Leben bestimmt sich selbst. Was dem Leben nicht dient, reicht sich selbst nicht zur Ehre.

Wer mit sich übereinstimmt, ist gegen Kränkung gefeit. Den, der ihn kränken will, erkennt er als krank.

Niemand verhält sich würdig, wenn er das, was er ist, nicht ebenso achtet, wie das, was aus ihm werden könnte.

Ist das Ehrgefühl im Bewusstsein eigen­ständiger Ehrbarkeit verankert, zeigt es den Grad der Übereinstimmung mit sich selbst. Fußt es auf der Ehrerbietung durch andere, hängt es von deren Bewertungen ab.

Wer seinen Wert erkennt, fordert keine Verehrung. Wert wird nicht von außen verliehen. Er ist in dem verankert, was wertvoll ist. Wer sein Selbstwertgefühl von der Ehre abhängig macht, die andere ihm erweisen, wird seinen Wert nicht finden.

Ehre


  1. Grundpfeiler des Wertgefühls
    1. 1.1. Ehre
    2. 1.2. Würde
    3. 1.3. Selbstwertgefühl
  2. Aspekte des Ehrgefühls
    1. 2.1. Ansehen und Furcht
    2. 2.2. Psychologischer Grundkonflikt
    3. 2.3. Abhängigkeit

1. Grundpfeiler des Wertgefühls

Das Ehrgefühl ist ein mächtiger Faktor, der über das Wohlbefinden mitbestimmt. Seelische Gesundheit ist ohne das Gefühl des eigenen Wertes nicht möglich. Wert kann von außen oder von innen anerkannt sein. Je weniger man seinen Wert von innen heraus anerkennt, desto empfindlicher reagiert man auf abwertende Botschaften von außen.

Das Wertgefühl entspringt einer komplexen Dynamik. Drei Ebenen verweben sich zu einem Geflecht von Bedingungen und Kräften, die gemeinsam darüber entscheiden, ob sich das Individuum als wertvoll erlebt oder nicht.

  1. Auf der sozialen Ebene geht es um Ehre und Ehrerbietung.
  2. Die existenzielle Grundlage bildet die Würde des Menschen an sich.
  3. Über das Selbstwertgefühl entscheiden individualpsychologische Prozesse.
1.1. Ehre
Eigenschaftswörter
  • Ehrlich ist, wer den Wert anderer durch sein Verhalten anerkennt und sein Sosein zeigt, ohne es zu bemänteln.
  • Ehrlos ist, wer keinen Wert darauf legt, von anderen als wertvoll anerkannt zu werden.
  • Ehrenwert ist, was seinen Werten treu bleibt.
  • Unehrenhaft ist, wodurch man Ehre verwirkt.

Ehre geht auf althochdeutsch era = Ehrfurcht, Verehrung, Scheu, Ansehen zurück. Ausgehend von der indogermanischen Wurzel ais = ehrfürchtig sein hat der Begriff Verwandte in verschiedenen Sprachen. Man findet altisländisch eir = Gnade, Milde, Hilfe und griechisch aidos (αιδως) = Scheu, Ehrfurcht.

Ehre ist ein soziales Phänomen. Fragen der Ehre ergeben sich aus der Qualität zwischenmenschlicher Interaktion. Dort, in den Beziehungen, wird Ehre erwiesen, verdient oder aberkannt. Ehrerbietung ist Anerkennung des einen durch andere. Für den, der mit niemandem in Beziehung steht, sind Fragen der Ehre bedeutungslos.Robinson Crusoe brauchte sich keine Gedanken darüber zu machen, ob seine Ziegen ihn für ehrenwert hielten oder nicht. Ihr Meckern hat ihn nicht gekränkt. Ehrenwert zu sein, heißt in Bezug zu anderen so zu sein, dass das Sosein deren Wertschätzung verdient... ungeachtet dessen, ob es tatsächlich wertgeschätzt wird oder nicht..

Je mehr Subjektivität der Einzelne zum Ausdruck bringt, desto mehr wird er der Würde des Menschseins gerecht.
1.2. Würde

Würde gehört zur Wortgruppe um wert. Wert geht auf werden zurück. Würde ist ein Wertsein, das dem Potenzial eines Werdenkönnens entspringt.

Gegenstände sind wie sie sind. Es liegt ihnen kein eigenes Werdenkönnen inne; und damit auch kein Vermögen, ihr Sosein selbst zu bestimmen. Deshalb mögen sie wertvoll sein, sie haben aber keine Würde, die als unantastbar anerkannt werden kann.

Subjektivität beruht auf einem Werdenkönnen, das über sein Werden durch Beachtung des eigenen Soseins entscheidet.

Werdenkönnen im eigentlichen Sinn kommt ausschließlichMan sagt zwar: Aus der Wolle kann ein Pullover werden, der Pullover wird aber keineswegs, weil die Wolle irgendetwas kann. Aus der Wolle wird ein Pullover, weil der Weber sie dazu verwebt. Wolle ist vollständig Kräften ausgeliefert. Fällt sie dem Weber in die Hände, entsteht ein Pullover, fällt sie ins Feuer, wird sie zu Rauch. dem Subjektiven zu. Der unantastbare Wert des Würdigseins fußt daher nicht auf der Objektivität des Gegenständlichen.... z.B. im faktischen Sosein einer Person. Die Würde des Thronanwärters liegt nicht darin, dass er ohne sein Zutun König wird, sondern dass er aus eigenem Antrieb Bettler werden könnte; wie es der Legende nach Buddha entschied. Er ist in der Subjektivität verankert, die sich im Gegenständlichen mehr oder weniger erkennbar zum Ausdruck bringt.

Bringt das Subjekt sich so zum Ausdruck, dass es mit seinem Wesen übereinstimmt, wird es seiner Würde gerecht.

1.3. Selbstwertgefühl
Das Ehrgefühl ist eine wesentliche Komponente des Selbstwertgefühls. Das Ehrgefühl ist gesund, wenn man davon überzeugt ist, ehrenwert zu sein. Es ist krank, wenn man sich für unwert hält.

Das Selbstwertgefühl ist eine Reaktion auf das Selbstbild. Selbstwertgefühl und Ehrgefühl gehen fließend ineinander über. Wenn ich das, wofür ich mich halte, als wertvoll erachte, habe ich ein gutes Selbstwertgefühl.

Wenn ich mich als wertvoll erachte, gehe ich zugleich davon aus, dass mein Wert von anderen erkannt werden kann. Erweisen sie mir von sich aus die Ehre, es zu tun, begrüße ich das. Tun sie es nicht, ist es nicht tragisch; weil ich weiß, dass mein Wert durch mangelnde Anerkennung von außen nicht gemindert wird.

Im Bewusstsein treffen Fragen von Ehre und Würde zusammen. Persönliche Urteile über die Bedeutung beider Faktoren für das eigene Wertsein entscheiden über das resultierende Selbstwertgefühl. Das erlebte Selbstwertgefühl ist Ergebnis individual­psychologischer Prozesse und eigener Bewertungen.

Ehrbegriffe

Was als ehrenwert gilt, hängt von Wertvorstellungen ab. Man kann als ehrenwert ansehen...

Ich bin ehrenwert, auch wenn es niemand bestätigt.

Sieht man den höheren Wert im Einklang mit sich selbst, verankert man sein Ehrgefühl in der Würde des Menschen an sich; also in seinem eigenständigen Werden- und damit im So-oder-anders-sein-können. Man sagt: Die Treue des Subjekts zu dem, was es aus eigenem Urteil für richtig hält, ist der höhere Wert. Es entsteht ein eigenständiges Ehrgefühl.

Ohne Bestätigung ist meine Ehre dahin.

Legt man den Schwerpunkt auf gemeinsame Wertvorstellungen, richtet sich das Ehrgefühl an den Urteilen des Umfelds aus. Man sagt: Ich bin ehrenwert, weil ich gemeinsamen Wertvorstellungen folge. Das Ehrgefühl wird an die Ehrerbietung durch andere gebunden.

2. Aspekte des Ehrgefühls

Kränkungen des Ehrgefühls können schwerwiegende psychologische, soziale und politische Folgen haben. Da über das Selbstwertgefühl auf der psychologischen Ebene entschieden wird, gilt es, die kognitiven und emotionalen Prozesse, die zu krankhaften Erlebnisweisen führen, besser zu verstehen.

2.1. Ansehen und Furcht

Das Ehrgefühl befasst sich mit der Wertschätzung durch andere. Wir fühlen unsere Ehre missachtet, sobald wir unseren Wert von außen infrage gestellt sehen. Die Bedeutungsfacetten des Begriffs belegen, dass das Interesse an der Ehre mit der Angst vor Aggression vonseiten anderer zusammenhängt. Ehre schützt vor anderen. Sie bringt andere dazu, respektvoll, nachsichtig und hilfsbereit zu sein.

Aspekte des Begriffs Ehre

Facetten der Ehre... und ...ihre nützlichen Folgen
Ehrfurcht Wer mich fürchtet, wird sich hüten, mir etwas anzutun.
Scheu Wenn ich als ehrenvoll gelte, scheut man davor zurück, mich zu bedrängen.
Ansehen Wer mich sieht, wird mich beachten... statt mich achtlos zu übergehen.
Milde Wenn ich als ehrenwert gelte, wird das Urteil anderer bei Verfehlungen milde sein.
Hilfe Wer als ehrenwert gilt, kann auf die Unterstützung durch andere rechnen.

Tatsächlich wird das Ehrgefühl jedoch nicht von der Meinung anderer bestimmt, sondern von der Bedeutung, die man dem Ausmaß der Ehrerbietung durch andere zumisst. Das Ehrgefühl spiegelt eine zwischenmenschliche Dynamik wider. Grundlegend für das Erleben des eigenen Werts ist aber das Selbstwertgefühl. Das Selbstwertgefühl beurteilt nicht nur den Grad der Bestätigung durch andere. Es beurteilt auch die Übereinstimmung mit sich selbst. Es beurteilt, ob wir man seiner selbst und der Würde, die diesem Selbst von jeher beiliegt, gerecht wird.

2.2. Psychologischer Grundkonflikt

Ehre ist das Gegenteil von Schande. Um die Dynamik von Ehre und Selbstwertgefühl zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Ursachen der Schande.

Wir schämen uns dafür...

Ebenso wie das Schuldgefühl verweisen die Auslöser des Schamgefühls auf den psychologischen Grundkonflikt. Während das Schuldgefühl anzeigt, dass wir gegen die Zugehörigkeit verstoßen haben, meldet das Schamgefühl, dass wir unser Bedürfnis, über uns selbst zu bestimmen, nicht erfüllen oder nicht erfüllen können.

Politische Fehlentwicklungen

Ausgerechnet die Generation, die in den 70-er Jahren um Selbstbestimmung stritt, baut - an die Macht gekommen - das Recht dazu in tausend kleinen Schritten wieder ab.

Früher wurde das Individuum durch eine übergriffige Moral entehrt, die sich ungefragt für jeden verbindlich machte. Heute wird die Würde des Individuums durch eine unersättliche Gesellschaft missachtet, die es als optimierbare Funktion in ihre Wachstumsdynamik verwebt.

Ein Recht ist die Freiheit, über sich selbst zu bestimmen. Ein Anspruch ist die Befugnis, das Recht und die Freiheit eines anderen einzuschränken.

Einst war die repräsentative Demokratie angetreten, Rechte zu verteidigen. Heute ist sie ein Werkzeug, um Ansprüche durchzusetzen und das Verhalten des Einzelnen bis in Details zu bestimmen. Die Freiheit des EinzelnenIn Ihrem Schlafzimmer hat ein Rauchmelder an der Decke zu hängen; und wen interessiert es, ob Ihnen das gefällt oder nicht? Rauchmelder retten Leben, sagt die Vernunft. Schwimmwesten aber auch. Wieso ist dann baden ohne Weste erlaubt? Das Recht des Einzelnen, sich eigenverantwortlich auch für Fragwürdiges zu entscheiden, wird dem Anspruch der vielen geopfert, ihn zu bevormunden. im Alltag bleibt dabei auf der Strecke.

Ursache ist ihr Unvermögen, zwischen Recht und Anspruch klar zu unterscheiden, und ihre Bereitschaft, Selbstbestimmungsrechte gegen Versorgungsansprüche einzutauschen. Damit der Staat alle Ansprüche... die er aus wahltaktischen Gründen oft erst weckt... erfüllen kann, reglementiert er zwecks Hebung von Effektivitätsreserven das Leben der Bürger... vor allem der Leistungserbringer immer mehr. Das hat psychologische Folgen.

Die Reglementierung stößt das Selbstbestimmungsbedürfnis des Einzelnen vor den Kopf. Der Einzelne wird nicht nur von einer gesellschaftlichen Maximierungsdynamik erfasst, die ihn energetisch ausbrennt, die Einschränkung seiner Selbstbestimmungsrechte erzeugt darüber hinaus - meist unbewusste - Schamgefühle, die sein Selbstwertgefühl untergraben und oft nur durch wachsende Aggression und die Abwertung anderer abgewehrt werden können. Ein Staat, der Ansprüche höher bewertet als Freiheiten und Rechte, züchtet Wutbürger heran.Verdeutlicht wird diese Dynamik aktuell durch den Konflikt um das Asylrecht. Ansprüche, die jeder Zuwanderer anmelden kann, werden ungefragt Dritten aufgebürdet.

2.3. Abhängigkeit

An dem, was sie als ehrverletzend erlebt, erkennt man den Reifegrad der Person. Je reifer man ist, desto eher sieht man seine Ehre darin, selbstbestimmt zu sein. Je unreifer man ist, desto mehr hängt das Ehrgefühl von der Bestätigung durch andere ab.

Reifegrade

Der Reifegrad einer Persönlichkeit hängt von ihrer Fähigkeit ab...

Unreife Persönlichkeiten...

Je mehr man davon ausgeht, dass man mit sich selbst übereinstimmt, desto unempfindlicher wird man gegenüber Abwertungen von außen. Ein gesunder Erwachsener ist in der Lage, sein Wertgefühl durch eigenes Urteil zu schützen.

Der Gesunde...

Der Gesunde sieht seine Ehre darin, selbstbestimmt zu sein. Der Kranke ahnt wie fremdbestimmt er ist. Er fühlt seine Ehre verletzt, wenn andere über sich bestimmen. Er glaubt, er könne seine verletzte Ehre heilen, indem er anderen die Fremd­bestimmung aufzwingt, die er selbst nicht abzuschütteln wagt.


Grundregel

Je mehr eine Weltanschauung Individualität missachtet, desto mehr hält sie das, was ihr nicht zustimmt, für ehrlos.

Tatsächlich ist nicht mangelnde Zustimmung ehrlos. Die mangelnde Eigenständigkeit dessen, der die Bestätigung seiner Ehre einfordert, zeigt vielmehr an, was er der eigenen Würde schuldig bleibt.

Je weniger ein Erwachsener den Anspruch seiner Psyche auf Selbst­bestimmung verwirklicht, desto weniger kann er sich aus eigener Kraft wertschätzen. Er bleibt auf die Wertschätzung anderer angewiesen. Er reagiert empfindlich, wenn sein Wert von außen angezweifelt wird.

Der Unreife...

Der Ehrenmord

Der sogenannte Ehrenmord beleuchtet die seelische Dynamik der krankhaften Ehrverletzung. Ehrenmorde werden in der Regel von Personen verübt, die einem Glaubenssystem unterworfen sind, das die Würde des Menschen missachtet.

Je mehr sich der Gläubige dem Glauben beugt, desto unerträglicher erscheint es ihm, wenn andere selbständig Entscheidungen treffen. Weil sich der gläubige Mörder Selbstbestimmung schuldig bleibt, glaubt er, seine Ehre zu retten, indem er die Fähigkeit zur Selbstbestimmung im Anderen umbringt. Wenn auch der Andere nicht über sich bestimmen kann, wird die eigene Unterwerfung erträglich.

Die Schuld an der Ehrverletzung wird dabei ebenso wie die Schuld am Mord auf das Opfer projiziert. Tatsächlich hat aber nicht das Opfer den Täter entehrt, sondern der Täter entehrt sich durch seine Bereitschaft zum blinden Gehorsam.