Das Wesen des körperlichen Traumas ist offensichtlich. Es entsteht durch die Einwirkung physikalischer, chemischer oder biologischer Kräfte auf den Körper, sodass der ursprüngliche Zusammenhang leiblicher Strukturen am Ort des Traumas zerstört wird. Welche Kraft wirkt aber beim seelischen Trauma? Und worauf?

Ein seelisches Trauma ist ein Erlebnis, das zum bisherigen Selbst- und Weltbild im Widerspruch steht. Durch seinen Widerspruch verwundet es dessen Struktur.

Bei der Traumatisierung werden Strukturen infrage gestellt. Bei der Heilung werden neue entworfen.

Die Psyche geht a priori davon aus, dass das, was sie entdeckt, Sinn macht und gut ist.... oder gut sein sollte... Das Bild einer unsinnigen Wirklichkeit ist mit dem Wesen der Seele unvereinbar.

Auf der Ebene des Ego ist man verletzbar. Auf der Ebene des Selbst ist man es nicht.

Trauma


  1. Begriffsbestimmung
  2. Entstehung
  3. Posttraumatische Störungen
  4. Heilungen

1. Begriffsbestimmung

Der medizinische Fachbegriff Trauma entstammt dem griechischen trauma (τραυμα) = Wunde. Er wird zunächst zur Benennung struktu­reller Schäden körperlicher Organe durch äußere Einwirkungen verwendet. Man sagt...

Analog dazu wird auch von seelischen Traumata gesprochen. Man sagt...

Damit meint man keine Körperschäden, die durch etwaige Gewalt­anwendungen entstanden sind, sondern Störungen psychischer Funktionen, die auf die seelische Komponente der traumatisierenden Erlebnisse zurückzuführen sind.

2. Entstehung

Körperliche Traumata entstehen durch äußere Wirkkräfte, die stark genug sind, den biologische Zusammenhang davon getroffener Strukturen nicht nur aus der Bahn zu lenken. sondern zu zerstören. Wird man beim Tennis vom Ball getroffen, wird man den Aufprall spüren, aber erst ab einer gewissen Wucht werden die Blutgefäße am Ort des Aufpralls platzen. Dann entsteht ein, wenn auch kleines, Trauma.

Erfahrungen, Konzepte und Vermutungen
Der Körper ist ein biologisches Konzept.Abgeleitet von lateinisch con-cipere = zusammenfassen. Zur Erstellung des Körpers fasst das Leben Vermutungen zusammen, deren Berechtigung es in Jahrmillionen durch Erfahrung ausgetestet hat. Daher geht das Leben davon aus....

Con-cipere heißt zusammenfassen. Manche Vermutungen fasst das Leben zum Konzept menschlicher Körper zusammen, andere zum Konzept der iberischen Nacktschnecke. Solange sich die Nacktschnecke ungebremst über den Planeten ausbreitet,Wussten Sie, dass die Nacktschnecke, nachdem sie die mitteleuropäischen Gemüsegärten und Erdbeerbeete leergefressen hat, nun in die Arktis vordringt, dort das Gletschereis vertilgt und damit die Klimakatastrophe auslöst? Das einzige, was man diesen Bestien zugute halten kann, ist, dass sie den Menschen vom Vorwurf entlasten, schuld am Klimawandel zu sein. Man könnte ihm höchstens vorwerfen, dass er der iberischen Nacktschnecke auf ihrer Wanderroute von Cordoba nach Hammerfest nicht Einhalt gebot. Das ist aber kein Zeichen einer strafbaren Verwerflichkeit, sondern eines der vielen Zeichen seiner Herzensgüte. sagt das Leben: Das Konzept ist gut.

2.1. Trauma, Selbst- und Weltbild

In Anlehnung an das Konzept des körperlichen Traumas ist das seelische zu verstehen. Auch beim seelischen Trauma geht der Zusammenhang von Zusammengefasstem verloren. Dabei handelt es sich aber nicht um Wahrheitsvermutungen, die das Leben zu biologischen Strukturen vereint, sondern um mentale Konzepte und Vermutungen über die Wirklichkeit.

Gestaltprinzipien
Die Welt ist kein Schüttelhaufen. Sie ist ein Gefüge funktionaler Formen, deren innere Strukturen folgerichtig aufeinander abgestimmt sind. Deshalb gibt es einen fließenden Übergang zwischen einer Tastatur und einem Vanillepudding bestenfalls als surreale Phantasie. Um sich zu orientieren, versucht die Psyche, die Struktur der Wirklichkeit zu erkennen. Dabei fahndet sie nach logisch zusammenhängenden Gestalten, die sie entdecken, verstehen und in eine übergeordnete Gesamtgestalt einordnen kann. Diese übergeordnete Gesamtgestalt ist das Weltbild... zu dem das Selbstbild gehört, das seinerseits nicht nur als untergeordnetes Modul des Weltbilds vorliegt, sondern mit ihm verzahnt ist.. Die Psyche geht davon aus, dass das Bild, das sie von der Welt hat, einen sinnvollen Zusammenhang repräsentiert.

Die Struktur, die das seelische Trauma trifft, ist das Selbst- und Weltbild des Traumatisierten.

Solange Beatas Erwartung erfüllt wird, steht die Wirklichkeit in keinem Widerspruch zu ihrem Weltbild. Sie wird kein Trauma erleben.

2.2. Widersprüche und kleine Traumata

Im günstigsten Fall geht die ursprüngliche Vermutung eines Neugeborenen ohne Abstriche in Erfüllung: wenn es auf ausgereifte Elternpersönlichkeiten trifft, deren eigene Lebensbedingungen es ihnen erlauben, sich in selbstloser Liebe den Bedürfnissen des Kindes zuzuwenden. Das Kind wächst heran. Sein Weltbild erweitert sich zu einer zunehmend komplexeren Gestalt, deren Bestandteile sich wechselseitig sinnbestätigend ergänzen.

Selbst im günstigsten Fall werden aber Widersprüche auftauchen. Irgendwann macht die Begeisterung der glücklichen Eltern alltäglicher Routine Platz. Irgendwann kommt der Vater genervt von der Arbeit nach Hause. Irgendwann reagiert die Mutter auf die Ansprüche des Kindes ermüdet. Dann droht ein kleines Trauma.

Kleine Traumata stimulieren Selbstheilungskräfte. Sie stiften die Person dazu an, über sich selbst zu bestimmen.

Das Weltbild des Kindes, in dem es bislang sorglos ruhte, wird durch Widersprüche infrage gestellt. Kann man doch nicht ganz darauf vertrauen, dass die Eltern für einen sorgen werden? Auf das Erlebnis des Widerspruches reagiert das Kind emotional. Es empfindet Angst, Wut oder sonst ein Unbehagen. Jedenfalls erlebt es etwas Unangenehmes, das erst beigelegt sein wird, wenn sein bisheriges Weltbild durch ein neuesOkay, Eltern ist also nicht zu 100% zu vertrauen. Es kann vorkommen, dass sie meine Wünsche übersehen. Dann bin ich vorübergehend auf mich allein gestellt. Aber das ist sogar in Ordnung. Denn erstes wenden sich meine Eltern mir nach solchen Ereignissen bald wieder zu und zweitens kann ich dadurch lernen, selbständig zu sein. Nur wer nicht ständig gesehen wird, ist tatsächlich frei. So wächst mir das Recht zu, Geheimnisse zu haben; und zu machen, was ich will. ersetzt ist.

Große Traumata können scheinbar unüberwindliche Gefühle erzeugen, sodass vom Wunsch nach Selbstbestimmung nur Misstrauen übrigbleibt.
2.3. Große Traumata

Kleine Traumatisierungen des Weltbilds sind leicht zu heilen. Der entstandene Widerspruch, der das heimatliche Weltbild befremdlich werden ließ und somit Angst erzeugte, wird in eine höhere Harmonie eingefasst, die Widersprüche als sich einander ergänzende Pole erkennbar macht. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, sind unangenehme Gefühle der Angst und der Ungewissheit, die man durchleben muss. Durchlebt man sie bis zu ihrem Ende, wird ein höherer Grad an Freiheit erreicht, die durch neue Gewissheit abgesichert ist.

Kann ein Welt- und Selbstbild, das durch die Widersprüche des Erlebten überholt ist, nicht zu einem komplex­eren Weltbild weiterentwickelt werden, verwendet die Psyche Abwehrmuster, um am alten festzuhalten. Die Anwen­dung der Abwehrmuster absorbiert einen großen Teil der Lebensenergie. Das führt zu psychischen Erkrankungen.

Traumata können aber auch groß sein, so groß, dass der Traumatisierte vor dem heilsamen Durchleben quälender Gefühle zurückschreckt, oder zu einer Integration der Widersprüche vor dem Hintergrund seines psychischen Reifegrades gar nicht fähig ist. Statt die Erschütterung zu durchleben und jenseits davon ein Weltbild zu erreichen, das in sich wieder stimmig ist, wird das Erleben abgewehrt, um an der toten Heimat des überholten Wirklich­keitskonzeptes festzuhalten.

Ereignen sich Traumata, deren Widersprüche nicht in ein neues Sinngefüge überführt werden, kommt es zu Verwerfungen oder Stillstand der psychischen Entwicklung.

Integration und Widerstand

Kleine Traumata... Große Traumata...
führen zu vorübergehenden Infragestellungen des Weltbilds. können zu nachhaltigen Zerrüttungen des Weltbilds führen.
rufen unangenehme Gefühle hervor, die im Schutze des vorhandenen Selbstvertrauens zu bewältigen sind. rufen quälende Gefühle hervor, die das vorhandene Selbstvertrauen überfordern und deren Durchleben deshalb abgewehrt wird.
führen zu wachsender Differenzierung von Weltbild und Persönlichkeit, oder ihre Folgen summieren sich auf; wenn der Betroffene selbst kleinere Infragestellungen zu ignorieren versucht. können durch ausgeprägten Gebrauch archaischer Abwehrmechanismen zu schweren Neurosen und Persönlichkeitsstörungen führen.

Eigentlich sind alle neurotischen Störungen posttraumatisch.

2.4. Sinn und Sicherheit

Zwei Gründe sind dafür zu nennen, warum die Psyche auf ein abgestimmtes Weltbild ohne nennenswerte Widersprüche Wert legt.

Beide Motive führen dazu, dass die Psyche ein Weltbild bevorzugt, das in sich logisch geschlossen wirkt.

Unterschiede

Von den posttraumatischen Störungen im Allgemeinen ist die Posttraumatische Belastungsstörung im Besonderen zu unterscheiden. Der Begriff Posttraumatische Belastungsstörung ist für spezielle Folgen massiver Traumata reserviert, bei denen es definitionsgemäß zu einer Gefährdung von Leib und Leben gekommen ist. Deren Kernsymptom ist die intrusiveVon lateinisch: trudere = stoßen, drängen. Erinnerung. Dabei drängen die Bilder des erlebten Traumas ins Bewusstsein, ohne dass der Kranke sich dagegen wehren kann; und ohne dass er die Gelassenheit findet, sie ohne Abwehr zu betrachten.

3. Posttraumatische Störungen

Dass Infragestellungen des Weltbilds widerstandslos korrigiert werden, ist keinesfalls die Regel. Jede Infragestellung ist unbehaglich. Da Unbehagen unangenehm ist, neigt der Mensch dazu, Infragestellungen seines Weltbilds abzuwehren. Fast jeder versucht, ein vollständiges Durchleben schmerzlicher Erfah­rungen zu umgehen oder abzuschwächen. Nur Menschen, die sich der grundsätzlichen Probleme bewusst sind, die der Abwehr unangenehmer Erfahrungen entspringen, lassen sie ohne den ständigen Versuch, Rosinen zu picken, ungeschmälert zu. Bei den Übrigen ergibt sich im Laufe der Zeit ein Renovierungsstau, der das seelische Befinden empfindlich stören kann.

Während schon der normale Realitätsbezug durch undurchlebte Erfahrungen belastet ist, führen nicht zu Ende erlebte Erfah­rungen bei den Erkrankungen des neurotischen Spektrums zu problematischen Zuspitzungen. Das gilt sowohl für solche Erfahrungen, die grundsätzlich vermieden werden, als auch für solche, deren Durchleben noch nicht abgeschlossen ist.

Erkrankungen durch unabgeschlossene und abgelehnte Erfahrungen

Erfahrung...
...nicht abgeschlossen ...vermieden
Akute Belastungsreaktion +++
Anpassungsstörung ++ +
Posttraumatische Belastungsstörung ++ ++
Persönlichkeitsstörung +++
Suchterkrankung +++

Alte und neue Weltbilder

Alt
Es sollte anders sein.
Es darf nicht sein.
Es hätte nie geschehen dürfen.

Neu
Es ist.


Wer schmerzliche Erfahrung als bloße Störfälle betrachtet, und nicht als bittere Medizin, hat nur wenig Chancen, gesund zu werden.

Zur Heilung traumatischer Störungen gehört, es der Welt nicht mehr vorzuwerfen, dass sie das Trauma geschehen ließ.

Die Tabelle zeigt, dass sich beide Ursachen posttraumatischer Störungen je nach Krankheitsbild mehr oder weniger überlagern können.

4. Heilungen

Das Grundprinzip posttraumatischer Störungen liegt im Erfahrungsstau. Schmerzliche Erfahrungen werden abgewehrt. Dazu ist ein Aufwand nötig, der die spontane Heilung behindert.

So einfach wie das Grundprinzip ihrer Entstehung, ist theoretisch auch das Grundprinzip der Heilung. Es gilt, Erfahrungen zu Ende zu bringen. Es gilt, die schmerzlichen Gefühle bewusst zu durchleben. Durch das Annehmen des Erlebnisses wird das Weltbild ergänzt, sodass es zu einer neuen Übereinstimmung von Weltbild und erlebter Wirklichkeit kommt.

In der Praxis ist Heilung oft schwer; denn die abgewehrten Erfahrungen erscheinen dem Kranken als so unannehmbar, dass er lieber leidend am alten Weltbild festhält, als sich einem neuen anzuvertrauen.

Dabei spielt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung eine große Rolle. Das Trauma wird als Einfluss von außen erlebt. Lässt man die Wirkung des Traumas zu, wird man quasi fremdbestimmt. Diese Befürchtung ist umso stärker, je mehr man die eigene Identität im bislang bestehenden Selbstbild verankert sieht. Wem es gelingt, sich von der Vorstellung zu lösen, seine Identität liege in diesem oder jenem besonderen Sosein, kann Bilder aufgeben, um jenseits davon tatsächlich er selbst zu sein. Selbstbestimmt ist, wer sich auch in dem erkennt, was seine Person infrage stellt.