Auf dem Jahrmarkt überhört man das Zirpen der Grille.

Jeden gibt es zweimal. Als Wachsein, das nichts anderes als Wachsein ist und als Mitspieler in der Raumzeit. Ist man wach, spielt man mit. Weiß man nicht, dass man wach ist, ist man Spielball.

Sie sind die Leere, die keine Grenzen hat, die Stille, in die alles eingeht und das Jetzt, das niemals endet.

Habgier entspringt der Angst derer, die nicht sicher sind, dass es sie gibt.

Dass Sie der sind, der so ist, wie er ist, ist Zufall. Bedeutsam ist, dass Sie sind, was keine Form hat.

Wer sein Maß nicht findet, wird vom Leben eingeschränkt. Wer einge­schränkt wird, fühlt sich zurückgesetzt. Wer sich zurückgesetzt fühlt, will mehr, um die Kränkung zu heilen. Wer mehr will, verliert das Maß aus den Augen.

Meditation


  1. Begriffsbestimmung
  2. Grundsätzliche Technik
  3. Stufen der Meditation
    1. 3.1. Bündelung der Aufmerksamkeit
    2. 3.2. Erkenntnis innerseelischer Inhalte
    3. 3.3. Verwirklichung des Subjekts
  4. Störfaktoren und Probleme
    1. 4.1. Gedanken und Urteile
    2. 4.2. Wahrnehmung und Veränderlichkeit
    3. 4.3. Eingriff und Betrachtung
  5. Wirkungen
  6. Meditation und alltägliche Verrichtung
  7. Ablösung und Wirklichkeitserfahrung

Das mächtigste Heilmittel zur Eigentherapie seelischer Erkrankungen ist Meditation. Das bedeutet nicht, dass Meditation bei allen psychia­trischen Erkrankungen problemlos anzuwenden wäre. Es gibt Erkrankun­gen, gegen deren Grundsymptomatik sie keine WirkungDazu zählen vor allem die demenziellen Erkrankungen durch Abbau organischer Strukturen. zeigt und solche, bei denen sie die Symptomatik verschlimmernDazu gehören akute Psychosen. Bei der akuten Psychose kommt es zu Störungen in den Transmittersystemen des Gehirns. Es entstehen Trugwahrnehmungen. Dadurch kann die Fähigkeit, zwischen realen und halluzinatorischen Erlebnissen zu unterscheiden, verloren gehen. Eine betonte Bündelung der Aufmerksamkeit auf das, was im Inneren der Psyche wahrgenommen werden kann, kann dabei mehr Verwirrung stiften als sie Einsicht schafft. kann.

1. Begriffsbestimmung

Bei der Meditation wird das Bewusstsein auf das ausgerichtet, was wahrgenommen werden kann. Dabei gilt es, sich aus dem Gedankenfluss heraus in reine Achtsamkeit zu lösen.

Ein Blick auf die Herkunft des Begriffs verdeutlicht, worum es geht. Meditation geht auf die indogermanische Wurzel me[d] = abmessen, abschreiten zurück. Zur selben Wortfamilie gehören das Maß, die Muße und die Medizin. Ein Mediziner misst das Problem des Patienten ab. Dann ergreift er angemessene Maßnahmen.

Wahrnehmung kann Zugriff sein, oder Hingabe. Ist sie Zugriff, bleibt das Subjekt gebunden, ist sie Hingabe, hat es sich verwirklicht.

Auch bei der Meditation geht es um Muße und Maß­nehmen. Muße und Maßnehmen stehen im Gegen­satz zur Geschäftigkeit der Einflussnahme, zum Machen, Anstreben, Bewirken- und Verhindern­wollen, von dem die Menschenseele im Alltag beherrscht wird.

Wer meditiert, lässt die Dinge auf sich beruhen. Statt Pläne zu schmieden und die Wirklichkeit gemäß seiner Pläne zu formen, hält er inne. Aus einer Position gelassener Achtsamkeit heraus nimmt er wahr, was im Lichtschein der Achtsamkeit auftaucht, ohne das Erkannte Urteilen und Absichten zu unterziehen. Dabei erkennt er das Maß, in dem die Dinge und er selbst zueinander stehen.

Anwendungsbereiche

Meditation kann als therapeutisches oder spirituelles Mittel betrieben werden. In beiden Fällen ist sie eine systematische Erforschung des geistigen Innen­raums, als deren Folge das Selbstbewusstsein des Meditierenden wächst.

2. Grundsätzliche Technik

Die eigentliche Technik der Meditation ist die Fokus­sierung der Achtsamkeit auf das Hier-und-Jetzt. Alle Wirklichkeit, die wahrgenommen werden kann, durch­quert den Zeitpunkt der Gegenwart. Daher gilt es, das Bewusstsein auf dieses Hier-und-Jetzt zu richten. Nur dort und in diesem Moment gibt es etwas zu erkennen.

Normalerweise achten wir nur beiläufig auf das, was tatsäch­lich geschieht. Wir gehen von hier nach dort, fahren Auto, essen, putzen uns die Zähne, vollziehen die Notwendigkeiten des Alltags. Meist sind wir dabei nicht bei der Sache, sondern folgen dem Kreisen der Gedanken um Pläne, Wünsche, Sorgen, Hoffnungen und dem Kummer darüber, dass die Welt nicht so ist, wie sie angeblich sein sollte. Wer im Kreisen der Gedanken bleibt, nimmt jedoch nur nebenbei an der Wirklichkeit teil; denn ein solches Denken befasst sich nicht mit der Wirklichkeit. Es befasst sich mit den Erwartungen, die wir an sie richten und endet an den VorstellungenVorstellungen sind Bilder, die wir vor uns stellen. Indem wir sie vor uns stellen, versperren wir uns den Blick auf die Wirklichkeit. Vorstellungen sind Mischungen aus tatsächlich Erkanntem und bloß Vermutetem, durch das wir die Lücken im Bild auffüllen., die wir von ihr haben.

Am besten richten wir die Achtsamkeit auf das Wirkliche aus, indem wir alle Aktivitäten einstellen, die uns davon ablenken. Wer meditiert, sitzt daher meist bewegungslos und tut scheinbar nichts. Sein Geist ist jedoch hellwach. Er versucht das, was er wahrneh­men kann, vorurteilsfrei zu erleben. Dazu achtet er auf sinnliche Wahrnehmungen ebenso wie auf seelische Ereignisse, die vor seinem inneren Auge auftauchen.

Kategorien des Wahrnehmbaren

Kategorie Was gehört dazu?
Sinnlich
Mittelbar
Alles, was man hören, sehen, riechen, schmecken oder fühlen kann. Dazu gehören auch die sensorischen Wahrnehmungen der Körperfunktionen, also Atmung, Schmerzen und Verspannungen, das Klopfen des Herzens, Kribbeln auf der Haut, die Lage der Zunge im Mund, der Druck des Gewichts auf der Unterlage.
Seelisch
Unmittelbar
Gedanken, Erinnerungen und Urteile, seelische Gefühle, Zusammenhänge zwischen Gedanken und Gefühlen, Handlungsimpulse, virtuelle Bilder, willentliche Manöver innerhalb des geistigen Betrachtungsraums, Grad von Wachheit und Konzentration.

3. Stufen der Meditation

Bei der Meditation können drei Stufen unterschieden werden.

  1. Bündelung der Aufmerksamkeit
    Die erste Stufe ist eine Übung zur selbstbestimmten Auswahl von Bewusstseinsinhalten.
  2. Erkenntnis innerseelischer Strukturen
    Die zweite Stufe besteht aus einer Untersuchung von Bewusstseinsinhalten.
  3. Verwirklichung des Subjekts
    Die dritte Stufe dient der Auflösung der Identifikation mit Bewusstseinsinhalten.... und dazu gehört zuletzt das egozentrische Selbstbild.
3.1. Bündelung der Aufmerksamkeit

Voraussetzung vertiefter Selbstwahrnehmung ist die Fähigkeit des Bewusstseins, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte auszurichten. Das ungeschulte Bewusstsein ist häufig zerstreut. Zerstreut heißt: Es folgt weitgehend ungesteuert dem Fluss mentaler Inhalte, zu dem sich Sinnesreize und darauf reagierende Gedanken verweben.... die sich ihrerseits durch assoziative Verkettungen spontan fortsetzen.

Vielen gelingt es nicht, ihre Aufmerksamkeit so lange auf ausgewählte Inhalte ihres Inneren zu bündeln, bis der Inhalt und seine Rolle im seelischen Prozess verstanden ist. Ständig werden sie durch irgendetwas abgelenkt: durch jedweden Reiz aus der Außen­welt oder den nächstbesten Gedanken, der auftaucht.

Diesem Übel abzuhelfen, dient die erste Stufe der Meditation. Dabei wird geübt, mit der Aufmerksamkeit bei einem bestimmten Wahrnehmungsobjekt zu bleiben, ohne dem unaufhörlichen Fluss anderer Bewusstseinsinhalte zu folgen.

Ein gängiges Wahrnehmungsobjekt, das von Meditierenden aller Kulturkreise genutzt wird, ist die Atmung. Der Meditierende bündelt die Aufmerksamkeit auf den Atmungs­prozess. Ohne einzugreifen, beobachtet er das Schwingen seiner Atemzüge.

Tiefenpsychologische Introspektion kann sich als rein psychiatrisches Verfahren betrach­ten. Dann strebt sie psychische Heilung an. Oder sie definiert sich als Etappe auf dem Weg zu spiritueller Erkenntnis. Dann ist seelische Heilung ihr Ziel.
3.2. Erkenntnis innerseelischer Inhalte

Die zweite Stufe der Meditation entspricht der Selbstwahrnehmung der Person. Dabei handelt es sich um eine systematisierte Praxis der Introspektion,Von lateinisch introspicere = hineinblicken. Introspektion ist der Einblick in das innerseelische Wahrnehmungsfeld auf dem die Objekte (z.B. Gedanken, Impulse und Gefühle) des relativen Selbst wahrgenommen werden können. die von selbst­bewusstenDer Begriff selbstbewusst wird hier im reinen Wortsinn verwendet. Selbstbewusst ist, wer sich die Inhalte, Motive und Strukturen seiner selbst bewusst macht. Personen spontan ange­wendet und in der tiefen­psychologischen Psycho­therapie gezielt ermutigt wird.

Hat der Meditierende gelernt, seine Aufmerksamkeit aus der beliebigen Verführbarkeit durch Reize zu lösen und selbstbestimmt auszurichten, nutzt er sie, um den Fluss seiner mentalen Inhalte zu untersuchen. Dabei denkt er nicht vorrangig über Inhalte nach, sondern er betrachtet sie, um ihren Ursprung, ihr Wesen und ihre Wirkungen zu erkennen.

In der zweiten Stufe der Meditation versucht der Übende, sein relatives Selbst und damit die Eigenschaften und Reaktionsmuster seiner Person zu verstehen.

Meditation und Therapie

Die Stufen eins und zwei der Meditation können therapeutischen Techniken zugeordnet werden:

3.3. Verwirklichung des Subjekts
Das Selbst ist verwirklicht, wenn es die Wirklichkeit von sich aus als Ganzes betrachtet, ohne sich mit einem ihrer Bestandteile gleichzusetzen. Das absolute Selbst ist nicht dies oder das. Es ist alles und nichts.

Wer erkannt hat, wer er ist, erkennt, dass es kaum Bedeutung hat, das zu erkennen. Wer glaubt, dass es große Bedeutung hat, hat sich noch nicht erkannt. Bedeutung ist ein Konzept diesseits wahrer Bedeutung. Dem, der Bedeutungslosigkeit fürchtet, dient es, seiner Furcht zu begegnen. Dem, der sich erkannt hat, ist es zu nichts mehr nütze.

Das Leben ist eine Erscheinungsform des Seins, das Totsein ebenfalls. Sterben ist Übergang von Formen ineinander. Das Sein bleibt davon unberührt.

Betrachten Sie die Wirklichkeit respektvoll. Hören Sie auf, an ihr herumzunörgeln. Nehmen Sie wahr, wie sie in Ihnen in Erscheinung tritt. Glauben Sie nicht, sie sollte anderes sein. Tun Sie, wodurch Sie werden können.

In Stufe drei wird Meditation spirituell. Hier geht es um mehr, als um eine verbesserte Kenntnis der relativen Selbst.

Führt man die Introspektion auf Stufe zwei über den egozentrischen Nutzen hinweg fort, erkennt man die eigene Person als ein sich laufend veränderndes Objekt, dem drei wesentliche Eigenschaften zukommen: Es ist vorübergehend, unbefriedigend und leer.

Die Einsichten der dritten Stufe der Meditation sind das Ziel spiritueller Religiosität.

Alle drei Stufen der Meditation befassen sich mit Aspekten des relativen Selbst.

Zweite und dritte Stufe der Meditation

Selbsterkenntnis Selbstverwirklichung
Das Ich erkundet die wahrnehmbaren Inhalte der Person, ihre Beziehungen zueinander sowie ihre Beziehungen zum Umfeld (Nicht-Ich). Es bleibt mit der Person identifiziert und betrachtet die Wirklichkeit aus deren Perspektive. Sobald das Ich wahrnehmbare Inhalte der Person erkennt, macht es sich klar, dass sie nicht seinem Selbst entsprechen, sondern beobachtbare Erscheinungen einer Wirklichkeit sind, deren Ereignisverkettung zwar die Person, nicht aber es selbst, unterworfen ist.
Das Ich lernt, besser zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden. Das Ich hebt die Unterscheidung zwischen Welt und Person auf.
Das Subjekt studiert seine Person als Objekt der Wirklichkeit. Das Subjekt erkennt, dass es selbst kein Objekt der Wirklichkeit sein kann.
Ich bin dieser oder jener Teil der diesseitigen Wirklichkeit. Ich hebe mich als besonderer Teil aus ihr heraus und bin dadurch in sie eingebunden. Ich bin kein besonderer Teil der Wirklichkeit. Weil ich Sehendes bin, liege ich ihrem Wirklichsein zugrunde. Ich bin als das Gewahrsein der diesseitigen Wirklichkeit aus ihr entbunden.
Blickrichtung: intramentalSchaut Inhalte an. Blickrichtung: transmentalSchaut an Inhalten vorbei.
Bewusstwerden des relativen Selbst Verwirklichung des absoluten Selbst

Die Erkenntnis, die der Selbstverwirklichung zugrunde liegt, ist anderer Art als das Erkennen von Objekten und deren Verhältnissen zueinander. Das verwirk­lichte Subjekt erkennt sich nicht als Objekt. Es erkennt, dass es mit keinem Objekt identisch ist und somit keiner BegrenzungZum Beispiel: Endlichkeit, Erzeugbarkeit, Zerstörbarkeit, Bestimm- bzw. Begrenzbarkeit durch andere Objekte. unterliegt, die das Wesen der Objekte bestimmt. Als geistiger Raum bleibt das Subjekt unbeschädigt. Nur Inhalte kommen und gehen.

Die Evolution meint es gut. Damit sie Gefahren und Gelegenheiten rasch bemerkt, hat sie die Aufmerksamkeit der PersonDas heißt: des relativen Selbst. auf Veränderliches ausgerichtet. Deshalb wird der Blick des Meditierenden von allem angezogen, was kommt und geht. Umso schwerer ist es daher, zu dem zu finden, was ist und bleibt: das absolute Selbst, für das Vor- und Nachteil keinerlei Bedeutung hat.

4. Störfaktoren und Probleme

Die Ausrichtung der AufmerksamkeitHier ist der Begriff Ausrichtung metaphorisch gemeint. Das absolute Selbst befindet sich nicht dergestalt an einem festen Ort, als dass es anderswo nicht wäre. Es verhält sich eher wie die elementare Erscheinungsform der Materie. Es ist Möglichkeit, nicht definiertes Da- und Sosein. auf das absolute Selbst wird nicht nur durch körperliche Aktivitäten und Empfindungen gestört. Potentiell störend sind vor allem Gedanken und Urteile. Ein weiteres Problem liegt im Wesen der Wahrnehmung selbst. Wahrnehmung spricht auf Unterschiede, Kontraste und Veränd­erungen an. Mit der Erkenntnis des Unveränderlichen tut sie sich schwer. Als dritter Störfaktor ist der blinde Eifer zu erkennen, mit dem sich die Psyche ans Werk macht, das Wohlbefinden der Person zu steigern.

4.1. Gedanken und Urteile

Gedanken

Auftauchende Gedanken verführen dazu, das Hier-und-Jetzt zu verlassen und über die Belange der eigenen Person nachzusinnen.

Urteile

Da es uns als Personen stets um Vor- und Nachteil geht, neigen wir dazu, alles Wahrgenommene zu beurteilen.

Jedes Ego ist verengt, weil es Angst hat, zu verlieren und zu wissen glaubt, was gewonnen werden muss.

Urteile sind Aktivitäten des Ego. Aus Angst vor Verlust versucht es, seine Position zu sichern. Gemäß dem Vorteil, den es sich davon verspricht, ordnet es alles entlang der Kategorien gut und schlecht. Mit gut meint es: Was zu meinen Erwartungen passt. Mit schlecht meint es: Was nicht dazu passt. Was sich ungebetenerweise schädlich einschleicht. Durch seine Neigung, Wirkliches durch egozentrische Urteile abzuwerten, stört das Ego die Wahrnehmung beträchtlich.

Das Gute und die Sicherheit

Gut entstammt der indogermanischen Wurzel ghedh = passen, umklammern, zusammenfügen. Zur selben Wortfamilie gehören Gitter, Gatter und Gatte. Was als gut empfunden wird, bezieht sich auf das, wozu es passen soll.

Der Mensch befasst sich mit der Frage, wie er sein soll, damit er als gut zu bewerten ist. Gut, wenn er dabei einsieht, dass sein Urteil vom Bedürfnis nach Zugehörigkeit bestimmt wird. Man will gut sein, damit man zu dem passt, was Schutz und Vorteil verheißt.

Für den, der nicht erkennt, dass hinter dem Urteil ein egozentrisches Bedürfnis steckt, verwandelt sich das Urteil von einem Gatter, das ihn schützt, zu einem Gitter, hinter dem er den Verstand gefangen hält. Nur im Heiligen überwindet das Gute seine RelativitätRelativität geht auf die lateinische Wurzel relativus = sich beziehend zurück. Wert und Bedeutung des Relativen wird von dem mitbestimmt, auf das es sich bezieht. Im Heiligen sind die Dinge nicht relativ, weil sie im Heiligen nicht miteinander in Beziehung stehen, sondern ins Ganze verschmelzen. Das Ganze ist kein Konstrukt aus Teilen, sondern das, was Geteiltsein überschreitet..

Eine wesentliche Aktivität beim Meditieren besteht im Erkennen dessen, was man denkt und wie man urteilt. Statt auftauchende Gedanken weiterzuspinnen und sich in den Vermutungen und Spekulationen des Denkens zu verlieren, kehrt man durch die Betrachtung des eigenen Denkens in die Gegenwart der Wirklichkeit zurück. Statt zu urteilen, schaut man hin, wie man sich durch Urteile ein Weltbild baut, das als Teil der Welt immer nur klein sein kann. Sobald man erkennt, dass die Welt des Ego klein sein muss, blickt man über es hinaus.

Gedanken
Aufgreifen und entwickeln oder wahrnehmen und loslassen

Gedanken sind Elemente der Wirklichkeit. Sie durchqueren das Jetzt. Daher geht es bei der Meditation nicht darum, das Denken abzuschalten. Das wäre eine absichtliche Einflussnahme. Es widerspräche der meditativen Grundhaltung der Gelassenheit und führte nicht zur Erkenntnis, sondern zu einem Konflikt mit der Wirklichkeit.

Während der Gedanke an sich als virtuelles Objekt aber stets wirklich ist, ist das Bild, das er von der Wirklichkeit entwirft, bloß vorgestellt. Das Denken entwirft aus einem Erfahrungsschatz, der auf das Wenige zurückgreift, was die Person aus ihrem Blickwinkel bislang erfuhr. Je mehr Schritte das Denken geht, desto spekulativer wird sein Inhalt und desto weniger gleicht die entworfene Vorstellung der Wirklichkeit, über die das Denken seine Vermutungen anstellt.

Das Denken ist ein Werkzeug des relativen Selbst. Es dient dazu, dessen Position in einer Dualität zu verbessern, die sein Dasein stets in Frage stellt. Es sucht nach Erkenntnissen, um zum eigenen Vorteil in die Wirklichkeit einzugreifen: Wie konnte es dazu kommen, das dies und das geschah? Was hätte ich damals besser machen können? Wie kann ich in Zukunft Fehler vermeiden? Was muss ich heute tun, damit ich später nichts bereue? Welche Gefahr kommt auf mich zu?

Das absolute Selbst liegt jenseits dualer Gegen­sätze. Es liegt außerhalb des Denkens und jenseits der uns bekannten Form bewussten Seins; das sich vorübergehend öffnet, damit sich das relative Selbst darin den Kopf über Gewinn und Verlust zerbricht. Zum absoluten Selbst dringt vor,Ein Vordringen findet nur aus der Perspektive des relativen Selbst statt. Als absolutes weiß das Selbst, dass es nie etwas anderes als das absolute war. wer keinem Gedanken mehr folgt.

Im Alltag neigen wir dazu, Gedanken aufzugreifen... Oliver hat sich neulich unmöglich benommen... und weiterzuentwickeln... dabei dachte ich, er sei ein ernst zu nehmender Kollege... . Dadurch entwerfen wir Vorstellun­gen... Kein vernünftiger Chef wird Mitarbeiter mögen, die am Rosenmontag mit Pappnase ins Büro kommen und dann auch noch albern auf der Tröte blasen. Es wird wohl besser sein, zu Oliver auf Abstand zu gehen., deren Wahrheitsgehalt wir nur lückenhaft an der Wirklich­keit überprüfen. Sinn der Entwicklung gedanklicher Bilder ist der Entwurf komplexer Simulationen, anhand derer wir im Voraus berechnen, was uns nützt.

Bei der Meditation geht es nicht darum, mit Hilfe unserer Spekulationen über die Wirklichkeit zu entscheiden, was uns nützt oder schadet. Es geht ausschließlich darum, die Wirklichkeit zu erkennen, wie sie ist. Da sich Gedanken aber spekulativ von der Wirklichkeit entfernen, nimmt man sie in der Meditation bloß wahrAha, ich bin also der Meinung, dass sich Oliver unmöglich benommen hat... und lässt sie dann los...sei's drum, so bin ich eben. Irgendwie muss man ja sein..

4.2. Wahrnehmung und Veränderlichkeit

Wahrnehmung wird zu einem großen Teil mittelbar durch Sinnes­organe bewerkstelligt. Ein zweiter Modus der Wahrnehmung ist unmittelbar. Mit ihm erkennt man innerseelische Ereignisse. Beiden Wahrnehmungsarten ist eines gemeinsam: Sie erkennen vor allem VeränderungenSchauen Sie zum Fenster hinaus. Was Sie an einem windstillen Tag als erstes wahrnehmen, ist der Vogel, der von einem Baum zum anderen fliegt..

Tauchgänge
Die Wirklichkeit ist ein Ozean. Während an der Oberfläche je nach Windrichtung und -stärke Wellen plätschern und das Sonnenlicht mit den Korallen spielt, wird es mit zunehmender Tiefe stiller. Im Gegensatz zu einem Ozean aus Wasser, hat der Ozean der Wirklichkeit aber keinen Boden, über den, wenn auch fast unmerklich träge, die eine oder andere Strömung fließt. Der Abgrund der Wirklichkeit reicht bis in die Ewigkeit hinein,Der Begriff hinein kann in die Irre führen. Er suggeriert, dass sich dort - im Inneren der Ewigkeit - nur der Abgrund der Wirklichkeit befindet und dass es eine Oberfläche der Wirklichkeit gibt, die außerhalb stünde. Die Unterscheidung zwischen innen und außen wird aber durch unsere Position als Betrachter bedingt, die das Objekt dem Subjekt als ein Etwas gegenüberstellt, das ihm nicht angehört. die kein Wahrnehmungsorgan an Veränderungen erkennt. Die Ewigkeit verwirklicht sich daher selbst. Sie kann das Verwirklichte sehen. Das Sehen ihrer selbst kann jedoch kein Sehen sein, das dem Sehen des Verwirklichten entspräche.

Auf der ersten Stufe der Meditation spielt dieses Phänomen zunächst eine geringe Rolle. Die Gedanken im Kopf flattern wie Vögel daher. Es macht keine Mühe, sie wahrzunehmen. Im Gegenteil: Sie drängen in den Vordergrund.

Unterhalb der Gedanken kommt die Ebene der Gefühle, AffekteSobald ich an Olivers Auftritt im Büro denke, taucht ein Unbehagen auf.... und ImpulseSobald mir allerdings Marlenes Hüftschwung in der Sinn kommt..... Im Vergleich zu den Gedanken, die sekunden­schnell einen erkennbaren Begriff an den nächsten reihen, ist die Bewegung auf dieser Ebene bereits träger.

Noch träger verändern sich grundsätzliche Stimmungen. Je tiefer man daher ins Innere blickt, desto mehr Geduld braucht man, um die in der Tiefe zunehmend beständiger werdenden Zustände wahrzunehmen.

Bei der spirituellen Vertiefung der Meditation geht es um Ebenen der Wirklichkeit, die sich innerhalb eines Menschen­lebens über­haupt nicht verändern. Zuletzt geht es dort um die Realisierung der Ewigkeit.

Der Begriff Realisierung zeigt dabei an, dass die Ewigkeit nicht wie ein Gegenstand, ein Feld, ein Verhältnis oder ein Prozess wahrgenommen werden kann. Das Verb realisieren hat eine doppelte Bedeutung. Er bedeutet sowohl...

Das erkennende Subjekt verwirklicht sich, in dem es gewahr wird, dass es keinem erkennbaren Objekt entspricht und sich fortan allen Objekten gegenüber seinem tatsächlichen Wesen entsprechend abgelöst verhält.

4.3. Eingriff und Betrachtung

Das Grundmotiv des normalen Bewusstseins ist die Verbesserung des Wohlbefindens der Person durch Eingriff in die Wirklichkeit. Tauchen Störungen in Form unangenehmer Gefühle auf, wird das Bewusstsein tätig. Das gilt für leibnahe Wahrnehmungen....

Normal
Ich handele, um das Wohlbefinden der Person zu steigern.

Meditativ
Ich betrachte, um die Art des Befindens der Person zu verstehen.

... und für seelische Befindlichkeiten ebenso...

Eingriffe zwecks Verbesserung der Befindlichkeit vertiefen die Identifikation mit der eigenen Person. Durch den Eingriff verstrickt man sich ins Netzwerk der geformten Dinge,... also der Bedingungen und Bedingtheiten.... aus der die Welt besteht und zu dem die Person gehört.

Drei Schritte aus der Verstrickung
  1. Wenn man nichts mehr wünscht als Einsicht in das, was geschieht.
  2. Wenn man nichts mehr wünscht als Einsicht in das, was geschieht.
  3. Wenn man so viel einsieht, dass man nichts mehr wünscht.

Das Grundmotiv des meditativen Bewusstseins liegt in der Betrachtung der Dinge. Im Gegensatz zum verstrickenden Eingriff, führt die reine Betrachtung zur Des-Identifikation von allen Formen, die betrachtbar sind. Reine Betrachtung ist ablösende Erkenntnis.

Ein wesentlicher Störfaktor der Meditation liegt darin, dem Drang zur Verbesserung zu folgen, statt ihn zu sehen.

5. Wirkungen

Meditation ist Übung. Wer meditiert übt, die Wirklichkeit vorurteilsfrei zu erkennen. Am besten wirkt sie, wenn man sie regelmäßig praktiziert. Da sie die Aufmerksamkeit auf den Ort in der Raumzeit lenkt, an dem man sich selbst befindet, zentriert sie das Leben in die eigene Mitte.

Meditation...

Kreisverkehr im Kopfkino
  • Fiktive Dialoge mit Bezugspersonen
  • Grübeleien über das, was hätte sein können
  • Vermutungen darüber, was in anderen vorgeht
  • Argumente sammeln, dass es so, wie es ist, nicht sein darf
  • Klagen über Zustände der Welt, die man durch hastige Urteile zu Missständen erklärt
  • Vorwürfe an die Vergangenheit
  • Rechtfertigung eigener Fehler

Durch beharrliches Üben kommt es dazu, dass sich der Schwerpunkt des Lebens bei den Besorgungen des Alltags verschiebt. Statt aus der Angst der Person heraus nach allem zu greifen, was Vorteil verspricht, erkennt man in der Mitte des Selbst, dass einen vieles gar nichts angeht; oder dass es so wenig Bedeutung hat, dass viel Aufhebens darum abwegig ist. Man tut weniger.Überhaupt: Meist muss man weniger tun, um selbstbewusster zu werden. Weniger zu tun heißt aber nicht, sich treiben zu lassen. Weniger zu tun heißt, dem Treiben zuzuschauen. Das wenige Wichtige tut man aber effektiv. Während man tut, ist man im Geiste bei dem, was getan wird.

6. Meditation und alltägliche Verrichtung

Meditation in der sitzenden Grundhaltung ist eine spirituelle Praxis, die als Ritual in den Alltag eingefügt werden kann. Das Ritual selbst ist aber nur Mittel zum Zweck. Es dient der Ausrichtung der Achtsamkeit auf die innere und äußere Wirklichkeit, der wir im Hier-und-Jetzt begegnen.

Wenn man darin geschult ist, die Achtsamkeit aus dem Kreisverkehr des Vermutens, Spekulierens, Beklagens sowie der Inszenierung fiktiver Dialoge herauszulösen und auf das auszurichten, was tatsächlich als wahr festzustellen ist, kann das Ritual des Sitzens zugunsten einer meditativen Grundhaltung aufgegeben werden.

Unio mystica

Spirituelle Traditionen beschreiben eine besondere Erlebnisweise: die sogenannte Erleuchtung, auch Satori bzw. Samadhi genannt. Meist wird dieses Erlebnis durch meditative Praktiken angestrebt, aber nur selten verwirklicht. Im erleuchteten Bewusstsein wird die egozentrische Anordnung des Wahrgenommenen entlang eines dualistischen Konzepts der Realität aufgegeben. Das Erfahrende schreibt der Person keine eigenständige Realität mehr zu, die es als wahrnehmendes Subjekt interpretiert. Es sieht die Person als Ausdruck, Organ oder Eigenschaft einer Wirklichkeit, in der alles in ein Ganzes verschmolzen ist, das in jedem Akt des Erkennens Gewissheit findet.

Viele suchen in der Meditation nach diesem Erlebnis. Wer bedauert, nicht erleuchtet zu sein, belegt jedoch, dass er nicht reifIm Kummer, nicht erleuchtet zu sein, weist der Bekümmerte seiner Person eine Bedeutung zu, die ihn verblendet. Man kann nur erleuchtet sein, wenn man weder den Vorsatz hat noch das Ziel verfolgt, erleuchtet zu werden. Statt Erleuchtung zu suchen, gilt es zu sehen, was im Licht zu erkennen ist. Erleuchtung ist kein Ziel, das man erreichen könnte. Sie ist die Erkenntnis, dass alles aus einem Licht besteht, in dem sich jedes Erreichenwollen erübrigt. dazu ist.

Eine meditative Grundhaltung nehmen wir ein, wenn uns im Rahmen alltäglicher Begegnungen und Ereignisse bewusst wird, wie unser Inneres tatsächlich auf das jeweilige Ereignis reagiert. Aus der Grundhaltung heraus betrachten wir zunächst den Lauf der Dinge... und handeln dann. Ohne sie, sind wir reflexartig mit der Einwirkung auf die äußere Wirklichkeit beschäftigt.

Die Reflexe stammen dabei aus erlernten Mustern, die sich das Ego aus den zufälligen Erfahrungen der Vergangenheit zurechtgelegt hat. Oft werden diese Muster der Gegenwart nicht gerecht. Ohne die Wahrnehmung dessen, was jeweils wirklich ist, bleibt man in überkommenen Mustern gefangen.

7. Ablösung und Wirklichkeitserfahrung

Die konsequente Wahrnehmung dessen, was auf der Lichtung des Bewusstseins auftaucht, führt dazu, dass sich das Subjekt des Betrachters zunehmend aus irrtümlichen Identifikationen löst. Wer seine Gedanken, Impulse, Gefühle und Absichten erkennt, ohne sich von Ihnen zur Vorteils­nahme verführen zu lassen, stellt fest, dass all diese Inhalte flüchtige Formen sind, die zwar zu der Person gehören, die er von innen heraus erkennt und zu dem Ego, das sich als Anwalt dieser Person begreift, dass er selbst aber weder das Ego noch die Person ist, die er sieht.

Wie das Hinwollen wegführt

Sobald man im Glauben übt, so und so viel üben zu müssen, um ans Ziel des Übens zu kommen, richtet man die Aufmerksamkeit auf ein Dort-und-dann. Das Ziel ist aber Hier-und-jetzt.

Damit wird dem Subjekt des Betrachters etwas Wesentliches klar: Es selbst ist keine jener Formen, die es erkennen kann. Das Subjekt ahnt, dass es formlos ist und als formloses Prinzip der Wirklichkeit des Geformten zugrunde liegt. Wer sich nicht mehr damit aufhält, als etwas Geformtes Partei der eigenen Form zu sein, kann unbegrenzte Wirklichkeit erfahren. Der völlige Verzicht auf Parteilichkeit wird nur Wenigen gelingen. Jeder Schritt darauf zu ist ein Schritt auf dem Weg, mit sich selbst im Reinen zu sein.