Das religiöse Opfer gibt Bindung zu Dinglichem preis. Dabei darf es keinen Zweck verfolgen, der dem Erwerb von Dinglichem dient. Tut es das, dreht es sich im Kreise und hat sein Ziel verfehlt.

Die Welt der Dinge ist kein Sein. Sie ist Werden, Wandel und Vergehen. Nur was weder entsteht noch vergeht, ist im eigentlichen Sinne wirklich.

Durch das religiöse Opfer versucht das Dasein, die Bedingtheit seiner Existenz zu überwinden.

Haben ist ein Bezugsverhältnis zu Dinglichem. Sein ist Identität im Unbedingten.

Bindung an Bedingtes vereinzelt den Vereinzelten.

Wer das Heil im Dinglichen sucht, wird zu dessen Diener.

Opfer


  1. Begriffsbestimmung
  2. Existenzieller Rahmen
  3. Das Wesen des religiösen Opfers

Das Opfer ist ein wesentliches Element der Religion. Das gilt für konfessionelle Glaubensformen ebenso wie für mystische Spiritualität. Wesen, Rolle und Funktion des Opferns unterscheiden sich je nach Religionsauffassung beträchtlich.

1. Begriffsbestimmung

Der Begriff Opfer geht auf das lateinische operari = werktätig sein, arbeiten, sich abmühen, beschäftigt sein zurück. Althochdeutsch wurde daraus opfaron = Gott eine Opfergabe darbringen. Zur gleichen Wortfamilie gehören lateinisch opera = Mühe, Arbeit sowie Opus = das Werk und operieren = verfahren, handeln, wirken.

Blickt man über das Lateinische hinweg in die Vergangenheit, stößt man auf die indogermanische Wurzel op- = arbeiten, verrichten, etwas zustande bringen, erwerben. Von dort aus führt ein Weg zum deutschen Verb üben, abgeleitet von mittelhochdeutsch uoben = bebauen, hegen, ins Werk setzen, ein anderer führt zum altindischen apas = Werk, heilige Handlung und weitere Wege führen zu einer Reihe lateinische Begriffe, die Folgeerscheinungen und zusätzliche Bedeutungsfacetten des Werktätigseins beleuchten:

2. Existenzieller Rahmen

Die etymologischen Ursprünge des Begriffs Opfern verdeutlichen, dass es sich dabei um eine Tätigkeit handelt, die ein Werk vollbringt. Um das spezielle WerkBeim religiösen Opfer geht es nicht um irgendein Werk, sondern um ein spezielles, das mit keinem anderen vergleichbar ist. zu erkennen, das Anliegen religiösen Opferns ist, gilt es zunächst, die existenziellen Rahmenbedingungen des menschlichen Daseins zu betrachten.

Entropie

Ein Grundgesetz der physikalischen Wirklichkeit ist das Gesetz der Entropie. Der Begriff setzt sich aus griechisch en (εν) = in und trope (τροπη) = Wendung, Umkehr, Wechsel, Sonnen­wende zusammen.

Das Gesetz beschreibt die Tatsache, dass die Summe aller Prozesse in einem phy­sikalischen System unumkehrbar zu mehr Unordnung führen. Das heißt: Dingliches hat die ihm inneliegende Neigung zu zerfallen. Zusammengesetzte Struktur wendet sich von innen heraus ihrem Untergang entgegen. Im Ding gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Im Ding gibt es Wandel, aber kein festes Sein.

Eigenschaften
Eine Eigenschaft ist etwas, was das Objekt in ein Sosein bindet. Durch die Eigenschaft wird es an seiner jeweiligen Position im Ganzen eingebun­den. Jede EigenschaftEigen geht auf ein gemeingermanisches Verb mit der Bedeutung haben, besitzen zurück. Eigen heißt eigentlich in Besitz genommen. definiert eine Leibeigen­schaft, aus der das Objekt nur entbunden werden kann, wenn es die Eigenschaft aufgibt. Geben Objekte alle Eigenschaften auf, erscheint an ihrer Stelle das Subjekt. Was Eigenschaften hat, ist noch nicht aus dem Objekt entbunden.

Ganzheit
Die Ganzheit des Ganzen besteht nicht aus Teilen, sondern im Potenzial, sich in Teilen auszudrücken. Ganzheit ist singulär. Sie ist die Möglichkeit all dessen, was verwirklicht werden kann. Sie ist auch ein Aufeinander-bezogen-sein-können unterscheidbarer Teile und entwirft daher ein Feld. Während Nicht-Singuläres stets eine spezifische Position im Feld einnimmt, ist Singularität jeder Ort und jeder Zeitpunkt gegenwärtig.

Wege des Unganzen
Das Unganze liegt in der Zeit. Es ist einem Jetzt gegenwärtig, das sich von dann und damals unterscheidet. Die Zeit liegt im Ganzen. Dem Ganzen ist alles gegenwärtig; das Jetzt, das Dann und das Damals zugleich. Deshalb kann der Teil zwar den Weg ändern, durch den er zum Ganzen kommt, nicht aber die Tatsache, das er darin endet. Die Freiheit der Entscheidung liegt in der Wahl des Wegs, nicht in seinem Ziel.

Da jede Komponente der physikalischen Welt andere Komponenten mitbedingt, ändert der Wandel in der einen die Bedingungen anderer. Kein Ding, das sich aus Komponenten zusammensetzt, kann sich der Tatsache entziehen, dass die Wirklichkeit seinem Bestand entgegenwirkt.

2.1. Objekt und Subjekt

Die Struktur der uns zugänglichen Wirklichkeit besteht aus Subjekt und Objekt. Beim Subjekt handelt es sich um eine Instanz, die das Feld der Objekte erkennt und darauf einwirken...geringfügig... kann. Das Subjekt erkennt zugleich, dass es an ein Objekt, nämlich den Körper, gebunden ist, der seinerseits dem Feld der übrigen Objekte ausgeliefert ist. Über diesen Körper kann es teilweise verfügen, grundsätzlich aber nicht. Der Körper folgt über Wachstum, Veränderung, Alter, Krankheit und Tod der wesentlichen Gesetzmäßigkeit alles Objektiven: Er ist instabil und unvorhersehbar, in seinem Wandel und Werden bereits Zerfall.

Das Subjekt sieht sich durch die Bindung an den Körper einer Welt von Gefahren ausgesetzt, in der es zu bestehen versucht. Dazu setzt es zwei Vermögen ein, die sein grundsätzliches Wesen bestimmen: Es erkennt und greift ein.... zunächst mit dem alleinigen Ziel, seine bedingteDer Körper ist die Grundbedingtheit der Existenz. Der Körper seinerseits hängt von einem unübersehbaren Netzwerk weiterer Bedingungen ab, ohne die er nicht bestünde. Existenz im Feld des Objektiven zu sichern.

2.2. Bindung ans Objektive

Die primäre Strategie des Subjekts um seinen vermeintlich drohenden Untergang zu verhindern, ist die Bindung an sichernde Objekte. Objektiv sind: Körper, Eltern, Nahrung, Partner, Kinder, Freunde, Sippen, Boden, Kleidung, Mus­keln, Waffen, Ränge, Vorräte, Wissen, Reviere, Gewohn­heiten, Riten, Traditionen, Weltbilder, Kugelschreiber, Bindfäden... und tausend andere Sachen mehr.

Jedes Objekt, an das sich das Subjekt bindet, ist ein Verbündeter gegen die Widrigkeit der Welt. Das Bezugsverhältnis des Subjekts zu den Objekten ist Besitz.

Jedes besitzbasierte Bezugsverhältnis bietet ein Stück Sicherheit.

2.3. Rückbindung ans Subjekt

Das Bemühen des Subjekts, sich in der Welt der objektiven Dinge Besitz und sichernde Bündnisse zu verschaffen, ist aus mehreren Gründen keine endgültige Lösung:

  1. Keine Bindung an ein sicherndes Objekt hat die Macht, das Subjekt gegen sämtliche Gefahren abzuschirmen.

  2. Jeder Besitz ist zugleich Last, der neue Gefahren entspringen. Materieller Besitz lockt Neider an. Wie alles Objektive unterliegt er dem Gesetz des Zerfalls.... also dem der Entropie. Nun könnte man behaupten, Gold sei so stabil, dass seinem Besitzer zu Lebzeiten aus entropischen Gründen kein Verlust droht. Tatsächlich bietet aber nicht das physikalische Gold Sicherheit, sondern die Bereitschaft anderer, viel dafür zu geben. Auch ohne Neider und Diebe hängt diese Bereitschaft von so vielen Bedingungen ab, dass Goldbesitz jeden Wert verlieren kann. Was nutzte Gold in Pompeji als Vulkanasche die Stadt begrub? Sichernde Beziehungen zu anderen Personen sind ebenso zerbrechlich; entweder, weil Tod oder Leben sie trennt oder weil die Interessen bislang Verbündeter auseinanderdriften.

  3. Der Niedergang des Körpers ist unaufhaltsam. Jeder Versuch, das Sein zu sichern, indem man sich an Körperliches bindet, ist zum Scheitern verurteilt.

  4. Egal wie vieler sichernder Strukturen sich das Subjekt bemächtigt, nie reicht es aus, um den Bestand in der Welt des Weltlichen sicherzustellen.

Die sekundäre Strategie des Subjekt liegt daher darin, sich ernüchtert vom Dinglichen abzuwenden und das Heil in etwas Unbedingtem zu suchen. Da alles Objektive bedingt ist und ihm daher kein eigenständiges Selbst zugeordnet werden kann, kann das Unbedingte nur im GegenpolWobei das Wort Gegenpol hier nur als sprachliche Krücke verstanden wird, da ein Gegenüberliegen auf das Verhältnis von Objekten zutrifft, nicht aber auf das von Objekt und Subjekt in gleicher Art. des Objektiven zu suchen sein: also im Subjekt.

Perspektiven

Für die Person liegen Bewusstseinsinhalte innerhalb. Für das Selbst des Betrachters liegen sie außerhalb. Wie die Person sind sie Objekte der Welt, die das Subjekt als solche erkennt. Objekte sind bedingt. Alle Bedingungen sind Veränderungen unterworfen. Nichts Bedingtes bleibt, wie es ist.

Das Subjekt hat keine Eigenschaft. Diesseits erkennt es Objekte, jenseits der Objekte ist es unbedingtes bzw. absolutes Selbst. Da es nicht bedingt ist, ist es frei, sich zu bestimmen. Indem es sich bestimmt, schafft es Bedingungen, durch die es sich in Wirkungen zum Ausdruck bringt. Wirkpotenzial ist keine Eigenschaft, sondern die Fähigkeit, Eigenschaften aufzulösen oder festzu­legen. Eigenschaft ist Besessen-sein, Wirken-können Freiheit.

2.4. Bedingtes und Unbedingtes

Die Struktur der uns bekannten Wirklichkeit besteht aus Subjekt und Objekt. Das heißt zugleich: Sie besteht aus Bedingtem und Unbedingtem.

Alles Bedingte ist zusammengesetzt. Es erscheint immer nur solange in der Gegenwart, wie die speziellen Bedingungen erfüllt sind, die sein Erscheinen begründen. Alles Bedingte hängt von Faktoren ab, die außerhalb seiner selbst ihren eigenen Gesetzen folgen. Nichts Bedingtes hat ein eigenständiges Sein, in dem es selbst enthalten wäre.

Ausdrucksformen des Bedingtseins

Bedingtes ist auf zweierlei Art bedingt.

  1. Indem es physikalisch aus Stoff besteht, also ein materieller Gegenstand ist.
  2. Indem sein Erscheinen in der Wirklichkeit von Bedingungen abhängt, die es verursachen.

Materielle ObjekteTöpfe, Pfannen, Kugelschreiber, Smartphones... sind auf beide Arten bedingt. Obwohl sie selbst nicht aus Materie bestehen, sind für virtuelle ObjekteMeinungen, Gedanken, Wertvorstellungen, Erinnerungen, Affekte, Impulse, Ränge, Positionen... stets Bedingungen auszumachen, ohne die es sie nicht gäbe.

Das Unbedingte ist das logische PendantDie Aussage erscheint auf den ersten Blick passend, auf den zweiten grundfalsch. Pendant kommt von französisch pendre = hängen. Das Unbedingte hängt aber gerade nicht vom Bedingten ab. des Bedingten. Wenn es Bedingtes gibt, dessen Erscheinen von Kaskaden weiterer ineinander verschachtelter Bedingungen abhängt, ist zu vermuten, dass die Kaskade der Erscheinungen einer unbedingten Bedingung bedarf, ohne die nichts in Erscheinung treten könnte. Nur in diesem Unbedingten kann das SelbstWenn es überhaupt ein Selbst gibt, muss es unbedingt sein, denn wäre es bedingt, dann wäre es kein Selbst. des Bedingten zu finden sein.Nur das Unbedingte verleiht Bedingtem Wirklichkeit. Das Selbst ist kein Objekt, sondern deren Wirklichkeit. Sucht etwas den Weg in die Gewissheit eines eigenständigen Selbst, muss es sich vom Bedingten lösen. Es muss die Identifikation mit Bedingtem aufgeben.

Wissenschaft oder Mythologie?

Wissenschaft Mythologie
Als Wissenschaft betrieben sucht Religion den Weg zur Rückbindung des Vereinzelten ans Ganze. Als Mythologie betrieben vollzieht der Gläubige rituelle Akte, von denen er glaubt, dass sie sein Vereinzeltsein vor Bedrohung schützen.
Wissenschaft ist transkulturell. Mythologie ist kulturspezifisch.Kultur wird oft überschätzt. Sie bietet zwar Heimat, sperrt aber auch ein... und ist zuweilen kaum von Barbarei zu unterscheiden. Eine bessere Heimat könnte die Wahrheit sein.

Echte Religion ist Wissenschaft. Sie ist die Wissenschaft von der Entbindung des Bedingten ins Unbedingte. Wo sie keine Wissenschaft ist, ist sie auch keine Religion. Wie jede Wissenschaft, ist sie nur dann Wissenschaft, wenn sie überall zu gleichen Ergebnissen kommt. Der Glaube an die Wirkkraft kulturspezifischer Gesten, bei der man durch magische Handlungen eine GottespersonEiner wirklichen Gottesperson kann niemand als einem Du begegnen. Man kann sich Ihr nur als einem Selbst nähern. Nur was es selbst ist, nähert sich Ihr selbst. zum Verbündeten gegen Widrigkeiten zu machen versucht, ist eine Missachtung des Unbedingten. Die Gottes­furcht, die solch ein Glaube in sich trägt, erkennt nicht an, sondern fürchtet Verlust.

Praktizierte Religion ist existenzieller Vollzug jenseits kultureller Erfindbarkeit. Sie ist eine Handlungsmöglichkeit, die dem Individuum durch dessen Position in der Welt wesenhaft inneliegt.

3. Das Wesen des religiösen Opfers

Aufgabe des religiösen Opfers ist nicht, der Person konkreteKonkret kommt von lateinisch con = mit, zusammen und crescere = wachsen. Konkretes ist Zusammengewachsenes und dadurch Bedingtes, das zerfallen wird. Wer vom religiösen Opfer konkrete Vorteile erwartet, hat sein Wesen verkannt. Vorteile zu verschaffen, sondern das Selbst aus ihr zu entbinden.

Die Betrachtung der existenziellen Rahmenbedingungen des Daseins ver­deutlicht den wahren SinnWahrer Sinn heißt hier: Das, wozu das religiöse Opfer eingesetzt wird, wird durch das Opfer auch bewirkt. Religion wird dabei als Wissenschaft verstanden, nicht als sektenspezifische Mythologie und sektenspezifisches Repertoire magischer Kulthandlungen. Auch das Opfer im Rahmen einer Sektenmythologie macht Sinn. Es dämpft Strafängste und kann den Glauben an den Erfolg eines Vorhabens stärken. Es bewirkt aber nicht, was es eigentlich bewirken soll: die Entscheidungen eines Gottes zu beeinflussen und ihn zum parteiischen Eingriff zu bewegen. Wäre Gott durch gezieltes Wollen und Tun des Menschen beeinflussbar, unterläge er deren Willen. Er wäre steuerbar und damit bedingt. Gott ist aber nur unbedingt, wenn er durch keine Bedingung zu steuern ist, die eine menschliche Absicht bestimmen kann. des religiösen Opfers.Nicht jedes Opfer ist religiös. Um Mathilde rumzukriegen, hat Felix die Fahrt zum Auswärtsspiel des FC St. Pauli gegen den VfB Feindesclub 05 geopfert. Er tat das nicht, um sich von Bedingtem zu lösen. Im Gegenteil: Er wollte sich erst recht mit Bedingtem verbinden. Die weltliche Daseinsform des Individuums bindet es an Objekte. Es identifiziert sich mit dem Körper und versucht, die Bindung zu anderen Objekten zu festigen. Die Bindung an Objekte gibt vorübergehend Sicherheit, aber nie die Sicherheit eines eigen­ständigen Selbst. Zu dem kann das Individuum nur finden, wenn es die trügerische Sicherheit der Bindung an Bedingtes aufgibt und sich dorthin wendet, woher es stammt. Diese Ausrichtung zum Selbst ist Religion. Neben der Erkenntnis, dass das Sein nicht im Objekt zu sichern ist, ist das religiöse Opfer, also die Preisgabe der Bindung an die Welt der Objekte, deren zweite Säule. Das spezielle Werk, das religiöses Opfern zustande bringt, ist die Befreiung des Subjekts aus seiner Bindung an Dingliches.

Jedes religiöse OpferReligiös heißt: jedes Opfer, das vollzogen wird, um die Bindung an Bedingtes aufzulösen. Opfert man etwas für das Vaterland, den beruflichen Erfolg oder die Eroberung der schönen Marlene, dient das nicht der Religion. trägt zur Freisetzung des Subjekts aus der Verstrickung ins Bedingte bei, damit es nach ethischen und damit unbedingten Grundsätzen handeln kann. Durch Opfergaben löst es sich aus weltverstrickter Parteilichkeit.

3.1. Verstrickungen

Der Bezug zu Dinglichem ist per se kein Anlass zu religiösen Opfern. Zum Leben gehört der Umgang mit Gegenständen und die Erfüllung von Bedingungen, um in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Der Selbstbewusste kocht Suppe in Töpfen. Tut er mit den Töpfen nicht mehr als das, ist er fromm. Wer in Bedingtes verstrickt ist glaubt, einer besonderen Kollektion Küchengeschirr zu bedürfen, weil er sich sonst nicht achten könnte. Der in Bedingtes Verstrickte identifiziert sich mit einem falschen Selbst.

In reiner Achtsamkeit opfert das Ich die Bindung an sein Ego. Wenn es auf das schaut, was ist, vergisst es, was es sein und werden will.

Der sachliche Umgang mit Dingen führt nicht dazu, dass man sich bereits in Bedingtes verstrickt. Verstrickung heißt nicht, dass ein Ding zur Nutzung zur Verfügung steht. Vielmehr setzt Verstrickung eine Fehlinterpretation der Bedeutung des Bedingten voraus. Die Rolle des Bedingten kann fehlgedeutet werden oder Bedingtes wird zu komplexen psychologischen Zwecken missbraucht.

Solche Verstrickungen führen dazu, dass man sich mit Rollen gleichsetzt und bezüglich des wahren Wesens seiner selbst verblendet bleibt. Religiöses Opfern löst Verstrick­ungen auf, die über die Wirklichkeit hinwegtäuschen. So wird der Blick frei, um das wahre Selbst zu suchen. Das kann auf zweierlei Art erfolgen:

3.2. Opfergut

Das religiöse Opfer hat umso mehr Wert, je enger die Bindung zwischen dem Opfergut und dem Opfernden ist. Im Grundsatz kann alles geopfert werden, was dem Opfernden für seinen Rang in der Welt wichtig erscheint: Waren, Wertgegenstände, Tiere, Menschen, Weltanschauungen, Ansprüche, Meinungen, Glaubensdogmen.

Bei oberflächlicher Betrachtung tauchen zunächst Wertgegenstände als geeignetes Opfergut auf. Schaut man tiefer in die Strukturen der eigenen Person, erkennt man, dass auch psychologische Faktoren als Opfer an das Unbedingte geeignet sind: Ansprüche, Erwartungen, Meinungen, schmückende Selbstbilder, ehr­geizige Ziele.

Menschenopfer

Wäre der Begriff Menschenopfer durch das, was unter seinem Etikett bereits geschah, nicht belastet und makaber, könnte man ihn auch heute verwen­den: um die Preisgabe von Besitz- und Dominanzansprüchen, die man anderen gegenüber erhebt, zu bezeichnen.

Zum Spektrum des Festhaltens an weltlichem Besitz gehören abgemilderte oder verdeckte Formen der Leibeigenschaft, der man andere im privaten, wirtschaftlichen, pseudoreligiösen oder politischen Leben unterwirft. Diese Leibeigenschaften drücken sich in der Erwartung aus, dass der Andere unseren Bedürfnissen zu dienen... und unseren Vorstellungen zu entsprechen... hätte und dafür auf Übereinstimmung mit sich selbst verzichtet. So wie die Preisgabe materiellen Besitzes, so kann auch die Freisetzung des Anderen aus Erwartung und Anspruch Opfergabe an das Unbedingte sein.

Echte Religion ist keine Unterwerfung von Objekten unter Fremdbestimmung, sondern die Freisetzung des Subjekts aus jedem Unterworfensein. Das Werk, das religiöses Opfer vollbringt, ist die Freisetzung des Subjekts aus seiner Gebundenheit in Objekthaftes.

Das Töten eines Menschen zu Opferzwecken ist keines­wegs Opfer im religiösen Sinn. Im Gegenteil: Es ist die völlige Inbesitznahme von dessen Existenz für die Zwecke seines Mörders. Einen Menschen zu töten, um einen Gott günstig zu stimmen, damit der zum Vorteil des Täters in die Welt des Bedingten eingreift, löst nicht die Bindung des Täters an Bedingtes, sondern verstärkt sie. Deshalb ist es Mord, aber keine religiöse Tat.Opfert man im religiösen Sinne Mensch oder Tier, dann heißt opfern nie zu töten. Opfern heißt, den Zugriff aufzugeben. Man opfert dem Himmel eine Taube, indem man sie fliegen lässt, statt sie aufzuessen.

3.3. Abwege

Im Laufe der Geschichte haben Menschen im Rahmen religiöser Rituale ungezählte Opfer dargebracht. Dabei gerieten sie oft auf Abwege. Der wesentliche Abweg beim Opfern besteht von je her darin, das Opfer weltlichen Zwecken zu widmen; was die Bindung des Subjekts an Weltliches nicht löst, sondern stärkt.

Sinn und Zweck
Sinn ist Weiterführung. Zwecke sind sachbezogen und endlich. In der egozentrischen Religion dient das Opfer Zwecken. In der Mystischen macht es Sinn. Ein religiöses Opfer erfüllt seinen Sinn, wenn es keinem persönlichen Zweck dient, sondern der Entlassung des Subjekts aus den Diensten der eigenen Person.

Mit solcherlei Bestechungsversuchen plagt die Menschheit den Himmel seit 10000 Jahren. Zweckgebundenes Opfern macht aus Religion ein Geschäft. Es überträgt Weltlichkeit auf eine vermeint­lich transzendente Ebene und überschreitet Weltbezogenheit gerade dadurch nicht.

3.4. Ablösungen

Entsprechend der Bindkraft, mit der ein Individuum ein mögliches Opfergut unter seiner Kontrolle hält,oder für sich beansprucht und erwerben will... gibt es beim Opfern Stufengrade. Entsprechend des Opferguts gibt es Varianten der Freisetzung.

An diesen Stellen loszulassen, kann für ein eingekerkertes Subjekt bereits Freigang sein. Höhere Stufengrade des Opferns beziehen sich auf andere. Die letzte bezieht sich auf die eigene Person.

In den Augen des Ego ist das Objekt Besitz. Dem befreiten Subjekt ist es anvertraut.
3.5. Fürsorge und Missbrauch

Opferung bedeutet keine Zerstörung von Werten...und noch weniger Vernichtung von Leben..., sondern deren Entlassung aus einem Besitzbestand in einen Fürsorge- und/oder Nutzungsbezug. Etwas zu opfern heißt auch nicht, der Wert des Geopferten fortan ob seiner Weltlichkeit zu verachten. Rechtes Opfern beinhaltet die Achtung vor dem geopferten Gut.

Wird das Opfergut faktisch weggegeben, damit es den Bedürfnissen anderer dient, ist die Entbindung aus der Last des Besitzes vollständig. Werden Güter freigesetzt, die nicht völlig weggegeben werden - oder gar nicht wegzugeben sind, verändert die Freisetzung den Bezug zwischen dem der opfert und dem Opfergut. Hat man religiös geopfert, hört man auf, das Geopferte zu missbrauchen. Man begegnet ihm mit Respekt und Dankbarkeit.

3.6. Anlass

Da religiöse Opfer keinen bedingten Zwecken dienen, ist der Anlass zu Opfern nicht punktuell. Opfert man zu weltlichen Zwecken - um einen Vulkanausbruch zu verhindern, eine Krankheit zu bannen oder um aus Anlass einer Missetat den Zorn Gottes von sich abzuwenden - ist die Opferbereitschaft an wechselnde Ereignisse gebunden.

Das wahrhaft religiöse Opfer betreibt die Freisetzung des Subjekts aus Rollenspiel und Wellengang. Der Anlass, den es kennt, ist die Erkenntnis, dass das Wesen des Subjekts im Bedingten kein Zuhause hat.