Nur durch Selbstbestimmung kommt der Mensch zu sich selbst. Alles, was den Menschen in seiner Objekthaftigkeit festhält, widerspricht seinem innersten Wesen. Fremdbestimmung widerspricht seelischer Gesundheit.

Über sich selbst zu bestimmen heißt, mit sich selbst übereinzustimmen.

Seitdem man glaubt, die Freiheit sei gewonnen, wird sie durch Ansprüche wieder abgebaut.

Was das Subjekt unterordnet, ist Barbarei.

Fremdbestimmung


  1. Begriffsbestimmung
  2. Steuerungsinstanz und seelische Gesundheit
  3. Einschränkungen der Entscheidungsfreiheit
  4. Vorsichtsmaßnahmen

1. Begriffsbestimmung

Fremdbestimmung ist das Gegenteil der Selbstbestimmung. Eigentlich ist der Begriff Fremdbestimmtheit besser geeignet, den Sachverhalt zu benennen. Die Endsilbe -heit verdeutlicht, dass es sich um eine passiv-erleidende Rolle handelt. Umgangssprachlich hat sich aber der Begriff Fremdbestimmung eingebürgert.

So wie Selbstbestimmung als Autonomie (von griechisch: autos [αυτος] = selbst und nomos [νομος] = Gesetz) bezeichnet wird, wird Fremdbestimmung auch Heteronomie (griechisch: heteros [ετερος] = der Andere) genannt.

Wesen und Ausdruck

Seinem Wesen gemäß ist der Mensch Subjekt.Das Subjekt ist vollkommen transparent. Im Ausdruck ist er Objekt.Jedes Objekt ist auf seine Weise kompakt. Alles, was Objekt an ihm ist, drückt sein Wesen aus. Das Wesen des Wesens ist Möglichkeit. Was von der Möglichkeit verwirklicht wird, wird Wirklichkeit. Wirklichkeit ist nur ein Fall der Möglichkeit.

2. Steuerungsinstanz und seelische Gesundheit

Das Wesen des Menschen ist nicht gegenständlich. Zwar ist sein Körper ein Objekt, an dem äußere Kräfte ansetzen, je mehr man aber nach dem Selbst des Körpers fragt, desto mehr löst sich die Objekthaftigkeit auf und man entdeckt Subjektivität.

Objekte sind fremdbestimmt. Der Eimer...

Seelische Gesundheit
Kann jemand, der nicht mit sich übereinstimmt, seelisch gesund sein? Wohl kaum. Also kann sich seelische Gesundheit nur in Selbstbestimmung verwirklichen. Wer nicht über sich selbst bestimmen kann, kann nicht mit sich selbst übereinstimmen. Er ist folglich seelisch krank.

Es gibt Dinge, die wir nur tun, weil wir in Verkennung dessen, was wir tatsächlich sind, glauben, dass wir sie tun wollen. Was man für den eigenen Willen hält, hängt auch davon ab, wofür man sich selbst hält.

Mehr noch: Der Eimer ist nicht nur fremdbestimmt. Er erfüllt sein Wesen, indem er einem fremden Willen dient und Natur­gesetzen unterworfen ist.

All das gilt für das Subjekt nicht. Das Wesen des Subjekts erfüllt sich in Selbstbestimmung. Dabei sind zwei Bedeutungs­varianten zu berücksichtigen:

  1. Sich selbst zu bestimmen heißt, sich selbst zu erkennen.Analog zu Bestimmung des Cholesterinspiegels im Blut.
  2. Über sich selbst zu bestimmen heißt, zu entscheiden, was man tut.

Beide Bedeutungsvarianten der Selbstbestimmung gehen wechselseitig ineinander über.

2.1. Fremdbestimmung und Abhängigkeit

Fremdbestimmung und Abhängigkeit sind zwei Pole eines Kontinuums. Es deckt Zustände ab, bei denen die Steuerung des Individuums von außen erfolgt. Dennoch sind die Pole voneinander zu unterscheiden.

Zwischen Fremdbestimmung und Abhängigkeit gibt es Wechselwirkungen. Sie verstärk­en einander. Der Abhängige wird fremdbestimmenden Kräften kaum Widerstand leisten. Fremdbestimmung ihrerseits hält Menschen in Abhängigkeit, um sich ihrer zu bedienen.

2.2. Ebenen der Identifikation
Soziale Konflikte
Die Wahrscheinlichkeit, dass Impulse des Individuums soziale Konflikte verursachen, ist umso größer, je mehr die Impulse oberflächlichen Identifikationsebenen entspringen.
Selbstbestimmung, die aus dem absoluten Selbst heraus erfolgt, kann zwar in soziale Konflikte verwickelt werden, sie ist aber nie deren Ursache. Sie wird nur dann in Konflikte verwickelt, wenn sie durch Fremdbestimmung bedroht wird, die vom Selbstbestimmungs­anspruch eines anderen ausgeht, der aus der Identifikation mit seinem relativen Selbst heraus handelt.

Gewiss: Jeder Impuls, dem der Einzelne spontan folgen will, steht in Bezug zu ihm selbst; und jedes Hindernis, auf das er dabei trifft, zwingt ihm ein Maß an Fremd­bestimmtheit auf. Entweder wird er gezwungen, sein Ziel aufzugeben oder er muss das Hindernis überwinden. Hintergrund dessen ist zweierlei:

  1. Das Ich kann sich mit verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit identifizieren.
  2. Je nachdem, womit sich das Ich identisch fühlt, was es also für sich selbst hält, fallen die Impulse, die von ihm ausgehen, unterschiedlich aus.

Je nachdem, welcher Art selbstbestimmte Impulse sind, ver­stoßen sie gegen das Selbstbestimmungsrecht anderer. Oder sie tun es nicht. Das hat mit der Struktur des Individuums zu tun. Das Ich kann sich mit verschiedenen Elementen seines relativen Selbst gleichsetzen. Oder es anerkennt das absolute Selbst als sein wahres Wesen.

Der eine bestimmt seine Person; und kann aus Erkenntnis heraus über sie bestimmen. Der andere bestimmt aus seiner Persönlichkeit heraus, ohne deren Motive tatsächlich zu kennen.

2.3. Psychologischer Grundkonflikt

Der psychologische Grundkonflikt besteht im Ringen zweier Bedürfnisse um Vorherr­schaft:

  1. Dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit
  2. Dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Kräfte, die sich dem Individuum fremdbestimmend aufzwängen, wirken tief in den Konflikt hinein.

  1. Sie laufen dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung unmittelbar zuwider.
  2. Sie untergraben den Weg zu echter Zugehörigkeit, weil man dem, dem man unterworfen ist, nicht angehört, sondern gegenübersteht.

Die Lösung des Grundkonflikt heißt Zugehörigkeit in Selbstbestimmung. Wo Fremd­bestimmung unabwendbar ist, ist eine solche Lösung erschwert.

3. Einschränkungen der Entscheidungsfreiheit

Früher waren sich Kaiser und Kirche einig, dass der Mensch... von Papst und Kaiser abgesehen... als BefehlsempfängerDie sogenannten Subjekte der Obrigkeit wurden ohne zu verstehen, was ein Subjekt überhaupt ist, als Objekte behandelt. zu betrachten ist. Die Gesellschaft war unverblümt hierarchisch. Fremdbestimmung wurde allerorten offen praktiziert.Im Kinderzimmer befahl der Vater, in der Schule der Lehrer, in der Lehre der Meister, auf der Straße der Polizist, beim Militär der Oberst, in der Amtsstube der Staatsdiener, am Arbeitsplatz der Vorgesetzte, beim Beten der Priester.

Da der Einzelne den Strukturen der Entmündigung von der Wiege an ausgesetzt war, entstand eine Normalität, die soweit von seelischer Gesundheit... die man mit dem Kleingeist angepasster Untertanen verwechselte. entfernt war, dass es nur wenige gab, die den Unterschied zwischen Gesundheit und NormalitätDas Leiden an der Kultur ist keineswegs ein Leiden an Kultiviertheit. Es ist ein Leiden an kulturellen Vorgaben, die irrigerweise mit Kultiviertheit verwechselt werden. Vieles, was als Kultur bezeichnet wird, ist im gleichen Zuge Barbarei. überhaupt erkannten.

Früher platzte die Fremdbestimmung ohne zu klopfen ins Zimmer. Heute sickert sie durch Fugen ins Haus. Früher hieß sie Befehl und war unverschämt. Heute heißt sie Verwaltungsvorschrift oder Regelungs­bedarf. Sie schaut dabei ganz arglos drein.

Heute gilt die autoritäre Gesellschaft als Phänomen überwundener Epochen. Trotzdem nimmt die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen seit Jahrzehnten ab. Ursache ist ein schleichender Wertewandel: Der Geist der Freiheit wird durch den des Anspruchs ersetzt.

3.1. Anspruch und Abhängigkeit

Ein Anspruch ist die Befugnis, das Selbstbestimmungsrecht eines ande­ren einzuschränken. Im Anspruch wird der Andere angesprochen, um eine Forderung an ihn heranzu­tragen. Ansprüche beruhen auf existenziellen oder psy­chologischen Abhängigkeiten.

Anspruch an sich selbst
Wer sich dem Selbstbild unterwirft, wird durch sein Selbstbild fremdbestimmt.

Ansprüche werden nicht nur an andere gerichtet, sodass deren Selbst­bestimmung Schaden nimmt. Mit Ansprüchen bedrängt man auch sich selbst, wodurch sich der Einzelne aus eigenem Antrieb entmündigt.

Echte Selbstbestimmung wird vereitelt, sobald man einem Bild von sich selbst ent­sprechen will.

3.2. Mechanismen der Entmündigung
Die Wachstumsgesellschaft funktioniert wie ein Esel, der weiterläuft, weil ihn die Möhre lockt, die ihm sein Reiter vor die Nase hält. Da der Esel nach­lässt, wenn er die Möhre bekommt, ist das Wachstum am höchsten,Das ist nicht nur dem Reiter anzulasten, der den Esel zum Narren hält, sondern auch der Narretei des Esels, der der Möhre, im Glauben, sie könne ihn zufriedenstellen, unermüdlich folgt. wenn der Bürger nie wirklich zufrieden ist.
Unsere Kultur kann sich das Glück ihrer Bürger nicht leisten. Um immer mehr zu bekommen, vernichtet sie sich durch ArbeitVereinnahmt von Streben nach mehr Besitz, Erlebnis und Möglichkeit verliert die Wachstumsgesellschaft die Kraft, ihren Bestand zu sichern. Sie sucht ihr Heil darin, die Lücken in ihrem stets hungrigen Leib mit Fremden zu füllen, von denen sie eines Tages bestimmt sein wird. selbst. Wer immer mehr bekommen will, dem ist das, was er hat oder ist, nichts wert. Wachstumskultur hat kein Selbstwertgefühl.

Ansprüche, die aus existenziellen Abhängigkeiten entstehen, sind nicht zu vermeiden, ohne dass die Menschheit ausstirbt. Dieselbe Menschheit könnte aber glücklicher sein, gelänge es ihr, psycho­logische Abhängigkeiten zu überwinden. Es sieht nicht so aus, als sei das ihr Programm.

Stattdessen hat sich eine Kultur durchgesetzt, die Anspruchsden­ken als Treibstoff ihrer Entwicklung begünstigt. Politik und Wirt­schaft gehen dabei Hand in Hand. Dazu kommt, dass Selbstbestim­mung das seelische Wohlbefinden zwar fördert, dass sie zugleich aber Mühe macht; und der Mensch in der Folge dazu neigt, das Glück nicht in sich selbst zu suchen, sondern in dem, was er von außen bekommen kann. Deshalb erhebt er lieber Ansprüche, als sich selbst als einen Wert zu pflegen.

3.2.1. Das politische System

Wir leben in dem, was als Demokratie (griechisch: demos [δημος]= Volk und kratia [κρατια] = Herrschaft) bezeichnet wird. Tatsächlich hat das Volk in unserem System nur wenig zu sagen. Sein Mitbestimmungsrecht besteht darin, beim Urnengang dem Ent­zug weiterer Mitbestimmungsrechte zuzustimmen. Tatsächlich entscheidet ein winziger Kreis von Parteifunktionären in Abstimmung mit Vertretern großer Verbände und anderer Länder Regierungschefs.Sie können sicher sein, dass der Machthaber von Mauritius mehr Einfluss auf die deutsche Politik hat als Sie. Dass der Einzelne in einem Staat, der das Selbstbestimmungsrecht des Volkes ignoriert, für andere ZieleDie drei wichtigsten Ziele der Politik sind Wachstum, Wachstum und Wachstum. Die Wirtschaft muss wachsen, damit wachsende Ansprüche zu bedienen sind. zunehmender Fremd­bestimmung preisgegeben wird, mag deshalb kaum verwundern.

Um welche Ziele es sich dabei handelt, ergibt sich aus dem Parteiensystem. Im Parteiensystem müssen Parteien dafür sorgen, dass sie Wähler finden. Zu diesem Zweck setzen sie die Ansprüche potenzieller Wählergruppen in Gesetze um. Mal wird der Anspruch dieser Gruppe gestärkt, dann der Anspruch jener; immer in der Hoffnung, dass sich genügend Wähler an der UrneBeim Urnengang in der repräsentativen Demokratie wird das politische Mitbestimmungsrecht des Wählers beerdigt. Immerhin wird es, nachdem wichtige Entscheidungen ohne sein Dazutun getroffen sind, nach vier Jahren wieder ausgegraben. So viel Glück hat der Leib des Wählers nicht, wenn der erst einmal in der Urne verstaut im Grabe liegt. dankbar zeigen.

Da jeder Anspruch aber eine Fremdbestimmung derer zur Folge hat, an die sich der Anspruch richtet, führt die repräsentative Demokratie zu einem schleichenden Entzug von Selbstbestimmungsrechten. Als Ausgleich für entzogene Rechte werden neue Ansprüche verkündet. Die Lawine rollt...

... und rollt und rollt...

Das Resultat der Anspruchsinflation ist eine Arbeitswelt, in der der Einzelne seiner Spielräume beraubt wird und gemäß fremdbestimmter Regeln reibungs­los zu funktionieren hat. Immer mehr Menschen brennen dabei aus.

Aus dem Leben eines rückläufig Selbstständigen

Die Optimierungsdynamik der Wachstums­gesellschaft entfremdet den Einzelnen zunehmend von seiner existenziellen Position. Statt dort, wo er steht, zu entscheiden, was er für richtig hält und als dazu Befugter anerkannt zu sein, wird der Einzelne zum Exekutivorgan einer regulierenden Obrigkeit. Selbst die Höhe, wohin er den Feuerlöscher aufzu­hängen hat, wird ihm in Zentimetern vorgeschrieben.

Nicht, dass Regeln nur Nachteile bringen. Fundamentaler Schaden droht jedoch, wenn beim Regulierungsseifer ein Nachteil übersehen wird: Die Entmündigung des Einzelnen durch die Normierung alltäglicher Vollzugsroutinen.

3.2.2. Die Globalisierung

Die Globalisierung begünstigt internationale und transkontinen­tale Strukturen. Je übergreifender Strukturen aber werden, desto mächtiger werden sie auch dem Einzelnen gegenüber. Ist der Einzelne auf Landesebene eine Ameise, schrumpft er international zum Bärtierchen. Über das Netzwerk globaler Wirkkräfte wird das Leben des Bärtierchens beeinflusst. Umgekehrt hat das Rudern des einzelnen Tierchens auf die globale Strömung keinerlei nennenswerten Effekt. Nur wenn das Netzwerk der Globalisierung Mitbestimmung ausdrücklich fördert, bleibt der Ameise ein Schicksal als Bärtierchen erspart.

3.2.3. Das Grundrauschen der Neurotizität

Es kostet nicht viel, die Missstände der Gesellschaft für alles verantwortlich zu machen. Oder etwa doch? Übertreibt man es dabei, verliert man etwas Wesentliches aus den Augen: Mehr als unter der Verblendung anderer hat man meist unter der eigenen zu leiden. Das kann teuer werden.

Verbal wird fast jeder das Recht auf Selbstbestimmung für gut befinden. In der Praxis werden wir ihm oftmals nicht gerecht.

PensumVon lateinisch pendere = hängen. Ein Pensum bezeichnete ursprünglich eine abgewogene Wollmenge, die eine Spinnerin pro Tag zu erbringen hatte. Die Menge wurde auf einer Hängewaage abgewogen.

Fremdbestimmtheit kann im Kleinen beginnen und wie Selbstbestimmung aussehen. Jeder Vorsatz, eine bestimmte Menge zu leisten, kann zunächst selbstbestimmt sein. Er wird jedoch, sobald er eigenständig steht und zu erfüllen ist, zum Faktor einer Fremdbestimmung. Dabei ist die Fremd­bestimmung größer, wenn eine Aufgabenmenge vorgegeben wird, die bewältigt werden muss. Sie ist kleiner, wenn das Pensum aus einer festgelegten Arbeitszeit besteht; da bei der Festlegung einer Arbeitszeit das Ende der Fremdbestimmung verlässlicher selbst bestimmt werden kann.

Da Fremdbestimmtheit seelischen Widerstand hervorruft, kann die Wahl des Pensums darüber entscheiden, ob man sich zu einer Leistung aufraffen kann oder nicht.

Beides, der Hang zur Bequemlichkeit und die Scheu vor dem Risiko, verleiten uns dazu, uns fremdbestimmen zu lassen. Beim normalen Menschen bleiben die Symptome, die daraus resultieren, unterschwellig. Sie führen zu einem Grundrauschen neurotischer Unzufried­enheit, das man, weil es normal ist, nicht als pathologisch erkennt. Bei anderen führt die Bereitschaft, sich fremdbestimmen zu lassen, zu manifesten Störungen der Persönlichkeit.

4. Vorsichtsmaßnahmen

Fremdbestimmtheit ist eine wesentliche Quelle seelischen Leids. Sie läuft einem der bei­den psychischen Grundbedürfnisse diametral zuwider. Um seelisch zu gesunden, lohnt es, Fremdbestimmung zu erkennen und ihr abzuhelfen. Fremdbestimmung kommt durch zwei Mechanismen zustande:

  1. Druck von außen: Bevormundung, Drohung, Erpressung, Manipulation, Verführung
  2. Seelische Introjekte: unreflektierte Verhaltensregeln, die ins Selbstbild übernommen wurden und vermeintlich auszuführen sind
4.1. Bevormundung

Drohung, Erpressung, Manipulation: Genau betrachtet sind das verschiedene Mittel und Varianten der Bevormundung. Bevormundung ist ein asymmetrisches Beziehungsverhält­nis zwischen Personen, wobei die regressive Person von der dominanten fremd­bestimmt wird. Bei der erotischen Verführung ist Fremdbestimmung zwar ein Element, zumeist wird dabei jedoch ein Einverständnis anzunehmen sein,Was machst Du nur mit mir?! das, falls keine missbräuchliche Absicht dahinter steckt, das dazugehörige Maß an Übergriff als Spiel rechtfertigt. Be­vormundung kann offensiv oder verdeckt vonstatten gehen.

Kombinationen
In der Theorie lassen sich offensive und manipulative Bevormundungen leicht in zwei Kategorien unterteilen. In der Praxis werden beide Muster oft kombiniert:
  • Botschaft:
    Wenn Du die Dinge anders siehst als ich, halte ich dich für einen ganz, ganz schlechten Menschen. Wenn du aber denkst wie ich, dann sind wir beste Freunde.

Hier sind Drohung, Erpressung und Manipulation vermischt.

4.1.1. Offensiv

Offensive Bevormundung benutzt Drohung und Erpressung oder sie überrumpelt unter Ausnutzung psychologischer oder sozialer Machtgefälle.

Wichtige Mittel gegen offensive Bevormundung sind Mut und Selbstvertrauen.

4.1.2. Verdeckt

Sind offensive Bevormundungen leicht zu erkennen, so ist das bei den verdeckten anders. Verdeckte Bevormundungen verbergen ihre Absicht oder ummänteln sich mit vermeintlichem Wohlmeinen. Wer manipulativ bevormundet, tut oft so, als sei es zum Besten seines Opfers.Und um sich selbst zu manipulieren, glaubt er sogar selbst daran.

Eine andere Variante manipulativer Bevormundung benutzt abwertende Botschaften, sobald die Zielscheibe des Bevormundungsversuchs sich anders verhält oder andere Meinungen vertritt als der, der ihn zu bevormunden versucht. Empörung, die angesichts abweichender Meinungsäußerungen anderer demonstriert wird, zeigt den Vorsatz des Empörten an. Der Empörte hebt sich empor; um von oben herab über andere zu bestimmen.

Oft ist es besser, selbst zu bestimmen und aus Fehlern zu lernen als Fehler grundsätzlich vermeiden zu wollen.

Abwehrmaßnahmen gegen Bevormundung

Offensive Bevormundung Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Weisen Sie es ausdrücklich zurück, von oben herunter behandelt zu werden. Sorgen Sie dafür, dass andere so wenig wie möglich Macht über Sie haben. Gehen Sie zu Leuten auf Distanz, die über Sie bestimmen wollen. Vertrauen Sie mehr auf sich selbst. Riskieren Sie eigene Entscheidungen und beobachten Sie deren Folgen.
Verdeckte Bevormundung Achten Sie darauf, ob Informationen von außen Handlungsimpulse erzeugen. Setzen Sie solche Impulse nur mit Verzögerung um; oder gar nicht. Bleiben Sie nüchtern, wenn irgendwer es allzu ausdrücklich gut mit Ihnen meint. Lassen Sie sich nicht von abwertenden Botschaften beeindrucken.

4.2. Introjekte

Fremdbestimmtheit durch äußere Kräfte kann durch Abgrenzung verhindert werden. Anders ist es mit Introjekten. Als IntrojektVon lateinisch intro = hinein und iacere = werfen. bezeichnet die Psychoanalyse eine verhaltenssteuernde Bewertung, die, ohne an die besonderen Bedürfnisse des Individuums angepasst zu sein, in dessen Selbstbild übernommen wurde.

Eine Übung für zwischendurch

Um der Fremdbestimmung abzuhelfen, lohnt es sich, zwei mal täglich zu fragen:

Sie müssen nicht alles verweigern, was nicht nahtlos Ihrem Wesen entspricht. Es ist aber heilsam zu sehen, wie oft Sie sich untreu sind.

Introjekte werden als Erziehungsbotschaften vermittelt. Sie spie­geln kultur- oder familienspezifische Weltbilder wider, die dem Kind zu einem erfolgreichen Leben verhelfen sollen. Die Regeln, die sie enthalten, werden konkret verbalisiert oder fraglos vorge­lebt. Meist sind solche Botschaften gut gemeint und werden ungeprüft über­nommen; oder man zieht aus eigenen Erfahrungen Rückschlüsse, an deren Allgemeingültigkeit man unreflektiert glaubt. Dann hat man ein eigenes Introjekt erzeugt, das man bei Gelegenheit an die eigenen Kinder weiterreicht.

In der PubertätVon lateinisch pubertas = Geschlechtsreife. werden Introjekte oft pauschal entsorgt. Vieles, was er bislang fraglos für richtig hielt, wirft der Pubertierende über Bord; und geht dann eigene Wege. Im Grundsatz nicht schlecht. Da die Kühnheit des Pubertierenden aber außer Stande ist, für den Rest des Lebens Weisheit zu sichern, macht es auch später Sinn, Grundüberzeugungen kritisch zu hinterfragen. Dazu bedarf es zweierlei:

  1. Man muss sie als Introjekte erkennen.
  2. Man muss wissen, dass Grundüberzeugungen Werkzeuge des Ego sind, durch die das Ego das Selbst allzu oft fremdbestimmt.

Fremdbestimmtheit ist ein Problem zwischen innen und außen; aber nicht nur zwischen der Person und der Außenwelt, sondern auch eins zwischen der Person und sich selbst. Fremdbestimmung durch Introjekte wird nicht durch Abgrenzung nach außen verhindert, sondern durch Einsicht in die innere Wirklichkeit.