Versunkenheit ist das Ergebnis einer Versenkung. In beiden Begriffen tauchen die Vorsilbe ver- und die Verben senken bzw. sinken auf. Zur selben Familie gehört versacken; als Variante mit eindeutig negativem Beigeschmack. Während das Versacken einen Verlust signalisiert, gilt die Versunkenheit als Gewinn. Erst durch die Versunkenheit gewinnt die Meditation den Tiefgang, der ihren besonderen Wert ausmacht.
Die Vorsilbe ver- zeigt an, dass die Versunkenheit Resultat einer Bewegung ist, die das Bewusstsein von einem Ausgangspunkt zu einem Ziel führt. Ausgangspunkt der Versenkung ist der Normalzustand des Tagesbewusstseins.
Dass dem Normalzustand des Bewusstseins jener entgegen gestellt wird, den die Verben sinken und senken bezeichnen, ist dem Umstand gezollt, dass sich der Normalzustand in einem Bereich aufhält, der als oberflächlich bewertet wird.
Der Begriff oberflächlich kann negativ gedeutet werden. Das ist jedoch eine subjektive Bewertung, die durch ihre abwertende Tendenz den Blick auf das Wesen der Versenkung trüben kann. Oberflächlich soll hier rein deskriptiv verwendet werden. Ein Bewusstsein, dass sich an der Oberfläche aufhält, öffnet sich dort der Wahrnehmung von Oberflächen, also von Grenzlinien, die unterschiedliche Elemente voneinander unterscheiden. Während das normale Bewusstsein vorwiegend der Unterscheidung dient, zielt die Versenkung darauf ab, Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten und Muster zu erkennen, die die Wirklichkeit im Allgemeinen und das Bewusstsein im Besonderen bestimmen. Versenkung lotet in der Tiefe das Gemeinsame aus, das dem Unterschiedlichen an der Oberfläche zugrunde liegt.
Oberfläche impliziert die Zahl zwei. Oberflächen trennen innen von außen, oben von unten, rechts von links. Oberflächen erscheinen, wo sich die Wirklichkeit in Gegensätze auffächert. In der Versunkenheit nähert sich das Bewusstsein der Eins.
Sinken und senken sind hörbar verwandt. Beide beschreiben eine Bewegung von oben nach unten. Während das Sinken passiv vonstatten geht, wird beim Senken eine Aktivität mitgedacht. Während etwas spontan versinkt, sobald wegfällt, was es verhindert, ist Versenkung ein Vorgang, den der Meditierende vorsätzlich betreibt. In beiden Fällen ist das Resultat Versunkenheit. Dass die Bewegung von oben nach unten erfolgt, heißt nicht, dass in der Versenkung etwas Untergeordnetes wahrgenommen wird, sondern das Grundlegende.
| Komplementäre Ausrichtungen | |
|---|---|
| Tagesbewusstsein | Versunkenheit |
Oberfläche Tiefe |
Oberfläche Tiefe |
| Das Tagesbewusstsein fokussiert Unterschiede, die im Lichtschein der Sinnesorgane bzw. des begrifflichen Denkens auf der dualen Ebene der Wirklichkeit sichtbar werden. Der tiefere Zusammenhang polarer Unterschiede bleibt im Dunkeln verborgen. | In der Versunkenheit werden oberflächliche Unterschiede ausgeblendet und grundlegende Strukturen wahrgenommen. Der ontologische Hintergrund des Daseins wird erhellt. |
| Belange des Ichs auf der dualen Ebene der Wirklichkeit | Verbindung des Selbst zur non-dualen Ebene der Wirklichkeit |
Zweck der Versenkung ist es, Dinge wahrzunehmen, die im Tagesbewusstsein nicht, schwer oder nur unvollständig wahrzunehmen, deren Kenntnis für das Wohlbefinden der Person jedoch bedeutsam sind; oder aber, die Wahrnehmung mentaler Inhalte auszublenden, die das Wohlbefinden untergraben. Daraus ergeben sich drei Anwendungsgebiete. Versenkung ist ein Werkzeug...
Spannungszustände werden durch mentale Inhalte verursacht, die Ängste oder Sorgen nach sich ziehen. Aufgabe des Tagesbewusstseins ist es, solche Inhalte zu erkennen und die Ursachen, die zur Sorge Anlass geben, zu beseitigen. Oft ist die Beseitigung solcher Faktoren aber nicht möglich, weil sie unbeeinflussbar zur Außenwelt gehören. Neigt die Psyche dazu, sich ohne Aussicht auf Erfolg an unüberwindbaren Fakten zu reiben, entsteht Stress, der zu schweren Folgekrankheiten führen kann.
Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Das ist eine Weisheit, die die Erfahrung widerspiegelt, dass die Entfernung beunruhigender Fakten aus dem Bewusstsein wohltuend wirkt. Indem die Versenkung die Aufmerksamkeit von der Oberfläche abzieht und nach innen wendet, blendet sie spannungsgeladene Inhalte aus. Resultat ist Entspannung; und damit eine verbesserte Ökonomie seelischer Kräfte.
2.2. |
Psychotherapie und Selbsterforschung |
Fokus der aufdeckenden Psychotherapie bzw. der psychologischen Selbsterforschung sind unbewusste Konflikte und biographischer Zusammenhänge, deren Bedeutung nicht verstanden wird. Es gehört zum Grundwissen der Psychologie, dass das Erleben der Person wesentlich von unbewussten, also unreflektierten und oftmals verdrängten Grundüberzeugungen bestimmt wird, die mit Erfahrungen verbunden sind, die nur ungenügend ins Selbst- und Weltbild integriert wurden. Der Einfluss solcher Inhalte ist meist negativ.
Es liegt in der Logik der Sache, dass das Tagesbewusstsein von Unbewusstem nichts weiß; es sei denn, dass es überhaupt Unbewusstes gibt, das sein Erleben beeinträchtigen kann. Derart Unbewusstes bewusst zu machen, ist der Ansatz aller tiefenpsychologischen Verfahren; insofern auch der kognitiven Verhaltenstherapie, deren kognitives Element darauf beruht, relevante Kognitionen bewusst zu reflektieren und ihren Einfluss zu verändern.
Analog zur Erforschung des Meeres können verdeckte Inhalte auf zweierlei Art bewusst gemacht werden.
Oberflächenbasierte Selbsterforschung wird z.B. in gesprächstherapeutischen Sitzungen praktiziert. Durch bewusste Reflexion werden Inhalte freigelegt, die im Tagesgeschäft des Bewusstseins übersehen werden oder in ihrer Bedeutung unverstanden bleiben. Inhalte, die nicht allzu weit von der Oberfläche entfernt sind, werden so aufgedeckt. Um im Bild der Meereserforschung zu bleiben: Hier wird die Taucherbrille aufgesetzt und dann geschnorchelt.
Bedient sich die Selbsterforschung des Werkzeugs der Versenkung, kommt nicht nur die Taucherbrille zum Einsatz, sondern schweres Gerät. Durch die Versenkung wird die Oberfläche verlassen. Je nach dem Grad der erreichten Versunkenheit werden Regionen erkennbar, die von der Oberfläche aus nicht einzusehen sind. Eine psychologische Selbsterforschung, die auf Versenkungspraktiken verzichtet, bleibt im wahrsten Sinne kurzsichtig. Ihr entgehen Einsichten, die erst aus der Nähe betrachtet zugänglich sind.
Entspannung und psychologische Selbsterforschung nehmen das relative Selbst ins Visier. Sie beschränken ihren Horizont auf intrapersonale Themen. Intrapersonal sind Themen, auf die die Begriffe Ich und mein deckungsgleich anzuwenden sind.
Die Tauchfahrt in die Tiefe des Geistes kann aber auch in Regionen führen, in denen die Grenzlinie zwischen Ich und Nicht-Ich durchlässiger wird. Überschreitet sie jenen Horizont, ab dem eine einseitige Zuordnung zur eigenen Person nicht mehr besteht, wird sie transpersonal bzw. transzendent. Der Schritt zur mystischen Erfahrung ist gemacht. Mystisch ist eine Erfahrung, die das absolute Selbst erkennt und damit die ontologische Verbundenheit der eigenen Person mit der Wirklichkeit als Ganzes.
Der Logik einer solchen Weltsicht entspricht die Sorge, dass die Verbindungen eines Tages abbrechen und das Ich in oder Folge im Nirgendwo verlorengeht. Oft werden solche Ängste durch neutralisierende Vorstellungen abgemildert: dass es jenseits des Geschäftsbetriebs einen transzendenten Retter gibt, der das ins nirgendwo abstürzende Ich auffängt. Allerdings nur, wenn er sich dazu entschließt.
Zur Logik dieses Denkens gehören weiterführende Tauschgeschäfte: Gehorsam gegen Gnadenakte. Da das Überleben des Ichs jedoch davon abhängt, dass es den himmlischen Geschäftspartner zufrieden stellt, bleibt die Verbindung zur Ewigkeit zeitlebens ungewiss. Die Vorstellung einer operationalen Verbundenheit kann niemals abschließend entängstigen.
Im Gegensatz dazu hängt eine ontologische Verbundenheit nicht vom Angebot ab, die das Ich einer gnadenmächtigten Instanz machen kann. Ist das Ich mit der Wirklichkeit als Ganzem ontologisch verbunden, ist der Bestand seiner Essenz jenseits der Zeit verbrieft, in der es sich bewähren kann oder könnte. Es ist nicht nur Gemachtes, das einer Instanz gefallen muss, die es schuf. Es ist aus derselben Substanz geformt, aus der auch das besteht, dem es entsprungen ist. Die Einsicht in eine solche Verbundenheit beseitigt die eschatologische Existenzangst vollständig.
Das abschließende Ziel spirituell motivierten Versenkungspraktiken ist es, genau diese Erfahrung zu machen. Die Erfahrung der Verbundenheit befreit den Menschen von der existenziellen Grundangst, die die Welterfahrung eines jeden, vom Ganzen abgetrennten, Teils überlagert.
Hier wird das Ziel abschließend genannt. Es schließt die Suche ab. Zugleich öffnet die Erfahrung der ontologischen Verbundenheit den Bewusstseinsraum radikal. Mit der Einsicht des Ichs in seine ontologische Verbundenheit mit dem Nicht-Ich entfällt die Grenze des persönlichen Horizonts, die das Ich bislang als schicksalhaft empfunden hat und deren logische Bedrohlichkeit ihm bei allem, was es bislang tat, vor Augen stand. Die Einsicht ermöglicht absolutes Vertrauen in den Wert der Wirklichkeit.
Vorstellung, Glaube und Einsicht sind erkenntnistheoretisch verschieden.
Offensichtlich ist es attraktiv, befreiende Einsichten tatsächlich haben. Zugleich ist seit Jahrtausenden bekannt, dass Versenkungsmethoden zur Einsicht verhelfen. Zumindest, wenn man sie erfolgreich betreibt.
Gewicht oder Ballast
Sobald man den Begriff Versunkenheit verwendet, hat man bereits ein Vorurteil vollstreckt. Man geht davon aus, dass das Bedeutungsvolle grundlegend ist und sich die Wirklichkeit, von den Grundlagen ausgehend, nach oben entfaltet. Denkt man so, verortet man das Wichtige in der Tiefe, wohin man sich dann zu versenken versucht. Der Oberfläche ordnet man Nachrangigkeit zu, die gewissermaßen eitel ist und den ernsthaften Sucher wie vergoldetes Kupfer verblendet. Die indische Tradition nennt vergoldetes Kupfer Maja und rät dem Sucher, sich deren hypnotischen Kräften zu entziehen. Das Modell hat sich bewährt.
Die Vorstellung, im Dunkel der Tiefe zu versinken, kann bei manchem aber auch klaustrophobe Ängste auslösen. Und tatsächlich: Zur Einteilung der Wirklichkeit in ein nachrangiges Oben und ein vorrangiges Unten gibt es eine Alternative. Man kann als Unten eine Ebene bezeichnen, in deren Finsternis man durch überflüssigen Ballast gefesselt liegt und als Oben einen lichten Raum, in den man durch Abwurf des Ballastes aufsteigen kann. Das Bild entspricht dem der klassischen Theologie.
Die Wahl zwischen beiden Denkmodellen gehört bereits zur Wahl der Methoden, die man auf der Suche nach Einsicht vollzieht. Wer sich mit der Vorstellung, vom Ballast des Alltags befreit nach oben zu steigen, wohler fühlt als mit der Aussicht, das Unwichtige des Alltäglichen beim Tauchgang an der Oberfläche zurückzulassen, braucht nicht zu zögern, das Bild als Hilfsmittel zu verwenden, das für ihn besser geeignet ist.
Das eben Gesagte verdeutlicht ein Grundprinzip: Es gibt zwar allgemeine Leitlinien was die Methoden der Versenkung betrifft, jede Versenkung ist aber ein individueller Prozess, der keiner verbindlichen Regel unterliegt. Die Dynamik einer jeden Versenkung ist von Person zu Person und von Fall zu Fall ein individuelles Ereignis, das man trotz lenkenden Vorsatzes frei lassen sollte. Methodisch und explorativ relevant ist selbst die Frage, was heute und jetzt im Prozess wohl geschieht. Zen-Geist ist Anfängergeist. So sagte es Shunryu Suzuki. Er empfahl damit, jede Meditationseinheit so anzugehen wie ein Kind, das keine Ahnung hat, was es beim Gang in die Welt erwarten könnte.
Trotz der großen Varianz möglicher Meditationsmethoden scheint ein Element unverzichtbar zu sein. Wer Wesentliches entdecken will, muss seinen Geist von unwesentlichen Inhalten befreien. Er muss Raum schaffen, damit Wesentlicheres überhaupt auftauchen kann. Die Entscheidung, was man von Fall zu Fall für unwesentlich hält und der Versuch, sich davon mental zu lösen, ist das Grundprinzip jeder Versenkung.
Das Begriffspaar wesentlich-unwesentlich gehört zu den Grundpolaritäten des Erkennbaren.
| Unwesentliches ist austauschbar. Es kann hinzugefügt oder weggelassen werden, ohne dass das Wesen des Gegenstandes dadurch beeinträchtigt wird. | Wesentliches bestimmt das Wesen des Gegenstandes an sich. |
| Unwesentlich ist, ob Sie heute Äpfel oder Birnen essen. | Wesentlich kann die Frage sein, warum Sie für das eine oder das andere eine Vorliebe haben. |
Das Beispiel zeigt: Der Geist kann sich mit Akzidentiellem beschäftigen, oder mit Essentiellem. Übersetzt ins Bild der Versenkungspraxis bleibt er einmal an der Oberfläche, das andere Mal erkundet er die Tiefe. Einmal wippt er mit den Wellen, das andere Mal strömt er durch Räume verlangsamter Zeit.
Zufälliges kann den Geist auf drei Wegen erreichen:
Die Abschirmung des Geistes gegen Zufälliges, das von außen kommt, ist in der konkreten Meditationseinheit leicht zu erreichen. Man sucht einen ruhigen Raum auf, schließt die Augen und unterlässt jede verzichtbare Aktivität, die einen Kontakt zur Außenwelt herstellt, der Sinneseindrücke mit sich bringt. Man sitzt, schweigt, atmet und schaut nach innen.
Die eigentliche Aufgabe kommt erst dann. Sie besteht in der Ablösung des Geistes aus dem Sog assoziativer Prozesse und individualpsychologischer Präferenzen. Hier tauchen die wahren Hindernisse auf. Der Geist, der sich versenken will, schwimmt wie Kork an der Oberfläche.
Eine zentrale Erfahrung, die jeder, der versucht, sich in Stille zu versenken, kennt, ist eine schwer kontrollierbare Gedankenaktivität, die den Geist in Unruhe gefangen hält.
Das Gehirn ist nicht faul. Es tut, wozu die Natur es erschaffen hat. Es denkt. So wie die Niere Urin nach ihren Regel ausscheidet, scheidet das Gehirn Vorstellungen nach seinen Regeln aus. Was der Niere die Blase ist dem Hirn das Bewusstsein: der Raum, in den es seine Produkte entlässt.
Während man von der Aktivität der Niere erst dann etwas spürt, wenn die Blase überzulaufen droht und Alarmsignale sendet, wird das Ich als Insasse des Bewusstseins fortlaufend Zeuge der zerebralen Gedankenaktivität. Sozusagen just in time. Meist ist es von den Resultaten der spontanen Vorstellungsproduktion so gebannt, dass es einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit davon vereinnahmen lässt; erst recht, sobald die Sinnesreize durch die meditative Abschirmung nach außen auf ein Minimum reduziert worden sind und die so entstandene Leere des Bewusstseins nach Füllung ruft.
Leere scheint das Ich nicht als Reichtum zu deuten, sondern als Brache, die es schnellstmöglich zu bepflanzen gilt. Egal womit. So wie die Natur nackten Boden mit der hundert Kopien der erstbesten Pflanze bedeckt, die darauf Fuß fassen kann.
4.1. |
Formalpsychologische Hindernisse |
Bei den formalpsycholgischen Regeln, die das Gehirn in Bewegung halten, handelt es sich um die Regeln der gedanklichen Assoziation.
Assoziation geht auf die lateinischen Verben associare bzw. sociare = miteinander verbinden zurück. Mit verbinden ist verbünden verbunden. Einfache gedankliche Bilder werden zu komplexen Vorstellungen verbunden, die sich ihrerseits zu Werkzeugen verbünden, mit deren Hilfe das Individuum auf die Herausforderungen der Wirklichkeit zu reagieren versucht.
Einer der ersten, der sich theoretisch mit Assoziationen beschäftigt hat, war Aristoteles. Entsprechend der großen Bedeutung entsprechender Regeln für das Verständnis mentaler Prozesse wurde es später immer wieder Thema der Geisteswissenschaft. Assoziative Verkettung von Gedanken bedeutet: Gedanken tauchen nicht beliebig auf. Ihre Abfolge ist verkettet, also miteinander verbunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Gedanke auftaucht, hängt von den Gedanken und Sinneseindrücken ab, die vorher gedacht und empfangen wurden. Dabei sind typische Muster erkennbar:
Im Studium interessierte sich Friedhelm vor allem für Helminthen. Sobald vom Wurmfortsatz die Rede ist, spricht er über Würmer. Sobald in der Doku oder an der Haltestelle eine Schlange auftaucht, denkt Friedhelm an: Würmer. Bei der Besichtigung einer Seilfabrik denkt er an: Würmer. Raten Sie mal, woran er denkt, sobald Regen einsetzt. Richtig! Und so schließt sich der Kreis: Bei seinen Freunden wird Friedhelm mit Würmern assoziiert. Sein Spitzname ist Helmi.
Auffällig ist, dass das Denken eine spontane Aktivität des Gehirns zu sein scheint. Es springt nicht erst an, wenn eine bewusste Instanz beschließt, es zu starten. Vielmehr spinnt es seinen Regeln gemäß einen Faden und webt damit einen geistigen Raum, in dem ein Ich als Gespenst enthalten ist, um das sich alles dreht. Erst wenn es die Führung aktiv übernimmt, tritt das Ich aus dem Gespinst heraus und kann es wie einen Traum von außen betrachten. Je mehr es sich so als eigenständig erkennt, desto wirksamer kann es die Aufmerksamkeit auf selbstgewählte Ziele ausrichten und damit die Welt und sich selbst untersuchen.
Offensichtlich ist der Austritt aus dem Gespinst eine schwere Geburt. Das assoziative Gewebe der quasi mütterlichen Gehirnaktivität hält das Ich nicht nur in sich gefangen, es schirmt es auch gegen die Weite der Wirklichkeit ab, die dem Ich nicht geheuer ist, sondern bedrohlich erscheint.
Das mag erklären, warum sich das Ich so bereitwillig vom Gespinst der Vorstellungswelt einlullen lässt, dass der Meditierende ein ums andere Mal feststellen muss, dass er schon wieder eingelullt ist. Statt achtsam in die Wirklichkeit hinein zu lauschen. Das Ich hat Mühe, der Wirklichkeit nackt, also ohne den schützenden Mantel ihm längst bekannter Bilder, standzuhalten. Es hat Angst, nackt in der Unendlichkeit zu stehen. Es greift auf, was den Horizont verkleinert.
Ambivalenz
Spirituelle Versenkung verheißt die Erfahrung, in einem übergeordneten Ganzen aufgehoben zu sein. Aufgehoben zu sein klingt so attraktiv, dass man sich fragt, warum der Geist nicht widerstandslos in die Erfahrung eintaucht, sondern wie ein Planet auf seiner Kreisbahn fernab der Sonne bleibt; dort der Kreisbahn der Fliehkraft, hier der Kreisbahn des Denkens. Die Untersuchung des Begriffs aufgehoben schafft Klarheit.Aufgehoben hat zwei Bedeutungsfacetten:
Im ersten Falle steht das Kind im Zentrum der Aufmerksamkeit. Alles steht seinem Gedeihen zu. Im zweiten Fall wird etwas außer Kraft gesetzt. Was außer Kraft gesetzt wird, ist die Gültigkeit einer Bestimmung, die ab dann nicht mehr gilt.
Eins hat die Evolution jedem Individuum eingeschärft: Widersetze dich mit all deiner Kraft der Gefahr, dass dein Dasein als ein Einzelnes, das der Welt begegnet, aufgehoben wird. Aufgehoben heißt auch beseitigt und aus der Welt entfernt worden zu sein. So widerspricht der Sehnsucht, aufgehoben zu sein, die Weigerung, aufgehoben zu werden.
4.2. |
Individualpsychologische Hindernisse |
Die Angst vor der Weite nennt man Agoraphobie. Die agoraphobische Angst, die sich im Denken versteckt, ist ein Faktor, der zur schieren Existenz des Teils in der Unendlichkeit gehört. Er ist allen gemeinsam. Zusätzlich gibt es Hindernisse individueller Natur. Sie hängen von der je eigenen Persönlichkeit und deren Akzenten ab.
Akzente
Der Kölner weiß: Jede Jeck es anders. Daher gibt es auch solche, die die Schar der Jecken einem Dutzend Grundmustern zuordnen und dadurch den Fächer der Persönlichkeiten mit typischen Varianten bestücken. Wahrscheinlich sind diese Jecken ein bisschen zwanghaft und gehören damit zu einer Kategorie, die zu den Varianten gehört, die sie selbst entwerfen. Tatsächlich entfaltet sich der Fächer der Persönlichkeitsvarianten nämlich nicht im Horizont der Zahl zwölf. Er verliert sich in der Unzählbarkeit.Während die Psychiatrie noch den unglücklich gewählten Begriff Persönlichkeitsstörung verwendet, entscheiden sich kluge Leute dazu, von akzentuierten Persönlichkeiten zu sprechen. Eine unangemessene Bewertung wird dadurch vermieden. Fakt ist, dass viele Menschen mehr oder weniger akzentuierte Verhaltensmuster ausüben, zuweilen mehrere zugleich, woraus sich für die Versenkungspraxis unterschiedliche Hindernisse ergeben.
Versunkenheit ist ein Zustand, in dem die übliche egozentrische Geschäftigkeit des Geistes ruht und sich das Bewusstsein mit dem Wissen zeitloser Wahrheiten füllt.
Konflikte
Bekanntermaßen hat Jesus die Händler aus dem Tempel geworfen (Matthäus 21,12). Das ist eine geeignete Metapher. Bei der Versenkung steht der Aspirant vor der Aufgabe, die Geschäftigkeit zwar nicht im Tempel, aber im eigenen Kopf zu beenden. In diesem Falle ist er selbst jedoch der Händler, der den Weg zur Ganzheit durch Geschäftigkeit versperrt. Und zugleich ist er das höhere Motiv, das nach dem Absoluten strebt. Während Jesus, als sinnbildliche Verkörperung des Guten das Böse im dualistischen Weltbild durch Empörung und brachiale Mittel vertreiben konnte, nützt dem Meditierenden beides nichts. Er ist darauf angewiesen, sich selbst als Händler zu verstehen, damit er die Geschäfte solange ruhen lassen kann, bis er in der Stille etwas sieht. Dazu muss er zwar bestimmt, aber freundlich sein.
Hinter dem abhängigen Muster steckt jedoch eine egozentrische Strategie, die die Erfüllung persönlicher Wünsche betreibt; sodass der abhängige Mensch darüber wacht, ob der oder das, dem er die Führung überlässt, auch das Gewünschte erfüllt. Die Wachsamkeit, die dazu nötig ist, steht der Versenkung trotz vordergründiger Bereitschaft zur Preisgabe der Führung im Wege.
Was die Mystik verheißt, wird von narzisstischen Persönlichkeiten leicht missverstanden. Die Mystik verheißt Einblick in die Seinsgleichheit des Teils mit dem Ganzen. Die allen gemeinsame Existenzangst versucht der Narzisst auf seine Weise in den Griff zu bekommen: Er stellt sich als etwas herausragend Besonderes vor.
Da die Seinsgleichheit des Teils mit dem Ganzen jedes Herausragen über andere Teile sogar weit überschreitet, ist die Aussicht auf mystische Einblicke für das narzisstische Ego ein gefundenes Fressen. Statt sich aufzugeben, hofft es, sich durch Einblick zu erhöhen. Die Rechnung geht nicht auf. Nicht das Besondere ragt über das Allgemeine heraus, sondern das Allgemeine über das Besondere.
Auch zwanghaft akzentuierte Persönlichkeiten wollen die Dinge im Griff behalten. Ihr Mittel ist aber nicht das schiere Misstrauen, sondern die Kontrolle aller Abläufe, die in ihre Griffweite geraten. Bei der Versenkung sind sie versucht, den Vorgang so kontrolliert zu steuern, dass die Versenkung ihrem Bemühen, sie zu steuern, zum Opfer fällt.
Zu den Schubladen der Persönlichkeitsmuster gehört die passiv-aggressive Variante. Wohl jedem hat das Leben schon so manches angetan. Wie sollte man da dem Himmel nicht grollen? Zumindest insgeheim. Und jetzt soll man sich der Ursache des Grolls hingebungsvoll anvertrauen? Hinter der Bereitschaft, sich auf Versenkung einzulassen, die man durchaus ehrlich meint, versteckt sich bei vielen ein passiver Widerstand, dem durch den Groll über erlittenes Unrecht eine aggressive Komponente zukommt.
Die aufgeführten Prozesse, die einer Versenkung im Wege stehen, sind den medizinisch kodifizierten Verhaltensvarianten zuzuordnen. Oben hieß es: Das Spektrum der tatsächlichen Varianten verlöre sich in der Unzählbarkeit. Daher ist es für jeden, der systematisch versucht, sich spirituell zu versenken, eine individuelle Aufgabe, jene besonderen Hindernisse aufzuspüren, die in seinem Falle verhindern, dass er sich von der Oberfläche löst. Das können von Sitzung zu Sitzung unterschiedliche Motive sein.