Der wahre Gott ist nicht der, dem man gehorchen muss. Es ist der, dem man vertrauen kann.

In einer Welt, die in weiten Bereichen Gewissheit vermissen lässt, ist ein Dasein ohne Vertrauen unmöglich. Vertrauen ist die Bereitschaft, riskante Schritte zu wagen, ohne die man nichts Gutes erlangen kann.

Könnten wir sicher sein, dass es Gott gibt, wäre Vertrauen kein Wagnis. Müssten wir nichts mehr wagen, gäbe es uns nicht. Gott ist so frei, dass wir seine Existenz nicht beweisen können. Könnte man seine Existenz beweisen, wäre er nicht Gott, denn der Beweis würde ihn der Beweisbarkeit unterwerfen. Das wird er nicht mit sich machen lassen.

Wohlgemerkt:
Keine Aussage über Gott sollte man als eindeutig akzeptieren. Aussagen über Gott sind allenfalls poetisch (von griechisch poiesis [ποιησις] = das Erschaffen). Aus­sagen wie Gott ist so frei, dass... oder Das wird er nicht mit sich machen lassen, sind nachträglich erschaffen. Sie sind nicht eins zu eins aus der Wahrheit über­tragen. Da sie nicht eins zu eins aus der Wahrheit übertragen sind, können sie auch nicht eins zu eins auf die Wahrheit ange­wendet werden. Sie sind nur Werkzeuge zwischenmenschlicher Verständigung.


Fremdvertrauen entlastet.
Selbstvertrauen macht sicher.
Gottvertrauen befreit.

Vertrauen


  1. Begriffsbestimmung
  2. Existenzielle Bedeutung
  3. Ebenen des Vertrauens
  4. Pathologische Entwicklungen

1. Begriffsbestimmung

Zwei Bestandteile stecken im Begriff Vertrauen: die Vorsilbe ver- und das Verb trauen, das seinerseits auf das Eigenschaftswort treu zurückgeht.

Die Vorsilbe ver- zeigt einen Wechsel an, ein Verschieben des Standpunkts von da nach dort.

Der gemeingermanische Sinn des Verbs trauen war fest werden. Zum gleichen gedanklichen Bild gehören...

Sie alle gehen auf das indoeuropäische deru = Eiche, Baum zurück, wobei die Eiche als Sinnbild besonderer Festigkeit galt, was der Urgermane beim Versuch, eine Eiche mit steinzeitlichen Äxten zu fällen, unschwer feststellen konnte. Im englischen tree = Baum ist das indoeuropäische deru erkennbar.

Vertrauen heißt, dem Wahren treu zu sein. Es heißt, sich auf die Unverbrüchlichkeit des Wahren zu verlassen, um geführt von ihm von da nach dort zu gehen. Das Dort des absoluten Vertrauens ist das Wahre selbst. Dieser Satz ist genauso wahr, wenn man Groß- und Kleinschreibung vertauscht: Das Dort des absoluten Vertrauens ist das wahre Selbst.

2. Existenzielle Bedeutung

Die existenzielle Bedeutung des Vertrauens ist kaum zu überschätzen. Ohne Vertrauen gäbe es keine Menschheit. Die Natur hat es so gefügt, dass Neugeborene nur überleben, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind:

  1. Es steht eine vertrauenswürdige Person zur Verfügung, die sich des Kindes annimmt.
  2. Das Kind ist bereit, sich dieser Person anzuvertrauen.

Da das Kind keine Alternative zum Vertrauen in seine Bezugspersonen hat, vertraut es regelhaft auf Gedeih und Verderb. Es geht blind davon aus, dass seine Eltern vertrauenswürdig sind; das heißt, dass es sich auf ihre Absicht, sein Wohlbefinden sicherzustellen, verlassen kann.

Urvertrauen

Die Psychoanalyse hat den Begriff des Urvertrauens eingeführt (Middler: Erik H. Erikson and Basic Trust vs. Basic Mistrust). Damit beschreibt sie den Umstand, dass das Vertrauen Neugeborener in ihre primären Bezugspersonen angeboren ist. Auch wenn man die Gänsemutter nicht als Person auffassen mag, gilt das gleiche Phänomen ebenfalls bei höheren Tieren; wie Konrad Lorenz bezüglich der Prägung von Gänseküken auf ihre Mutter oder ihn selbst gezeigt hat.

Übertragung

In einer intakten sozialen Gemeinschaft wird das Urvertrauen des Säuglings, das zunächst seinen Eltern gilt - oft nach einer Phase des Fremdelns - auf die Gruppe übertragen. Bereits Rivalitäten zwischen Geschwistern können die Übertragung beeinträchtigen; erst recht Erfahrungen mit fremden Personen. Je früher und umfassender das Urvertrauen durch traumatische Erlebnisse erschüttert wird, desto schwerer wird es dem Individuum in der Folge fallen, sich unvoreingenommen in neue Beziehungen einzulassen.

Gewiss: Jede hunderttausendste Mutter nimmt ihr Kind nicht in den Arm, um es hätscheln und zu säugen, sondern um es umzubringen. Trotzdem hat die Natur das Basisprogramm des frühkindlichen Verhaltens so ausgerichtet, als gäbe es diese Möglichkeit nicht. Zum Glück: Denn wie sollte sich ein Kind gesund entwickeln, wenn es sich bei jeder Geste seiner Eltern fragen würde, ob sie nicht dem Totschlag dient.

Es gibt kaum ein Kind, dessen Urvertrauen im Laufe der Entwicklung nicht aus der anfänglich naiven Totalität vertrieben wird. Eltern erweisen sich über kurz oder lang als nicht hundertprozentig vertrauenswürdig; zumindest was die Hoffnung des Kindes auf eine vollumfängliche Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse betrifft, die kein Ende nimmt. Eltern werden müde, haben schlechte Laune, stinken nach Knoblauch und Zwiebeln, schaffen es nicht, sämtliche Signale des Kindes richtig zu deuten.

Statt die Decke zu lüpfen, weil es schwitzt, drehen sie die Heizung hoch, weil sie glauben, es friert. Statt es an sich zu nehmen, weil es Angst hat, drängen sie ihm Alete auf, weil sie glauben, es hungert.

Nicht genug, dass kindliche Erfahrungen mit Durchschnittseltern bereits durchwachsen sind, eine große Minderheit trifft es noch schlimmer: Ihre Eltern sind so in Probleme verstrickt, dass sie zu Gewalt, Vernachlässigung und chronisch irrationalem Kommunikationsverhalten neigen. Je nachdem, wie schlimm es kommt, kann das zu einer weitreichenden Beschädigung des ursprünglichen Vertrauens führen.

Die Rolle des Vertrauens endet nicht mit der Kindheit. Das liegt an der Ungewissheit des Daseins an sich. Die Abhängigkeit des Erwachsenen vom Wohlmeinen anderer mag deutlich geringer als die des Kindes sein, trotzdem lebt auch der Erwachsene in einer Welt, deren Entwicklung nur ansatzweise im Voraus zu berechnen ist. Unternimmt er Schritte, kann er nur selten sicher sein, dass sie zur Erfüllung seiner Wünsche führen; zumindest wenn es sich um komplexe Ziele handelt. Die Lücke, die zwischen Wahrscheinlichkeit und Gewissheit klafft, kann er nur durch Vertrauen füllen, und das heißt zugleich: durch Wagnis.

3. Ebenen des Vertrauens

Das bisher Gesagte beschreibt nur eine Ebene des Vertrauens. Insgesamt gibt es drei:

  1. Fremdvertrauen, also Vertrauen in die Verlässlichkeit anderer
  2. Selbstvertrauen, also Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Schwierigkeiten zu meistern
  3. Gottvertrauen, also Vertrauen, dass die Wirklichkeit als Ganzes sinnvoll und gut ist
3.1. Fremdvertrauen
Zusammenhänge, wo man hinschaut
Der Dhauliganga ist ein Nebenfluss des Alaknanda in Uttarakhand. Wussten Sie, dass es für einen Mitteleuropäer ziemlich egal ist, wohin der Dhauliganga mündet? Warum wird es dann aber erwähnt? Das weiß der Kuckuck! Immerhin: Wenn vom Kuckuck die Rede ist, warum dann nicht vom Dhauliganga? Dass der Kuckuck seine Eier in Finnland in die Nester des Gartenrotschwanzes und des Bergfinken legt, hat ja auch keine große Bedeutung für uns. Oder sind Sie etwa Ornithologe? Dann könnte es Sie interessieren, dass das Verhalten des Kuckucks dem des Dhauliganga ähnelt. Während der Kuckuck seine Eier ungefragt in die Nester argloser Wirtsvögel legt, speist der Dhauliganga sein Wasser ebenso ungefragt ins Bett des Alaknanda ein, der die ganze Last dann, ob er will oder nicht, Richtung Ganges trägt. Die feine Art ist das nicht.

Schauen Sie sich den Nacktmull auf Wikipedia an. Boh, ist der hässlich! Was wäre Ihnen lieber? Eines Teils Ihres Urvertrauens beraubt zu werden oder so auszusehen? Antworten Sie nicht leichtfertig. Falls es die Wiedergeburt tatsächlich gibt, könnten Sie das einst bereuen.

Angebote von außen

Wenn Sie am Telefon als Glückspilz bezeichnet wer­den, der bei einer Tombola gewonnen hat, an der Sie gar nicht teilnahmen, könnte Misstrauen angezeigt sein.

Das menschliche Leben findet nicht nur in einer Natur statt, von der sein Dasein abhängt, ohne dass er seine Abhängigkeit von den Launen der Natur durch ein umfassendes Wissen, wie man sie vorhersagen könnte, abschütteln kann. Das menschliche Leben findet vor allem in sozialer Gemeinschaft statt. Dort hat man es zusätzlich mit dem sprunghaften Gutdünken eigennütziger Mitmenschen zu tun. Plant man, sein Leben nicht in einer Höhle am Dhauliganga zu fristen, muss man sich der Tatsache stellen, dass man mit Menschen nur zusammenleben kann, wenn man ihnen so weit vertraut, dass man es wagt. Gottlob sind die meisten meist so, dass das ein vertretbares Risiko ist.

Kaum ein Mensch behält das ursprünglich blinde Urvertrauen ungeschmälert bei. Dafür sorgt die Struktur der Wirklichkeit, die jedem Erfahrungen zumutet, die die Blindheit in Frage stellen. Das mag bedauerlich erscheinen, andererseits ist es aber auch gut. Denn wie sollte der Mensch dazu ermuntert werden, die Augen zu öffnen und selbst zu sehen, wenn er mit Blindheit durchkäme? Ginge das, wäre der Mensch kein Mensch, sondern ein Nacktmull.

Obwohl das Urvertrauen also geschmälert wird, bleibt regelhaft genügend übrig, um mit dem sozialen Umfeld in mehr oder weniger lebhaftem Austausch zu stehen.

Die schmerzhafte Enttäuschung des blinden Vertrauens mit nachfolgendem Erwerb gesteigerter Sehkraft hat nicht nur soziale Funktion. Gewiss: Sehkraft hilft, Angebote von außen besser auf den Grad ihrer Vertrauenswürdigkeit hin zu überprüfen. Die durch enttäuschtes Fremdvertrauen erworbene Sehkraft bahnt darüber hinaus eine neue Entwicklung, die im Rahmen der Individuation unverzicht­bar ist: Eine Schulung in Sachen Selbstvertrauen.

3.2. Selbstvertrauen

Vermutlich weiß der Säugling nichts von sich selbst. Hunger entsteht, Milch fließt, Hunger verschwindet. Wen mag das wohl betreffen? Fließt die Milch nicht, ändert sich etwas. Hunger entsteht, Hunger bleibt, Hunger wächst, Hunger tut weh. Jetzt bekommt es Bedeutung, wen das betrifft. Nichts stachelt das Bewusstsein des Individuums zu mehr Aktivität an, als die Tatsache, dass es es ist, dem etwas wehtut.

Die physiologische Ernüchterung des Urvertrauens ist ein wesentlicher Faktor, der die Entstehung des Ich-Bewusstseins auslöst und vorantreibt. Frustration macht das Individuum auf sich selbst aufmerksam und fördert, sofern sie nicht mit entmutigender Wucht eintrifft, das Bemühen um mehr Selbständigkeit... und Selbständigkeit ist ein Resultat angewandten Selbstvertrauens.

Aus dem Vertrauen in Wohlmeinen, Kraft und Verlässlichkeit anderer wird ein Vertrauen in eigene Kompetenzen, die eigene Urteilskraft und Verantwortungsbereitschaft für den Fall, dass eine Entscheidung andere Folgen nach sich zieht als die erwünschten.

Unterschiede
  1. Selbstvertrauen: Wenn ich mir treu bin, brauche ich keine Schuld zu fürchten.
  2. Gottvertrauen: Wenn ich mir im Wankelmut untreu werde, wird Gott mir meine Schuld verzeihen. Auch wenn das Leben hart ist und ich nicht verstehe, warum etwas geschieht, gehe ich davon aus, das alles auf etwas wahrhaft Gutes hinausläuft.
3.3. Gottvertrauen

Beim Selbstvertrauen macht es Sinn, eine oberflächliche und eine tiefe Ebenen zu unterscheiden.

  1. Das oberflächliche Selbstvertrauen vertraut auf erworbenes Wissen und Können: Seit ich weiß, wie man Pfannkuchen bäckt, brauche ich nicht mehr darauf zu vertrauen, dass es jemand anderes für mich macht. Das oberflächliche Selbstvertrauen vertraut auf die Kompetenzen des relativen Selbst.

    Der Begriff oberflächlich ist dabei nicht abwertend gemeint, etwa analog zur Formulierung Das ist eine oberflächliche Person. Der Begriff ist beschreibend. Er orientiert sich an einem Persönlichkeitsmodell, das analytische Denkvorgänge näher am dualistischen Pol der Wirklichkeit sieht und das präverbale Sein näher am Pol ungeteilter Einheit.

  2. Das tiefe Selbstvertrauen vertraut auf die Zugehörigkeit des eigenen Wesens­kerns zum Absoluten. Es vertraut auf das absolute Selbst und damit auf die eigene Unverlierbarkeit.
Wohlgemerkt: Wesensgleich ist auch der Tropfen mit dem Ozean. Trotzdem trägt er keine Schiffe.

Auch wenn wir das Selbst des Menschen als wesensgleich mit dem des Absoluten auffassen, führte es die Irre, würde man Gott, also das Selbst des Absoluten nicht als etwas ansehen, das kategorisch über das Selbst des Individuums hinausreicht. Obwohl das tiefste Selbstvertrauen daher nahtlos in Gottvertrauen übergeht, legt es das Gebot der Nüchternheit uns nahe, Selbstvertrauen und Gottvertrauen begrifflich zu unterscheiden.

Selbstvertrauen beruht auf der Annahme, dass das Individuum befugt ist, als Teil des Ganzen zu sich selbst zu stehen. Gottvertrauen umfasst die Erwartung, dass das Selbst des Individuums so unverlierbar im Ganzen eingebettet ist, dass es dafür verantwortlich ist, das Ganze als es selbst zu sehen.

Vertrauensverlust ruft Angst hervor. Angst kann lähmen oder Stachel sein. Stachel können wecken oder wütend machen.

4. Pathologische Entwicklungen

Entsprechend der existenziellen Bedeutung des Vertrauens spielen pathologische Fehlentwick­lungen eine große Rolle. Sie betreffen alle drei Ebenen und führen je nach betroffener Ebene und Ausprägungsgrad zu schwer­wiegenden Störungen der seelischen Gesundheit.

Im Rahmen einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung wird die physiologische Einbuße an primärem Urvertrauen durch wachsendes Selbstvertrauen (mehr als) ausgeglichen.

Die Gefahr, die vom Missbrauch des Vertrauens durch andere ausgeht, ist umso geringer, je stabiler das Selbstvertrauen ist.
4.1. Misstrauen gegenüber anderen

Der quasi unvermeidliche Verlust an Urvertrauen, der parallel mit dem Erwachen des Ich-Bewusstseins in der frühen Kindheit einsetzt, kann in verschiedene Endstrecken einmünden:

Kaskade traumatisierender Fehlentwicklungen

grober Vertrauensverlust

überschießende Angst

Extraversion der Aufmerksamkeit, um Quelle der Gefahr im Auge zu behalten

eingeschränkte Bereitschaft zur Selbstwahrnehmung

mangelnde Entwicklung des Selbstbewusstseins

hinkende Entwicklung des Selbstvertrauens

Während die Vertrauensverluste bei der Mehrheit so moderat ausfallen, dass sie erfolgreich zu kompensieren sind und in der Summe auf einem ebenfalls moderaten Niveau verbleiben, läuft die Entwicklung bei einer großen Minderheit anders. Es gelingt ihnen nicht, so viel Selbstvertrauen zu entwickeln, dass der Mut, sich unbefangen auf andere Menschen einzulassen, erhalten bleibt. Das Misstrauen gegen die Welt ist so groß, dass sich die Betroffenen nur eingeschränkt oder maskiert in Beziehung setzen. Resultat sind Persönlichkeitsstörungen, die vom ängstlich-vermeidenden bis zum paranoiden oder gar dissozialen Pol reichen können.

Selbstvertrauen ist die Bereitschaft, eigene Impulse wahrzunehmen und bei der Entscheidung, ob sie auszu­führen sind, auf das eigene Urteil zu vertrauen.
4.2. Mangelndes Selbstvertrauen

Während mangelndes Vertrauen in die Verlässlichkeit anderer zu Störungen der Beziehungsbereitschaft nach außen führt, betrifft mangelndes Selbstvertrauen den Bezug zum eigenen Wesen. Nicht nur der Glaube ans Gute im Anderen leidet, sondern vor allem der an den Wert des eigenen Selbst.

Wer an mangelndem Selbstvertrauen leidet, schirmt sich in der Folge nicht nur nach außen hin ab, um gefürchtete Bosheiten anderer abzuwehren, und damit oft das Kind mit dem Bade auszuschütten, vielmehr ist das wenige an Achtsamkeit, das er überhaupt nach innen wendet, durch ein Misstrauen gegen die Legitimität des eigenen Soseins durchsetzt. Wer kein Vertrauen ins Innere hat, interessiert sich nicht dafür, weiteres davon zu entdecken. Im Gegenteil: Vieles will er nicht wahrhaben und vom Rest glaubt er, dass er besser anders wäre. Selbstmissachtung kann in Selbstverachtung übergehen oder gar in Selbsthass.

Fehlendes Gottvertrauen ist kein Symptom, das psychische Normalität in Frage stellt, wohl aber seelische Gesundheit.

Es gibt keinen Wert, der nicht absolut wäre. Was nicht absolut ist, ist bloß der Preis, den wir bezahlen würden.
4.3. Fehlendes Gottvertrauen

Gesetzt, jemandes Fremdvertrauen reicht aus, ohne ständigen Schutzschirm mit anderen zu kommunizieren. Gesetzt, derselbe Mensch hat ein stabiles Selbstvertrauen und betrachtet sich ohne falsche Bescheidenheit als gelungenes Exemplar der Spezies Mensch. Gesetzt, er geht außerdem davon aus, dass jenseits seines Todes nichts mehr kommt und seinem Leben folglich kein weiterer Sinn zuzuschreiben ist. Kann er dann ein gutes Leben führen? Natürlich kann er das. Er kann das Leben eines Menschen führen, der sich im Horizont des normalen Alltags erfolgreich einrichtet, ohne dass ihn ständig Weltschmerz plagt.

Oft ist es aber so, dass das Leben auch solcherart Menschen Härten zumutet, die den aufs Diesseits begrenzten Rahmen ihrer Zuversicht überfordern. Außerdem gelingt dem reinen Materialisten das Frohsein nur solange er störende Fakten durch Verdrängung aus seinem Bewusstsein beseitigt: vor allem drohendes Siechtum, Sterblichkeit und die Nichtigkeit einer Existenz, die nur vorübergehend in Erscheinung tritt.

Der primäre Götze des Menschen ist die eigene Person. Die sekundären sind Bilder von denen er glaubt, er müsse ihnen dienen.

Gehorsam
Dem Menschen schadet er.
Gott ist er egal.

Man kann mit dem Himmel keine Geschäfte machen, weil er nichts kauft, sondern nur schenkt.

Wer Blumen am Schrein niederlegt, beschenkt nicht Gott, sondern sich selbst. Er nimmt Gottes Blumen, um den eigenen Schrein zu schmücken. Warum auch nicht?

Sonne und Erde

Alles Licht, das unser Dasein erhellt, ist eine Gabe der Sonne. Wir sind aber unfähig, der Sonne etwas zurückzugeben. Ihr Licht ist Geschenk. Zu glauben, man könne Gott etwas geben heißt, ihn für kleiner als einen Stern zu halten.

Wäre das nicht egoistisch? So fragt sich gern der Abendländer. Warum fragt er das? Weil Egoismus als Eigenschaft gilt, die dem Egoisten früher oder später Nachteile einbringt. Sich um Nachteile zu sorgen, ist aber auch egoistisch.

Andere haben es da besser. Sie gehen davon aus, dass das Selbst, in dessen Gutsein sie beherzt vertrauen, Ausdruck einer Wirklichkeit ist, deren Festigkeit allen Prüfungen widersteht. Sie vertrauen darauf, dass alles, was Sie noch erleiden könnten, Etappe auf dem Weg zum Wahren ist. Wer so weit vertraut, braucht weder die Verirrungen anderer noch die seiner selbst so sehr zu fürchten, als dass ihm kleinliche Vorsicht den Genuss des Daseins vergällt.

Da solch heilsames Gottvertrauen zwar breit gesäht ist, aber nur selten zu voller Blüte kommt obwohl in jedem Menschen ein Saatkorn bereitliegt, lohnt es Gründe dafür aufzuzeigen, weshalb die Saat nicht aufgeht. Zwei Gründe scheinen ausschlaggebend:

  1. Biologische Egozentrizität
  2. Kulturelle Egozentrizität
4.3.1. Biologische Egozentrizität

Die biologisch gebahnte Egozentrizität des Menschen wird durch die existenzielle Position seines Leibes im Universum bedingt. Da wir die Bühne des Lebens als zerbrechliche Kreaturen bevölkern, machen wir ein großes Bohei um den Vorteil genau der Person, die wir gerade mal sind. Das ist ihrer wirklichen Bedeutung nicht angemessen. Wir machen aus unserer Person einen Götzen, dem wir leichtfertig opfern, was uns zur Bespaßung des Götzen geeignet erscheint. Aus Urwäldern machen wir Nuss-Nougat-Creme.

Geben und nehmen
Zu den geistigen Sackgassen der Kulturgeschichte gehört der Glaube, Gott fordere vom Menschen Gehorsam. Gehorsam ist vorauseilende Übergabe von Macht. Sie ist der Verzicht auf eigene Entscheidungs­befugnis. Der Glaube, Gott verlange den Verzicht auf eine Befugnis, die er selbst dem Menschen übergeben hat, entbehrt jeden Belegs und führt in Widersprüche. Wie soll man sich schuldfrei zum Gehorsam entscheiden, wenn einem die Erlaubnis fehlt, Entscheidungen zu treffen? Gott hat bereits über jeden genügend Macht, und bräuchte er mehr davon, könnte er sie sich nehmen. Da Gott alles umfasst, gibt es keine Gabe, der er bedarf. Das rechte Verhältnis des Menschen zu Gott besteht nicht aus Opfern, die man ihm darbringt, um ihn günstig zu stimmen. Es beruht darauf, dass man sich beschenken lässt: mit der Freiheit, vorurteilsfrei nach dem zu suchen, was wirklich gut für den Beschenkten ist.
4.3.2. Kulturelle Egozentrizität

Das größte Unglück der Religion war die Erkenntnis der Politik, wie gut man sie für deren Zwecke vereinnahmen kann. Das haben Moses, Paulus und Mohammed erkannt. Politik ist eine Expansion des Egoismus auf die Gruppe, als deren Mitglied man sich sieht und die für einen gemeinsamen Vorteil mit anderen Gruppen rivalisiert. Sobald sich die Politik der Religion bemächtigt, impft sie ihr daher genau das Gift ein, von dem die Religion den Menschen eigentlich befreien will: Eigennutz und die Begrenzung des Selbstbilds auf Partikelgröße. Dass es im Abendland viel Gottesfurcht aber kaum Gottvertrauen gibt, ist auch Resultat dieser Weichen­stellung. Zu fürchten ist nicht das Absolute. Zu fürchten sind die, die die Verbindungswege zum Absoluten kontrollieren wollen.

Barmherzigkeit
Die Sehnsucht nach einem barmherzigen Gott, dem man sich anvertrauen kann, hat im abrahamitischen Kulturkreis nicht dazu geführt, an einen solchen zu glauben. So wird Gott zwar als barmherzig gepriesen, dann wird aber ein Bild von ihm gemalt, das mit Barmherzigkeit unvereinbar ist. Sogenannte Heilige Schriften versteigen sich soweit in den Widerspruch, dass sie Gott sogar Hass unterstellen.

Sura 40, 10**
Wahrlich, denen, die ungläubig sind, wird zugerufen: Der Haß Gottes ist größer als euer Haß gegeneinander.

Allmacht Gottes
Dem biblischen Gott wird Allmacht zugeschrieben. Zugleich soll er ein Gott der Liebe sein und als solcher Sünder endlos quälen. Hat Gott uns Beine gegeben, damit wir nicht gehen und Augen, damit wir nicht sehen? Nur wenn man darauf verzichtet, den Verstand zu nutzen, der von Gott vergeben ist, kann man solche Widersprüche glauben.

Hass ist ein Affekt, den der empfindet, der sich bedroht fühlt oder dem ein nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt würde. Da es neben Gott keinen Gott gibt, kann Gott sich als Gott nicht bedroht fühlen und folglich keinen Hass empfinden. Ihm Hass anzudichten heißt, ihn der Hässlichkeit zu bezichtigen.

Man kann sich ducken, damit man vom Hass irgendeiner Macht nicht getroffen wird. Sich einem Gott anzuvertrauen, der hasst, kann man eigentlich nicht.

Die Vorstellung, Gott dulde im Hass auf bockige Schafe ewige Qual, hat im Abendland ein geistiges Klima geschaffen, dass das Kuschen vor vermeintlich irdischer Repräsentanz zwar fördert, Gottvertrauen aber untergräbt. Indem die Politik uns ihr abrahamitisches Gottesbild vor Augen führt, fördert sie Misstrauen, Vereinzelung und Angst.


* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.
** Der Koran, (Komet-Verlag, ISBN 3-933366-64-X), Übersetzung von Lazarus Goldschmidt aus dem Jahr 1916.