die nicht mehr oder nur schwer wiedergutzumachen sind. Die Folgen schuldhaften Handelns wiegen weniger schwer.

Schuld und Sünde

Regelverstoß Folgen Wiedergutmachung
Schuld nachrangig beiläufig Korrektur der bisherigen Ausrichtung
Sünde grundlegend nachhaltig, umfassend Grundlegende Neuorientierung

2. Sünde gemäß biblischer Auffassung

Was man als Verstoß gegen Regeln der göttlichen Ordnung auffasst, hängt vom Gottes­bild ab. Im Gottesbild kommt dreierlei zum Ausdruck:

  1. Vorstellungen über das grundsätzliche Wesen der Wirklichkeit.

  2. Vermutungen über Verhaltensregeln, die es ermöglichen, sich gemäß den Zielen und Werten jener Kraft auszurichten, die dem Wesen der Wirklichkeit als Souverän und Autorität zugrunde liegt.

  3. Die Ziele derer, die das GottesbildMan kann Gottesbilder nur verstehen, wenn man bedenkt, was seine Urheber damit taten. entwerfen.

Gut und Böse

Die Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, ist die Voraussetzung vollständiger Urteilskraft. Nur wer die Autorität zu dieser Unterscheidung hat, kann eigenständig in den Ablauf der Wirklichkeit eingreifen. Zwischen richtig und falsch kann auch eine Maschine unterscheiden.


Unsterblichkeit

Alles Sterbliche ist Objekt. Es ist Erscheinung und geformte Sache, die zerfallen wird. Nur was der Erscheinung unvergänglich inneliegt, ist wahrhaft wirklich. Sterbliches ist Aufscheinen dessen, worin es hinter dem Erscheinen eingebettet ist.


Weltanschaulicher Pluralismus

Die Fähigkeit zur eigenständigen Unterscheidung von gut und böse ist dem Individuum in Form eigener Verstandesfähigkeit in die Wiege gelegt. Da die Blickwinkel von Individuen unterschiedlich sind, entwickelt sich bei ungestörter Verstandestätigkeit ein weltanschaulicher Pluralismus. Das ist jeder Diktatur ein Dorn im Auge. Deshalb wirken Diktaturen darauf hin, dass der Mensch die Fähigkeit zu eigenständigen Werturteilen unterdrückt und stattdessen Urteile nachspricht, die die Machthaber vorgeben.

Je mehr sich Menschen mit autoritären Weltbilder identifizieren, desto lauter pochen sie auf die vorgegebene Moral. Das sieht so aus, als ob sie gut und böse unterscheiden...und als würden sie deshalb so laut pochen, weil sie den Unterschied so deutlich sehen. Die Aggression des Pochens kann als nach außen projizierte Autoaggression verstanden werden, die der Bereitschaft zur Selbstunterwerfung entspringt.. Tatsächlich tun sie es nicht.

Der Sündenbegriff des Abendlands wurde von der jüdisch-christlichen Weltanschauung festgelegt. Er spiegelt die Sichtweisen Moses'Wobei es nebensächlich ist, ob es Moses als reale Person gegeben hat oder ob er als bloß mythische Figur dazu dient, jüdische Ansprüche zu rechtfertigen. wider, die ihrerseits Ausdruck seiner politischen AbsichtenDie jüdische Religion beschreibt sich in exemplarischer Weise als politisch. Die Zielsetzung des antiken Judentums liegt ausdrücklich im diesseitigen Wohl der als Heilsvolk definierten Israeliten. Die religiöse Verbindung besteht nicht zwischen dem Einzelnen und Gott. Vielmehr benennt Gott Führerfiguren, die in seinem Auftrag politisch aktiv werden.

Die Bibel erklärt das mit einer angeblichen Forderung des Volkes...

5 Moses 18, 15-18*:
Einen Propheten... wird der Herr... entstehen lassen; auf ihn sollt ihr hören. In diesem Sinne... hast du (das Volk)... es gefordert, als du sprachst: "Nicht mehr will ich die Stimme des Herr... vernehmen und dieses gewaltige Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe... Da sprach der Herr zu mir: "... meine Worte will ich in seinen Mund (des Propheten) legen..".

Laut Bibel war es eine Forderung des Volkes, dass der Einzelne das Wahre nicht mehr persönlich erkennen kann, sondern darauf angewiesen ist, zu glauben, was man ihm zu glauben vorgibt.
waren.

Die Kernaussagen des jüdisch-christlichen... und damit auch des islamischen... Sündenbegriffs sind im Mythos von der Erbsünde Adams und Evas verschlüsselt, die angeblich die Ver­treibung aus dem ParadiesAlso die Verfluchung zu Leid und vollstreckbarer Sterblichkeit... nach sich zog.

1 Moses 3, 5 - 6:*
Vielmehr weiß Gott, daß euch, sobald ihr davon eßt, die Augen aufgehen und ihr... Gutes und Böses erkennt... Da sah die Frau, daß der Baum gut sei... um weise zu werden.

1 Moses 3, 22:*
Dann sprach er:" Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden, da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baum des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe."

Die Bibel beschreibt einen Gott, dessen Absicht es ist, dem Menschen entscheidende Qualitäten vorzuenthalten... selbst dann, wenn er dazu fähig ist, sie zu erwerben. Der biblische Gott will verhindern, dass sich der Mensch aus eigener Kraft weiterentwickelt.. Die Qualität, um die es bei der biblischen Ursünde geht, ist die Voraussetzung zu eigenständiger Urteils­kraft:

Da der Mensch sich die Urteilskraft über gut und böse trotz Verbots beschafft, vertreibt ihn Jahwe von jenem Ort, wo er Unsterblichkeit, also einen unbedingten Wert, erlangen könnte.

Die Rolle, die der biblische Gott dem Menschen zugesteht, ist die eines Objekts, das der Willkür einer übergeordneten Macht unterliegt, die ihr Monopol gegen potenzielle Konkurrenten sichert. Die Autoren der Bibel rufen einen Gott aus, der nicht will, dass der Mensch an seinen Qualitäten teilhat...

  1. erkennend und damit fähig zu sein, auf der Grundlage eigenständiger Urteilskraft handlungsmächtig zu entscheiden.

  2. sich seines unsterblichen Kerns bewusst zu sein und damit seines absoluten Wertes gewiss.

Der Mensch soll sich als bloßes Objekt der Willkür eines kos­mischen Subjekts unterwerfen, das seinen Subjektstatus eifer­süchtig vertei­digtDie biblische Lehre beschreibt einen Gott, der die Anerkennung seiner Herrschaft verteidigt. Sie tut das, um Menschen zu missbrauchen. Gott bedarf keiner Verteidigung, weil er unangreifbar ist. Nicht Gott verteidigt sich gegen Menschen, der Mensch würde seinem Wesen gerecht, wenn er selbst etwas verteidigte: das Primat seines Wesenskerns, also das Primat seiner Subjekthaftigkeit gegenüber jedem Vorsatz, ihn zum Objekt einer Obrigkeit zu erklären. und das seine Macht auf der Erde durch Vertreter ausüben lässt. Das mosaische Gottesbild war das Ermächtigungsgesetz seiner Propa­gandisten.

Gottesbilder und Absichten

Gottesbilder entstehen im Gefolge der Absichten derer, die sie ent­werfen. Das Alte Testament beschreibt die politischen Ziele Moses' und seiner antiken Nachfolger.

Die theologische Grundlage des biblischen Sündenbegriffs bildet die Notwendigkeiten einer totalitären Gesellschaftsordnung ab. Nichts steht einer solchen Ordnung grund­sätzlicher im Wege, als die eigenständige Urteilskraft der Untertanen.

Eine totalitäre Hierarchie besteht aus einem absolut handlungsbefugten Subjekt (dem Machthaber) und beliebig steuerbaren Objekten (den Untertanen). Weltanschaulich fußt die Unterdrückung von deren Urteilskraft auf zwei Pfeilern der biblischen Theo­logie:

  1. Der Festlegung starrer Rangordnungen durch alle Ebenen der Wirklichkeit
  2. Der Darstellung des Menschen als reines Objekt
Schuldfähigkeit
Vom Baum der Erkenntnis zu essen, kann keine Sünde gewesen sein, weil man ohne die Kenntnis des Unterschieds von gut und böse nicht schuldfähig ist. Wenn tatsächlich ein Verbot bestand, nach dem Apfel zu greifen, hätten Adam und Eva erst im nachhinein erkennen können, dass die Überschreitung des Verbots böse ist. Zum Tatzeitpunkt waren sie damit schuld­unfähig. Also ist der biblische Mythos von der Ursünde bar jeden religiösen Sinns. Er dient der Blendung Gläubiger durch politische Macht.
2.1. Rangordnungen

Ein hervorstechendes Thema der biblischen Weltsicht ist die Festlegung eines unverrückbaren Rechts- und Wertgefüges. Dabei sind fünf Stufen festgeschrieben, zwischen denen es klare Trennlinien gibt:

  1. Die Gottesperson steht über allem.
  2. Der Mensch steht über dem Rest der Schöpfung, die er sich untertan machen soll.
  3. Das auserwählte VolkIm jüdischen Begriff vom auserwählten Volk kommt die ursprünglich ethnische Definition des Heilsvolks zum Ausdruck. Die beiden Seitenzweige der jüdischen Theologie, das Christentum und der Islam, haben die ethnische Definition durch eine rein ideologische ersetzt. Für sie steht keine ethnisch benennbare Rasse über allen übrigen, sondern die eigene Glaubensgemeinschaft stellt sich drohend über alle Andersdenkenden.

    Die Preisgabe der orthodoxen Beschränkung auf das ethnische Prinzip kann als Fortschritt gedeutet werden, oder sie ist dem politischen Vorsatz gezollt, weitere Völker dem abrahamitischen Kult zu unterwerfen.
    steht über den übrigen Völkern.
  4. Die Priester stehen über den Laien.
  5. Der Gehorsam des gläubigen Ego steht über dem Selbst des Einzelnen.

Die Bestätigung dieser Rangordnung durch das gläubige Ego erheben abrahamitische Konfessionen zum Kernmotiv erlaubter Religiosität. Dem Selbst des Einzelnen kommt darin nur soweit sekundärer Wert zu, wie er seinen vermeintlich primären Unwert durch vollständige Unterwerfungsbereitschaft anerkennt. Im Umkehrschluss bezeichnen abra­hamitische Kulte all das als Sünde... also als Tat, die die Erlösung aus dem Unwert unmöglich macht., was dem propagierten Befugnis- und Wertgefälle widerspricht. Dazu gehört in erster Linie: aus der Autorität der eigenen Subjektivität heraus die Richtigkeit dieser Weltanschauung zu überprüfen.

Das Leben des Einzelnen wird durch die biblische Weltordnung auf zwei Ebenen bestimmt:

  1. Der sozialen bzw. politischen Ebene
  2. Der psychologischen bzw. innerseelischen Ebene
2.1.1. Politisch-soziale Ebene

Auf der politisch-sozialen Ebene legt die abrahamitische Kosmologie eine feudale Gesellschaftsordnung fest. Den Machthabern kommt durch den vorgeblichen Auftrag vonseiten des absolut Richtigen unbegrenzte Handlungsbefugnis zu. Am anderen Pol stehen entmündigte Untertanen als steuerbare Objekte. Für die bereitwillige Übernahme der entwerteten Rolle wird dem Gläubigen eine Aufwertung jenseits der Apokalypse in Aussicht gestellt.

Kopfstand

In der ursprünglichen Ordnung steht das, was man ist, über dem, was man glaubt.

Im abrahamitischen Weltbild steht das, was man glaubt, über dem, was man ist.
2.1.2. Innerseelische Ebene

Auf der innerseelischen Ebene verursacht das biblische Welt- und Menschenbild eine krankhafte Verdrehung der ursprüng­lichen Ordnung. In den Augen der Bibel ist der Mensch etwas bloß Gemachtes, dem kein eigenständiger Wert zukommt. Er ist nichts als ein abgegrenztes Objekt und damit zurecht Sterblichkeit und Vernichtung überstellt.

Durch einen Willkürakt des Denkens - das Bekenntnis zu Glaubensdogmen - kann er aber angeblich Wert und Lebensrecht erlangen. Diese Weltsicht setzt das auf seinen Bestand bedachte Ego über sein tatsächliches Selbst, was die Tendenz zur egozentrischen Selbstdeutung, in die der Mensch stets zu verfallen droht, durch eine theologische Rechtfertigung verstärkt.

2.2. Subjekt und Objekt

In der uns bekannten Wirklichkeit scheint es zwei Pole zu geben.

  1. Das Erkennbare bzw. das Erkannte; also die Objekte der Erkenntnis
  2. Das Erkennende; also das Subjekt (oder die SubjekteDie Logik lässt allerdings vermuten, dass es mehrere Subjekte nicht geben kann.) der Erkenntnis

Der entrückte Gott

Die fehlerhafte Interpretation des Bezugs zwischen Subjekt und Objekt führt zum Konzept des entrückten Gottes, wie es Bibel und Koran vertreten. Der entrückte Gott wirkt von außen auf seine Objekte ein, ohne die Folgen dieser Einwirkungen als Ausdrucksträger der leidenden Objekte selbst zu erfahren. Das Bild vom gekreuzigten Gott hat den ursprünglichen Irrtum erahnt und die Spaltung zu überwinden versucht. Die Bibel fand aber nicht die Kraft, sich vom falschen Glauben zu lösen.


Konfessionelle Religion ist eine Abwehrstrategie des egozen­trischen Ich gegen das gefürch­tete Potenzial seiner selbst. Angst und konfessionelle Religion wollen Einheitlichkeit, um sich vor der Vielfalt der Wirklichkeit zu schützen.


Die Ursünde des Menschen liegt in der Verdinglichung seiner selbst. Er will aus sich eine Sache machen, weil er sich fürchtet, wirklich zu sein. Der Bruch mit dem Göttlichen besteht in der Preisgabe der Subjektivität zu Gunsten fest­gefügter Rollen.


Sünde ist mehr als falsches Tun. Sie ist ein Zustand des Bewusstseins, weil ihr nur so Verantwortung und Schuld zugeordnet werden kann.

Während die Eigenschaften der Objekte im Grundsatz erkennbar sind, kann man das Wesen des Subjekts in der RegelEine Ausnahme mag das mystische Erleuchtungserlebnis sein, das aber nicht systematisch wiederholbar ist. Durch tatsächliche Erkenntnis erworbene Einblicke in das Wesen des Subjekts sind nicht vermittelbar. nur durch Denkakte näherungsweise ermitteln.

Objekte sind geformt, begrenzt, bestimmt, verstehbar, einander gegen­überstehend, unterworfen, platziert, handlungsunfähig, nicht-erkennend, vorübergehend und dem Untergang geweiht.

All diese Eigenschaften können den subjektiven Pol der Wirklichkeit nicht beschreiben,Wer vorgibt, den Willen Gottes, also des Subjektprinzips der Wirklichkeit, durch Begriffe mitzuteilen, geht zwangsläufig in die Irre; weil Begriffe geformte Objekte sind, die das ungeformt Grenzenlose nicht erfassen können. Predigt - im Sinne eines Vorsagens dessen, was bedingungslos gedacht werden soll - ist gotteslästerlich. da er sonst ebenfalls ein ObjektDa das Objekt ihm sonst eine Grenze entgegensetzen würde. wäre. Wenn der subjektive Pol aber nicht wie ein Objekt begrenzt ist, muss er in jedem Objekt zu finden sein. In der Folge ist davon auszugehen, dass jedes Objekt nicht nur abgespaltenes Produkt, sondern Erscheinungsform des einen Subjekts... dem als dem Bestimmenden Formlosigkeit zukommt. ist, dessen Handlungsmacht sich im geformten Objekt zum Ausdruck bringt.

Genau dieser Umstand stellt die Rechtmäßigkeit jeder totalitären Gesell­schaftsstruktur grundsätzlich in Frage; denn die Befehlsstruktur einer solchen Ordnung muss durch eine Entwertung der Untertanen zu reinen Objekten ohne subjektive Eigenständigkeit rechtfertigt werden. Der biblische Sündenbegriff, der die Anwendung des menschlichen Potenzials, erkennendesWährend das Nicht-erkennen-dürfen ein Mythos ist, scheint der Glaube daran ein Nicht-erkennen-wollen oder Nicht-erkennen-können zu bewirken. Das erklärt, warum die Parteigänger der jüdischen Weltanschauung nicht erkennen, dass es zwischen den Verbrechen Hitlers an den Juden und den Verbrechen der Israeliten an den Kanaanitern qualitativ gesehen kaum Unterschiede gibt.

Die Qualität der Verbrechen, die Hitler beging, erklärt das Alte Testament für rechtens, wenn der Täter überzeugt ist, im göttlichen Auftrag zu handeln. Sowohl die Weltanschauung als auch die Politik der Israeliten war nationalsozialistisch. Eine jüdische Kritik an Hitlers Verbrechen erscheint daher nicht glaubhaft. Von jüdischer Seite her kann man ihm allenfalls vorwerfen, dass er sich darin geirrt hat, von der Vorsehung zum Judenmord bestimmt worden zu sein. Das Judentum empört sich nicht über Völkermord, sondern darüber, dass es selbst zum Opfer wurde.
und urteilsfähiges Subjekt zu sein, als Verstoß gegen die grundsätzliche Ordnung Gottes bezeichnet, ist falsch. Er steht im Zusammenhang mit der hebräischen Kriegs- und Vernichtungspolitik gegenüber seinen Nachbarvölkern.

3. Struktur der Wirklichkeit

Die Unterscheidung zweier Aspekte der Subjektivität ermöglicht weiteren Einblick in die Struktur der Wirklichkeit. Sie erklärt, warum das Subjekt das Schicksal des Objekts erfahren kann, ohne durch dessen Untergang geschmälert zu sein. Oder: warum der Schöpfer Geschöpf sein kann, ohne sich im Geschöpf zu erschöpfen.

3.1. Aspekte der Subjektivität

Subjektiv geht auf lateinisch sub-iacere = unterwerfen zurück. Das Unterworfene ist auch das Zugrunde-liegende bzw. das Grundlegende. Da das Selbst des Subjekts nicht begrenzt sein kann, ohne dadurch zum Objekt zu werden, erstreckt es sich in jedes Objekt hinein und durch jedes Objekt hindurch. Dergestalt ist das Objekt die unterworfene Erscheinungsform des Subjekts, das im Objekt Formen des Unter­worfenseins erfährt; also des Begrenzt- und Bedingtseins.

Als grundlegender Aspekt ist das Subjekt unbedingte Möglichkeit. Das Selbst des Subjekts drückt sich im Objekt zwar aus, wird davon aber nicht umfasst. Das wahrhaft mit sich selbst Identische bleibt unerschienen. Das Objekt erscheint als Form des Unterworfenseins, der grundlegende Aspekt des Subjektiven bleibt unerschie­nen, weil er sich als Erscheinung nicht umfasst.

Das relative Selbst wird als Objekt durch Erfahrung verändert. Es erfährt die Erfahrung und zeigt deren Folgen. Das absolute Selbst bezeugt die Er­fahrung, ohne deren Folgen unter­worfen zu sein. Das absolute Selbst macht die Erfahrung, das relative ist ihr ausgesetzt.
3.2. Leid, Vernichtung, Unantastbarkeit

Das Selbst aller Objekte ist das eine Subjekt. Daher erfährt das Subjekt zwar das Leid eines jeden Objekts, es erleidet dabei aber nicht dessen Untergang. Es bleibt nach der Vernichtung intakt. Der grundlegende Aspekt des Subjekts ist unantastbar. Es steht über Leben, Tod und Vernichtung, auch dann, wenn es jede Vernichtung, die Objekten zustößt, erfährt. Das Beschädigtsein geht mit dem Objekt zu Ende. Im Subjekt hat es niemals stattgefunden. Ihm war es nur Erscheinung.

Ich bin, der ich bin

Offensichtlich ist in den biblischen Text ein Wissen um das eigentliche Wesen Gottes eingeflossen; um schließlich unter einer Flutwelle missbräuchlicher politischer Deutungen begraben zu werden.

2 Moses 3, 13-14:*
Moses sprach zu Gott: "Wenn ich nun zu den Kindern Israels komme und zu ihnen spreche: 'Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt', und sie mich dann fragen werden: 'Wie heißt er?', was soll ich ihnen dann antworten?" Gott entgegnete dem Moses: "Ich bin, der ich bin!"

So heißt es in der Thora. Das Ich bin, der ich bin ist eine Übersetzung des hebrä­ischen Tetragramms JHWH [יהוה]. Hier wird Gott als das mit sich identische Subjekt dargestellt. Als Verwirklichung der höchsten Ebene ist das Selbstsein erkannt. Statt Religion aber als Ermutigung zu definieren, das Höchste genau dadurch zu loben, indem man seinem Wesen nacheifert und der Treue zu sich selbst den Vortritt vor anderem lässt, verleitet der politische Vorsatz von Völkermord und Ausbeutung den Einzelnen zum Gegenteil: sich in blindem Gehorsam zu verraten.

4. Mystischer Sündenbegriff

Mystische Religion formuliert keine Ausrottungsziele. Man muss daher kaum fürchten, dass ein Gegenentwurf zum biblischen Sündenbegriff je in gleicher Weise zu Mord und Totschlag benutzt werden wird, wie es täglich mit dem abrahamitischen Begriff geschieht.

Mystische Religion formuliert keine Strafandrohung gegenüber Men­schen, die ihr nicht huldigen. Man muss daher kaum fürchten, dass ein Gegenentwurf zum biblischen Sündenbegriff die gleiche Kaskade sozialer Spannungen und seelischer Krankheiten nach sich zieht, die dem abrahamitischen Sündenbegriff anzulasten ist.

Der Sündenbegriff selbst ist aber nützlich. Im Gegensatz zur bloßen Schuld weist er auf eine grundsätzliche Verzerrung des Weltbilds hin, die, weil sie grundsätzlich ist, größere Tragweite hat als ein bloß schuldhafter Regelverstoß.

Schuldhaft oder sündig

Ich gehe an einem Bettler vorbei...


Als sündig im Sinne einer mystischen Weltsicht kann die Herabsetzung von Menschen... und anderer Lebewesen auf den Status reiner ObjekteDiese Herabsetzung ist die Kehrseite der Behauptung des entrückten Gottes. Das Konzept des entrückten Gottes ist ein Werkzeug des Ego. Es will die göttliche Präsenz im Gegenüber nicht anerkennen, weil es das Gegenüber zur Bekämpfung seiner Angst zu missbrauchen versucht; oder sich gar freie Bahn verschaffen will, es als Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. betrachtet werden. Eine solche Herabsetzung übersieht oder verleugnet die wesenhafte Präsenz des göttlichen Subjekts in seinen Ausdrucks­formen.

Die Folgen dieser Sünde sind erheblich. Nicht dass es Hinweise darauf gäbe, dass die Sünder auf einer eigens dafür geschaffenen Wirklichkeitsebene vernichtet, bestraft und gefoltert würden; der Irrglaube, dass der göttliche Wert in der irdischen Form nicht wesenhaft gegenwärtig ist, bahnt jedoch soziale Umgangsformen und Muster des Eigenbezugs, die von Missbrauch, Konkurrenzdenken und Verachtung geprägt sind. Das Leid, das dieser Sünde entspringt, wird bereits im Diesseits erlitten.

Gegenüberstellung der Sündenbegriffe

mystisch konfessionell
sündig ist...
nicht dem zu vertrauen, was erkennbar ist. nicht zu glauben, was vorgegeben wird.
sich und andere als Objekte zu betrachten. die Rechte eigener Subjektivität nicht abzutreten.
sich und andere zu unterwerfen. die Unterwerfung seiner selbst und anderer zu verweigern.
das Bild über die Wirklichkeit zu stellen. das Gottesbild nicht anzubeten.
sich mit etwas Bedingtem gleichzusetzen. Bedingtsein zu verweigern.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.