Vernunft steht im Ruf langweilig zu sein. Sie steht im Ruf, nur an Folgen zu denken und dem Leben so die Lust zu rauben. Das wird ihr nicht gerecht. Tatsächlich gebietet die Vernunft nicht nur, vorauszu­schauen. Um die Wirklichkeit...die immer nur im Augenblick versammelt ist... zu vernehmen, muss der Vernünftige vielmehr fähig sein, sich ganz dem Jetzt zu überlassen. Dort findet er alle Spannung, die das Leben bietet.

Das Ego bleibt durch seine Vorteilsrechnung in der Unvernunft. Vernunft ist das Verrücktsein aus dem Ego in die Wirklichkeit.

Vernunft ist die Stimme des Himmels im Menschen und das Ohr des Menschen zum Himmel.

Vernunft


  1. Begriffsbestimmung
  2. Störungen der Vernunft
    1. 2.1. Nicht können
    2. 2.2. Nicht wollen
      1. 2.2.1. Individuelle Verweigerung
      2. 2.2.2. Kollektive Verweigerung
    3. 2.3. Nicht dürfen
  3. Aufgaben der Vernunft
    1. 3.1. Im Alltag
    2. 3.2. In der Wissenschaft
    3. 3.3. In der Religion

1. Begriffsbestimmung

Vernunft ist eine geistige Aktivität. Sie ist praktiziertes Vernehmen. Beim Vernehmen wird das Vernehmbare... also der erkennbare Teil der Wirklichkeit. als Erkenntnis ins Weltbild der Person übernommen. Darauf verweisen die Vorsilbe ver- und das Verb nehmen.

Ver- heißt verschieben, überführen, von dort nach da übertragen. Das Verb nehmen im Prozess der Vernunft besagt, dass der Vernünftige das Vernehmbare nicht nur anschaut, sondern das von ihm annimmt, was seine Wahrnehmung als wahr erkennt.

Das WeltbildEin Teilaspekt des Weltbilds ist das Selbstbild. dient der Orientierung des Individuums in der Wirklichkeit. Es ist ein Lageplan, der aus Erfahrungen und Vermutungen aufgebaut wird. Zusammen mit dem momentan Wahrnehmbaren bildet das Weltbild die Grundlage der Entscheidungen. Vernunft ist nur dann Vernunft, wenn das Vernehmbare, das ins Weltbild übernommen wird, Wirkliches abbildet.

Verstand und Vernunft - Geschwister im Geiste

Auf dem Wechselspiel von Verstand und Vernunft fußt geistiger Fortschritt.

2. Störungen der Vernunft

Störungen der Vernunft sind häufig. Dafür sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Sie können drei Kategorien zugeordnet werden:

  1. Nicht können
  2. Nicht wollen
  3. Nicht dürfen
2.1. Nicht können

Der Mensch ist in der Lage, einen Teil der Wirklichkeit zu erkennen. Dazu stehen ihm vier Wege offen.

Vier Wege der Erkenntnis

Prinzip Beispiel
1 Unmittelbarer Erkenntnisgewinn durch logische Denkakte Da zwei mal zwei vier ist, ist vier durch zwei zwei.
2 Mittelbarer Erkenntnisgewinn durch Verwendung der Sinnesorgane Ich habe gesehen, wie der Stein im See versank.
3 Mittelbarer Erkenntnisgewinn durch technische Methoden Die C14-Methode ergab, dass schon der Wasseraffe Krabben aß.
4 Lernen durch Informations­übertragung von Mensch zu Mensch Es heißt, dass man mit der schwarzen Mamba keine Scherze treiben sollte.

Obwohl die menschlichen Möglichkeiten, die Strukturen der Wirklichkeit zu vernehmen, beträchtlich sind, können wir davon ausgehen, dass es jenseits unseres sinnlichen und intellektuellen Horizonts Bereiche gibt, die unserer Vernunft verschlossen bleiben. Ein vernünftiger Mensch wird sich daher im Klaren sein, dass seine Vernunft an Grenzen stößt.

Neben der physiologischen...also der biologisch vorgegebenen... Vernunftgrenze des Menschen, die beim Kind mangels Erfahrung enger sein mag, gibt es...

Krankheiten, die die Vernunftfähigkeit herabsetzen:

Bei seelischen Problemen, die psychologische Abwehrmechanismen einsetzen, ist der Unterschied zwischen dem Nicht-vernünftig-sein-können und dem Unvernünftig-sein-wollen oft kaum erkennbar.

Nicht-können, Nicht-dürfen und Nicht-wollen gehen oft nahtlos ineinander über.
2.2. Nicht wollen

Ein mächtiger Gegner der Vernunft ist die Weigerung, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, die eigentlich unübersehbar sind.

Zwei Formen der absichtlichen Unvernunft sind weit verbreitet: die individuelle und die kollektive. Absichtlich heißt dabei: Vom tatsächlich Vernehmbaren wird abgesehen, um Ziele zu erreichen oder Zustände aufrechtzuerhalten, die man durch das Vernehmbare gefährdet sieht.

2.2.1. Individuelle Verweigerung der Vernunft

Die individuelle Weigerung, Vernehmbares zur Kenntnis zu nehmen, ist eine Strategie des Ego. Das Ego versucht jenes Bild von sich und der Welt aufrechtzu­erhalten, von dem es am meisten zu profitieren glaubt. Glaubt es, dass ihm eine vernehmbare Erkenntnis schaden könnte, versteift es sich in Unvernunft. Zur Vernunft ist das Ego oft nur bereit, wenn die Folgen seiner Unvernunft schmerzhaftDer Mensch lernt oft nur, wenn er vom Schicksal Prügel bezieht. Allerdings ist selbst das nicht sicher. An vielen hat sich das Schicksal die Finger wund geschlagen. sind.

Werkzeuge individueller Verweigerung

Um grundsätzlich Vernehmbares daran zu hindern, Selbst- und Weltbild zu verän­dern, setzt man verschiedene Werkzeuge ein. Dazu gehören klassische Abwehr­mechanismen ebenso wie Alkohol- und Drogenkonsum.

2.2.2. Kollektive Verweigerung der Vernunft

Für die kollektive Verweigerung der Vernunft sind meist Weltbilder verantwortlich, die sowohl der Wirklichkeit wider­sprechen als auch davon ausgehen, dass der Widerstand gegen die Erkenntnis der Wirklichkeit moralisch wertvoll ist.

Typische Vertreter solcher Weltbilder sind die konfessionellen Prophetenkulte, die sich seit Moses' Auszug aus Ägypten über die Welt verbreitet haben. Typisch sich auch geschlossene politische WeltanschauungenMeist enden solchen Weltanschauungen auf -mus; wobei der etymologische Nachweis, dass die Endsilbe -mus den Gruppendruck eines Dran-glauben-müssens benennt, wie zu erwarten kläglich scheitert., deren paranoide Binnenstruktur alles von sich weist, was ihre Richtigkeit in Frage stellt.

Während individuelle Zurückweisungen der Vernunft mal jenen, mal diesen Bedürfnispol des Psychologischen Grundkonflikts bedienen, steht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit bei der kollektiven Verweigerung im Vordergrund. Man verleugnet die Vernunft, weil man sonst aus der Gemeinschaft der Unvernünftigen verstoßen würde; oder ihrem HassDie Lehre von der Minderwertigkeit des Juden als Unfug zu erkennen, hätte Millionen keinerlei Mühe gemacht, hätte sie das Erkennen nicht demselben Hass preisgegeben, der den Unfug erfand. zum Opfer fiele.

Grundregel

Beim Nicht-wollen der Vernunft geht es um persönliche Vorteile, die man sich durch Unvernunft verschaffen will. Beim Nicht-dürfen geht es um soziale Nachteile, die man zu vermeiden versucht.

2.3. Nicht dürfen

Nicht vernünftig sein zu dürfen setzt Machtstrukturen und -gefälle vor­aus, die die Unvernunft der Zustände gewaltsam aufrechterhalten, weil es den jeweils Mächtigen Vorteile bringt.

Je mehr Macht sich geschlossene politische Ideologien oder Propheten­kulte über Gesellschaften verschaffen, desto mehr wird die Vernunft durch Gruppendruck und Strafandrohung gegenüber Vernunftwilligen behindert.

3. Aufgaben der Vernunft

Vernunft, also die Bereitschaft, Entscheidungen an der erkennbaren Wirklichkeit auszurichten, kann als immer richtigDass Nadja die Signale bezüglich Gunters Fremdgehen zunächst nicht vernimmt, kann Folge von Fehleinschätzung sein oder durchaus vernünftig. angesehen werden, bis ein vernünftigerVernünftig ist Nadjas Abwehr der Erkenntnis, wenn sie eine Trennung tatsächlich erst überstehen kann, sobald Hajo seine Liebesbotschaft gesendet hat. Dann beruht die Abwehr der Erkenntnis ihrerseits auf korrekt vernommener Wirklichkeit und ist somit als vernünftig anzusehen. Nimmt Nadja die Demütigung jedoch in Kauf, weil sie ihre Fähigkeit, auch ohne Beziehung bestehen zu können, unterschätzt, dann beruht ihre Abwehr auf einer Fehleinschätzung und ist somit unvernünftig. Grund gefunden wird, der dem widerspricht. Vernunft ist daher beim Vollzug des persönlichen Alltags, in den Wissenschaften und erst recht in religiösen Dingen anzuraten.

3.1. Im Alltag

Vernunft besteht aus zwei Komponenten:

  1. Der Berücksichtigung dessen, was mir grundsätzlich bekannt ist.
  2. Der Beachtung dessen, was ich jetzt wahrnehmen kann.

Erst die Berücksichtigung von bekannter Regel und dem, was momentan gegeben ist, schöpft die Möglichkeiten der Vernunft, vernünftige Entscheidung bewirken, umfassend aus. Während Regeln im Prinzip zeitlos sind oder sich ihre Definitionen nur langsam ändern, ist das momentan Gegebene niemals ganz vorhersehbar.

Ein unverzichtbares Werkzeug der Vernunft ist daher Achtsamkeit. Nur sie ist in der Lage, das aus der Wirklichkeit zu vernehmen, was zur vernünftigen Anwendung von Regeln notwendig ist.

Unterschiede

Das Thema der klassischen Wissenschaften sind die Objekte. Das Ego ist ein virtuelles Objekt. Die Psychologie befasst sich mit dem Ego. Sie ist daher eine klassische Wissenschaft.

Religion ist die Wissenschaft vom Weg zur Subjektivität. In der Religion geht es um die Frage, wie sich das Subjekt aus der Identifikation mit Objektivem lösen kann. Da Religion Wissen­schaft ist, sind wissenschaftliche Regeln der Wahrheits­findung auch bei spirituellen Fragen gültig. Wissenschaftlich wird Wahrheit auf zweierlei Wegen gefunden...

  1. im Experiment, also durch überprüfbare Erfahrung
  2. durch logische Schlussfolgerung

... nicht aber durch Lehrsätze, deren Infragestellung bei maximaler Strafandrohung verboten ist.


Es gibt keinen Glauben, der über der Wissenschaft steht. Es gibt nur Religion, die höchste Wissenschaft ist. Die Wege zu reiner Subjektivität sind objektiv. Jenseits der Wege beginnt, was objektiv nicht zu erfassen ist.

3.2. In der Wissenschaft

Dass Vernunft oberstes Gebot beim systematischen Erwerb von Wissen und technischem Know-how ist, braucht man kaum eigens zu erwähnen...

3.3. In der Religion

Im Gegensatz zur Wissenschaft, gesteht man den sogenannten Reli­gionen zu, sich durch programmatische Unvernunft über die Wirklich­keit hinwegzusetzen.

1 Korinther 1, 21-23:
Denn da die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Heilsbotschaft die zu retten, die glauben...

Tatsächlich kann man erst nach Abschalten der Vernunft daran glauben, dass ein gottgefälliges Leben, also doch wohl eins, das sich an Wahrheit ausrichtet, ausgerechnet durch Torheit zu erreichen wäre. Solch ein Vorgehen wäre Glücksspiel, weil dem Toren die VernunftTatsächlich verwenden die Toren dieser Welt bei der Wahl ihrer Torheiten kaum je Vernunft. Meist halten sie jene Torheit für die einzig wahre, die sie von ihren Vätern eingeschärft bekamen. fehlt, aus den tausend Torheiten, die er begehen könnte, genau jene herauszufinden, die angeblich zu Gott führt.

Unvernunft ist in religiösen Fragen Gift. Religion ist jene Wissen­schaft, die Techniken,Zum Beispiel: Meditation, Schulung der Achtsamkeit WegeZum Beispiel: Leben in klösterlicher Gemeinschaft, Rückzug von weltlichen Belangen, Verzicht auf Luxus. und MöglichkeitenZum Beispiel: beharrliche Desidentifikation von allem objektiv Erkennbaren. untersucht, durch die sich das Ich erkennenDazu gehört auch die Erkenntnis, dass das Ich nicht "sein" Ego ist, also nicht das Objekt der Erkenntnis der Psychologie. und sich mit seinem Wesen verbinden kann. Sie ist zugleich angewandte Wissenschaft, die entdeckte Möglichkeiten einsetzt, um das Ziel zu erreichen.

Religion befasst sich auch mit der Frage nach dem Wesen des Subjekts und seiner Position...wobei denkbar ist, dass das Wesen des Subjekts und seine Position in der Wirklichkeit ein und derselbe Sachverhalt ist. in der Wirklichkeit. Sie befasst sich mit Wahrheiten, die sich nicht auf Objekthaftes beschränken, sondern über jede Bedingtheit hinaus gültig sind. Dabei ist klar, dass Aussagen über das unbedingt Gültige nur Vermutungen und Fingerzeige sind, aber niemals das unbedingt Gültige vollständig erfassen. Das unbedingt Gültige liegt jenseits wissenschaftlicher Erfassbarkeit. Das Ziel der Religion liegt jenseits ihrer selbst.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass man ausgerechnet dabei Aussagen, deren Wahr­heitsgehalt nicht überprüft werden kann, für zweifelsfrei richtig erklären dürfte; ohne dass man der Suche nach Erkenntnis damit schadet. Sollte der Himmel ein Interesse daran haben, dass wir ihn finden, schüttelt er über das Treiben dogmatischer Kulte vermutlich den Kopf.