Die Grundangst des Menschen ist die vor dem Ausgeliefertsein. Hass wehrt die Erkenntnis ab, dass man letztendlich ausgeliefert ist.

Um vom Hass nicht besessen zu sein, gilt es, die Erfahrung zu machen, dass man ohnmächtig ist; oder auf jede Projektion des Hasses zu verzichten.

Wer Ohnmacht grundsätzlich für Schande hält, läuft Gefahr, sich im Hass zu verirren.

Hass vertreibt den Menschen aus sich selbst.

Nur wer über sich selbst bestimmt, ist in der Lage, selbstlos zu lieben.

Zorn anerkennt den Wert des Gegners, Wut ignoriert ihn, Hass verleugnet ihn.

Hass


  1. Begriffsbestimmung
  2. Entstehungsbedingungen
  3. Funktionen
  4. Ausrichtungen
  5. Diagnostische Einordnung
  6. Psychologische Lösungen

1. Begriffsbestimmung

Etymologisch wird Hass auf die indogermanische Wurzel kados = Leid, Groll zurückgeführt. Mit Hass verwandt sind die Begriffe hetzen und häss­lich.

Hass hat immer mit Leid zu tun; sowohl bei dem, der Hass empfindet als auch bei dem, der ihm zum Opfer fällt. Ähnliches gilt für die Hatz. Es mag sein, dass die Hatz, für den der hetzt, ein oberflächliches Vergnügen ist, tatsächlich ist solch ein Vergnügen aber nur ein bitterer Trost für tiefer verankertes Leid. Wer zufrieden ist, ruht in sich. Wer in sich ruht, hetzt nicht: weder sich selbst noch einen anderen.

Kleiner Bruder
Wut ist der kleine Bruder des Hasses. Während Hass die endgültige Vernichtung bedrohlicher Kräfte verlangt, begnügt sich Wut damit, das Bedrohliche in seine Schranken zu weisen. Während Wut im Affekt gelegentlich Totschlag begeht, begeht Hass systematische Morde.

Hässlich wird heute meist als rein ästhetischer Gegensatz zu schön begriffen. Benennt der Begriff ein Verhalten, das man einer anderen Person angedeihen lässt, ist der ursprüngliche Sinngehalt der Gehässig- und Feindseligkeit noch spürbar.

2. Entstehungsbedingungen

Hass entsteht aus einem Wechselspiel existenzieller, psycho­logischer und sozialer Bedingungen. Dabei kann je nach Lage der Dinge mehr der eine oder der andere Faktor im Vordergrund stehen.

2.1. Existenzielle Grundlagen

Die existenzielle Grundlage des Hasses ist das Ausgeliefert­sein des Menschen und seine Fähigkeit, das Ausgeliefert­sein zu erkennen. Der Mensch lebt grundsätzlich im Bewusstsein der Verletzbarkeit und des potenziellen Untergangs. Da Wohlbefinden nur schwerlich zu erreichen ist, wenn man sich einer Bedrohung ausgesetzt sieht, hat die menschliche Psyche eine Vielzahl von Mechanismen entwickelt, um faktische Bedrohung entweder abzuwenden oder um das Wissen um die Bedrohung aus dem Bewusstsein herauszuhalten.

Zwei Qualitäten
  • Ausgesetztsein

    Ich bin ausgesetzt heißt: Es treffen mich Einflüsse von außen, die ich nicht wählen kann. Ich bin aber frei genug, die Einflüsse für mich zu nutzen oder mich ihrem Zugriff schließlich zu entziehen.
  • Ausgeliefertsein

    Ich bin ausgeliefert heißt: Die Einflüsse, die mich treffen, entmachten mich. Sie sind zum Vorteil anderer und zu meinem Schaden.

Wird eine Bedrohung, die man nicht beseitigen kann, als geringfügig erlebt, genügt es meist, das Wissen darum zu verdrängen.

Wird Bedrohung als massive Gefahr erlebt, entwickelt sich oftmals Hass. Er dient dazu, maximale Kräfte freizusetzen, um das bedrohliche Ausgeliefertsein aktiv abzuwehren.

Hass wird von der Psychologie zwar nicht als Abwehrmecha­nismus definiert, er hat innerseelisch aber eine analoge Funktion. Wird Hass nach außen gewandt um das als bedrohlich Empfundene anzugreifen, schwächt er regelhaft Ängste ab, die der Wucht der hasserfüllten Aggression im Wege stehen. Wer hasst, ignoriert Gefahren für sich selbst... und begeht, wenn er glaubt, es müsse sein, ein Selbstmordattentat.Wer sich einer Gefahr ausgeliefert sieht, die er als bedrohlicher als den leiblichen Tod empfindet, zum Beispiel ewige Höllenstrafe bei unvollständigem Gehorsam gegenüber einem boshaften Gott, riskiert einen Hass gegen all jenes zu entwickeln, was ihn dazu verlocken könnte, beim Gehorsam nachlässig zu sein. Lieber als seine Seele der vermeintlichen Höllenstrafe auszusetzen, vernichtet er seinen Leib in einem hasserfüllten Attentat. Hinter jedem Attentat, das unter dem Einfluss eines abrahamitischen Glaubens begangen wird, steckt die Bosheit seines Gottes. Dabei ist zu beachten, dass der abrahamitische "Gott" nicht Gott ist, sondern eine menschliche Phantasie.

Auch wenn Hass nicht ausagiert wird, wehrt er ab; allerdings nicht die Angst, dass man bei einem Angriff selbst Schaden nehmen könnte, sondern die gefürchtete Erfahrung, dass man tatsächlich ausgeliefertAbermillarden schlafloser Nächte wurden darauf verwendet, das Eingeständnis ohnmächtigen Ausgeliefertseins durch das Wüten der Gedankenkreise aus dem Bewusstsein zu verbannen. ist.

Da der Mensch sich vom Mitmenschen wünscht, dass er ihn vor dem Ausgesetztsein schützt, reagiert er mit Hass, wenn er ihn stattdessen seinem Eigennutz aussetzt.Auch dem Eigennutz der Viren sind wir ausgesetzt. Da wir aber nicht erwarten, dass das Virus auf unserer Seite steht, ist die Gefahr groß, dass wir es fürchten aber nur gering, dass wir es hassen.
2.1.1. Formen des Ausgesetztseins

Das Individuum kann in verschiedener Art ausgesetzt sein. Zu unter­scheiden ist physisches Ausgesetztsein von sozialem und begrenzendes von vereinnahmendem. Während sich beim sozialen Ausgesetzt­sein die begrenzende von der vereinnahmenden Variante deutlich unter­scheiden lässt, fallen beide Aspekte beim physischen Ausgesetztsein eher zusammen.

  1. Physisch
    Durch den leiblichen Aspekt der Person ist man physikalischen Gegebenheiten ausgesetzt.

    Beim Einpflanzen des Stachelbeerbuschs stieß Werner auf dicke Steine unter der dünnen Krume. Er war gezwungen, sich den Gegebenheiten des Geländes anzupassen.

  2. Sozial
    Sobald man in Gemeinschaften lebt, wird man von anderen vereinnahmt oder zurückgewiesen.

    • Begrenzend
      Bei der Durchsetzung sozialer Ansprüche ist man dem Widerstand anderer ausgesetzt. Der Andere erfüllt meine Forderung nicht.

      Als Lars mit Sonja ins Bett gehen wollte, erteilte sie ihm eine Abfuhr.

    • Vereinnahmend
      Im Zusammenleben ist man dem Zugriff anderer ausgesetzt. Der Andere will unmittelbar über mich bestimmen.

      Unter Androhung von Strafe wurde Katja gezwungen, ihren Teller leer zu essen.

Sowohl Werner als auch Lars und Katja können auf die verschiedenen Formen ihres Ausgesetztseins mit heftiger Aggression reagieren. Ob sie es tun oder nicht, hängt vor allem von ihrem Selbstbild ab.

2.1.2. Psychologischer Grundkonflikt

Der Vereinnahmung durch andere ausgesetzt zu sein, hätte kaum psychologische Folgen, wäre die Emotionalität des Menschen nicht aufs engste mit dem psychologischen Grundkonflikt verwoben. Gewiss: Man kann sich vereinnahmen lassen, um dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu dienen, je mehr man es aber tut, desto größer wird der Druck von dessen dialektischem Gegenpol: dem Bedürfnis nach Selbst­bestimmung. Das führt dazu, dass der Mensch nicht in der Lage ist, den Zugriff anderer auf sich selbst zu dulden ohne dass....

2.2. Psychosoziale Faktoren

Ausgesetzt zu sein, ist nicht nur ein existenzielles Problem. Es ist auch ein psycho-soziales. Den Menschen treffen nicht nur Hagelschlag, Hungersnot und Vogelgrippe, er ist auch dem Widerstand und den Machenschaften seiner Zeitgenossen ausgesetzt. Übler als den Kräften der Natur sind wir oftmals solchen ausgeliefert, die der Mitmensch sich erdreistet, auf uns anzuwenden; oder der Blindheit unserer eigenen Person, mit der wir selbst über andere bestimmen wollen.

Der Zündfunke des Hasses stammt überwiegend aus dem Zusammenleben von Men­schen miteinander. Das hat drei Gründe:

  1. Die Grundstruktur der menschlichen Psyche ist auf Familie, Freundeskreis und Sippe ausgerichtet. Die ursprüngliche Funktion solcher Gemeinschaften liegt in der Abwehr existenzieller Bedrohungen. Gerade das Kind erwartet von den anderen keine Bedrohung, sondern liebenden Schutz; ohne den es gar nicht existieren könnte. Wird Schutz aber mit Bedrohung vermengt... oder bleibt er ganz aus und nur noch Bedrohung übrig..., provoziert das emotionale Widersprüche, die erst recht als bedrohlich empfunden werden. Resultat kann Hass sein, der all diese Bedrohungen aus der Welt schaffen will.

  2. Längst hat sich der Schwerpunkt des menschlichen Lebens weg von der Auseinandersetzung mit der blanken Natur und hin zur Einbindung in komplexe soziale Strukturen verschoben. Je mehr man mit anderen Menschen zu tun hat, desto größer wird die Gefahr, dass man von ihnen übergangen wird.

  3. Explizit traditionsbewahrende Welt­anschauungen missachten die Jungfräu­lichkeit der kindlichen Seele. Stattdessen betrachten sie das Kind als verfügbaren Nährboden für ihren eigenen Fortbestand. Der Hass, der daraus ent­steht, wird oft durch Identifikation mit dem Aggressor auf dessen Gegner umgelenkt. So segelt Menschen­verachtung erfolgreich gegen den Wind.
  4. Die Angst, anderen ausgesetzt zu sein, treibt Menschen milliardenfach dazu, zum Präventivschlag auszuholen. Nur wenige sind durchgehend in der Lage, sich und andere so zu belassen, wie sie sind. Öfter kommt es vor, dass man andere dem eigenen Vorteilsstreben... das seinerseits dazu dient, das Gefühl des Ausgeliefertseins abzuschwächen. aussetzt.

Erziehung

Von großer Bedeutung für das Ausmaß späterer Hassbereit­schaft ist die Erziehung. Gerade traditionelle Weltanschau­ungen betonen die Notwendig­keit, die Spontaneität kindlicher Entwicklungen programmatisch zu behindern und stattdessen vorgegebene Verhaltens- und Identifikationsziele durchzu­setzen.

Nicht dass Erwachsene kindlichen Impulsen wahllos zuschauen könnten: Es macht aber einen Unterschied, ob elterliche Eingriffe unmittelbar schützend sind, oder ob sie kollektiven Anpassungszielen dienen. Ist das Anpassungsziel nicht individuell,Versuche niemals lebende Wespen zu essen. sondern kollektiv normierend,Sprich drei mal täglich folgendes Gebet. liegt stets latenter Missbrauch vor.

Je bezwingender die Subjektivität des Individuums normierenden Übergriffen ausgesetzt wird, desto mehr Hassbereitschaft wird dadurch herangezüchtet. Im Regelfall wird ein normiertes Kind sein Ausgeliefertsein nicht bewusst durchleben. Im Regelfall wird es sich auch nicht dazu entscheiden, seine reaktive Aggression nach außen auszuleben; denn allzu groß ist die Abhängigkeit von genau denen, die es ihrem Erziehungseifer aussetzen. Im Regelfall wird der Erzogene seine Wut verdrängen; bis Umstände die gesammelte Aggression an passender Stelle aus der Verdrängung entlassen.

Mechanismen, die für weltanschauliche Anpassungsforderungen gelten, gelten auch für Kinderstuben, in denen jenseits aller Weltanschauung der Egoismus elterlicher Willkür herrscht. Auch dort sind Kinder ausgeliefert. Auch dort sammelt sich Aggression, die solange in der Verdrängung schlafen kann, bis ein Knall sie weckt.

2.3. Soziale Strukturen

Politik und Gesellschaftsstruktur dienen dazu, sich gegen das Ausgesetztsein zu schützen....

In jeder sozialen Struktur vermengen sich die gegensätzlichen Pole, die das Ausgesetztsein umspannen. Durch jede gesellschaftliche Struktur bieten Menschen einander Schutz davor... und setzen sich zeitgleich neuem Ausgeliefertsein aus. Die BalanceEin gewisses Maß an Ausgesetztsein kann stimulierend wirken, ohne dass daraus destruktive Aggression entsteht. Niemand kann eine Straße passieren, ohne Reizen ausgesetzt zu sein, deren Qualität durch andere bestimmt wurde. Entwicklung beruht auch darauf, dass wir uns bislang Fremden aussetzen. Die Gefahr des Hasses steigt jedoch, je mehr das Ausgesetztsein in ein Ausgeliefertsein übergeht. entscheidet darüber maßgeblich mit, ob das gesellschaftliche Klima friedlich ist, oder von unterschwelliger oder offener Hassbereitschaft durchsetzt.

Einmischungen

Sobald man beim Zappen vorm TV in eine Nachrichtensendung gerät, hört man vom Hass, der über die Außengrenzen der Kulturkreise schwappt. Besonders Kulturkreise, die von ihrer Alleingültigkeit überzeugt sind, sind als Produzenten des Hasses erkennbar. Dazu gehören Kulturen, die sich in der Eitelkeit gefallen, Gott persönlich habe sie zur Dominanz bestimmt, aber auch die repräsentative Demo­kratie, die sich bar jeder Selbstkritik als vermeintliche Endfassung menschlichen Zusammenlebens in alle Welt zu exportieren trachtet.

Eine Menge des Hasses, der dem Westen aus dem Islam entgegenschlägt, wird nicht nur durch den Widersinn islamischer Lehren befeuert, sondern ebenso durch den Hochmut eines technologisch überlegenen Westens, der sich unter dem Deckmantel des Demokratieexports mit Bestechung, Erpressung, Intrigen und WaffengewaltDabei wird auch vor staatlich organisiertem Terrorismus durch ferngesteuerte Bomben nicht zurückgeschreckt. in quasi jedes islamische Land einmischt, dessen er habhaft werden kann.

Statt das kümmerliche Maß an Volksherrschaft, das er bislang verwirklicht hat, im Dienste wirtschaftlicher Interessen missionarisch zu verbreiten, wäre es besser, der Westen machte sich auf den Weg, seine Parteien- und Lobbyistenherrschaft in echte Demokratie zu verwandeln. Nichts, was Volksabstimmungen über zentrale Themen verweigert, hat das Recht, sich als echte Demokratie zu bezeichnen.

Konkret lassen sich bestimmte gesellschaftliche Strukturen benennen, die Hassgefühle fördern:

Besonders der Versuch, Kulturkreise zu vermischen, von denen sich mindestens einer durch die Festlegung auf eine bestimmte weltanschauliche Tradition definiert, birgt ein hohes Risiko, gesellschaftliche Gruppen in wechselseitigen Hass zu führen. Auch hier liegt die Ursache in drohendem Ausgeliefertsein.... denn die Zunahme einer weltanschaulichen Gruppe, die sich ausdrücklich nicht assimilieren will, wird alle Andersdenken dem wachsenden politischen Einfluss dieser Gruppe aussetzen. Gruppen, die ihre eigene Kultur für unaustauschbar halten und der Kultur aller anderen Gruppen grundsätzlich überlegen, sind für das Selbstbestimmungsrecht der anderen eine faktische Bedrohung; vor allem dann...

2.4. Blindheit und Ohnmacht

Zwei Faktoren an der Wiege des Hasses sind im bisher Gesagten implizit bereits genannt. Sie sind aber so wesentlich, dass ihnen ein eigener Abschnitt gebührt: Blindheit und Ohnmacht. Beide gehören so sehr zur Aggression, dass die Sprache sie in allseits gebräuchlichen Metaphern damit verbunden hat. Man spricht von blindem Hass und ohnmächtiger Wut.

2.5. Von der Wut zum Hass

Wut kann fließend in Hass übergehen. Wut ist ein aggressiver Affekt, der in Gegenwart eines drohenden Ausgeliefertseins aufwallt. Er versucht, die Unterwerfung unter den bedrohlichen Faktor explosiv zu sprengen. Gelingt ihr das, ebbt Wut ab. Gelingt es der Wut aber nicht, dem Ausgeliefertsein abzuhelfen, kann sie in Hass übergehen.

Ungleiche Brüder

Wut Hass
Impulsiv, aufwallend, vorübergehend, spontan Beständig, systematisch, berechnend
Begibt sich in Gefahr, weil sie Gefahren übersieht. Nimmt Gefahr für sich selbst bewusst in Kauf.
Übersieht den Wert des Gegners. Verleugnet den Wert des Feindes.
Lässt ab, wenn der Gegner auf Abstand geht. Setzt dem Feind nach.

3. Funktionen

Hass wirkt nach innen und nach außen. Nach außen hin hat er biologische und soziale Funktionen. Nach innen dient er der Abwehr gefürchteter Erfahrungen.

Ist im Zusammenhang mit Hass von Funktionen die Rede, klingt das so, als wolle man seinen Auftritt rechtfertigen. Was eine Funktion hat, macht schließlich Sinn. Was Sinn macht, kann so schlecht nicht sein. Zu bedenken ist jedoch, dass fast alles, was Hass bewerkstelligen kann, auch auf anderem Wege zu bewirken ist. Insofern ist Hass als Mittel zum Zweck zwar anwendbar, kaum je aber zwingend erforderlich. Und da Hass auch für den Hassenden unausweichlich Leid bedeutet, wäre es das Beste, man könnte ihn endgültig hinter sich lassen.

3.1. Biologische und soziale Funktionen

Hass mobilisiert gewaltige Kräfte. Biologisch und sozial gesehen können solche Kräfte dazu verwendet werden, Aggressoren abzuwehren. Wo keine anderen Möglichkeiten der Abwehr zur Verfügung stehen, wird Hass zum letzten Helfer in der größten Not. Wir wissen aus den Erfahrungen von Geschichte und Gegenwart, dass Hass, der der Abwehr äußerer Angreifer dient, leicht selbst zu einem Aggressor wird und fatale gesellschaftliche Kreisläufe in Bewegung setzen kann.

Ich bin nicht ohnmächtig, sagt der Hass. Ich habe den Feind bloß noch nicht zerstört.
3.2. Psychologische Funktionen

Hätte sich aller Hass nach außen entladen, wäre er samt der Menschheit wahrscheinlich schon aus der Welt geschafft. Wut und Hass kochen zwar in ungeheurer Menge hoch, nur ein Bruchteil davon gelangt jedoch ungehemmt nach außen. Sozial gesehen wird das ein Segen sein, innerseelisch wütet die Zerstörungskraft des Hasses im Geheimen aber weiter.

Psychologisch betrachtet ist Hass eine Abwehrreaktion. Meist dient er dazu, eine schmerzhafte Einsicht zu verhindern: dass man die Wirklichkeit nicht kontrollieren kann und ihr letztendlich ausgeliefert ist. Deshalb entzündet sich Hass stets dort, wo Fremdbestimmung droht, wo sie bereits eingetreten ist und nicht hingenommen werden kann; oder wo der Hassende zumindest meint, dass es so ist.

Ist durch Fremdbestimmung ein Schaden entstanden, den der Geschädigte ohne Verlust seines Selbstwertgefühls nicht verkraften kann, mündet Hass in das Bedürfnis nach Rache ein. Rache versucht die Rangordnung zwischen Täter und Opfer zu korrigieren.Ich kann es dem anderen nicht durchgehen lassen, dass er mir dies oder jenes angetan hat.

4. Ausrichtungen

Nach außen gewendet dient Aggression der Abwehr faktischen Ausgeliefertseins. Dabei kann sie entweder defensiv sein, indem sie Vereinnahmungen durch andere verhindert oder sie ist offensiv, weil sie sich der Selbstbestimmung des Anderen ausgesetzt sieht und diese nicht dulden will.

Als spezifische Einstimmung des Bewusstseinsraums dient Hass der Verdrängung von Ängsten und Erfahrungen. Das Gefühl des Ausgeliefertseins kann seiner Quelle angemessen zugeordnet sein; oder die Ursache wird fehlgedeutet.

Ausgehend von der Deutung des Aggressors wird Hass unterschiedlich ausgerichtet.

4.1. Adäquat

Ist das Gefühl des Bedrohtseins einer eindeutigen Ursache zuzuordnen, richtet sich Hass adäquat aus. Dann dient er nicht der neurotischen Abwehr existenzieller Erfahrungsqualitäten, sondern dem Kampf gegen ein faktisches Ausgeliefertsein.

Übergänge
So einfach, wie man theoretisch bei der Ausrichtung des Hasses zwischen adäquat und neurotisch unterscheiden kann, ist es in der Praxis nur selten. Kaum ein Mensch ist emotional so reif, als dass er keine Aggression in sich gespeichert hätte, die aus früheren Erfahrungen des Ausgeliefertseins stammen und durch neurotische Mechanismen aus dem Bewusstsein ausgeblendet wurden. Deshalb ist es die Regel, dass eine neurotisch bedingte Hassbereitschaft bei passender Gelegenheit in den Hass gegenüber einem faktischen Aggressor eingespeist wird.

Hass ist quasi nie uneingeschränkt adäquat. Aggression, die sich zum Hass verdichtet, entstammt fast immer zum größten Teil aus aktuellen oder vergangenen Erfahrungs­feldern, wo sie weder ausgelebt noch bewusst verarbeitet werden konnte. Gestaute Aggression ist opportunistisch. Findet sie eine Gelegenheit, sich gegen einen passenden Feind zu richten, fragt sie nur selten, ob dieser Feind ihre gesamte Wucht verdient. Hass ist (fast) immer ungerecht.

4.2. Neurotisch

Würde Hass immer angemessen ausgerichtet, wäre er für die Psychologie nur ein zweitrangiges Thema. Viel öfter kommt es vor, dass die Ursache des Ausgeliefertseins, gegen das sich Hass aufbäumt, falsch zugeordnet wird. Dann wird der Abwehrimpuls durch die Kombination verschiedener Abwehr­mechanismen auf Unschuldige umgeleitet.

Vier Abwehrmechanismen scheinen dabei eine besondere Rolle zu spielen:

  1. Verschiebung
  2. Projektion
  3. Spaltung
  4. Inversion
4.2.1. Verschiebung

Missachtungen der Subjektivität sind an der Tagesordnung. Sie geschehen tausend­fach in alltäglichen Beziehungen. Viele leben jedoch in subjektiver oder in objektiver Abhängigkeit von genau solchen Personen, von deren Seite her sie ständiger Missachtung ausgesetzt sind. Wer glaubt, dass er die resultierende Aggression nicht gegen den wahren AggressorDer wahre Aggressor kann auch eine Weltanschauung sein, die ihren Anhänger bedroht, bevormundet, entmündigt und zu ihrer Marionette macht. richten kann, verschiebt sie oft auf andere. So schützt er die Beziehung, auf die er nicht zu verzichten können glaubt... oder tatsächlich nicht verzichten kann.

4.2.2. Projektion

So manchem sind Aspekte seiner selbst nicht geheuer: Impulse, Gefühle, unein­gestandene Sichtweisen. So mancher fühlt sich seinem eigenen Sosein ausgeliefert und würde sich am liebsten aggressiv von den gefürchteten Aspekten befreien. Dann sieht er jemanden, der genau das zu repräsentieren scheint, was er an sich selbst nicht anerkennen will. Und schon weiß seine Aggression, gegen wenn sie sich zu richten hat....

Die Attraktivität spaltender Weltanschau­ungenEine Weltanschauung ist spaltend, wenn sie andere Anschauungen generell für minderwertig hält und sich für einzig wahr erklärt. für emotional unausgeglichene Personen liegt zur einen Hälfte im Versprechen maximalen Lohns. Die andere Hälfte fußt auf der Erlaubnis zu reuelosem Hass. Zuweilen ist tiefer Glaube nichts anderes als Dankbarkeit für einen Gott, der Hass erlaubt oder ihn gar schürt.
4.2.3. Spaltung

Kaum etwas schürt Hass besser als Spaltung. Spaltung ist ein archaischer Abwehrmechanismus. Zwecks Vereinfachung des Weltbilds teilt die Psyche dabei komplexe Phänomene in zwei Kategorien auf: gut oder böse bzw. gut oder schlecht.

Ist die Einordnung einer Person oder Gruppe als nur böse vollzogen, folgt die Aggression fast unmittelbar. Das Böse an sich ist stets bekämpfenswert. Und da es ja ausschließlich böse ist, kommt man gar nicht umhin, es zu hassen. Und weil dem Bösen nichts anderes anhaftet als Böses, erscheint der Hass dagegen sogar noch als Tugend.

4.2.4. Inversion / Autoaggression

Inversion führt zur Autoaggression. Bei der Inversion wird ein Teil des eigenen Selbst zum Aggressor erklärt, der die betroffene Person unannehmbaren Missständen aussetzt. Das führt zu einer Desintegration der Selbststruktur; und somit zu einem klassischen neurotischen Konflikt zwischen zwei rivalisierenden Impulsen.

5. Diagnostische Einordnung

5.1. Physiologischer Hass

Ein seelisch vollständig gesunder Mensch....

Kurzum: Ein gesunder Mensch läuft kaum Gefahr, zu hassen. Im Umkehrschluss heißt das: Wer hasst, ist meistens seelisch krank.

Hass, der seelischer Gesundheit nicht grundsätzlich widerspricht, gibt es nur in besonderen Situationen:

5.2. Persönlichkeitsstörungen

Wie Menschen auf die verschiedenen Formen des Ausgesetztseins reagieren, wird durch ihr Selbstbild und ihre Persönlichkeitsstruktur bestimmt. Dabei spielt es eine wesentliche Rolle, woraus die Person ihr Selbstwertgefühl bezieht. Besonders gefährdet, neurotische Mechanismen einzusetzen, um Erfahrungen des Ausgesetztseins durch Hassgefühle abzuwehren, sind dabei bestimmte Persönlichkeiten.

5.3. Manie

Bei der Bipolaren Störung kann es in der maniformen Phase zu heftigen Aggressions­ausbrüchen kommen; vor allem dann, wenn der Kranke auf Widerstände des Umfelds stößt. Dabei kann es sich um passive WiderständeWenn die Partnerin des Manikers die Freigabe des Geldes für den Kauf des 700-PS-Cabriolets verweigert... handeln oder um aktiv begrenzende Maßnahmen,Freiheitsentzug durch Zwangseinweisung. die den Bewegungsspielraum des Manikers beschränken.

Bei der Aggression der Manie handelt es sich regelhaft um rasch aufwallende und im Grundsatz vorübergehende Impulse. Der Maniker kann in rasende Wut verfallen, seine Wut verfestigt sich aber nicht zu Hass.

5.4. Wahn

Im Gegensatz zur affektiven Symptomatik der Manie ist der Wahn vorwiegend durch Denkinhalte geprägt, die sich beim systematischen Wahn in stabile Wahnsysteme verfestigen. Eine der häufigsten Varianten des Wahns ist der paranoide Wahn; umgangsprachlich auch Verfolgungswahn genannt. Er kommt sowohl bei schizophrenen Psychosen als auch als sogenannte Paranoia vor. Im Verfolgungswahn wird das existenzielle Thema des Ausgesetztseins zum zentralen Thema des Denkens. Der Kranke erlebt sich feindseligen Kräften ausgeliefert, was heftige Affekte in ihm zum Leben erweckt.

Bei paranoiden Erlebnissen im Rahmen schizophrener Psychosen steht meist Angst im Vordergrund. Diese erstickt die potenzielle Wut über das vermeintliche Ausgeliefertsein entweder bereits im Keim oder sie überwuchert sie so sehr, dass der Kranke aggressive Impulse kaum je systematisch nach außen wendet.

Beim systematischen Wahn der Paranoia ist das nicht selten anders. Dort gewinnt der Hass die Überhand, sodass der Kranke zu Feindseligkeiten übergeht.

6. Psychologische Lösungen

Hass hat zwei Funktionen:

  1. Faktisches Ausgeliefertsein bedrohlichen Ausmaßes abzuwenden und damit die Person zu schützen.
  2. Die Erfahrung unabwendbaren Ausgeliefertseins abzuwehren und damit das egozentrische Selbstbild zu sichern.

Eine Unterscheidung, die auf den ersten Blick als haarspalterisch erscheint, ist beim zweiten wesentlich.

Während Hass, der sich zwecks Eingriff in den Lauf der Wirklichkeit nach außen wen­det, vorwiegend die Justiz beschäftigt, ist jener, der der Abwehr existenzieller Erfahrungen dient, ein Thema der Psychiatrie.

Tiefes ist Gemeinsamkeit, Trennendes ist Oberfläche.

Nichts schützt besser vor Hass als die Gewissheit, erfolgreich über sich selbst zu verfügen.... was zu folgender Deutung ermutigen kann: Da das Göttliche absolute Selbstbestimmung verwirklicht, ist es jeder Notwendigkeit enthoben, überhaupt etwas zu hassen. Da der Mensch aber kaum je in der Lage sein wird, sich jedem Ausgesetzt­sein vollständig zu entziehen, bedarf es zusätzlicher Weisheit. Um sich von der Gefahr des Hassens zu befreien, gilt es, tatsächliches Ausgesetztsein ohne inneren Vorbehalt zu erfahren.

Nur wer sich die Ohnmacht eingesteht, mit der ihn das Leben konfrontiert, wird keinen Hass entwickeln, der das eigene Ausgeliefertsein bedingungslos aus der Welt schaffen will.

Erfahrungsebenen

Schicht Erfahrung Selbstbild Konsequenz
Oberfläche

Tiefe

Hass Ich bin eine separate Einheit, die ihre Existenz im Kampf gegen andere behaupten muss. Hass bündelt das Selbstbild ins Ego. Er richtet die Aufmerksamkeit ausschließlich auf den äußeren Faktor, der zu vernichten ist; und damit auf Oberflächen, die aufeinanderprallen. Selbsterkenntnis ist im Zustand unreflektierten Hasses unmöglich.
Ausgeliefertsein Ausgeliefert zu sein ist Existenzbedingung meiner Rolle als separate Person. Wenn man das Ausgeliefertsein der Person anerkennt, erkennt man auch, dass man sich als Beobachter des Ausgeliefertseins davon entbinden kann. Die Erfahrung des Ausgeliefertseins ist reine Selbsterkenntnis. Indem es erkannt wird, wird die Identifikation mit der Person überschritten.

Wer das Ausgeliefertsein seiner Person ertragen kann, hat die Tür zum absoluten Selbst geöffnet. Er erkennt, dass die Person, deren Rolle er spielt, der Welt gehört, er selbst aber nicht.

6.1. Akzeptanz der Erfahrung
Sobald es Ihnen zusteht, nicht mehr ausgesetzt zu sein, wird es auch so kommen. Ersparen Sie sich auf dem Weg dorthin Hass. Erset­zen Sie ihn durch Selbstbeachtung.

Falls Sie in hilfloser Wut gefangen sind und Ihre Gedanken erfolglos um einen Umstand... eine Ungerechtigkeit oder eine erlebte Demütigung kreisen, der momentan nicht aus der Welt zu schaffen ist, dann akzeptieren Sie die Erfahrung ohnmächtigen Ausgeliefertseins. Keine Angst: Eine Erfahrung ohne inneren Widerstand zu durchleben, heißt nicht, sich für alle Zeiten in die Rolle zu fügen, aus der heraus die Erfahrung erlebt wird. Im Gegenteil: Je mehr Erfahrungen Sie machen, desto größer ist der Erfahrungsschatz, aus dem heraus Sie in Zukunft wirksam handeln können.

Gegen die Erfahrung des Ausgesetztseins zu kämpfen ist nicht das gleiche wie der Kampf gegen das, dem man ausgesetzt ist. Der Kampf gegen die Erfahrung ist ein unfruchtbares Ausweichmanöver, das Ihre Kraft für den falschen Zweck verwendet. Wer nicht mehr gegen die Erfahrung der Ohnmacht kämpft, hat den Kopf frei, zu tun, wozu er die Macht hat.

6.2. Eingeständnis
Wenn Sie Hass nicht ersetzen können, dann stellen Sie sich in sein Feuer. Achten Sie darauf, dass kein Funke nach außen entweicht. Um die Tür nach innen zu öffnen, brauchen Sie die ganze Glut.

Noch tiefer kann die Akzeptanz der Energie des Hasses wirken. Wenn es Ihnen nicht gelingt, sich von Wut und Hass zu befreien, indem Sie die Ohnmacht Ihrer Person gegenüber äußeren Faktoren eingestehen, dann akzeptieren Sie die Ohnmacht Ihrer Person gegenüber dem eigenen Hass. Lassen Sie Ihren Hass wie einen Brand in sich gewähren. Sorgen Sie dabei strikt dafür, dass das Feuer nicht auf die Außenwelt übergreift. Konkret heißt das...

Etwas einzugestehen heißt nicht, es anderen zur Last zu legen. Es heißt, in dem stehen zu bleiben, wofür man einsteht.

Wer glaubt, es sei tatsächlich etwas Äußeres, das sein Inneres bestimmt, pflegt ein Selbstbild des Ausgeliefertseins, das nur der egozentrischen Deutungsebene der Person entspricht. Wenn Sie sich von der Vorstellung lösen, die Energie des Hasses habe der Zerstörung äußerer Feinde der Person zu dienen, hat das Feuer freie Bahn, in Ihnen selbst das niederzubrennen, was Sie von innen heraus ohnmächtig macht. Nur Mut: Es sind nur Angst, Eitelkeit und Illusion. Wer Hass in sich behält, ohne auf das zu zielen, was ihn auslöst, verbrennt darin, was ihn verursacht.