Religion kann als Dankbarkeit dafür beschrieben werden, dass man sich selbst gegeben ist.

Dankbarkeit ist keine Erklärung, die man abgibt. Sie ist Wertschätzung des Gegebenen und Ausrichtung des Bewusstseins auf das, woher die Gabe kommt.

Dankbar ist, wer der Zugehörigkeit dient, die seiner Fähigkeit zur Selbstbestimmung zugrunde liegt.

Dankbarkeit heißt: Beim Empfang einer Gabe zuerst und zuletzt nicht die Gabe zu sehen, sondern den Geber.

Wer dem Gegebenen nicht dankt, wird nie zufrieden sein.

Dankbarkeit

  1. Begriffsbestimmung
  2. Grundformen der Dankbarkeit
    1. 2.1. Soziale Dankbarkeit
    2. 2.2. Existenzielle Dankbarkeit
    3. 2.3. Formen religiöser Dankbarkeit
      1. 2.3.1. Erwartungsvoller Dank
      2. 2.3.2. Selbstformender Dank
  3. Wertschätzung

1. Begriffsbestimmung

Danken ist eine Abwandlung des Verbs denken. Beide gehen auf die indogermanische Wurzel teng- = empfinden, denken zurück, deren gedanklicher Inhalt auch im altlateinischen Verb tongere = kennen, wissen anklingt.

Denkakte können zwei Grundmustern folgen:

Im ersten Fall ist das Denken ein Bewusstseinsakt, der etwas unmittelbar Wahrnehmbares mit etwas Gewusstem verknüpft, wodurch die sinnliche Erfahrung des Wahrnehmbaren mit einer gedanklichen Dimension verbunden wird. Das Gedenken an den Fleiß der Fulani bereichert die sinnliche Erfahrung des Schokoladengenusses um die gedankliche erzeugte Empfindung der Dankbarkeit.

Im zweiten Fall ist das Denken zusätzlich ein spekulatives Eigenprodukt. Es dient der Erforschung der Wirklichkeit, aus der heraus der Schokoladengenuss vergeben wird.Spekulatives Denken über den Vorteil des Fulfulbe-Spracherwerbs kann einen Mangel an Dankbarkeit bezeugen. Statt mit voller Achtsamkeit und im Gedenken an die fleißigen Fulani beim Schokoladengenuss zu bleiben, richtet spekulatives Denken den Fokus auf zukünftigen Erwerb. Dabei kann der Dank für das Gegebene auf der Strecke bleiben.

2. Grundformen der Dankbarkeit

Dankbarkeit bindet zurück. Sie ist eine Ausrichtung des Bewusstseins, die den Spender beim Empfang einer Gabe bedenkt. Dankbarkeit findet auf zwei Ebenen statt:

  1. Zwischen zwei Personen
  2. Zwischen einer Person und der Grundlage ihrer eigenen Existenz
2.1. Soziale Dankbarkeit

Grundlage der sozialen Dankbarkeit ist das Er hat mir etwas gegeben. Ausgangspunkt der Verbindung ist hier der Austausch zwischen zwei Personen, die sich im sozialen Kontext begegnen.

Existenzielle und soziale Dankbarkeit fließen zusammen, wenn der Beschenkte in der Person, aus deren Hand er Gaben empfängt, die gemeinsame Ursache sieht, die Beiden zugrunde liegt.

Würden Daniel, Max und Maria-Luise die Gaben ihrer Freunde annehmen, ohne den Gebern Beachtung zu schenken, wären sie undankbar. Gottlob sind sie das nicht. Daher bekommen die Geber durch die Beachtung, die sie beim Geben ernten, etwas zurück, was mindestens so wertvoll wie das Verschenkte ist. Bei der sozialen Dankbarkeit entstehen Bündnisse zwischen den Egos der Beteiligten.

2.2. Existenzielle Dankbarkeit

Grundlage der existenziellen Dankbarkeit ist das Ich bin mir selbst gegeben. Während die Verbindung beim Austausch von Gabe und Dankbarkeit auf der sozialen Ebene zwischen autonomen Personen entsteht, reagiert das existenziell dankbare Ich auf den Empfang seiner selbst.

Das existenziell dankbare Ich gedenkt beim Vollzug seiner Existenz der Quelle der es entspringt. Es betrachtet sein Leben nicht nur als Besitz, über das es nach Inbesitznahme willkürlich verfügt, sondern als empfangene Gabe, aus der heraus es des Gebers bedenkt. Das existenziell dankbare Ich ist somit religiös. Religion ist existenzielle Dankbarkeit.

Grundformen der Dankbarkeit im Überblick

Soziale Dankbarkeit Existenzielle Dankbarkeit
Er hat mir etwas gegeben. Ich bin mir selbst gegeben.
Von Ego zu Ego Vom Ego zum Sein oder sich selbst, wenn es sich selbst als Ausdruck des Seins versteht
Das Gegebene ist ein geformtes Sosein, eine Sache, die den Besitzer wechselt oder die spezifische Form eines Verhaltens, die dem Beschenkten dient. Das Gegebene ist formloses Dasein an sich, das durch Formen gefüllt werden kann.
Stärkung sozialer Zugehörigkeiten Ausdruck religiöser Rückbindung des Ego an die Wirklichkeit
Die Dankbarkeit richtet sich im Diesseits nach außen. Die Dankbarkeit richtet sich nach innen ins Jenseits.

2.3. Formen religiöser Dankbarkeit

Religiöse Dankbarkeit ist auf zweierlei Art möglich:

  1. Erwartungsvoller Dank
  2. Selbstformender Dank

Bei genauer Betrachtung wird erkennbar, dass sich beide Formen voneinander unter­scheiden.

2.3.1. Erwartungsvoller Dank

Erwartungsvoller Dank richtet sich an eine Gottesperon, deren zukünftige Entschei­dungen man durch den erwiesenen Dank beeinflussen will. Beim erwartungsvollen Dank legt man Wert darauf, vom Himmel als dankbare Person erkannt zu werden. Man erwartet, durch Dankbarkeit zukünftige Gunst zu bewirken.

2.3.2. Selbstformender Dank

Selbstformender Dank ist ein Mittel, sich selbst zu gestalten. Er bezweckt, die eigene Achtsamkeit darin zu schulen, das bereits Gegebene wertzuschätzen.

Zwei Formen religiösen Danks

Erwartungsvoller Dank Selbstformender Dank
Erwartet, beachtet zu werden. Schult sich, zu beachten.
Richtet sich an ein Gegenüber. Richtet sich auf Werte aus.
Will mehr. Übt Genügsamkeit.
Schaut auf die Zukunft. Schaut aufs Jetzt.
Sucht Sicherheit. Sucht Wirklichkeit.

3. Wertschätzung

Jede Dankbarkeit beinhaltet, das Gegebene wertschätzend, achtsam und respektvoll zu behandeln. Was bei der sozialen Gabe sinnvoll ist, gilt bei der existenziellen erst recht. Wer das, als was er sich selbst gegeben ist, dem unterstellt, was er aus sich machen könnte, hat die Gabe des Himmels ausgeschlagen.

Dankbarkeit und Wertschätzung gehen Hand in Hand. Wer den Wert einer Gabe nicht erkennt, wird keine Dankbarkeit empfinden, die dem Wert der Gabe entspricht. Das gilt für das geschenkte Fahrrad von Florian ebenso wie für das geschenkte Selbst, das Daniel von je her in sich trägt.

Wenn Daniel den Wert des Fahrrads verkennt, entsteht daraus ein Schaden, der vornehmlich die Beziehung zu Florian betrifft. Verkennt er den Wert seiner selbst, ist der Schaden größer. Sein gesamtes Dasein wird davon durchsetzt.

Umso wichtiger ist es, den Wert zu erkennen, der dem Leben vor jeder sozialen und persönlichen FormgebungJedes Du solltest so oder anders sein ist eine Missachtung des gegebenen Ich bin. inneliegt. Das ist eine Aufgabe, die eher ein Leben braucht, als dass sie schnell erledigt ist. Das normale Bewusstsein bedenkt nicht, dass eine solche Möglichkeit überhaupt besteht.

Selbstmord
Selbstmord ist ein Thema, das religiöse Traditionen beschäftigt. Geht der Mensch von der Vorstellung aus, als Werk Gottes ins Dasein gesetzt zu sein, stellt sich die Frage, ob er sein Dasein eigenmächtig beenden darf, ohne dadurch sein Verhältnis zum Himmel durch Undank zu trüben.

Suizidale Impulse können verschiedenen Quellen entstammen.

Dort, wo der Impuls aus dem Urteil eigenen Unwerts oder dem Empfinden einer Entwertung entsteht, wird das Gebot der Wertschätzung des Gegebenen verletzt.

Erlöst sich ein unheilbar Kranker von absehbar unerträglichem Leid, stammt das Motiv nicht aus einem Ego, das den Wert seiner selbst nicht erkennt. Im Gegenteil: Hier kann das Motiv wertschätzende Fürsorge sein. Das Selbst des Leidenden erlöst die Person aus sinnloser Qual.

Die Wertschätzung des dem Menschen als sein Selbst Gegebenen wird nur von religi­ösen Anschauungen vollzogen, die seinem Sosein kein verbindliches Soll überordnen, sondern dem Gegebenen mit vorurteilsfreier Achtsamkeit begegnen. Das Beste aus dem existenziell Gegebenen kann man nur machen, wenn man das Gegebene bereits als das Beste betrachtet, das zum jeweiligen Zeitpunkt vergeben werden kann.