Form & Formlosigkeit


  1. Sein und Existenz
    1. 1.1. Das Geformte
    2. 1.2. Das Formlose
  2. Übergänge
  3. Begegnung und Verformung
  4. Entformung
    1. 4.1. Folgen fehlender Entformung
    2. 4.2. Ursachen gestörter Entformung
      1. 4.2.1. Psychologische Faktoren
      2. 4.2.2. Individuelles Umfeld
      3. 4.2.3. Gesellschaftliche Faktoren
      4. 4.2.4. Technologische Faktoren
    3. 4.3. Methoden problematischer Entformung
    4. 4.4. Methoden heilsamer Entformung
  5. Identität und Des-Identifikation
Da alle Formen der Einwirkung anderer Formen ausgesetzt sind, hat nichts Geformtes Bestand.

Mehr als ein bewusster Körper sind Sie bekörpertes Bewusstsein. Mehr als bekörpertes Bewusstsein sind Sie die Möglichkeit dazu. Ihr Seinkönnen hängt nicht davon ab, ob Sie sind oder nicht.

1. Sein und Existenz

Die Wirklichkeit besteht aus zwei Ebenen: der des Geformten und der des Form­losen. Der Mensch lebt auf der Ebene des Geformten. Auf der Ebene des Formlosen ist das zum Menschen Geformte jenseits von Leben und Tod.

Die Ebene des Geformten bildet das Diesseits der Erfahrung. Es besteht aus der Begegnung begrenzter Strukturen, denen durch die Grenzen ihres So­seins eine Existenz zukommt, aus der heraus sie wechselseitig aufeinander einwirken.

Sein und Dasein
Jedes Da-sein ist Ausdruck und Begrenzung des Seins. Im Da-sein ordnet sich das Sein einen Ort zu, an dem es stattfindet. Indem es an einem bestimmten Ort stattfindet und nicht anderswo, grenzt sich das eigentlich unbegrenzte Sein in ein begrenztes Dasein ein. Da sich das Wesen des Seins in keiner Begrenzung erfüllt, geht das Sein im Dasein stets vorüber. Jedes Dasein ist ein Stattfinden, von wo aus es die Stätte zu finden versucht, an der es bleiben kann.

Die Ebene des Formlosen bildet das Jenseits der Erfahrung. Im Jenseits der Erfahrung gelten die Begrenzungen diesseitiger Strukturen nicht. Dort verschmilzt die Existenz begrenzter Strukturen in ein vor-existentes Feld grenzenloser Möglichkeit. Möglichkeit ist das Wesen des Seins. Verwirklichte Möglichkeit ist das Wesen der Existenz.

1.1. Das Geformte

Zum Geformten gehört, was voneinander unterschieden wer­den kann und als Objekt der Betrachtung beschreibbar ist. Unterscheidbar und als Objekte der Betrachtung erkennbar sind:

Heimat und Exil
Jedes Da-sein ist ein Ausgesetzt-sein in der Fremde. Jedes Dasein sucht daher nach dem, dem es zugehören kann. Sucht es auf der Ebene des Unterscheidbaren, wird es keine endgültige Zugehörigkeit finden. Erst wenn das Dasein das Formlose als eigenes Wesen erlebt, wird seine Suche zu Ende sein.
1.2. Das Formlose

Auf das Formlose sind Rückschlüsse möglich; zum Beispiel durch Akte der Logik. Es ist jedoch nicht als Objekt der Betrachtung erkennbar. Es ist vielmehr das Subjekt des Betrachteten.

Im Formlosen gibt es keine Unterscheidungen. Das Formlose ist folglich nicht beschreibbar. Wäre es das, hätte es bereits eine Form und unterscheidbare Strukturen, die der Betrach­tung prinzipiell zugänglich wären. Beschreibt man es den­noch, dann im Wissen, dass die Beschreibung das Beschriebene grundsätzlich verfehlt und nur als Entwurf zu werten ist.

Das Formlose entspricht der Möglichkeit, sich in Unterscheidbares zu verwirklichen. Da Tatsächliches nur tatsächlich sein kann, wenn es möglich ist, ist die unentschiedene Möglichkeit Ursprung und Grund­lage des Verwirklichten.

Obwohl Möglichkeiten des Formlosen womöglich nicht verwirklicht sind, ist die Wirkkraft der Wirklichkeit im Formlosen verankert und nicht im Verwirklichten selbst. Das Formlose liegt dem Geformten zugrunde. Es ist wirklicher als das Verwirklichte. Aus seiner Sicht erscheint die Wirklichkeit des Verwirklichten austauschbar. Sie ist somit nachgeordnet.

Sehen und gesehen werden
Menschen wollen Anerkennung. Sie wollen gesehen und beachtet werden. Das kann man psychologisch erklären. Ohne Beachtung von außen überlebt das Neugeborene nicht. Vielen Kindern wird nur wenig Beachtung geschenkt. Sie hungern nach Bestätigung. Oft ein Leben lang. In der Bestätigung liegt die Gewissheit, beachtet zu werden.

Der Wunsch gesehen zu werden, geht jedoch tiefer. Er entspringt der dualen Struktur der Wirklichkeit. Die duale Ebene der Wirklichkeit ist in Subjekt und Objekte gespalten. Das Subjekt sieht. Objekte werden gesehen. Sobald sich das Subjekt zum lebenden Objekt verwirklicht, erlebt es dessen Wesen subjektiv. Das Objekt ist ein Gegenstand. Gegenüber dem Subjekt kommt es zum Stehen. Das Subjekt ist Fürstand. Aus der Eigenschaft des Objekts, nämlich gesehen zu werden, wird ein Anliegen des Subjekts: Es will dem Objekt, als das es erscheint, Beachtung verschaffen. Es kann sich selbst beachten oder erwarten, dass andere es tun. Beachtet es sich, erfüllt es das Wesen der Wirklichkeit, deren Ausdruck es ist.

2. Übergänge

Geformtes und Formloses sind keine getrennten Welten. Es liegt im Wesen des Form­losen unbegrenzt zu sein und somit nicht an den Grenzen des Geformten zu enden. Daher liegt allem Geformten das Formlose inne.

Formen sind umso geformter, je komplexer sie sind. Je komplexer Formen sind, desto mehr wird das Formlose überlagert.

Stufenleiter der Komplexität
Formen unterscheiden sich durch ihre Komplexität. Komplexität und Geformtheit sind quasi synonym. Komplexität ist der Grad der Geformtheit.

3. Begegnung und Verformung

Das bewusste Erleben ist ein Wechselspiel zwischen Formwerdung und Entformung. Bewusstsein...

Beispiel

Durch die Erstellung dieser Webseite wird eine Form hervorgebracht. Um die Form hervorzubringen, muss sich der Autor in das Thema einfühlen und eindenken. Dabei passt sich sein Verstand an die Formvorgabe der Wirklichkeit an, um sie abzutasten. Die Komplexität des Formeinfühlungsvermögens wird durch die Komplexität jener Körperstrukturen begrenzt, die dem Autor als Vorleistung der Wirklichkeit vorgegeben sind. Die Einfühlung in die erforschte Form selbst ist eine Eigenleistung der Psyche. Das Ergebnis ist Gabe der Wirklichkeit.

Alle Elemente der diesseitigen Wirklichkeit sind Formen. Jede bewusste Begegnung mit einer Form erfordert eine Einformung des Bewusstseins und damit im Grundsatz eine Verformung, die den formlosen Seinspol des Bewusstseins in ein begrenztes Sosein herabsetzt.

Ermüdung

Jeder Gedanke ist eine Struktur, die die Wirklichkeit abzutasten, nachzubilden, darzustellen oder zu formen versucht. Je komplexer gedankliche Formen sind, desto mehr Energie braucht man, um sie zu bilden. Die Erstellung gedanklicher Formen ermüdet das Bewusstsein. Ermüdung ist eine Kraft, die das Bewusstsein in die ursprüngliche Formlosigkeit zurückführt.

4. Entformung

Die tiefste Schicht des Bewusstseins reicht bis ins Formlose. Jede Einformung des Bewusstseins ist eine Preisgabe seines eigent­lichen Wesens. Jede Preisgabe ruft seelische Kräfte auf den Plan, die das Bewusstsein in sein ursprüngliches Wesen zurückführen. Um gesund zu bleiben, braucht das Bewusstsein Entformung.

4.1. Folgen fehlender Entformung

Einformungen, die allfällige Begegnungen mit den Formen der Wirklichkeit nach sich ziehen, kosten Energie. Sie wird durch eine Anspannung bereitgestellt, die der Grundtendenz des Bewusst­seins, nämlich in den spannungsfreien Zustand formloser Unent­schiedenheit zurückzukehren, entgegenwirkt.

Im gesunden Funktionsmodus werden periodische Entformungen herbeigeführt oder Zustände geringer Geformtheit angestrebt, durch die sich das Bewusstsein dem formlosen Pol zumindest nähert. Bleibt Entformung aus, kommt es zu seelischen Pro­blemen. Zu nennen sind...

In letzter Konsequenz droht sogar der Tod. Es ist bekannt, dass man vollständigen Schlafentzug nicht lange überleben kann.

4.2. Ursachen gestörter Entformung

Die notwendige Entformung des Bewusstseins kann durch verschiedene Faktoren verhindert werden:

Von all diesen Faktoren kann ein überschießender Druck ausgehen, Formen zu bilden bzw. Formen zu bewahren. Tatsächlich greifen die Faktoren ineinander und verstärken sich wech­selseitig. Das individuelle Umfeld kann einen Druck ausüben, der dazu führt, dass eine überwertige Bereitschaft zur Formbildung verinnerlicht wird. Die wachsende technologische Komplexität verstärkt gesellschaftliche Impulse zur Überregulierung individueller Verhaltensmöglichkeiten. Überregulierung zwingt das Individuum, sich ständig auf die Erfüllung von Formvorgaben auszurichten.

Teufelskreise
Fehlende Entformung fördert seelische Erkrankungen. Seelische Erkrankungen führen andererseits aber auch dazu, dass Entformung schwerer zu erreichen ist. Zu nennen sind insbesondere Schlafstörungen, aber auch die Unfähigkeit, im Wachzustand gedanklich abzuschalten. Viele Menschen beklagen einen quälenden Denk- und Grübelzwang, der jede Entspannung vereitelt.

Bei der posttraumatischen Belastungsstörung kann es zu einer pathologischen Hypervigilanz kommen. Der Patient ist überwach, als halte er ständig Ausschau nach neuer Gefahr, die er rechtzeitig erkennen will. Statt im Tiefschlaf Abstand zum Trauma zu gewinnen, bleibt sein Organismus überreizt.

4.2.1. Psychologische Faktoren

Das Selbstbild ist Form und Vorgabe zugleich. Es sagt: Ich bin so und nicht anders oder Ich sollte so und so sein. Je stärker sich das Ich mit einem bestimmten Selbstbild identifiziert, desto mehr Druck übt es auf sich aus, genau diese Form zu verwirklichen. Oft ist das Ich so damit beschäftigt, dem Selbstbild zu entsprechen, dass es kaum davon ablassen kann. Im Bemühen, Form zu sein, vergisst es, dass sein wahres Wesen formlos ist.

4.2.2. Individuelles Umfeld

Menschen haben zwei große Laster:

  1. unbedingt so und nicht anders sein zu wollen
  2. den Anderen so und nicht anders haben zu wollen

Das erste Laster ist Sünde wider sich selbst, das zweite führt dazu, dass menschliche Kommunikation zu Manipulation verkommt. Der Eine will nicht sehen, wie der Andere ist. Er will ihn dazu bringen, so und nicht anders zu sein.

4.2.3. Gesellschaftliche Faktoren

Einst hatte sich Europa auf den Weg gemacht, den Einzelnen freizusetzen. Seitdem ein Teil davon verwirklicht ist, wendet sich sein Eifer gegenläufigen Zielen zu: alles zu reglementieren, was man reglementieren könnte. Europas Eifer entspringt der Illusion, man könne von allem immer mehr und alles gleichzeitig bekommen. Nachdem es die Grenzen der Freiheit erweitert hat, sucht es jetzt nach Sicherheit. Die Freiheit ist ihm nicht mehr geheuer.

Freiheit und Entwertung

Das eigentliche Wesen des Menschen liegt nicht in dieser oder jener Form. Es liegt in einer Subjektivität, die Formen selbstbestimmt wählen und aufgeben kann. Je mehr Vorgaben der Mensch zu erfüllen hat, desto mehr wird er zu einem Objekt herabgesetzt.


Der Respekt vor dem Selbst­bestimmungs­recht des Einzelnen ist mehr als eine politische Aufgabe unter vielen. Er ist der Kern ohne den jede menschliche Gemeinschaft unmenschlich wird.

Zunehmend wird der Einzelne mit gesellschaftlichen Formvor­gaben konfrontiert, die seine Freiheit beengen. Resultat sind Unterwerfung unter die Vorgabenflut, steigender Anpassungs­druck, Ablenkung vom eigenen Wesenskern, Orientierung an Welt und Äußerlichkeit oder trotzige Versteifungen gegen alles, was von außen kommt. Im Wahn, dass man durch Gesetz und Verordnung alles verbessern kann, setzt Europa seinen größten Schatz aufs Spiel: die Anerkennung des Individuums als Souverän seiner selbst. Leben ist kein Gerinnen in Struktur. Es ist die Freiheit, in selbstgewählte Formen einzufließen.

Europas achtloser Umgang mit dem Schatz seiner Freiheit ist kein Wunder: Geheuer geht auf ein altgermanisches Adjektiv zurück. Geheuer heißt eigentlich zur Hausgemeinschaft gehörig. Es ist mit den hei- in Heirat verwandt. Europa sucht den sicheren Hafen einer Ehe, in dem es sich vor der Freiheit nicht mehr fürchten muss.

4.2.4. Technologische Faktoren

1970 beherrschte ein Taschenrechner von Texas Instruments vier Grundrechenarten. Trotzdem war er eine Sensation. Noch früher benutzte man zum Rechnen Finger.

Heute sind wir von einem technologischen Kosmos umzingelt, dessen Gebrauchsan­weisung 14 Blopsiebyte Speicherplatz belegt. Die Auseinandersetzung mit den Ausläu­fern dieser Komplexität, die sich ins Leben eines jeden erstreckt, der das Dschungelcamp seiner indigenen Vorfahren hinter sich gelassen hat, zwingt das Bewusstsein in verschachtelte kognitive Formen, aus denen es nur dann noch nach Hause findet, wenn es als seinen Gott nicht die Komplexität, sondern die formlose Einheit anerkennt, die allem zugrunde liegt.

Komplexität

Die Komplexität der technologischen Gesell­schaft macht bei 14 Blopsiebyte nicht halt. Die Dynamik der Entwicklung wird an der Weltkom­plexitätsuhr erkennbar:

Nachdem das verwendete Rechenprogramm beim Versuch, die erforderlichen Blopsiebytes sekundengenau zu ermitteln, ein Burn-out bekam, schlug es vor, die Ausgabe des Schätzwerts auf 16 Stellen zu begrenzen und es dem geneigten Leser anheimzustellen, den Wert solange mit Zehnerpotenzen zu multiplizieren, wie es seiner Vorstellung eines Blopsiebytes entspricht.

4.3. Methoden problematischer Entformung

Entformung kann durch Methoden erreicht werden, deren positive Komponente von problematischen Nebenwirkungen überlagert wird. Zwei häufig angewandte Methoden sind...

4.4. Methoden heilsamer Entformung

Themenfelder der Vereinfachung

Vieles, was vielschichtig ist, kann vereinfacht werden. Anderes mag einfach sein. Seine schiere Menge steigert aber die Komplexität.

Man kann sich daher fragen:

  • Wie viele Vorhaben gehe ich gleichzeitig an?
  • Ist das Gerät mit 57 Zusatzfunktionen für mich tatsächlich nützlich? Oder muss ich eine Komplexität bedienen, die mich durch ihren Appell, sie zu beherrschen, zu ihrem Diener macht?
  • Wie viele Gegenstände sind in meinem Besitz?
  • Mit wie vielen Personen pflege ich zeitgleich Kontakt?
  • Wie viele Konten habe ich bei Mailanbietern, sozialen Netzwerken und Foren?
  • Kocht man mit 13 Gewürzen pro Mahlzeit oder schmeckt es besser mit vier?

5. Identität und Des-Identifikation

Das grundsätzliche Hindernis heilender Entformung liegt in der Bereitschaft zur pathogenen Einfor­mung. Potenziell pathogen ist eine Einformung, wenn sie nicht im Bewusstsein ihrer Vorläufigkeit geschieht und als Mittel momentaner Situationsbewältigung verstanden wird, sondern zur fixierten Identifikation mit einem objektiven Kriterium führt.

Das absolute Selbst ist nur für den erkennbar, der verstanden hat, dass er es ist.

Der Repräsentant des absoluten Selbst im Menschen ist das Subjekt. Das Subjekt hat, im Gegensatz zu den Objekten, keine feste Eigenschaft. Es ist nicht so oder so. Es kann so oder so sein... oder eben anders. Weil dem Subjekt Eigenschaften fehlen, und es aus reinem Vermögen besteht, kann es nicht als abgespaltenes Gegenüber wahrgenommen werden. Das führt dazu, dass der Mensch sich, bei der Frage nach sich selbst, mit dem gleichsetzt, was er wahrnehmen kann: also mit objektiven Strukturen, die, weil sie mit Eigenschaften behaftet sind, erkannt werden können.

Der basalen Identifikation mit der Person folgt ein Spektrum nachgeordneter Identifikationen mit konkreten Qualitäten. Als Person will ich so und so sein und meine, so und so handeln zu sollen, um als gut zu gelten. Jede Identifikation mit einer solchen Qualität und jede Ausrichtung des Handelns an einem Soll ist eine Einformung, die das Subjekt von sich selbst ins Konkrete entfernt.

Wer sich mit einer Form gleichsetzt, ohne zu wissen, dass er über ihr steht, hat sich verkannt oder verraten.
Wer seine Identität sucht, muss die Identifikation mit allem, was er als objektive Form erkennen kann, auflösen. Des-Identifikation ist der Weg zur Identität.

Das normale Bewusstsein hat eine Vorliebe für seine Inhalte, weil Inhalt Halt gibt. Was ihm Halt gibt, hält es aber auf und davon ab, sich selbst zu finden.

Die Person zieht sich an. Sie hat das Ziel, bekleidet zu sein. Die Person schließt die Tür. Sie hat das Ziel, dass sie geschlos­sen ist. Das Selbst sieht, dass die Person das Ziel hat, bekleidet zu sein. Sie sieht, was sie tut, um das Ziel zu erreichen. Das Selbst hat kein Ziel. Es ist das Ziel.

Tatsächlich ist das Subjekt jenseits jeder festgelegten Form mit sich selbst identisch. Es neigt jedoch dazu, sich mit Formen zu identifizieren, weil es dann zu wissen glaubt, woran es sich halten kann. Das gibt ihm ein Gefühl vorläufiger Sicherheit. Im Regelfall setzt der Mensch sich mit der Person gleich, als deren substanzielle Basis er den Körper deutet.

Des-Identifikation
Wenn ich sage, ich denke, ich fühle, ich meine, habe ich mich mit jener Person identifiziert, für die ich mich halte. Denken, Fühlen und Meinen sind kognitive Ausdrucks- und Erlebnisformen der Person. Mal denkt sie das, mal fühlt sie jenes, mal meint sie dieses. Weder Gedanke noch Gefühl oder Meinung sind aber das Selbst dessen, der von ihnen weiß. Das Selbst bringt sich in den Formen der Person zum Ausdruck, ist aber mit keiner Form identisch.

Das Selbst wird aus wechselnden Formen freigesetzt, wenn es sie als bloße Form erkennt und sich von ihnen lossagt.

Das tägliche Leben ist vom Bemühen durchsetzt, bestimmte Formen einzuhalten. Das muss kein Nachteil sein. Form ist Schlüssel. Wenn er passt, öffnet er Türen. Wer sich aber mit bestimmten Schlüsseln gleichsetzt, weil er meint, sie und nur sie zu sein, dem bleiben Türen verschlossen, auf die die ausgewählten Schlüssel nicht passen. Wer nicht hinter manchen Türen haltmachen will, darf niemand sein, den man erkennen könnte.

Denken Sie also daran: Sie sind, was über allen Formen steht und jeder Form zugrunde liegt. Sie sind kein Schlüssel, sondern der, der ihn handhaben kann. Setzen Sie sich nur dann zu etwas Erkennbarem herab, wenn Ihnen klar bleibt, dass Sie das Erkennbare nicht sind.