Der Begriff AuDHS entstand aus der Fusion der Begriffe Autismus und ADHS. Er spiegelt die Tatsache wider, dass autistische und ADHS-typische Verhaltensmuster oft gemeinsam auftreten. Studien belegen eine große Konkordanz von Symptomen, die beiden Spektren zugeordnet werden können. Es liegt daher nahe, Autismus und ADHS als komplementäre Pole einer tiefer liegenden Problematik aufzufassen.
Sowohl bei der ADHS als auch beim Autismus handelt es sich um hochkomplexe Varianten des individuellen Realitätsbezugs. Im Folgenden wird nicht versucht, die allgemeine Psychodynamik aufzuzeigen, die den beiden Verhaltensmustern jeweils zuzuordnen ist. Hier geht es ausschließlich darum, auf die Komplementarität hinzuweisen, die beide Pole offensichtlich miteinander verbindet.
Weder was autistische noch was ADHS-typische Verhaltensmuster betrifft, gibt es eine klare Abgrenzung zwischen gesund, normal oder krank. Vielmehr gibt es fließende Übergänge, deren Bedeutung individuell zu deuten ist. Generell gilt: Je einseitiger ein Individuum autistische und/oder ADHS-typische Muster verwendet, desto größer werden die Probleme, die daraus entstehen. Bei milder Ausprägung oder bei kreativ kompensierter können die Vorteile die Nachteile überwiegen. Bei starker Ausprägung ohne erfolgreiche Kompensation ist von schwerwiegenden Erkrankungen zu sprechen.
Sowohl beim Autismus als auch bei der ADHS betont die biologische Psychiatrie deren genetische Grundlage. Die Befunde einschlägiger Zwillingsstudien sind bemerkenswert. Man geht davon aus, dass beiden Erkrankungen zahlreiche Genvarianten zugrunde liegen, die sich zum Teil überlappen, sodass daraus eine Komorbidität, also ein gleichzeitiges Auftreten zweier Erkrankungen, entsteht. Folgerichtig ist es daher, die Forschung auf der neurobiologischer Ebene weiter voranzutreiben, um gegebenenfalls biologische Behandlungsmethoden zu finden.
Die alleinige Betrachtung genetischer Grundlagen, die den Betroffenen schicksalhaft vorgegeben sind, spricht der auffälligen Komplementarität der beiden Muster einen eigentlich psychologischen Zusammenhang ab und stellt die Willkür zufälliger Genmutationen in den Vordergrund. Dadurch wird ein wesentlicher Teil der Komplexität ausgeklammert und das therapeutische Potenzial übersehen, das in einer individualpsychologischen Betrachtung steckt.
Parallel zum biologische Ansatz macht es daher Sinn, die Problematik der AuDHS auch psychodynamisch zu beschreiben. Gute Gründe sprechen dafür.
Für die meisten, die von einer AuDHS betroffen sind, ist es besser, ihre Eigenart nicht als Verfehlen einer vermeintlich gesunden Norm zu betrachten, sondern als neurodiverse Normvariante, die individuelle Herausforderungen mit sich bringt.
Grundhaltungen
| Problematisch | Kreativ |
| Ohje! Mit mir stimmt etwas nicht, auf das ich keinen Einfluss habe. | Ich bin, wie ich bin. Das ist auch in Ordnung so. |
Auf den ersten Blick scheint es so, als handele es sich beim Autismus und der ADHS um einander ausschließende Muster.
Hü oder Hott
Zwei Muster bei der Grenzkontrolle
| ADHS | Autismus |
| Filtert kaum. Lässt vieles durch. | Filtert streng. Blockt das meiste ab. |
| Bleibt offen. | Verschließt sich. |
4. |
Gemeinsamer Nenner gegensätzlicher Tendenzen |
Wirft man einen Blick auf die obige Tabelle, erkennt man leicht, dass Autismus und ADHS einen gemeinsamen Nenner haben, der tief in der Grundstruktur des Daseins verwurzelt ist: die Ich-Grenze. Der Ich-Grenze kommt eine fundamentale Bedeutung zu. An ihr entscheidet sich, welches Element der Wirklichkeit dem Ich zugerechnet und welches davon ausgeschlossen wird.
Das Ich umfasst, was für das Ich von Belang ist. Anders: Das Ich definiert sich als das, was für es von Bedeutung ist.
Dem, was das Ich mit ich oder mein bezeichnet, ordnet es eine Bedeutung zu, die es von allem anderen unterscheidet. Das erklärt, warum die Filtervorgänge, die an der Ich-Grenze stattfinden, ausschlaggebend dafür sind, wie sich die Person in der Welt positioniert; und welche Weichenstellungen sie als Folge ihrer Positionierung vollzieht. Anhand der Bedeutung, die das Ich verschiedenen Elementen der Wirklichkeit zuweist, soll zunächst der Unterschied zwischen dem ADHS-typischen und dem autistischen Muster hervorgehoben werden.
4.1. |
Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität |
Die These lautet: Bei der ADHS filtert das Ich nur ungenügend. Das heißt: Statt Elemente der Außenwelt konsequent dem Bereich zuzuordnen, der für das Ich nur wenig Bedeutung hat und daher ausgeklammert werden kann, verstreut das ADHS-typische Ich seine Aufmerksamkeit ins Umfeld. Es blendet zu wenig aus. Daraus ergibt sich dreierlei:
4.2. |
Fokussierung und Rückzug |
Die These lautet: Beim Autismus filtert das Ich übermäßig. Das heißt: Das autistische Ich ist ausgesprochen wählerisch. Das, was es als relevant für die eigenen Belange anerkennt, beschränkt es auf einen engen Horizont. Daraus ergibt sich dreierlei:
Ich-Grenze und Bedeutungszuweisung
| ADHS | Autismus |
| Schaubild 1 | |
Das Ich wendet seine Aufmerksamkeit dem zu, von dem es glaubt, dass es eine Bedeutung für es hat oder haben sollte. Je mehr einbezogen wird, desto weiter streut die Aufmerksamkeit. Je mehr ausgeklammert wird, desto mehr fokussiert das Ich seinen Kernbereich.
5. |
Komplementäres Zusammenspiel |
Schaubild 1 beleuchtet die Unterschiede grafisch.
Im ADHS-typischen Muster betrachtet das Ich die Welt mit einem Weitwinkelobjektiv. Der Autist verwendet die Makro-Variante. Der Leitspruch des einen ist: Ich möchte mit allem verbunden sein und auf alles in meinem Umfeld Einfluss haben. Daher geht mich alles etwas an. Der Leitspruch des anderen ist: Klein, aber mein. Auf den größten Teil der Welt will ich gerne verzichten. Damit er nicht über mich herrschen kann.
Aktion und Reaktion
Eben wurde dem ADHS-bestimmten Ich unterstellt, dass es auf alles in seinem Umfeld Einfluss haben will. Das ist folgerichtig. Das Problem bei der ADHS ist ja nicht, dass der Betroffene Reize empfängt. Die gleichen Reiz empfängt auch jeder andere. Das Problem ist, dass er auf Reize reagiert. Und was enthält der Begriff Reaktion? Aktion! Also Handlung. Also Einflussnahme.
Beim Autismus liegen die Dinge anders. Signale aus der Umwelt haben Einfluss auf den, der sie zur Kenntnis nimmt. Indem der Autist Signale übersieht, verhindert er, dass die Umwelt Einfluss auf ihn haben kann. So gehört es zu Repertoire des autistischen Musters, emotionale Signale aus dem Umfeld nicht zu erkennen.
Leicht zu erkennen ist, dass beiden Mustern Probleme auf dem Fuße folgen.
Die jeweiligen Nachteile sind ersichtlich. Das komplementäre Zusammenspiel beruht nun darauf, dass das jeweilige Leitmotiv des einen Pols als Versuch gedeutet werden kann, die Nachteile des anderen auszugleichen. Ungeachtet genetischer Grundlagen, die einander widerstrebende Verhaltensmuster bahnen, lösen beide Muster Psychodynamiken aus, deren Aufeinandertreffen entweder zu einem Ausgleich führt oder zu einem Aufschaukeln, das die Problematik beider Tendenzen verstärkt.
Ob es zum Ausgleich oder zum Aufschaukeln kommt, hängt davon ab, wie weit der Betroffene seine widerstrebenden Motive versteht und sein Potenzial nutzt, sie sinnvoll miteinander zu verbinden.