Narrativ


  1. Begriffe
  2. Funktion der Narrative
  3. Komponenten
  4. Vorurteile
  5. Psychologische Grundbedürfnisse
  6. Interaktionen
Narrativen sind mehr Menschen zum Opfer gefallen als der Pest. Während die Pest keine Opfer mehr fordern, wird für Narrative weiter gestorben.

Was wir für wahr halten, könnte eine Geschichte sein, die wir hören wollen.

Narrative erhellen und verdunkeln zugleich.

Der Mensch lebt zwar in der Wirklichkeit, er richtet sich aber in der Vorstellung ein, die er von ihr hat. Wo Vorstellung und Wirklichkeit auseinanderklaffen, verläuft ein Riss, den er erleidet.

Ein wesentlicher Bestandteil von Wirklichkeitsdeutungen sind Hypothesen, die erklären, welche Ursachen für die Gegenwart verantwortlich sind.

Wie nah Narrative der Wahrheit kommen, hängt davon ab, was ihre Erzähler damit erreichen wollen. Kein Narrativ ist uneigennützig.

1. Begriffe

Ein Narrativ ist eine Erzählung. Der Begriff entspringt dem lateinischen Verb narrare = erzählen. Erzählen ist aus der Vorsilbe er- und dem Verb zählen gebildet. In Zählen ist Zahl enthalten, deren Ursprung sich auf die indogermanische Wurzel del[ǝ]- = spalten, kerben, schnitzen, behauen zurückführen lässt.

Er- ist eine Abwandlung der Vorsilbe ur-. Ur- zeigt eine Umwandlung an. Sie markiert den Beginn eines neuen Zustandes. Ur- heißt heraus, hervor. Etwas Neues geht aus etwas Früherem hervor.

Eine Erzählung ist ein Konstrukt, das aus einer begrenzten Zahl an Komponenten besteht. Aus der Fülle vorliegender Fakten entfernt sie, was ihrer Botschaft entbehrlich erscheint. Oder widerspricht. Erzählungen vereinfachen, um zu verdeutlichen. Etwas zu verdeutlichen, ist bereits Deutung. Deuten heißt auslegen. Was durch eine Erzählung verdeutlicht wird, ist eine Interpretation der Wirklichkeit durch den Erzähler.

Der Vorgang des Zählens ist in den Kerben erkennbar, die man früher zur Dokumentation der Zahl des Gezählten in Hölzer oder Tontafeln schnitzte. Eine tiefere Strukturebene des Erzählens macht das Verb spalten deutlich, das oben als erste Bedeutung der indogermanischen Wurzel del[ǝ]- aufgezählt wird. Gezählt werden kann nur, was sich von anderem unterscheidet, was also abgespalten ist oder als abgespalten erscheint.

Man kann Hölzer spalten. Damit wird die Einheit des Holzes in Spalten zerteilt, die man im nächsten Schritt für bestimmte Zwecke verwenden kann. Spaltung teilt auf. Im Vorfeld einer Erzählung wird der Zusammenhang der Wirklichkeit durch Urteile in begreifbare Komponenten aufgeteilt. Dann werden ausgewählte Komponenten zur Erzählung zusammengesetzt. Die Erzählung zählt die Elemente auf, die man bei der Beschreibung der Wirklichkeit für maßgeblich hält. Die übrigen werden verworfen.

Narrativ und Selbstwertgefühl

Biologische Organismen neigen dazu, das Bild, das sie von der Wirklichkeit haben, mit ihr gleichzusetzen. Tiere tun es, weil sie nicht anders können. Menschen tun es, weil ihr Weltbild von moralischen Bewertungen durchsetzt ist, die eine Funktion bei der Regulation ihres Selbstwertgefühls haben. Sie sehen nicht, was da ist, sondern was sie bestätigt.

Durch eine Erzählung ersetzt das Bewusstsein die Wirklichkeit durch ein Modell, an Hand dessen es seine Rolle bestimmt. Dem Unterschied zwischen Modell und Wirklichkeit misst es in der Regel kaum Bedeutung bei.

Weltbild und Narrativ

Weltbild und Narrativ sind thematisch verwandte Begriffe. Weltbild ist älter, Narrativ jünger. Beide Begriffe benennen die Vorstellung, die sich der Einzelne von der Wirklichkeit macht. Während sich alle Komponenten eines Bildes im Jetzt befinden, bedarf eine Erzählung einer Zeitspanne, in der sie erzählt wird; und sie bedarf eines Erzählers, der den Inhalt des Narrativs aus seiner Perspektive darstellt.

Zwei Gründe sprechen dafür, dass der neue Begriff (Narrativ) besser als der alte (Weltbild) geeignet ist, die Wirklichkeitsdeutung zu beschreiben, die das Individuum bei seiner Einstimmung auf die Wirklichkeit verwendet.

  1. Fertigt man mit Hilfe einer Kamera ein Bild an, glaubt man, dass es der Wirklichkeit objektiv entspricht. Beim Narrativ ist der Erzähler mitgedacht. Das macht klar, dass seine Wirklichkeitsdeutung auf einer subjektiven Interpretation beruht.

  2. Wirklichkeitsdeutungen bestehen aus zwei Komponenten: dem aktuellen Zustand, wie er jetzt zu sehen ist und dem historischen Werdegang, wie es dazu kam. Da der Begriff Narrativ die zeitliche Komponente bereits in sich trägt, wird er dem prozessualen Charakter von Wirklichkeitsdeutungen besser gerecht.

Bloß weil der Begriff neu ist, muss man nicht glauben, dass Narrative eine neuzeitliche Erfindung der Menschheit wären. Weit gefehlt! Je weniger man von der Wirklichkeit weiß, desto größer ist der Bedarf an Deutungen, damit aus Bruchstücken ein Bild entsteht. Schon zur Zeit der alten Griechen gab es Narrative. Davor ebenfalls. Sie hießen Mythen. Kein Wunder: Damals wusste man noch weniger als heute.

Mit dem Begriff Mythos [μυθος] bezeichnete man in der Antike eine Erzählung, die das Schicksal der Menschen mit dem der Götter verband. Bereits damals gab es Autoren Schon Xenophanes von Kolophon nahm im 6. Jahrhundert vor Chr. an, dass die anthropomorphe Gestalt der griechischen Götter Abbild ihrer menschlichen Erfinder ist. Siehe: https://plato.stan­ford.edu/entries/xenophanes/, die den Wahrheitsgehalt mythologischer Wirklichkeitsdeutungen hinterfragten.

Drei verwandte Begriffe

Mythos
Narrativ
Weltbild

2. Funktion der Narrative

Narrative sind Welterklärungsmodelle. Über die Sinnesorgane empfängt das Individuum Informationen über die Wirklichkeit. Mit den Rohdaten (lateinisch dare = geben), die ihm damit zur Verfügung stehen, kann es nur wenig anfangen. Erst, wenn es die Rohdaten ordnet und interpretiert, entsteht aus dem Bündel verstreuter Sinneswahrnehmungen ein Bild, das als Landkarte der Wirklichkeit verwendbar wird.

Die Ordnung der Primärdaten ist sowohl ein neuro- als auch ein individualpsychologischer Prozess. Während im Wahrnehmungsfenster des Bewusstseins zunächst Daten auftauchen, die äußeren Ereignissen oder körperlichen Zuständen zuzuordnen sind, wird der innerseelische Ordnungsprozess im Laufe der Zeit selbst zu einem Objekt, von dem Teile wahrgenommen und in das Selbst- und Weltbild eingewoben werden.

Vorurteile

Bevor das Individuum darüber entscheidet, was es zur Kenntnis nimmt, hat die Phylogenese bereits einen Horizont abgesteckt, der vorgibt, was es überhaupt zur Kenntnis nehmen kann. Das Magnetfeld der Erde gehört nicht dazu, ultraviolettes Licht genauso wenig. Die Entscheidung der Phylogenese, was grundsätzlich im Sichtfeld des Menschen auftauchen kann, gehört zu dessen Neuropsychologie.

Bevor das Individuum darüber entscheidet, was es zur Kenntnis nimmt, hat ihm das Dasein einen engen Horizont gesetzt. Wer in Marpingen aufgewachsen ist, versteht in der Regel kein Chinesisch.

Wären die Vorgaben der Phylogenese und der ontologische Rahmen seines partikulären Daseins der einzige Horizont, der die Einsicht des Menschen begrenzt, wäre die Geschichte der Menschheit um viele Tragödien ärmer. Dass dem nicht so ist, haben Dichter und Historiker der Individualpsychologie zu verdanken, die die neuropsychologischen und ontologischen Scheuklappen durch tausend blinde Flecke bereichert, dank derer der Einzelne das Regelwerk der Egozentrik in immer neue Varianten auslegt.

Drei Quellen des Vorurteils

Neuropsychologisch Ontologisch Individualpsychologisch
Was ich überhaupt wissen kann Was ich nach menschlichem Ermessen wissen kann Was ich tatsächlich wissen will

Der Mensch will die Wahrheit wissen; außer die, die ihm missfällt.

Der Begriff Narrativ verdeutlicht, dass das Selbst- und Weltbild nicht als neutrales Objekt im Blickfeld auftaucht, sondern das Werk eines Webers ist, der das Bild Motiven gemäß entwirft und mit dem Entwurf Absichten verfolgt, an denen er festhält.

Erkenne dich selbst

Das altgriechische Motto Erkenne dich selbst ist ein Meilenstein der Geistesgeschichte. Durch die Wahrnehmung innerseelischer Prozesse wird das Welterklärungsmodell der Wirklichkeit angepasst. Je mehr das Individuum über sich selbst weiß, je selbstbewusster es also ist, desto geringer ist die Gefahr, dass es die Beziehung zwischen sich und der Welt falsch einschätzt.

Jedes Narrativ ist ein Hilfsmittel. Jeder Mythos ebenso. Sie dienen dazu, sich von der Wirklichkeit ein Bild zu machen, das bei der Orientierung hilft. Bilder erleichtern die Übersicht, weil sie die Wirklichkeit auf eine begrenzte Zahl von Elementen verkleinern.

Da jedes Narrativ ein Werkzeug dessen ist, der es als Werkzeug annimmt, ist die Verwendung eines jeden Narrativs legitim. Werkzeuge können jedoch für ihre Zwecke mehr oder weniger geeignet sein. Sind sie weniger geeignet, haben sie schädliche Nebenwirkung; so wie ein Hammer, wenn man ihn dazu verwendet, eine Schraube im Holz zu versenken.

Schädliche Nebenwirkungen können verhindert werden, wenn man stets der Tatsache bewusst bleibt, dass kein Mythos, kein Glaube und kein Narrativ der Wirklichkeit entspricht. Uns allen fällt das schwer. Wir verwechseln Modell und Wirklichkeit. Viele sind so mit den Narrativen ihrer Kultur identifiziert, dass sie den Unterschied nicht erkennen.

3. Komponenten

Jedes Welterklärungsmodell besteht aus individuellen und kollektiven Komponenten.

Das Mischungsverhältnis von individuellen und kollektiven Komponenten hängt davon ab, in wie weit sich das Individuum von kollektiven Vorgaben emanzipiert.

3.1. Kollektive Komponenten
Kollektive Narrative sind Vorurteile, die eine Gesellschaft auf ihre Mitglieder zu übertragen versucht.

Die kollektiven Komponenten umfassen den ungefähren Konsens, der die Identitätsbildung einer Gemeinschaft bestimmt. Kollektive Narrative prägen die spezifische Kultur, die eine Gemeinschaft verwirklicht. Darin verwoben sind ihrerseits zwei Komponenten:

  1. mythologische Bilder, durch die sich die jeweilige Kultur ihre Herkunft und ihren Platz im Kosmos erklärt.

  2. moralische Regeln, die dem Individuum das erwartete Verhalten in der Gemeinschaft vorgeben.

Kollektive Narrative geben dem Individuum einen Rahmen, in dem es sich heimisch fühlen kann oder in dem es gefangen ist.

Zwei Seiten der Medaille

Haben Soll
Kollektive Narrative...
bieten Orientierung. beschränken den Blick.
entheben den Einzelnen von der Mühe, eine eigenständige Moral zu entwerfen. unterwerfen den Einzelnen moralischen Vorgaben, die ihm womöglich nicht entsprechen.
nutzen Schwarmintelligenz. erschweren eigene Wege.
bewahren nützliche Traditionen. zementieren schädliche Traditionen.

3.2. Individuelle Komponenten

Wäre der Mensch eine Maschine, würde er sich ausschließlich an kollektiven Narrativen orientieren und der Programmierung solange folgen, bis er an den Folgen zerbricht. Da die Wirklichkeit aber komplex ist und Narrative vereinfachend, erlaubt die Natur dem Menschen über sein Welterklärungsmodell persönlich mitzuentscheiden.

Im Laufe des Lebens entwirft der Einzelne erklärende Modelle, die seinen Anspruch, Platz und Werdegang in der Gemeinschaft beschreiben. Dazu gehören Vermutungen über den Zusammenhang biographischer Ereignisse und gegenwärtiger Zustände, deren wesentliche Aufgabe es ist, sich zu rechtfertigen und damit das Selbstwertgefühl zu stabilisieren.

3.3. Wechselwirkungen

Kollektive Narrative fallen nicht vom Himmel. Sie werden von der Gemeinschaft erschaffen, die sie für gültig erklärt. Grundsätzlich hat jeder Einfluss auf die kollektiven Narrative der Gemeinschaft, in die er eingebettet ist:

Bereits die Einführung des Begriffs Influencer ist Echo eines hintergründigen Narrativs, die Elementen der angelsächsischen Kultur eine besondere Bedeutung zuweist.

Dabei ist klar, dass der Einfluss des Einzelnen von seiner Position in der Gemeinschaft abhängt. Während der Einfluss der meisten gegen Null tendiert, sind prominente Personen als "Influencer" wirksam. Machthabern aller Couleur ist die Bedeutung bewusst, die kollektiven Narrativen bei der Lenkung von Gesellschaften zukommt. Dem entsprechend versuchen sie, den Einfluss ihrer Konkurrenten zu vermindern und den eigenen auszuüben.

4. Vorurteile

Vorurteile haben einen schlechten Ruf: einerseits zu Recht. Andererseits wird übersehen, dass man ohne Vorurteile im Leben kaum zurechtkäme. Vorurteile sind Hypothesen, die die Orientierung im Leben erleichtern. Dass alles, was wie ein Apfel aussieht, ein Apfel ist, ist ein Vorurteil. Es könnte auch eine Quitte sein oder eine Leckerei aus Marzipan.

Trotzdem trifft die spontane Einordnung apfelähnlicher Objekte in die Kategorie Apfel in der Regel zu. Würde man vor jedem Apfelkauf im Supermarkt auf praktikable Vorurteile verzichten und das Obst erst dann in den Einkaufswagen legen, nachdem man die Entscheidung durch eine wissenschaftliche Analyse seiner Erbsubstanz gegenüber jedem Zweifel abgesichert hat, könnte man bereits vor Bezahlung der Einkäufe verhungert sein.

Pianisten und Fußballprofis sind weder Äpfel noch Quitten. Trotzdem sind Vorurteile beiden Berufsgruppen gegenüber verbreitet. Die meisten Menschen haben Vorstellungen über Pianisten und Fußballer im Kopf, die sich spürbar unterscheiden und die bei der Begegnung mit einem Vertreter seiner Gattung als Vorurteile wirksam werden. Kaum vorstellbar, dass ein Handelsvertreter beim Vertrieb von Notenblättern in gleicher Weise bei Pianisten und Fußballern vorspricht, um dem Vorwurf, er diskriminiere gesellschaftliche Gruppen, aus dem Weg zu gehen. Was schließen wir daraus?

Vorurteile sind im Sinne einer erfolgreichen Lebensführung sinnvoll anzuwenden.

Berechtigte Vorurteile bestehen nicht nur gegenüber Pianisten und Fußballern. Sie bestehen auch gegenüber Mitarbeitern beim Patentamt. Das Vorurteil, dass sich solche Leute eher mit gesetzlichen Vorschriften als mit entsetzlich schwer vorstellbaren Naturgesetzen befassen, kann im alltäglichen Umgang getrost angewendet werden.

Allerdings wäre es ein unberechtigtes Vorurteil zu glauben, dass im Grundsatz berechtigte Vorurteile immer berechtigt wären. Der Patentamt-Sachbearbeiter Albert Einstein hat nicht nur das bewiesen, sondern auch die Tatsache, dass wir auf der Suche nach der Wahrheit über das meiste hinausgehen müssen, was wir bisher für wahr gehalten haben.

Rassismus
Besonders problematisch sind Vorurteile über Völker; allerdings erst dann, wenn man sie zur Abwertung konkreter Menschen missbraucht. Irrtümlicherweise zu glauben, alle Japaner mögen Sushi, kann als lässliche Sünde wider den Verstand hingenommen werden, ohne dass zu befürchten wäre, dem entspringe die Gefahr, einen Japaner schuldhaft zu kränken oder die internationalen Beziehungen zwischen der EU und dem ostasiatischen Kulturraum zu zerrütten.

Dass sich Max Mustermann in vielen Situationen anders verhält als sein Pendant aus Italien, Finnland, Haiti oder den Arabischen Emiraten, ist ein Vorurteil mit berechtigter Realitätskomponente. Also kann auch etwas Wahres daran sein, was man über einen Haitianer denkt, von dem man nicht mehr weiß, als dass er Haitianer ist.

Gelänge es uns, menschliche Verhaltensweisen durchgehend zu begrüßen, läge darin keine Gefahr. Allein: Es gelingt uns nicht; selbst, wenn wir anderen Völkern gegenüber politisch korrekt so tun, als gelänge es uns doch.

Mittel zur Verhütung rassistischer Entgleisungen alltagspraktischer Vorurteile können folgende Fragen sein:

Jedes Narrativ besteht aus Urteilen. Es besteht aus Urteilen, die entweder eine Gemeinschaft, eine Leitfigur oder man selbst gefällt hat. Da das Konstrukt der Urteile in der Vergangenheit entstand und man es auf jede Gegenwart anwendet, ist jedes Welterklärungsmodell bereits Vorurteil. Wohl dem, der so viel Interesse an der Wahrheit hat, dass er sich die Vorläufigkeit seines Erklärungsmodells eingesteht.

5. Psychologische Grundbedürfnisse

Jedes Lebewesen profitiert davon, die Wirklichkeit möglichst genau wahrzunehmen. Je genauer das Bild ist, das ihm zur Verfügung steht, desto klüger kann es entscheiden. Man könnte also meinen, dass das Motiv, eine möglichst realistische Wirklichkeitsdeutung zu entwerfen, alle anderen Motive in den Hintergrund drängt und sich das Weltbild des Einzelnen im Laufe seines Lebens der Wahrheit nähert. Teils ist das so. Lebenserfahrung führt zur Korrektur irriger Annahmen und im besten Fall zur Weisheit.

Entgegen dem idealen Verlauf erweisen sich Narrative gegenüber Fakten jedoch erstaunlich resistent. Das hängt mit psychologischen Interessen zusammen, die die Gestaltung von Narrativen beeinflussen; häufig mit einer Wucht, die an das Vetorecht eines Autokraten erinnert. Drei Grundbedürfnisse sind dabei zu nennen. Zwei entsprechen dem Psychologischen Grundkonflikt, das dritte ist eng damit verzahnt:

  1. das Bedürfnis nach Zugehörigkeit
  2. das Bedürfnis nach Selbstbestimmung
  3. das Interesse an der Aufrechterhaltung eines positiven Selbstwertgefühls
5.1. Zugehörigkeit

Vor allem kollektive Narrative begründen eine gemeinsame Identität. Indem ich ein kollektives Narrativ anerkenne, signalisiere und sichere ich meine Zugehörigkeit zur entsprechenden Gemeinschaft. Da Zugehörigkeit Angst vermindert, werden kollektive Narrative gegen Infragestellungen verteidigt.

In der Regel ist es so, dass ein spezifischer Mythos eine besondere Gemeinschaft überhaupt erst begründet und damit einen Horizont erzeugt, der die besondere Gemeinschaft definiert, das heißt: die sie zu sich selbst verkleinert. Da die Wirklichkeit aus Sicht des Einzelnen unermesslich ist, wirkt die Verkleinerung beruhigend. Im Kontext einer vertrauten Kultur fühlt man sich geborgen. Beim Wechsel von hier nach da, kann es zu einem KulturschockCora DuBois, 1951 kommen. Das heißt: Ängste werden freigesetzt, die im gewohnten Umfeld gebunden waren.

Einheit und Pluralität
Der Kampf um die Vereinheitlichung von Narrativen wird nie zu Ende gehen. Über Jahrtausende hinweg wurde versucht, eine Wirklichkeitsdeutung für alle verbindlich zu machen. Ein Motiv dazu war politisches Kalkül. Ein Narrativ, das allen klarmacht, dass er und nur er zur Herrschaft berechtigt ist, gefällt jedem Diktator.

Ungeachtet dessen beruhigt es, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die die einzige Realitätsdeutung verkörpert, die angeblich möglich ist. Weil die Sehnsucht des Menschen nach einer schützenden Gemeinschaft mächtig ist, werden Mächtige auch in Zukunft Zulauf finden, wenn ihre Macht eine Vereinheitlichung der Gemeinschaft verheißt.

Gottlob wurde die Diktatur in Europa von einem alternativen Modell abgelöst: dem Parteienpluralismus. Jede Partei nimmt nun ihr Recht in Anspruch, ein parteispezifisches Narrativ zu entwerfen. Der Kampf der Parteien um die Vorherrschaft begünstigt dabei die Vereinheitlichung ihres jeweils kollektiven Narrativs. So schafft die Verfassung Politikern Gelegenheit, unter dem Gewand demokratischer Gesinnung auf Ziele hinzuarbeiten, die Diktaturen alter Schule entsprechen.

5.2. Selbstbestimmung

Kollektive Narrative spielen auch bei der Erfüllung des Bedürfnisses nach Selbstbestimmung eine Rolle; zumindest stellvertretend. Während die Zustimmung zur gemeinsamen Realitätsdeutung einen teilweisen Verzicht auf individuelle Selbstbestimmung erfordert, formuliert der gemeinsame Mythos eine gemeinsame Identität: Wir sind das, wofür wir uns halten; und davon lassen wir uns nicht abbringen!

Individuelle Narrative leisten einen wichtigen Beitrag zur Selbstbestimmung. Indem das Individuum eigene Interpretationen formuliert, übt es das Selbstbestimmungsrecht unmittelbar aus. Diese Funktion kann in zweierlei Richtung wirken:

  1. Das Individuum setzt sich durch selbstbestimmte Setzungen über Elemente des kollektiven Narrativs hinweg; sobald sie nicht mit seinen Vorstellungen übereinstimmen.
  2. Das Individuum setzt eigenwillige Setzungen dazu ein, um entgegen der kollektiven Realitätsdeutung eine persönliche Eigenständigkeit zu behaupten. Sobald das Bedürfnis, Eigenständigkeit zu behaupten, im Vordergrund steht, verliert der Wahrheitsgehalt der Setzung an Bedeutung. Das kann soweit gegen, dass das individuelle Narrativ wahnhaft wird.

5.3. Selbstwertgefühl

Nachdem er gegessen, geatmet und getrunken hat, begehrt der Mensch nichts mehr ein gutes Selbstwertgefühl. Sowohl kollektive als auch individuelle Narrative haben kaum eine Chance, auf Dauer zu bestehen, wenn sie das Selbstwertgefühl nicht heben.

Begierden

Fällt der Begriff Begierde denkt man an Sex. Geschlechtlichen Spezies hat die Natur Impulse eingepflanzt, die entweder ständig lodern oder wie Schläfer erwachen, sobald der Zeitpunkt gekommen ist. Sinn der Impulse ist es, Individuen dazu anzustiften, möglichst hochwertiges Erbgut zu verbreiten.

Ob der Auerhahn, der nach tagelangem Mühen das Recht erstreitet, sich fortzupflanzen, dabei etwas erlebt, was man als gesteigertes Selbstwertgefühl bezeichnen könnte, weiß er vermutlich selbst nicht. Obwohl: So wie er daher­stolziert, könnte es sein.

Beim Menschen ist der Zusammenhang zwischen sexuellem Erfolg und Selbstwertempfinden fest verankert. Der Gewinn an Selbstwertgefühl, der dem winkt, der einen Sexualpartner erobert hat, hat mehr Tragweite, als der sinnliche Genuss, der in der flüchtigen Umarmung erlebt werden kann. Passend dazu bezeichnet man die Akquise eines neuen Partners als Eroberung. Da ein Vamp ebenso erobert wie ein Don Juan, bezieht sich das Oben nicht auf die Topographie der Missionarsstellung.

5.3.1. Kollektive Narrative

Zu den kollektiven Narrativen, die das Selbstwertgefühl heben, gehören Nationalismen und religiöse Bekenntnisse. Oft verschmelzen sie miteinander.

Narrativ, Kultur und Hass

Der Kern spezifischer Gemeinschaften besteht oft aus Gründungsmythen, die als kollektive Narrative die Kultur bestimmen. Unterschiedliche Kulturen sind einerseits bereichernd. Andererseits spalteten sie die Menschheit in rivalisierende Lager. Treffen sie aufeinander und stellen sich dadurch wechselseitig in Frage, entgleist die Begegnung nicht selten in Hass.

Die narzisstische Funktion nationaler und religiöser Narrative ist offensichtlich. Je wichtiger die narzisstische Funktion für die Erzähler solcher Narrative ist, desto heftiger ist der emotionale Widerstand, wenn der Wahrheitsgehalt ihrer Realitätsdeutung bezweifelt wird.

Wer keinen Zweifel daran duldet, dass er die letzte Wahrheit gefunden hat, ordnet das, was wahr sein könnte, einem Glauben unter, der ihn beruhigt und über andere erhebt.

5.3.2. Individuelle Narrative

Die narzisstische Bedeutung individueller Narrative, also von Geschichten, durch die sich der Einzelne Erfolg oder Misserfolg seiner persönlichen Biographie erklärt, ist mindestens ebenso groß wie die kollektiver Mythen. Der Einzelne vergleicht sich auf zwei Ebenen:

  1. mit anderen
  2. mit seinem Ich-Ideal

Sobald der Vergleich sein Selbstwertempfinden bedroht, setzen Mechanismen ein, um das Gefühl zu stabilisieren. Hier kommt eine Palette von Abwehrmechanismen zum Einsatz.

5.3.3. Verschwörungstheorien

Auch Verschwörungstheorien sind Narrative. Mehr als bei anderen Narrativen steht bei der Verschwörungstheorie die Tatsache im Vordergrund, dass die Menschheit keine Solidargemeinschaft ist. Sie unterteilt sich in einen Flickenteppich konkurrierender Gruppen, die die Interessen anderer entweder fahrlässig oder mutwillig übergehen. Im Weltbild des Verschwörungstheoretikers ist dieses Faktum dominant.

Sich verschwören geht auf das althochdeutsche Verb swerian mit der Grundbedeutung sprechen zurück.

Verschwörer sprechen sich zum Nachteil ihrer Opfer ab. Verschwörungstheoretiker misstrauen der Menschheit oder den Mächtigen so sehr, dass sie hinter fahrlässiger Bosheit öfter Absicht wittern, als es der Realität entsprechen mag. Oder sie benutzen Verschwörungstheorien bewusst, um den Ruf anderer zu schädigen. Bei Staaten, die anderen gegenüber feindselig agieren, ist das gewiss der Fall.

Wunsch und Wirklichkeit

Das Leben ist schwierig. Den meisten erfüllt es nicht alle Erwartungen, die sie einst hatten. Misserfolge können verschiedene Ursachen haben:

In der Regel sind es Kombinationen verschiedener Ursachen, die über die Verwirklichung ursprünglicher Pläne entscheiden. Egal, welche Ursache dabei im Vordergrund steht, der Misserfolg belastet das Selbstwertgefühl und muss verkraftet werden. Eine Methode ist der Entwurf eines Verschwörungsnarrativs.

Schuld- und Schamgefühle sind emotional belastend. Die Versuchung ist groß, sich der Last zu entledigen. Während sich die einen die Grenzen ihrer Fähigkeiten weise eingestehen und ihre Fehler auf die eigene Kappe nehmen, fehlt anderen dazu der Mut. Sie neigen dazu, die Verantwortung für ihr Scheitern einseitig äußeren Faktoren zuzuordnen. Dann kommen die oben erwähnten Abwehrmechanismen zum Einsatz. Es wird verdrängt, verleugnet, gespalten, projiziert und abgewertet.

Ist der Bedarf an Entlastung besonders groß, verfestigt sich die entlastende Wirklichkeitsdeutung zu einer Verschwörungstheorie. Das heißt: Es entsteht ein Narrativ, das nicht nur die üblen Folgen des menschlichen Egoismus in den Vordergrund stellt, sondern hinter der Gleichgültigkeit des Gruppenegoismus systematische Absprachen sieht.

Verschwörungstheorien ersten und zweiten Grades
Es ist logisch: Ein gesteigerter Bedarf, sich seiner Scham- und Schuldgefühle zu entledigen, entsteht vor allem bei denen, deren sozialer Erfolg hinter ihren Erwartungen bleibt. Statistisch gesehen laufen Menschen mit schmerzhaften Biographien eher Gefahr, sich einer Verschwörungstheorie zu verschreiben, als die, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Weil Verschwörungstheorien auf weißen Westen nicht nur schwarze Flecke unterstellen, die gar nicht da sind, sondern auch solche hervorheben, die es durchaus gibt, sind Verschwörungstheoretiker bei gut Etablierten meist unbeliebt. Da menschliche Unreife keineswegs identisch mit gesellschaftlichem Misserfolg ist und Erfolg keineswegs Reife garantiert, neigen auch Etablierte dazu, die Verantwortung für ihre Misserfolge anderen zuzuschreiben. Und wer bietet sich als Zielscheibe dafür an? Richtig: Verschwörungstheoretiker, die durch ihre subjektiv stark eingefärbten Narrative "Lug und Trug" verbreiten.

Viele Etablierte bedienen sich daher eines Narrativs, das in verschwörungstheoretischer Manier jede Kritik an ihrem Tun, und damit auch die berechtigte, als verschwörungstheoretische Verirrung anderer abtut. So schließt sich der Kreislauf der göttlichen Komödie. Es droht eine symmetrische Eskalation (griechisch: skala [σκαλα] = Leiter). Beide Seiten versuchen, sich bei der Schwarzfärbung der Gegner zu überbieten.

Ginge von Verschwörungstheorien keine ernsthafte Gefahr für die Gesellschaft aus, könnte man sich mit dem Begriff Komöde zufrieden geben. Tatsächlich ist die menschliche Neigung zu projektiver Schuldzuweisung jedoch ein Mechanismus, der im Kleinen wie im Großen zu Katastrophen führen kann. Klassische Beispiele sind der Antisemitismus, der Juden pauschal und zu Unrecht boshafter Absprachen beschuldigt, oder die Theorie des Klassenkampfs, die Mitgliedern bestimmter Gesellschaftsschichten grundsätzlich Böses unterstellt.

Wer sich in der Verantwortung für die Gemeinschaft und sein eigenes Wohlergehen sieht, tut gut daran, sein Denken von pathogenen Abwehrmechanismen freizuhalten. Pathogene Schuldzuweisungen schaden nicht nur den Opfern. Sie schaden auch dem Täter, der sich damit selbst in die Irre führt.

6. Interaktionen

Jeder Mensch legt dem, was er tut, sein eigenes Welterklärungsmodell zu Grunde. Gleiches gilt für weltanschauliche Gruppen, die auf die Gesellschaft Einfluss nehmen. Da jeder von dem, was andere tun, betroffen ist, gehört zur sozialen Interaktion auch der Versuch, auf die Meinungen und Narrative anderer einzuwirken; um sie zum eigenen Vorteil zu ändern. Je nachdem, welche Methoden dafür eingesetzt werden, kann das zu schädlichen Verstrickungen führen. Wir kennen das...

Die Regeln echter Kommunikation werden dabei ausgesetzt. Die Interaktion verkommt zu bloßer Diskussion und Schuldzuweisung. Statt zu gemeinsamen Absprachen kommt es zum Kampf um die Herrschaft.

Besitzverhältnisse

Abweichende Meinungen anderer werden oft als bedrohlich empfunden. In der Tat: Wenn jemand die Dinge anders sieht als ich, könnte er aus seiner Sicht heraus etwas tun, was nicht in meinem Interesse ist. Was liegt also näher, als die Meinung des anderen anzugreifen, um sie nach Gutdünken der eigenen anzupassen? Das führt meist zu einer Eskalation der Konflikte. Statt sich an der Meinung des anderen zu vergreifen, ist es besser, sie als dessen Eigentum zu betrachten und ihr den Respekt entgegenzubringen, der persönlichem Eigentum üblicherweise gezollt wird.

Das Eigentum des anderen hat die Aufgabe, dem anderen zu dienen. Sobald ich verlange, dass die Meinung des anderen nicht seinen, sondern meinen Zwecken dient, verhalte ich mich wie ein Räuber, der dem anderen den Mantel stehlen will.

Entscheidend ist der Vorrang von Zielen. Zwei Muster sind möglich.

Je nachdem, worauf man die Betonung legt, entstehen unterschiedliche Muster.

Abweichende Schwerpunkte

Kommunikativ Rivalisierend
Ich erkläre dem anderen, warum ich die Dinge so und so sehe und seiner Sichtweise nicht folge. Ich übe Druck aus, damit der andere meine Position übernimmt.
Ich anerkenne die prinzipielle Ebenbürtigkeit verschiedener Narrative als legitime Hilfsmittel der Lebensführung. Ich entwerte das Narrativ des anderen als moralisch illegitim oder intellektuell defizitär.
Ich bin bereit, mein Narrativ durch neue Aspekte anzupassen. Ich versteife mich auf meine Sichtweise, weil ich eine Korrektur als Niederlage empfände.
Ich gehe stets davon aus, dass das, was ich über die Wirklichkeit zu wissen glaube, nur ein Modell ist. Ich halte das, was ich über die Wirklichkeit zu wissen glaube, für endgültig.
Ich weiß, dass Narrative nur Wege sind. Ich halte mein Narrativ für das Ziel.
Jeder Blinde kennt einen Teil des Elefanten. Ich allein weiß, was der Elefant tatsächlich ist.

Wirkungen

Kommunikativ Rivalisierend
Mich verständlich zu machen, hilft mir, mich besser zu verstehen. Überzeugen zu wollen, lenkt meinen Blick von mir ab.
Die Narrative anderer stehen zu lassen, hilft mir, andere besser zu verstehen. Abweichende Narrative umstürzen zu wollen, führt dazu, dass ich weniger von anderen verstehe.
Ich bleibe frei. Mein Ziel nimmt mich gefangen.

Und übrigens: Je mehr ich andere verstehe, desto mehr Einfluss habe ich auf sie. Nicht zwingend beeinflussen zu wollen, führt dazu, dass man mehr Einfluss hat.