Angst fragt nach Lohn und Strafe. Das Gewissen fragt, was ungeachtet dessen richtig ist. Es fragt, was mit dem übereinstimmt, der gewissenhaft handelt.
Das Gewissen ist eine seelische Instanz, die in der Kindheit entsteht und deren Bedeutung im Laufe des Lebens wächst. Der Begriff setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Ge- und wissen. Wissen entstammt derselben indoeuropäischen Wurzel wie das lateinische Verb videre = sehen. Was jemand weiß, ist das, was er sehend erkannt hat und damit einsieht. Der Sinn der Silbe Ge- eröffnet sich, sobald man sich Beispiele ihrer Bedeutung vor Augen führt.
Ge- zeigt eine Gesamtheit zusammengehöriger Teile an. Aus Bergen, Federn, Backsteinen, Büschen und Gedanken wird jeweils ein übergeordnetes Phänomen, das Eigenschaften hervorbringt, die den einzelnen Elementen fehlen. Dementsprechend ist das Gewissen eine Versammlung des Wissens, deren Qualität über das bloße Wissen einzelner Fakten hinausreicht.
Die Versammlung des Gewissens wird einberufen, wenn das Bewusstsein Entscheidungen großer Tragweite zu treffen hat. Das Für und Wider der Möglichkeiten wird vor dem Hintergrund all dessen geprüft, was man bisher weiß. Gewissensentscheidungen setzen die Freiheit voraus, widersprüchliche Positionen unbefangen abzuwägen.
Da Wissen im Laufe des Lebens zunimmt, hat das Gewissen immer wieder neu zu entscheiden. Was gestern mit dem Gewissen konform war, kann heute gewissenlos sein.
Malte wusste nicht, wie sehr es Meike trifft, wenn er sich über ihre Kochkunst lustig macht. Seitdem er es aber weiß, wird der Spaß gewissenlos.
Gewissen ist auf Wissen angewiesen. Wissen ist umso verlässlicher, je mehr das Gewusste durch Akte persönlicher Erkenntnis gewonnen wird; und in der Folge mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Werden unüberprüfbare Glaubenssätze mutwillig zur Gewissheit erklärt und Zweifel daran durch das Verbot, echte Einsicht zu erlangen, verhindert, führt das zu einer Störung der Gewissensfunktion. Eine vorgegebene Moral, an der ungeprüft festgehalten wird, hat wenig mit echtem Gewissen zu tun.
Wesentlich für die Funktion des Gewissens ist der Aspekt des Versammelns. Bei der Versammlung des Wissens werden die gewussten Inhalte miteinander in Beziehung gesetzt; ganz so, wie eine menschliche Versammlung nicht nur aus einem Haufen Leute besteht, sondern eine übergeordnete Ganzheit ist, zu der sich Einzelne verbinden. Das Gewissen bezieht Gewusstes dergestalt aufeinander, dass Entscheidungen innerhalb eines Wissensbereichs durch Wissen aus anderen Feldern beeinflusst wird. Bestimmte Wissensinhalte bekommen ein Vetorecht.
Von der Versammlung des Wissens ist die bloße Ansammlung von Wissen abzugrenzen. Bei einer Ansammlung von Wissen mag eine Menge Gewusstes nebeneinander im Gedächtnis abgespeichert sein, die Bruchstücke werden dabei aber nicht mit der Absicht verbunden, weitreichende Entscheidungen sorgfältig abzuwägen. Dass jemand eine Menge weiß, heißt deshalb nicht, dass er bei wichtigen Entscheidungen gewissenhaft wäre.
Man spürt den eigenen Hunger, den eigenen Schmerz und die eigene Angst. Hunger, Schmerz und Angst anderer spürt man nicht. Aber man kann wissen, dass sie vom gleichen Leid betroffen sind. Leid, von dem man selbst betroffen ist, wird einem ohne Zutun bewusst. Leid, das andere trifft oder treffen könnte, muss man sich erst bewusstmachen.
Grundregel
Gewissenlos handelt, wer wissentlich einen Schaden anderer in Kauf nimmt, um einen persönlichen Nutzen daraus zu ziehen, der im Vergleich zum Schaden als geringfügig erkennbar ist.
Zur Versammlung des Wissens gehört Wissen um Leid, das man selbst nicht spürt. Deshalb fällt es dem Gewissen zu, Anwalt der Interessen anderer zu sein.
Gewissenlosigkeit
Während das Gewissen bedeutsames Wissen versammelt, schließt Gewissenlosigkeit eigentlich verfügbares Wissen von der Versammlung aus. Zweck der Gewissenlosigkeit ist es, parteiische Entscheidungen zu ermöglichen, die ohne den Ausschluss verfügbaren Wissens nicht zustande kämen.
Bei der Gewissenlosigkeit kommen Abwehrmechanismen zum Zuge: Abwertung, Affektisolierung, Verdrängung, Verleugnung, Rationalisierung, Rechtfertigung, Intellektualisierung, Projektion. Sie werden eingesetzt um das unliebsame Wissen aus dem Bewusstsein zu entfernen oder um sein Stimmrecht bei der Versammlung abzuschwächen.
Beispielhaft gewissenlos durch Ausschluss verfügbaren Wissens handelte Adolf Hitler. Hitlers Mutter wurde während ihrer Krebserkrankung durch den jüdischen Arzt Dr. Eduard Bloch betreut. Hitler war ihm dafür so dankbar, dass er ihm rechtzeitig die Flucht aus Deutschland ermöglichte. Durch seine Erfahrungen mit Bloch wusste er also, dass das Merkmal Jude keinesfalls eine begleitende Schlechtigkeit anzeigt. Hätte Hitler gewissenhaft gehandelt, hätte er genau dieses Wissen nicht aus seiner Entscheidungsfindung ausschließen dürfen. Hätte er es zugelassen, wäre der Welt ein Großteil seiner Verbrechen erspart geblieben; oder sogar alle.
Gewissenhaftigkeit dient stets der Abwehr eines Schadens. Im Prinzip kann daher selbst die Entscheidung, ob das Gartenhäuschen links oder rechts vom Birnbaum aufzustellen ist, eine sorgfältige Abwägung des Für und Wider in Gang setzen, die sämtliches Wissen zu Rate zieht, über das der Häuschenbauer verfügt; dann nämlich, wenn zu befürchten ist, dass eine falsche Gartenhäuschenposition anderen schaden könnte. In der Regel tritt das Gewissen aber erst bei Entscheidungen größerer Tragweite auf den Plan. Das liegt an der seelischen Ebene, in der es verankert ist: dem Selbst.
Verbundenheiten
Das Individuum (lateinisch in- = un- und dividere = teilen, trennen) ist unteilbar. Individuell heißt zugleich aber auch unabtrennbar. Wer beide Bedeutungen unauflöslich miteinander vereint, hat sein Ego verstanden. Wer sein Ego verstanden hat, steht in sich selbst. Er selbst ist auch der andere.
Das Gewissen ist keine Instanz des Egos, also der separaten Person. Es ist vielmehr in tieferen Schichten der Seele verankert, dort wo die separate Person in das erkennende Subjekt übergeht; und somit in eine seelische Ebene, die Individuen untrennbar miteinander verbindet. In der allertiefsten Tiefe gibt es nur ein einziges Subjekt. Jeder ist deshalb im Grunde seines Wesens auch jeder andere. Das Gewissen wird umso unerschütterlicher, je klarer diese Einsicht gewonnen wird.
Das Gewissen wehrt Schaden ab; aber nicht in ersten Linie den der die eigene Person bedroht, sondern Schaden generell und vor allem Schaden, der andere treffen könnte. Das Gewissen ist unparteiisch. Seine Ausrichtung ist transpersonal. Es wacht darüber, dass der Mensch nicht vollends egozentrisch wird.
Da die Tragweite jeder Entscheidung unterschiedlich eingeschätzt werden kann, wird der eine mit seinem Gewissen im Reinen sein, wenn er keine Morde begeht. Ein anderer wird bei jeder Möhre, die er sich aus der Schüssel nimmt, von Skrupeln geplagt. Um Gottes willen! Was, wenn jemand anderes ebenfalls Appetit darauf hat? Die Mehrzahl wird mit einem mittleren Weg zufrieden sein.
Jeder hat für sich selbst zu entscheiden, wo die Zuständigkeit seines Gewissens beginnt. Entsprechend seiner Entscheidung wird seine Lebensführung auch beim Vollzug alltäglicher Verrichtungen mehr oder weniger gewissenhaft sein. Als Ausdruck einer hohen Gewissenhaftigkeit können gelten...
Oft wird Straf- oder Verlustangst vorschnell als schlechtes Gewissen bezeichnet. Angst ist jedoch kein reflektierter Wissensentscheid, sondern ein reflexhafter Vermeidungsimpuls. Während das Gewissen die Ausrichtung des Handelns an eigenen Bewertungen bestimmt und damit die Übereinstimmung des Ich mit dem Selbst, orientiert sich Angst an der möglichen Macht äußerer Faktoren, strafend oder schädigend auf Handlungen der eigenen Person zu reagieren.
Bei den äußeren Faktoren, die Angst auslösen, handelt es sich entweder um das soziale Umfeld, oder um verinnerlichte Moralvorstellungen, die vom Umfeld vorgegeben werden. Im Vergleich zur Verankerung der Ethik im Selbst ist die Verinnerlichung einer Moral durch das Ego oberflächlich.
Strafangst oder Gewissen
Gewissen | Strafangst |
Das Gewissen ist im Selbst verankert. Es fragt nicht nach dem Vorteil der Person, sondern dem Zustand des Ganzen, in das die Person eingebettet ist. Oft entscheidet es zum Nachteil der Person. Das Gewissen ist holozentrisch. | Strafangst ist ein Werkzeug des Egos. Sie versucht, persönliche Nachteile zu umgehen. Sie entscheidet immer zum Vorteil der Person. Strafangst ist egozentrisch. |
Das Gewissen schaut nach innen. Es betreibt die Übereinstimmung des Ich mit selbstgewählten Werten. | Straf- und Verlustangst schauen nach außen; dorthin, von wo aus der Person ein Nachteil entstehen könnte. |
Der Gewissenhafte fürchtet unerfüllte Verantwortung. Er fürchtet, nicht mit sich selbst übereinzustimmen. | Wer sich vor Strafe fürchtet, fürchtet die Außenwelt. Er fürchtet, dass Andere entdecken, dass er nicht mit ihnen übereinstimmt. |
Das Gewissen geht über die Dualität von Ich und Nicht-Ich hinaus. | Strafangst bleibt in der Dualität von Ich und Nicht-Ich verhaftet. |
Sobald man Angst und Gewissen voneinander unterscheidet, weiß man mehr über die Struktur der Wirklichkeit. Das gesteigerte Wissen gibt dem Gewissen mehr Gewicht. Die Angst vor dem Umfeld lässt nach. Sich Angst zu beugen, statt gewissenhaft zu entscheiden, ist eine Schwäche. Bezeichnet man Angst als schlechtes Gewissen, unterstellt man Schwäche, tugendhaft zu sein. Das schwächt noch mehr.
In der Theorie sind Strafangst und Gewissen gut zu unterscheiden. In der Praxis sind sie oft vermischt.
Sein Gewissen beißt, weil er den Zusammenhalt der Familie und damit das Wohl der Kinder riskiert hat. Das bisschen Lust, das er für sich in Anspruch nahm, könnte seine Kinder der Geborgenheit entreißen. Er kommt sich vor wie ein Schuft.
Zum Gewissensbiss kommt Verlustangst hinzu. Wenn Annika den Seitensprung entdeckt, könnte er bald als zahlender Vater in einem Single-Appartement sitzen. Der Zugang zu den Kindern könnte verlorengehen. Er hat Angst, dass Annika ihn für den Fehltritt abstraft.
Strafangst kann nützliche Funktionen erfüllen. Dort, wo ein Gewissen fehlt oder erst im Ansatz entwickelt ist, kann Strafangst Taten verhindern, die genau den Schaden nach sich zögen, den auch ein funktionierendes Gewissen vermeiden würde. Strafangst setzt aber eine hierarchische Beziehung voraus. Zwischen dem, der durch Strafandrohung eingeschüchtert wird und dem, der mit Strafe droht, besteht ein Ranggefälle. Die Anwendung der Strafangst zur Verhinderung sozial schädlicher Taten fördert die Festigung solcher Rangunterschiede und somit die Unterwerfung der einen unter andere.
Da Unterworfenen mit der Möglichkeit, frei über sich zu entscheiden auch die Verantwortung entzogen wird, es gewissenhaft zu tun, behindert Strafangst autonome Gewissenhaftigkeit. Deshalb ist Strafangst zwar in der Lage, Taten zu verhindern, die auch das Gewissen verhindern würde, sie bahnt auf der anderen Seite aber genau das Gegenteil: Strafangst kann Taten fördern, die das Gewissen verwerfen würde. Bestes Beispiel sind Grausamkeiten im Krieg. So manche Grausamkeit wird dort verübt, weil der Täter Angst vor Strafe hat, falls er die nötige Grausamkeit vermissen lässt.
Jeremias 48, 10*:
Verflucht, wer das Werk des Herrn nachlässig vollbringt, verflucht, wer sein Schwert zurückhält vom Blut!
Das Gewissen ist immer ein eigenes Gewissen. Es ist dem eigen, der etwas weiß und aus dem Wissen heraus frei entscheiden kann. Strafangst fordert Gehorsam. Wer mit Strafe droht, versucht, den Mut, aus eigenem Wissen heraus zu entscheiden, einzuschüchtern. Strafangst macht Menschen zu Befehlsempfängern. Befehle haben das Gewissen millionenfach außer Funktion gesetzt.
Je nachdem, wo die Trennlinie zwischen Gewissensbiss und Strafangst liegt, kann es zwei Varianten der Reue geben.
Ein schlechtes Gewissen ist keins, das Sünden von früher bestraft, sondern eins, das sich heute nicht um die Vermeidung neuer Sünden bemüht; oder darum, den Schaden begangener wiedergutzumachen.
Umgangssprachlich wird Reue als schlechtes Gewissen bezeichnet. Das ist verwirrend... oder ein Zeichen dafür, dass man das eigene Gewissen nicht wirklich angenommen hat. Wer Reue spürt, weil er den Schaden anderer leichtfertig in Kauf nahm, hat eigentlich ein gutes Gewissen. Es erfüllt nämlich seinen Zweck. Es funktioniert. Was sollte daran schlecht sein?
Bei Reue vom schlechten Gewissen zu sprechen und seine Bisse als Strafe zu sehen, deutet darauf hin, dass der Sprecher nicht aus sich selbst, sondern aus seinem Ego heraus spricht. Reue ist keine Strafe. Sie ist ein innerseelisches Korrektiv, das die Person daran erinnert, dass sie nicht über dem Selbst und seinen Werturteilen steht. Reue ermuntert die Person in derber Freundlichkeit, im Umgang mit Wichtigem gewissenhaft zu sein; und sich damit treu zu bleiben.
Werden Gewissenbiss und Strafangst gegenübergestellt, heißt das nicht, dass sich der Mensch nicht vor dem Biss des Gewissens fürchtet. Obwohl er es aber tut, sind die Furcht vor dem beißenden Gewissen und die Angst vor Strafe von außen verschieden.
Das Gewissen ist ein Wächter des Selbst. Es überprüft, ob das Individuum mit sich im Reinen ist. Im Reinen mit sich ist der Mensch nur dann, wenn er zu dem steht, was er weiß. Veruntreut er sein Wissen, veruntreut er sich selbst. In der Reue, gewissenlos gehandelt zu haben, bereut der Mensch, sich untreu zu sein. Er bereut, die Integrität seiner selbst zu verfehlen. Gewissenhaft schaut der Mensch nach dem, was er ist.
Strafangst ist eine Erfahrung der Person. In der Strafangst fürchtet sie, durch eine Instanz jenseits ihrer selbst geschädigt zu werden: durch die Justiz, den betrogenen Partner, den Vorgesetzten, durch Mächtige im Land oder im Himmel. In der Strafangst hat der Mensch sein Selbst vergessen. Er schaut nach dem, was er gewinnen oder verlieren kann.
Viele machen sich Vorwürfe. Sie glauben, in der Vergangenheit falsch entschieden zu haben. Sie tun das, sobald sie davon ausgehen, dass sie unter den Folgen falscher Entscheidungen von damals leiden. Sich Entscheidungen vorzuwerfen, die man früher für richtig hielt, macht aber nur wenig Sinn.
Statt dass der erfahrene Mensch von heute Verantwortung für sich übernimmt, weist er dem Unerfahrenen von damals Schuld an jetzigen Missständen zu.
Warum das wenig nützt...
Der Mensch tut immer, was er für richtig hält. Was er für richtig hält, hängt von dem ab, was er zum Zeitpunkt der Entscheidung weiß oder glaubt.
Wenn der Mensch von damals entschied, wie er es tat, dann deshalb, weil er es beim damaligen Wissensstand für richtig hielt. Etwas anderes hätte er nicht machen können. Sonst könnte es ja richtig sein, dass man tut, was man für falsch hält.
Reue und Vorwurf
Hat man heute erkannt, dass man gestern gewissenlos war, kann man sich dafür Vorwürfe machen... und man kann es bereuen. Oft wird beides miteinander gleichgesetzt, weil es nur schwer voneinander zu unterschieden ist. Und doch: Genau betrachtet gibt es Unterschiede.
Reue ist mit niederländisch rouwen = trauern verwandt. Wen etwas reut, der trauert über eine verpasste Gelegenheit. Er hätte etwas gewissenhafter machen können. Reue ist ein Gefühl, das die Erinnerung an eine Kausalverkettung weckt. Es verdeutlicht, wohin es führen kann, wenn man Wissen ignoriert. Nimmt man das Gefühl an, ohne es abzuwehren, stärkt es das Gewissen für künftige Aufgaben. Wer etwas bereut hat, wird sein Gewissen in Zukunft ernster nehmen. Reue ist integrativ. Reue heilt.
Vorwurf ist ein intellektueller Akt, der einem Entscheidungsträger Schuld zuweist. Wer vorwirft, wirft etwas von sich. Vorwurf spaltet ab. Auch wenn der, der vorwirft, derselbe ist, wie der, der den Vorwurf zu hören bekommt, so ist er doch nicht mehr der gleiche. Im Rollenspiel des Vorwurfmachens liegt die Gefahr, dass man Verantwortung von sich weist. So mancher wirft sich vergangene Verfehlungen vor, statt neue in der Gegenwart gewissenhaft zu vermeiden.
Hiltrud wirft sich vor, Raffaela eine schlechte Mutter gewesen zu sein. Heute behandelt sie ihre Tochter als sei sie noch ein Kind. Sie ist so damit beschäftigt, die Schuld von damals abzuschütteln, dass sie heute schon wieder übersieht, was ihre Tochter wirklich braucht.
Nur selten gibt es bei schwierigen Entscheidungen keine Zweifel an dem, was man schließlich tut. Letztlich kann eine Entscheidung aber nur getroffen werden, wenn nach der Verrechnung des Für und Wider ein Für übrigbleibt.
Da jede Entscheidung Folgen hat, deren Kenntnis die Balance zwischen dem, was man aus Erfahrung weiß und dem, was man bislang gedacht hat, verschiebt, kann die Verrechnung kurze Zeit nach der Entscheidung ein Wider ergeben. Trotzdem war sie nicht falsch, sondern folgerichtig. Sie hat den Weg Richtung Erkenntnis gebahnt. Mit der neuen Erkenntnis kann man sich nun gewissenhaft anders entscheiden.
Was können Sie tun, wenn Sie mit Entscheidungen von früher hadern?
Übernehmen Sie die Verantwortung für die Gegenwart. Sprechen Sie die Vergangenheit frei von Schuld. Die Vergangenheit hat keine Schuld. Nur in der Gegenwart kann man etwas schuldig sein.
Sobald Sie über folgenschwere Entscheidungen von damals grübeln, suchen Sie nach dem Gefühl, das dahinterliegt. Empfinden Sie Reue, solange es Sie reut. Tragen Sie Konsequenzen, bis sie ausgetragen sind.
Der Mensch tut immer, was er für richtig hält. Was er für richtig hält, hängt von dem ab, was er weiß und was er glaubt. So hat es eben geheißen. Kann das stimmen? Hieße das nicht, dass der Mensch keine Entscheidungsfreiheit hat? Dass er wie ein Roboter von dem gesteuert wird, was er weiß oder glaubt? Und dass er folglich für keine Entscheidung verantwortlich ist, die er unter dem Diktat seines jeweiligen Urteils trifft?
Das heißt es nicht. Der Mensch hat die Freiheit, sein Wissen zu steigern und er hat die Freiheit, bloßen Glauben in Frage zu stellen. Er kann sich bemühen, vom Sachverhalt, der zur Entscheidung ansteht, auch jene Aspekte zu sehen, die er zum eigenen Vorteil lieber vergäße. Er kann darauf achten, dass er verfügbares Wissen nicht aus der Versammlung verdrängt. Er kann fehlendes Wissen gezielt ergänzen. Es ist daher folgerichtig, dass die Wirklichkeit den Menschen für das, was er tut, zur Verantwortung zieht.
Gewissenlose Menschenfreundlichkeit
Gewissenhafte Entscheidungen sind oft zum Vorteil anderer. Das heißt aber nicht, dass überall dort, wo der eine zum Vorteil anderer entscheidet, ein tüchtiges Gewissen am Werke wäre. Nicht selten wird das Gute für andere bloß getan, weil sich der Täter als Wohltäter gefällt oder weil er vom Ruf, einer zu sein, andere Vorteile erhofft; zum Beispiel den Dank der Begünstigten. So kann Selbstbezogenheit Gewissenhaftigkeit vortäuschen, obwohl in Wirklichkeit andere Motive im Vordergrund stehen. Wird dabei ein Schaden Dritter fahrlässig in Kauf genommen, besteht der Verdacht, dass es so ist.
Es liegt in der Logik der Sache: Auch das Wissen, gewissenlos gehandelt zu haben, wird leicht zum Opfer neuer Gewissenlosigkeit. Es wird nicht eingestanden und folglich seinerseits aus der Versammlung des Wissens verdrängt. Das schafft Spannungen, die seelischem Wohlbefinden im Wege stehen.
Wohlgemerkt
Ein Eingeständnis ist kein Vorwurf. Ein Vorwurf unterstellt die Pflicht, gewissenhaft zu sein. Gibt es sie tatsächlich? Wenn ja: Wem gegenüber? Sicher ist hingegen, dass es Folgen hat, das Gewissen zu übergehen. Ohne die Übereinstimmung mit dem Gewissen, kommt man nicht mit sich ins Reine.
Der erste Schritt mit dem Gewissen ins Reine zu kommen, liegt daher im Eingeständnis, bei der fraglichen Entscheidung dergestalt parteiisch gewesen zu sein, dass man es selbst für unredlich hält. Von dort aus führen zwei Etappen zur Klärung.
Die zweite besteht darin, entstandenen Schaden wiedergutzumachen oder zum Ausgleich so viel Schaden von anderen abzuwenden, bis die Bilanz positiv ist.
* Die Heilige Schrift / Familienbibel / Altes und Neues Testament, Verlag des Borromäusvereins Bonn von 1966.