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Seele und Gesundheit |
Wenn Gott barmherzig, allmächtig und allwissend ist, warum lässt er dann Leid und Unrecht zu? Obwohl er das Böse dank seiner Allmacht beseitigen könnte!
Das ist die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Sie wird auch Theodizeefrage genannt; abgeleitet von altgriechisch theos [θεος] = Gott und dike [δικη] = Gerechtigkeit. Wie kann man einen Gott, der tatenlos zusieht, obwohl er Leid verhindern könnte, als gerechten Gott bezeichnen?
Theologie und Vorurteil
Wer den Begriff Theodizee verwendet, setzt voraus, was nicht bewiesen ist: dass die bestimmende Kraft des Universums eine Instanz ist, die Kreaturen erschaffen hat, von denen sie ein bestimmtes Verhalten erwartet und denen sie für die Erfüllung der Erwartung eine Belohnung zusichert. Über die "Gerechtigkeit Gottes" nachzudenken, ist Konsequenz eines ontologischen Vorurteils. Wissenschaftlich korrekt muss es heißen: Wir wissen nicht, ob die Frage überhaupt Sinn macht.
Die Theodizeefrage ergibt sich aus dem abrahamitischen Gottesbild. Sie ist das Resultat einer theologischen Interpretation der Wirklichkeit, die mit dem politischen Vorsatz der alttestamentarischen Religionsstiftung verbunden war. Die Ausrufung des biblischen Gottes diente der Rechtfertigung eines Machtanspruchs.
Ziel derer, die die Macht für sich in Anspruch nahmen, war es, Land zu erobern und eine Diktatur zu errichten. Um ihrem Vorhaben Nachdruck zu verschaffen, definierten sie den militärische Vorsatz als göttliche Anweisung. Wer den "Willen Gottes" ausführt, sollte dafür die angekündigte Belohnung bekommen: ein glückliches Leben in einem Land, in dem Milch und Honig fließen.
Das abrahamitische Weltbild deutet die bestimmende Kraft des Universums dementsprechend als einen Machthaber, der seine Position gegen Konkurrenten verteidigt und von seinen Untertanen Gehorsam verlangt. Passend dazu gilt der Mensch als sündig, weil er nach zwei Freiheiten greift, die ihm der ausgerufene Gott zwar als Potenzial verliehen habe, deren Ausübung aber als Widerstand gegen seine Herrschaft gilt.
1 Moses 3, 5-6:
Vielmehr weiß Gott, daß euch, sobald ihr davon eßt, die Augen aufgehen und ihr ... Gutes und Böses erkennt ... Da sah die Frau, daß der Baum gut sei ... um weise zu werden.
1 Moses 3, 22:
Dann sprach er:" Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden, da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand ausstrecke, sich am Baum des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe."
Grundlage der biblischen Kosmologie ist die Offenbarungsbehauptung. Die damaligen Machthaber gaben vor, ihr Gott mische sich parteiisch in irdische Abläufe ein. Er beauftrage konkrete Personen damit, in seinem Sinne politisch tätig zu werden. Er übergebe ihnen damit die Macht über "sein Volk".
Die Offenbarungsbehauptung ist zugleich Ausgangspunkt der Theodizeefrage. Wenn sich die bestimmende Kraft des Universums als allwissende und barmherzige Allmacht gezielt in gesellschaftliche Abläufe einmischt, folgt die Frage zwangsläufig, warum sie auch dann nicht für Gerechtigkeit sorgt, wenn man tut, was sie angeblich verlangt hat.
Copyright
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden Theologien, Gottesbilder und Moralvorgaben nicht vom Absoluten persönlich offenbart. Wäre es dem Absoluten wichtig, dass ein von ihm offenbartes Gesetz eingehalten wird, wäre es ihm ein Leichtes, es als eindeutig göttlicher Herkunft zu kennzeichnen; z.B. durch angekündigte Vulkanausbrüche oder die periodische Wiederkehr eines Murmeltiers, das den Luftdruck in Paderborn für 365 Tage auf aramäisch voraussagt. Wie gehorsam könnte die Menschheit sein, wenn der Himmel sie tatsächlich zum Gehorchen erschaffen hätte!
Darüber hinaus müsste am Verstand eines Gottes gezweifelt werden, wenn er die Einhaltung ihm dermaßen wichtiger Gesetze nicht sicherstellt, sondern ausgerechnet Individuen einer Spezies mit deren Durchsetzung beauftragt, die er selbst im Wissen um deren Scheitern erschaffen hat.
Zum Glück brauchen wir am Verstand des kosmischen Prinzips nur dann zu zweifeln, wenn wir die glaubwürdigste Erklärung für die Herkunft der Theologien samt dem eigenen Verstand verwerfen. Theologien sind menschlichen Ursprungs. Sie werden als Narrative von Menschen erschaffen. Sie erklären die Welt oder sollen Völker lenken. Auftragstheologien sind Werkzeuge, die für politische Zwecke entworfen sind.
Wer profitiert nun von einer Theologie, die dem Menschen verbietet, eigenständig über Gut und Böse zu entscheiden sowie an einen Wert zu glauben, der unanfechtbar in ihm selbst verankert ist? Wer profitiert von einer Theologie, die stattdessen Unterwerfung unter eine Obrigkeit verlangt? Es sind die, die nur allzu gerne daran glauben, von einem Gott zur Herrschaft über andere beauftragt zu sein.
Wenn wir statt an ein kosmisches Prinzip, das Gehorsam verlangt, an eins glauben, das Platz für Freiheit lässt, ist das Kopfzerbrechen über seine Gerechtigkeit beendet. Gehen wir nämlich davon aus, dass die bestimmende Kraft des Universums den Menschen nicht mit Freiheit begabt, damit er aus Angst darauf verzichtet, sondern damit er lernt, damit umzugehen, wird klar, dass der Preis für das kosmische Experiment die Hinnahme von Leid und Unrecht sein muss, weil Freiheit keine Freiheit ist, wenn sie nicht missbraucht werden kann. Leid und Unrecht müssen sein, weil der Vorsatz, sie zu überwinden, der Weg in eine größere Freiheit ist. Es gibt Böses, damit es Gutes geben kann, das sich aus eigener Kraft daraus löst.
Der Griff zum Baum des Lebens führt nicht dazu, dass der Mensch Unsterblichkeit erwirbt, sondern davon ausgeht, daraus hervorzugehen. Die Heimat in der Zeitlosigkeit kann nicht in der Zeit beginnen. Sie kann der zeitlichen Existenz nur vorgegeben sein.
Das vermeintlich göttliche Verbot, von einem unbedingten Wert des Individuums auszugehen, war Element einer Theologie, die sich die Vernichtung konkurrierender Völker zur Aufgabe machte. Wie sollte man Widersacher guten Gewissens beseitigen, hätte man ihnen einen Wert beigemessen, den das Zeitlose verbrieft?
Ansatzweise hat es erst Jesus gewagt, das alttestamentarische Tabu zu brechen.
Johannes 8, 57:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham ward, bin ich.
Hätte er seinen Zuhörern stattdessen gesagt: Ehe Abraham ward, sind wir, hätte die abrahamitische Theologie eine Chance gehabt, die spaltende Setzung des Anfangs nicht nur ansatzweise, sondern grundsätzlich hinter sich zu lassen und jedem Menschen einen Wert zuzugestehen, der über glaubensparteiischen Urteilen steht.
Hätte Jesus allen, und nicht nur sich selbst, zugestanden, mehr als nur Produkt einer Willkür zu sein, hätte er eine Menge Böses verhindert. Gefäße des Zorns, die bereitet waren für den Untergang (Römer 9, 22) mit eisernem Stabe wie Töpfergeschirr zu zerschlagen (Psalm 2, 9), geht weniger leicht von der Hand, wenn die Theologie den Zielscheiben der eisernen Stäbe einen eigenen Wert beimisst. Zum Schaden der Erschlagenen ist es bei der dualistischen Grundidee des biblischen Denkens geblieben.
Die historisch bedingten Charakteristika der abrahamitischen Theologie stehen in zweifacher Weise mit der Frage nach der Gerechtigkeit "Gottes" in Verbindung. Zum besseren Verständnis dient der Vergleich zwei divergenter Wirklichkeitsdeutungen.
| Die bestimmende Kraft des Universums... | |
| verlangt Gehorsam. | setzt frei. |
| Wenn eine allwissende Allmacht Gehorsam gegenüber Gesetzen fordert, deren Einhaltung ihr als unverzichtbar gilt, ist unerklärlich, warum sie ihn nicht durchsetzt. | Wenn das bestimmende Prinzip des Universums Verantwortung an Menschen übergibt, bleibt deren Freiheit nur bestehen, solange sie Unrecht in Kauf nimmt. Menschen sind nicht allwissend. Sie gehen auch in die Irre. |
| Wenn die Allmacht nur sich selbst Macht und Freiheit vorbehält, kann sie nicht gerecht sein, wenn sie Böses duldet. | Wenn dem bestimmenden Prinzip mehr an der Freiheit liegt, die es vergibt, als am Gehorsam, der ihm dargeboten wird, bleibt es gerecht, auch wenn es Böses akzeptiert. |
| Die allmächtige Person erschafft das Geschöpf nach ihrem Abbild. | Die Essenz des Universums erschafft Geschöpfe aus ihrer Substanz. |
| Allmacht ist allfrei. Wenn ihren Geschöpfen nur Unterwerfung zusteht, besteht zwischen beiden ein unüberbrückbarer Abstand. | Die Essenz überträgt Freiheit an ihre Geschöpfe. Sie straft nicht dafür, sie in Anspruch zu nehmen. Sie übergibt die Verantwortung, es weise zu tun. |
| Wer Böses tut, wird durch Strafe für immer zurückgewiesen. | Wer unter den Folgen seiner bösen Taten leidet, wird durch das Leid über seinen Irrtum aufgeklärt. |
So gilt zweierlei:
Die abrahamitische Theologie ist außer Stande, die Frage nach der Gerechtigkeit des absoluten Prinzips sinnvoll zu beantworten. Jede glaubhafte Antwort stellt sie selbst in Zweifel.
Ziel ist, eine gerechtere Welt zu schaffen. Beim Versuch, es zu tun, gilt es, über sich selbst hinaus in die Freiheit zu gehen. Freiheit ist die Substanz des Zeitlosen. Seine Macht ist ein Fall, der sich aus seiner Freiheit ergibt.