Tugend


  1. Begriffsbestimmung
  2. Einteilungen
  3. Gemeinsamer Nenner
  4. Verirrung und Missbrauch
  5. Skizzen
Tugenden sind angeborene oder erworbene Eigenschaften, die geeignet sind, etwas aufzubauen und übergeordneten Zwecken zu dienen.

Tugenden sind Werkzeuge des Erfolgs.


Wer Tugenden ausübt, übt sie auch ein.

Die Welt wäre nicht so komplex, wie sie ist, wenn man Tugenden nicht missbrauchen und sich trotz vieler Tugenden nicht auch verirren könnte.

1. Begriffsbestimmung

Tugend geht auf taugen zurück. Tugenden sind Eigenschaften, die ihre Kraft höheren Werten zur Verfügung stellen, zu deren Verwirklichung sie tauglich sind. Dem entsprechend bedeutete Tugend ursprünglich Kraft, Tauglichkeit, Vortrefflichkeit. Ebenfalls dem Verb taugen entspringt das Adjektiv tüchtig. Der Tüchtige ist fähig, etwas zu bewirken. Um die Tugend seiner Tüchtigkeit zu steigern, ertüchtigt er sich.

Mit taugen verwandt sind die altgriechischen Verben tychein [τυχειν] = ein Ziel erreichen und teúchein [τεύχειν] = fertigen, erbauen. Die Bedeutung beider Verben kann nahtlos ins Sinnfeld der Tugend eingefügt werden. Eine Tugend, die etwas taugt, erreicht ihr Ziel. Das Ziel ist konstruktiv. Tugend baut auf.

Altgriechisch hieß die Tugend arete [αρετη]. Der Begriff bezeichnete die Vortrefflichkeit einer Person, die die ihr gestellten Aufgaben bestens erfüllt; oder die Tauglichkeit einer Sache, die den Zweck erfüllt, dem sie dient.

Den Römern galt vor allem das als tugendhaft, was militärischen Zwecken diente. Wenn man ein Imperium errichtet, ist das auch nötig. Virtus = Tugend geht auf vir = Mann zurück. Virtus meinte zunächst Mannhaftigkeit, Tapferkeit. Obwohl sie auch Männern gut zu Gesichte steht, ist die Tapferkeit kein spezifisch männliches Attribut. Niemand kann sagen, ob die Wölfin, der Remus und Romulus ihr Überleben verdankten, nicht tapferer war, als die saugende Brut an ihren Zitzen.

2. Einteilung

Bevor man zu einer Einteilung der Tugenden schreitet, macht es Sinn, sich einen Überblick über Eigenschaften zu verschaffen, die als tugendhaft gelten. Da kommt etwas zusammen.

Was als Tugend gelten kann

Liste unvollständig

  • Achtsamkeit
  • Aufrichtigkeit
  • Ausdauer
  • Authentizität
  • Barmherzigkeit
  • Bescheidenheit
  • Besonnenheit
  • Bußfertigkeit
  • Dankbarkeit
  • Demut
  • Disziplin
  • Durchhaltevermögen
  • Ehrlichkeit
  • Einfühlungsvermögen
  • Einsicht
  • Empathie
  • Enthaltsamkeit
  • Erfindungsgabe
  • Fleiß
  • Freigiebigkeit
  • Freundlichkeit
  • Friedfertigkeit
  • Frömmigkeit
  • Fürsorglichkeit
  • Gastfreundlichkeit
  • Geduld
  • Gelassenheit
  • Genügsamkeit
  • Genussfähigkeit
  • Gerechtigkeit
  • Geschmack
  • Gewissenhaftigkeit
  • Großzügigkeit
  • Güte
  • Hilfsbereitschaft
  • Hingabe
  • Höflichkeit
  • Humor
  • Introspektionsfähigkeit
  • Keuschheit
  • Klugheit
  • Kunstfertigkeit

  • Lebensfreude
  • Loyalität
  • Mäßigung
  • Mildtätigkeit
  • Mitgefühl
  • Mut
  • Nachsicht
  • Nächstenliebe
  • Opferbereitschaft
  • Ordentlichkeit
  • Pünktlichkeit
  • Pflichtbewusstsein
  • Redlichkeit
  • Reinlichkeit
  • Respekt
  • Reumütigkeit
  • Rücksicht
  • Sanftmut
  • Schaffensdrang
  • Selbstbeherrschung
  • Selbstlosigkeit
  • Selbständigkeit
  • Sensibilität
  • Scharfsinn
  • Sorgfalt
  • Sparsamkeit
  • Taktgefühl
  • Tapferkeit
  • Toleranz
  • Treue
  • Tüchtigkeit
  • Umsicht
  • Verlässlichkeit
  • Vernunft
  • Verantwortungsbewusstsein
  • Verschwiegenheit
  • Vorsicht
  • Wahrhaftigkeit
  • Weisheit
  • Weitsicht
  • Wertschätzung
  • Zuverlässigkeit

Maßnahme zur Festigung des Selbstwertgefühls
Erstellen Sie eine Liste der Tugenden, die Sie bei sich feststellen. Sie haben eine ganze Reihe davon. Lernen Sie die Liste auswendig oder hängen Sie sie gut sichtbar in der Wohnung auf. Sobald Sie von Selbstwertzweifeln geplagt werden, rufen Sie sich die Liste in Erinnerung. Sie werden sehen: So übel sind Sie gar nicht. Es sei denn, sie wären ein Schurke. Aber selbst, wenn Sie so einer wären und es sich eingestehen, hätten Sie immer noch die Tugend der Redlichkeit.


2.1. Kontextuelle Einteilung

Üblicherweise werden Tugenden nach dem kulturellen Kontext eingeteilt, aus dem sie stammen und für dessen Selbstverständnis sie eine besondere Bedeutung haben. Vergleicht man die Auffassungen verschiedener Kulturen und Epochen miteinander, fällt es nicht schwer, weitreichende Übereinstimmungen zu erkennen, die trotz verschiedener Gewichtungen über alle Grenzen hinweg bestehen. Der Grund dafür ist einleuchtend:

Tugenden sind Eigenschaften, die dazu geeignet sind, Individuen so in die Gemeinschaft einzubinden, dass es sowohl dem Wohl der Gemeinschaft als auch dem des Individuums dient.

Da der Mensch grundsätzlich ein soziales Wesen ist, sind die Muster, die eine wechselseitige Befruchtung beider Instanzen fördern, trotz aller kulturellen Unterschiede immer und überall die gleichen. Tugenden erzeugen Synergien. Was dem Tugendhaften nachhaltig nutzt, ist das, was der Gemeinschaft, der er angehört, nicht schadet.

2.1.1. Altägyptische Tugenden

Eine ganze Reihe von Weisheitslehren ist aus der pharaonischen Zeit Ägyptens bekannt. Sie kreisen um den Begriff ⇗ Ma'at, der als Oberbegriff einer Reihe empfehlenswerter Verhaltensweisen fungiert, um deren Umsetzung man sich bemühen sollte. Die vielleicht umfassendste Überlieferung stammt von ⇗ Ptahhotep, einem Weisen, der ungefähr 2500 v. Chr. ⇗ 37 Maximen verfasst hat, die Regeln aufstellen, die ein gesitteter Mensch einhalten sollte. Zu den Tugenden, die Ptahhotep nennt, gehören...

Bescheidenheit, Respekt vor der Gesellschaftsordnung, Loyalität gegenüber Höhergestellten, Solidarität mit Schwächeren, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Vermeiden von Selbstgerechtigkeit, Großzügigkeit, Unterlassen sexuellen Missbrauchs, Verzicht, Dinge zu behaupten, die man nicht aus eigener Anschauung weiß und andere mehr.

2.1.2. Antike Kardinaltugenden

In der europäischen Antike wurden sogenannte Kardinaltugenden definiert, denen man herausragende Bedeutung zuschrieb und von denen man glaubte, alle Sekundärtugenden ableiten zu können. Je nach Autor sind es:

Verschiedene philosophische Schulen haben verschiedene Kardinal- und Sekundärtugenden selektiv in den Vordergrund gestellt. Exemplarisch seien die epikureische und die stoische Schule nebeneinander gestellt.

Stoisch Epikureisch
  • Pflichtgefühl
  • Leidensbereitschaft
  • Gelassenheit
  • Lebensfreude
  • Mäßigung
  • Genussfähigkeit

Im Gegensatz dazu standen Klugheit, Gelehrsamkeit und Scharfsinn bei den Sophisten hoch im Kurs; was ihnen nicht immer die Sympathien derer eintrug, deren Sichtweisen sie damit untergruben.

Vielleicht liegt die grundsätzlichste aller Tugenden in der Bereitschaft, das Leben an dem auszurichten, was man als richtig anerkennt.

2.1.3. Christliche Tugenden

Zu den christlichen Primärtugenden zählen Glaube, Liebe und Hoffnung. Das christliche Mittelalter formulierte eine Reihe weiterer Tugenden, deren Pflege Christen angeraten wurde: Barmherzigkeit, Demut, Fleiß, Friedfertigkeit, Geduld, Güte, Keuschheit, Mäßigung, Mildtätigkeit, Standhaftigkeit und Wohlwollen.

2.1.4. Bürgerliche Tugenden

Als bürgerliche Tugenden kann man solche bezeichnen, die besonders zweckdienlich zur Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Existenz sind: Fleiß, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit, Reinlichkeit und Sparsamkeit.

2.1.5. Militärische Tugenden

Auch Kampfgemeinschaften sind Gemeinschaften. Noch mehr als bei zivilen Gemeinschaften hängt der Erfolg einer Kampfgemeinschaft von der Bereitschaft der Einzelnen ab, individuelle Interessen zu Gunsten der kollektiven zurückzustellen. Mut, Disziplin, Durchhaltevermögen, Pflichtbewusstsein, Loyalität, Opferbereitschaft und Tapferkeit werden in Armeen gerne gesehen.

2.1.6. Buddhistische Tugenden

Buddha hat die Einhaltung spezieller Tugenden empfohlen, um das Heilsziel des Buddhismus, das Nirvana, zu erreichen. Die fünf wichtigsten werden als pañca-sila (Sanskrit: पञ्चशील) bezeichnet: Gewaltverzicht, Respekt vor dem Eigentum anderer, Verzicht auf unbotmäßige Sexualität, Abstinenz von Rauschmitteln, Wahrhaftigkeit der Rede.

2.1.7. Hinduistische Tugenden

Ein Kulturkreis, der sich so eingehend mit religiösen Fragen beschäftigt, wie der indische, kommt nicht daran vorbei, entsprechende Tugenden zu formulieren. Tugend zielt auf die Einbettung des Einzelnen in ein übergeordnetes Ganzes ab. Was anderes als das, sollte Religion sein? Religion ist das Bemühen des Partikels, sich der Ganzheit anzuschließen.

In der Ganzheit gibt es keine Gewalt, weil vom Ganzen nichts abgespalten ist, das zu unterjochen wäre.

Tugenden, die Hindus wert und teuer sind, findet man daher zuhauf: Friedfertigkeit, Gewaltverzicht, Wahrhaftigkeit, Enthaltsamkeit, Akzeptanz dessen, was gegeben ist, Genügsamkeit, Verzicht auf Selbstbereicherung, Opferbereitschaft, Wahrhaftigkeit, Selbsterforschung.

Satyagraha

Satyagraha war die Leitidee Mahatma Gandhis. Der Begriff setzt sich aus satya (सत्य-) = Wahrheit und a-graha (आग्रह) = beharrlich festhalten zusammen. Gandhi war überzeugt, dass man Konflikte eher zu seinen Gunsten entscheidet, wenn man auf Gewalt verzichtet und stattdessen an der Wahrheit festhält. Dahinter steckte der Glaube, dass auch Feinde und Gegner im Grundsatz gut sind; durch Unkenntnis der Wahrheit aber verirrt.

2.1.8. Konfuzianische Tugenden

Konfuzius legte großen Wert auf eine Gesellschaftsstruktur, in der jeder an der Stelle, die ihm das Schicksal zuweist, seine Pflichten erfüllt und sich gegenüber Ranghöheren (Eltern oder Vorgesetzen) ebenso respektvoll verhält, wie gegenüber den Werten und Sitten der Kultur, in die er eingebettet ist. Erst Ordnung schaffe den Raum für Freiheit und das Wohlbefinden des ganzen Volkes.

Dem entsprechend stehen bei Konfuzius und seinen Anhängern Tugenden im Vordergrund, die dazu geeignet sind, Individuen zu einer harmonischen Gemeinschaft zu vereinen: Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Weisheit und Gelehrsamkeit. Menschlichkeit gilt als Leittugend, die Wohlwollen, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, verbindliche Umgangsformen und Vertrauenswürdigkeit umfasst.

2.2. Psychodynamische Einteilung

Die Auflistung der Tugenden ist ein erster Schritt. Der Versuch, ihr Wesen vor dem Hintergrund des Psychologischen Grundkonflikts zu verstehen, ist ein zweiter. Der Psychologische Grundkonflikt wird durch zwei grundlegende Bedürfnisse erzeugt, in deren Polarität das menschliche Dasein stattfindet: dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Dem entsprechend können Tugenden zwei Feldern zugeordnet werden.

Bedürfnis und Tugend

Zugehörigkeit Selbstbestimmung
Altruistische Tugenden
Autogene Tugenden

2.2.1. Altruistische Tugenden

Altruistische Tugenden fokussieren das Wohl der Gemeinschaft. Sie können auch als soziale Tugenden bezeichnet werden. Altruistische Tugenden stellen die persönlichen bzw. egozentrischen Interessen des Einzelnen ausdrücklich zurück. Das vorrangige Ziel altruistischer Tugenden ist das Wohl anderer, insbesondere Schwächerer oder derer, die in Not geraten sind. Als unmittelbar altruistisch können folgende Tugenden eingeordnet werden:

All diese Tugenden investieren ihre Kraft unmittelbar in das Wohlbefinden anderer. Damit stärken sie Harmonie, Zusammenhalt und Zugehörigkeit innerhalb der Gemeinschaft. Da die Gemeinschaft aber zugleich der Nährboden ist, ohne den der Einzelne sein Potenzial kaum je verwirklichen kann, sind altruistische Tugenden indirekt auch autogen.

2.2.2. Autogene Tugenden

Autogene Tugenden zielen darauf ab, die eigene Person einem Selbstbild anzupassen, das als ehrenwert oder rühmlich aufgefasst wird. Die Person legt fest, wie sie sich sehen will. Dann übt sie sich in Verhaltensweisen, die dem Selbstbild entsprechen. Mit Hilfe autogener Tugenden versucht die Person über sich selbst zu bestimmen. Sie versucht, so zu werden, wie sie sein will. Autogene Tugenden sind autokonstruktiv.

Eine zweite Gruppe von Tugenden kann ebenfalls als autogen betrachtet werden. Allerdings steht dabei nicht der Charakter der Person im Vordergrund, sondern deren Rang in der Gemeinschaft, der erst durch zielführende Tüchtigkeit erreicht wird. Solche Tugenden dienen vorwiegend dem sozialen Erfolg.

Zwei Varianten autogener Tugenden

Primäres Ziel
Ehre Erfolg
  • Aufrichtigkeit
  • Authentizität
  • Ehrlichkeit
  • Höflichkeit
  • Loyalität
  • Mut
  • Redlichkeit
  • Selbstbeherrschung
  • Tapferkeit
  • Treue
  • Ausdauer
  • Disziplin
  • Klugheit
  • Fleiß
  • Ordentlichkeit
  • Pünktlichkeit
  • Pflichtbewusstsein
  • Sparsamkeit
  • Sorgfalt
  • Tüchtigkeit

Die unterschiedliche Qualität der beiden Felder lässt eine alternative Benennung zu.

aristokratisch-ritterlich bürgerlich

Auch wenn die Grenzsetzung fließend ist und beiden Seiten die Pflege der Tugenden der jeweils anderen ebenso gut zu Gesichte steht, bildet die Unterteilung die unterschiedlichen Lebensbedingungen der beiden gesellschaftlichen Gruppen ab. Ein Aristokrat erwirbt seinen besonderen Rang per Geburt. Dann hat er Eigenschaften anzustreben, die seinen Rang rechtfertigen. Der Bürger erwirbt seinen Rang erst durch die Anwendung geeigneter Tugenden, also solcher, die besonders tauglich sind, wenn es gilt, wirtschaftlich Erfolg zu haben.

2.2.3. Transzendente Tugenden

Als besondere Kategorie sind Tugenden zu nennen, die religiösen Zielsetzungen dienen. Religiösen Zielsetzungen gehen über die persönliche Stellung innerhalb der menschlichen Gemeinschaft hinaus. Sie streben nicht nur das Wohl der Person an, sondern ihr endgültiges Heil, das nach einhelliger Meinung aller großen spirituellen Traditionen nur durch besondere Anstrengungen erreichbar ist.

Beiden Sichtweisen gemeinsam ist die Überzeugung, dass dazu das egozentrische Interesse der Person an vergänglichen Vorteilen zu überwinden ist.

Da Altruismus der Gegenpol des Egoismus ist, gelten altruistische Tugenden als wesentliche Wegbereiter eines Übergangs vom profanen Dasein zur transzendenten Glückseligkeit. Zusätzlich sind Demut, Bescheidenheit, Gewaltverzicht, Friedfertigkeit, Frömmigkeit, Hingabe, Keuschheit und der Verzicht auf sinnliche Vergnügungen einzuüben.

Glaube

Dualistische Religionen betonen den Wert des Glaubens. Es ist allerdings fraglich, ob Glaube zu Recht als Tugend zu bezeichnen ist. Klar ist, dass keine Konfession Glaube an sich als Tugend betrachtet. Welchem christlichen Priester erschiene der Glaube an die prophetische Rolle Mohammeds als Tugend? Welcher Rabbiner hat je den Glauben an Baal und Astarte als Tugend bezeichnet? Welcher Mullah ließe ein gutes Haar an dem, der glaubt, der Buddhismus sei der wahre Weg?

Konfessionen gilt Glaube nur dann als Tugend, wenn er exakt dem Bekenntnis zustimmt, das ihn dann als tugendhaft bewertet. Eher als Tugend im eigentlichen Sinn, ist solcherart Glaube ein Mittel, um die Kohärenz der Glaubensgemeinschaft sicherzustellen.

Analoges gilt für den Gehorsam, der in vielen Traditionen als Tugend gepriesen wird. Tatsächlich gilt Gehorsam solchen Lehren aber nicht als Tugend an sich, sondern nur dann, wenn sich der Gläubige den Führern des spezifischen Glaubens unterwirft. Gehorcht der Kandidat anderen Lehrern, gilt sein Gehorsam als Sünde.

Offensichtlich sind Glaube und Gehorsam relative Tugenden, die nur im Kontext bestimmter Realitätsdeutungen als tugendhaft zu definieren sind.

2.3. Thematische Einteilung

Parallel zur psychodynamischen Einteilung kann man eine thematische erstellen, die die verschiedenen Aspekte der psychodynamischen neu in Beziehung setzt. Tugenden können gemäß ihren thematischen Schwerpunkten in vier Kategorien eingeteilt werden.

Vier Module eines tugendhaften Lebens

Solidarität Selbstaufbau
Solidarische Tugenden fokussieren das Wohl anderer. Selbstaufbauende Tugenden dienen der Persönlichkeitsentwicklung.
Effektivität Selbstüberschreitung
Tugenden, die Grundlage der Tüchtigkeit sind, sichern den sozialen Erfolg. Selbstüberschreitende Tugenden führen die Person über das Ich hinaus.

Über Bedeutung und Reihenfolge der vier Kategorien kann zweifellos gestritten werden. Jedem steht frei, den Schwerpunkt nach eigenem Urteil zu setzen. Da Tugenden miteinander verzahnt sind und die Berücksichtigung jeder Kategorie auch den Erfolg fördert, der durch die übrigen erreicht werden kann, könnte es ein Zeichen der Weisheit sein, ein harmonisches Gleichgewicht anzustreben.

2.4. Motivationale Einteilung

Tugenden können aus unterschiedlichen Gründen ausgeübt werden. Meist liegt eine Kombination verschiedener Motive vor; jeweils in individueller Gewichtung.

Vier Motive tugendhaft zu sein

Gehorsam Eitelkeit
Gehorsam ist die Triebfeder der Tugend, wenn sie aus Angst vor Strafe ausgeübt oder vorgetäuscht wird. Eitelkeit ist das Motiv der Tugend, wenn sich der Tugendhafte selbst gefallen will.
Ehrgeiz Einsicht
Wer Tugenden aus Ehrgeiz praktiziert oder vortäuscht, will anderen gefallen und sich in der sozialen Rangordnung Vorteile verschaffen. Wer Tugenden aus Einsicht übt, hat den Sinn, der ihnen inneliegt, verstanden. Tugenden vorzutäuschen hat für ihn keinen Sinn.

In der Regel hat das Motiv einer Tugend keinen grundsätzlichen Einfluss auf den Wert ihrer Ausübung.

Trotzdem ist Einsicht als Triebfeder der Tugend allen übrigen Motiven vorzuziehen. Nur derjenige, der Tugenden übt, weil er deren Vorteil einsieht, lebt uneingeschränkt in der Gewissheit, dass er den Lohn seiner Tugend durch ihre Anwendung bereits erhält. So kann er unbefangen tugendhaft sein, ohne darüber hinaus etwas zu erwarten.

Zeigt man Kindern die Vorteile auf, die sich aus der Tugend ergeben, tut man mehr für die Tugend, als wenn man sie zu deren Einhaltung mit erhobenem Finger ermahnt.

3. Gemeinsamer Nenner

Tugenden sind Eigenschaften, die geeignet sind, ins Glück zu führen.

Viel Aufmerksamkeit wurde darauf verwendet, Tugenden in verschiedene Kategorien einzuteilen. Zum Teil scheint es gelungen. Aufmerksamen Betrachtern wird es aber ein Leichtes sein, Widersprüche aufzuzeigen und gute Argumente vorzubringen, warum eine andere Einteilung ebenfalls plausibel ist.

Fragen ähnlicher Art könnte man zu Dutzenden stellen. Sie wären alle rhetorisch. Immer müsste man sagen: Natürlich ist das so. Erklärbar wird das Phänomen durch einen Blick auf das grundlegende Wesen aller Tugenden.

Tugenden sind konstruktive Charaktereigenschaften, die dazu geeignet sind, höherwertige Ziele anzustreben, die mittelbar oder unmittelbar sowohl dem Wohl desjenigen dienen, der sie ausübt als auch dem Wohl derer, die in Gemeinschaft mit ihm leben. Tugenden sind entweder angeboren und/oder sie können im Nachhinein erkannt und aktiv entwickelt werden.

Dementsprechend wurzeln alle Tugenden in der...

Bereitschaft, das Leben in all seinen Formen wertzuschätzen und nach Kräften zu fördern.

Um dieser Bereitschaft einen Namen zu geben, könnten wir bei den Ägyptern eine Anleihe machen. Nennen wir sie der Einfachheit halber Ma'at.

Erwischt

Das Leben in all seinen Formen wertzuschätzen und nach Kräften zu fördern... Klingt das nicht schön? Zeigt es nicht, mit wie viel Tugend der Autor ausgestattet ist? Achtsamkeit, Güte, Wohlwollen, Toleranz. Von der Weisheit ganz zu schweigen!

Schaut man sich die Sache aus der Nähe an, wird man schnell ernüchtert. Was leicht dahergesagt ist, wird bei redlicher Überprüfung fadenscheinig. Will der Autor ernsthaft behaupten, dass er vor lauter Ergriffenheit für den Wert des Lebens Moskitoschwärme an sich saugen lässt? Bietet er Tuberkelbakterien, Streptokokken und den Erregern der Amöbenruhr seinen Körper an, um durch den Adel der Opferbereitschaft dem Leben in all seinen Formen ein geeignetes Habitat zu verschaffen. Pflanzt er im Garten Gemüse an, um Schnecken zu füttern? Wer glaubt denn so was? Bestenfalls Leute, denen der Scharfsinn fehlt, um Idealbild von Wahrheit zu unterscheiden.

Solange er den Schmu der obigen Behauptung ungeschmälert aufrechterhält, ist dem Autor vorzuwerfen, dass es auch ihm an Tugenden fehlt, die man vor der Formulierung angeblich allgemeingültiger Aussagen anwenden sollte; z.B.: Sorgfalt, Scharfsinn und Redlichkeit. Um seinen Ruf zu retten, betont er daher, dass der Satz nicht allgemeingültig ist, sondern bloß orientierender Natur. In einem neuen Anlauf behauptet er nun, dass...

... alle Tugenden in der Bereitschaft wurzeln, der eigenen Person nicht mehr Bedeutung beizumessen, als ihr zukommt.

Obwohl das recht plausibel klingt, verzichtet der Autor darauf, die Schriftart des Satzes auf fett zu setzen, solange nicht jemand, der klüger ist als er, bestätigt hat, dass er ohne Einschränkungen stimmt.

4. Verirrung und Missbrauch

Prima! Ich habe eine Menge Tugenden, also führe ich ein tugendhaftes Leben. So könnte man meinen. Aber es ist nicht immer so. Tugenden können missbraucht werden und trotz ihrer Anwendung kann man damit in die Irre gehen. Vor allem bei Mut, Tapferkeit, Loyalität, Fleiß, Erfindungsgabe, Opferbereitschaft, Durchhaltevermögen, Scharfsinn, Disziplin und Treue ist das der Fall. Sie können für Ziele eingesetzt werden, deren Wert zweifelhaft ist. Zwei Konstellationen sind dafür verantwortlich.

  1. Ein Machthaber, der selbst wesentliche Tugenden vermissen lässt, macht sich die Tugenden Tugendhafter zunutze, indem er sie durch Betrug und Lüge für niedere Zwecke einspannt und in die Irre führt.
  2. So mancher hat hehre Ziele angestrebt, damit aber Schaden angerichtet.
  3. Auch ein Mensch, der reich an Mut, Tapferkeit, Scharfsinn und Erfindungsgabe ist, kann sich bei der Wahl seiner Ziele irren, wenn sein Realitätssinn durch unverstandene Sehnsüchte getrübt ist.

Tugend schützt Tugend vor Missbrauch

Natürlich liegt in der Tugend die Gefahr, missbraucht zu werden. Die Lösung ist aber nicht der Verzicht auf potenziell gefährliche Tugenden, sondern deren geschickte Anwendung und der Erwerb weiterer. Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit werden oft missbraucht. Weisheit, Konfliktbereitschaft und Scharfsinn sind Tugenden, durch die man Missbrauch verhindern kann. Anderen immer zu geben, was sie haben wollen, ist nicht tugendhaft, sondern dumm.

5. Skizzen

Vielleicht war schon die antike Formulierung der Kardinaltugenden der Versuch, einen Rahmen abzustecken, im dem man auf der sicheren Seite ist. Wir erinnern uns: Als Kardinaltugenden gelten: Gerechtigkeit, Mäßigung, Besonnenheit, Frömmigkeit, Tapferkeit und Weisheit.

Entwerfen wir, beginnend mit den sechs genannten, Skizzen gängiger Tugenden und untersuchen sie dabei auf ihr Missbrauchspotenzial.

5.1. Gerechtigkeit

Der Vorsatz, gerecht zu handeln, ist von hohem Wert. Bei der praktischen Umsetzung ergibt sich jedoch ein Problem. Es besteht keine Einigkeit darüber, was als gerecht zu bezeichnen ist. Was der eine dafür hält, ist in den Augen des anderen das Gegenteil. Die Geschichte ist voller Missetaten, die im Namen der Gerechtigkeit verübt worden sind. Gab es überhaupt einen Übeltäter, der sich nicht auf Gerechtigkeit berief? Kleine schon. Große eher nicht.

Wer einen Mangel an Gerechtigkeit beklagt, postuliert ein Schuldverhältnis. Wer ungerecht handelt, schuldet seinem Opfer, was diesem zusteht. Das macht klar, dass die Behebung des Missstands zwei Rollenspieler vorsieht:

  1. einen, der Gerechtigkeit gewährt
  2. einen, der Gerechtigkeit einfordert und/oder sie entgegennimmt

Klar ist auch, dass die Gewährung von Gerechtigkeit keine Gefahr in sich birgt, dass dadurch Konflikte entstehen oder man damit etwas Böses tut. Bei der Forderung ist das anders; denn hinter nichts steckt mehr verborgener Eigennutz, als hinter dem Ruf nach mehr Gerechtigkeit.

Obwohl der Ruf nach Gerechtigkeit legitim sein kann, und es oft ist, kann nur die Gewährung von Gerechtigkeit uneingeschränkt als tugendhaft gelten.

Gefahr, den Begriff zu missbrauchen, läuft vor allem der, der sich von Motiven leiten lässt, die er nicht versteht, oder von Machthabern, denen er zu sehr vertraut. Zu verhindern wäre das durch Introspektionsbereitschaft, Redlichkeit und sorgfältige Gewissensprüfung.

5.2. Mäßigung

Mäßigung heißt, eigene Ansprüche und Emotionen zu zügeln, die Ansprüche zum Ausdruck bringen; ihnen also das Maß zuzuweisen, das angemessen ist. Das scheint eine Tugend zu sein, die kaum je in die Irre führt. Gerade bei der Gerechtigkeit läuft man Gefahr, zügellos zu werden, wenn man das Unrecht, das man zu bekämpfen meint, als skandalös empfindet. Mäßigung hilft, die Diktatur persönlicher Begierden abzuschütteln. Ohne das ist niemand frei. Mäßigung hilft, beim Einsatz für die Gerechtigkeit, nicht über das Ziel hinauszuschießen.

Mit der Mäßigung verwandt ist die Bescheidenheit. Bescheidenheit geht auf scheiden zurück. Scheiden entspringt der indogermanischen Wurzel skēi- = schneiden, trennen. Wer bescheiden ist, unterscheidet zwischen dem, was er beansprucht und dem, was er maximal beanspruchen könnte. Unbescheidene Menschen nehmen sich bei Gelegenheiten alles, was sie kriegen können. Der Bescheidene macht einen Schnitt, durch den er seinen Anspruch begrenzt. Statt alles mitzunehmen, lässt er auch für andere etwas übrig.

Nicht jeder, der anderen alles überlässt, mäßigt sich im wohlgemeinten Sinne. Wer vor anderen so viel Angst hat, dass er jede Konkurrenz vermeidet, findet kein Maß. Er unterwirft sich vielmehr über alle Maßen. Auch wer beim Versuch, geliebt zu werden, maßlos ist, riskiert, anderen mehr zu geben, als angemessen ist. Vermeintliche Mäßigung kann eine Maske der Schwachheit sein.

5.3. Besonnenheit

Besonnenheit geht auf besinnen zurück. Sinne sind Werkzeuge zur Überprüfung der Wirklichkeit. Handeln heißt in die Wirklichkeit einzugreifen. Wer besonnen handelt, greift erst dann in die Wirklichkeit ein, wenn er ihren Zustand mithilfe der Sinne festgestellt hat. Unbesonnen handelt, wer sich von seinen Wünschen und Impulsen zu voreiligen Handlungen hinreißen lässt.

Orientierungswerkzeuge

Üblicherweise spricht man von den fünf Sinnen:

  1. sehen
  2. hören
  3. riechen
  4. schmecken
  5. tasten

Sie dienen der Erforschung der äußeren Wirklichkeit. Genau besehen gibt es jedoch zwei weitere Werkzeuge, mit deren Hilfe man sich ein Bild von der Welt macht:

Wer sich besinnt, bevor er handelt, setzt all diese Werkzeuge ein, um sich ein möglichst klares Bild von dem zu machen, worauf er einwirken will.

Auch bei der Besonnenheit ist kaum eine Gefahr erkennbar, dass man damit Schaden anrichten könnte. Sie verhindert Fehlentscheidungen aus dem Affekt heraus; besonders, wenn es sich um Angelegenheiten von großer Tragweite handelt.

Von der Besonnenheit zu unterscheiden ist die Zögerlichkeit. Auch wer zögert, handelt nicht übereilt; zuweilen aber zu spät oder gar nicht. Unter dem Vorwand, noch nicht genug zu wissen, vermeidet er die Konfrontation mit der Wirklichkeit auch dann, wenn sie sinnvoll wäre. Der Besonnene dagegen weiß, dass auch der besonnenste Einsatz aller Sinne nicht immer so viel Klarheit verschafft, dass man risikolos handeln könnte. Dann setzt er Mut und Zuversicht ein.

5.4. Frömmigkeit

Frömmigkeit ist eine Tugend, deren Effekte leicht entarten können. Fromm geht auf das Verb frommen = nützlich sein, brauchbar sein, helfen, fördern zurück. Der Fromme leistet keinen Widerstand dagegen, höheren Zwecken dienlich zu sein. Lammfromm lässt er sich dorthin führen, wo er für den, der ihn führt, am nützlichsten ist.

Das Problem der Frömmigkeit liegt in der Definition dessen, was als höhere Zwecke gelten kann. Als höchster Zweck der Frömmigkeit gilt oft der Dienst für diesen oder jenen Gott. Da dessen angebliche Absichten von Menschen nach deren Gutdünken behauptet werden, ist Frömmigkeit für Dinge zu missbrauchen, die der Wertschätzung des Lebens in all seinen Formen widersprechen.

Dass man Lämmern Frömmigkeit bescheinigt, lässt tief blicken. Zum Wesen des Lamms gehört seine Wehrlosigkeit. Was wehrlos ist, fällt leicht zum Opfer. Während Lämmer zwar zum Opfer fallen, von sich aus aber nicht danach trachten, gehen fromme Menschen manchmal weiter. In der Opferbereitschaft, die ihre Frömmigkeit begleitet, bieten sie sich sogar als Opfer an. Das kann aus echter Liebe sein. Dann ist es höchste Tapferkeit. Es kann aber auch Eigennutz dahinterstehen: wenn man sich mit der Absicht opfert, sich damit zu erhöhen.

5.5. Tapferkeit

Der Tapfere hat so viel Gewicht, dass er sich nicht von jedem Wind aus der Bahn werfen lässt. Das lehrt uns die Etymologie. Tapfer geht auf althochdeutsch tapfar = schwer, gewichtig zurück. Wer nicht ein Mindestmaß an Tapferkeit auf die Waage bringt, ist im Leben darauf angewiesen, dass der Wind ihm in den Rücken bläst. Da das im Leben kaum je von Dauer ist, ist ein Menschenleben ganz ohne Tapferkeit unmöglich.

An sich ist Tapferkeit eine hohe Tugend. Tapferkeit heißt, die Härten des Lebens mit der Zuversicht zu ertragen, dass das Leid zu etwas gut ist. Wem sollte das nicht nützen? Und doch! Wir wissen es: Auch in Kriegen, deren Vorsatz niederen Instinkten entspringt, kämpfen tapfere Soldaten, deren Tapferkeit verschwendet wird.

5.6. Weisheit

Weisheit ist eine Tugend, die die Tapferkeit davor schützen kann, in die Irre zu gehen. Da Besonnenheit auch ein Ausdruck der Weisheit ist, kommt der Weisheit eine übergeordnete Rolle im Kanon der Kardinaltugenden zu. Der weise Mensch besinnt sich, bevor er etwas tut. Er stellt seinem Gerechtigkeitssinn jene Mäßigung zur Seite, die seinen Übereifer hemmt und er ermahnt die Frömmigkeit, genauer hinzusehen, bevor sie sich angeblich höheren Zwecken überlässt.

Weisheit geht auf wissen zurück. Allerdings ist das Wissen um konkrete Einzeldinge noch keine Weisheit. Die Kenntnis, wie man Bomben baut, gehört nicht dazu. Weisheit bedarf:

Erst wenn diese Komponenten ineinandergreifen, entsteht, was man zu Recht Weisheit nennt.

Ein-, Nach-, Rück-, Um-, Vor-, und Weitsicht
Ist es nicht erstaunlich, dass so viele Begriffe, die auf -sicht enden, Tugenden bezeichnen? Eigentlich nicht. Es ist vielmehr logisch. Wie sollte sich der Einzelne weise einfügen, wenn er nicht sieht wohin? Weisheit kommt von wissen. Wissen entspringt der indogermanischen Wurzel ueid = sehen. Es ist mit dem lateinischen videre = sehen verwandt. Wer sieht, weiß.

Alle Tugenden, die mit sehen und erkennen zu tun haben, sind Gehilfinnen der Weisheit. Achtsamkeit, Wertschätzung, Respekt (lateinisch specere = schauen) und Introspektionsfähigkeit gehören ebenfalls dazu.

5.7. Achtsamkeit

Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Offenheit und Sensibilität sind eng miteinander verwandt. Alle vier sind Ausdruck des Interesses an der Wirklichkeit. Da es ohne Kenntnis der Wirklichkeit unmöglich ist, sich harmonisch in sie einzubringen, handelt es sich um grundlegende Tugenden, deren Bedeutung nicht hinter der der Kardinaltugenden zurücksteht. Vielleicht sind sie sogar noch elementarer. Selbst Weisheit könnte sich ohne die Bereitschaft, etwas von der Wirklichkeit zu erkennen, kaum entwickeln.

5.8. Demut
Der Demütige sagt ja zu sich selbst, der Hochmütige zum Bild, das er von sich malt.

Demut beruht auf zweierlei:

  1. einem Größenvergleich
  2. der Bereitschaft, Tatsachen anzuerkennen

Wer demütig ist, erkennt an, dass er im Vergleich zu einem größeren Gegenüber nur wenig Bedeutung hat. Beim Blick auf die unbegreifliche Größe des Weltalls, werden wir demütig. Spielen wir in der Freizeit passabel Klavier und hören dann, was ein Virtuose dem Instrument scheinbar mühelos entlockt, geschieht es ebenfalls; zumindest, wenn sich unser Ego nicht gegen die Einsicht des Unterschieds sträubt und Argumente bemüht, um die Leistung des Virtuosen abzuwerten.

Demut ist keine Unterwürfigkeit. Während Unterwürfigkeit eine Finte des Egos ist, um sich durch Manipulationen des Umfelds Vorteile zu verschaffen, verfolgt Demut keine Absicht. Trotzdem ist sie von Vorteil. Wer Demut akzeptiert, wird vom Hochmut befreit und damit von der Last, sich scheinbar zu vergrößern. Der Vorteil der Demut fällt dem Demütigen zu, weil er sein Vorteilsdenken hinter sich lässt.

Auch die Resignation ist von der Demut zu unterscheiden. Resignation geht auf lateinisch re- = rückwärts und signare = kennzeichnen zurück. Resignare hieß entsiegeln. Wer resigniert, entfernt sein Siegel von dem, was er bislang für sich beansprucht hat. Er tut das aber nicht, weil er die höhere Bedeutung seines Gegenübers anerkennt, sondern weil ihm die Macht fehlt, seinen Anspruch durchzusetzen. Während der Demütige seine Kraft an der Stelle einsetzt, die er als angemessen anerkennt, führt Resignation zum Verzicht auf weitere Bemühungen, weil sie nicht als lohnenswert erscheinen.

Da Zweifel am eigenen Wert sehr verbreitet sind und oft tief im Unbewussten versteckt, neigen wir dazu, uns gegen Erkenntnisse zu sträuben, die Demut nach sich ziehen. Die Tugend der Demut beruht darauf, das Gefühl der Demut gewähren zu lassen.

5.9. Hingabe

Hingabe kann ein Resultat der Demut sein. Wer anerkannt hat, dass er im Vergleich zu etwas anderem nur wenig Bedeutung hat, kann seine Kraft dem Wohl des anderen überlassen.

Der erste stellt sein persönliches Interesse hinter einem übergeordneten Wert zurück, die zweite hinter der Wissenschaft und die dritte hinter dem Wohl eines jüngeren Lebens.

Sowohl Hingabe als auch Demut können missbraucht werden. So neigen Machthaber dazu, imposante Bauwerke zu errichten, um bei Untertanen Demut zu erwecken. Ist die Demut erst einmal erweckt, kann das zur Hingabe an Zielsetzungen führen, die bei genauer Betrachtung nicht angemessen sind. Tugenden, die zur sachgerechten Erkenntnis der Wirklichkeit führen, sind daher übergeordnet.

Die Bereitschaft zur Hingabe ist auch eine unverzichtbare Tugend auf dem Weg zur Transzendenz. Wie auch nicht? Transzendenz ist die Überschreitung des egozentrischen Horizonts. Wer das bewerkstelligen will, muss sein Ego hingeben.

Im Eifer für die gute Sache vergisst man die Mühe, die es macht, sie zu erreichen.

Hingabe wird als wohltuend empfunden. Wer in einer Sache aufgeht, die über ihn hinausweist, vergisst die Beschränkungen des persönlichen Daseins und er verzichtet auf die Mühsal, sich bei Laune zu halten. Das Wohlbefinden, das Hingabe begleitet, kommt gerade deshalb auf, weil das Ego, das über sich hinausblickt, darauf verzichtet, sich vorrangig um sein Wohlbefinden zu kümmern.

Ehrgeiz kann Hingabe täuschend ähnlich sein. Auch der vom Ehrgeiz Getriebene vergisst sein momentanes Wohlbefinden und scheint über sich hinauszugehen. Tatsächlich misst er seiner Person aber nicht wenig Bedeutung zu, sondern viel. Sein Eifer steht im Dienst einer persönlichen Größe, die er durch seine Mühen zu erreichen versucht.

5.10. Großzügigkeit

Großzügigkeit ist der große Bruder der Freigiebigkeit. Während ein freigiebiger Mensch Materielles vergibt, um andere daran teilhaben zu lassen, verschenkt ein großzügiger nicht nur materielle Güter, sondern Wertschätzung und Akzeptanz.

Wer großzügig ist, nimmt sich und andere so an, wie sie sind. Er verzichtet auf enge Beurteilungskriterien, auf Erbsenzählerei und kleinkariertes Beharren auf Ansprüchen. Im Umgang mit allem, was lebt, lässt er fünf gerade sein. Wer großzügig ist, lässt die Leistungen anderer gelten, statt deren Wertschätzung mit dem Hinweis zu schmälern, dass sie größer sein könnten. Über Fehler, die keine Reichweite haben, sieht er hinweg.

Der Vorteil der Großzügigkeit liegt für beide Seiten auf der Hand. Wer sie empfängt, erntet, was er gut gebrauchen kann: Anerkennung. Wer sie an andere verschenkt, erntet deren Dank; denn Anerkennung ist ein Gut nach dem die meisten hungern.

Großzügigkeit ist allerdings nur echt, wenn man weder andere zum eigenen Vorteil manipuliert noch sich selbst damit Schwachheiten zugesteht, deren Schaden langfristig den Gewinn des momentanen Vorteils überwiegt. Wer Großzügigkeit sich selbst gegenüber mit Disziplin verpaart, bannt die Gefahr der Selbstgefälligkeit. Wer anderen gegenüber ehrlich bleibt, kann durch Großzügigkeit wertschätzen, ohne dass seine Wertschätzung in Bestechung entgleist.

5.11. Enthaltsamkeit
Das Überflüssige muss weg, damit man das Wesentliche sieht.

Enthaltsamkeit wird in der Regel mit Sexualität in Verbindung gebracht. Wer enthaltsam lebt, verzichtet auf die Umsetzung sexueller Impulse. Dem können alltagspraktische, psychologische oder weiterführende Motive zugrunde liegen.

Über die sexuelle Thematik hinaus kann sich Enthaltsamkeit auf weitere Aspekte des Lebens beziehen:

Variabel können Dauer und Intensität der Entsagungen sein.

Zwei Pole einer Kontinuität

asketisch · heroisch autokonstruktiv
Wer sich asketisch enthält, verzichtet auf alles, was zum Überleben nicht zwingend notwendig ist. Wer sich autokonstruktiv enthält, verzichtet auf kurzfristige Vorteile, die langfristig schaden.
Vorrangiges Ziel
Beweis eigener Autarkie,
Radikaler Weltverzicht zugunsten transzendenten Lohns
Entwicklung der Persönlichkeit,
Abwerfen von Ballast

Man muss sich nicht alles aneignen, nur weil man es könnte.

Gemeinsamer Nenner aller Formen der Enthaltsamkeit ist die Reduktion auf das Wesentliche. Enthaltsamkeit vereinfacht und bereinigt. Wer sich enthält, versucht Überflüssiges oder Schädliches abzuwerfen, um Inhalten, die nachhaltig nützlich sind, Vorrang zu geben. Die Beschränkung auf das Wesentliche kann eine Grundhaltung im Leben sein oder ein Experiment, um festzustellen, welchen Stellenwert bestimmte Gewohnheiten haben.

Greifreflex

Die Natur hat den Siegeszug der menschlichen Kreativität nicht vorhergesehen. Da das Leben bis dahin von der Hand in den Mund stattfand, hat sie ihre Kreaturen mit Greifreflexen ausgestattet. Das heißt: Lebewesen sind programmiert zuzugreifen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. Seit der Mensch eine Flutwelle von Gütern herstellt, die man sich aneignen kann, wird der Greifreflex zum Problem. Gewinnt man keine Kontrolle darüber, schleppt man bald Besitzstände durchs Leben, deren Sicherung und Organisation mehr Kraft verbraucht, als sie tatsächlich nützen.

Patanjali hat weisen Leuten Aparigraha empfohlen. Aparigraha ist Sanskrit und heißt nicht zugreifen. Sich nur anzueignen, was man nach bewusster Prüfung wirklich braucht, ist eine Variante der Enthaltsamkeit, die das Leben leichter macht.

Auch mit vermeintlicher Gewissheit ist der Greifreflex zu ködern. Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie viel wissen. Das verführt sie dazu, ihren Meinungen mehr Wahrheitsgehalt zuzuschreiben, als sie tatsächlich enthalten. Mit vermeintlich begriffenen Tatsachen geistern sie durchs Leben und ecken allenthalben an. Intellektuelle Enthaltsamkeit kann Irrfahrten verhindern.

5.12. Einsicht
Fehlende Einsicht kann Mutwille oder Unvermögen sein.

Oben haben wir Einsicht als Komponente der Weisheit beschrieben. Wir haben gesagt, dass sich der Einsichtige nicht dagegen sträubt, Tatsachen als wahr anzuerkennen. Da stellt sich die Frage: Warum sträuben sich Menschen überhaupt dagegen, es zu tun? Die Antwort liegt in der dualen Struktur jener Wirklichkeitsebene, auf der unser Leben vordergründig stattfindet.

Als Individuum, das sich von anderen unterscheidet, wird der Einzelne zum Anwalt persönlicher Interessen. Zwangsläufig gerät er so in Konkurrenz mit Leuten, die abweichende Ziele verfolgen. Tatsachen, die dem eigenen Interesse widersprechen, empfindet er als Gefahr für das eigene Wohl. Er lehnt es daher ab, ihre Bedeutung anzuerkennen; indem er ihnen lautstark widerspricht oder sie schlichtweg ignoriert.

Der Einsichtige erkennt die Einheit des Verschiedenen und kehrt so aus der Zerstreuung ins Ganze zurück.

Fehlende Einsicht kann Banalitäten betreffen. Wenn es so ist, lässt sich die Spur der Ursachenverkettung bis in die Abgründe des Daseins verfolgen. Das Wesen der Einsicht geht über das Verstehen allfälliger Details hinaus. Einsicht sieht das Eine im Vielen. Fehlt dem Einzelnen die Einsicht, dass er aus dem Vielen besteht und das Viele aus ihm, fühlt er sich als Person durch alles bedroht, was deren Bedeutung in Frage stellt. Und das ist die Einheit. Aus Existenzangst bleibt er lieber in widerstrebender Vereinzelung, als dass er sich der Einsicht anvertraut.

5.13. Genussfähigkeit
Genussfähigkeit ist Wertschätzung des Schönen.

Die Bedeutung der Genussfähigkeit wird unterschätzt. Vielen ist sie nicht als Tugend bewusst. Andere verdächtigen sie sogar, Trittbrett des Lasters zu sein. Das hat mit der Diesseitsverachtung des Christentums zu tun und dessen Übernahme des alttestamentarischen Gottes, der von seiner missratenen Schöpfung verlangt, den Makel der Erbsünde durch Gehorsam, Askese und Lustverzicht abzubüßen.

Nicht, dass es weise wäre, sich ausschließlich irdischen Genüssen anzuvertrauen! Ebenso falsch ist es jedoch, jedem Neuankömmling die Freude am Leben durch Verurteilungen madig zu machen, bevor er genug vom Genuss gekostet hat, um zu verstehen, dass das nicht alles sein kann. Menschen Schwächen auszutreiben, bevor sie reif sind, darüber hinauszuwachsen, hat Menschen nicht besser, sondern wütender, verbitterter und boshafter gemacht.

Fähigkeit und Bereitschaft

Obwohl beide fließend ineinander übergehen, sind Genussfähigkeit und Genussbereitschaft nicht dasselbe. Die Fähigkeit kann durch Achtsamkeit gesteigert werden; indem man übt, das Schöne im Alltäglichen wahrzunehmen.

Die Bereitschaft hat etwas mit Deutungen zu tun, die man auf die Wirklichkeit anwendet. Wer der Wirklichkeit misstraut, sieht im Lockruf des Schönen bloß eine Falle, in die man nicht tappen sollte, um spätere Erfolge nicht zu vereiteln.

Das Leben hat zwei Seiten: Die eine ist schrecklich, die andere ist schön. Klar ist, dass die schöne Seite des Lebens genossen werden kann und die schreckliche ertragen. Zum Ertragen der schrecklichen Seite des Lebens dienen Mut und Tapferkeit. Anders als mancher Irrtum behauptet, wird der Mut, die schreckliche Seite des Lebens zu ertragen, nicht durch die Bereitschaft zum Genuss der schönen vermindert. Im Gegenteil: Wer Genuss als Wirkung des Schönen anerkennt, bringt der Schöpfung eine Wertschätzung entgegen, die ihn ermutigt, auch das durchzustehen, wovor er am liebsten weglaufen würde.

Epikur

Epikur war der exemplarische Weise des Altertums, der der Genussbereitschaft als Liebe zum Schönen die Stange hielt. Anders als Kritiker und Neider es ihm unterstellten, empfahl er ausdrücklich keine Ausschweifungen und Exzesse, sondern eine achtsame Wertschätzung des Schönen, das sich in den Erscheinungen des Alltags leise zum Ausdruck bringt.

Wer beim Essen Geschmacksnuancen unterscheidet, wer sich Zeit lässt, einem Vogel zuzuhören, wer in der Harmonie verschiedener Grüntöne des Waldes die Raffinesse seines Schöpfers ahnt, übt nicht nur das himmlische Geschenk der Sinnlichkeit und Sensibilität, sondern bahnt über Wertschätzung und Dankbarkeit ein auch Einfühlungsvermögen, das anderen Menschen zugutekommt.