Es geht nicht darum, Kinder zu erziehen, sondern sich selbst. Es geht darum, sich selbst dazu zu erziehen, sich sein zu lassen, wie man ist.

Ohne Regeln kann nur leben, wer er selbst geworden ist. Wer er selbst ist, ist dorthin gesetzt, wo er selbst Gesetz geworden ist.

Neurose ist der Versuch eines Erwachsenen, das Leben mit kindlichen Mitteln zu meistern.

Den Anderen sein zu lassen, wie er ist, heißt bei sich selbst zu sein.

Leben ist der Impuls, Ausgesetztsein durch Selbstbestimmung zu ersetzen.

Wer den Wert eines anderen leugnet, leugnet den eigenen.

Viele sind so mit der Welt beschäftigt, dass sie nichts von sich wissen.

Grundregeln für das seelische Gleichgewicht


  1. Allgemeine Regeln
  2. Besondere Regeln

Regeln zur Förderung der seelischen Gesundheit können in zwei Gruppen eingeteilt werden:

  1. allgemeine, übergeordnete Regeln
  2. besondere, nachgeordnete Regeln

Allgemeine Regeln könnte man als strategisch bezeichnen, besondere als taktisch. Man tut es aber besser nicht. Strategie und Taktik sind militä­rische Begriffe. Sie befassen sich mit Krieg. Krieg, sei es der gegen sich selbst oder der gegen andere, steht seelischer Gesundheit grundsätzlich im Weg.

Kämpfen Sie nicht um die Macht. Kämpfen Sie für die Freiheit.
Krieg und Frieden

Die Entscheidung zwischen Krieg und Frieden ist die Entscheidung zwischen krank und gesund. Während Krieg seelischer Gesundheit stets schadet, kann Kampf für ihre Aufrecht­erhaltung notwendig sein. Kampf gehört zwar zum Krieg, Krieg aber nicht zwingend zum Kampf. Kampf tritt für Freiheit ein, Krieg für Knechtschaft. Kampf kann Ausdruck von Liebe sein. Krieg ist Ausdruck der Angst und des Hasses. Obwohl sie in der Praxis oft schwer zu unterscheiden sind, sind Kampf und Krieg verschiedene Dinge, deren Unterscheidung man oft nur ungenügend betreibt.

Der Begriff Kampf geht auf lateinisch campus = Feld zurück. Kampfbereit ist, wer das Feld der Gegensätze betritt und sich dort den Dingen so stellt, wie sie sind. Der Kämpfer tritt Widrigkeiten entgegen; um zu schützen, was ihm lieb ist. Wert­schätzung ist die Grundlage dieses Kampfes. Sein Ziel ist es, Werte zu bewahren.

Primäres Ziel des Krieges ist nicht die Bewahrung eigener Werte, sondern die Unterwerfung und Entwertung des Gegners. Krieg strebt nicht die eigene Freiheit an, sondern Macht über andere. Krieg wird erklärt oder beiläufig geführt. Der erklärte Krieg ist eher selten, der beiläufige fast alltäglich. Das alltägliche Bemühen, wechselseitig Macht über einander zu bekommen, ist der latente Bürgerkrieg der neurotischen Gesellschaft.

1. Allgemeine Regeln

Allgemeine Regeln befassen sich mit der Haltung des Einzelnen zur Wirklichkeit.

1.1. Verwechseln Sie sich nicht mit Ihrer Person
Der Mensch verwechselt sich mit seiner Person. Er unterscheidet zwischen dieser Person und der Welt. Er sagt nicht: Ich bin Ausdruck der Welt. Er sagt: Ich bin auf der Welt. Daher ist er latent paranoid. Wenn etwas Uner­wünschtes passiert, meint er, das Leben wolle ihm etwas Böses; oder es laufe etwas schief.

Wer davon ausgeht, dass er Ausdruck der Welt und nicht nur deren Insasse ist erkennt, dass das Wohl der Welt sein eigenes ist und sein eigenes das Wohl der Welt. Erst dann begegnet er der Welt mit jener Gelassenheit, die das Unangenehme nicht daran hindert, ihm nützlich zu sein.

Nur im Jetzt liegt Wirklichkeit. Alles andere ist Illusion. Meist glaubt man, man habe dieses oder jenes Geräusch schon einmal gehört. Das ist falsch. Kein Ge­räusch hat man jemals zuvor bereits gehört. Es waren bestenfalls ähnliche. Und selbst wenn es die gleichen waren, ist das eigene Gehör nicht mehr das gleiche; weil man sich in der Zwischenzeit verändert hat.

Glauben Sie nie, Sie hätten zwischen Vorstellung und Wirklichkeit genügend unterschieden. Im Kopf entstehen immer neue Bilder, die es von der Wirklichkeit zu unterscheiden gilt. Wer Vorstellungen nicht als solche erkennt, dem verstellen sie den Blick auf die Wirklichkeit.

Die Welt mag Sie Bernd Maier, Alicija Schulte oder Thorsten Kahlenbeek nennen, Sie sind das aber nicht. Namen bezeichnen Personen. Ihre Person ist eine Rolle, die Ihr Selbst in der Raumzeit spielt. Die Raumzeit ist ein Feld dualer Gegensätze, die von jenseits betrachtet vorüber­gehend wirksam sind. Sie selbst sind aber nicht, was vorübergeht. Sie selbst sind das, was das Vorübergehende erlebt. Sie selbst sind zeit- und namenlos.

1.2. Beachten Sie das Jetzt

Der Mensch kann denken. Mit Hilfe des Denkens plant er für später. Er kann die Weichen so stellen, dass er in der Zukunft Vorteile hat und Nachteile verhindert. Das ist nützlich; und gefährlich zugleich.

Das Denken ist nützlich, wenn man es in Maßen tut. Es ist schädlich, wenn man übertreibt. Wer zu viel darüber nachdenkt, wie er zukünftige Nachteile verhindert und sich Vorteile verschafft, verpasst die Gegenwart. Wer die Gegenwart verpasst, wird niemals satt.

Oft beachtet man zwar die Wirklichkeit, jedoch durch eine Brille, die nur zwei Farben passieren lässt. Man schaut bloß nach dem, was man für nützlich oder schädlich hält. Da man das Nützliche und das Schädliche im Voraus nur schwer unterscheiden kann, filtert man mit dieser Brille Leben weg.

Also
Machen Sie sich klar, was Sie hier und jetzt erfahren. Bündeln Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die Gegenwart. Schenken Sie auch dem Beachtung, was Ihnen weder nützlich erscheint noch Ihnen schaden könnte. Beachten Sie den Grashalm am Wegesrand.

1.3. Unterscheiden Sie zwischen Vorstellung und Wirklichkeit

Das Denken führt den Menschen in eine Welt der Vorstellungen, Begriffe und Bilder. Das ist eine virtuelle Welt. Sie ist erfunden. Der Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Welt der Vorstellungen ist der gleiche wie der zwischen einem Rezept und einer Mahlzeit.

Denken ist Vermutung. Fast jede Vermutung ist eine Annahme, deren Wahrscheinlichkeit, wahr zu sein, geringer ist als 1.

Der Gedanke, dass die Wahrscheinlichkeit von Vermutungen, wahr zu sein, meist geringer als 1 ist, ist selbst eine Vermutung; und somit ungewiss. Zu vermuten ist jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Vermutung zutrifft, sieht man von mathematischen Regeln und richtig erkannten Naturgesetzen ab, gegen 1 tendiert.

Je mehr Vermutungen miteinander verkettet werden und in der Verkettung aufeinander aufbauen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Endresultat stimmt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Vermutung x zutrifft, mag 0.9 sein. Fußt die Vermutung y, die ihrerseits zu 90% wahr sein könnte, auf der Vermutung x, sinkt die Gesamtwahrscheinlichkeit auf 0.9 x 0.9 = 0.81.

Bekanntermaßen kommt es daher meist anders, als man denkt. Obwohl es meist anders kommt, als man denkt, hängt die Aufmerksamkeit oft im Kreislauf der Gedanken fest. Das geht so weit, dass viele kaum eine Vorstellung davon haben, wie man Vorstellung und Wirklichkeit unterscheiden könnte. Oft lebt man so, als sei das, was man denkt, keine Vorstellung, sondern die Wirklichkeit selbst.

Üben Sie, zu unterscheiden
Was denken Sie bloß? Was können Sie tatsächlich wahrnehmen? Stoppen Sie das Denken, wenn es sich im Kreise dreht. Achten Sie stattdessen auf das, was tatsächlich wahrzunehmen ist. Es ist besser Belangloses zu beachten als Sinnloses zu bedenken.

1.4. Denken Sie positiv! Alles könnte zu Ihrem Besten sein

Selten läuft das Leben genau so, wie man es sich wünscht. Meist ist es durch­wachsen. Oft scheint es gar, als hätten sich die Dinge gegen Sie verschworen. Das führt dazu, dass Sie sich dem Schicksal verweigern. Doch unterscheiden Sie: Zweifellos gibt es Menschen, die sich Ihnen gegenüber abwertend oder gar feindselig verhalten, ob Ihr Schicksal es ebenfalls tut, ist aber durch nichts bewiesen. Gehen Sie daher davon aus, dass in jeder Widrigkeit, die es Ihnen vor die Füße wirft, eine Chance steckt, die Ihnen ein Schicksal ohne Widrigkeit nicht böte. Denn: Wer nicht davon ausgeht, dass selbst Widrigkeiten Chancen bieten, erkennt sie nicht. Wer Chancen nicht erkennt, kann sie auch nicht nutzen.

Also
Wenn Sie ein Rückschlag trifft, prüfen Sie, wie Sie ihn zu Ihrem Vorteil nutzen können.

Unangenehmes beharrlich zu umgehen, ist der sicherste Weg, darauf zuzusteuern.
1.5. Lassen Sie Erfahrungen zu

Viele Erfahrungen sind unangenehm. Das führt dazu, dass man sie nicht zu Ende erleben will. Man versucht, sie vorzeitig abzubrechen; zum Beispiel indem man sich betrinkt, sich ablenkt oder fluchtartig ein Kaufhaus verlässt, sobald es einem darin mulmig wird. So nützt man Chancen nicht. Nichts stärkt das Selbstvertrauen mehr, als die Erkenntnis, dass man unangenehmen Erfahrungen standhalten kann bis sie vorübergehen.

Das Unangenehme an unangenehmen Erfahrungen ist oft nicht das äußere Ereignis, sondern die Gefühlsqualität, mit der die Psyche auf das Ereignis reagiert. Lernen Sie, alle emotionalen Reaktionen Ihrer Psyche ungeachtet ihrer Qualität zu betrachten, statt vor der unerwünschten Hälfte wegzulaufen.

Sie sind kein Ereignis. Sie sind das Auge, das sie sieht.
1.6. Beachten Sie sich selbst
Verlangen Sie keine Beachtung. Ver­schenken Sie sie. Beachten Sie die Wirklichkeit. Je mehr Sie die Wirklich­keit beachten, desto mehr wird sie sich an Sie verschenken.

Der Mensch beachtet die Welt, weil er etwas von ihr haben will. Beachtet er die Welt zu viel, verliert er sich selbst aus dem Blick. Bedenken Sie: Die Welt ist ein Netzwerk vorübergehender Ereignisse. Nichts, was dort passiert, hat je Bestand. Nehmen Sie die Wechselfälle des Lebens daher nicht zu ernst.

Das einzige, was in Ihrem Leben nicht wegzudenken ist, das sind Sie selbst. Nur Ihr Selbst hat in Ihrem Leben Bestand. Schenken Sie dem, was Bestand hat, Beachtung. Nur, was in Ihnen unveränderlich ist, sind tatsächlich Sie selbst. Halten Sie danach Ausschau.

1.7. Lösen Sie sich von Regeln
Wenn Sie den Kompass in Ihrem Inneren im Auge behalten, können Sie fast immer auf Regeln verzichten.
Sich von Regeln zu lösen heißt nicht zwingend, sie aufzugeben. Sich von Regeln zu lösen heißt, Regeln zu haben, ohne ihnen unterworfen zu sein.

Regeln sind nützlich. Sie beschreiben Verhaltensmuster, deren Einhaltung Früchte bringt. Regeln bilden die Komplexität der Wirklichkeit aber nur unscharf ab. Sich blind an Regeln zu halten, kann Sie in die Irre führen.

Deshalb
Wachen Sie auf. Wenn es Ihnen gelingt, die Situation, in der Sie sich befinden, so wahrzunehmen, wie sie ist, finden Sie den richtigen Weg, ohne an Regeln zu denken.

Aber
Um ganz ohne Regeln zu leben, muss man vollständig in der Gegenwart sein. Das kann nur, wer den Mut dazu hat.

2. Besondere Regeln

Besondere Regeln befassen sich mit der Haltung des Einzelnen zu anderen.

2.1. Handeln Sie wie ein Erwachsener

Das Kind unterscheidet sich vom Erwachsenen. Gemeint ist ein psychologisch Erwachsener. Psychologisch erwachsen kann man mit 16 sein, man kann es später werden oder man ist es mit 98 immer noch nicht.

Das Kind braucht Liebe, ein Erwachsener nicht. Liebe ist eine tätige Zuwendung, die das Wohl des Geliebten sichert. Da ein Kind sein Wohl nicht selbständig sichern kann, ist es auf Beschützer angewiesen, die seine Bedürfnisse erkennen und geeignete Mittel bereitstellen. Ein Erwachsener kann auf Beschützer verzichten. Ein Erwachsener erkennt seine Bedürfnisse selbst. Er hat sowohl die Kraft als auch den Mut, sie zu vertreten. Hat er den Mut nicht, wird er sich selbst nicht gerecht.

Warum passt ein Beschützer zum Kind, aber nicht zum Erwachsenen?
Wer sich auf Beschützer verlässt, lässt Beschützer über sich entscheiden. Der Dank, den er den Beschützern dafür schuldet, engt seine Freiheit ein. Beim Kind ist der Impuls zur Autonomie nicht so ausgeprägt, als dass es seinem Wesen widerspräche, wichtige Entscheidungen anderen zu überlassen. Je älter man aber wird, desto unpassender ist es, sich an anderen zu orientieren. Tut man es doch, braucht man Manöver, um die eigene Kindlichkeit zu verbergen. Man muss sich verbiegen, um den Impuls zur Selbständigkeit daran zu hindern, die Unterordnung unter den Beschützer zu stören.

2.2. Respektieren Sie die Beziehungen anderer

Sie haben genug damit zu tun, Ihre eigenen Beziehungen sinnvoll zu gestalten. Muten Sie sich nicht auch noch die Probleme anderer zu. Überprüfen Sie gut, wann es wirklich sinnvoll ist, sich in die Beziehungen anderer einzumischen. Es mag verführerisch sein, bei Konflikten anderer Partei zu ergreifen, sich als Vermittler zu betätigen oder gar die Beziehung anderer zum eigenen Vorteil zu steuern. Oft ist der Versuch aber schädlich. Gehen Sie davon aus, dass jeder berechtigt und in der Lage ist, seine Beziehungen eigenständig und ohne Einmischung von außen zu gestalten.

Ausnahme
Wenn erkennbar ist, dass einer, zum Beispiel ein Kind oder jemand, der nicht in der Lage ist, sich gegen eine Bosheit zu wehren, einem anderen ausgeliefert ist und ihm daraus schwerer Schaden droht, ist Einmischung das Gebot der Stunde. Warum? Weil Neutralität gegen die nächste Regel verstößt.

Den Wert eines Anderen zu achten, heißt ihn gegebenen­falls zu schützen.
2.3. Werten Sie niemanden ab

Die Missachtung eines Anderen belegt nicht dessen Schlechtigkeit, sondern Ihre Schwäche. Andere zu verachten ist Sünde gegen das eigene Wesen. Wenn einer Tatsache überhaupt ein unabhängiger Wert zugeschrieben werden kann, dann der Subjektivität des Einzelnen, die allen gemeinsam ist. Wertet man daher einen Anderen ab, vielleicht aus Ärger, weil er stört oder um sich selbst zu erhöhen, so betreibt man damit Selbstabwertung; denn jeder Andere ist das Selbst des Einen. Schulen Sie darin Ihren Verstand: Jeder, auch wenn er Ihnen auf den ersten Blick wertlos erscheint, ist Ihnen in mindestens einer Sache überlegen. Werten Sie ihn nicht ab! Lernen Sie von ihm!

Kontrapunkt
Auch wenn Sie klug daran tun, das Seinsrecht eines jeden als unantastbar anzusehen, bezieht sich das keinesfalls auf alles, was jeder gerade mal so denkt und tut. Dass der Wert des Einzelnen nicht anzutasten ist, heißt nicht, dass man seine Ideen und Taten nicht kritisieren dürfte. Unterscheiden Sie zwischen Tat und Täter.

2.4. Versuchen Sie niemanden zu verändern

Je weniger man auf den Erfolg selbständigen Handelns vertraut, desto abhängiger glaubt man sich vom Beistand anderer. Machen die anderen nicht, was man im eigenen Interesse für richtig hält, versucht man oft, ihr Verhalten zu ändern. Das ist selten klug; denn jeder Mensch ist vom Impuls gesteuert, autonom über sich selbst zu bestimmen. Versucht ein anderer von außen, ihm dieses Recht streitig zu machen, erzeugt er damit Widerstand. Doch, doch! Auch wenn sich jemand die Einmischung vordergründig gefallen lässt und auch wenn er selbst nichts davon merkt, entwickelt sich in ihm eine Kraft, die sich gegen denjenigen richtet, der von außen bestimmen will. Ungestraft über andere bestimmen kann nur, wer die Macht hat, sich der Rache seiner Opfer zu entziehen.

Spielregeln
Beim Schach kommt niemand auf die Idee, dem anderen vorzuschreiben, welchen Zug er machen soll; solange er sich an die Regeln hält. Stattdessen passt er sich dem Zug des anderen möglichst wirksam an. Machen Sie es im Leben ähnlich und bedenken Sie: Im Gegensatz zu den paar Zügen beim Schach ist im Leben jedem erlaubt, was er kann. Er muss jedoch die Konsequenzen tragen.

Zur Etymologie des Begriffs Frieden
Radikale Friedfertigkeit

Beziehungen gehören zum Ich wie das Wasser zum Fisch. Ohne harmonische Beziehungen ist das seelische Gleichgewicht ständiger Störungen ausgesetzt. Der Begriff Harmonie geht auf griechisch harmozein [αρμοζειν] = zusammenfügen zurück, das seinerseits der indogermanischen Wurzel ar[ǝ]- = fügen, zupassen entspringt. Zur selben Wortfamilie gehört der Arm. Der Arm passt zum Gelenk wie das Gelenk zum Arm.

Das Motiv des Armes, der mit dem Gelenk eine Einheit bildet, verdeutlicht den wesentlichen Aspekt der Harmonie. Weder der Arm dominiert das Gelenk noch das Gelenk den Arm. Sie stehen gleichwertig zueinander. Bei gesunder Funktion versucht keiner der beiden dem Anderen ein anderes Sosein aufzuzwingen.

In menschlichen Beziehung ist es meist anders. Die Partner versuchen - meist wechselseitig - über den jeweils anderen zu bestimmen. Durch subtile Manöver versuchen sie, das Verhalten des Anderen zu beeinflussen. Sichtweisen, die der Andere äußert, werden nur angenommen, wenn sie den eigenen gleichen. Entscheidungen, die der Andere für sich trifft, werden im eigenen Interesse angezweifelt oder gar sabotiert. In Beziehungen, die von neurotischen Mustern durchsetzt sind, schwelt unter der Oberfläche der Normalität ein verleugneter Machtkampf, der die Harmonie und das seelischen Gleichgewicht untergräbt.

Wenn Sie mit sich ins Reine kommen wollen, dann respektieren Sie die Entschei­dungsfreiheit anderer über das eigene Leben radikal. Gestehen Sie dem Anderen zu, genau die Sichtweisen auf das Leben einzunehmen, die spontan in ihm entstehen. Sagen Sie nicht: Das siehst Du falsch. Fragen Sie: Wie siehst Du das?

Radikale Friedfertigkeit in persönlichen Beziehungen ist ein unverzichtbares Element seelischer Gesundheit. Fried­fertigkeit heißt nicht, dass man sich nicht wehrt. Friedfertigkeit heißt, dass man nicht übergreift.

Jeder Krieg beginnt in einem Kinderzimmer.

Nur wer den Anderen ohne den Vorsatz wahrnimmt, durch kommu­nikative Manöver über ihn zu bestimmen, verhält sich in der Beziehung zum Anderen friedfertig. Radikale Friedfertigkeit ist der Verzicht auf kommunikative Gewalt.

2.5. Nehmen Sie sich ernst

Ein Bedürfnis ist ein Handlungsbedarf, der notwendig ist, um eine Übereinstimmung mit sich selbst herbeizuführen. Das Leben ist kompliziert. Es gibt viele Gründe, einen solchen Handlungsbedarf nicht ernst zu nehmen:

Um diese Argumente zu entkräften, gilt es, sich sein Bedürfnis ins Gedächtnis zu rufen.

Wohlgemerkt
Dass man sein Bedürfnis nicht aus den Augen verliert, heißt nicht, dass es sofort erfüllt werden müsste. Zum Erfolg gehört nicht nur, dass man ein Bedürfnis kennt. Es gehört auch dazu, dass man warten oder gar verzichten kann.

2.6. Finden Sie den richtigen Abstand
Stellen Sie zu jedem den Abstand her, von dem aus Sie ihn so lassen können, wie er ist; ohne sich selbst dabei zu verbiegen.

Der richtige Abstand zum Anderen ist der, von dem aus Sie ihm respektvoll begegnen können. Gelingt Ihnen das nicht, sind Sie zu nah dran. Meist ist man zu nah dran, weil man vom Anderen Liebe, Zuwendung und Bestätigung erwartet. Wenn man mehr will, als der Andere gibt, ist die Gefahr groß, dass man mindestens einen von zwei Fehlern macht:

Meist gibt er dann noch weniger, als wenn man nichts von ihm erwarten würde. Wenn Sie glauben, Ihr Problem sei, dass ein Anderer zu wenig gibt, machen Sie sich abhängig. Wenn Sie erkennen, dass Sie zu viel wollen, haben Sie einen wichtigen Schritt getan.

Betrachten Sie es so
Ihr Problem ist nur selten der Andere. Ihr Problem sind fast immer Sie selbst. Lösen Sie sich.

2.7. Beachten Sie verschlossene Türen
Akzeptieren Sie, dass Beziehungen ein Wechselspiel aus Zuwendung und Rückzug sind. Verlangen Sie von niemandem, dass er stets für Sie da ist. Lernen Sie stattdessen, sich selbst zu genügen.

Zum richtigen Abstand gehört der Respekt vor verschlossenen Türen. Jede Beziehung ist ein System aus zwei Räumen. Zwischen den Räumen sind jeweils zwei Türen. Zur gesunden Beziehung gehört, dass jeder seine Tür öffnen und schließen kann, wie er es für richtig hält.

Wenn der eine Rückzug braucht, um sein Zimmer zu ordnen, fühlt sich der Andere womöglich abgelehnt. Wenn er allzu oft an der Türklinke zerrt und Einlass verlangt, riskiert er, dass die Tür zur Mauer wird.