Tugend geht auf taugen zurück. Tugenden sind Eigenschaften, die ihre Kraft höheren Werten zur Verfügung stellen, zu deren Verwirklichung sie tauglich sind. Dem entsprechend bedeutete Tugend ursprünglich Kraft, Tauglichkeit, Vortrefflichkeit. Ebenfalls dem Verb taugen entspringt das Adjektiv tüchtig. Der Tüchtige ist fähig, etwas zu bewirken. Um die Tugend seiner Tüchtigkeit zu steigern, ertüchtigt er sich.
Mit taugen verwandt sind die griechischen Verben tychein [τυχειν] = ein Ziel erreichen und teúchein [τεύχειν] = fertigen, erbauen. Die Bedeutung beider Verben kann nahtlos ins Sinnfeld der Tugend eingefügt werden. Eine Tugend, die etwas taugt, erreicht ihr Ziel. Das Ziel ist konstruktiv. Tugend baut etwas auf.
Griechisch hießt die Tugend arete [αρετη]. Der Begriff bezeichnete die Vortrefflichkeit einer Person, die die ihr gestellten Aufgaben bestens erfüllt; oder die Tauglichkeit einer Sache, die den Zweck erfüllt, dem sie dient.
Den Römern galt vor allem das als tugendhaft, was militärischen Zwecken diente. Virtus = Tugend geht auf vir = Mann zurück. Virtus meinte zunächst Mannhaftigkeit, Tapferkeit. Obwohl sie auch Männern gut zu Gesichte steht, ist die Tapferkeit kein spezifisch männliches Attribut. Niemand kann sagen, ob die Wölfin, der Remus und Romulus ihr Überleben verdankten, nicht tapferer war, als die saugende Brut an ihren Zitzen.
Bevor man zu einer Einteilung der Tugenden schreitet, macht es Sinn, sich einen Überblick über Eigenschaften zu verschaffen, die als tugendhaft gelten. Da kommt etwas zusammen.
Liste unvollständig
Maßnahme zur Festigung des Selbstwertgefühls
Erstellen Sie eine Liste der Tugenden, die Sie bei sich feststellen können. Sie haben eine ganze Reihe davon. Lernen Sie die Liste auswendig oder hängen Sie sie gut sichtbar in der Wohnung auf. Sobald Sie von Selbstwertzweifeln geplagt werden, rufen Sie sich die Liste in Erinnerung. Sie werden sehen: So übel sind Sie gar nicht. Es sei denn, sie wären ein Schurke. Aber selbst, wenn Sie so einer wären und es sich eingestehen, hätten Sie immer noch die Tugend der Redlichkeit.
Üblicherweise werden Tugenden nach dem kulturellen Kontext eingeteilt, aus dem sie stammen und für dessen Selbstverständnis sie eine besondere Bedeutung haben. Vergleicht man die Auffassungen verschiedener Kulturen und Epochen miteinander, fällt es nicht schwer die weitreichenden Übereinstimmungen zu erkennen, die trotz verschiedener Gewichtungen, über alle Grenzen hinweg bestehen.
Eine ganze Reihe von Weisheitslehren ist aus der pharaonischen Zeit Ägyptens bekannt. Sie kreisen um den Begriff ⇗ Ma'at, der als Oberbegriff einer Reihe empfehlenswerter Verhaltensweisen fungiert, um deren Umsetzung man sich bemühen sollte. Die vielleicht umfassendste Überlieferung stammt von ⇗ Ptahhotep, einem Weisen, der ungefähr 2500 v. Chr. ⇗ 37 Maximen verfasst hat, die Regeln aufstellen, die ein gesitteter Mensch im Leben einhalten sollte. Zu den Tugenden, die Ptahhotep nennt, gehören...
Bescheidenheit, Respekt vor der Gesellschaftsordnung, Loyalität gegenüber Höhergestellten, Solidarität mit Schwächeren, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Vermeiden von Selbstgerechtigkeit, Großzügigkeit, Unterlassen sexuellen Missbrauchs, Verzicht, Dinge zu behaupten, die man nicht aus eigener Anschauung weiß und andere mehr.
In der europäischen Antike wurden sogenannte Kardinaltugenden definiert, die von herausragender Bedeutung seien und von denen man alle Sekundärtugenden ableiten könne. Je nach Autor sind es: Gerechtigkeit, Mäßigung, Besonnenheit, Frömmigkeit, Tapferkeit und Weisheit bzw. Klugheit.
Je nach philosophischer Schule wurden verschiedene Kardinal- und Sekundärtugenden selektiv in den Vordergrund gestellt. Exemplarisch seien die epikuräische und die stoische Schule nebeneinander gestellt.
| Stoisch | Epikuräisch |
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Im Gegensatz dazu standen Klugheit, Gelehrsamkeit und Scharfsinn bei den Sophisten hoch im Kurs; was ihnen nicht immer die Sympathien derer eintrug, deren Sichtweisen sie damit zu widerlegen versuchten.
Zu den christlichen Primärtugenden zählen Glaube, Liebe und Hoffnung. Das christliche Mittelalter formulierte eine Reihe weiterer Tugenden, deren Pflege Christen angeraten wurde: Barmherzigkeit, Demut, Fleiß, Friedfertigkeit, Geduld, Güte, Keuschheit, Mäßigung, Mildtätigkeit, Standhaftigkeit und Wohlwollen.
Als bürgerliche Tugenden kann man solche bezeichnen, die besonders zweckdienlich zur Aufrechterhaltung einer bürgerlichen Existenz sind: Fleiß, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit, Reinlichkeit und Sparsamkeit.
Buddha hat die Einhaltung spezieller Tugenden empfohlen, um das Heilsziel des Buddhismus, das Nirvana, zu erreichen. Die fünf wichtigsten werden als pañca-sila (Sanskrit: पञ्चशील) bezeichnet: Gewaltverzicht, Verzicht, Dinge zu nehmen, die nicht gegeben werden, Verzicht auf unbotmäßige Sexualität, Abstinenz von Rauschmitteln, Wahrhaftigkeit der Rede.
Im konfuzianischen China stehen Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Weisheit und Gelehrsamkeit an erster Stelle.
Die Auflistung der Tugenden ist ein erster Schritt. Der Versuch, ihr Wesen vor dem Hintergrund des Psychologischen Grundkonflikts besser zu verstehen, ist ein zweiter. Der Psychologische Grundkonflikt wird durch zwei grundlegende Bedürfnisse erzeugt, in deren Polarität das menschliche Dasein stattfindet: dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Dem entsprechend können Tugenden zwei Feldern zugeordnet und durch Adjektive bezeichnet werden.
Bedürfnis und Tugend
| Zugehörigkeit | Selbstbestimmung |
| Altruistische Tugenden |
Autogene Tugenden |
Altruistische Tugenden fokussieren das Wohl der Gemeinschaft. Sie können auch als soziale Tugenden bezeichnet werden. Altruistische Tugenden stellen die persönlichen bzw. egozentrischen Interessen des Einzelnen ausdrücklich zurück. Das vorrangige Ziel altruistischer Tugenden ist das Wohl anderer, insbesondere Schwächerer oder derer, die in Not geraten sind. Als unmittelbar altruistisch können folgende Tugenden eingeordnet werden:
All diese Tugenden investieren ihre Kraft unmittelbar in das Wohlbefinden anderer. Damit stärken sie Harmonie, Zusammenhalt und Zugehörigkeit innerhalb der Gemeinschaft.
Autogene Tugenden zielen darauf ab, die eigene Person einem Selbstbild anzupassen, das als ehrenwert oder rühmlich aufgefasst wird. Die Person legt fest, wie sie sich sehen will. Dann übt sie sich in Verhaltensweisen, die dem Selbstbild entsprechen. Mit Hilfe autogener Tugenden versucht die Person über sich selbst zu bestimmen. Sie versucht, so zu werden, wie sie sein will. Autogene Tugenden sind autokonstruktiv.
Eine zweite Gruppe von Tugenden kann ebenfalls als autogen betrachtet werden. Allerdings steht dabei nicht der Charakter der Person im Vordergrund, sondern deren Rang in der Gemeinschaft, der erst durch zielführende Tüchtigkeit erreicht wird. Solche Tugenden dienen vorwiegend dem sozialen Erfolg.
Zwei Varianten autogener Tugenden
| Primäres Ziel | |
| Ehre | Erfolg |
|
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Die unterschiedliche Qualität der beiden Felder lässt eine alternative Benennung zu.
| aristokratisch-ritterlich | bürgerlich |
Auch wenn die Grenzsetzung fließend ist und beiden Seiten die Pflege der Tugenden der jeweils anderen ebenso ansteht, bildet die Unterteilung die unterschiedlichen Lebensbedingungen der beiden gesellschaftlichen Gruppen ab. Ein Aristokrat erwirbt seinen besonderen Rang per Geburt. Dann hat er Eigenschaften anzustreben, die seinem Rang entsprechen. Der Bürger erwirbt seinen Rang erst durch die Anwendung geeigneter Tugenden, also solcher, die besonders tauglich sind, wenn es gilt, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Als besondere Kategorie sind Tugenden zu nennen, die religiösen Zielsetzungen dienen. Religiösen Zielsetzungen gehen über die persönliche Stellung innerhalb der menschlichen Gemeinschaft hinaus. Sie streben nicht nur das Wohl der Person an, sondern ihr endgültiges Heil, das nach einhelliger Meinung aller großen spirituellen Traditionen nur durch besondere Anstrengungen erreichbar ist.
Beiden Sichtweisen gemeinsam ist die Überzeugung, dass dazu das egozentrische Interesse der Person an vergänglichen Vorteilen überwunden werden muss.
Tugenden, die dazu als vorrangig erachtet werden, sind Demut, Bescheidenheit, Gewaltverzicht, Friedfertigkeit, Frömmigkeit, Keuschheit, Verzicht auf sinnliche Vergnügungen.
Glaube
Dualistische Religionen betonen den Wert des Glaubens. Es ist allerdings fraglich, ob Glaube zu Recht als Tugend zu bezeichnen ist. Klar ist, dass keine Konfession Glaube an sich als Tugend betrachtet. Welchem christlichen Priester erschiene der Glaube an die prophetische Rolle Mohammeds als Tugend? Welcher Rabbiner hat je den Glauben an Baal und Astarte als Tugend bezeichnet? Welcher Mullah ließe ein gutes Haar an dem, der sich Buddha zuwendet?
Konfessionen gilt Glaube nur dann als religiöse Tugend, wenn er exakt dem Bekenntnis zustimmt, das ihn dann als tugendhaft bewertet. Eher als Tugend im eigentlichen Sinn, ist solcherart Glaube ein Mittel, um die Kohärenz der Glaubensgemeinschaft sicherzustellen.
Analoges gilt für den Gehorsam, der in vielen Traditionen als Tugend gepriesen wird. Tatsächlich gilt Gehorsam solchen Lehren aber nicht als Tugend an sich, sondern nur dann, wenn sich der Gläubige den Führern des spezifischen Glaubens unterwirft. Gehorcht der Kandidat anderen Lehrern, gilt sein Gehorsam als Sünde.
Offensichtlich sind Glaube und Gehorsam relative Tugenden, die nur im Kontext bestimmter Realitätsdeutungen als tugendhaft zu definieren sind.
Viel Aufmerksamkeit wurde darauf verwendet, Tugenden in verschiedene Kategorien einzuteilen. Zum Teil scheint es gelungen. Aufmerksamen Betrachtern wird es aber ein Leichtes sein, Widersprüche aufzuzeigen und gute Argumente vorzubringen, warum eine andere Einteilung ebenfalls plausibel ist.
Fragen ähnlicher Art könnte man zu Dutzenden stellen. Sie wären alle rhetorisch. Immer müsste man sagen: Natürlich ist das so. Erklärbar wird das Phänomen durch einen Blick auf das grundlegende Wesen aller Tugenden.
Tugenden sind konstruktive Charaktereigenschaften, die dazu geeignet sind, höherwertige Ziele anzustreben, die mittelbar oder unmittelbar sowohl dem Wohl desjenigen dienen, der sie ausübt als auch dem Wohl derer, die in Gemeinschaft mit ihm leben. Tugenden sind entweder angeboren und/oder sie können im Nachhinein erkannt und aktiv entwickelt werden.
Dementsprechend wurzeln alle Tugenden in der Bereitschaft, das Leben in all seinen Formen wertzuschätzen und nach Kräften zu fördern. Um dieser Bereitschaft einen Namen zu geben, könnten wir bei den Ägyptern eine Anleihe machen. Nennen wir sie der Einfachheit halber Ma'at.