Wer lernt, stellt fest, dass er dumm war. Wer viel lernt, stellt fest, dass er dumm ist. Wer das erkennt, verbessert die Chance, dass er weiterlernen wird.

Worunter man leiden kann, liegt in der Gegenwart... und der Zukunft; falls sie eintrifft.

Wer tatsächlich in der Gegenwart ist, hat dieselbe Vergangenheit wie alle anderen.

In der Zeit steht alles Seiende dem Nicht-Sein zu, weil das Nicht-Sein der gemeinsame Nenner alles Seienden ist.

Verstehen ist Ablösung aus dem Verstandenen. Wer Zeit versteht, steht über ihr.

Zeit


  1. Begriffsbestimmung
  2. Wahrnehmung und Vorstellung
  3. Zeitbezogene Erlebnisweisen
    1. 3.1. Bezug zur Vergangenheit
      1. 3.1.1. Reue
      2. 3.1.2. Hadern
      3. 3.1.3. Verklärung
    2. 3.2. Bezug zur Zukunft
      1. 3.2.1. Sorge
      2. 3.2.2. Ungeduld
      3. 3.2.3. Ehrgeiz
  4. Zeitkategorie und pathogene Dynamik
  5. Ablösung aus den Verstrickungen der Vergangenheit
    1. 5.1. Erfahrungen abschließen
    2. 5.2. Aufräumen
    3. 5.3. Loslassen

1. Begriffsbestimmung

Man denke sich einen leeren Raum; ohne Inhalt und Irgendwen, der die Unveränder­lichkeit der Leere erkennt. Wann ist dort jetzt? Heute, gestern oder morgen? Wenn es zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft keinen Unterschied gibt, ist jetzt immer und nie.

Zeit fließt nicht. Sie ist ewige Gegenwart. Was uns als Zeitfluss erscheint, ist die Veränderlichkeit unserer Person und der übrigen Objekte im Raum. Als Personen liegen wir samt der Objekte in einer ewigen Gegenwart. Dort verändern wir uns.


Wer seine übrigen Ziele erreicht hat, kann sich ein letztes setzen: kein Ziel mehr zu haben und jetzt zu sein.

Vorstellungen können Versuch sein, sich Wahres vor Augen zu führen... oder Versuch, es aus dem Blickfeld zu streichen. An vielen Vorstellungen wird festgehalten: nicht nur obwohl, sondern damit sie den Blick auf die Wirklichkeit trüben.

Zeit geht auf die indogermanische Wurzel dā[i] = teilen, zerschnei­den, zerreißen zurück. Eigentlich heißt Zeit Abgeteiltes, Abschnitt.

Zeit ist das Synonym der Vergänglichkeit. Man sagt, dass Zeit fließt oder vergeht. Tatsächlich nimmt man Zeit nicht unmittelbar wahr. Man sieht nichts fließen oder vergehen, was man als Zeit bezeichnen könnte. Vielmehr deutet man die Veränderlichkeit von Objekten und die Endlichkeit von Ereignissen als ein Werk der Zeit; so als sei sie eine Kraft, die von außen auf Objekte einwirkt, diese verändert und schließlich zerstört. Zeit wird nur an Objekten erkennbar, deren Dasein begrenzt ist.

Trennungen

Zeit trennt radikaler als Raum. Gewiss: Es ist aufwändig, von Gel­senkirchen nach Chabarowsk zu gelangen und schier unmög­lich, Exoplaneten zu besuchen. Aber eben nur schier unmöglich, nicht absolut unmöglich. Wenn man den Ingenieuren Zeit lässt, kann die Reise zu Exoplaneten machbar werden.

Egal wie lange die Ingenieure aber tüfteln: Sie werden nie eine Möglichkeit finden, einen Körper ins Gestern zurückzuschicken; denn damit ein Körper wieder in seinem Gestern liegt, müsste das Gestern des Universums wiederhergestellt werden.

Zur selben Wortgruppe wie Zeit gehört Ziel. Ziele führen zur Einteilung von Handlungsketten oder Erwartungshorizonten in Abschnitte. Ein Ziel abzumessen bedeutet: bis dahin und nicht weiter. Ziele grenzen Lebensvollzüge in Abschnitte ein.

2. Wahrnehmung und Vorstellung

Das Bewusstsein unterteilt die Zeit in drei Kategorien: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es erlebt Zeit als unaufhaltsam fließend, als ein Kontinuum, das von der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft fließt. Es spricht von Zeiträumen, deren Inhalt aus Strukturen und Ereignissen besteht. Tatsächlich wahrnehmbar sind Inhalte aber nur im absoluten Jetzt; welches seinerseits kein abgeteilter Zeitraum ist, sondern ewige Gegenwart. Vergangenheit und Zukunft sind dem Bewusstsein nicht präsent. Alles was es davon hat, sind Vorstellungen:

Sowohl die Reflektion des Vergangenen als auch der Entwurf von Zukunft gehört zum spezifisch menschlichen Dasein. Der Hinwendung zum faktisch Erlebbaren, also dem Da des Hier-und-Jetzt, kommt besondere Bedeutung zu. Da das faktisch Erlebbare oft zu fürchten ist und sein Wert meist unterschätzt wird, wird die Hinwendung nur mangelhaft vollzogen. Statt wahrgenommen wird sich etwas vorgestellt. Und das Vorgestellte versperrt den Blick auf das, was als wahr angenommen werden könnte. Vorstellungen können Modelle sein; oder Sichtschutz.

3. Zeitbezogene Erlebnisweisen

Zeit spielt im menschlichen Erleben eine große Rolle. Viele seiner Erlebnisweisen sind Folge von Ausrichtungen und Verhaltensmustern, die der Einzelne der Zeit gegenüber einnimmt. Dementsprechend werden bestimmte Ausrichtungen von spezifischen psych­iatrischen Problemen begleitet. Dabei sind zwei grundsätzliche Ausrichtungen erkenn­bar, die ihrerseits in typische Muster unterteilt werden können:

Zeitbezogene Erlebnisweisen mit hohem Problempotenzial

Ausrichtung auf die Vergangenheit Ausrichtung auf die Zukunft
  • Reue
  • Hadern
  • Verklärung
  • Ungeduld
  • Sorge
  • Ehrgeiz

3.1. Bezug zur Vergangenheit

Der Blick in die Vergangenheit kann lehrreich sein. Indem man Zusammenhänge zwi­schen früheren Entscheidungen und heutigen Resultaten untersucht, lernt man dazu.

Nicht immer dient der Blick auf Vergangenes aber dem Erkenntnisgewinn. Oft ist er ein Ausweichmanöver vor den Unbilden der Wirklichkeit. Dann lehrt er nicht, sondern schafft Probleme. Besondere Problemquellen sind pathologische Reue, Hadern und Verklärung.

3.1.1. Reue

Grundsätzlich ist Reue nicht schädlich. Bei der Umsetzung ethischer und moralischer Grundsätze spielt sie eine wichtige Rolle. Sich Reue zu stellen, führt beim Verstoß gegen Grundsätze zur Heilung.

Reue kann aber auch pathologisch entarten. So mancher hört einfach nicht auf, sich Vorwürfe zu machen. Obwohl es schier unmöglich ist, niemals eine Entscheidung zu treffen, die man im Nachhinein lieber nicht getroffen hätte, will sich so mancher Sünder nicht verzeihen. Der Unerbittlichkeit des unablässigen Selbstvorwurfs können verschie­dene Motive zu Grunde liegen:

3.1.2. Hadern

Reue ist ein Hadern mit der Vergangenheit. Während man sich bei der Reue aber selbst Vorwürfe macht, ist der fixierte Vorwurf gegen früheres Verhalten anderer noch weiter verbreitet. Legion sind jene, die Missstände ihres aktuellen Daseins auf tatsächliche oder vermeintliche Verfehlungen anderer zurückführen. Das Motiv hinter solcherart Hadern mit der Vergangenheit ist klar: Indem man andere zu Schuldigen erklärt...

3.1.3. Verklärung

Auch die Verklärung der Vergangenheit ist oft Ausweichmanöver. Ist die gegenwärtige Lage schwierig,... und wann ist sie das nicht? kann man sich tätiger Stellungnahme entziehen, indem man sich einem goldenen Zeitalter zuwendet, in dem alles besser war.

Zwei Plagen halten die menschliche Seele auf Trapp: Angst und Gier.
3.2. Bezug zur Zukunft

Die pathologische Ausrichtung auf die Zukunft ist weiter verbreitet als die auf die Vergangenheit. Das ist verständ­lich. Die Vergangenheit ist leidlich bekannt, die Zukunft liegt im Dunkeln. Wie die Leinwand eines Kinos als Projektionsfläche unwirklicher Filmsequenzen dient, so dient das Dunkel der Zukunft als Leinwand für die Hologramme der menschlichen Phantasie.

Das macht die Vergangenheit nicht. Vor ihr ist man sicher. Es mag sein, dass man von Sünden der Vergangenheit eingeholt wird, die Strafen für solche Sünden dräuen jedoch in der Zukunft, die daher als Schauplatz alles Befürchteten zu fürchten ist.

Während die Macht der Vergangenheit die Tendenz hat, nachzulassen, rückt die der Zukunft heran. Das führt dazu, dass der Zukunft mehr Aufmerksamkeit zusteht, als dem, was gewesen ist. Im Umgang mit den Verheißungen und Bedrohungen der Zukunft gibt es eine defensive und zwei offensive Strategien. Defensiv ist die Sorge, offensiv sind Ungeduld und Ehrgeiz. Die defensive Strategie versucht Nachteile zu verhindern, die offensiven trachten nach dem Vorteil.

Zwei Wege im Umgang mit Zukunft

Defensiv Offensiv
  • Sorge
  • Ungeduld
  • Ehrgeiz
3.2.1. Sorge

Angst ist ursprünglicher als Gier; denn Letztere geht aus Ersterer hervor. Gier ist eine Abwehrmaßnahme gegen das Grundgefühl der Angst. Da Angst das menschliche Gemüt bei tausend Gelegenheiten befallen kann, kreist das Denken vieler um Gefahren, die sich zu verwirklichen drohen. Ohne Zweifel: Es macht Sinn, sich mit zukünftigen Gefahren zu befassen. Sorgt man nicht vor, kann das übel enden. Das Gift liegt aber in der Dosis. Genügend Vorsorge ist nützlich, zu viel davon schadet.

Die überwertige Beschäftigung mit möglichen Gefahren der Zukunft ist ein wesentliches Element häufiger psychiatrischer Erkrankungen:

Zwei offensive Strategien

Ungeduld Ehrgeiz
  • impulsgesteuert
  • wenig Reflektion
  • kurzer Zeithorizont
  • strategisch-planend
  • langer Zeithorizont
3.2.2. Ungeduld

Ungeduld ist meist ein Werk der Gier. Der Ungeduldige will etwas haben; und zwar sofort. Er überlegt nicht lange, sondern drängt auf ein Ziel zu. Da er nur wenig überlegt, ist die Zielsetzung seiner Impulse von außen leicht beeinflussbar. Außerdem achtet er beim Vor­wärtsdrängen wenig darauf, was ihn der blinde Zugriff auf ein scheinbar begehrenswertes Ziel kosten kann. So provoziert der Ungeduldige Probleme, die nicht nur andere, sondern erst recht ihn selbst belasten; was seine Ungeduld schürt, möglichst rasch Gutes zu ergreifen.

Das typische Krankheitsbild der impulsgesteuerten Offensive im Umgang mit der Zukunft ist die Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). In einem Zeitalter, das dem Einzelnen durch tausend Kanäle vor Augen führt, was eine geglückte Biographie alles haben und erreichen sollte und die zugleich die Botschaft sendet, dass jeder blöd ist, der es nicht tut, ist die Beherrschung der eigenen Begehrlichkeit eine besondere Aufgabe.

Hoffnung- Ein Phänomen mit zwei Gesichtern
Die Hoffnung hat einen guten Ruf. Das Sprichwort sagt: Sie stirbt zuletzt. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt, deutet darauf hin, dass ihr vorher niemand an den Kragen geht. Das liegt an ihrer guten Seite. Hoffnung verheißt, dass am Ende alles gut wird. Damit dämpft sie Sorgen und macht das Leben angenehm. Außerdem fördert sie durch ihre Zuversicht die Bemühungen der Hoffenden, die Verheißung des Erhofften zu erreichen.

Hoffnung hat auch eine tragische Seite. So mancher ließ sich allzu lange von ihren Versprechungen in Sicherheit wiegen; bis er am Ende erkannte, dass Hoffnung oft trügt. Bevor man Hoffnung zuletzt sterben lässt, sollte man rechtzeitig prüfen, ob man sie nicht besser schlachtet.

3.2.3. Ehrgeiz

Ist man dem Joch der Begehrlichkeit soweit entronnen, dass sich Erfolg nicht von jetzt auf gleich einstellen muss, kann man die Zukunft strategisch planen. Das zu tun ist anzuraten, aber nicht so weit, dass man die Gegenwart stets nur als Trittbrett missbraucht, von wo aus man sich in eine glorreiche Zukunft erhebt.

4. Zeitkategorie und pathogene Dynamik

Die bisherige Untersuchung hat gezeigt: Im Umgang mit den drei Kategorien der Zeit - Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft - kann es durch unangemessene Ausrichtungen zu psychischen Problemen kommen. Die pathogene Dynamik solcher Vorgänge kann näher betrachtet werden.

4.1. Vergangenheit

Die Vergangenheit hat erheblichen Einfluss auf das seelische Befinden. Neurotische Erkrankungen wurden durch vergangene Ereignisse verur­sacht. So sagt man zurecht; wenn man das Substrat der neuroti­schen Erkrankung als Bündel irriger Vorstellungen auffasst, das früher entstand und bis dato besteht.

Genau besehen wird neurotisches LeidZu unterscheiden sind Krankheit und Leid. Krankheit beruht auf falschen Vorstellungen, die in der Vergangenheit entwickelt wurden. Leid ist gegenwärtige Folge der Anwendung solcher Vorstellungen auf die Wirklichkeit. aber nicht durch die Vergangen­heit verursacht, sondern durch Spuren, die sie in der Psyche hinterließ. Die eigentliche Ursache neurotischen Leids liegt in der Gegenwart. Wäre es anders, könnte man es nicht beheben. Nur das Jetzt ist wirklich und kann wahrgenommen werden. Nur das Jetzt ist zugänglich. Nur ins Jetzt kann steuernd eingegriffen werden. Vergangenes entzieht sich unserem Einfluss völlig. Zukünftige Entwicklungen können nur beeinflusst werden, wenn man sich der Gegenwart zuwendet und dort Weichen stellt. Bei den Ursachen neurotischen Leids, die man in der Gegenwart findet, handelt es sich um irreführende Vorstellungen über die Wirklichkeit, die man heute überwinden kann.

Entstehungsmechanismen neurotischer Krankheiten


4.1.1. Erfahrungen
Bei jeder Erfahrung verzahnen sich zwei Pole: das Ereignis und die Reaktion. Beides zusammen macht die Erfahrung erst aus.

Jederzeit erprobt die Psyche Strategien zur Problembewältigung. Das Problem ist die Befriedigung ihrer Bedürfnisse und die Vermei­dung von Gefahren. Erscheint eine Strategie erfolgreich, wird das Muster abgespeichert. Tritt eine Situation auf, die an Ähnliches aus der Vergangenheit erinnert, werden Muster ange­wandt, die früher passten. Man han­delt aus Erfahrung.

Im Laufe der Zeit ändern sich sowohl Bedürfnisse als auch die Gegenwart, auf die sie treffen. Neue Situationen sind niemals gleich, sondern allenfalls so ähnlich wie vergang­ene. Gespeicherte Verhaltensmuster sind oft überholt. Das führt zur Entstehung von Symptomen ... oder zur Erprobung neuer Muster.

Erfahrungen haben nicht alle den gleichen Wert. Meist sind sie nützlich. Oft führen sie aber in die Irre. Erfahrungen können drei Kategorien zugeordnet werden.

Grundregeln

Je mehr eine Erfahrung objektive Regeln erfasst, desto verlässlicher ist ihr Wert.

Je zufälliger eine Erfahrung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einschränkt.

Verstrickende Erfahrungen bergen die Gefahr, dass man in der Folge korrigierende Erfahrungen vermeidet.

  1. Klärende Erfahrungen

    Klärende Erfahrungen vermitteln Erkenntnisse über die Regeln der Realität. Zu den Regeln der Realität gehören die Naturgesetze, aber auch die psychosozialen Regeln der Gemeinschaft.

    • Zu den naturgesetzlichen Regeln gehört, dass man Suppe besser mit Löffeln isst; oder aber, dass man sich verletzen kann, wenn man in fallende Messer greift.

    • Eine wichtige psychosoziale Regel mag zu der Erkenntnis führen, dass Konflikte entstehen, wenn man andere bevormunden will.

  2. Zufällige Erfahrungen

    Hinter zufälligen Erfahrungen steht keine erkennbare Regel. Trotzdem können sie Lebensläufe bestimmen.

    • Wenn der erste Italiener, den Sie treffen, nett zu Ihnen ist, heiraten Sie womöglich seine Schwester. Vermutlich ein großer Gewinn! Werden Sie von ihm ausgeraubt, sträuben Sie sich im schlimmsten Fall ein Leben lang gegen den Verzehr von Spaghetti. Ein tragischer Verlust!

  3. Verstrickende Erfahrungen

    Verstrickende Erfahrungen gehen aus zufälligen hervor. Verstrickende Erfahrungen vermitteln keine Erkenntnisse über tatsächliche Regeln der Realität. Vielmehr führen sie dazu, dass man trügerische Regeln zu erkennen glaubt und sich durch die Reaktion auf die vermeintliche Regel tiefer im Irrtum verstrickt.

    Erfahrungen sind verstrickend, wenn sie zu irrigen Schlussfolgerungen führen, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, weitere Erfahrungen zu machen, die den Irrtum festigen.
    • Eine Frau wurde als Kind vom Vater missbraucht. Sie zog daraus den Schluss: Ich bin wenig wert; denn andere betrachten mich als Mittel für ihre Zwecke. Deshalb akzeptiert sie bei der Partnersuche einen Mann, der sie ebenfalls missachtet. Die Erfahrung, die sie mit ihm macht, scheint die Regel, die sie in der Kindheit akzeptierte, zu bestätigen.

      Trifft sie einen Mann, der es gut mit ihr meint, vermeidet sie die Bindung. Zu groß ist die Furcht, dass er ihren vermeintlichen Unwert erkennt und sie folglich verstößt.

    • Wer als Schüler für einen Beitrag vom Lehrer gedemütigt wurde, schließt aus Erfahrung, dass es gefährlich ist, das Wort zu ergreifen. Wenn er es in Zukunft tun muss, fängt er vor Angst an zu stottern. Weil er sein Stottern als demütigend empfindet, wird sein Glaube an eine irrige Regel verstärkt. Er glaubt: Das Beste ist es, sich duckes zu halten.

Geschäfte
Zeit ist Geld. So heißt es. Tatsächlich ist Zeit aber Leben und Geld ist Ware. Also ist Zeit nur Geld, wenn man das Leben zur Ware erklärt.
4.1.2. Vermeidungen

Vermeidungen entstehen als Reaktion auf unangenehme Erfahrungen. Das Unangenehme an vielen Erfahrungen sind die Erkenntnisse, die sie mit sich bringen.

Erfahrungen vermitteln Einblicke in die Struktur der Wirklichkeit. Der Mensch stellt sich aber nur selten vorurteilsfrei der Wirklichkeit. Stattdessen ist er mit seinem Selbst- und Weltbild beschäftigt. Während er sein Weltbild zu festigen versucht, damit er Sicherheit darin findet, bemüht er sich, sein Selbstbild zu verwirklichen, damit er so wird, wie er sich haben will.

Unangenehm erscheinen Erfahrungen, wenn die Erkenntnisse, die sie vermitteln, am Weltbild rütteln oder erwünschte Aspekte des Selbstbilds infrage stellen. Um die Verunsicherung zu verhindern, setzt der Vermeider Abwehrmechanismen ein. Ziel der Abwehrmechanismen ist zweierlei...

  1. zu verhindern, dass ihn die gefürchtete Erfahrung samt ihrer unerbetenen Erkenntnis erreicht.

  2. weitere Erfahrungen zu vermeiden, die die gleiche Botschaft in sich tragen.

Erfahrung, Gefühle und Widerstand

Erfahrungen setzen sich aus zwei Teilen zusammen: dem Ereignis und der seelischen Reaktion darauf. Läuft die Reaktion ungehindert ab, werden Welt- und Selbstbild durch die Erfahrung erweitert. Bricht der Ablauf vorzeitig ab, wird die Korrektur verhindert. Während man am Ablauf des Ereignisses oft nichts ändern kann, ist die Reaktion darauf durch Abwehrmechanismen zu steuern. Je mehr man sich gegen eine Korrektur seiner Vorstellungen sträubt, desto mehr stört die Abwehr den spontanen Ablauf der Erfahrung.

Der erlebbare Faktor, durch den korrigierende Erkenntnisse vermittelt werden, sind Gefühle.

Viele Vermeidungsstrategien setzen hier an. Um die gefürchtete Erkenntnis zu vermeiden, hindern sie Gefühle daran, auf die Psyche einzuwirken. Dabei werden unangenehme Gefühle ausgeblendet, rationalisiert, umgedeutet, dem äußeren Ereignis zugeschrieben oder verleugnet.

4.2. Gegenwart

Nur selten ist man mit der Achtsamkeit in der Gegenwart; obwohl doch alle Wirklichkeit nur hier zu finden ist. Zu oft erscheint die Gegenwart bedeutungslos; oder man hält sie für so beschämend, beängstigend oder unerfreulich, dass man lieber ins Denken flüchtet.

Statt wahrzunehmen, was gegenwärtig ist, weicht man folglich in Gedankenketten aus. In der Vorstellung entwirft man schöne Modelle: von sich selbst und dem Leben. Wäh­rend Zeit faktisch nur als Gegenwart erlebbar ist, hantiert man im Geiste theoretisch mit ihren übrigen Aspekten: Vergangenheit und Zukunft.

Die Vergangenheit bindet die Aufmerksamkeit durch Erinnerung. Die Zukunft macht es durch Befürchtungen und Pläne. Fast die Hälfte seiner Kraft verwendet der Mensch dafür, sich gegen Erfahrungen zu sträuben, die das Leben ihm verpassen will. Genauso viel geht für die Sorge drauf, in Zukunft so zu sein, wie es seinen Wünschen ent­spricht. Nur wenig bleibt übrig, um dorthin zu schauen, wo er tatsächlich ist ... und wahrzunehmen, was ihn ausmacht.

Wer das Jetzt beachtet, kann die Wirklichkeit sehen. Nur wer die Wirklichkeit sieht, kann bei sich selbst zuhause sein.
4.3. Zukunft

Hätte man keine Zukunftsplanung im Kopf, wären man kein Mensch. Im Gegensatz zum SchafDas Schaf frisst Gras, solange es wächst. Wenn der Winter kommt, hungert es eben. Der Mensch macht es wie das Murmeltier. Er legt Vorräte für die Zukunft an. Wir wissen nicht, ob das Murmeltier an seine Zukunft denkt, oder ob es im Überfluss instinktiv sammelt. Die Wahrscheinlichkeit ist aber groß, dass es von Instinkten gesteuert ist. Könnte es bewusst an die Zukunft denken, fände es Wege, uns Botschaften zu senden. entwirft der Mensch Zukunft und steuert darauf zu.

Dass er es tut, macht ihn zum Menschen. Tut er es zu viel, wird er zur Marionette seiner Pläne, Sorgen und Ängste. Genauso, wie man sich selbst aus dem Blick verliert, wenn man sich gegen die Lehren der Vergangenheit sträubt, verliert man sich, wenn man einmal gefasste Ziele verfolgt, ohne in der Gegenwart zu prüfen, was die Verfolgung der Ziele mit der Seele macht.

Zukunftsentwürfe schaffen Probleme, wenn sie die Gegenwart im Interesse späterer Gewinne missachten. Genauso riskant wie die Verausgabung in unermüdlicher Offensive ist ständiger Kampf gegen mögliche Gefahr. Wer jede Handlungsmöglichkeit für bedenklich hält, füllt die Gegenwart mit steter Sorge. Zwar will der Besorgte zukünftige Nachteile vermeiden, übermäßige Vermeidung bringt meist aber Nachteile ein, die man nur vermeiden kann, wenn man etwas riskiert.

5. Ablösung aus den Verstrickungen der Vergangenheit

Sich aus der Verstrickung in Unerledigtes zu lösen, ist ein Bestandteil jeder Heilung. Unerledigtes kann in Erfahrungen bestehen, gegen deren Abschluss man sich sträubt. Hier liegt der Schwerpunkt darin, zuzulassen.

Oft ist Unerledigtes an Gegenstände oder Personen gebunden; dann, wenn die Gegenstände oder Personen zu vergangenen Zeiten gehören, man sich von ihnen aber nicht trennen will. Hier liegt der Ansatz darin, loszulassen. Zulassen und Loslassen gehen fließend ineinander über.

Jedes seelische Trauma ist überwunden, wenn die Freiheit, angemessen im eigenen Interesse zu handeln, nicht mehr durch Verhaltensmuster eingeschränkt wird, die sich mit der Vergangenheit befassen.
5.1. Erfahrungen abschließen

Ziel jeder Psychotherapie ist es, unangemessene Strategien zur Problemlösung durch geeignete zu ersetzen. Tatsächlich ist es nicht die Vergangen­heit, unter der man leidet. Es ist die Gegenwart, in die man nicht kommen will. Die Vergangenheit hat nur soweit Belang, wie man Verhaltensmuster, die früher angemessen waren, zum eigenen Schaden beibehält. Überholte Verhaltens­muster entsprechen Welt- und Selbstbildern, denen wichtige Aspekte fehlen; jene, die man nicht wahrhaben will.

Trennen oder Vermengen

Oft schreiben wir das Gefühl, mit dem wir auf ein Ereignis reagieren, einseitig dem Ereignis zu; so als gehöre das Gefühl zum Ereignis und nicht zu uns.

Diese Sichtweise fördert Verstrickung und Selbstverlust. Vielmehr als Wirkung anderer sind Gefühle Reaktionen unserer selbst. Nur wenn wir sie als das betrachten, nehmen wir sie an. Und erst wenn wir sie annehmen, bleibt die Kraft des Gefühls nicht abgespalten und macht mit uns, sondern geht auf uns über und wird zu uns.

Der zentrale Ansatz zur Heilung liegt darin, den Widerstand gegen unangenehme Wahrheiten aufzugeben. Dazu gilt es, sich von Gefühlen, die entsprechende Erkenntnisse mit sich bringen, ungehindert berühren zu lassen.

Erfahrungen, die bis zu ihrem Ende durchlebt werden, aktuali­sieren Verhaltensmuster und werden von der Psyche zu den Akten gelegt. Psychische Energie, die bis dahin zwecks Abwehr gefürchteter Erkenntnisse abgespalten war, wendet sich gebündelt der Gegenwart zu.

5.2. Aufräumen

Vielen fällt es schwer, Gegenstände wegzuwerfen; obwohl deren Nutzwert ernsthaft infrage steht. Schnell wird das Argument herbeigeholt, dass die verschlissene Hose, Omas Geburtstagsgeschenk von 1972 oder das ausrangierte Kofferradio mit Langwellen­empfang später noch einmal zu gebrauchen sind. Zuweilen trifft das zu.

Weggeben erleichtert.

Jeder Gegenstand ist ein Werkzeug zum Schutz vor zukünf­tigen Gefahren. Gewappnet zu sein, macht Sinn. Jeder Gegenstand ist aber auch Ballast, den die Psyche bewusst oder unbewusst zu verwal­ten hat. Drei Dinge kosten den Besitzer Energie:

Was kann man tun?

Jedes Loslassen ist ein Loslassen der Vergangenheit. Es wird gefürchtet, weil es den Blick in eine endliche Zukunft richtet. Je mehr man sich dem Ende nähert, desto größer ist die Neigung, sich an Vergangenes zu binden. Zur Vergangenheit, an die man sich klammert, kann eine Sache, eine Person oder ein Weltbild gehören; alles, bei dem man sich zuhause fühlt.

5.3. Loslassen

Was bei Gegenständen Aufräumen und Weggeben ist, ist bei Personen die Auflösung oder Lockerung von Beziehungen. Wie das Weggeben von Gegenständen, hat die Ablösung aus überkommenen Beziehungen oder Bezieh­ungsmustern mit Trennungsangst zu tun. Was heilsame Trennungen verhindert, ist auch hier die Furcht vor Trauer, Reue und den Gefahren des Lebens.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Das dynamische Wesen der Subjekt-Subjekt-Beziehung bringt es mit sich, dass jedes Festhalten von vornherein ein Loslassen ist.

Ob es um Personen oder Gegenstände geht, in beiden Fällen heißt das Thema: Loslassen. Dabei kann es sich um ein vollständiges oder um ein teilweises Loslassen handeln.

Während man Gegenständen gegenüber meistObwohl man auch Gegenstände teilweise loslassen kann; wenn man den schleichenden Verfall eines alten Autos nur mit halber Kraft verhindert. über ein vollständigesNämlich wegwerfen oder behalten... Los­lassen zu entscheiden hat, hat das teilweise Loslassen bei Beziehungen von vornherein Bedeutung.

Der Unterschied zwischen dem Loslassen eines Gegenstandes und dem eines Menschen liegt in der Beziehungsstruktur:


Zu entscheiden, ob, wann und wie man eine Person loslässt, ist weitreichender als die gleiche Entscheidung bei Gegenständen. Zwischenmenschliche Beziehungen haben immer widersprüchliche Aspekte. Während Besitzverhältnisse statisch und normierbar sind, sind Beziehungen dynamisch und individuell.

Leitlinien für das Loslassen innerhalb zwischenmenschlicher Bindungen kann man daher nur mit Vorsicht formulieren:

Das Dasein eines jeden Soseins wird dem Ich-bin vom Es-ist verliehen. Jedes Ich-bin kehrt ins Es-ist zurück, weil das Es-ist Zeit als Gravitationskraft auf das Ich-bin ausübt.

Jedes Sosein geht im Dasein auf. Mein Sosein ist das Ich-bin. Das Dasein ist das Es-ist. Jedem Sosein liegt Dasein zugrunde, in dem es sein Sosein durchläuft.

Sosein ohne Dasein gibt es nicht. Dasein ohne Sosein ist der Ursprung aller Dinge.