Erotische Liebe ist ein Teil vom Para­dies, den der Himmel uns zu sehen erlaubt. Wer in der Begierde dankbar ist, kann ihn erkennen. Sonst bleibt es beim Genuss.

In der Erotik erreicht Begegnung jene Schwelle, über die hinweg sie sich selbst überschreitet. Dabei verweben sich Weltlichkeit und Transzendenz.

Eros kann man nur finden, wenn man sich in ihm verliert.

Nur wenn Eros den Wert des Begehrten jenseits der Begierde erkennt, kann Eros vollwertig als Liebe gelten.

Erotik


  1. Das Kernthema der erotischen Liebe
    1. 1.1. Sexualität
    2. 1.2. Verliebtheit
  2. Grundbedingung Ich-Bewusstsein
  3. Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit
    1. 3.1. Regressives Muster
    2. 3.2. Aggressives Muster
    3. 3.3. Defensives Muster
    4. 3.4. Angst und Vertrauen
    5. 3.5. Seismik
    6. 3.6. Gewohnheit und Enttäuschung
  4. Erotik und Religion
    1. 4.1. Historische Lasten
    2. 4.2. Dualismus und Eifersucht

1. Das Kernthema der erotischen Liebe

Religion und Erotik (griechisch eros [ερως] = sinnliches Liebesverlangen) haben einen gemeinsamen Nenner: Den Wunsch des Individuums, die eigene Begrenztheit zu überschreiten.

Das normale Ich erlebt sich als individuelle Person, die als abgegrenzte Einheit dem Rest der Welt gegenübersteht. Es empfindet einen Graben, der es vom Nicht-Ich trennt. Es ist dabei kein Zufall, dass der Graben, den das Ich zwischen sich und dem Nicht-Ich empfindet, sprachgeschichtlich mit dem Grab zu tun hat, in dem der Graben dereinst zugeschüttet wird. Falls es sich keinen Illusionen hingibt, erkennt das Ich daher, dass der Horizont seiner Person bescheiden ist. Gemessen an der Unendlichkeit ist ihr Dasein ein Wimpernschlag.

Zwei Wege zur Ganzheit

Äußerer Weg Innerer Weg
Erotik Mystik
Ich suche Ergänzung im Anderen. Ich suche Ganzheit in mir.

Erotik ist die Mystik des Ego. In der Erotik begehrt das eine Ego ein anderes. Mystik ist die Erotik des Selbst. In der Mystik begehrt das eine Selbst die Wirklichkeit.

Der Befürchtung Ich bin bloß das und nicht mehr entspringt eine mächtige Sehnsucht nach Ergänzung, die aus allen Winkeln der Seele heraus nach einer Lösung sucht. Zwei Wege kann sie dabei gehen: Den inneren und den äußeren, den der mystischen Religiosität und den der erotischen Liebe. Fast immer ist es so, dass der Weg der erotischen Liebe als erstes beschritten wird.

1.1. Sexualität

Sexualität ist der biologische Vorläufer der erotischen Liebe. Ihre Struktur zeigt schnörkellos, was in der erotischen Liebe zu deren Kernthema wird: Überwindung der Begrenztheit durch Grenzüber­schreitung, Ergänzung und Fusion. Dabei werden gleich zwei Grenzen überschritten: die zwischen zwei Leibern und die, die der leibliche Tod des Individuums dem Leben setzt.

Vielsagende Verwandtschaft

Der Begriff ⇗Sexualität geht auf lateinisch sexus = biologisches Geschlecht zurück. Über das englische sex gelangte er ins Deutsche. Sexus seinerseits geht vermutlich auf das lateinische Verb secare = teilen, trennen, schneiden zurück. Auch wenn die Etymologie für diese Deutung die Hand nicht ins Feuer zu legen wagt, wagen wir es, sie als plausibel anzusehen. Sexualität ist dem entsprechend ein Betätigungsfeld, dessen Boden in erlittener Trennung anzu­siedeln ist. Der Mensch fühlt sich von seiner besseren Hälfte abgeschnitten. Beim Versuch, die Trennung lustvoll aufzuheben, kommt nicht selten eine Menge neuen Leids zustande.

In der Tat ist der Lebenshorizont der biologischen Struktur durch den Tod begrenzt. Niemand ist auf sich allein gestellt in der Lage, diese Grenze zu überwinden. Um die Grenze doch zu überschreiten, sind beide Geschlechter darauf angewiesen, den Gegenpol zu finden, der ihre biologische Halbheit zu einer höheren Gestalt ergänzt. Die Ergänzung führt zur Fusion, die Fusion zur Zeugung eines neuen Lebens, in dem die alten Gene wiederauferstehen.

Überwundene Grenzen

Sexualität... Erotik...
überwindet...
biologische Grenzen. psychologische Grenzen.

Mit der Erotik bekommt der leibliche Trieb zum Gegenpol eine psychologische Entsprechung. Dass die erotische Beziehung zumindest bei heterosexuellen Paaren zugleich eine Möglichkeit bietet, um Gene zu vererben, ist dabei oft zweitrangig. Zur Vererbung von Genen genügt ein blanker Akt, der, wenn es nur um die Besamung ginge, schnell vollzogen wäre.

Tiere, deren seelisches Leben vermutlich facettenärmer als das unsere ist, bündeln ihr sexuelles Interesse auf ein enges Zeitfenster: jenes, das gemessen an der Tragzeit für die Überlebenschancen der Nachkommen günstig liegt. Balz und Brunft dienen der evolutionären Selektion, während das Interesse an Erotik, das beim Menschen aus Balz und Brunft hervorgegangen ist, auch jenseits aller Kinderwünsche mächtig ist. Dass es eine homosexuelle Erotik gibt, belegt erst recht, dass Erotik mehr als der verlängerte Arm sexueller Impulse ist.

Das erstrangige Ziel der erotischen Vereinigung mit einem Gegen­über ist nicht die Überwindung biologischer Grenzen, sondern seeli­scher. Wer sich nach Erotik sehnt, wünscht die Begrenzung seiner psychischen Individualität zu überschreiten. Zu zweit sind Dinge erlebbar, die dem Einzelnen verschlossen sind. In der liebenden Vereinigung erlebt das Ego ein Stück Freiheit von sich selbst.

Zoon eroticos
Wie es schon Desmond Morris (Der nackte Affe, 1967) so treffend beschrieb, zeichnet sich die Spezies Mensch gegenüber allen anderen Arten durch ein besonderes Merkmal aus: Sie ist nicht nur nackt, sondern die Nacktheit ihrer Haut ist zugleich Dreh- und Angelpunkt eines erotischen Interesses, das kategorisch über die Notwendigkeiten der Reproduktion hinausreicht. Homo sapiens ist nicht nur, wie Aristoteles richtig erkannte, ein Zoon politicos. Er ist erst recht ein Zoon eroticos.

Während das erotische Interesse auf psychologischer Ebene ins Themenfeld des Religiösen übergeht, beschäftigt sich ein großer Teil politischer Strukturen regulierend mit der Sprengkraft, die auf sozialer Ebene damit verbunden ist. Politik beginnt in der Affenhorde (Frans de Waal: Der Affe in uns, 2006). Ihre Motive haben bereits dort mit Paarung und Geschlechtlichkeit zu tun. Deshalb sei die These gewagt: Dass der Mensch Kulturen bildet, verdankt er vor allem der Erotik. Erotik ist fundamental mit der Menschwerdung verknüpft. Die Affenhorde wurde nicht durch die Erfindung von Faustkeil und Lagerfeuer zivilisiert, sondern durch die Transzendenz von der bloßen Paarung zur Erotik.

Die Weibchen behaarter Affenarten kommen in einem engen Zeitfenster um den Eisprung herum in Hitze. Dann lassen sie sich vom Erstbesten begatten, der es geschafft hat, sich bis zu ihnen durchzuprügeln. Dabei würdigen sie ihren Partner keines Blickes (außer bei den Bonobos), lassen kaum je eine wesentliche emotionale Beteiligung erkennen und gehen nach vollstrecktem Akt ihren üblichen Geschäften nach, als seien sie gerade mal gelaust worden. Ein wesentliches Interesse an einer besonderen Bindung zu dem, der sie eben noch besamt hat, scheinen sie nicht zu haben.

Schauen Sie sich im Gegensatz dazu in der Herzogstraße in Wuppertal um. Dort wimmelt es von aufreizenden Geschöpfen, die ab vollendeter Thelarche (FN) einen erheblichen Aufwand betreiben, um erotische Signale auszusenden. An wen? An Empfänger, die mit zumindest einem Auge ständig danach Ausschau halten. Glauben Sie, die tun das, um einen potenten Samenspender anzulocken, der ihnen ein Kind macht? Mitnichten! Sie suchen ein Gegenüber, mit dem sie über die Brücke gemeinsamer Lust hinweg eine intime Beziehung eingehen können, die ihre Vereinzelung aufhebt und ihr Zugehörigkeitsbedürfnis radikal erfüllt. Und anders als bei unseren behaarten Verwandten ist das erotische Interesse beim Menschen eine Triebfeder, die das weitere Leben über Jahrzehnte hinweg nachhaltig bestimmt.

1.2. Verliebtheit

Zur Verliebtheit gehört eine besondere Komplizenschaft: weil das hohe Gut der wechselseitigen Ergänzung nur genossen werden kann, wenn man es anderen gemeinsam vorenthält. Der Aufhebung der Grenze zwischen den Verliebten entspricht die Errichtung einer gemeinsamen Grenze zur Außenwelt.

Sobald das Ego mit der Pubertät volles Verfügungsrecht über sich verlangt und trotzig verkündet, Ich stehe der Welt gegenüber, keimt in der Seele eine gegenläufige Bereitschaft auf. Der geschlechtsreife Mensch droht sich bei der nächsten Gelegenheit zu verlieben. Wenn ihm dazu das Glück fehlt, kreist die Hälfte seines Denkens fortan um die ersehnte Möglichkeit und selbst wenn Fortuna anfangs lächelt, verwandelt sich ein solches Glück nicht selten in sein schieres Gegenteil.

Kein Thema beschäftigt die Seele mehr als die Frage, wie sie den Tod durch eine Begegnung mit dem Leben überwinden könnte.

Bei der Verliebtheit geschieht Folgendes: Sobald das von der Begrenztheit seiner personalen Autonomie enttäuschte Ego auf Schlüsselreize trifft, deren individuelle Wahl es selbst kaum versteht, verfällt es vom Diktat seiner Sehnsucht geführt in eine quasi wahnhafte Überzeugung. Es denkt: Ich habe ein Gegenüber gefunden, das schicksalhaft auf mich zugeschnitten ist. Wenn ich mich mit diesem Gegenüber verbinde, werde ich Teil einer vollkommenen Einheit sein. Meine Halbheit wird zu einem makellosen Glück ergänzt und da ich und mein geliebtes Gegenüber uns all das geben, was uns bisher fehlt, kann uns der Rest der Wirklichkeit egal sein. Gemeinsam gründen wir das Paradies.

Das Wort Paradies geht auf das altiranische pairi-daeza zurück (persisch pardis [پرديس]). Es bedeutet abgegrenzter, umzäunter Bereich. Gemeint ist ein Palastgarten, der durch einen Zaun vor schädlichen Einflüssen von außen geschützt ist. Das Paradies ist ein Abgegrenztes in dem sich das Eingegrenzte grenzenlos angehört.

Wenn aus enttäuschter Verliebtheit Hass entsteht, hat sie kaum Liebe enthalten.

Der Baum der Erkenntnis

Die paradiesische Verliebtheit beruht auf Sehnsucht, Phantasie, Irrtum, Vorahnung und Unkenntnis. Bekanntlich verliebt man sich besonders leicht, wenn man den Anderen kaum kennt. Je weniger man von dessen eigenen Halbheiten und begrenzten Möglichkeiten zur Ergän­zung weiß, desto leichter glaubt man, dass er keine solchen Grenzen hat, und folglich der Schlüssel zum ersehnten Paradies sein muss. Verliebtheit hält nur so lange an, bis man die tatsächlichen Grenzen des Anderen erkennt.

Wahres Glück ist ewig. Endliches Glück ist eine Etappe auf dem Weg durch sein Gegenteil. Da der Verliebte glaubt, dem wahren Glück begegnet zu sein, glaubt er nicht an dessen Endlichkeit. Solange es geht, lebt er in der Illusion, dass vollkommene Ergänzung durch die Gegenwart eines Anderen zu erreichen ist.

Ist man bereit, die Enttäuschung zu ertragen, kann jenseits der Täuschung wahre Liebe erreicht werden. Im Gegensatz zur Verliebtheit hat Liebe auch dann Bestand, wenn der Andere als unvollständige Ergänzung erkannt ist. Viele flüchten vor der Enttäuschung in Bitterkeit, Vorwurf und Hass. Im Irrglauben, ein anderer Anderer könne ihr das Paradies verschaffen, wendet sich enttäuschte Verliebtheit neuen Zielen zu.

Eben hieß es: ... kann jenseits der Täuschung wahre Liebe erreicht werden. Die Wendung ist bewusst gewählt. Liebe ist kein psychologisches Gefühl, wie zum Beispiel Wut oder Eifersucht. Psychologische Gefühle sind flüchtige Regulationsmittel der personalen Existenz. Liebe ist ein universelles Prinzip. Sie wird nicht - wie Wut oder Eifersucht - von der Psyche erzeugt, um deren Vorteil zu sichern. Sie ist da. Sie drückt die Verbundenheit aller Teile des Universums aus. Liebe entsteht daher nicht. Sie wird erreicht, sobald man erkennt, dass man auch dann zusammengehört, wenn man nicht in der Lage ist, sich zum endgültigen Glück zu ergänzen.

2. Grundbedingung Ich-Bewusstsein

Logischer Zusammenhang
Pubertät heißt zweierlei:
  1. Mit dem Erreichen der Geschlechtsreife erwacht das erotische Interesse.
  2. Das Individuum löst sich aus der Vormundschaft seiner Eltern in ein selbstbestimmtes Dasein.

Dass beide Prozesse parallel verlaufen, ist kein Zufall. Zur Übernahme der vollen Verantwortung für die eigene Existenz gehört eine Selbstbewusstheit, die einerseits Grundlage des erotischen Interesses ist, der die Erotik andererseits einen Schub verleiht, der dem Drama des Lebens neue Ebenen öffnet. Wer sich verliebt, wird in dramatischer Weise nicht nur auf die Welt verwiesen, er nimmt sich selbst als schicksalhaft vereinzelt wahr. Das Leben bietet ihm die Erkenntnis an, dass ihm etwas fehlt und dass er, und nur er, für die Heilung seiner Vereinzelung verantwortlich ist.

Sexualität ist der Vorläufer der Erotik. Sexualität kommt überall dort vor, wo die Fortpflanzung geschlechtlich erfolgt. Das ist bei Makrelen so, bei Fröschen, Käfern, Eidechsen, Igeln, Affen und Menschen. Selbst Pflanzen und Pilze vermehren sich teils zweigeschlechtlich. Erotik kommt, zumindest in erkennbarer Ausdrucksstärke, aber nur bei Menschen vor.

Erotik ist eng mit sexuellen Akten verbunden. Trotzdem wäre es falsch, sie bloß biologisch zu betrachten. Sie ist mehr als der verlängerte Arm der geschlechtlichen Fortpflanzung oder eine spezifisch menschliche Analogie zum Balzritual des Haubentauchers. Der Unterschied zwischen Sexualität und Erotik betrifft nicht nur die Funktion. Er besteht vor allem darin, dass es sich bei der Sexualität um eine Vereinigung von Objekten handelt, während in der Erotik Subjekte einander erkennen.

Auch in der Sexualität wird etwas erkannt: visuelle, akustische und olfaktorische Schlüsselreize. Was dem rein sexuellen Handlungsablauf aber fehlt, ist das Wissen um die eindeutige Individualität des Partners. In der Sexualität ist der Partner ein Es. In der Erotik wird er zum Du.

Während das Balzritual des Haubentauchers eine Bewegungsschablone bleibt, bedarf die Erotik eines reflektierten Wissens, das durch die ebenfalls reflektierte Reaktion eines anderen Wissens moduliert wird. Der Augenaufschlag, von dem sie weiß, dass ich weiß, dass sie weiß, welche Botschaft darin vermittelt wird, ist mehr als nur ein Schlüsselreiz, auf den Geschlechtsorgane reagieren. Er ist die Kontaktaufnahme zweier Subjekte, die sich in einem bewussten Austausch nicht etwa dahingehend abtasten, ob der andere zur geschlechtlichen Fortpflanzung bereit ist, sondern ob sich dessen spezifische Individualität dazu eignet, eine gemeinsame Beziehung zu gründen, deren Art den Rahmen üblicher sozialer Beziehungen kategorisch überschreitet.

Erweiterungen

Lust macht, was erweitert, Schmerz, was begrenzt. Das Grundmotiv, das dahinter zu erkennen ist, ist die Suche des Teils nach dem Ganzen.

Das Wesen des Individuums (lat. in- = nicht und dividere = teilen) ist es, unaufgeteilt zu sein. Wie eine Taube, die den Weg zurück zum Ursprung sucht, wird das Individuum von Sehnsucht nach Ergänzung angetrieben. Das Individuum will es selbst sein. Es ist es selbst, wenn es sich zum Ganzen entgrenzt hat.

Im Akt der erotischen Liebe wird eine bedeutsame Grenze überschritten: die zwischen zwei Körpern. Dadurch wird der Horizont der einen Person in den Horizont der anderen erweitert. Wird Erotik als Ausdruck der religiösen Sehnsucht betrachtet, ist der körperliche Akt zugleich Symbol. Er steht für das religiöse Motiv: die Überschreitung der persönlichen Grenze.

Erotik bedarf zweier Instanzen, die sich ihrer selbst bewusst sind. Das ist eine Seite der Medaille. Die beiden Instanzen bedürfen aber auch der Erotik, um Erfahrungsfelder der Individualität zu erkunden, ohne deren Erkundung Selbstbewusstheit unvollständig bliebe. Das ist die andere Seite. Erotik ist deshalb nicht nur eine zufällige Begleiter­scheinung der Menschwerdung. Menschwerdung ist Individuation. Erotik ist deren unverzichtbarer Katalysator.

Also sprach Zarathustra: Alle Lust will Ewigkeit.

  1. Warum ist der Mensch darauf aus, eine intime Beziehung einzugehen? Weil sie große Lust verheißt. Warum verheißt sie aber große Lust? Weil es dem Wesen des Individuums so sehr entspricht, seine Vereinzelung durch die unbedingte Nähe zu einem Anderen zu überschreiten, dass es große Lust erlebt, sobald es ihm gelingt.

  2. Warum ist die größte Lust mit der Fortpflanzung verknüpft? Weil sich das Leben durch Fortpflanzung fortsetzt.

  3. Warum ist Erotik mit Religion verwandt? Weil das Ziel beider das ewige Leben ist. Niemand, der glücklich verliebt ist, will, dass es jemals zu Ende geht.

3. Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit

Je besser jemand in sich ruht, desto unbefangener kann er sich dem Lockruf der ero­tischen Ergänzung überlassen. Im Vertrauen auf ein Ich, das sich auch im Scheitern treu bleibt, genießt er den Blick ins Paradies, solange seine Sehnsucht ihm die Blindheit schenkt, den Rest der Wirklichkeit zu übersehen.

Widerspruch und Gemeinsamkeit

Das Kernthema der Erotik ist die Überschreitung des Ego. Wer bei der Begegnung damit beschäftigt ist, sein Ego zu festigen, ist nicht zu seiner Überwin­dung bereit. Das Bedürfnis nach Bestätigung steht der Erotik wie ein Klotz im Weg.

Das trifft auf beide Muster zu. Der regressive Partner sucht eine Festigung des Egos durch die Anerkennung seiner Tugend, der aggressive durch die Bestätigung seiner Macht. Beide wollen vom anderen etwas haben, statt mit ihm mitzugehen.

Sexuelle Lust ohne Wertschätzung ist Missbrauch. Man kann Grenzen überschreiten, um jenseits der Grenze ein mächtiges Ego zu sein. Man kann Grenzen überschreiten, um jenseits der Grenze man selbst zu sein. Das sind zwei verschieden Dinge: Wer ein mächtiges Ego geworden ist, hat die Trennung gefestigt. Wer er selbst geworden ist, ist auch der Andere.

Vielen fehlt ein derart starkes Ich. In der Regel werden zwar auch sie von der erotischen Gelegenheit berauscht, oft sogar erst recht, sie sind aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich ohne komplexe Abwehrmanöver der Angst zu stellen, in der erotischen Begegnung verlorenzugehen. So vielfältig wie die Varianten unreifer Persönlichkeiten, so vielfältig sind die Störungen des erotischen Ausdrucks. Drei Grundmuster sind hervorzuheben. Alle drei erschweren das Wagnis ungehemmter Erotik und in der Folge den Übergang von der Verliebtheit zu Liebe.

3.1. Regressives Muster

Die erotische Beziehung ist eine Zuspitzung der zwischen­menschlichen Beziehung überhaupt. Daher tritt dabei die Angst vor Zurückweisung, Demütigung und Entwertung besonders zu Tage.

Schon bei der banalen Alltagsbeziehung fällt es vielen schwer, sich unbefangen einzulassen. Statt sie selbst zu sein und es der Welt zu überlassen, auf dieses Sosein so zu reagieren, wie es ihr gefällt, spielen sie komplizierte Rollen. Sie passen sich nach Gutdünken den Erwartungen an, die das Umfeld an sie richten könnte. Sie pflegen das Bild, das das Umfeld von ihnen haben soll. Sie sind nicht in der Lage, sich im Spiel zu vergessen.

Es liegt auf der Hand: Die Angst vor Zurückweisung, wenn man sich nicht passend macht, wird im Falle der Erotik, wo so viel auf dem Spiel steht, noch mächtiger als anderswo. Die Folge davon ist: Der regressive Typ kostet die erotische Liebe nur halbherzig aus, weil er sich stattdessen darum bemüht, gut genug dafür zu sein.

Das regressive Ego denkt: Wenn ich mich um die Gunst des Anderen bemühe, werde ich durch die Zuwendung bestätigt, die er mir dafür gibt.

Manchen praktizieren derart regressive Muster, dass die Wucht der Erotik keinen Boden findet, in dem sie sich verwurzeln kann. Treffen zwei ohne Wurzeln aufeinander, kommt es bestenfalls zu Blümchensex.

3.2. Aggressives Muster

Die aggressive Variante, die Gefahr tatsächlicher Preisgabe der egozentrischen Enge zu umgehen, beruht auf dem direkten Missbrauch der erotischen Beziehung zum Zweck der Selbstbestätigung. Hier wird Erotik zwar gesucht, aber nicht um darin ihr Kernthema, den Aufbruch des persönlichen Ich über seine Grenzen hinweg zu erleben. Im Gegenteil: Die Eigenliebe des aggressiven Partners benutzt die Eroberung des Gegenübers zur Stärkung seines Ego. Dabei kommt es nicht wirklich zur erotischen Liebe, sondern bloß zu sexuellem und narzisstischen Genuss.

Das aggressive Ego denkt: Wenn ich mir den anderen unterwerfen kann, beweist das meinen Wert.

Wer Lust empfindet, weil er Lust verschenkt, dessen Gott ist Eros. Wer sie raubt oder stiehlt, weil er sie haben will, dient Phallus.

Apropos haben
Das Verb haben benennt eine Befugnis. Wer etwas hat, ist dazu befugt, es zu benutzen... und anderen zu verbieten, das gleiche zu tun. Haben beschreibt damit ein Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt, und behauptet zugleich eine Asymmetrie. Das Objekt unterliegt dem Subjekt, das befugt ist, darauf zuzugreifen.

Der Leib ist ein Objekt. In der Erotik wird er bewusst verschenkt und entzogen, damit nur der Geliebte ihn haben kann. Bleibt Sexualität aber auf den Besitz des Leibes beschränkt, wird sie ihrem erotischen Potenzial kaum gerecht. Sie verharrt im aggressiven Muster, das schon in der Affenhorde sexuelle Besitzverhältnisse geregelt hat. Erotik im eigentlichen Sinn bedarf der Freiheit beider Partner. Sie ist ein Bezug von Subjekt zu Subjekt. Nur wenn jedes Subjekt über das erogene Objekt, als das er in der Welt erscheint, frei verfügen kann, kann die Befugnis zum Haben verschenkt werden, ohne dass die Würde des Subjekts im Objekt verlorengeht.

3.3. Defensives Muster

Als dritte Umgangsart ist ein defensives Muster auszumachen. Erotik heißt Verführung. Verführung heißt Führung und Kontrolle abzugeben. Viele sind in ihrem Selbstbild so wenig gefestigt oder haben Übergriffigkeiten erlebt, denen sie nichts entgegenzu­setzen hatten, dass sie kaum dazu bereit sind, Macht an andere abzugeben. Eine Lösungsstrategie mag das aggressive Muster sein. Der Aggressive gibt keine Macht ab, indem er sich selbst erst recht ermächtigt. Gegen die erotische Macht des Gegenübers schützt er sich durch Offensive.

Beim defensiven Muster ist das anderes. Anderes als der Regressive, der sich passend macht, um vom Geliebten akzeptiert zu werden, klammert sich der Defensive mit aller Macht ans Lenkrad; damit die Verführungskraft der Erotik nicht die Steuerung übernehmen kann.

Das defensive Ego denkt: Wenn ich auf die Signale nicht eingehe und so tue als stehe ich unbeeinflussbar darüber, kann mich der Eros nirgendwohin führen, wo ich nicht mehr Herr meiner selbst bin.

Der Defensive wehrt nicht ab, indem er sich des Anderen bemächtigt. Er wehrt ab, indem er sich entzieht.

Persönlichkeits-Pole und Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit

Regressiv Aggressiv Defensiv
Abhängig +++ - -
Ängstlich-vermeidend +++ - +
Depressiv +++ - -
Narzisstisch + +++ -
Zwanghaft - ++ ++
Histrionisch +++ +++ -
Schizoid - - +++
Paranoid - +++ +++
Emotional-instabil +++ +++ +
Dissozial - +++ -

Viele tragen im Bett keine Kleider und sind trotzdem nicht nackt.

3.4. Angst und Vertrauen

Sobald man erkennt, dass die psychologischen Möglich­keiten der Erotik noch weiter gehen als die physiolo­gischen der Sexualität, versteht man die Macht der Angst, die das erotische Erleben vieler überschattet. Sexualität ermöglicht es der Person, sich fortzupflanzen. Das allein ist Grund genug, sich zu fürchten; denn eine Schwangerschaft kann zu Verpflicht­ungen führen, die bislang eifersüchtig gehegte Zukunftspläne unmöglich machen.

Die psychologische Möglichkeit des Eros besteht aber nicht nur in der Fortpflanzung der Person, sondern darin, über sie hinauszugehen. Wer sich fortpflanzt, übernimmt neue Rollen. Wer über sich hinausgeht, streift Rollen ab.

Rollen schaffen Sicherheit. Sie positionieren im sozialen Raum. Fallen Rollen weg, steht man ohne Schutzschicht da. Man zeigt Begierde und Verführbarkeit. Angst kommt auf. Das regressive Ich stellt sich der Angst nicht. Es wehrt sie ab, indem es sich unterordnet. Im aggressiven Muster stellt sich das Ich ebenso wenig. Es versucht Angst durch Macht zu bannen. Im defensiven Muster wird der Lockruf schlichtweg überhört.

Das Gegenmittel gegen Angst ist Vertrauen. Vertrauen kann auf zwei Ebenen zum Ausdruck kommen:

  1. dem Anderen gegenüber
  2. sich selbst gegenüber

Das Vertrauen gegenüber dem Anderen kann ausreichend sein, Selbstbild und Rolle im erotischen Moment zu vergessen. Wer sicher ist, einem Gegenüber zu begegnen, das ihn weder abwerten noch zurückweisen oder vereinnahmen wird, findet den Mut zum Risiko.

Selbstvertrauen ist als Grundlage noch stabiler. Wer darauf vertrauen kann, dass er sich selbst auch dann treu bleibt, wenn er von außen abgewertet, vereinnahmt oder zurückgewiesen wird, ist gegen Abwertung immun. Selbst wenn das Vertrauen, das er in den Anderen setzt, gebrochen wird, werden die Gefühle, die er dann zu durchleben hat, zwar bittere Erfahrungen sein, aber keine Wunden, die sein Selbstwertgefühl auf Dauer schwächen.

3.5. Seismik

Man muss keine tiefgehende Persönlichkeitsproblematik haben, um Störungen der ero­tischen Begegnungsfähigkeit zu erleben. Wie schon gesagt: Die erotische Beziehung ist eine Zuspitzung der menschlichen Beziehung überhaupt. Auch wenn man sich selbst und seinem Partner im Grundsatz vertraut, ist die Erotik, vor allem bei sensiblen Menschen, anfällig für Irritationen aller Art. Sie können aus allen anderen Erfahrungsfeldern stammen und wie seismische Wellen untergründig in die intime Beziehung einstrahlen, zum Beispiel:

Unter dem Einfluss von Versagensangst, Groll und Erwartungsdruck können an sich vorübergehende Störungen chronifizieren.

3.6. Gewohnheit und Enttäuschung

Unzählige Paare haben es erlebt: Anfangs war man überzeugt, dass die leibliche Vereinigung mit dem Anderen eine unerschöpfliche Quelle erotischer Begierde, Lust und Verzückung sein wird. Sind Prinz und Prinzessin einmal vereint, dann heißt es im Märchen: ... und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Im Alltag kommt es oft anders. Die Begeistung lässt peu-à-peu nach. Das liegt nicht nur an den seismischen Störungen, die fast alle intimen Beziehungen über kurz oder lang belasten. Es liegt auch an der Erwartung der Liebenden selbst. Die Anziehungs­kraft der Erotik ist ein Resultat der Individualität. Das Individuum erlebt sein persönliches Dasein als Halbheit; behaftet mit Makeln. Die Sehnsucht nach der erotischen Vereinigung ist mit der Erwartung verbunden, dass Halbheit und Makel dann aus der Welt sind. Das kann Erotik nicht leisten.

Der Halbheit des Daseins kann nicht allein durch Ergänzung von außen abgeholfen werden. Ist das Ziel überhaupt erreichbar, bedarf es einer Entwicklung im Inneren. Bleibt die innere Entwicklung aus, wird das Erreichte zu einer Gewohnheit, deren Reiz zunehmend verblasst. Die Enttäuschten halten oft nach immer neuen erotischen Sehnsuchtszielen Ausschau, was die wahre Täuschung jedoch aufrechterhält.

4. Erotik und Religion

Warum gibt es erotische Liebe? Damit man sich einlässt, das Paradies erahnt, erkennt, dass man es auf Erden nicht finden kann und es deshalb im Himmel sucht. Nichts fördert wahre Frömmigkeit mehr als das Gelingen einer erotischen Liebe... und die Weisheit, sich von ihr enttäuschen zu lassen.

Die einen betrachten Verlockung als Irrweg, andere als Anfang. Ob sie Anfang oder Sack­gasse wird, hängt davon ab, ob man über den Graben springen kann.

Sinnlichkeit ist Gottesdienst, wenn man sie dem Heiligen darbringt. Sie ist Sünde, wenn sie der Eitelkeit dient.

Dem Wunsch des Individuums, sich selbst zu überschreiten, stehen zwei Wege zur Verfügung. Spontan wird es zunächst nach außen blicken und die Erfüllung in der großen Liebe suchen. Da das nur allzu oft an unserer Schwachheit scheitert, wendet sich in jeder menschlichen Kultur ein großer Teil der Sehnsucht an eine ideale Überwelt. Das nennt man Religion. Und selbst wenn erotische Liebe tatsächlich glückt, weist dieses Glück über sich selbst hinaus.

Erotik und Religion sind eng verschwistert. Echte Religion respektiert die Konkurrenz ihrer kleinen Schwester in Dankbarkeit. Dogmenglaube ist eifersüchtig.

Zwischen Erotik und Religion besteht viel Gemeinsamkeit. Die Verbindung wird an der Bedeutung deutlich, die religiöse Kulturen der erotischen Thematik beimessen. Dabei kennen sie ihrerseits zwei Wege.

Die einen fürchten, dass die religiöse Sehnsucht an Schwung verliert, falls man sich nicht in erotischer Askese schult. Aus ihrer Sicht ist Erotik ein Übel, das die Treue zum Glauben untergräbt. Solche Lehren verbieten erotische Liebe generell oder zwängen sie in ein moralisches Korsett.

Das Weib ist eine Botin des Himmels, durch die er uns ins Paradies zu locken versucht. Das Weib ist aber nicht die Frau, sondern ein Prinzip, das sich in der Frau verwirklicht oder in ihr begraben liegt. Und wir sind nicht die Männer, sondern Verlorenheit in einer zersplitterten Welt. Dass das Sichtbare Metapher ist, wird meist übersehen.

Das Weib ist eine Botin des Himmels... So sieht es ein heterosexueller Mann. Die homosexuelle Liebe ist der heterosexuellen aber ebenbürtig. Da Erotik nicht in der Überwindung biologischer, sondern psychologischer Grenzen besteht, deckt die homosexuelle Erotik den gleichen Bereich ab, wie die heterosexuelle. Daher kann es hier auch heißen: Der Andere ist ein Bote des Himmels...

Seltener sind Glaubensformen, die Erotik bejahen. Teils wird sie dort als ernsthafte Praxis der Läuterung angesehen, teils als wesentliche Ausdrucksform der Individualität anerkannt oder zumindest als legitimes Vergnügen geduldet. Da aus Askese mehr Aggression als aus Lust entsteht, haben sich asketische Lehren auf allen Kontinenten Macht verschafft. Erotische Kulte sind zuhause geblieben oder sie wurden von den asketischen niedergemacht.

4.1. Historische Lasten

Störungen des erotischen Ausdrucks waren jahrtausendelang ein Grundproblem der abendländischen Kultur. Die Schäden, die die Beherrschung der Geisteslebens durch die biblische Theologie verursacht hat, sind bis heute nicht vollständig behoben. Die Persönlichkeitsent­wicklung vieler wird durch gesellschaftliche Strukturen gestört, die in biblischen Traditionen verwurzelt sind und das Selbstbild pathogen verzerren.

Der unbefangene Umgang der Antike mit erotischen Impulsen wurde durch das Christen­tum unterbrochen. Ursache der christlichen Leibfeindlichkeit war Jesu Glaube, er könne Gott durch seinen Opfergang dazu bewegen, die biblischen Verheißungen vom Sieg Israels über die Heiden zu erfüllen. Zur Askese des Opfergangs gehörte eine Verschärfung alttestamentarischer Moralvorstellungen.

Matthäus 5, 28:*
Ein jeder, der eine Frau anblickt mit begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen...

Jahwes Sieg über die kanaanitische Fruchtbarkeitsgöttin Astarte wurde vom Sieg der Macht über die Mystik begleitet.

Glaube bezeichnet sich als größte Tugend. Das ist sein größtes Laster. Zur Tugend gereicht nur ein Glaube, der sich als Hilfsmittel des Geistes, aber nicht als dessen Vormund versteht.

Erotik ist grenzüberschreitend.
Religion ist grenzüberschreitend.
Krieg ist grenzüberschreitend.
Er neigt dazu, sich der Erotik und der Religion zu bemächtigen, um deren grenzüberschreitenden Impuls auf seine Ziele umzulenken.

Die Sexualmoral der biblischen Kultur war mit der Abgrenzung der Hebräer gegenüber der nicht-hebräischen Umwelt verwoben; und mit der Absicht, Grenzen militärisch zu überschreiten. Moses hatte die Israeliten in einen Krieg gegen Kanaan geführt. Da die kanaanitische Kultur erotisch unbefangen war und damit auch für Hebräer verlockend, legte seine Lehre Wert auf moralische Abgrenzung gegenüber der kulturellen Konkur­renz. Die Vermischung mit Völkern, die man zu beseitigen plante, war mit den Kriegszielen der hebräischen Stammesführung unvereinbar. Die Beschreibung der entsprechenden Konflikte füllt weite Strecken des Alten Testaments.

Die militärischen Motive bei der Ausgestaltung der biblischen Theologie sind in der Folge so bestimmend, dass sie im Weib ein Werkzeug des Bösen sieht, das Soldaten und Kleriker daran hindern könnte, sich uneingeschränkt für die Ziele des Glaubens einzusetzen. Im christlichen Kulturkreis ging die Abwertung der erotischen Liebe so weit, dass man sogar den Versuch unternahm, sexuelle Handlungen jedes Genusses zu entkleiden und sie auf die Reproduktionsfunktion zu reduzieren. Menschsein heißt jedoch, eine erfüllte intime und damit lustvolle Beziehung auszuleben, anzustreben oder zumindest zu ersehen. Wird all das als schändlich abgetan, führt das zu Schuldgefühlen ihne echte Schuld.

Wenn man den historischen Zusammenhang zwischen dem Krieg Israels gegen Kanaan und der Religionsgeschichte Europas außer Acht lässt, kann man die Störungen der erotischen Erlebnisfähigkeit, die auf biblische Moralvorstellungen zurückgehen, nicht verstehen. Eine Diskussion darü­ber wird durch konfessionelle Organisationen verhindert, denen es bis heute gelingt, sich als Hüter höchster Werte darzustellen und sich einer konsequenten Kritik ihres widersprüchlichen Einflusses auf das kulturelle Klima zu entziehen.

4.2. Dualismus und Eifersucht

Leidenschaftlich Verliebte glauben, dass das ewige Glück in einem anderen zu finden ist. Ein kluger Gott lässt sie gewähren, damit sie durch Erfahrung verstehen, dass erotische Liebe nur Etappe sein kann. Eifersüchtige Götter sind beleidigt, wenn jemand einstweilen das Glück in den Armen eines anderen sucht.

2 Moses 20, 3-5:*
Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!... Denn ich... bin ein eifersüchtiger Gott...

So heißt es im Alten Testament. Das Konzept des eifersüchtigen Gottes ist mit zwei Grundzügen der biblischen Theologie verwoben:

  1. der dualistischen Kosmologie, die Gott als abgetrennte Person jenseits der Menschenwelt vorstellt
  2. dem militärischen Ursprung der biblischen Theologie, die auf Moses' Plan zur Eroberung Kanaans zugeschnitten ist und daher einen unzweideutig totalitären Anspruch gegenüber dem Einzelnen erhebt.

Ein eifersüchtiger Gott ist einer, der alle Liebe, alle Leidenschaft, alle Treue und alle Zuwendung für sich haben will. Wer leidenschaftlich verliebt ist, wendet sich jedoch oft unbeirrbar einem anderen Menschen zu. Einem Verliebten steht der Sinn nicht danach, in den Krieg zu ziehen. Er eignet sich kaum zur Eroberung ausgelobter Länder oder Himmelreiche, weil er das Himmelreich bereits im Herzen seines Geliebten zu erkennen glaubt.

Dualistische Religion mit militärischen Ambitionen sträubt sich gegen die Vorstellung, dass Gott nicht nur als entrückter Befehlshaber im Jenseits thront, sondern im Herzen eines jeden Geliebten leidenschaftliches Geliebtsein empfängt. Sie führt einen vorgeblichen Krieg gegen das Böse und fordert daher alle Leidenschaft für sich. Die Verwechselung vermeintlich offenbarter Mythologie mit Religion hat im Abendland einer ideologischen Eifersucht den Weg gebahnt, der die katalysatorische Wirkung der Erotik bei der Individuation über Jahrhunderte ausgebremst hat.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.

Fußnote
Die Thelarche ist die pübertäre Phase der weiblichen Brustentwicklung.